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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Siebentes Kapitel.
Zunftzopf.

Am Ende der Langenstraße in der Weststadt, da, wo sich diese in drei kleine abzweigte, die den Beinamen Klein Paris führten, lag das Spritzenhaus Nr. 2, daneben, aber schon in Klein Paris, die dazugehörige Officialwohnung mit einem kleinen Garten. Diese Wohnung ward seit dem Herbst des letzten Jahres von dem Spritzenmeister Georg Schulz, dem Holzdrechsler, bewohnt.

Schulz war in Heustedt geboren, sein Vater war dort Bürger und Holzdrechsler gewesen, und er selbst mußte wieder Drechsler werden, das war so hergebracht. Georg Schulz war eine niedersächsische Natur, plump und etwas roh, phlegmatisch und zähe, arbeitsam und fleißig, nicht leicht zum Zorne geneigt, aber grenzenlos heftig, wenn er einmal in Zorn gerieth. Er war acht Jahre in der Fremde gewesen, hatte einen schönen Theil von Deutschland durchwandert. Von Hannover zog er nach Braunschweig, von da nach Leipzig, hielt sich dann in dem alten kunstreichen Nürnberg ein Jahr und länger auf. Die Donau hatte er in Regensburg zu Gesicht bekommen, war aber nicht an ihr herunter, sondern hinaufgewandert dem Schwabenlande zu. In Ulm und Tübingen hatte er Arbeit gefunden, war dann in Mainz länger als zwei Jahre bei einem kleinen Meister geblieben, dort traf ihn die Nachricht vom Tode des Vaters, und ein klagender Brief der Mutter rief ihn zurück, damit er das Bürgerwesen und die Kundschaft des Vaters übernähme, ein Haus gründe. Jetzt erst zeigte es sich, warum sich derselbe von Mainz nicht trennen konnte.

Nicht der wohlfeile Wein, der leichte Sinn und das lustige Leben der alten Bischofsstadt hatten es ihm angethan, sondern die achtzehnjährige Meisterstochter, die braunäugige Marie mit den langen dunkeln Augenwimpern und dem frommen madonnenartigen Augenniederschlage.

Als der Brief der Mutter angekommen war, und Georg davon sprach, nach Hause zu müssen, kam es zur Erklärung. Sie liebte ihn sehr, den blonden Ketzer, und hatte sehr oft zu der heiligen Namensgenossin gefleht, daß sie ihr die Gegenliebe schenken oder vielmehr ihr sein Herz auf ewig erhalten möge, denn seine Blicke, sein ganzes Wesen hatten es ihr schon seit einem Jahre gesagt, daß er sie liebe.

Man erklärte sich jetzt dem Vater. »Ich gebe sie dir gern, meine Marie«, sagte der Drechsler, »denn ich kenne dich als einen fleißigen, stillen, treuen Gesellen, würde dir auch's Geschäft geben und bei euch leben, wenn der Bub, der Joseph, nit wär', lungert da in Paris herum, ist aber, glaub' ich, viel mehr auf den Straßen und in den Wirthshäusern als in der Werkstatt, will nichts als Geld, Geld und wieder Geld, hat's Mütterliche bis auf das Haus fort. Würde dir gern das Haus verkaufen, um in Paris zu bleiben, könnt'st nur Geld schaffen. Kannst dein Heimwesen nit verkaufen? Gelt? 's ist besser hier als da unten am Meere.«

Der Gedanke leuchtete dem Brautwerber ein, er schrieb nach Hause, er wolle sein Glück am Rhein zu gründen suchen, wo er jetzt eine gute Gelegenheit gefunden, sich anzukaufen, die Mutter möge das Haus verkaufen und sich zur Miethe setzen, er wolle reichlich unterstützen. Oder aber sie möge im Hause wohnen bleiben und 500 Thaler auf Dasselbe aufnehmen, die Zinsen wolle er jährlich schicken. Wenn sie wolle, könne sie auch zu ihm ziehen, denn er denke die Tochter seines Meisters zu heirathen.

Die Mutter, die selbst nicht schreiben konnte, ließ ihm antworten, das Haus, das Vater, Großvater und Urgroßvater schon besessen, und worin alle drei als Drechsler ihre gute Nahrung gefunden, zu verkaufen wäre eine Sünde und Schande, zu der sie selbst nie ihre Einwilligung geben würde. Sie wäre jetzt fünfundsechzig Jahre alt, der Hülfe und Pflege bedürftig, er ihr einziger Sohn, auf den der liebe Gott sie angewiesen habe. Er solle des Spruches gedenken: Ehret Vater und Mutter, so wird Gott euch ehren.

Geld auf das Haus zu borgen sei unmöglich. Der Vater habe in den letzten drei Jahren schon 600 Thaler anleihen müssen, jetzt spreche man wieder vom Kriege, und das Geld sei rar. Auch möge er sich wohl bedenken, ehe er ein fremdländisches Frauenzimmer heirathe; es gebe in Heustedt respectable Personen, die es nicht verschmähen würden, seine Frau zu werden.

Hätte Georg geahnt, daß Nachbars Lenchen, die funfzehn Jahre älter war als er, und die schon, als er noch ein Lehrling war, mit ihm zu liebeln Lust gezeigt hatte, den Brief geschrieben, und daß sie selbst die respectable Person sei, welche sich herablassen wolle, ihn zu heirathen, er würde anders gehandelt haben, als er handelte. So aber erklärte er dem Meister, Gottes Gebot gehe vor Menschengebot, er müsse der Mutter gehorchen. Marie aber erklärte, ihm bis ans Ende der Welt folgen zu wollen. So wurde denn die Aussteuer, soweit sie nicht von der verstorbenen Mutter schon vorbereitet war, fertig gemacht, einige hundert Gulden, das ganze Erbtheil der Tochter, wurden auf das Haus angeliehen, diese quittirte über den Empfang und entsagte allen weitern Erbansprüchen an mütterliches und väterliches Vermögen. Die Trauung geschah in einem benachbarten protestantischen Dorfe, und eines schönen Tages, im Herbst des Jahres 1766, setzten sich Georg und Marie auf das Marktschiff und fuhren den Main hinauf nach Frankfurt. Hier, wo gerade die Messe zu Ende war, schloß man sich einer Krämerkaravane an, die nach dem Norden zurückzog und Mariens Aussteuer mit auf die Wagen nahm. Als man nach acht Tagen in Münden angelangt war, mußte das junge Ehepaar von gutem Glück sagen, daß es den Fuhrhans aus Heustedt dort traf, welcher Personen und Sachen auf seinem Weserbock mitnahm. Das war freilich eine verzweifelt langsame Fahrt, das war nicht das breite grüne Wasser des Rheins, das noch immer seine Alpengeburt bezeugte, sondern so gelb wie der Main, und die Ufer waren nicht so schön als die im Rheingau; mindestens hielt Marie Weinberge und alte Ruinen für schöner als die Eichenwälder an den Bergen, durch die sie hinfuhren. Sie saßen da, von der warmen Septembersonne beschienen, eng zusammengekauert auf dem kleinen Platze neben dem Steuer, und der junge Gatte erzählte von seiner Heimat, mußte zum hundertsten male sein Haus mit Garten daran beschreiben, er und seine Frau machten Plane für die künftige Einrichtung.

»Die Stube links«, sagte sie, »mußt du zum Laden ausbauen, die Kammer dahinter wird die Eßstube und die Wohnstube für deine Mutter, die Werkstatt rechts muß in den Hof verlegt werden, das soll meine Wohn- und Putzstube werden, denn ich will auch verdienen. Meinst du, daß ich umsonst seit einem halben Jahre nach Cousine Lili in der Domstraße gegangen wäre, um ihr zu helfen? Ich habe das Putzmachen gelernt aus dem ff und kann frisiren, kann Kleider machen. Cousine Lili hat mir alle Hefte des »Mercure galant« bis auf die letzten geschenkt, ich bringe die neuesten pariser Moden mit nach deiner Heimat. Wenn in Heustedt so viele vornehme Damen wohnen, als du sagst, werde ich viel Geld verdienen, und wenn wir erst« – – hier schmiegte sie sich an ihn und wurde roth.

Man kam nicht sehr weit mit dem Weserbock. Am ersten Tage legte Fuhrhans noch früh am Tage bei Veckerhagen an, er sollte hier von der Hütte einige eiserne Oefen mitbringen.

Am andern Tage wurde in Höxter Nachtquartier gemacht, am dritten Tage kam man wirklich bis Hameln, und da es noch früh nachmittags war und Fuhrhans aus- und einzuladen hatte, bestieg das junge Ehepaar den Klüt und erfreute sich an der prächtigen Aussicht, welche Marie an die schöne Heimat erinnerte.

Am siebenten Tage legte man an der Brücke von Heustedt an.

Die künftige Wohnung war ärmlicher und zerfallener, als Marie, als selbst Georg gedacht hatte; man sah überall das Zurückgekommensein. Die Mutter war weniger freundlich und zuvorkommend gegen die Schwiegertochter, als diese erwarten konnte. Dazu trat nun noch trübe regnichte Witterung ein. Heustedt, namentlich der Theil, wo Georg wohnte, und der von Wagen stark befahren wurde, war sehr schmuzig. So machten der Ort, das Haus, die Schwiegermutter einen sehr übeln Eindruck auf die junge Frau, welcher der Unterschied zwischen dem goldenen Mainz und diesem erbärmlichen Landstädtchen nur zu bald klar wurde.

Aber auf des Ehemannes Gesicht erglänzte Sonnenschein, er hatte die Heimat lieber gehabt, als er wußte, er fand manche alte Jugendfreunde, die sich um ihn drängten, er war sofort beschäftigt, denn er arbeitete im Hause eines Zunftgenossen an seinem Meisterstücke, einem Spinnrade, wozu er sich das Muster schon vor langen Jahren in Nürnberg ausersehen, und an dessen Verzierungen er auf seiner ganzen Wanderschaft im Kopfe gearbeitet hatte.

Im Hause arbeitete er in der schon nach dem Hofe verlegten Werkstätte allerlei zierliche Schnupftabacksdosen aus Horn und Holz, Löffel und Gabeln zum Salatmachen aus Buchsbaum, Akazienholz und Horn, und viele andere Sachen, die damals noch von Holz gemacht wurden, zu denen man heute Silber, Eisen und andere Metalle nimmt, z. B. Leuchter. Wenn der Laden fertig wäre, sollten zugleich alle seine Herrlichkeiten zur Schau gestellt werden. Der Kunstfertige hatte in der Fremde mancherlei gelernt, er konnte in Horn wie in Messing drechseln, verstand sich auf Tischler-, selbst auf Böttcherarbeit.

Die Aenderungen und Ausrüstungen, welche mit dem Hause, dem man auch von außen ein neues Kleid gab, nöthig wurden, verschlangen die paar hundert Gulden der Frau, sie erhielt nun aber auch ein allerliebstes kleines Wohnzimmer, das zu betreten keine adeliche Dame zu scheuen brauchte, wenn sie die Putzsachen, die diese anzufertigen begann, in Augenschein nehmen wollte. Und Marie war sehr fleißig. Sie begann, nach freilich vorjährigen pariser Mustern, die aber keinenfalls schon nach Heustedt gekommen waren, Kopfputze zu arbeiten, wozu sie vielerlei Stoffe, zum größten Theil durch die Cousine Lili direct aus Paris bezogen, mitgebracht hatte.

Zu dem allen sagte die Schwiegermutter freilich kein Wort, schüttelte aber sehr bedenklich den Kopf, brummte in sich hinein und klönte, wie man in Heustedt sagte, dem Sohne, wenn sie allein mit ihm war, täglich die Ohren voll über das unerschöpfliche Thema: »Deine Frau will zu hoch hinaus, das nimmt kein gutes Ende.«

Das Meisterstück war fertig, angenommen, der Meisterschmaus gegeben. Am nächsten Sonntage machte der Jungmeister mit seiner kleinen hübschen Frau bei den Nachbarn und den wenigen Verwandten Visite, dann ging er selbst zu allen Honoratioren, zu den Adelichen, Beamten, Predigern, Advocaten, Aerzten, um ihnen anzuzeigen, daß er sich als Drechsler besetzt, einen offenen Laden errichtet habe, sowie daß seine Frau sich mit dem neuesten pariser Damenputz und Kleidermachen empfehle. Wochenblätter, deren Heustedt heute zwei hat, oder andere Wege zu solchen Anzeigen gab es damals in Heustedt nicht, die Kunst, Reclame zu machen, war höchstens in Paris erfunden.

Die Sache ging über alle Erwartungen gut. Die kleine Frau mit den großen freundlichen braunen Augen und der neckischen Sprache gefiel in der ganzen Nachbarschaft wie in der Freundschaft. Nur im nächsten Nachbarhause gefiel sie nicht, im Hause des Rathsmanns und Brauers Neidhard, wo dessen unverheirathete Tochter Lenchen das Regiment führte. Lenchen war nie hübsch gewesen, ihre Augen waren mehr grün als grau, die Blattern hatten sie entstellt, dennoch hatte es ihr in den jungen Jahren nicht an Freiern gefehlt. Damals hatte sie sich aber eingebildet, ein Offizier, der bei ihrem Vater Geld borgte und mit ihr schön that, würde sie heirathen. Sie hatte die Hoffnung noch fort gehegt, als der Offizier schon längst Heustedt verlassen hatte und nur noch artige Briefe um Prolongation der Schuld schrieb, in denen ein Gruß an die tugendsame Jungfrau Tochter nie fehlte. Zu dieser Zeit waren angesehene Bürgersöhne, ein reicher Bäckersohn, ein Schlächtersohn, und sogar ein Schulmeister, erstere durch ihre Aeltern beinahe gezwungen, um sie anzuhalten, während dem Schulmeister der wohlbehäbige Bratengeruch, der jahraus jahrein aus der Küche des Brauers drang, zu Herzen gegangen war, mit ihren Bewerbungen abgewiesen. Nun wagte sich auch kein Aermerer mehr heran; die tugendsame Jungfrau vereinsamte immer mehr, es ging sogar das Gerücht, daß sie sich herabgelassen habe, mit einem Brauknechte ein Verständniß anzufangen, dieser aber schließlich vorgezogen habe, den Dienst zu verlassen.

Lenchen war jetzt eine fünfundvierzigjährige Jungfrau, die an keinem Sonntage Gottes Wort versäumte und, wie der Prediger sagte, ein Musterbild von Frömmigkeit war.

Wie die meisten Menschen, wenn sich ihre Erwartungen und Wünsche auch noch so oft als Illusionen gezeigt haben, auf einen Hoffnungsstern am Himmel vertrauen, an ihn neue Träume von Glück als den letzten Hoffnungsanker ketten, so hatte auch Lenchen sich eingebildet, ihr Nachbar Georg Schulz, dem sie als Jungen oft Obst und Kuchen, Würste und kleine Geschenke zugesteckt, werde sie in der Fremde nicht vergessen.

Solange Georg's Vater noch lebte und die Correspondenz mit dem Sohne besorgte, hatte sie ihn immer grüßen lassen, ja sie hatte das Unglaubliche gethan, in einem alten Atlas der deutschen Reichskreise Georg auf jeder Wanderung zu begleiten. Georg's Vater hatte das niemals gemeldet, dagegen immer herzliche, jedenfalls Grüße mit irgendeinem zärtlichen oder poetischen Ausdrucke, zurückbestellt, weil er gemerkt, daß solchen Erfindungen immer einige Annehmlichkeiten für ihn und seine Frau folgten.

»Da schwätzt mau immer, die Jungfer Neidhard habe ein schlechtes Herz, sei geizig wie ein Drache«, sagte Moses Hirsch, der beiden gegenüberwohnte, »sehe ich aber doch, wie sie sich annimmt der Schulzens, wie sie bringt von allem, was wächst im Garten und Felde, ins Haus.«

Lene gerieth außer sich, als sie aus der Correspondenz Georg's ersah, daß sein Herz in Mainz gefangen war. Sie schwur seiner Frau Rache, ehe sie dieselbe nur gesehen, und sah sie, als das junge Ehepaar kam, mit so grünen, giftigen Blicken an, auf der Hausflur in Georg's Hause postirt, daß Marien dies auffiel und sie den Mann fragte: »Was ist denn das für eine alte Katz?« Lenchen, die tugendreiche Jungfrau, war es, welche zunächst die Schwiegermutter gegen die Schwiegertochter aufhetzte, ihr das »obenhinaus Wollen« in den Kopf setzte, alles und jedes Thun und Lassen bekrittelte.

Die Hauptsache für die jungen Leute nun, ihr Verdienst, war vortrefflich. Das Spinnrad, welches als Meisterstück am Fenster des Ladens stand, wurde von den Vorübergehenden bewundert, man besah sich im Laden die eine und andere in Heustedt gänzlich unbekannte Waare, man fand alles niedlich, geschmackvoll und nicht übertheuer. Bald mußten zu jedem Brautwagen, der in der Umgegend ausgerüstet ward, Spinnrad und Haspel von Schulz gekauft werden. Die Herren kauften da ihre Pfeifen, die Knaben sogar, nicht nur von der Langenstraße, auch die von der Deichstraße und aus der Oststadt wollten keine andern Kreisel mehr als die von Schulz, der nun sogar solche verfertigte, die ein halbes Dutzend kleiner Kreisel in sich trugen, von denen immer einer aus dem andern heraussprang.

Auch die junge Frau hatte Arbeit die Hülle und Fülle. Als zuerst die Drostin von Schlump, welche vor allem auf Wohlfeilheit sah, für ihre Adele, das Kind, einen Ballschmuck bei ihr gekauft hatte, und dann die schöne Mainzerin, wie man sie nannte, ins Haus nahm, um dort auch das Ballkleid dazu zu machen, und nun das Kind auf dem Balle die am schönsten Geschmückte war, fand das Beispiel Nachahmung. Marie wurde bald immer mehr gesucht, sodaß sie schon nicht Tage genug in der Woche hatte und zum Putzmachen die Abende verwenden mußte.

Die Putzmacherin ging gern in die Häuser der Honoratioren, um dort zu arbeiten, zunächst des Erwerbs wegen, sodann aber, um mit der beständig griesgrämigen Schwiegermutter nicht zusammen zu sein. Sie wurde in den fremden Häusern liebevoll aufgenommen, in Essen und Trinken gehegt und gepflegt, sie lernte und erfuhr manches bei dieser Art von Beschäftigung, was ihr bisher fremd gewesen war. Ihr Mann lächelte zwar und freute sich auch, wenn Marie ihm am Sonntage die Chatoulle, die er ihr selbst einst zum Geschenk angefertigt, zeigte, wie die blanken neuen und die großen breitgeprägten alten Kassen-Gulden sich mehrten. Im ganzen war ihm die Sache doch nicht recht. Man konnte es ihm auch nicht verdenken, daß er lieber mit seiner hübschen Frau zu Mittag gegessen hätte als mit der alten Mutter, welche gerade diese Zeit benutzte, ihre Klagen über die Hoffart der Schwiegertochter, über ihre Lust an schönen Kleidern, ihr katholisches Wesen, an den Mann zu bringen.

Und doch war kein Vorwurf ungerechter als gerade der letztere, denn Marie war weit entfernt, mit der Religion irgendwelchen Popanz zu treiben. Sie war zu jung, zu glücklich und zu gut, um fromm im heutigen Sinne des Wortes zu sein. Religiosität war bei ihr mehr Sache der Erziehung und Gewöhnung als inneres Bedürfniß. Sie betete ihren Rosenkranz, kniete in ihrer einsamen Kammer vor dem Bilde der Madonna, ohne über diese Dinge weiter nachzugrübeln. Sie zeigte Achtung gegen den Glauben anderer und wollte Georg oft Sonntags in die Kirche treiben, während er doch lieber neben ihr saß und zusah, wie sie mit geschickten Händen Putz machte, oder sich bemühte, ihr allerlei Zureichungen in der Küche zu machen. Hier war an Sonntagen ihr Regiment, wo sie einmal auf rheinische Weise kochte, briet und buk, namentlich solange die Eier wohlfeil waren, das Lieblingsgericht des Mannes, die Kapuzinerklöschen oder auch Dampfnudeln.

Sie fuhr nur zweimal des Jahres, zur Fastenzeit und im Spätsommer, zur nächsten katholischen Kirche nach Twistringen, um zu beichten und zu communiciren, und alles, was bei ihr an Katholicismus hätte erinnern können, war ein kleines goldenes Kreuz, das sie beständig am Halse trug, das Geschenk einer Godel, und ihr madonnenhafter Augenaufschlag.

Das Alleinessen mit der Mutter war aber in der That das Wenigste, was den Drechslermeister mit dem außer dem Hause Arbeiten unzufrieden machte; die Hauptsache war seine Eifersucht. Auch an ihr trug die alte Katze, wie Marie sie nur nannte, die Lene, schuld, die sich viel mehr in Schulz' Hause, bei der Mutter, zu thun machte, als Marie und Georg lieb war. Sie hatte ihn eines Tages gefragt: »Nun Meister Schulz, der Herr Baron von Bardenfleth scheint ja nicht mehr so viel zu kommen, Einkäufe zu machen und Bestellungen. Hat er der Freundschaftsdosen genug, oder sieht und spricht er die schöne Marie im eigenen Hause besser als hier?«

Des Jungmeisters Gesicht überzog eine dunkelrothe Glut. War er denn blind gewesen? Sagte man nicht, daß selbst der Landrath von Vogelsang eifersüchtig auf den Baron von Bardenfleth sei, soweit er überhaupt eifersüchtig sein konnte? Hatte nicht der Doctor und adeliche Gerichtshalter Laxpeter Grund, eifersüchtig zu sein? War es doch den Bewohnern der Gartenstraße kein Geheimniß, wie oft der Baron am Abend oder frühen Morgen in den großen Laxpeter'schen Garten durch die Hinterthür schlüpfte, zu der er einen Schlüssel zu haben schien. War nicht der Baron sein erster Kunde gewesen, nachdem er sein Meisterstück gemacht? War er nicht wöchentlich ein- oder zweimal gekommen, bald um ein Reh oder Hirschgeweih für sein Jagdcabinet zurechtdrehen zu lassen, bald um eine Dose zu kaufen oder zum Repariren zu bringen, bald um eine Pfeife zu bestellen? Und warum hatte dies so plötzlich aufgehört, warum gab es keine zudringlichere Kundin seit kurzem als die Frau Baronin von Bardenfleth, welche Marie für sich allein in Beschlag genommen hätte, wenn das möglich gewesen wäre?

Hätte der Eifersüchtige den wahren Zusammenhang gewußt, hätte er seine Eifersucht nicht in sich verbissen, sondern laut werden lassen, wie viel mehr würde er die Braunäugige geliebt haben, die dem Baron, als er beim Einkauf zudringlich und handgreiflich gegen sie geworden war, echt mainzerisch mit einer Handschelle nach mainzer Art geantwortet hatte.

Hätte er geahnt, daß die Baronin, gerade weil sie noch eifersüchtiger war als er selbst, Marie so oft in ihrem Hause beschäftigte, er hätte nicht nöthig gehabt, an so manchen Sommernachmittagen auf die Alvensleben'sche Parkmauer zu steigen, um hinter einer stark umbuschten Laube in Bardenfleth's Garten, wo Marie im Sommer oft arbeitete, zu lauschen, ob der Herr Baron sich im Garten sehen ließe.

Die Baronin hatte anfangs Marie zur Arbeit ins Haus genommen, weil es Mode war. Die Putzmacherin hatte den ganzen Tag mit der Kammerjungfer allein zubringen müssen, um Kinderzeug zu fertigen für ein abermals bevorstehendes glückliches Ereigniß. Die Baronin war nur zwei- oder dreimal auf einen Augenblick im Zimmer erschienen, um sich die schöne Mainzerin anzusehen und vornehm einige Befehle zu ertheilen. Die Kammerjungfer schlug nicht aus der Art, sie erzählte und klatschte vom Morgen bis zum Abend. Die vielfachen Liebschaften des Barons selbst blieben nicht unerwähnt, und mit tugendsamer Entrüstung, doch nicht ohne eine Gefühl durchblicken zu lassen, wie geschmeichelt sie davon wäre, klagte sie auch über die Zudringlichkeiten, die sie selbst, besonders in der letzten Zeit, vom Herrn Baron habe ausstehen müssen, der doch eine so schöne gute Frau habe. Marie erklärte ohne Arg: »Ich weiß gelt ein besseres Mittel, gebt dem Herrn Baron eine Schelle, wie ich es gethan, und er wird Euch in Ruhe lassen.«

Nun mußte die schöne Mainzerin natürlich die Geschichte, wie der Baron ihr nachgestellt, weit und breit erzählen, und erhielt dagegen in Kauf alten und neuen Klatsch, wie er in der Bedientenwelt über die Abenteuer des Barons reichhaltig und pikant cursirte. Abends wußte die Baronin die Geschichte und beschloß, sich zu rächen. Sie ruhte und rastete nicht, bis ihr Marie für die nächste Woche einige Tage zur Anfertigung von Putz zusagte. Sie mußte jetzt im Boudoir der Baronin arbeiten, die Kammerjungfer war nicht zugegen, die Baronin selbst unterhielt sich mit ihr und behandelte sie mit großer Artigkeit, die anfangs gemacht war, bald aber natürlich und aufrichtig wurde, je mehr sie sich an der Naivetät der Rheinländerin ergötzte. Während der Baron höchst selten und nie ohne besondere Veranlassung die Zimmer seiner Frau betrat und sie ihn nie dort entbehrte, wurde er heute drei bis viermal gerufen, um sein Urtheil über den Schmuck abzugeben, der auf dem Kindtaufsfeste glänzen sollte.

Als der Baron, der von der Anwesenheit Mariens nichts wußte, zum ersten mal in das Boudoir trat und die Mainzerin erblickte, rötheten sich seine Wangen vor Scham. Seine Frau beobachtete ihn scharf und veranlaßte die Putzmacherin, den Schmuck, von rothem und schwarzem Sammt in Turbanart zusammengelegt, selbst zu probiren, der ihr reizend stand.

»Sieh, mein Schatz«, sagte sie zu dem Baron, »wie allerliebst das zu dem schwarzbraunen Haar der schönen Mainzerin steht, und es wird sich noch besser machen, wenn es erst mit Perlen umwunden ist. Doch verzeih', ich hatte vergessen, dich mit meiner Helferin bekannt zu machen: Marie Schulz, die Frau des Drechslers Georg Schulz.« – Der Baron erröthete von neuem, während Marie ihr Lächeln mit Mühe verhalten mußte.

Der Baron fühlte, daß es darauf abgesehen war, ihn zu beschämen. Das Spiel wurde wiederholt, d. h. der Baron ersucht, zu der Gemahlin zu kommen, so oft der Kopfputz in ein neues Stadium getreten war.

Die Eifersucht des Drechslers dagegen äußerte sich häufig bei unpassenden, gleichgültigen Meinungsverschiedenheiten, wo er mit ungewohnter Härte seiner Marie entgegentreten konnte, die dieses Betragen gar nicht begriff.

Inzwischen gebar Marie einen Sohn, des Vaters Ebenbild, und dieses Ereigniß machte vorläufig nicht nur ihrer Betriebsamkeit außer dem Hause, die oft Gegenstand eines Zankapfels gewesen war, ein Ende, sondern sie schaffte eine Zeit der Ruhe und des ungestörten Glückes. Selbst die Schwiegermutter zeigte sich zum ersten mal versöhnt und liebevoll, sie pflegte die Wöchnerin mit zartester Sorgfalt und that ihr alles zur Liebe. Georg entflammte nur einmal zum Zorn, als Jungfrau Lenchen unter dem Vorwande, das Kind zu sehen, sich abermals eine plumpe Anspielung auf dessen Aehnlichkeit mit dem Baron erlaubte. Er nahm die Tugendsame beim Arm und warf sie mit solcher Heftigkeit aus der Hausthür, daß sie den Nachbar Hirsch Moses, welcher nach dem Abendstern sah, ob der Schabbes bald vorbei sei, beinahe umgeworfen hätte.

Die schöne Mainzerin war nach dem Wochenbett noch hübscher, fraulicher geworden. – Das Dasein des Kindes brachte es mit sich, daß das Kleidermachen außer dem Hause aufgegeben wurde, nur bei einzelnen Herrschaften, die sich immer sehr freundlich erwiesen, mochte Marie es nicht ausschlagen, diese mußten dann aber gestatten, daß Heinrich ihr mehrmals des Tages gebracht wurde, um gestillt zu werden. Die Schwiegermutter war krank geworden und gestorben. Das und der verbesserte Wohlstand brachte es mit sich, daß Marie eine Magd annahm, welche die gröbere Arbeit verrichtete, die Küche unter ihrer Leitung besorgte, und jetzt wurde, zeitweise zur Aushülfe, noch eine junge Person aus der Nachbarschaft als Kindermädchen gedungen.

Die in Heustedt übliche Art, einen kleinen bürgerlichen Haushalt zu führen, d. h. Garten und Gartenland zu bestellen, eine Kuh zu halten, ein Schwein aufzufüttern, Gemüse und Früchte für Menschen und Vieh selbst zu ernten, paßte zu Mariens Beschäftigung nicht. Daß ihre Schwiegermutter sie zu allen diesen Dingen hatte zwingen wollen, war oft Veranlassung zu Streitigkeiten gewesen. Es war ihr Bedürfniß und Gewohnheit, sobald am Morgen die Stuben in Ordnung gebracht waren, der Kaffee auf dem Tische stand, im reinlichen, netten Kleide zu erscheinen, und sie wußte den einfachsten Stoff kleidsam für sich auszubeuten.

Je mehr gerade diese Accuratesse, die sie auf den eigenen Körper verwandte, die Mainzerin beliebt und gern gesehen machte bei den Honoratioren, desto mehr entzündete dies den Neid und die Eifersucht der gewöhnlichen Bürgerweiber. Da wurde Marie den Töchtern beständig als Beispiel einer schlechten Hausfrau vorgestellt, die sich um die notwendigsten Dinge nicht bekümmere, die eine Magd halte, ohne mehr als eine Kuh im Stalle zu haben.

Wenn Marie in ihren Sonntagskleidern mit Georg einen Spaziergang machte, und junge und alte Männer bewundernd hinter ihr hersahen, dann hieß es: »Seht, wie sich der fremde Aff' herausgeputzt hat!« – Die giftigste und erbittertste Feindin blieb aber Jungfer Lenchen, die jetzt, nach dem Tode ihres Vaters, unbeschränkt sich fühlte. Sie war unermüdlich, ihr Schlechtes nachzureden, und sann Tag und Nacht darüber, wie sie ihr Schimpf, Schande und Schaden zufügen könne. Im Verein mit einem Dutzend andern heustedter Frauenzimmern hatte sie sich im zweiten Jahre der Verheirathung Georg's, nach der Geburt des Knaben, verabredet, der Fremden, der Katholischen, dem herausgeputzten Affen, und mit welchen andern Ehrentiteln die noble Clique Marie sonst noch beehrte, auf dem Schützenballe, dem einzigen gemeinsamen Vergnügen der Heustedter, zu zeigen, wie sehr man sie misachtete. Niemand sollte mit ihr sprechen, man wollte sich wegsetzen, wohin sie sich setzte, keiner der Männer, Brüder oder Vettern sollte mit ihr tanzen. Allein der schöne Plan, der außerdem sehr wahrscheinlich in sein Gegentheil umgeschlagen wäre, da auch die Honoratioren an jenem Balle theilnahmen, wurde zu Wasser. Die zärtliche Mutter nämlich, obgleich sie sich seit Wochen auf dieses Fest gefreut hatte, zog es vor, den Schützenhof nicht zu besuchen, sondern bei dem kleinen Heinrich, der fieberte, zu bleiben.

Man mußte in Heustedt früh zum Princip der Arbeitstheilung sich gewendet haben, es existirten dort zwei Zünfte oder Aemter von Drechslern, Holz- und Horndrechsler. Man hatte aber längere Zeit den Umstand nicht beachtet, mindestens war es den beiden dort lebenden Horndrechslern nicht in den Sinn gekommen, dem Meister Schulz den Verkauf von Horndrechslerwaaren irgendwie zu wehren, oder ihn sonst bei Anfertigung von solchen Arbeiten zu beschränken. Es mochte das daher kommen, daß beide Horndrechsler alte Leute waren, die ihr Handwerk nur so nebenher, dagegen eine kleine Garten- und Ackerwirthschaft mit Lust und Liebe trieben. Der eine von diesen, Meister Kurze, hatte aber einen Sohn, dem er gern sein ganzes Geschäft übergeben wollte. Zu diesem Zwecke wurde der junge Mann aus der Fremde gerufen. Als er zurückgekommen war, kam es, man weiß nicht wie, zur Sprache, daß Georg eigentlich keine Hornwaare drechseln und noch weniger im Laden feilbieten dürfe. Das war Wasser auf die Mühle der tugendsamen Lene, und das Unglück wollte, daß sie einen gewissen Einfluß auf Meister Kurze ausüben konnte. Sie war seine weitläufige Verwandte, hatte selbst aber nähere Blutsfreunde nicht. Ihr Erstes war nun, mit der Familie des Vetters Kurze, die sie lange Zeit hatte gänzlich beiseiteliegen lassen, wieder in Verbindung zu treten und eine Erbeinsetzung in Aussicht zu stellen. Dann ging sie den Advocaten Laxpeter mit der Frage an, ob die Horndrechsler dem Meister Schulz verbieten lassen könnten, Hornarbeiten zu verkaufen. Laxpeter bejahte diese Frage mit der Voraussetzung, daß die Horndrechsler eine Zunft bildeten, dazu gehörten aber mindestens drei Personen; solange daher nicht mindestens drei Meister in Heustedt wären, sei das so eine Sache.

»Ich schaffe den dritten Meister, wollen Sie den Proceß annehmen? Ich übernehme die Kosten und zahle hundert Thaler Vorschuß«, rief Lenchen voll Freude.

Einen solchen fetten Proceß sich nicht entgehen zu lassen, konnte man dem Advocaten Laxpeter, dessen Praxis außerdem nicht die ausgebreitetste war, kaum verdenken, er sagte Ja. Nun betrieb die Tugendsame zunächst, daß ihr Vetter nicht des Vaters Geschäft übernehme, sondern sich als selbständiger dritter Meister besetzte. Nachdem dies geschehen und so ein Collegium gebildet war, übernahm Lenchen auch formell die Kosten eines gegen den Drechslermeister angefangenen Processes.

Die Sache war sehr geheimnißvoll betrieben, und Georg Schulz war im höchsten Grade erstaunt, als er eines Tages vom löblichen Stadtgericht ein sogenanntes Mandatum erhielt, wonach er sich bei funfzig Kassengulden Strafe des Anfertigens von Horndrechslerwaaren zum Verkaufe, so des Feilbietens und Verkaufs derselben im offenen Laden zu enthalten habe.

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