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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 88
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Zwölftes Kapitel.
Der Hafen der Verschlagenen.

Den 3. März 1852.

Ein wahres Riesenland, dieses Amerika, das aller unserer Vorstellungen spottet! Hier, wo vor fünf Jahren noch eine Wüste war, die nur zuweilen den Schlangengräbern, Utahindianern oder Schneckenfressern zum Winterquartier diente, ist heute eine blühende Stadt in einer Ausdehnung von fünf Quadratmeilen, bewohnt von mehr als 10000 Einwohnern. Die Stadt zählt 1500 Häuser, zum größten Theil einstöckig, aus bläulichen Backsteinen erbaut. Bei jedem Hause sind dreiviertel Acker Land, sodaß die ganze Stadt wie ein Garten mit Christhäuschen aus der Ferne sich anschaut. Die Straßen sind 200 Fuß breit und durchschneiden einander im rechten Winkel.

An öffentlichen Gebäuden fehlt es noch, der Tempelbau ist in den ersten Anfängen; bisjetzt wird im Sommer in der Bowery – einer großen Laube mit Breterbänken – überrankt von wildem Wein und sonstigen Schlinggewächsen, die sich über dem von hohen Stangen getragenen platten Lattendache hinziehen, gepredigt, im Winter in einer großen Breterbude.

Aber man trägt sich mit großen Planen. Der Tempel, der inmitten der Stadt errichtet werden soll, wird schöner und größer, als bisher einer auf Erden erbaut war, größer und schöner als Sanct-Peter in Rom. Es ist schon jetzt auf viele Meilen eine Holzbahn nach den Steinbrüchen des Red-Butte eröffnet, um rothe Sandsteinquader von ungeheuerer Größe (denke an solche Sandsteinfelsen, auf denen der Garten der Wirthshäuser in Reinhausen bei Göttingen ruht) herbeizuschaffen. Schon jetzt senden die Missionare der Mormonen aus Europa, Asien, Polynesien die seltensten Bäume und Gesträuche, Blumensamen, Zwiebeln, für den Park, welcher den Riesentempel umgeben soll. Vielleicht kann nach Jahren der romantische König an der Spree nach diesem Mormonentempel einen neuen Dom am Lustgarten aufbauen lassen, aber in sehr verkleinertem Maßstabe, denn der Platz für den Tempel und Park ist mindestens zehnmal so groß als der Platz zwischen Schloß, Museum, Dom und Spree.

Bisjetzt sind von öffentlichen Gebäuden nur fertig die Zehntscheuer, ein großes plumpes Gebäude, ein Speicher zur Aufbewahrung des Naturalzehnten, den das Volk von allem, auch der Arbeit liefern muß, und das Staatenhaus, der Sitz der Regierung.

Brigham Young's Wohnungen, das Löwenhaus und der Bienenkorb, mit einem Garten von zehn Acker Landes, sind von einer elf Fuß hohen Mauer umgeben. Ersteres hat seinen Namen von einem steinernen Löwen, der auf dem Balkon des Hauses ruht, letzteres trägt auf seinem Dache (das Haus ist zweistöckig) einen kolossalen Bienenkorb, das Wappen der Mormonen, zur Auslug. Der Thürhüter trägt in seinem Gürtel zwei Revolver. Hier wohnen etwa funfzehn von Brigham's dreißig Weibern. Die Salzseeheiligen sind gegen uns Heiden (gentiles) äußerst gastfreundlich und tolerant und haben uns in Beziehung auf die von uns schon durchzogenen Länderstrecken, wie die Länder jenseit der Sierra Nevada, mit sehr vielen Nachrichten versehen, welche für unser Unternehmen von Wichtigkeit sind. Sie haben Handwerker und Techniker aller Art in ihrer Gemeinde, namentlich zeigen ihre Architekten gesunden Sinn und Phantasie. Der Plan zum Tempel wird geheimgehalten, dagegen habe ich den Plan zu der Universität gesehen und allen Respect davor bekommen. Die nördliche Stadt befindet sich am Fuße eines Ausläufers des Wasatschgebirges. Hier hat man in der Länge von zwei englischen Meilen, etwa 40 Fuß über der Stadt, eine Terrasse geebnet, auf der die Universität erbaut werden soll. Wenn Du schon einmal in Marienbad warst, so denke Dir die Jägerstraße um zwanzigmal verlängert und zehnmal verbreitert. Auf dieser Terrasse wird nun ein wahrer Palast errichtet für Lehrer und Lernende, umgeben von einem Hain, zu dem man die Ahorn- und Nußbäume stehen ließ, welche hier, gegen Nordwind geschützt, das schon von der Natur vorbereitete Plateau bestanden. An den Hain schließt sich ein Lust- und Blumengarten und nach Süden zu ein botanisch-medicinischer Garten, sämmtlich mit Teichen, Springbrunnen, Bächen geziert, wozu das von der Höhe der Gebirge herabströmende Wasser Gelegenheit bietet.

Ein großes Bassin ist zur Schwimm- und Badeanstalt hergerichtet, ein großes Viereck dient zum Turn- und Fechtplatze wie zur Reitschule. Etwas oberhalb der Universität wird eine Sternwarte erbaut, während der Bau eines chemischen Laboratoriums schon fertig ist, um welches manche deutsche Universität die Stadt der Heiligen beneiden könnte.

Ein anderer Ausläufer des Wasatschgebirges, der sich im Norden der Stadt befindet, wird Hügel des Paniers genannt, er soll beinahe in dem ganzen Thalbecken Utahs sichtbar sein. Auf diesem Hügel soll demnächst die prächtigste und größte aller Fahnen mit den Nationalfarben aller Völker der Erde enthüllt werden, die ein Zeichen sein soll »der sich vollendenden Einheit der Menschen in Glauben und Liebe«. Willst Du das nicht Deinem Freunde Leonhardi in Prag schreiben, daß sich hier in Neu-Jerusalem, trotz der Wunderlichkeiten der Sekte, der Anflug des Gedankens von einem Menschheitsbunde findet?

Aber noch manches andere hat mich an alte Lehren erinnert, die einst in unseren philosophischen Abenden zu Göttingen besprochen wurden, Anklänge an jene metaphysischen Träume des Orients, mit denen eine jugendliche Phantasie sich gern beschäftigt; und ich glaube auch die Quelle entdeckt zu haben, aus der solche Vorstellungen bis zu den Mormonen sich verbreitet haben.

Du wirst Dich eines Studenten erinnern, der in jener Zeit in Göttingen unter dem Namen des »Urbonzen« bekannt war. Das Gesicht desselben zeichnete sich durch eine ungemein große Nase aus, und sein dünner Körper schlotterte in einer langen weiten Hose und einem schwarzen abgeschabten Frack mit einem Schwalbenschwanze, der bis auf die Erde reichte. Charakteristik für den Urbonzen war, daß man ihn niemals, es mochte Sommer sein oder Winter, Sonnenschein oder Schnee, ohne einen sehr großen alten baumwollenen Regenschirm unter dem Arme sah, den er zu schonen schien, da er ihn auch bei Regenwetter stets unter dem Arme trug. Später machte einer unserer Freunde die Entdeckung, daß das eine Art Vorrathskorb und Transportmittel sei. Der Urbonze »kochte sich selbst«, wie die Göttinger sagen, und da ging er denn auf den Markt, kaufte dort Kartoffeln und anderes Gemüse, das in dem Regenschirme untergebracht wurde, oder einen Hering, beziehungsweise ein Stück Wurst, die einzigen Fleisch- und Fischspeisen, zu denen sein Geldbeutel reichte. Er hatte damals einen Streit mit Professor Ewald gehabt über irgendeinen der Propheten und eine Streitschrift gegen diesen verfertigt, zu der er vergeblich einen Verleger oder Drucker suchte und die er daher jedem, der sie hören wollte, vorlas. Ich habe die Streitschrift einmal auf dem Rohns anhören müssen, sie führte den Titel: »Ewald ist kein Prophet, auch kein kleiner.« Genug, der Mann war Kinder- und Studentenspott. Als Leonhardi damals an einem Beinschaden krank im Stumpfenbiel lag, habe ich den Urbonzen zweimal bei ihm getroffen, und er erklärte, das sei ein Mann von Kenntnissen und nicht ohne Geist, hinter dem stecke etwas.

Nun ja, es steckt etwas dahinter, denn ohne den Urbonzen würde ich mich schwerlich hier niedergesetzt haben, Dir abtrünnigem Fürstenknecht diesen Brief zu schreiben. Der Urbonze ist hier der Mormonenapostel Phelps.

Ich habe ihn an seiner ungeheuern Nase, einst die Zierde der Georgia-Augusta, – jetzt könnte man sie ein Juwel nennen, denn sie glänzt wie der schönste Rubin – wiedererkannt, und auf das Stichwort: »Ewald ist kein Prophet, nicht einmal ein kleiner«, hat er sich mir zu erkennen gegeben.

Das Apostelthum verhindert Phelps nicht, selbst Weinberge zu bestellen und eine Weinschenke zu halten, in der ich und meine Mitarbeiter uns täglich treffen. Dort hat er, bei einem Glase selbstgebauten Capweins, der hier vortrefflich gedeiht, mich in die Tiefen der Mormonenmetaphysik eingeführt. Höre, ob Du nicht wohlbekannte Anklänge an Altes und Neues findest. »Der Menschengeist ist nicht geschaffen«, lehrt er, »er war von Ewigkeit zu Ewigkeit ein Individuum in Gott. Jedes dieser Geisterindividuen hat die Macht, auf die Erde hinabzusteigen und durch Annahme eines Leibes sich größere Herrlichkeit zu erwerben, sich mit der Natur zu vergatten. Der Geist durchdringt, belebt, vergeistigt die Materie; der Tod zerstört ihn nicht, sondern von ihm scheidet der sterbliche Leib, wenn die Gesetze der Natur es so bestimmen, das Ich aber kehrt zu Gott zurück und sucht sich einen neuen Leib.

»Entspricht ein vom Himmel gestiegener Geist nicht seiner göttlichen Bestimmung und Lebensaufgabe, besteht er in der Prüfungszeit nicht, verscherzt er vielmehr sein Erbe durch üble Aufführung, so wird ihm nach dem Ableben dieses Leibes ein geringerer Leibestempel angewiesen. Geht der Geist auch dann noch nicht in sich, erinnert er sich nicht seines göttlichen Ursprungs, so wird er immer mehr in ein niedriges Dasein, aber nur im Gebiete der menschlichen Gattung, zurückgeführt, bis er sich bessert und Grad um Grad wieder emporwächst zu der Herrlichkeit der Kinder Gottes.«

Nun, Bruno, schmeckt das nicht, wenn auch verstümmelt, nach den Lehren, die im philosophischen Kränzchen oft besprochen und mit Lust ausgemalt wurden, die aus altersgrauen Systemen Indiens und pythagoräischer Geheimbünde sich bis zu uns lebendig erhalten haben wie tausendjährige Samenkörner in den Felsengräbern Aegyptens? Doch im Ernst, ist das nicht mindestens eine zehnmal vernünftigere Idee als die aus Altem und Neuem Testament zusammengesetzte von dem Staub zu Staube, Erde zu Erdewerden und Wiedergeborenwerden des nämlichen Staubes am Jüngsten Tage und dessen Auferstehen zu Fleisch und Herrlichkeit, die unsere protestantischen Pfaffen bei ihren Leichenceremonien in unserm Vaterlande vortragen?

Ich will Dich nicht weiter mit der Weisheit, die Phelps predigt, behelligen. Es sind immer einige vernünftige Gedanken darunter wie Goldkörner in Haufen Sand. Die mormonische Dogmatik ist viel schlimmer und dümmer als die unsere (was sehr viel sagen will), ein Gemisch nämlich von Judäismus, Christenthum, Mohammedanismus, Freimaurerei, mit allerlei verrückten Zuthaten eines echten Yankee, der für sich und seine Priesterschaft Profit machen will. Der ganze Quark beruht natürlich auf göttlicher Offenbarung, aber zum Glück für die Mormonen ist diese nicht abgeschlossen, sondern Gott offenbart sich dem Orden, aus welchem die Priesterschaft besteht, dem Orden der Melchisedek und Aaron, noch fortwährend. Da kann also mit Hülfe unsers Urbonzen und seiner Schüler leicht eine neue Mormonenbibel entstehen.

Die Vielweiberei der Mormonen ist ein Stück Indianerbarbarei, allein es hat damit nicht so viel auf sich, als wir in Deutschland glauben, sie kann auch nicht so sehr entarten, wie im Orient, wo es jahrhundertelang vererbte Reichthümer und eine Menge Staatssinecuren gibt. Hier ist, wie man zu sagen pflegt, der Knüppel an den Hund gebunden; wer mehrere Frauen halten will, muß sehr reich sein, und wer von all seinem Einkommen den Zehnten contribuiren muß, der kann selten reich werden.

Sodann aber ist zur weitern »Versiegelung«, wie die Heiligen die Ehe nennen, die Einwilligung der ersten Frau nöthig und für die Folge Einwilligung der zweiten, dritten, vierten u. s. w. Frau, außerdem aber noch die nach besonderer göttlicher Offenbarung durch einen Propheten vom Präsidenten ertheilte Erlaubniß. Wenn die Apostel und Propheten der Heiligen auf unsere Schwarzen arten, so wird eine solche Erlaubniß nicht ohne Kosten erlangt werden; unsere Consistorien wenigstens lassen sich jeden Eheconsens oder jede Dispensation von an sich gesetzlich unerlaubten Ehen recht ordentlich bezahlen.

Der Mann empfängt die zweite und dritte und alle weitern Frauen aus der Hand der ersten, die sich immer für die wahrhaft versiegelte hält und die andern als Kebsweiber betrachtet. Da kann man denn sagen, wie Mühlenbruch lehrte, als ich noch Pandekten oder Institutionen tractirte: der Jurist sagt: »Volenti non fit injuria.«

Unser Urbonze, der sich zu einer stattlichen Leiblichkeit herausgearbeitet und der als eine Art Bischof gewiß von dem Zehnten einen schönen Antheil bekommt, hat es nur zu vier Frauen gebracht, von denen zwei in einer besondern Wohnung leben. Die erste ist vierzig, die zweite zweiunddreißig, die dritte fünfundzwanzig, die vierte, ihm vor kurzem erst versiegelte, achtzehn Jahre alt. Die beiden ersten leben auf einem Winzerhause der Weinberge, zwei Meilen von der Salzseestadt. Als ich ihn fragte, ob die Frauen sich vertrügen, antwortete er mit Pathos: »Wo alle Weiber gleich glaubenstreu sind, bestrebt sich der Mann von selbst, sie sämmtlich gleich gut zu behandeln, wie ich das thue.« Wir stritten jüngst mit mehrern Heiligen in der Weinstube über Monogamie und Polygamie oder, wie die Mormonen sagen, über die Pluralitätsfrage. Jene behaupteten, der Beweis der göttlichen Genehmigung der Vielweiberei liege darin, daß ein Fünftel der Erdbewohner in Vielweiberei lebten, und daß in Europa und Amerika oder überall, wo Einweiberei stattfinde, lasterhafte Nebeneinrichtungen geduldet oder staatlich gefördert werden müßten, um die Monogamie aufrecht zu halten.

Wir behaupteten: »Ohne Monogamie keine Familie, keine Erziehung«, die Gegner erwiderten: »Wir bilden eine große Familie der Heiligen.« Endlich kam Phelps, ein Glas Constantia in der Hand, mit einer Sophistik, die ich ihm nicht zugetraut hätte.

Er nannte alle Du, Heilige wie Heiden, und stellte an mich die Frage: »Glaubst du an Unsterblichkeit?« als ich dies bejaht hatte, fragte er: »Bist du verheirathet?« Als ich auch dies bejaht hatte, fragte er weiter: »Wenn deine Frau stürbe, würden deine Priester dir nicht gestatten, eine zweite, und wenn auch diese todt wäre, eine dritte zu heirathen?« »Gewiß!« sagte ich. »Nun, dann würdest du am Jüngsten Tage in euerm Himmelreiche mit drei Frauen eintreten; wenn Gott aber im Himmel Vielweiberei gestattet, warum nicht auf Erden?« –

 

Den 7. März.

Ich habe hier außer dem Urbonzen noch zwei Deutsche unter den Heiligen entdeckt, die regelmäßige Besucher der Weinstube sind. Der eine derselben nennt sich Jakob und ist Redacteur der Zeitung »Zion«, die täglich erscheint. Sein deutscher Name ist Jakob Trampelmeier, und wenn er sein Englisch radebrecht mit deutschen und andern Floskeln vermischt, so hört man das berliner Stadtkind heraus. Er hat nur Eine Frau, die seine Zeitung eigentlich redigirt, d. h. mit der Schere aus andern Zeitungen, die aus Californien oder dem Osten hierher kommen, zuschneidet, er selbst kann nicht englisch schreiben. Dagegen ist er sein eigener Setzer und Drucker und macht gute Geschäfte, denn er hat eine Auflage von 30000, wie er behauptet.

Der zweite Deutsche ist sein unzertrennlicher Freund, der Leib- und Hofphotograph Brigham Young's, dessen Photographie ich beilege. Dieser Preuße ist ein schmächtiger deutscher Jüngling, der aber, weil er Geld hat und verdient, sieben Weibsen sich hat ansiegeln lassen, und er trägt, weil er in Deutschland ein berühmter Maler gewesen sein will, langes blondes Haar. Wo der Mensch eigentlich seine Liebenswürdigkeit sitzen hat, daß sich ihm alle Weiber zur Versiegelung selbst angeboten haben, weiß ich nicht. Er hat sie in den Häusern, und sie helfen ihm in seinem Geschäft.

Eine Einrichtung des Mormonenstaats möchte mancher alten Jungfrau in Deutschland gefallen: jedes Frauenzimmer hat ein Recht auf einen Mann; sie wendet sich an den Präsidenten, und dieser ertheilt dem ersten besten Manne, der ihm tauglich scheint, den Befehl, die Jungfrau Y. Z. sich ansiegeln zu lassen. So giebt es alte Jungfrauen hier nicht. Zank unter mehrern Weibern soll selten sein, doch sollen die meisten, gegen die Vielweiberei eingenommen, nur durch religiöse Unterordnung und Autoritätsglauben sich derselben fügen.

Uebrigens lebt man im ganzen wie bei uns, nur daß es keine Nichtsthuer gibt. Arbeit ist Pflicht, und der Präsident hat die Macht, durch Zwang dazu anzuhalten, wenn Ermahnungen nicht helfen.

Auch die Propheten, Bischöfe, Apostel, Priester arbeiten. Brigham Young selbst ist Zimmermann und besitzt mehrere Sägemühlen. Ich selbst habe ihn Bäume unter die Maschine schieben sehen. Je mehr gearbeitet wird, desto reichlicher der Zehnte. Dieser fließt aber nicht blos in die Hände der Priester, sondern alle Staats- und Kirchenbauten, Schulen, Universitäten und sonstige öffentliche Anstalten werden daraus unterhalten.

Was hier eigentlich für ein Recht gilt, das habe ich noch nicht erfahren können: das Territorium als solches ordnet sich der Constitution der Union unter und erkennt die Staatsgewalt des Präsidenten der Vereinigten Staaten an; im Privatverkehre ist das oberste Gesetz das der völligen Gleichheit und Gleichberechtigung, es gibt keine Privilegien und keine Exemtionen, und der gesunde Menschenverstand entscheidet im einzelnen Streitfall. Nicht einmal ein Strafgesetz ist codificirt, obgleich es durch göttliche Offenbarung erlangt sein soll. Jedenfalls ist dieses »Gesetz des Herrn«, wie man es nennt, hart, es bedroht, wie ich höre, viele Vergehen mit dem Tode, so den Ehebruch, und geht dabei von der falschen Voraussetzung aus, daß ohne Blutvergießen eine Vergebung der Sünden unmöglich sei. – Unser Freund, der Apostel Phelps, lud mich neulich zu einem Concert und Ball in »The Lords Chorehouse«, und ich muß gestehen, daß die hier vorgetragene Musik den leipziger Gewandhausconcerten Ehre gemacht haben würde. Die Musiker sind aber auch hoch geehrt, sie sollen in England von einem Apostel bekehrt sein und haben auf der Wanderung durch die Wüste und die Wildnisse des Indianerlandes das Volk Zions von Nauvoo bis Deseret durch Posaunenklänge, Hörner, Clarinetten bei gutem Muthe erhalten.

Das Concert begann mit einer Jubelhymne und die meisten der vorgetragenen Stücke trugen einen ernsten, religiösen Charakter. Nach beendigtem Concert trank man gemeinschaftlich Thee, dann begann der Ball. Die Toiletten wie in Neuyork oder Cincinnati; Crinoline von ungeheuerm Umfang; Gesichter, wenig hübsch. Young selbst hatte nur zehn, die jüngsten von seinen Frauen, mitgebracht und eröffnete den Ball mit einem Hopser. Außer meinem Feldmesser waren unverheiratete Tänzer überall nicht zugegen, und dieser machte Eroberungen. Den Urbonzen hopsen zu sehen, machte mir viel Spaß, aber ich selbst mußte auch daran, der Photograph Julius Linde brachte mir seine jüngste Angesiegelte, ein niedliches Frauchen von siebzehn Jahren, dänischer Abkunft, wie denn die größere Anzahl der Mormonen hier aus Dänen, Schweden und Engländern besteht.

Das Hauptgebrechen, an welchem der Mormonismus leidet, scheint mir zu sein, daß man die Frauen nicht als gleichberechtigt ansieht, ihnen eine andere Bedeutung als »Mutter zu sein in Israel«, d. h. als Mittel, aus dem Territorium möglichst bald einen Staat zu machen, nicht zuschreibt. Da man aber den Mädchen dieselbe gute Erziehung gibt wie den Knaben, so ist ein Zustand, der das ganze weibliche Geschlecht entwürdigt, auf die Dauer nicht aufrecht zu halten. Die gegenwärtige Generation stammt meist noch aus den niedern Ständen, den Bauern Schwedens und Dänemarks, aber in der heranwachsenden habe ich viele hübsche, feine Gesichter bemerkt. Eine der Töchter Young's, eine schwarzäugige Schöne, läßt es sich sehr angelegen sein, unsern Proviantmeister, den Kentuckier, zum Mormonenthum zu bekehren; er hat zugesagt, sie zu heirathen, wenn Eisenbahnbänder Californien mit dem Osten verbinden.

Die Eisenbahnen und die Metallreichthümer der Felsengebirge werden das Mormonenthum umwandeln, die Vielweiberei mindestens vernichten, denn ich zweifle keinen Augenblick, daß die Felsengebirge, die wir überschritten haben und die wir vor uns sehen, ebenso voll Gold und Silber stecken als die Gebirge Californiens und die von uns entdeckten Colorados.

Außer uns gibt es hier noch eine größere Anzahl Heiden, darunter auch ein Dutzend Juden, die natürlich nur Handel treiben. Auch an Chinesen fehlt es nicht, sie verrichten die schwierigsten Arbeiten, und ich werde einige von ihnen, die über die Felsengebirge schon herübergeklettert sind, engagiren, da sie zu allen Dingen Geschick haben.

 

Den 10. März.

Wir sind noch immer hier, aber nicht unthätig. Einer der Professoren an der Universität hat mir ziemlich genau Kunde gegeben über die zwei Pfade, welche die Auswanderer, die Goldsucher, über die Sierra-Nevada zu nehmen pflegen, und mir eine recht gute Karte über den Humboldtspaß und den Hastingspaß gegeben, die ich copire. Danach scheint mir das Ufer des Humboldtflusses am geeignetsten zu sein zur Anlage einer Bahn. Auch erhielt ich nähere Auskunft über Deseret selbst. Das Becken von Utah, oder vielmehr die verschiedenen Becken, sind von den Felsengebirgen bis zur Sierra-Nevada 600 englische Meilen lang und 300 Meilen breit. Der Salzsee selbst ist von der Stadt 20 englische Meilen entfernt, er ist 120 Meilen lang, 40 Meilen breit und enthält sieben gebirgige Inseln; lebende Wesen, Fische, enthält er nicht, während das Todte Meer doch wenigstens Eine Fischart aufzuweisen hat. Ertrinken würde hier unmöglich sein. Der schöne See ist von 4–10000 Fuß hohen Bergen eingefaßt, welche am Fuße mit immergrünen Fichten bedeckt sind, deren Gipfel aber meistens in ewigem Schnee glänzen. Wir schifften mit einem Segelboote nach einer der größten Inseln des Sees, die einen paradiesischen Anblick gewährte.

Es fließen vier Ströme in den See, ohne daß man bisjetzt einen Abfluß aus demselben entdeckt hätte. Der Hauptfluß in Utah ist der silberne schöne Jordan, der aus dem Utahsee kommt, einem Süßwassersee, an den Königsee erinnernd, wegen der steilen Bergabhänge, die gleichfalls Felswände von gewiß 6–7000 Fuß bilden.

Alle die kleinen Thäler der großen Becken sind auf Hunderte von Meilen hin in Cultur gesetzt, mit kleinen niedlichen Wohnhäusern aus Adobes, mit rebenumrankten Veranden, von schattigen Ahornbäumen, Espen, Pappeln, Maulbeerbäumen umgeben. Der Boden ist bei weitem nicht so gut als der Prairieboden in Kansas oder Missouri, aber die Mormonen haben durch künstliche Bewässerung auch dem schlechtesten Boden die herrlichsten Früchte abzugewinnen gewußt. Sie sind ein sehr arbeitsames Völkchen.

Sonntags hörte ich den Präsidenten selbst predigen; er ermahnte zur Industrie und Frugalität, sprach von seiner großen Baumwollenspinnerei und Weberei und redete viel von einem neuen Bewässerungssystem. Es waren gewiß 4000 Personen in der Bowery, es war nämlich die erste Sommerpredigt in der schon grünenden Laube. Ein Frauenzimmer begleitete den vor und nach der Predigt stattfindenden Gesang auf dem Melodium; eine große Orgel wird erst für den Tempel gebaut. Der Schluß der Rede des Präsidenten, den ich mir angemerkt habe, lautete: »Die Heiligen des Jüngsten Gerichts sind das glücklichste Volk der Erde, das fleißigste, friedlichste. Wenigstens würden sie es sein, wenn nicht ein paar elende, stinkige Advocaten in der Whiskystraße jederzeit bereit wären, Hader anzustiften und für 5 Dollars zu beweisen, daß Schwarz nicht Schwarz, sondern Weiß sei.«

Die Latterday-Saints sind überhaupt keine finstern sauertöpfischen Frommen, wie unsere Schwarzen in Deutschland es mindestens zu scheinen sich bestreben, sie zeichnen sich nicht durch besondere Tracht aus, tragen keine weißen Halstücher, Bäffchen, Talare, Halskrausen, unterscheiden sich im Benehmen weder von den Nichtheiligen noch von uns Heiden, arbeiten alltags gleich andern Einwohnern Neu-Jerusalems, indem sie entweder Ackerbau, ein Handwerk oder Handel betreiben, der hier, wo sich zwischen San-Francisco und Saint-Louis noch kaum eine größere Stadt befindet, einen Knotenpunkt von großer Bedeutung hat.

Der Präsident hält für seine Kinder und Enkel eine eigene Schule, es waren das 34 Schüler und Schülerinnen im Alter von vier bis siebzehn Jahren, und alle sahen klug und gut aus. Davon waren drei seine Enkel, die übrigen seine Söhne und Töchter. Ich hatte mir vorgestellt, der Unterricht in Neu-Jerusalem würde auf Staatskosten ertheilt; dem ist nicht so, jeder Ward der Stadt hält seine eigene Schule, und die Unterrichtskosten belaufen sich vierteljährlich auf 4–10 Dollars je nach den niedrigern oder höhern Klassen.

Am Tage vor dem Schulbesuche war im Hause Brigham's eine Geschichte vorgefallen, die mich lebhaft an eine in der Heimat erlebte Begebenheit erinnerte. In Göttingen war ich Augenzeuge, als der Professor der Theologie, Gieseler, in der Barfüßerstraße ein Kind, das in die Gosse gefallen war und schrie, als wenn es am Spieße steckte, emporhob und es tröstend fragte: »Wem gehörst du denn, mein Kind?« – Das Kind, etwa fünf Jahre alt, hörte sofort mit Weinen auf, sah den Mann groß an und sagte: »Kennst du mich denn nicht, Papa? ich bin ja deine Minna!«

Der Theologe hatte mehr zu denken, als daß er alle seine vierundzwanzig Kinder hätte kennen sollen.

Zu Brigham gehen alle, die Rath bedürfen, Schlichtung von Streitigkeiten herbeiführen wollen, sich über dieses oder jenes zu beschweren haben. So kommt denn auch eine Frau um Abhülfe gegen die Ungerechtigkeit eines Kirchenältesten. Brigham thut, als ob er sie kenne, als er aber die Beschwerde zu Protokoll zu nehmen beginnt, ist er doch genöthigt zu sagen: »Wart' einmal, Schwester, ich habe deinen Namen vergessen!« »Meinen Namen?« erwidert sie unwillig, »ich bin ja deine Frau!«

So war es; das sind die Folgen der Pluralität.

Gestern ist der erste Zug Goldsucher angekommen, sie bringen die erfreuliche Nachricht mit, daß sich eine Compagnie in Columbus, einer neuen Stadt in Nebraska, gebildet hat, die Stationshäuser auf der ganzen Route nach Californien und eine Postverbindung über die Felsengebirge anlegen will. Wir können dann auch bald aufbrechen.

Die Goldgräber haben aus dem Osten auch dicke Packete Zeitungen mitgebracht, die sie hier verkaufen. Ich habe einen solchen Packen gekauft, um zu sehen, was es in Europa gibt. Da lese ich denn zu meinem Erstaunen, daß ihr in Hannover seit November vorigen Jahres mit einem blinden König von Gott begnadigt seid. Ich finde das nicht schön vom lieben Herrgott.

Wenn nach gemeinem Rechte (so viel habe ich aus Ribbentropp's Institutionen noch behalten) ein Blinder unfähig ist, ein Testament auf gleiche Weise wie ein anderer zu machen, wie soll nun jemand, der nicht für fähig gehalten wird, ein Testament zu machen, ein Volk regieren können? Zu allen öffentlichen Aemtern konnte im alten Rom nur ein Sehender zugelassen werden. Wer nicht lesen, wer nicht schreiben kann, wie soll der regieren können?

Das alte deutsche Recht verlangte, damit jemand sein Erbe antreten könne, er gehe »ungehebt, ungestabt und ungeführt«, und der Bundestag hat den Herzog Karl von Braunschweig noch vor zwanzig Jahren für regierungsunfähig erklärt, weil er einige tollere Streiche machte als andere Fürsten, gewiß aber kaum toller, als sein Vormund sie gemacht hatte, als er gleichalterig war. Ich weiß nicht, für welche Sünden ihr Hannoveraner durch diesen blinden König gestraft werden sollt, aber eine Gottesstrafe ist ein solcher. Da will ich doch zehnmal lieber unter der Herrschaft eines Mormonenpräsidenten wie Brigham stehen.

Wahrlich, ein Volk, das sich das gefallen läßt, einen Blinden zum König zu haben, ist werth, mit Skorpionen und Sklavenpeitschen gezüchtigt zu werden. Soviel ich weiß, hat, solange die Welt existirt, noch nie ein Blinder einen Thron bestiegen. Lebe wohl, beglückter Hannoveraner!

Wenn Du mich einer Antwort würdigst, so adressire den Brief an meine Frau in Pittsburg.

Dein Hellung.

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