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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 86
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Zehntes Kapitel.
Umtriebe der Sklavenbarone.

Die Erzählung des biedern Schiffskapitäns hatte unsern Reisenden in ein träumerisches Nachdenken versinken lassen. Nur flüchtige Blicke warf er auf die wechselnden Scenen der Landschaft, zwischen denen das Boot dahinglitt. Bald wurde seine Aufmerksamkeit lebhaft aufgereizt.

In Wheeling mußte das Boot längere Zeit halten, theils um Kohlen einzunehmen, theils weil ein Trupp berittener Pflanzer drei eingefangene Sklaven, mit schweren Ketten beladen, in das Schiff brachte. Ein vierter wurde in einer Hängematte auf das Schiff und dann in den untersten Raum getragen, die Bluthunde hatten ihn ganz zerfleischt und ein Arzt, der sich zufällig an Bord befand, zweifelte an seinem Aufkommen.

Die Pflanzer, Gesetzgeber und Senatoren auf dem Deck ließen sich von den glücklichen Menschenjägern die Einzelheiten der Jagd erzählen, lobten sie und die Bluthunde und wünschten ihnen Glück.

»Diese Niggerhunde«, sagte Senator Mason, »die von der Vorsehung zu Sklaven geschaffen sind, denn sie sind halb Menschen, halb Lastthiere, werden in der Nähe dieses verruchten Quäkerstaats (er deutete auf das linke Ufer des Ohio), den wir gottlob! bald aus dem Gesicht verlieren, zu kühn; es ist die höchste Zeit, daß wir strengere Gesetze gegen die flüchtigen Sklaven, namentlich aber gegen alle schaffen, welche ihnen zur Flucht behülflich sind.«

»Ja«, sagte unser Freund, der Kentuckier Lincoln Hickory, der inmitten der Pflanzer und Baumwollbarone saß, »es müßte bestimmt werden, daß jeder flüchtige Neger bei den Beinen aufgehangen würde, das könnte sie abschrecken. Unsere Sklaven werden auch durch die verdammten Quäker verdorben, näseln schon sämmtlich methodistische Lieder, predigen von Gleichheit vor dem Herrn, wollen ein ehrsames christliches Leben führen, einige können sogar lesen und schreiben und predigen sonntäglich aus der Bibel.«

»Jeder, der seine Nigger unterrichten läßt«, meinte ein Pflanzer, »müßte als ein zur Flucht Helfender angesehen und bestraft werden.«

»Nun, bei uns«, sagte der Inhaber einer Zuckerplantage in Louisiana, » fällt es keinem ein zu dulden, daß seine Nigger lesen und schreiben lernen, nicht einmal Haussklaven.«

»Haben bei uns aber auch einen heillosen Respect vor den Carolinas und Louisiana; jammern und schreien, wenn sie nach unten verkauft werden«, fiel ein Virginier ein.

»Es lebe die Sklavenjagd«, sagte ein prosklaveristisches Congreßmitglied, indem es eine Flasche Champagner entkorkte und mehrere Gläser einschenkte, » Willkommen den Sklavenjägern!«

Der Kapitän war hinzugetreten und sagte: »Die Tigerjagd, pflegte ein ostindischer Offizier meiner Bekanntschaft zu sagen, ist ein herrlicher Zeitvertreib! Zuweilen wendet sich der Tiger aber um und jagt uns, dann ist der Spaß vorbei.«

»Ihr wollt damit doch nicht sagen, daß die Niggerhunde es je wagen würden, sich gegen uns zu wenden?« schrie ein Senator aus Virginien.

»Mit Eurer Erlaubniß, Herr Senator, gerade das wollte ich sagen, nichts mehr, nichts weniger, fahrt nur fort mit Euerm Auspeitschenlassen, mit Euern Sklavenjagden, und die Nigger werden das Beispiel von San-Domingo nachahmen!«

»Ho, ho!« schrie ein anderer Virginier, »das ist eine schamlose Lüge und Ihr seid ein Abolitionist.«

»Herr! auf diesem Schiffe bin ich der Herr und lasse mich nicht beleidigen!« sagte der Kapitän und zog den Revolver aus dem Gürtel; von seiten der Pflanzer zuckten Messer und knackten die Hähne von Revolvern; es wäre zum offenen Kampfe gekommen, wenn nicht auf der einen Seite der Kentuckier gegen die Leute, in deren Kreise er saß, aufgetreten wäre, während von der andern Seite Baumgarten und unsere deutschen Flüchtlinge den Kapitän in seine Kajüte zogen.

»Leben in einem freien Lande«, sagte Hickory, »calculire, daß der Kapitän in seinem eigenen Hause frei von der Leber wegsprechen darf. Keinen Streit mit dem Kapitän, kenne ihn, ist ein verdammter Kerl, wäre im Stande, sich und uns alle in die Luft zu sprengen, denn er liebäugelt mit den Abolitionisten.«

Das wirkte. Die Herren wurden um ihr eigenes Leben etwas besorgt, da jeder, der den Mississippi oder Ohio befuhr, täglich die Erfahrung machen konnte, wie leichtsinnig solche Dampfbootkapitäne mit dem Leben der Passagiere spielen.

Lincoln Hickory trat lachend in die Kapitänskajüte ein und sagte: »Denen habe ich eingeheizt, und wenn Ihr, Kapitän, jetzt etwas unterheizen laßt, als wolltet Ihr eine Wettfahrt zur Hölle machen, etwas mehr Dampf, als mit dem wir fahren, so kommen sie vor Point Pleasant nicht aus der Furcht heraus. Verdienen es! Ich habe sie auch ausgepumpt nach allen Richtungen. Wollen eine Kossuthfeier veranstaltenDie Kossuthfeiern fanden erst ein Jahr später statt, als hier in unserer Erzählung; sie wurden von allen Parteien an allen Orten begangen, wo der Ungar sich blicken ließ, und waren ein Ausdruck des Hasses, den man in Nordamerika allgemein gegen die Habsburg-Lothringer hegte, die man als die schlimmsten Feinde jeder nationalen Selbständigkeit, als Urheber und Schützer alles geistlichen und weltlichen Drucks in Europa betrachtete. , und haben Congreß und Senat auf acht Tage vertagt deshalb, aber in Wirklichkeit ist ihr Zweck, so viel Prosklavereimänner als möglich zu versammeln und Verabredungen zu treffen, wie ein Gesetzentwurf über das Einfangen flüchtiger Sklaven am besten durchzubringen sei, und was von den Einzelstaaten aus geschehen muß, um einen Druck auf den Congreß auszuüben; auch wollen sie sich wegen der nächsten Präsidentenwahl schon jetzt zu verständigen suchen.

»Der Gesetzentwurf ist von Mason ausgegangen und wahrhaftig nicht übel. Der Senator hielt mich für einen so guten Genossen, daß er mir einen Blick in den Entwurf gestattete.

»Die staatliche Behörde, nicht etwa Richter, sondern außerordentlich zu ernennende Commissare, welche zu entscheiden haben, ob das Recht auf Auslieferung eines in Anspruch genommenen Sklaven begründet sei, sollen zehn Dollars erhalten, wenn sie die Beweise für genügend, fünf Dollars, wenn sie dieselben für ungenügend erklären. Jeder, welcher sich des Einfangens und der Auslieferung widersetzt, soll mit Geldbuße bis zu tausend Dollars oder mit Gefängniß bis zu sechs Monaten bestraft werden, Beihülfe zur Flucht möchte man mit dem Tode belegen. Außerdem muß der Eigenthümer des Sklaven entschädigt werden.«

»Das scheint ja dasselbe Gesetz zu sein«, fiel Baumgarten dem Kentuckier ins Wort, »das Webster in seiner Rede vom 7. März als höchst moralisch anpries. Wenn einer aus dem Norden das gethan, was wird da der Congreß thun? Ich fürchte, er nimmt die Schande auf sich und läßt den Entwurf passiren.«

»Geht der Entwurf nicht durch, so denkt man aus der Union zu scheiden, und da das schwerlich ohne Krieg abgehen möchte, so will man Kossuth schmeicheln und sich durch ihn ungarische Offiziere verschreiben lassen. Point Pleasant hat man zur Feier gewählt, um ungestörter unter sich zu sein.

»Senator Hammond sprach es offen aus: Revanche für Pavia! wir müssen Revanche haben für die Californienbill, das Einfangungsgesetz meines Freundes da betrachte ich nur als eine geringe Abschlagszahlung. Wir müssen entweder Mexico oder Mittelamerika nehmen und sie in Sklavenstaaten verwandeln, wenn wir das Gleichgewicht zwischen Süden und Norden wiederherstellen wollen; oder aber wir müssen Europa überzeugen, daß Sklaverei eine göttliche Ordnung der Dinge ist, daß ohne Sklaven die andere Menschenklasse unmöglich bestehen kann, welche sich der Geistesbildung und Civilisation widmet. Man weiß das in Europa längst, man hat dort weiße Sklaven, nur nennt man sie nicht so. Man muß Europa überzeugen, daß es besser ist, diese Prüderie aufzugeben, und die Arbeiter wieder zu Sklaven und Leibeigenen zu machen. Unser Norden ist prüde und heuchlerisch zugleich; er knechtet seine Arbeiter und unsere Sklaven will er emancipiren.«

Man sprach noch vieles hin und her über die damals gerade auf der Tagesordnung stehende Sklavenfrage, ohne das Thema zu erschöpfen.

Gegen Abend kam man bei Point Pleasant an; die Stadt und der Landungsplatz waren bekränzt, eine zahlreiche Menschenmenge empfing die erwarteten Gesetzgeber, Senatoren, Congreßmitglieder mit Musik und zahlreichen Hochs.

Als dieselben das Deck verlassen, befahl der Kapitän, Deck und Herren- wie Damensalon auszuräuchern.

Man fuhr in der Nacht noch bis Burlington, sah in Trompeton die Sonne aufgehen und nahm nun zum ersten Reiseziel die Königin des Westens, Cincinnati, zwischen Ohio nordwestlich und Kentucky südöstlich.

Oskar Schulz, der immer an den amerikanischen Zuständen herumkrittelte, begann, als man am andern Morgen bei dem ersten Frühstück auf dem Deck saß und rechts und links die herrlichsten Gelände durchfuhr, den gestrigen Vorfall zwischen dem Kapitän und den Sklavenfreunden zu beleuchten, um darzuthun, daß man, wenn man die altenglischen Staaten verlassen habe, auf einen wahrhaft mittelalterlichen faustrechtlichen Zustand stoße.

Robert Baumgarten entgegnete: »Mein Vater sagt: Bedürfnisse und Interessen regieren bisjetzt die Welt, Amerika aber hat das Bedürfniß nach Freiheit, und das sichert ihm die Zukunft.«

So kam man dazu, die Frage zu erörtern, ob es wahr sei, daß Bedürfniß und Civilisation in einem innigen Zusammenhange stehen. Man stritt viel darüber. Hellung sagte: »Die Fragen: bedeutet Bedürfnißlosigkeit Geistesarmuth? und: sind viele Bedürfnisse ein Zeichen von Bildung und Geistesreichthum? lassen sich so allgemein gar nicht beantworten. Man muß unterscheiden zwischen leiblichen und geistigen, durch Volksthümlichkeit, Erziehung, Stand, Mode, Lebensalter herausgebildeten Bedürfnissen, und den jedem Menschen gleichmäßig innewohnenden: es giebt natürliche und künstliche Bedürfnisse.

»Das allen Lebenden gemeinsame Bedürfniß ist das zu essen und zu trinken. Dieses Bedürfniß ist bei Kindern, ehe der Geist entwickelt oder von Vorurtheilen eingenommen ist, ziemlich gleichartig. Ich habe wenigstens nie gehört, daß höchstgeborene Kinder etwa nur die Milch der höchsteignen Mutter, oder mindestens hochadeliche oder adeliche Milch genießen wollen. In der Regel versieht ein kräftiges Bauermädchen Ammendienste, und das erste Blut, das in einem jungen Prinzen oder einer Prinzeß durch eigene Nahrung erzeugt wird, stammt von Bürger- und Bauernblute. Das Sprichwort sagt: Hunger ist der beste Koch, und Hunger und Durst lassen manches essen, was eigentlich nicht zur Nahrung des Körpers bestimmt scheint. Dann kommt Gewohnheit und Sitte dazu und befestigt auch das unnatürlichste Nahrungsmittel, z. B. bei manchen Völkern Thonerde, oder Arsenik in Steiermark.

»Jede Gegend und jedes Klima hat in Beziehung auf Essen und Trinken verschiedene Bedürfnisse; der Grönländer hält seinen Fischthran für Ambrosia und verzehrt ein Talglicht mit Vergnügen, der Portugiese und Spanier kann tagelang von wenigen Zwiebeln leben, es giebt in Asien und Afrika viele Millionen Menschen, die niemals ein Stück Fleisch verzehrt, und in China gehören die Ratten zu den Delicatessen. Das Bedürfniß, gut zu essen und gut zu trinken, ist Sache der Erziehung, der Angewöhnung, der Kunst. Daß schlechte Nahrung auf Körper und Geist nachtheilig wirkt, kann man glauben, ohne Arzt zu sein; daß aber feine Nahrung und Leckerbissen auf Körper und Geist besonders wohlthuend wirkten, habe ich nie erlebt, vielmehr waren die Leute, die nur der Gourmandise lebten, regelmäßig geistesarm, und starke Esser waren meist geistesträge, freilich nicht ohne Ausnahmen. Wie Freund Riesser in Frankfurt unter allen Parlamentsmitgliedern bei Tisch die beste Klinge führte, so war auch seine Zunge immer schlagfertig.

»Man sollte in der That darauf achten, daß Kinder nicht zu früh nur Gutschmeckendes zu essen und zu trinken lernen. Wenn so ein achtjähriger Knabe in einen Apfel oder eine Birne beißt und sie mit Lust verzehrt, wenn sie auch noch unreif sind, so ist das eine Lust anzusehen. Wenn ich aber so ein achtjähriges Gräfchen bei dem ›Verderber‹ sitzen sah, Austern verzehrend und mit dem Freiherrn von neun Jahren an seiner Seite darüber streitend, ob Fasanenbraten einem Birkhuhne vorzuziehen sei, so hätte ich dreinschlagen mögen; oder wenn ein solches Zieräffchen von sieben Jahren neben der Mama auf der Terrasse saß und davon sprach, daß das Eis bei Trepp am Altmarkte doch viel besser sei als das, was man auf der Terrasse bekomme.

»Daß es einen Unterschied macht, ob man Whisky oder sonstigen Kartoffelfusel, oder ein Glas Ungarwein trinkt, glaube ich auch, aber hier entscheidet in der Regel weniger der Geschmack als der Beutel. Es ließe sich über Essen und Trinken noch manches sagen. Neben diesem existirt ein ebenso allgemeines Bedürfniß für den Menschen, das des Schlafens.«

»Zum Teufel mit deiner Bedürfnißtheorie«, fiel Oskar Schulz dem Ingenieur in die Rede (er war schon als Student ein Langschläfer gewesen und war es noch, konnte aber bis tief in die Nacht hinein arbeiten, und fürchtete jetzt, daß Hellung ihn in altgewohnter Weise mit seinem Bedürfnisse zum Ausschlafen aufziehe); »ich habe auch ein Bedürfniß, um dessen Befriedigung ich viel gäbe, ich möchte einmal wieder ein gutes Glas bairisch Bier trinken, und wenn die Compagnie danach wäre, dazu singen:

Das Jahr ist gut,
Braunbier ist gerathen.«

»Mit ersterm kann ich dienen«, sagte der Kapitän, »singen kann ich nicht. Aber dann müßt Ihr in die Kajüte kommen, denn ich führe das Bier nur für mich und möchte bei den andern Passagieren kein Bedürfniß anregen, das ich nicht befriedigen kann.«

Der Ohio durchläuft von Pittsburg bis Cincinnati eine Strecke von beinahe fünfhundert englischen Meilen, und bei der schnellsten Fahrt amerikanischer Dampfer dauert eine Reise bis zur Königin des Westens doch immer sechs bis sieben Tage, da das Ein- und Aussteigen der Passagiere, das Holz-, Kohlen- und Wassereinnehmen Zeit erfordert. Wir haben nur eine Probe davon gegeben, wie unsere Freunde sich unterhielten; man vertrieb sich die Zeit mit Lesen, Schachspiel, Disputiren und trank dem Kapitän sein bairisches Bier aus. Ob Oskar Schulz dazu kam, sein burschikoses Bedürfniß zu befriedigen: dem Proviantmeister und Kentuckier die Melodie des Liedes: »Das Jahr ist gut«, beizubringen, wissen wir nicht; wir können uns aber denken, daß es ihm kein Leichtes war, bei der Uebertragung in das Englische den rechten Ton zu treffen.

In Cincinnati verließen unsere Freunde den Dampfer, der nach Saint-Louis weiter hinabbrauste; Cincinnati war das Reiseziel Theodor Baumgarten's. Die Königin des Westens hatte Pittsburg in vielen Beziehungen überflügelt, zählte schon über 120000 Einwohner, Dampfschornsteine ragten überall, wohin man sah, empor, und am Landungsplatze drängten sich Dampfer an Dampfer, auf den Werften wurden eiserne und hölzerne Schiffe gebaut. Cincinnati hatte vor Pittsburg die zahlreichen Verbindungswege nach allen Himmelsgegenden voraus. Sechzehn Chausseen führten nach allen Richtungen; außer der mächtigen Wasserstraße des Ohio hatte es schon mehrere Eisenbahnverbindungen; die Bahn nach Saint-Louis, die Indiana und Illinois durchschnitt, kürzte den langweiligen Wasserweg von 680 Meilen auf eine Fahrt von zwei Tagen und einer Nacht; eine zweite Bahn nach Columbus, dem Mittelpunkte Ohios, war gleichfalls fertig; eine dritte nach Indianapolis in Angriff genommen, gleich wie man östlich nach Frankfurt und Lexington in Kentucky baute, und über Mariella östlich schon mit Baltimore und dem Atlantischen Meere in Verbindung stand.

Es waren im letzten Jahre nahe an fünftausend Dampfschiffe gelandet und über hundert vom Stapel gelassen. Von der Natur mit reichen Steinkohlenlagern gesegnet, ebenso mit Eisenerzen, sah dieser Ort eine großartige Eisenindustrie sich entwickeln; aber man stand den Pittsburgern noch in vielen Dingen nach. Die meisten Eisenbleche zu den in Cincinnati erbauten Eisendampfern wurden noch aus dem Walzwerk unserer pittsburger Freunde bezogen, und Gußstahlschienen herzustellen war ein Fabrikgeheimniß derselben.

Dennoch war die Concurrenz der Eisenindustrie Cincinnatis den pittsburger Fabriken fühlbar geworden, und jetzt handelte es sich darum, eine Filiale in Cincinnati einzurichten. Der jüngere Baumgarten, der Bergwissenschaften studirt hatte, wollte ein Eisen- und Kohlenbergwerk kaufen, wie den Platz zur Fabrikanlage. Der Ingenieur sollte hier ein halbes Dutzend Feldmesser in Empfang nehmen, der Kentuckier wollte Speck und Schinken für die Expedition einkaufen; denn die Königin des Westens schlachtete damals schon an zwei Millionen Schweine jährlich und verstand sich vorzüglich auf das Einpökeln.

Oskar Schulz besah sich Land und Leute, sah sich auch ein Dutzend der achtundsiebenzig Kirchen an, die Cincinnati schon aufwies, die Bierbrauereien, probirte den Wein, der hier in großer Menge gezogen wird.

Noch im August waren alle Vorbereitungen zu der Reise nach Westen getroffen; die Freunde nahmen Abschied von Baumgarten und trabten dem Westen zu.In allem Geschichtlichen, was Nordamerika betrifft, ist der Verfasser der vorzüglichen dreibändigen Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika von Karl Friedrich Neumann gefolgt. Bei Beschreibung der Reise über das Felsengebirge, der Zustände in Utah, die das folgende Kapitel bringt, diente ihm ein 1867 in deutscher Uebersetzung bei Bliß und Comp. in Neuyork erschienenes Werk. von Albert D. Richardson, mit 250 guten Holzschnitten und Stahlstichen, und die englische Schrift selbst nach mühsamem Suchen in den auf Staatskosten gedruckten: »The Railroad Surveys; Explorations for the Survey of a Railroad-Route between the Pacific and the Mississippi.« Das Werk, welches den größern literarischen Anstalten Europas von der Regierung zum Geschenk gemacht werden sollte, findet sich auf der göttinger Bibliothek nicht, ich fand es in Bremen im Privatbesitz eines Bekannten. Wie für die Kosten der Untersuchung der Gegenden zwischen Mississippi und dem Stillen Ocean 340000 Dollars vom Kongreß bewilligt wurden, so wurde nachträglich (am 16. Mai 1865) die Summe von 49000 Dollars allein für den Stich der Karten und Zeichnungen zu jenem Werke bewilligt. Ein zwölfter Band ist auf Privatkosten erschienen.

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