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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 85
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Neuntes Kapitel.
Auf der Fahrt nach Westen.

Es war Anfang August, als ein leichter Korbwagen, von vier Rappen gezogen, unsere deutschen Freunde nebst den Amerikanern Robert Baumgarten, dem Oberfeldmesser Andrew Word und dem schlauen Kentuckier Lincoln Hickory über die Stadt Hannover nach der Grenze Pennsylvaniens dem Ohio zufuhr. Eisenbahnverbindungen wie heute gab es damals zwischen Pittsburg und Wheeling noch nicht. Man wollte einen Ohiodampfer überholen, der schon am Tage zuvor von Pittsburg abgefahren war, indem man den großen Bogen, welchen der Fluß erst nach Norden zu machen beliebt, zu Lande abschnitt. Die Sonne brannte heiß auf das rothweiß gestreifte Kattundach des Wagens, die Reisegesellschaft saß in leichtester Sommerkleidung von ungebleichter Leinwand mit breitränderigen Panamahüten, Cigarren und Cigaretten rauchend, und fuhr auf Steubenville zu. Am Ohio angekommen, sah man die Dampfwolken des Elefanten, so hieß der Dampfer, den man hier erwarten und besteigen wollte, noch mehrere Meilen weit nördlich in der Gegend des columbischen Liverpool, und die Deutschen glaubten, reichlich Zeit zur Einnahme eines Lunch am diesseitigen Ufer zu haben. Allein der Proviantmeister trieb zur sofortigen Ueberfahrt; »der Strom ist hier mindestens achtzehnhundert Fuß breit«, sagte er, »und die Strömung mächtig.«

Der Mann hatte recht, die Ueberfahrt ging nicht so schnell, als es aussah, und kaum hatte man den jenseitigen Landungsplatz erreicht, als auch schon das Signal der Glocke des Elefanten zum Aus- und Einsteigen rief. Ein amerikanischer Dampfer fährt mit der doppelten Kraft und Schnelligkeit eines Rhein- oder Donauboots, und die Strömung des Ohio bis zu den Fällen von Louisville ist eine schnellere als die der Donau von Linz bis Wien.

Es war ein Koloß von Dampfbootdreidecker, dieser Elefant, ein Schiff, wie man es nur auf dem Missouri, Mississippi und Ohio sieht.

Der Kapitän, ein Mitglied der Loge zu den Cedern des Libanon, begrüßte die Ankömmlinge, die er schon erwartete, von seinem erhabenen Standpunkte.

Auf dem überzelteten Deck wimmelte es von Swells und Dandies, welche sich namentlich in der Nähe des Damenzelts zu schaffen machten. Hier hatten, wie es schien, ein paar creolische Schönheiten einen dichten Kreis von Plantagenbesitzern aus dem Süden, die man auf den ersten Anblick von den Bewohnern des Ostens oder Westens unterschied, um sich versammelt. Während die Angekommenen eilten, den Kapitän zu begrüßen, blieb Oskar Schulz in der Nähe der Creolinnen stehen, gleichsam wie bezaubert und gebannt von dem Augenschlag der jüngern Schönheit, eines Mädchens von etwa funfzehn Jahren. Der Kapitän ließ seinen Steuermann den Platz auf der Brücke einnehmen und lud die Brüder in seine Kajüte. Als er Oskar nach den Creolinnen starren sah, stieß er einen kräftigen Fluch aus und faßte den jungen Mann bei den Armen, ihn mit Gewalt die Treppe hinabziehend.

»Sind Schlangen, böse giftige Schlangen, diese Creolinnen«, brummte er, als sie in seine Wohnräume eingetreten waren. »Sind die schlimmsten aller Evatöchter, verführerische, blutig wollüstige Weiber, von denen man junge Männer fern halten muß. Wahre Satansbrut!«

»Kapitän, unsere Magen bellen, könnten wir ein gutes Frühstück haben?« sagte der Kentuckier.

»Ist schon bestellt, dazu auch kühl gelegter Rheinwein.« Es erschien auch schon ein Mulattenknabe, die Tische zu decken, und bald darauf ein schwarzer Koch mit weißer Jacke und Beinkleidern, der kalten Reh- und Hirschziemer, Salem, Brot, Maiskuchen, Butter und Bärenschinken auftischte. Die Reisenden hatten Appetit und sprachen den Speisen und Getränken gehörig zu.

Der Kapitän allein aß nicht, er rauchte eine starke virginische Cigarre und schenkte sich dazu fleißig ein.

»Das ganze Schiff steckt voll von Sklavenbaronen«, sagte er, »kribbelte mir schon unter den Fingern, unterheizen zu lassen, daß wir alle eine Luftfahrt machten, sie in die Hölle zu führen. Weiß nicht, was diese Virginier und Caroliner im Schilde führen, Gutes gewiß nicht. Die ganze Bande ist beisammen; Jefferson Davis, Senator Hunter, Senator Mason aus Virginien, verschiedene Congreßmitglieder, die sämmtlich bis Point-Pleasant eingeschrieben sind. Auch die Creolinnen, die verfluchten, wollen dahin.«

»Ich werde hinaufgehen, wenn ich gefrühstückt habe«, sagte der Kentuckier, »mich verführt keine Creolin; ich werde den Prosklavereimann so gut spielen, daß ich in einer Viertelstunde euch berichten kann, was sie wollen. Zur Vorsicht will ich indeß mein Messer und meinen Revolver zu mir stecken.«

Oskar Schulz hatte eine ganze Zeit stumm und still gesessen, ohne an dem Frühstück teilzunehmen, er sah sich hier von einem Fremden, den er zum ersten mal im Leben gesehen hatte, wie ein Schulknabe bevormundet, und hatte nicht übel Lust, dem Amerikaner zu zeigen, daß er kein Knabe mehr sei. Indeß, der Kapitän lud ihn mit so unbefangener Freundlichkeit ein, von dem Bärenschinken zu probiren, den er vor einigen Tagen erst von einem Hinterwäldler gekauft, daß er seinen Verdruß niederzwang und an der gemeinsamen Arbeit teilzunehmen begann, als Hellung schon aufstand und eine an der Wand hängende Karte des Laufes des Ohio zwischen Ohio und Virginien ins Auge faßte. Sein Geist haftete an dem Namen, den er vorhin aus dem Munde des Kapitäns als den Ort hatte bezeichnen hören, wo ein großer Theil der Passagiere aussteigen würde. Er fand den Ort und fragte: »Point-Pleasant, der Name kommt mir so bekannt vor, wo habe ich den gehört?«

»Du wirst«, erwiderte Baumgarten, »von der furchtbaren Schlacht gelesen haben, die hier die Indianer unter ihren großen Häuptlingen Cornstalk, dem rothen Falk und Logan den Virginiern lieferten, eine Schlacht, die zehn volle Stunden dauerte und ohne einen glücklichen Handstreich des Obersten Levis allen zwölfhundert Virginiern das Leben gekostet haben würde. Sie waren zwischen dem Ohio und dem großen Canahwe eingeschlossen und von den auf ihre Skalpe begierigen Rothhäuten gänzlich umstellt.«

Unser Hannoveraner, der indeß durch einige Gläser Rheinwein seine gute Laune wiedererhalten, fragte den Kapitän: »Aber Kapitän, was habt Ihr gegen die Creolinnen?, das sind doch, meine ich, ganz andere Dinger als euere kalt und spröde thuenden Quäkerinnen in Philadelphia und Pennsylvanien oder die ätherischen Ladies von Neuyork?«

»Ihr sollt es hören, Dutchman«, erwiderte dieser, legte die Beine auf den Tisch und ließ sich durch den Mulatten, der zur Aufwartung geblieben, ein Glas Eiswasser reichen. »War ein Bürschchen jung von Jahren, spürte kaum den ersten Flaum am Barte, Untersteuermannsgehülfe auf einem Mississippidampfer, der von Saint-Louis nach Neuorleans fuhr. Wir hatten noch einige hundert Meilen bis zur Weltstadt am Mississippi, es war im December, das Wetter prächtig, Neuorleans fieberfrei; freute mich auf die Stadt, die ich zum dritten mal sehen würde.

»Da stiegen in Natchez zwei Creolinnen ein, stiegen oder tanzten vielmehr mit einer so naiven Grazie auf das Deck, schlank, geschmeidig, schwebten über das Deck, hatten Augen so tief und glühend wie der Mississippi, wenn die letzten Sonnenstrahlen in ihm untergehen, so verlockend, daß alle Männeraugen ihnen folgten.«

»Hört! Hört!« rief Baumgarten, »der Kapitän fängt an poetisch zu werden.«

»Damn!« seufzte der Kapitän, »ich selbst war außer mir, war von einem Blicke bezaubert. Als die ältere der Doncellas an mir, der ich an der Stelle des Siesta haltenden Kapitäns das Commando versah, vorüberging, die Augen aufschlug, glaubte ich in den Himmel zu blicken.

»Vermaledeit, diese Augen! Wußte die ältere und erfahrenere dieser Sirenen oder Nixen es so einzurichten, daß sie vielmals des Tags immer dahin trippelte, wo mein Dienst mich fesselte, und im Vorbeischweben sandte sie mir Blicke zu, die bis zu meinen innersten Herzfasern einbrannten. Ich junger Narr war wahnsinnig verliebt, ehe wir nach Neuorleans kamen, nahm Urlaub und folgte den Sirenen nach Saint-Charles-Hotel, dem prächtigsten, aber theuersten Wirthshause, das ich je im Leben gesehen. Da lebten wir herrlich und in Freuden, wurde aber ganz Sklav der schönen noch nicht zwanzigjährigen Witwe Doralice, obgleich ihre Sklavin Diana offenbar jünger und jungfräulicher, milder und zarter war.

»Aber Doralice war eifersüchtig; seitdem sie einmal meine Blicke länger auf Diana ruhen sah, deren außerordentliche Aehnlichkeit mit ihrer Herrin mir auffiel, war ich beinahe immer allein mit ihr.

»O! wie konnte das Weib reizen! Ich will nur Eins erwähnen. Eines Abends, als wir des Genusses beinahe nicht mehr mächtig waren und uns an Confect, süßen Früchten und Champagner erholten, befahl sie Diana zu sich und flüsterte dieser etwas ins Ohr. Diese entfernte sich, auch Doralice verließ mich. Mein süßestes Leben, sagte sie, schlaf ein Stündchen, hinterher werde ich dir ein Schauspiel für die Götter vorführen.

»Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen, eine Mulattin mit einem Pfauenwedel schützte mich vor Mosquitos und sonstigen Unholden. Da erwachte ich von den Klängen eines Tamburins nebst Castagnetten. Ich flog empor. Die Mulattin öffnete die Thür zu einem Zimmer, welches mir bis dahin unbekannt war. In der Mitte dieses Zimmers hingen von vergoldeten Haken der mindestens zwanzig Fuß hohen Decke vier seidene Schnüre herab.

»Drei Mulattenmädchen saßen auf einem erhöhten Platze und machten Musik, die eine spielte Guitarre, die zweite handhabte das Tamburin, die dritte die Castagnetten.

»Doralice war in eine Art spanischer oder mexicanischer Männerkleidung gehüllt, Diana in eine reizende bis zum Knie reichende Basquina, welche die schlanke im Knospen befindliche Gestalt derselben vortheilhaft hervorhob. Herrin und Dienerin begannen, nachdem die ersten Takte der Musik erschollen waren, jede eine der seidenen Schnüre zu ergreifen und sich in eine langsame schwebende Bewegung zu setzen, mehr gehend als tanzend. Der Spanier verfolgte die Doncella, die sich dieser Verfolgung auf die graziöseste Art zu entziehen wußte, indem sie entweder zurückschwebte oder flog, oder eine Seitenbewegung, soweit es die lange Schnur erlaubte, oder gerade auf den Mann, wie sich ihm ergebend, zuschritt, dann aber, in seine Nähe gekommen, nach einer der leeren Schnüre mit der andern Hand griff und seinem Versuche, sie zu umarmen, sich graziös entzog. Kein Laut kam von den Lippen der Tanzenden, aber jeder Blick, jede Bewegung sprach. Die Musik begann einen schnelleren Takt, und rascher, leichter, feuriger wurde der Tanz; die Tanzenden wurden lebendiger, die Augen zündender, der ganze Körper zitternd vor Begierde. Schneller und schneller umkreiste sich das Paar, flog aneinander vorüber, im Fluge die Lippen aneinander drückend. Die Musik stimmte ein Allegro an, die Castagnetten klapperten heftiger, zum Angriff und Sieg mahnend, wie die Trommeln in der Schlacht. Aber die Doncella war noch nicht bereit, sich besiegen zu lassen, sie ging vielmehr zum Angriff über, sie schwebte jetzt an zwei Schnüren und wußte diese so geschickt um die Schnur des Tänzers zu verwickeln, daß die Schnüre sich verwoben, umschlangen, verkürzten, die Körper aneinander näher brachten; Diana's Blicke wurden schmachtender, zärtlicher, die des Spaniers womöglich noch funkelnder. Als er aber schon Sieger zu sein glaubte, den Arm um die Taille der Tänzerin schlingen wollte, um diese ganz zu haben, ließ diese eine der Schnüre fahren, gab der andern einen entgegengesetzten Schwung und schwebte nun rückwärts, den rechten Arm in zarter Rundung haltend, als sei sie bereit, den Verfolger darin aufzunehmen. Allein dieser schien etwas gelernt zu haben, man sah es ihm an, er war der Liebesneckerei müde, er wollte siegen. Er ergriff das zweite seidene Seil und schwang sich in entgegengesetzter Richtung um das Mädchen, die Schnüre verwoben sich, verkürzten sich immer mehr, der Tänzer wurde fieberischer, glühender, begehrlicher. Das war keine Kunst mehr, das war bacchische Lust, sapphische Wuth. Diana schien den Widerstand aufzugeben, sie schaute schmachtend, verlangend, liebedürstend; da umschlingt sie der Spanier, indem er die Schnur, die er bis dahin in der rechten Hand hielt, in die Linke nimmt, mit dem rechten Arme. Die Körper verschlingen sich, wie die Schnüre, sie bilden nur noch Eins. Diana hat den Spanier mit beiden Armen umschlungen, dieser hat alle vier Schnüre gefaßt und hindert dadurch das Auseinanderrollen, jene hat die Schnüre losgelassen und hängt nur in seinen Armen.

»Ich mußte die Augen schließen, ich konnte diesen üppigsten aller Tänze, die ich je geschaut, nicht mehr ansehen, mein Blut tobte fieberhaft durch meine Adern. Was sind alle Tänze europäischer Ballettänzerinnen, Pariserinnen, Wienerinnen, wie ich sie in Neuyork und Boston gesehen, gegen diesen Tanz? Als ich die Augen wieder aufschlug, waren die Mulattenmädchen wie Diana verschwunden, ich war allein mit Doralice, die in meinen Armen sich von den Anstrengungen des Tanzes erholte.

»So hielt sie mich fest mit tausend Banden der Sinne und Lust, machte mich ganz zu ihrem Sklaven. Mein Boot fuhr den Mississippi ohne mich hinauf, ich folgte ihr nach Red River, wo sie in der Nähe von Natchitoches eine große Plantage besaß.

»Was wollte sie mit mir? Wollte sie mich heirathen, mich zum Mitbesitzer ihrer Reichthümer machen? Oder sollte ich nur ihr Lustsklave sein?

»Ich war in einer Stimmung, daß ich nicht mehr denken konnte, hatte keinen Willen mehr, Gefühl, Phantasie aber wurden gelenkt von dem Augenzucken der Creolin. Es war, als habe sie mein Blut vergiftet, als stecke spanisches, mexicanisches Blut in mir; wie hätte man auch nur einen Augenblick kalt bleiben können, wenn sie neckte oder reizte, wenn sie mit den schwimmenden Augen zu winken schien und dann, jede Zärtlichkeit abwehrend, bis zum Wahnsinn reizte!

»Wir waren acht Tage auf der Plantage, mit nichts beschäftigt als auf der Veranda zu sitzen und zu rauchen – Doralice rauchte ihre Paquillas wie ein Mann –, in Hängematten zu liegen und uns zu schaukeln und durch Pfauenwedel die böse Insektenwelt von uns abwehren zu lassen, zu essen, zu trinken, zu küssen, zu lieben. Meine Gebieterin hatte noch eine andere Abwechselung: bei der dreimaligen Toilette zankte sie Diana aus, die ihr seit einiger Zeit nichts mehr zu Dank machen konnte. Diese, wenn sie sich unbemerkt glaubte, schaute mich mit einem unendlich wehmüthigen, beinahe mitleidigen Blick an, als wollte sie sagen: Arme, verlorene Seele, ich bedauere dich. Doch lag zugleich ein Mehreres in dem Blick, etwa: wie keuscher, inniger, seelischer würde ich dich lieben!

»Abends, wenn die Kühlung eingetreten war, trabten wir manchmal an den Ufern des Flusses hinauf, oder ließen uns, um die Flußkühlung zu genießen, von den Schwarzen hinaufrudern, um herunterzusegeln. Doralice wußte mit ihrem Rosse so gut umzugehen wie mit dem Segel.

»So waren vierzehn Tage verschwunden, ich hatte mich an das Nichtsthun rasch gewöhnt; die Siesta war mein Bedürfniß und ich schlief auch des Nachts, in mein Mosquitonetz gehüllt, gut, wenn ich überall zum Schlafen kam.

»Eines Nachmittags, nach langer Siesta, ich hatte sie nöthig, denn in der Nacht vorher war es Doralice eingefallen, mich den indianischen Stricktanz zu lehren, die ›Chica von Yucatan‹, wie sie ihn nannte, und ich war ein schlechter Tänzer und ihr allein fiel die Arbeit zu, die seidenen Stricke so zu verschlingen, daß unsere Lippen sich berühren konnten und wir zu Eins zusammenschmolzen – da erhob sich dieselbe aus ihrer Hängematte, flüsterte dem Negermädchen mit dem Pfauenwedel, das sie gewiegt hatte, einen Befehl zu und winkte mir, ihr zu folgen.

»Als ich mir unter der Veranda, wo Diana saß und mit einer Flechtarbeit beschäftigt war, eine Cigarre anzündete, sagte diese leise: ›Nehmt Euch in Acht, sie hat eine schlechte Siesta gehabt, sie ist ermattet und begierdelos, sie muß Blut sehen!‹

»Indeß brachte das Niggermädchen Fächer und ein Instrument, dessen Bedeutung ich noch nicht kannte; es war eine Sklavenpeitsche. Doralice nahm letztere unter den Arm und den Fächer in die Hand, wir gingen dem Sklavendorfe zu, das ich noch nicht betreten hatte, obgleich es kaum eine Viertelstunde vom Herrenhause lag und sich bis zum Ufer des Red River hinstreckte, wo eine hohe Tafel anzeigte, daß hier Holz (zum Heizen der Dampfer) verkauft werde, vier Dollars die Klafter.

»Wir kamen zu den Negerhütten, die mir in dem erbärmlichsten Zustande zu sein schienen. In der ersten wohnte ein alter Sklav, der schon der Mutter der jetzigen Herrin angehört hatte, Brutus genannt, wohlgelitten, weil sehr arbeitsfähig und arbeitswillig; von schwerer Arbeit in den Plantagen entlastet, hielt er den Garten in Ordnung. Er hatte seine Herrin als Kind auf den Armen getragen, sie in der Hängematte gewiegt, ihr den ersten Reitunterricht ertheilt, ihren Pony gesattelt und sie auf ihren Ausritten begleitet und beschützt. Er saß vor seiner Hütte und schnitzte Blumenstöcke für das herannahende Frühjahr.

»Als wir näher kamen, erhob er sich, nahm seinen Hut, aus dem Blatt einer Palme geformt, von dem schwarzen Wollkopfe und sagte, mich vom Scheitel bis zur Zehe musternd, mit gutmüthigem Grinsen: ›Matrosenblut, Missis, Nummer sieben, oh! Brutus zählen können Missis, gar nicht so dumm sein, als aussehen.‹

»Doralice erblaßte und wurde dann von Zornespurpur übergossen, sie reichte mir die Sklavenpeitsche und sagte: ›Zählt dem frechen Nigger fünfundzwanzig über, daß die Hunde sein Blut lecken!‹

»Ich warf die Peitsche vor ihre Füße und sagte: ›Ich bin kein Sklavenaufseher!‹

»›Aber du bist mein Sklav und gehörst mir‹, schrie sie voll Wuth und Rachbegier, ›oder du sollst selbst die Peitsche fühlen!‹ Das schöne Weib sah einer Furie ähnlich, sie erhob die Peitsche vom Boden, und da ich schwieg und nur verächtlich lächelte, erhob sie die Peitsche gegen mich und würde mich über das Gesicht geschlagen haben, wenn ich ihre Hand nicht abgefangen hätte. So trafen mich nur einige Lederriemen der Peitsche mit ihren Knoten und verursachten mir einige blutunterlaufene Striemen im Gesichte. Ich bog das schwache Handgelenk zurück, sodaß das Weib kraftlos zu meinen Füßen zusammenbrach. Brutus stand mit den Augen eines Tigers hinter ihr, er hatte die Peitsche, die der Gebieterin entfallen, aufgenommen, und es bedurfte nur eines Winkes von mir, sie wäre auf die zarte Herrin niedergefallen und hätte Rache genommen für Hunderte von erlittenen Mishandlungen.

»In diesem Augenblicke kam Diana. beugte sich über die Herrin, die ohnmächtig auf der Erde lag, und hob sie empor, während sie dem Nigger befahl, frisches Wasser zu schaffen, womit sie Stirn und Schläfe der Herrin netzte. Als sie wieder zu sich kam, griff sie nach ihrer Taille, als ob sie etwas suche, und sagte dann mit einem Blick und einer Miene, die mich nicht zweifeln ließen, daß sie die Wahrheit sage: ›Hätte ich meinen Dolch bei mir oder meinen Revolver, du wärst längst eine Leiche.‹

»Dann schritt sie, auf Diana gestützt, dem Herrenhause zu.

»Der Nigger starrte hinter ihnen her; danach, als er sie weit genug entfernt wähnte, sagte er leise: ›Master, diesen Ort verlassen, fliehen, so schnell als Ihr könnt, Missis böse, sehr böse Frau sein, nicht treu sein, seit Mann todt, Ihr Nummer sieben. Brutus Euch treu bis in den Tod.‹

»Ich war längst entschlossen, mich aus diesem Lasterleben und Müßiggang emporzuraffen, mit dem nächsten Dampfer nach Neuorleans herabzufahren, meinen Kapitän um Verzeihung zu bitten, oder, wenn es sein mußte, als Matrose zu dienen. Zu diesem Zwecke packte ich meine wenigen Sachen und ging, von Doralice Abschied zu nehmen, die unter der Veranda saß und sich von Diana Eisumschläge um die rechte Hand, die ich ihr verdreht habe, legen ließ.

»Als ich mich nahte, zog sich Doralice in ihr Boudoir zurück, wohin sie mich folgen hieß. Sie saß vor einem zierlichen Schreibtische und hatte die rechte Hand auf den Tisch gelegt, wo sie dieselbe gleichsam vor mir unter einem Batisttuche verbarg.

»Als ich näher trat, sagte sie, mich zärtlich anblickend:

»›Verzeihe meine Heftigkeit, süßes Leben, bleibe hier, sei wieder gut, habe mich so lieb, wie ich dich liebhabe!‹

»›Ich kann die Hand, die mit der Sklavenpeitsche nach mir schlug, nicht wieder zärtlich drücken‹, erwiderte ich.

»›Nun so fahre zur Hölle‹, schrie sie, und in demselben Augenblicke blitzte ein Schuß aus einem kleinen Revolver, den sie unter dem Batisttuche verborgen, und ich stürzte an die Stirn getroffen zu Boden.

»Zum Glück hatte die Kugel das Stirnbein nur gestreift bis auf den Knochen freilich, – die Narbe seht Ihr hier.« Er strich die Haare von der linken Stirn, und eine feuerrothe, etwa einen Finger breite Narbe lief von dem Stirnbein über das Ohr weg.

»Ich lag von der Gehirnerschütterung bewußtlos, die Wunde blutete stark. Wie mir Diana später erzählte, warf sich die Mörderin weinend und wehklagend zu meinen Füßen, schrie, klagte sich selbst als Mörderin an, nannte mich mit den süßesten Namen, küßte mich, kurz sie sprang in das entgegengesetzte Extrem über. Sie verwünschte sich selbst und verschwendete tausend Liebkosungen an den Verwundeten, sog das Blut aus meiner Wunde und geberdete sich wie eine Wahnsinnige.

»Diana rief Brutus herbei, er trug mich auf ein Ruhebett, legte den Kopf hoch, wusch ihn mit kaltem Wasser, während Diana Eisumschläge bereitete. Brutus war eine Art Arzt, der die Wunden seiner schwarzen Brüder und Schwestern auf der Plantage, an denen es nie fehlte, zu heilen pflegte, er konnte Blutungen stillen, das Fieber heilen, Verbände anlegen. Er legte einen Leinwandverband auf die Wunde, und Diana umhüllte mir den Kopf mit einer Ochsenblase, welche mit kleingestoßenem Eise gefüllt war. Ich kam zu mir und schlug die Augen auf, in demselben Augenblicke, als Doralice sich über mich beugte und mich küssen wollte. Ich schauderte unwillkürlich zusammen und schloß die Augen.

»Doralice verbarg ihr Gesicht in das Kopfkissen, auf dem ich ruhte, und weinte heiße Thränen. Plötzlich sprang sie empor und befahl Brutus, ihren Hengst und ein Pferd für ihren Reitknecht satteln zu lassen, sie selbst wollte nach Natchitoches, um ärztliche Hülfe zu holen, sie wollte mit dem Arzt zurückfahren, der Reitknecht solle ihr Pferd nach Hause zurückführen.

»Als die Huftritte verhallt waren, schlug ich die Augen auf und richtete mich in die Höhe. Ich fühlte mich bei vollem Verstande, fühlte kaum Schmerz an der Wunde, war frei von Kopfweh. Diana wollte, um meine Eisblase besorgt, meinen Kopf niederbeugen, ich beruhigte sie über mein Befinden, dankte ihr für ihre Pflege und drückte ihr einen Kuß auf die Stirn. Dann versprach ich, mich ruhig hinzulegen, mich ihrer Pflege zu überlassen, wenn sie mir die nähern Aufklärungen über sich und ihre Herrin gebe. Sie versprach dies.

»Ich legte den Kopf jetzt so, daß ich sie ansehen konnte, und Diana erzählte: Doralice ist, wie wenigstens Brutus behauptet, meine Stiefschwester, väterlicherseits. Meiner Mutter erinnere ich mich nicht mehr. Brutus, der Haussklave bei dem Ehemanne der Mutter Doralicens, einem Herrn Birks, war, erzählt: diese, Chloë mit Namen, sei eine Quadrone gewesen, die Birks von einem mexicanischen Händler in Charleston kaufte. Sie war sehr schön und anstellig und der Herr, ein alter häßlicher Gesell, verliebte sich sterblich in sie, aber Chloë war klug, sie ergab sich dem Herrn erst, nachdem sie frei und seine Frau geworden war.

»Zwei Jahre war Birks vermählt, ohne Aussicht, Kinder zu haben. Er wohnte damals noch in Südcarolina auf einer Plantage, die er dort besaß. Der Arzt verordnete der Frau ein vielgerühmtes Bad in Tennessee, und siehe, dasselbe bewährte seine Wirksamkeit; Chloë fühlte sich Mutter, der Plantagenbesitzer schwamm in einem Meere voll Wonne.

»Noch vor der Geburt Doralicens kam ein neuer Sklavenaufseher, ein Weißer, den die Herrin im Bade Tennessee kennen gelernt hatte und der zugleich beabsichtigte, sich in Südcarolina anzukaufen, wenn er die Verhältnisse näher kennen gelernt habe. Birks hatte ihn auf Empfehlung seiner Frau engagirt, er nannte sich Booths. Es war noch ein junger Mann, dessen Vater, wie Brutus bei seiner Liebe in der Nachbarspflanzung gehört haben wollte, ein Prediger in Pittsburg gewesen sein solle und Smith geheißen habe. Dieser junge Mann habe sein ganzes Vermögen, eine Pflanzung mit zweihundert Sklaven, in Charleston verspielt, und besitze nur noch eine kostbare Diamantbrosche.

»Brutus entdeckte schon in den nächsten Tagen vertrautere Beziehungen zwischen Booths und Chloë, und als sein Herr verreiste, sah er den Sklavenaufseher nachts in die Gemächer der Herrin steigen, die selbst eine Strickleiter an ihrem Fenster befestigt hatte. Daraus schließt Brutus, daß Doralice das Kind dieses Booths sei, und erklärt ihre große Aehnlichkeit mit mir und manches andere.

»Nach der Geburt Doralicens kaufte Birks diese Pflanzung am Red River und verkaufte die Plantage in Südcarolina mit der Hälfte aller Sklaven an den Sklavenaufseher, wie es hieß um den Preis jener kostbaren Diamantbrosche, welche Chloë zu besitzen wünschte und die Doralice noch besitzt.

»Nachdem Booths in Carolina Herr der Plantage geworden war, begann er ein Liebesverhältniß mit einem siebzehnjährigen Quadronenmädchen, dem ich meine Geburt verdanke. Birks starb übrigens bald, Brutus glaubt an Gift, von seinem ungetreuen Weibe ihm beigebracht, das statt zu trauern nach Neuorleans ging und dort ausschweifend gelebt haben soll. Sie kehrte erst nach einem Jahre als Gattin Booths' heim, sie hatte die Jahresernte der Plantage einem Nachbar verkauft und daher auch die Sklaven diesem bis zur Ernte verdungen. Doralice war inzwischen einer Amme, gleichfalls Quadrone, in Obhut gegeben worden.

»Die Bedingung, unter welcher Chloë meinen Vater heirathete, war die, daß er meine Mutter nach Norden, wenigstens nach Nordvirginien oder Kentucky verkaufe. So wurde ich von meiner Mutter getrennt, Doralicens Mutter war, wie alle Frauen mit spanischem Blute, eifersüchtig.

»Ich habe meine Mutter nie wiedergesehen, nie erfahren können, wo sie verkauft ist. Ich sollte der drei Jahre altern Halbschwester als Gespielin dienen und erhielt vom sechsten Jahre an mit ihr Unterricht bei einer Französin, die aus Neuorleans engagirt war. Wir lernten lesen und schreiben, was die Mutter nicht konnte, wir lernten französisch, empfingen Unterricht im Tanzen, sogar im Gehen, und lernten uns bewegen.

»Doralice wußte schon in ihrem dreizehnten Jahre Eroberungen zu machen, sie war kokett und übte ihre Augenkünste auf jedermann, der ihr gefiel. Das geschah auf öftern Reisen nach Neuorleans; denn Chloë machte dahin viel häufigere Ausflüge, als es Booths zu gefallen schien, und die Tochter, meistens auch ich, begleiteten sie.

»Doralice und ich standen nie sehr vertraut, sie zeigte mir von Kindheit an, daß sie mich nicht liebe, daß sie sich als ein höheres Wesen, mich als zum Dienen geboren betrachte. Sie quälte mich in jeder Weise, schlug mich, ließ mich sogar durch den Sklavenaufseher schlagen, ohne daß ich ihr etwas zu Leide gethan hätte, blos nach Laune. Als sie erwachsener war, trat immer mehr die Herrin hervor, nur zeitweilig war sie freundlich, manchmal zärtlich, aber auf eine Art, die mich erschreckte.

»Mein Vater entschädigte mich heimlich durch Liebkosungen, wenn ich von Doralice oder ihrer Mutter ungerecht bestraft war. Er mußte das sehr heimlich thun, es gab eine große Scene, wie ich mich aus meiner frühesten Kindheit erinnere, als seine Frau ihn dabei überraschte, daß er mich als fünfjähriges Kind auf den Arm nahm und küßte.

»Als Doralice sechzehn oder siebzehn Jahre alt war, bewarb sich ein reicher Nachbar und Plantagenbesitzer, ein ganz ansehnlicher Mann von etwa vierzig Jahren, um sie. Die Mutter begünstigte diese Bewerbung in jeder Weise, denn die Tochter stand ihrer Sucht, selbst Eroberungen zu machen, im Wege und hatte bei der letzten Fahrt zur Stadt, wie Neuorleans schlechthin genannt wurde, allein die Aufmerksamkeit der jungen wie alten Herren auf sich gezogen. Das konnte die Mutter nicht ertragen, sie predigte Doralicen täglich die Vortheile einer Heirath.

»›Liebe‹, sagte sie, ›ist beim Heirathen Nebensache, je weniger man den Mann liebt, je eher kann man ihn zum Sklaven machen.‹ Die Tochter ließ sich wenigstens die Aufmerksamkeiten, die Amaria, so hieß der Nachbar, ihr darbrachte, und seine reichen Geschenke gefallen und schien ausprobiren zu wollen, wie weit sich derselbe von ihr werde beherrschen lassen.

»Um diese Zeit reiste Chloë allein, das heißt ohne uns, nur in Begleitung ihrer Kammerzofe und eines Niggers zur Stadt. Dort erlag sie dem Fieber. In ihrem Testament hatte sie die Tochter zur Erbin eingesetzt, unter der Bedingung, daß sie Amaria heirathe, außerdem war ihr auferlegt, mir niemals die Freiheit zu geben, mich auch nie zu verkaufen, namentlich nicht an Booths. Diesem hatte sie hundert Sklaven vermacht, wenn er die Pflanzung sofort verlasse und auf die eigene in Südcarolina ziehe.

»Die Stiefschwester war nun Herrin. Mein Vater wollte auf die hundert Sklaven verzichten, wenn sie mich dafür abtreten wolle, allein sie nahm das Testament der Mutter zum Vorwande ihrer Weigerung, und er mußte ohne mich abziehen. Seitdem warf er sich auf die Politik, ist Congreßmitglied und einer der eifrigsten Prosklavereimänner und Nichtiger.

»Doralice heirathete Amaria, der als erstes Zeichen seiner Botmäßigkeit seine Pflanzung bis auf zweihundert der besten Sklaven verkaufen mußte. Sie brachten die Flitterwochen in demselben Bade hin, in welchem die Mutter meinen Vater kennen gelernt hatte, ohne jedoch dieselben Wirkungen zu erzielen. Die junge Frau war die Königin des Tages, die Regentin aller Vergnügungen, der die gesammte Männerwelt zu Füßen schmachtete. Amaria war gutmüthig und kurzsichtig, er sah nur schmachtende Liebhaber und war stolz auf die Schönheit seiner Frau, er sah nicht die erhörten. Doralice mußte mich in das Vertrauen ziehen, und ich weiß, daß sie ihrem Manne schon nach wenigen Wochen untreu wurde, wie sie jedem ihrer Anbeter untreu geworden ist.

»Nach dieser Badesaison fing dann hier ein ziemlich langweiliges Leben an. Doralice, die mir verpflichtet war und ihre Langeweile nicht dadurch vertreiben konnte, daß sie mich quälte, wie sie das früher gethan, ging, wenn es ihr an Erregungen fehlte, in das Negerdorf, wo sich beständig Veranlassung zu Züchtigungen fand. Sie war gefürchteter als der Sklavenaufseher selbst, mehr als eine Sklavin ist auf ihren Befehl zu Tode geschlagen, sie schonte weder Mutter noch Kinder. Misfiel ihr ein Gesicht, so war ein Grund zur Strafe leicht gefunden. Der Gemahl hatte es nicht besser, sie geizte mit jeder Gunstbezeigung, die sie im Bade doch gegen Dritte verschwendet. Im August, als das Fieber in der Stadt war, und jedermann, dem dies möglich war, Neuorleans verließ, sandte sie den Gemahl dorthin, um ihr Kleider und Schmuck zu kaufen. Er kam nicht zurück, er wurde das Opfer der Krankheit.

»Jetzt war Doralice frei, eine neunzehnjährige Witwe. Nach acht Wochen, als die kühlere Jahreszeit kam, fuhr sie hinauf nach Kentucky, wo bei Frankfurt ein neues Bad Modebad des Südens geworden war. Ich mußte sie begleiten, aber mein Gesicht färben, daß ich das Ansehen einer Mulattin bekam, wodurch die Weiße ihrer Farbe gehoben wurde. Hier war die schöne Witwe in Halbtrauer, die ihr reizend stand, von einem neuen Schwarm von Anbetern umgeben. Sie hatte die Wahl und, wie es schien, auch die Qual, denn sie wechselte oft.

»Dort war es, wo ein herumziehender Barnum vier Quadronenmädchen producirte, die unter anderm, halb bekleidet, jenen üppigen Tanz, den wir in Neuorleans vor Ihnen aufführten, tanzten. Meine Herrin war so entzückt von diesem Tanze, daß sie keine Vorstellung versäumte und mich mit sich nahm, damit auch ich den Tanz erlerne. Sie selbst nahm Unterricht im Tamburin- und Castagnettenschlagen und ließ in ihrem Zimmer vier seidene Schnuren anbringen, an denen sie mit mir den Tanz nachtanzte, wenn wir aus der Vorstellung kamen.

»Mit Widerwillen sah ich mich genöthigt, den Tanz zu lernen, mit noch größerm Widerwillen vor den gerade begünstigten Liebhabern der Herrin mit ihr zu tanzen.

»Doralice führte einen ihrer Liebhaber aus dem Bade mit hierher und lebte ungescheut mit ihm, als wäre er ihr Gatte. Nach einem Vierteljahre zankte sie mit ihm, zückte den Dolch nach ihm, er ward entlassen. Dann fuhren wir wieder den Red-River hinab und den Mississippi hinauf, bis meine Herrin einen neuen Gegenstand ihrer Leidenschaft gefunden und zu ihrem Sklaven gemacht hatte.

»Glauben Sie nicht, daß Sie der erste sind oder der letzte sein werden, der durch die tausend Künste meiner Herrin in ihr Netz gelockt ist. Es ist mir ein Trost gewesen, daß keiner von Ihren sechs Vorgängern, obgleich sie sämmtlich der untergeordneten, arbeitenden Klasse angehörten, sich dazu hergeben wollte, aus einem abgethanen Liebhaber ein Sklavenaufseher zu werden, der aushülflich einmal wieder als Liebhaber herangelockt werden konnte. – –

»Diana schwieg. Mir wirbelte der Kopf, aber es kam mir ein glücklicher Gedanke. Einer meiner frühern Kameraden fuhr seit kurzem das Dampfboot Alexandria zwischen Neuorleans und Natchitoches. Ich hob mich aus dem Bette und bat Diana, mir Papier und Schreibzeug zu verschaffen, wenn sie mit mir nach dem Norden entfliehen wollte; auch Brutus könne uns begleiten. Diana war durch die Aussicht, der Herrschaft Doralicens zu entkommen, so entzückt, daß sie versprach, mir die treueste Sklavin und meinem Wünschen und Wollen beständig unterthan zu sein, während der herbeigerufene Brutus nur sagte: ›Treu sein bis in den Tod!‹

»Ich will aber keine Sklaven, ihr sollt frei werden; vor allem schafft Papier, Feder und Tinte!«

»Ich schrieb dem Kapitän der Alexandria, daß er seine nächste Fahrt so einrichten möge, daß er bei Doralicens Pflanzung während der Thalfahrt des Nachts Holz einnehme, ich sei dort nicht besser als Gefangener, werde aber in Gemeinschaft mit zwei Sklaven fliehen, die er bis Neuorleans verbergen und sicher auf ein Schiff nach Neuyork bringen müsse.

»Brutus versprach den Brief zu besorgen, er kenne den Nigger, der den Doctor fahre, auch wolle er den Sklaven beim Einladeplatze benachrichtigen, die Antwort in Empfang zu nehmen.

»Kaum waren die nähern Verabredungen der gemeinsamen Flucht getroffen, als ein Wagen heranrasselte; ich nahm meine alte Stellung im Bett wieder ein und Diana legte die Eisblase auf die Wunde. ›Klagen Sie über heftiges Kopfweh, so werde ich mit Eisumschlägen fortfahren müssen und bei Ihnen bleiben dürfen‹, flüsterte sie mir zu, ›denn Doralice hat keine Geduld, auch nur eine Stunde hier auszuhalten.‹

»Bald darauf trat diese mit dem Arzte ein; dieser nahm den Verband ab, untersuchte die Wunde mit der Sonde, erklärte den Schädel für unverletzt, und da ich über Kopfweh klagte, verordnete er, daß mit den Eisumschlägen fortgefahren würde, und verschrieb ein Recept.

»Brutus wurde beordert, mit dem Doctor zu fahren und die Medicin zurückzubringen. So konnte er den Brief an den Kapitän der Alexandria selbst besorgen, vielleicht sogar Antwort mitbringen. Diana verständigte sich mit ihm durch die Augensprache.

»Doralice, von den Anstrengungen des Rittes und der Rückfahrt ermüdet, zog sich bald in ihre Gemächer zurück; so war ich denn mit meiner liebevollen und zärtlichen Pflegerin allein, welche in allem, was sie that, eine entgegengesetzte, zartere, weiblichere Natur zeigte als ihre wilde Stiefschwester. Mich umfing bald ein stärkender Schlaf, auch Diana war vor meinem Bette eingeschlummert.

»Doch, ich sehe, wir nahen uns Wheeling, und da muß ich auf meinen Posten. Wozu auch weitere Details? Die Flucht glückte, Diana ist in Neuyork an einen reichen Kaufmann verheirathet, und Brutus treibt dort Negerdoctorei. Doralice habe ich nie wiedergesehen, es müßte denn jenes dreimal verdammte Creolenweib da oben in eigener Person sein. Nun, Dutchman, wenn Ihr noch Lust habt, mit den Creolinnen Bekanntschaft zu machen, so ist es Zeit, in zwei Stunden verlassen sie das Boot.«

Damit verließ uns der Kapitän.

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