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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Sechstes Kapitel.
Verrath und früher Tod.

Das Jahr 1774 war ein höchst merkwürdiges in Bezug auf die Witterung des Frühjahrs. Schon im März wehte ein warmer feuchter Südwind, der auch im April fortdauerte, sodaß schon Anfang April in Norddeutschland alle Aepfel- und Birnbäume in Blüte standen und die Eichen grün waren. In Blüte und noch üppiger stand auch das Herz Claasing's, denn wer hätte dem Liebreize Melusinens widerstehen können, wenn sie sich bemühte, liebenswürdig zu sein? Manchen Abend ritt derselbe aber auch, wenn er keine Botschaft der Königin zu überbringen hatte, herüber nach Hannover, im wilden Galop durch grüne Eichen und öde Heide dahin sprengend. In Schillerslage stand ein Pferd, ein Geschenk der Gräfin, für ihn bereit, das ihn schnell über Bothfeld in schöne Arme trug. Es zog ihn aber nicht allein die Liebe, es zog ihn auch seine Hauptleidenschaft, das Spiel, nach Hannover. Aber Spielglück und Liebesglück zeigte sich auch hier nicht vereint.

Während der Reisestallmeister in der Göhrde und Celle lebte, hatte er keine Gelegenheit zum Spiel gefunden und sich ein recht hübsches Sümmchen zurückgelegt. Seitdem er im Lager zu Bischofshole die Bekanntschaft vieler hannoverischer Offiziere gemacht, war ihm Ahle's Schenke bekannt geworden, wo sich allabendlich Cavaliere und Offiziere im hintersten Zimmer versammelten, um König Pharao Opfer zu bringen. Wenn es auch schien, als wolle das Glück sich dem Jüten einmal zuwenden, es war Fortunes Lächeln von kurzer Dauer. Dieser glaubte ihre Liebe ertrotzen zu können. Die Leidenschaft des Spiels soll ja darin ihren Grund haben, daß das Verlieren denselben, ja noch größern Genuß gewährt als das Gewinnen, es steigert die Begierde. Glückliche Spieler sind weniger leidenschaftlich erregt als unglückliche, und gerade diejenigen, denen es lediglich um den Gewinn zu thun ist, die Bankhalter, pflegen in der Regel gänzlich leidenschaftslos zu sein. Der Glaube, es mit dem unbekannten Etwas, das wir Glück nennen, aufnehmen, durch unsern Willen darauf einen Einfluß ausüben zu können, das innere Erbosen, wenn dies nicht gelingen will, das ist es, was zum Spiele drängt. Endlich muß sich doch einmal das Blatt wenden, sagte sich der Spieler jedesmal, wenn er sein Erspartes angriff, oder aus den mannigfachen schönen Börsen, die in seinem Schreibpult lagen, die letzten blanken Dukaten herausnahm. Aber es blieb beim alten, das Geld schwand und Wechsel mußten ausgestellt werden.

Melusinens Freigebigkeit wurde öfter in Anspruch genommen, als es Claasing selbst schicklich dünkte, aber Ehrenschulden und Wechsel kannten kein Gebot. Nach Kopenhagen hatte er nur sehr magere Berichte senden können, denn das Leben der Königin Mathilde war in der Göhrde sowol als in Celle so einfach und unverdächtig, daß sich darüber nichts berichten ließ. Noch niemals war ein schleswig-holsteinischer oder dänischer Adelicher in ihre Nähe gekommen, sie hatte auch niemals Briefe von dort empfangen. Um etwas berichten zu können, hatte er nach dem Artilleriemanöver an Juliane geschrieben, daß Mathilde mit der Gräfin von Wildhausen zu conspiriren schiene, welche am englischen Hofe einflußreiche Verbindungen habe, und daß er, um näher hinter das Geheimniß zu kommen, in Hannover Bekanntschaften gesucht und nicht unbedeutende Verwendungen machen müsse. Eine besondere Gratification belohnte diese Mitteilung. Jetzt im Juni 1774 berichtete Claasing auf gut Glück, daß die Wildhausen eine Correspondenz mit unzufriedenen holsteinischen, schleswigschen und dänischen Adelichen führe. Eine abermalige Gratification und die dringende Aufforderung, daß er die Namen der Correspondenten und ihr Ziel zu erfahren suchen möge, war die Antwort. Der Jüte Claasing hatte, ohne etwas zu wissen, das Richtige getroffen. Juliane hatte mit ihren Creaturen sehr bald ein solches Misregiment eingeführt, daß alle Einsichtigern zu der Ueberzeugung gelangten, ein Regiment unter der Königin Mathilde, eine Aussöhnung mit England würde dem Lande zu größerm Nutzen gereichen als die Fortdauer dieser Regentschaft. Der schleswig-holsteinische Adel zumal, der seit länger als hundert Jahren recht eigentlich die Regierung in Kopenhagen in den Händen gehabt, war höchst unzufrieden, vom Regiment ausgeschlossen zu sein, denn der Einfluß des wiederhergestellten Staatsraths war nicht der alte geworden. Selbst der mächtigste Adeliche in Dänemark, Graf Schimmelmann, und noch mehr sein Sohn, waren dem Regiment Julianens abgeneigt. Das Volk war durch die Grausamkeit der Hinrichtung Struensee's und Brandt's aus dem künstlich angestachelten Haß gegen das Struensee'sche Regiment erst zum Mitleide mit der schönen lebenslustigen Königin, dann zum Bedauern Struensee's und Brandt's, dann zur Beurtheilung der vom erstern eingeführten Reformen übergegangen und schließlich zu der Ueberzeugung gekommen, daß Struensee doch wol das Beste des Volks gewollt habe, wenn auch die angewendeten Mittel nicht immer die richtigen gewesen seien. Schon bei der Hinrichtung hatten nur starke Militärkräfte die Unruhen verhindern können. Die Härte, mit der man gegen alle diejenigen verfuhr, welche während des Struensee'schen Regiments von diesem auf irgendeine Weise begünstigt waren, seinen Anhang gebildet hatten, die wahrhafte Grausamkeit, die man gegen den jungen Falkenskiöld übte, den man lebenslänglich auf den öden Felsen Munkholm setzte, blos weil er ein Freund Struensee's gewesen, die Hintansetzung alles Rechts, mit der man den General Ghaler seines Ranges und Gehalts beraubte und ihn aus dem Lande verbannte: »weil er Anlaß gegeben, daß man ihn in Verdacht habe«, empörte alle rechtlich Denkenden. Statt eines aufgeklärten Despotismus hatte man den Despotismus, der von den Launen, Alluren und dem bösen Herzen eines herrschsüchtigen, häßlichen Weibes abhing.

Der nach Holstein verbannte frühere königliche Stallmeister Baron von Bülow war die Seele der Reaction. Es galt zuerst die Einwilligung der Königin zur Rückkehr nach Kopenhagen, dann aber die Zustimmung und Unterstützung Georg's III. Bülow hatte sich an die Königin gewendet, und diese gern ihre Zustimmung gegeben, auch Melusine als diejenige Person bezeichnet, mit der die fernern Verhandlungen zu führen wären. Melusine hatte mit Bülow und andern Anhängern der Königin vorsichtige Zusammenkünfte in ihrem Schlosse zu Heustedt gehalten und dann durch Lord Wraxall, der sich damals einige Zeit in Hannover und Hamburg aufhielt, in London weiter unterhandeln lassen.

Die Correspondenz Karoline Mathildens mit Melusine wurde auf die vorsichtigste Art geführt und behandelte dem Anschein nach die Ueberlieferung eines ihr von der Mutter vermachten Familienschmucks, welcher in London zurückbehalten war.

Claasing hatte in vertrauten Stunden verschiedentlich versucht, von Melusine über ihr Verhältniß zu der Königin etwas herauszubringen, es war ihm indeß niemals gelungen. Melusine wußte auch ihre Liebhaber in einer gewissen unnahbaren Entfernung in solchen Beziehungen zu halten und das Ansehen einer Herrin über dieselben zu behaupten.

So sah sich der Jüte genöthigt, auf gutes Glück solche Personen als Verschwörer zu nennen, die entweder bei der Katastrophe von 1772 verbannt waren und jetzt in Altona oder Hamburg lebten, oder englische Namen zu nennen, von denen er nur wußte, daß Melusine mit ihnen in Verbindung stand.

Im Herbst 1774 entzog sich die Gräfin auf einige Wochen gänzlich der Spionage Claasing's – sie ging der Jagd halber nach Heustedt.

Hier trafen unter dem Vorwande der Jagd Abgeordnete der Unzufriedenen aus Schleswig-Holstein und Dänemark ein, und erschien Sir John Wraxall als Bevollmächtigter Georg's III. selbst, um von den nähern Planen und Mitteln der Verschworenen Kenntniß zu nehmen, dieselben zu ermuthigen, ohne jedoch bestimmte Zusagen zu machen. Georg III. war ebenso sparsam, als sein ältester Sohn früh verschwenderisch.

Da Georg in diesem Falle das Parlament um Zuschüsse nicht ansprechen konnte, also aus eigenen Mitteln die Verschwörung unterstützen mußte, da er sich auch nicht bei einem Unternehmen betheiligen wollte, das die Möglichkeit des Misglückens mit sich führte, obgleich es ihm angenehm gewesen sein würde, wenn seine Schwester wieder als Königin-Regentin über Dänemark herrschte, und die Schmach, welche der schändliche Proceß über seine Familie gebracht, ausgetilgt würde, so wollte er doch erst genau erfahren, welche Wahrscheinlichkeit eines glücklichen Erfolgs vorhanden sei.

In Heustedt erfuhr man kaum etwas von der Anwesenheit fremder Gäste im Schlosse, da die üblichen Diners und Soupers, zu denen Einladungen erfolgten, ohne deren Gegenwart nach gewohnter Weise abgemacht wurden, die Hauptzusammenkunft auch nicht im Schlosse selbst, sondern in einem kurfürstlichen einsam gelegenen Jagdschlosse, das einige Stunden entfernt und von der Elbe her näher zu erreichen war, abgehalten wurde.

Eins aber erfuhren die Heustedter bald. Die Gräfin hatte sich äußerst großmüthig bewiesen gegen die Amme der Gräfin Olga, die Anne Marie Dummeier. Die Comteß wie ihre Milchschwester waren entwöhnt, gediehen und wuchsen wie Gras nach warmem Frühlingsregen, sie plapperten schon und sprangen auf dem Rasen vor dem Schlosse wie junge Gazellen umher. Anne Marie Dummeier war in Abwesenheit der Gräfin Herrscherin im Schlosse, alle gehorchten ihren Befehlen, oder, da sie im Gegensatze zur Gräfin äußerst selten Befehle ertheilte, richtiger ihren Wünschen. Alle thaten ihr zu Liebe, was man ihr nur an den Augen absehen konnte. Theils geschah das auf Befehl der Gräfin selbst, noch mehr aber, weil Anne Marie sich gegen hoch und niedrig durch Gefälligkeit und Klugheit auszeichnete. Diese gefiel sich in dieser Stellung, sie hatte gar keine große Sehnsucht nach ihrem Bauerhofe in dem düstern Eckernhausen. Wußte sie doch auch, daß es dort auch ohne sie recht gut ging. Dummeier hatte seine jüngste Schwester, die unverheiratete Dora, noch bei sich, um den Haushalt zu führen. Er selbst konnte seine Anne Marie so oft besuchen, als er wollte, auch Anne Marie versäumte jahrein jahraus keine Woche, den Mann zu besuchen und nach dem Haushalte zu sehen; standen ihr, wenn sie nicht vorzog, zu Fuß zu gehen, doch immer Wagen und Pferde bereit.

Die Amme hatte einen jeder guten niedersächsischen Bäuerin eigentümlichen Zug an sich, sie war in hohem Grade nährig. Sie hatte durch Geschenke der Gräfin und des Grafen, der beide Kinder sehr liebte, in der Zeit, wo sie im Schlosse lebte, mehr zurückgelegt, als sie auf ihrem Hofe bei der vorzüglichsten Wirthschaft hätte thun können. Nun hatte die Gräfin ihr schon erklärt, sie werde die Milchschwester ihrer Olga nicht lassen, wenn die Mutter selbst auch nach Eckernhausen zurück wollte, sie werde für die Erziehung Anna's sorgen und sie demnächst ausstatten. Sie hatte die Anne Marie aber gebeten, noch vier Jahre als Hüterin der beiden Kinder im Schlosse zu bleiben, wofür sie selbst den Dank, denn Lohn wollte die Gräfin ihr nicht bieten, bestimmen möge.

Anne Marie bat sich Bedenkzeit aus und überlegte die Sache mit ihrem Hans. In der Nähe von Eckernhausen, jenseit des Heerweges und der durch den Ueberfall ermöglichten Weserüberschwemmung ausgesetzt, lag eine etwa sechs Morgen große, von der herrschaftlichen Boswiehe eingeschlossene Wiesenfläche, die zum gräflichen Eigenthum gehörte und den Einwohnern der Weststadt von der Gräfin verpachtet war, welche dadurch eine Einfriedigung ersparten, denn nach der Heerstraße zu schützte der Abzugsgraben mit seinem Deiche hinreichend. Hans hatte den Rentmeister und Verwalter der Gräfin schon seit Jahren angegangen, ihm diese Wiese zu verpachten oder in Erbzins zu geben, denn sie lag ihm zu gelegen, kaum eine Viertelstunde von seinem Hofe, und eine Brücke führte hier gerade über den Graben zu dem südlich gelegenen Dorfe Grünfelde. Sein Wunsch war ihm abgeschlagen. Jetzt überlegten die Eckernhäuser, ob das freie Eigenthum dieses werthvollen und für Hans so wünschenswerthen Grundstücks eine vierjährige Trennung, wenn man das überall so nennen dürfe, werth sei. Hans wollte von einer solchen nichts wissen, so gern er auch das Grundstück besessen, aber Anne Marie war zu erwerbungslustig. Sie redete ihm vor, daß doch noch mehr Kinder kommen könnten und daß es, wenn dies geschähe, namentlich wenn ihm ein Anerbe geboren würde und daneben noch weitere Töchter, doch schön sei, ein freies Eigenthum zu haben, damit das Sprichwort: »Der Bauer hat nur Ein Kind«, eine Unwahrheit werde. Sie wendete alle Künste weiblicher Schlauheit auf, um dem Manne ein noch ferneres vierjähriges Verbleiben im Schlosse als ein von ihrer Seite zu seinem und der Familie Nutzen übernommenes Opfer darzustellen, das sie zu bringen bereit sei. Die Dora sei ja noch jung, brauche noch nicht zu heirathen, es sei für die nach vier Jahren noch Zeit genug, meinte sie. Sie versprach, noch häufiger als bisher nach Eckernhausen zu kommen und die Kinder mitzubringen, und was dergleichen mehr war.

Wie hätte ihr nicht gelingen sollen, die Zustimmung ihres Mannes zu erhalten, der nicht so dumm war, den Vortheil, den der Besitz einer sechs Morgen großen adelichen Weide seinem Hofe brachte, zu verkennen. Als nun vollends die Gräfin selbst hinzukam, zwar nicht mit dem versprochenen förmlichen Freibriefe, aber doch mit der schriftlichen Anweisung an ihren Rentmeister, daß Dummeier's Hof von jetzt an aller meierrechtlichen Abgaben, Dienste, großer und kleiner Reisen frei und ledig sei, hörte jeder Widerstand auf, denn in dem gutsherrnpflichtigen Bauer saß noch ein sehr tiefer Respect vor seiner Gutsherrschaft.

Die Gräfin machte keine Schwierigkeit, die Wiese an Dummeiers erb- und eigenthümlich abzutreten, und Anne Marie verpflichtete sich, bis Ostern 1778 als Hüterin und Pflegerin der Kinder im Schlosse zu bleiben.

Der Excellenz war dadurch eine große Sorge abgenommen; wenn sie auch an den Kindern, an der kleinen rosigen Anna noch mehr als an der blassen, ernsten, großäugigen eigenen Tochter ein halbes Stündchen Vergnügen fand, so erschienen ihr dieselben doch im ganzen nur als eine große Last.

Es war Ende Februar 1775, die Gräfin war längst nach Hannover zurückgekehrt, als sie von England die erste Kunde in den Angelegenheiten ihrer Mathilde empfing. Georg III. erklärte in einem französisch abgefaßten Document:

1) Daß er den Versuch, seine Schwester auf den dänischen Thron wieder zurückzuführen, billige, aber die Bedingung stelle, daß, im Fall eines glücklichen Erfolgs, keine Gewalttätigkeiten gegen die Personen geübt werden dürften, die gegenwärtig im Besitze der Regierungsgewalt seien.

2) Nachdem die Revolution durchgeführt sei, sollte der Minister in Kopenhagen den Befehl erhalten, zu erklären, daß dieselbe mit Unterstützung Sr. königlichen Majestät unternommen sei.

3) Er übernehme es, die Kosten, welche die Wiedereinsetzung der Königin Mathilde nothwendig machte, zu bezahlen, verweigere jedoch, einen Vorschuß zur Förderung des Unternehmens zu bewilligen.

4) Endlich verpflichtete sich derselbe, und das war die Hauptsache, die vollbrachte Revolution, sofern es nöthig werden sollte, mittels Kriegsmacht aufrecht zu erhalten.

Das Document war von dem Baron von Lichtenstein für Georg III. unterschrieben und Wraxall übergeben, der es der Gräfin Melusine gebracht, um zunächst durch sie Mathilde benachrichtigen zu lassen, es dann aber weiter zu den Händen der Verschworenen in Altona zu befördern.

Melusine hatte Wraxall kaum entlassen und war damit beschäftigt, an den Baron von Senkendorf zu schreiben und ihm auseinanderzusetzen, daß dies die günstigsten Bedingungen seien, die erreicht werden könnten, da Georg III. ein Mehreres als Bruch der zwischen London und Kopenhagen bestehenden Tractate bezeichne und eine unüberwindliche Abneigung dagegen zu Tage lege, als Claasing angemeldet wurde.

Die Gräfin, die Claasing sonst in ihrem Boudoir zu empfangen pflegte, ließ ihn ins Empfangzimmer führen, da sie in Geschäftssachen ungern gestört wurde und auch sonst nicht wohl gelaunt war. Hier hatte derselbe indeß kaum einen Brief Karoline Mathildens übergeben, als Excellenz Graf P., Geheimrath, in einer wichtigen Angelegenheit gemeldet wurde. Der Jüte wurde nun in das ihm wohl bekannte Boudoir geführt, in welchem Melusine den an Senkendorf angefangenen Brief zwar in eine der Schiebladen des Schreibtisches gelegt und diese verschlossen, in der Eile aber vergessen hatte, auch das londoner Document wegzulegen; dies war nur unter andere Papiere geschoben.

Die Audienz des Grafen dauerte lange, der Reisestallmeister fing an sich zu langweilen und aus Langeweile mit den auf dem Schreibtische liegenden Dingen zu spielen. Dabei verschoben sich die Papiere und jenes Document kam zum Vorschein. Da das Convolut mit dem Siegel Lichtenstein's die Aufmerksamkeit des dänischen Spions erregte und er keine Scheu trug, die Briefgeheimnisse zu belauschen, las er den Inhalt.

Also hatte er doch recht gerathen; ja die Sache war schon weiter gediehen, als er geahnt. Schnell ordnete er die Papiere wieder in die frühere Lage und begab sich an das entgegengesetzte Ende des Zimmers, mit den Fingern einen dänischen Matrosentanz an den Fensterscheiben trommelnd und im Nachdenken über das, was zu thun sei.

Er trommelte noch, als Melusine wieder eintrat, und schien so in Gedanken versunken, daß er ihren Eintritt nicht merkte. Diese, der schon eingefallen war, wie nachlässig sie gewesen sei, fühlte sich durch die Situation, in der sie Claasing fand, beruhigt.

Die Hof- und Staatsaction, wegen deren sich Excellenz zu ihr bemüht hatte, war eine Hofschlittenfahrt nach Celle, welche Graf P. mit ihrem Gemahl verabredet und wozu derselbe jetzt gleichsam die Genehmigung der Gattin holen und sich die Ehre erbitten wollte, ihr Cavalier zu sein. Es war nämlich nach schon eingetretenen Frühlingstagen nochmals Winter geworden, die Schlittenbahn gut und das Wetter nicht zu kalt.

Die Antwort an die Königin, die der Stallmeister zurückbringen sollte, lautete mit kurzen Worten: daß die Schmuckangelegenheit eine sehr günstige Wendung zu nehmen scheine und daß sie selbst mit dem ganzen Hof morgen nach Celle komme, wo sie Gelegenheit finden werde, das Weitere zu besprechen.

Statt direct nach Celle zurückzureiten, schlich Claasing sich in Ahle' s Schenke, wo er die Genossen schon versammelt fand, und die Würfel klapperten.

Daß der Verräther nicht ermangelte, seine Entdeckung Juliane mitzutheilen, war selbstverständlich. Diese übersah die ihr drohende Gefahr in ihrem ganzen Umfange und erkannte nur Ein Rettungsmittel, vor dem sie nicht zurückschreckte – den Tod Mathildens.

Es war am 3. Mai, als Claasing neben einem ansehnlichen in Hamburg zu ziehenden Wechsel eine in Blech verschlossene Kapsel aus Kopenhagen erhielt, mit der anonymen Anweisung, die Blechkapsel zu öffnen, nicht aber das darin befindliche in Leder gebundene und mit zierlichem Goldschloß versehene Etui, wozu der Schlüssel in einem versiegelten Schreiben lag, das die Adresse der Königin Mathilde trug.

Das Schreiben an Claasing enthielt außer dem Wechsel die Aufforderung, das Etui nebst Beilage der Königin Mathilde unter allen Umständen, wenn sie allein sei, es komme auf einen Tag früher oder später nicht an, zu übergeben. Dabei möge derselbe der Königin eröffnen, eine Anhängerin, die nicht genannt sein wolle, habe sich die Porträts ihrer beiden Kinder zu verschaffen gewußt und sende dieselben. Absenderin bitte aber, dieses Zeichen treuer Anhänglichkeit, an welches sie Ihre Majestät in bald zu erwartenden bessern Tagen erinnern werde, geheimzuhalten, namentlich vor der Schwester aus Wolfenbüttel, weil sie sonst schwerlich verborgen bliebe.

Der Brief, der den Schlüssel enthielt, war von Claasing verschiedentlich im Sonnen- und Lampenlicht geprüft, er konnte darin außer der Adresse keine geschriebene Zeile erkennen, während er das kleine goldene Schlüsselchen nebst Verzierungen ganz deutlich unterscheiden konnte. Er war sehr neugierig und kannte Discretion nicht, wie wir das schon gesehen. Hätte er eine Stunde Unterricht gehabt in einem der damals in Europa ziemlich allenthalben an größern Orten bestehenden schwarzen Kammern, er würde keinen Augenblick gezögert haben, das feine adeliche Wappen, welches den Brief verschloß, zu öffnen. Aber er verstand nichts von solchen Künsten. Seine zierlichen Hände waren wol gewohnt, den widerspenstigen Hengst im Zaum zu halten, eine zarte Taille zu umschlingen, den Würfelbecher zu schwingen, aber ein Siegel zu öffnen und wieder kunstvoll zu verschließen, das verstanden sie nicht.

O hätte er seinen Gelüsten doch auch hier nachgeben können, vielleicht würde ihn die Strafe für seinen Verrath erreicht haben und vieles Unglück abgewendet sein, jetzt, wie in nächster und ganz ferner Zukunft! Es fiel ihm auf, daß die Anweisung des Wechsels von demselben kopenhagener Bankhause ausgestellt war, das auch diejenigen Sendungen an ihn vermittelte, die von Juliane kamen, aber der Gedanke, wie und wo er die Königin allein sprechen könne, überwog anderes Nachdenken. Die Gelegenheit war schwer zu finden, denn im Schlosse wie in der Stadt Celle herrschte damals große Verwirrung und Aufregung. Ein bösartiges Scharlachfieber hatte sich nach eingetretener Frühjahrswärme verbreitet. Das Hoflager im Schlosse war davon nicht verschont geblieben, ein Lieblingspage der Königin war der Krankheit schon erlegen, und jetzt befiel die Krankheit auch die kleine Sophie von Bennigsen. Die Königin liebte diese wie ihr eigenes Kind und konnte nur mit Mühe von ihrem Krankenlager zurückgehalten werden.

An Ausreiten war nicht zu denken, selbst die gewöhnlichen Spaziergänge im Jardin français unterblieben. Dazu kam die Aufregung vor der in Dänemark sich nahenden Katastrophe, denn ihre Anhänger waren entschlossen, den Versuch ihrer Wiedereinsetzung auch ohne Geldhülfe von England zu wagen.

Der Jüte war zwei Tage in den Corridors des weitläufigen Schlosses umhergeschlichen, um eine Gelegenheit zu erspähen, die Königin allein zu treffen, als sich die Nachricht verbreitete, dieselbe wünsche den in einem Gewölbe beigesetzten todten Pagen noch einmal zu sehen. Die Oberhofmeisterin von Ompteda hatte sie auf den Knien beschworen, von diesem Vorhaben abzustehen, aber die Königin konnte sehr eigenwillig sein.

Da sie das Zittern und Zagen, die Angst und Furcht ihrer nächsten Umgebung sah, erklärte sie, allein gehen zu wollen, und keiner der Pagen und Kammerherren beeilte sich, ihr seine Begleitung aufzudringen. Nur eine treue Kammerfrau begleitete sie und zwei Diener mit Wachskerzen gingen ihr vorauf. Claasing benutzte diese Gelegenheit, in das unverschlossene kerzenhelle Gewölbe zu treten, und als die Königin dort, die Dienerschaft zurücklassend, eintrat, ließ er sich vor ihr auf die Knie nieder und überreichte Etui und Brief, die Botschaft, die er daneben empfangen, bestellend.

Die zärtliche Mutter ließ den Todten todt sein, riß mit Hast den Brief, der den Schlüssel enthielt, auseinander, öffnete das Etui, sah die Züge ihrer Kinder, die sie drei Jahre nicht mehr gesehen, sich freundlich entgegenlächeln, küßte das Elfenbein, worauf sie gemalt waren, und sank ohnmächtig in Claasing's Arme.

Dieser öffnete die Thür und rief nach Hülfe. Allein die Königin erholte sich bald und ging, auf den Arm ihrer Kammerfrau gestützt, in ihre Gemächer zurück, wo sie, jedermann unzugänglich, bis Abend im Anschauen der Bilder verweilte.

Die durch das unerwartete Geschenk hocherfreute Königin setzte sich am Abend noch mit ihrem Hofe zu Tisch, genoß aber nichts. Sie klagte über Frösteln. In der Nacht nahmen die Krankheitserscheinungen zu, sodaß der Leibarzt von Leyser am andern Tage den berühmten Leibmedicus Dr. Zimmermann aus Hannover hinzuzog. Aber ärztliche Hülfe war hier vergebens. Am 11. Mai abends verschied Mathilde.

Noch in den letzten Augenblicken hatte sie sich nach dem Befinden der kleinen Bennigsen erkundigt, und als die Aerzte versicherten, daß das Kind außer aller Gefahr sei, erwidert: »Dann sterbe ich ruhig.«

Zu großer Verwunderung der »guten Ompteda«, wie die Königin sie nannte, fand man nach ihrem Tode ein Etui mit den Bildern ihrer Kinder an ihrem Busen. Niemand aus der Umgebung der Königin wußte, wie es in ihren Besitz gekommen sei.

Man sagte, die Königin sei am Scharlachfieber gestorben, obgleich die Aerzte selbst an diese Krankheit nicht glaubten, sondern von einem Fleckfieber sprachen. Hätten sie gewußt, was wir wissen, daß nach Oeffnen und Küssen des Etuis schon die Königin in Ohnmacht fiel, daß sie das unglückliche Bild den ganzen Nachmittag nicht aus Händen und Augen gelassen und unzähligemal an die Lippen gedrückt, sie würden vielleicht auf eine andere Todesursache verfallen sein.

In Kopenhagen ließ, nachdem der englische Gesandte die formelle Anzeige von dem Tode der Königin gemacht hatte, Juliane Marie den angesagten Hofball nicht absagen, sie wußte sich jetzt erst als Herrscherin.

Nach vier Wochen war Claasing Oberstallmeister des Grafen von Wildhausen, aber in Hannover selbst, nicht auf dessen Gestüt in Heustedt, wohin wir unsere Leser zurückversetzen müssen.

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