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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 79
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Drittes Kapitel.
Enttäuschung.

Die schöne Nachdenkliche hatte Zeit, mit ihrem Herzen zu Rathe zu gehen. Wären nur Mädchenherzen nicht so leicht sich selber ein Räthsel!

Frankfurt war in jenen Tagen noch nicht in directer Verbindung mit Berlin; Bruno mußte erst mit dem Dampfschiffe nach Köln fahren, um die Bahn nach Berlin zu erreichen; so war er während dieser Vorgänge auf einer der letzten Stationen vor Berlin erkältet, durchfrostet, übel gestimmt angekommen. Er kam sich seit einiger Zeit als ein anderer Mensch vor. Wo war jenes frische, offene, von Idealen getragene Jünglingsherz geblieben, mit dem er in das Jahr 1848 eingetreten war? Warum war er so unzufrieden mit sich selbst wie mit dem Laufe der politischen Dinge? Wurmte es ihn doch, daß er es nicht über sich vermocht hatte, sich zu der revolutionären Tagesphrase emporzuschwingen, daß er kein Redner war, weder auf der Tribüne der Paulskirche noch in den Clubs, oder tröstete ihn das Wort Detmold's, daß das sein Stolz sein müsse? Es fehlte ihm jede Herzensfreudigkeit, jede Sehnsucht nach Sidonie. Er fragte sich unterwegs, ob er sie geliebt haben würde, wenn sie ihm nicht das »O wärest du mein eigen!« entgegengesungen hätte? Er kam auf Gedanken, die ihm bisher fern gelegen hatten.

War es angezeigt für ihn, in einer so bewegten Zeit wie die gegenwärtige, wo er entschlossen war, seinen Wohnsitz zu wechseln, wo er in Hannover erst daran arbeiten mußte, sich eine neue Wirksamkeit zu erwerben, zu heirathen? – Er hatte bei der Verschreibung, die er bei der Verlobung des Doctors Behrend machte, und bei spätern Verheirathungen jüdischer Frauen, wo er als Notar zugezogen war, erlebt, daß man über die Mitgift der Braut mäkelte und handelte. Er hatte an den Geldpunkt noch nicht gedacht, und es war ihm widerlich, über diese Angelegenheit mit dem Commerzienrath sprechen und verhandeln zu müssen. Kurz, die uubehagliche körperliche Stimmung bemächtigte sich auch des Geistes, und Bruno kam, zerschlagen an allen Gliedern und abgespannt, spät abends in Berlin an, während die Braut eben aus der Oper nach Hause fuhr. Er kannte die Stadt nicht und hatte von einem Mitreisenden das Lindenhotel sich als Gasthof zweiten Ranges empfehlen lassen, wohin ihn eine Droschke führte.

Eine vor Ueberreizung halb schlaflose Nacht ließ ihn am andern Morgen mit Kopfschmerz erwachen. Er befand sich nicht in einer Bräutigamstimmung, das Frühstück wollte ihm nicht schmecken, Zeitungen gab es des Festtags wegen nicht, er studirte den Plan von Berlin und las in einem Fremdenführer.

Ob eine Stadt uns gefällt, ob wir uns in derselben wohnlich fühlen, das hängt sehr von dem ersten Eindruck ab, den sie auf uns macht, und dieser ist meist wieder bedingt durch Wind und Wetter, Regen oder Sonnenschein. Selbst Salzburg, Heidelberg, Prag würden an einem so stürmischen Wintertage, wie es der zweite Weihnachtstag des Jahres 1848 war, nichts Anziehendes gehabt haben. Das Berlin, welches Bruno von seinem Fenster aus sah, war nicht festtäglich angethan. Ein scharfer Nordwest trieb über die Straßen schmuzige Schneeflocken, die sich in Naß auflösten, wenn sie den Boden berührten. Man sah, wie die wenigen Wanderer Mühe hatten, Hut und Schirm vor dem Winde zu wahren. Männer und Frauen waren in Paletots und Mäntel gehüllt, die armen Droschkenpferde wurden zum Galop angetrieben, Jeder eilte, unter Dach und Fach zu kommen, man hatte es im Zimmer am besten.

Bruno hatte vom Kellner erfahren, daß das Haus des Barons Hirschstein nicht weit entfernt sei, und als gegen Mittag vom Schlosse her Parademusik erscholl, machte er sich auf, Sidonie zu besuchen. Die breite Straße bot dem Westwinde freien Spielraum, die Granitplatten waren zum Fallen glatt, Schnee und Regen beschlugen die Brille, doch war das Haus gefunden. Erst als er auf dem Marmor der Hausflur stand und das Resultat der an die Frau Commerzienräthin abgeschickten Karte erwartete, die Brille abgewischt, die Handschuhe fester gezogen hatte, fiel ihm ein, daß er für ein so vornehmes Haus wol gewähltere Toilette hätte machen sollen. Er hatte freilich einen feinen schwarzen Anzug an, aber keinen Frack, keine weißen Handschuhe, vor allem keinen Cylinder. Er haßte diese Hutform und trug, wie zwei Drittel seiner Collegen in der Paulskirche, den grauen Calabreser. Vielleicht hatte ihn der Blick, welchen der Bediente auf diesen Calabreser und auf den grauen mit Schnüren zusammengehaltenen Paletot warf, erst aufmerksam gemacht auf seinen Anzug, jedenfalls wußte er nicht, daß diese Hutform in Berlin zu der verdächtigsten Gattung gehörte.

Werfen wir einen Blick auf die Fremdenzimmer. Als gestern Abend die Kammerzofe die Commerzienräthin und ihre Tochter verlassen hatte, fragte erstere: »Hat er sich erklärt, Sidonie?«

Diese warf der Mutter einen bösen Blick zu: »Wie. konnte er das, wenn du uns beständig im Auge hieltest. Konntest du dir, nachdem Eva fortgegangen und die Baronin schlief, nicht etwas im Boudoir zu thun machen, damit wir einige Augenblicke ungestört wären?«

Damit wünschte sie der Mutter Gute Nacht.

Bettina schlief nicht viel in dieser Nacht, es gingen ihr so viele Plane im Kopfe herum, vor allem ängstigte sie der Gedanke, nun bald wieder in Heustedt an der Seite des Gemahls leben zu müssen.

Diese Frau hatte ihr Leben lang nur Einen Mittelpunkt gehabt, um den sich ihr ganzes Thun und Lassen drehte, das war das eigene Ich. Eitelkeit und die Sucht zu glänzen waren von jeher die innern Triebfedern ihres Handelns gewesen. Literatur und Kunst, ihre ganze Schöngeisterei hatten nicht ein wirkliches Geistesbedürfniß befriedigt, sie waren nur Mittel gewesen, sich interessanter zu machen, sich vor ihren Freundinnen hervorzuthun, die Aufmerksamkeit der Männer, die ihr Haus besuchten, auf sich zu ziehen. Bettina war nicht damit zufrieden, von der Natur durch Schönheit ausgezeichnet zu sein, sie wollte auch durch Geist glänzen.

Als das alles mit ihrer Verheirathung aufhörte, als die Eifersucht des Mannes sie den geselligen Kreisen entzog, als sie zur Einsamkeit verdammt war, da hatte sie freilich im Lesen ihren Trost gesucht, aber die Classiker und die neuern Dichter, die sie »studirte«, wie sie sagte, las sie doch nur zum Schein, ein gewöhnlicher Roman aus der Leihbibliothek der Residenz befriedigte sie vollkommen; sie las jedoch solche Bücher nur in der Heimlichkeit des Schlafgemachs, sie schämte sich vor der Stieftochter, und als Sidonie heranwuchs, vor dieser.

Als Bruno nach Heustedt verschlagen war, hatte sie alles angestrengt, ihn anzuziehen, sie verstand es, geistreich zu scheinen. Sie hoffte, wenn die älteste Tochter verheirathet sein würde, freiere Hand zu bekommen, und als der Commerzienrathstitel und die Aufnahme in die erste Gesellschaft ihr geglückt waren, da fühlte sie sich eine Zeit lang glücklich. Sie hatte alles erreicht, was zu erreichen war, sie glänzte in den Damenthees, sie galt als schöne, geistreiche Frau, ja ein Assessor hatte sie die Rahel genannt. Die Tochter freilich wuchs ihr zu schnell heran, und ihre eigenen Triumphe wurden unterbrochen durch die abermalige Niederkunft, welche ihrer Schönheit so großen Abbruch that. Damals war ihr der Gedanke gekommen, fortan durch die Tochter zu glänzen, sie hatte sich der Zuneigung, die sie selbst eine Zeit lang für den jungen Doctor gefühlt, entschlagen zu Gunsten des Kindes, das sie glücklich und geliebt sehen wollte. In den engen Gesichtskreisen, in denen sie in Heustedt lebte, war der Ruf, den Bruno als Literat und als Politiker genoß, seine Wahl zum Deputierten und Mitgliede des Parlaments ihr als etwas Großes erschienen, sie hatte dazu beigetragen, Sidoniens Phantasie wieder mit Bruno's Bilde zu erfüllen, sie hoffte durch einen solchen Schwiegersohn zu glänzen.

In Frankfurt freilich kam sie zu der Erkenntniß, daß sich Bruno vor den Hunderten seiner Collegen nicht auszeichne, daß ein Raveaux, Ludwig Simon, ein Dichter wie Moritz Hartmann, ganz andere Persönlichkeiten seien, daß man in Frankfurt wenigstens mit jenem nicht viel Staat mache. Die Verwandten des Advocaten, Veronica die Mutter und Veronica die Tochter, misfielen ihr, weil sie vornehmer und ihr an wahrhaft innerer Bildung überlegen waren.

Sie tadelte seitdem jeden Tag bald dies, bald jenes an Bruno's Thun und Lassen. In Berlin im Hause des Barons Hirschstein ging ihr nun erst ein Leben auf, wie sie es gewünscht hatte, und seit dem gestrigen Abend dachte sie an nichts, als wie sich Sidoniens Verhältniß zu Bruno zerreißen und ein neues mit Baron Franz anknüpfen lasse. Jener, fand sie jetzt, paßte nicht zu Sidonie, er war doch nur Pedant und unbedeutend dazu. Er hatte sich nur zweimal in der Paulskirche vernehmen lassen, aber weder seine Collegen noch die Galerien hatten ihm Bravo! zugerufen. Sidonie war zu gut für ihn. An Gründen, die ihren Haß entschuldigten, fehlte es ihr nicht, ja der Umstand, daß Bruno ihr Entgegenkommen verschmäht, vielleicht sogar Pauline, später Sidonie ihr vorgezogen, machte sich wieder geltend, obgleich das längst verziehen war.

Auch die Tochter hatte schlecht geschlafen. Hätte sich Franz am gestrigen Abend erklärt, so war sie entschieden, heute mit Bruno zu brechen. Das war nicht geschehen. Erfuhr aber der Baron jetzt, daß sie heimlich mit Bruno versprochen sei, und er mußte es erfahren, daß sie gerade um dessentwillen den Gedanken, Christin zu werden, gefaßt hatte, so mußte er mit seinen Aufmerksamkeiten gegen sie aufhören, und wie würde er das Kokettiren mit ihm gedeutet haben? –

Man war etwa um zehn Uhr aufgestanden – das Wetter war abscheulich, der Schnee klatschte an die Doppelfenster und verdunkelte das Zimmer. Fanny, die Kammerzofe der Baronin, erschien und erbot sich, bei der Toilette behilflich zu sein, Fräulein Eva sei unwohl und werde das Bett nicht verlassen, die Baronin leide an Migräne und wolle im Négligé bleiben, keinen Besuch annehmen; der Friseur werde sogleich erscheinen.

So begab man sich an das wichtigste Morgengeschäft der Damen.

Als dieses beendet war, die Chocolade genossen, fing Sidonie, die gleichfalls misgestimmt schien, in einem Modejournale zu blättern an. Bettina setzt sich ans Fenster und schaute auf die Linden.

Nach einer längern Pause sagte die Mutter: »Es wird gut sein, wenn du den Doctor etwas kühl empfängst und ihn nicht, wie in Frankfurt, mit Liebkosungen überhäufst. Es soll mich wundern, ob er dem Baron gefällt, die Sache selbst gefällt diesem nicht, ›ist kein Geschäft‹, sagte er mir.«

»Ich werde wol wissen, wie ich mich zu benehmen habe«, erwiderte Sidonie, »und bedarf deiner Rathschläge nicht. Vergiß nicht, daß du es im Mai warst, die meine schon in Asche begrabene Jugend – – nun, du weißt ja, wie Heine sagt, von neuem anfachte, daß ich die Tollheit beging, mich ihm von neuem an den Hals zu werfen. Jetzt wird es zur Umkehr zu spät sein.«

Ein reichbetreßter Bediente trat ein und überreichte eine Visitenkarte: »Ein komischer Mensch, bebartet wie ein Wühler, mit grauem Schnürenpaletot und grauem Calabreser, wünscht der Frau Commerzienräthin und Tochter seine Aufwartung zu machen.«

»Führe ihn herauf«, sagte die Commerzienräthin, Sidonie erblaßte.

Bruno stieg die Marmortreppe empor. Der Bediente nahm ihm Paletot, Hut und Schirm ab und führte ihn in das Zimmer der Damen.

Hier empfingen ihn die Damen in großer Toilette, Sidonie in der Sammtrobe von gestern, die Mutter in schwarzem Atlas. Jene hatte statt der Flechten an beiden Wangen eine neumodige steife Frisur, die zu ihrem quirlenden Wesen wenig paßte. Der Empfang war mehr höflich als herzlich. Sidonie flog ihm nicht um den Hals, wie sie das in Frankfurt gethan, sondern reichte ihm nur die Hand zum Kuß – Frau Bettina musterte seinen Anzug vom Kopfe bis zum Fuße. Sidonie hatte Bruno in Frankfurt, wenn sie unter sich waren oder im engern Familienkreise, Du genannt; heute, wo nur die Mutter gegenwärtig war, sagte sie. »Herr Doctor!« Dieses steife und kalte Wesen paßte durchaus nicht zu der Lacertennatur des jungen Mädchens. Man erkundigte sich nach seiner Reise, beklagte das schlechte Wetter und wunderte sich über sein Hotel garni, das man nicht einmal dem Namen nach kennen wollte.

Als er sich nach der Frau vom Hause erkundigte und fragte, ob er derselben vorgestellt werden könne, sah ihn Simonie verwundert an und sagte: »Aber doch wol nicht so, Herr Doctor?« – und die Mutter belehrte ihn in einem Tone, den er bis dahin nicht von ihr vernommen: daß man in Berlin Damen nie anders als im Frack und weißen Glacéhandschuhen vorgestellt zu werden pflege, daß man in Berlin nur Bummler und Wühler mit Calabreserhüten gehen sehe, und der Bediente daher schon Anstand genommen habe, seine Visitenkarte heraufzubringen. Er müsse bedenken, daß man nicht in Heustedt sei, und daß ihr Schwager nur mit den feinsten Leuten verkehre.

Der Belehrte erwiderte etwas piquirt: »Ich habe bei dem Einpacken an andere Dinge gedacht und weiß nicht einmal, ob ich den Frack eingepackt habe!«

»Aber, lieber Herr Doctor, wenn Sie Ihren Freund, den Baron Franz, der jetzt als Attaché bei der hannoverischen Gesandtschaft ist und gestern mit uns im Opernhause war, fragen wollten«, sagte die Commerzienräthin gereizt, »so wird der Ihnen sagen, daß es gegen allen Anstand ist, selbst uns in diesem Anzuge aufzuwarten.«

Bruno sprang auf, empfahl sich kurz, hüllte sich in seinen Paletot, zog den Calabreser fest auf den Kopf und eilte die Treppe hinab, als hätte er ein Verbrechen begangen. Das mochte auch wol der Portier denken, der ihn herabkommen sah, denn er öffnete die Hausthür nicht, sondern bereitete sich vor, auf den ersten Ruf von oben den Dieb zu fassen, denn für nichts mehr und nichts weniger hielt er den Mann. Erst als dieser gewaltsam an der Portierglocke schellte, ließ er die Thür aufspringen.

Bruno rannte statt links nach rechts und sah erst, als er durch die Propyläen des Brandenburger Thores gegangen und nun vor dem kahlen Thiergarten stand, daß er irregegangen. Er hatte das Brandenburger Thor oft abgebildet gesehen und geglaubt, daß es von Marmor, mindestens von Granit oder Sandstein sei; Jetzt, da er zurückging und sah, wie die Tünche abfiel, sagte er: »Berliner Schwindel!« und suchte baldmöglichst sein Hotel zu erreichen.

Hier packte er seinen Koffer nicht aus, schickte auch nicht zum Kaufmann, um Cylinder und weiße Glacéhandschuhe zu kaufen, sondern schrieb unter seine Visitenkarte die Buchstaben p. p. c., indem er seufzte: »Wieder eine Illusion weniger«, dann adressirte er dieselbe an Sidonie und übergab sie dem Kellner. Er aß ein bescheidenes Mittagsmahl und rüstete sich zur Abreise. Da aber ein Zug vor Abend nicht abfuhr, betrachtete er die Statue Friedrich's des Großen, das Opernhaus, Zeughaus, Schloß und was sonst hinter den Linden lag, besah den Gensdarmenmarkt und setzte sich dann bei Lutter und Wagner in die Ecke, wo Ludwig Devrient's und Hoffmann's Bilder hingen, um die Abfahrtszeit zu erwarten.

»Es ist so besser«, philosophirte er, »für Menschen wie ich ist es gut allein zu sein.«

Sidonie weinte bittere Thränen, als sie die Karte empfing, die sie auf immer von Bruno und damit von den schmeichelnden Träumen ihrer Jugend schied, Bettina triumphirte im stillen. – –

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