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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 76
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Neuntes Kapitel.
Umschlagen der Herzen.

Der Brief, welcher die Sorgen des Politikers zerstreute, lautete folgendermaßen:

 

Herzensfreund!

Die Sehnsucht nach Dir verzehrt mich! Ich kann nicht ohne Dich leben, mit dem Ertödten der Liebe ist es vorbei, seitdem Du abwesend bist. Seit acht Wochen habe ich Dich nicht gesehen, als im Traume, aber ich träume auch am Tage von Dir, und Dein Bild umschwebt mich vom Morgen bis zum Abend, vom Abend bis zum Morgen. Warum soll ich verzichten? warum soll ich Dich nicht besitzen, der Du doch mein eigen bist?

Was hat die Religion mit unserer Liebe zu schaffen? Hat Gott die Liebe nicht in unser Herz gepflanzt, und er, der Allgütige, sollte diese Liebe verdammen, weil ich eine Jüdin bin, Du ein Christ bist?

Zunächst sind wir beide doch Menschen, mit menschlichen Gefühlen und menschlichen Leidenschaften; – der Staat, die Gesellschaft, das Hergebrachte, die ausgefahrenen Gleise der Gewohnheit, was gehen sie unsere Seelen an, warum sollen sie unsere Liebe trennen?

Ich bin nicht Jüdin in dem Sinne, daß ich mir Jehovah als Gott der Rache vorstellte, ich kenne nur einen Gott der Liebe, einen Gott, der die Welt weise, gerecht, gütig regiert, und der will, daß alle Menschen glücklich werden, nicht erst im Himmel, sondern schon auf Erden. Es gibt aber auf Erden kein Glück ohne die Liebe.

»Mann und Weib müssen an denselben Gott glauben«, sagte die Dudevant, »es kann sich keine Familie aufbauen aus zwei so verschiedenen Elementen wie Christentum und Judenthum.«

Ich glaube an Deinen Gott, den Weltumfassenden, an den Gott, der in sich, unter sich und durch sich die Welt trägt – an den Gott, der das Eine selbe, ganz unbedingte und unendliche Wesen ist. Sagtest Du nicht so?

Ich studire seit kurzem Schleiermacher's »Der christliche Glaube«. Soviel ich Dich und Deine Weltanschauung kenne, ist das Dein Glaube nicht. Wenn das Christentum diejenige eigentümliche Gestaltung der Frömmigkeit, das heißt des Abhängigkeitsgefühls von Gott ist, welche alles Einzelne in sich auf das Bewußtsein von der Erlösung durch Jesus von Nazareth bezieht, so bist Du kein Christ, denn Du hast mir selbst gesagt – ich erinnere mich noch lebhaft, wir gingen auf dem Deiche unterhalb Heustedt, – es komme bei dem Christentum nicht auf das Dogma, sondern auf den Geist, nicht auf die individuelle geschichtliche Person des Nazareners, sondern auf die Wahrheit seiner Lehre, auf die Reinheit des menschlich-sittlichen und religiösen Urbildes an, die christliche Wahrheit liege in dem Gedanken des Himmelreichs, des Reiches Gottes, und zwar nicht blos eines künftigen, jenseitigen, sondern des Reiches Gottes schon auf Erden; »denn«, sagtest Du, »auch dieses Leben hat seine göttliche Bestimmung und steht unter der Führung des Alliebenden«.

Du siehst, ich vergesse nicht so leicht, was Du gesagt hast. Bist Du nun kein Christ im Sinne Schleiermacher's, warum soll ich denn Christin werden, um mit Dir vereint leben zu können? Ich bete schon jetzt zu Deinem Gotte! Ist es blos des Scheines wegen?

Ich hasse den Schein! Aber Dir zu Liebe, um Dich besitzen zu können, um ganz in Dir auszugehen, was wäre mir zu schwer?!

O Bruno, ich kann nicht mehr sein ohne Dich; mein ganzes Wesen, meine Seele, mein Leib gehört Dir, verschmähe mich nicht, erbarme Dich meiner, sei der Quell meines Lebens!

Ich habe meine Mutter zur Vertrauten meiner Liebe gemacht, sie billigt dieselbe und verspricht, allen Einfluß bei dem Vater aufzuwenden, daß er meinen Wünschen, dem Glücke meines Lebens nicht widerstrebe. Ich lebe in der süßen Hoffnung, daß die Schranke, die uns jetzt trennt, niedersinken werde. Ja Geliebter, es muß sein – ich trete zu Dir über! Um mich vorzubereiten, studire ich Schleiermacher, ein Schüler und Nachfolger desselben in Berlin soll mich – auf den Weg zu Dir führen. Denke Dir nur, mein Onkel, der Bruder meines Vaters in Berlin, ist mit seiner ganzen Familie zum Christentum übergetreten und darauf baronisirt. Er heißt jetzt Baron von Hirschstein. Der Vater war anfangs außer sich, wüthend, die Mutter hat ihn aber gezähmt und ihm gesagt, sie hätte geträumt, daß auch ich getauft werden würde. Das ist der Anfang. Nächste Woche bin ich in Frankfurt, bei Dir, Du Einziger, Du mein Engel und Liebster!

Ewig Deine Sidonie.

 

Der Brief erschreckte Bruno mehr, als er ihn erfreute. Diese Leidenschaftlichkeit, dieser Umschlag, diese gänzliche Hingabe nach der Entsagung von früher störten das harmonische Bild, das er sich von Sidonie gemacht. Er hatte in Hannover als Ständemitglied, er hatte in Frankfurt, im Strudel des Parlaments, wenig an sie gedacht. Jetzt trat ihr Bild in voller Pracht der untergehenden Sonne vor seine Seele, und wich nicht, es wich nicht in einer ganzen fieberhaft durchträumten Nacht.

Wir müssen ein Ereigniß nachholen, das uns begreiflich macht, wie Sidonie die Mutter, auf die sie so lange eifersüchtig gewesen, zur Vertrauten ihrer Liebe hatte machen können.

Bettina hatte das Darlehn, welches vor fünf Jahren ihr Mann dem Grafen Schlottheim gegeben, theuer erkauft. Sie hatte ihm seine Untreue vergeben, er hatte aufs neue Treue gelobt und seit zehn Jahren wieder den ersten Kuß empfangen. Als sie im Jahre darauf einen Knaben geboren hatte und sich zum ersten mal wieder im Spiegel sah, erschrak sie über ihre eigene Gestalt. Sie war auf einmal alt geworden, ihre Augen waren ohne Feuer, ihre Lippen kamen ihr blaß und welk vor, einzelne Furchen durchzogen das Gesicht, graue und weiße Haare drängten sich aus ihrer Scheitelfrisur hervor. Tage- und wochenlang Kraftbrühen, im nächsten Sommer ein Seebad, nichts wollte ihr Jugend und Schönheit wiedergeben. Sie mußte resigniren, sie konnte nicht mehr hoffen, je die Liebe Bruno's, die sie in ihren schönsten Tagen nicht zu erobern vermocht, zu gewinnen. Sie fühlte Mitleid mit der Tochter, deren Liebe sie ahnte. War sie selbst unglücklich geworden in der Gemeinschaft mit einem ungebildeten, nur nach Geld strebenden Manne, so sollte doch ihre Tochter glücklich werden an der Seite dessen, den sie selbst in stiller Liebe verehrt hatte. Sie arbeitete unermüdlich daran, ihren Mann aus den Fesseln des starren Judentums aufzurütteln, seine Eitelkeit zu spornen, ihn zum Umgang mit Christen anzuhalten, ihn nachsichtsvoller zu machen gegen die Nichtbeobachtung der Ceremonialgesetze!

Die Convertirung und Baronisirung des Bruders kamen ihr dabei zu Hülfe.

Wenden wir uns wieder zu der Kaiserstadt zurück. Unmöglich ist es, unsern Freund durch alle Phasen seiner politischen Wandlungen, Irrungen, Täuschungen zu verfolgen.; um dies zu thun, müßten wir zu direct auf die politischen Begebenheiten eingehen; begnügen wir uns damit, aus seinen Tagebüchern seinen Gemüthszustand und die Gründe seines Handelns kennen zu lernen:

 

Den 6. Juni 1848.

Seit acht Tagen beschäftigt man sich am Bundestage, in den Ministerialconferenzen, in den Clubs und Fractionen mit der Frage: wie eine Executivgewalt zu schaffen sei? Eine der kleinern Regierungen hatte schon die Errichtung eines provisorischen Staatenhauses zur Mitberathung der Verfassung vorgeschlagen, ein Haus nach dem Maßstabe des Bundesverhältnisses, einen verstärkten Bundestag, der in öffentlicher Berathung über das in der Paulskirche Beschlossene noch einmal beschließe. In Berlin wollte man davon nichts wissen. So kam man aus den von Welcker in der Sitzung des Bundestags vom 3. Mai angeregten Gedanken zurück, ein Directorium von drei Männern zu wählen. Detmold hatte mich unlängst mit dem hannoverischen Bundestagsgesandten bekannt gemacht, dieser, Herr von Wangenheim, hatte nun gestern mich und einige Collegen aus Hannover eingeladen und theilte uns mit, daß das Gesammtministerium es für das Zweckmäßigste halte, wenn drei Staatsmännner so lange mit executiver Centralgewalt betraut würden, bis die neue Verfassung definitiv begründet sei, und daß man den Grafen von Armansperg, bairischen Staatsminister, den sächsischen Minister von der Pfordten und den Staatsrath Mathy für die geeignetsten Dreimänner halte. Er bat uns, diese Idee in den Clubs zu befürworten. Diese Executivgewalt soll unter Mitwirkung des Bundestags ins Leben gerufen werden. Aber vom Bundestage will die ganze Linke nichts mehr wissen, und wie mir Hellung erzählt, haben im Holländischen Hofe Blum und Trützschler beantragt, einen Vollziehungsausschuß aus drei Männern der Nationalversammlung zu wählen. Detmold grinste, als ich ihm dies mittheilte, und äußerte: »Die Narren! glauben sie, drei Männer unter sich oder in der Paulskirche zu haben, welche die Fürsten absetzen, dem Kaiser von Oesterreich und dem Könige von Preußen befehlen könnten?!«

 

Den 9. Juni.

Sidonie ist angekommen! Sie ist unendlich schön, Sie war gestern mit der Schwester in der Paulskirche, und obgleich die Sitzung sehr stürmisch war, – man begehrte Schutz gegen die Zusammenkunft der nach hier auf Pfingsten ausgeschriebenen Demokratischen Volksvereine – zog ihre Schönheit doch selbst die Aufmerksamkeit des Berges auf sich. Ich habe stundenlang in ihren Anblick versunken gesessen und wurde erst aus meinen Träumen gerissen, als Simon von Trier von der Tribüne herabdonnerte: »Ich muß mich dagegen verwahren, daß wir jetzt anfangen, Polizei zu spielen«, und mit den Worten gegen die Rechte schloß: »Wir fürchten die Bajonnete nicht, fürchten Sie auch keine andern Waffen!« die ihm natürlich unendlichen Beifall von den Galerien einbrachten. Die Phrase bleibt doch allmächtig!

 

Den 16. Juni.

Wir haben die drei Ferientage, die uns der Himmel oder Heinrich von Gagern beschieden, herrlich ausgenutzt zu einem Abstecher in den Rheingau und das Nahethal. Seit meinen Studentenjahren schwebt mir Rüdesheim und der Niederwald, die gegenüberliegende Rochuskapelle und Bingen immer als einer der schönsten Punkte am Rhein vor. Und nun an der Seite Sidoniens! Pauline hätte zwar lieber gesehen, wenn eine ganze Schar Parlamentsmitglieder mitgegangen wäre, sie liebt die Spectakelmacher für die Galerie, allein ich stellte zur Bedingung, entweder wir allein oder gar nicht. Pauline ist zu schwer, um den Niederwald zu Fuß hinaufsteigen zu können, ihr Mann zu träge, beide ritten auf Eseln. Sidonie und ich waren zu Fuß weit voran, unsere Seelen hatten sich so viel zu erzählen, und als wir in ziemlichem Vorsprunge oben unter den ersten Bäumen ausruhten, da drückten sich die Lippen aneinander in seliger Umarmung.

Warum konnten wir solche Thoren sein und drei Jahre nebeneinander leben wie Geschwister? Welche schöne Jugendzeit haben wir einer Marotte geopfert? Auf dem herzoglichen Jagdschloß war große Gesellschaft, Damen und Herren, Frankfurter und viele Mitglieder des Parlaments. Es mochte mehr als einer außer mir die Ausschußsitzungen versäumt haben. Vorstellen und vorgestellt werden, wie langweilig! Einige junge Dandies bewiesen sofort Sidonien Aufmerksamkeiten und wollten sich uns zu Führern oder Geleitern aufwerfen.

Pauline wäre gern bei dem großen Troß geblieben, der wie wir noch das Schloß Rheinstein besuchen wollte, aber Sidonie, die mein Unbehagen fühlte und theilte, trieb zur Abreise. Während das Ehepaar auf weiten Schneckenwegen nach Asmannshausen hinabritt, sprangen wir beide wie die Kinder die nächsten, steilsten Wege hinab, sie wie eine Gazelle voran, doch ließ sie sich von Zeit zu Zeit haschen und abküssen.

Ich fand die Gartenterrasse eines Weinbauern wieder, wo wir vor funfzehn Jahren uns mit den heidelberger Freunden ein Rendezvous gaben und commersirten.

Die Fliederlaube duftete heute in prächtigen Blüten, der Ziegenstall wie das alte Gemäuer der Terrasse und das Gerumpel, welches ein Haus vorstellte, alles war von blühendem Jelängerjelieber umrankt. Wir hatten mehr als eine halbe Stunde vor der Eselcavalcade voraus, ich kenne die Führer. Ich führte Sidonie die Stufen zur Terrasse hinauf, ein altes Mütterchen, die einzige, die an den schönen Tagen nicht in den Weinbergen arbeitete, brachte uns einen Schoppen Asmannshäuser und eine trockene Semmel. Ein Göttertrank, versüßt durch feurige Küsse.

Wir übernachteten in Bingen, bestiegen mit Sonnenaufgang die Klopp, fuhren dann im Nahethale hinauf zur Ebernburg, wo wir Mittag machten. Die Gestalten Hutten's und Franz von Sickingen's traten lebhaft vor meine Seele, und wir verglichen die große Zeit der Reformation und die Jetztzeit, die Ideale Hutten's und die Ideale Arnold Ruge's und der modernen badischen Ritter, die vor kurzem unter Hecker den Versuch gewagt, im Südwesten die Republik zu erklären.

Dr. Behrend brannte vor Ungeduld, wieder in sein Redactionsbureau zu kommen, er war mit Leib und Seele Oesterreicher und conjecturirte fortwährend, was aus dem Slawencongreß in Prag werden würde und ob Fürst Windischgrätz die Slawen werde bewältigen können.

Pauline hätte gar zu gern einer Sitzung des Demokratencongresses beigewohnt, der in Frankfurt tagte, um die Helden der Linken reden zu hören. Wir wollten nichts von Politik hören, Sidonie und ich, und waren glücklich, als jene, nachdem wir über die Nahe zurückgefahren und nun den Rheingrafenstein erklimmen wollten, in der Höhe des Huttenthals angekommen, erklärte, nicht weiter zu können und uns da erwarten zu wollen. Ihr Mann mußte ihr Gesellschaft leisten, und wir waren wieder unter uns.

Aber welche Angst habe ich ausgestanden, wenn oben auf den steilen Festungsmauern meine Begleiterin gleich einer Gemse bis an den äußersten Rand hinaustrat, um in die Tiefe hinabzuschauen. Wäre sie hinabgestürzt, ich hätte ihr folgen müssen.

Am andern Tage fuhren wir nach Mainz hinauf, das Sidonie noch nicht gesehen.

Diese drei Tage verdienen es, mir bis in das höchste Alter in Erinnerung zu bleiben, deshalb habe ich denselben so viel Raum in diesen Tagebuchsblättern gestattet.

 

Den 30. Juni.

Heiße Tage seit voriger Woche. Das Gesetz über Einführung einer provisorischen Reichsgewalt, wie viel Worte, wie viel Schweißtropfen hat es gekostet! Dagegen ist gestern die Wahl des Erzherzogs Johann zum Reichsverweser um so glatter abgegangen; ob Gagern's »nicht weil«, sondern »obgleich ein Fürst« dazu beigetragen?

Die äußerste Linke wollte Itzstein, er hatte zweiunddreißig, Gagern selbst zweiundfunfzig Stimmen, siebenundzwanzig Sonderlinge enthielten sich des Stimmens; auch Georg von Vincke hatte es nicht über sich gewinnen können, für einen Habsburg-Lothringer zu stimmen, obgleich Detmold nicht davon lassen will, daß das gerade der Weg zum preußischen Erbkaiserthum sei.

Die Frankfurter jubeln, als zöge schon ein deutscher Kaiser wieder in ihre Mauern. Mir ist ganz wüst im Kopfe; Prioritäts- und Petitionsausschuß, Sidonie, die Sitzungen in der Paulskirche, das Zerren in den Clubs, das Artikelschreiben für die Heimat. Aber ich muß, die »Bremer Zeitung« hat sich nach Hannover hinübergesiedelt als »Zeitung für Norddeutschland«, und mein Freund Althaus und mein Neffe Oskar Schulz redigiren sie, mir zu sehr im Sinne der Linken. Da muß ich dann von Zeit zu Zeit einen Drücker aufsetzen und den Leuten begreiflich machen, daß sie das gute Wasser, was wir zu Hause haben und durch Stüve hoffentlich noch bekommen, nicht früher ausgießen, als bis wir hier reines, besseres haben. Wollen erst einmal abwarten, ob die Centralgewalt auch Gewalt bekommt, ob sich Oesterreich selbst und Preußen ihren Anordnungen fügen? Ich glaube nicht daran.

 

Den 10. Juli.

Die Schleusen der Beredsamkeit haben sich seit acht Tagen geöffnet! – Die Grundrechte des deutschen Volkes werden berathen, und da glaubt sich jedermann zum Mitsprechen berechtigt. Welcher Wassersturz allein über die Vorfragen! Und nun gar die volkswirthschaftliche Entmischung! Wann sollen wir da zu Ende kommen?! Die Frauen sind jetzt täglich in der Paulskirche. Pauline sucht meine Eifersucht zu erregen, sie behauptet, die Schwester treibe nur deshalb in die Sitzungen, um das schöne blasse Antlitz von Raveaux mit den wunderbar schwarzen Augen zu sehen; Sidonie dagegen neckte jene, daß sie sich in den schönen Bart von Moritz Hartmann verliebt habe. Nun, Raveaux ist jetzt auf der Kurreise zum Reichsverweser, da kann er in Wien Eroberungen machen. Ich freue mich, daß Sidonie so verständig ist, mich nicht auf die Rednertribüne zu drängen, ich weiß, viele unnütze Reden werden von dort nur der Frauen wegen, die den Mann oder den Geliebten glänzen sehen wollen, gehalten.

 

Den 14. Juli.

Auch die heutige rein hannoverische Debatte hat mich nicht auf die Tribüne gezwungen; es fielen da solche Kraftreden auch von sonst Gemäßigten, daß die Wahrheit: daß der König von Hannover das frank und frei sagt, was die übrigen Fürsten denken und in langen Diplomatischen Noten ausführen, nicht einmal Verständniß fand. Oder schlug man nur auf den Sack? Die österreichische Erklärung, welche nur von einem Staatenbunde etwas wissen will, der münchener Reichsverfassungsentwurf, die preußische Erklärung wegen der Wahl des Reichsverwesers, kündigen sie nicht alle mehr oder weniger offen an, daß die Regierungen der Versammlung das Recht, einzig und allein das Verfassungswerk zu schaffen, bestreiten?!

Herr Bassermann will jeden, der einen Schlagbaum in den Weg wirft, welcher zur deutschen Einheit führt, mit den Abgeordneten von Leipzig zermalmen. Ja, wenn das Zermalmen so leicht ginge! Ich weiß nicht, ob Herr Bassermann einmal zugegen gewesen ist, wenn von der Makulatur, die er gedruckt, so ein Ballen eingestampft und zermalmt wird; selbst die Makulatur ist zähe und widerstrebt der Vernichtung.

Wenn der kleine Stüve mit seinem Schreiben beabsichtigt hat, die Paulskirche darauf aufmerksam zu machen, daß es noch Könige gibt, so hat er seinen Zweck verfehlt. Die Majorität hat keine Ahnung davon, daß es ein Fehler war, als die Nationalversammlung bei ihrem ersten Schritt und Tritt, dem Gesetze vom 28. Juni und der Reichsverweserwahl, die Existenz deutscher Regierungen und des Bundestags ignorirte; consequent sind allein Zitz, Ruge und Genossen, sie wollten, daß Ernst August aufgefordert würde, sofort die Regierung des Königreichs Hannover in die Hände der Centralgewalt niederzulegen, um demnächst durch unsern souveränen Volkswillen weiter über die festzusetzende Regierungsform das Geeignete beschließen zu lassen.

Wenn aber die Antragsteller glauben sollten, daß unsere guten Landsleute, wenn Ernst August dem freiwillig Folge geleistet (wer könnte ihn zwingen?), eine republikanische Regierungsform erwählt hätten, so irren sie sehr. So sehr man den König vor acht Jahren verwünschte – es würde keiner großen Manipulation bedürfen, einen Ernst August mit großer Majorität wiederwählen zu lassen. Wer ist dann aber blamirt?

Uebrigens hat, um die Rechtscontinuität aufrecht zu erhalten, wie mir Detmold erzählt, vorgestern die Bundesversammlung ihre Machtbefugnisse in die Hände des Reichsverwesers niedergelegt. Wenn damit nur ein juristischer Gedanke zu verbinden wäre, wenn das die Centralgewalt stärken könnte! Aber die Eigenschaft und Machtvollkommenheit der Bundesversammlung steht der neugeschaffenen Centralgewalt direct entgegen, was ist da zu übertragen?

Der Reichsverweser ist schon am 11. hier eingezogen, um heute wieder nach Wien zurückzureisen, wo Doblhoff noch immer kein Ministerium zu Stande bringen kann, und gemüthliche Anarchie, oder wie andere sagen, die anarchische Gemütlichkeit herrscht. Es muß dort arg hergehen, denn Veronica die Mutter hält sich und die Kinder nicht mehr sicher, so wenig in Wien wie in Sanct-Helena. Der Sicherheitsausschuß und Dr. Goldmark beherrschen Wien. Die beiden Veronicas und der Student Baumgarten sind schon unterwegs hierher. Wie ich von Hermann höre, galt es vor allem, den jungen Studenten aus dem revolutionären Treiben zu ziehen.

 

Den 1. August.

Wenn man verliebt ist und nebenbei Politik als Geschäft treibt, soll man kein Tagebuch führen. Seit der Debatte vom 14. vorigen Monats bin ich mit meinen Freunden noch mehr auseinandergekommen als früher. Ruge und seine Partei nannten mich von vornherein einen Abtrünnigen, weil ich nicht für den Convent und die Republik war. Hellung beschwor mich unter Thränen, zu ihnen im Donnersberge zu halten. Mit Oheim Gottfried ist nichts aufzustellen, seitdem die Grundrechte zur Berathung stehen; er hatte ein ganz neues System von Grundrenten ausgearbeitet, er leitet alle Rechte aus dem einen Urrechte der Persönlichkeit und der Menschheit her und deducirt daraus die Rechte des Einzelmenschen, z. B. das Recht auf Lebensunterhalt, das Recht auf Selbsthülfe und Selbstvertheidigung, das Recht der Ausbildung der Geisteskräfte, auf Wahl des Berufs und Wohnorts, die Rechte der Rasse, der Volksthümlichkeit, das Recht der Lebensalter, der Geschlechter u. s. w. Er ist nicht dahin zu bringen, einzusehen, daß das alles wol für ein System des Naturrechts, nicht aber für ein Gesetz passe, obgleich seine kleine hübsche Frau ihm mit mir hundertmal sagt, das sei unpraktisch.

Hermann lebt in Besorgnissen um sein zweites Vaterland und hat große Noth gehabt, hier für seine Familie ein passendes Unterkommen zu finden. Veronica die Tochter ist eine Erscheinung, welche hier, wo es wahrlich nicht an schönen Frauen fehlt, Aufsehen erregt, mag sie mit ihrer Mutter in der Paulskirche, im Theater, auf der Mainlust oder in den Promenaden erscheinen. Georg ist ein Demokrat, ein Lärmmacher auf den Galerien, dem nichts im Kopfe schwebt als die ruhmwürdigen Thaten der Studentenlegion und der Aula, und der mit seiner Legion hier gern die Reactionäre in der Paulskirche, vor allen die Preußen, zusammenhiebe.

Von der Versammlung im Landsberg habe ich mich zurückgezogen. Meine Landsleute wurden mir dort zu vertrauensselig in die Omnipotenz der Versammlung und zu sehr antihannoverisch. Durch Mediatisirung der Kleinstaaten allein kommen wir nicht zur Einheit, solange Oesterreich und Preußen nicht an Mediatisirung denken; solange beide Großstaaten sich nicht erklären, sondern, in Hintergedanken, Vorbehalten, Verclausulirungen leben, darf ein so kräftiger Stamm wie wir, die alten Sachsen, seine Stammeseigenthümlichkeiten der unbestimmten Centralmacht nicht auf dem Präsentirteller entgegenbringen. Was wir von unserer Selbständigkeit retten, ist vielleicht mehr werth als die goldenen Früchte, die man sich von den Grundrechten und der Einheit verspricht.

Wippermann hat mich in das Casino eingeführt, doch hospitire ich vorläufig nur. Die Preußen überwiegen dort. Gervinus ist aus dem Parlament getreten. Der Reichskriegsminister hat einen Fühler ausgestreckt, wie weit seine Macht reiche, die sämmtlichen deutschen Truppen sollen am 6. dieses Monats dem Reichsverweser huldigen. Ob es geschieht?!

 

Den 9. August.

Das Reichsministerium ist fertig – Fürst Leiningen Präsident. Mit dem Huldigen und Anlegen deutscher Farben ist es nichts Rechtes geworden, wie ich immer vorhergesagt habe; in Preußen hat die Armee gar nicht, in Baiern nur bedingt gehuldigt, in Hannover zeigte Ernst August, daß nur er Kriegsherr sei, selbst in Oesterreich huldigte nur die Besatzung Wiens.

Dagegen hat das Volk überall freiwillig gehuldigt und demonstrirt. Gestern demonstrirte auch die Linke mit großem Skandal in der Paulskirche, unter Beistand der Galerien, die geräumt werden mußten. Die ganze Sitzungszeit ging in unnützem Geschrei verloren, die Amnestieanträge wurden durch Tagesordnung beseitigt. Die beiden Veroniken sind Freundinnen von Sidonie geworden, sie wissen um meine Liebe zu ihr und billigen dieselbe. Die Frauen haben endlich auch Ueberdruß gefunden an den Redereien der Paulskirche, sie musiciren desto fleißiger.

 

Den 5. September.

Gestern wieder Sturm in der Paulskirche, des von Preußen ohne Vollmacht der Centralgewalt zu Malmö geschlossenen Waffenstillstands wegen, jedenfalls als Vorgefecht. Es ist ein gewagter Schritt von Preußen, so der öffentlichen Meinung von ganz Deutschland, der Nationalversammlung, selbst der Centralgewalt ins Gesicht zu schlagen! Die Macht oder Ohnmacht der Paulskirche gegen den Particularismus wird jetzt zu Tage kommen. Ob man den preußischen Particularismus niederschlägt wie den hannoverischen?

 

Den 8. September.

Das Reichsministerium hat seine Entlassung gefordert, weil in der Paulskirche die Sistirung der zur Ausführung des Waffenstillstandes nöthigen militärischen und andern Maßregeln mit einer Majorität von siebzehn Stimmen beschlossen ist.

Der Commerzienrath, den, scheint es, die Baronscarrière seines convertirten Bruders am meisten biegsam gemacht hatte, hat endlich eingewilligt, daß Sidonie zum Christenthum übertrete, er selbst und Frau Bettina wollen dieselbe Ende des Monats von hier abholen und zum Bruder in Berlin bringen. Dann kann Weihnachten Verlobung, zu Ostern Hochzeit sein.

Wir befürchten den Leser zu ermüden, wenn wir noch weitere Auszüge aus dem Tagebuche Brunos bringen wollten, das sich bis zur Zurückberufung der hannoverischen Deputirten im nächsten Jahre hinzieht. Nach Sidoniens Abreise ist dasselbe freilich dürftiger, Bruno schrieb dreimal wöchentlich nach Berlin und erhielt von dort einen um den andern Tag ein Briefchen.

Man sieht aus diesen Blättern, daß unser Freund immer mehr abhängig wurde von der Leitung Detmold's, daß er immer mehr Particularist wurde, wie seine bisherigen Freunde es nannten. Aber war er wirklich Particularist? Nein, er wollte auch ein deutsches Reich, einen deutschen Bundesstaat, aber er wollte die Sonderheiten deutscher Stämme und Staaten und die eigentümliche freie Kraft und Entwickelung in den Gliedern des Reichskörpers soweit wie möglich geachtet und geschont wissen; er wollte die militärischen Verhältnisse strammer und centralisirter, ein deutsches Parlament, ein Reichsgericht und Einigung wegen der Zölle. Er irrte jedoch darin, daß er die Hannoveraner wie einen besondern homogenen deutschen Volksstamm mit staatlicher Bildung ansah; das Königreich Hannover gleich andern deutschen Staatengebilden war nur Conglomerat und die staatliche Einheit ein Mantel, unter dem sich acht Fürsten-, Herzog-, Grafenthümer und noch allerlei Abfälle von andern deutschen Staaten versteckten.

Detmold, der damals gerade »Piepmeier's Leben und Thaten« dichtete und zeichnete, hatte seine Hauptstärke darin, daß er die Schwächen seiner Gegner auf den ersten Blick erkannte und mit schlagendem Sarkasmus oder seiner Ironie so zu charakterisiren wußte, daß er überzeugte. Er hatte Bruno gegenüber nach und nach alle irgend bedeutenden Mitglieder der Nationalversammlung in ihrer Schwäche gekennzeichnet, sodaß aller und jeder Nimbus von den einzelnen und von der Versammlung selbst gefallen war. Er nannte das, seinem jungen Freunde einen Einblick hinter die Coulissen gewähren. Dieser sah bald nur noch Verführer und Verführte, Verräther und Verrathene, Anarchisten und Republikaner oder an Preußen verkaufte erbkaiserliche und mit dem erbkaiserlichen Fangnetz ausgerüstete Jäger, allerlei Lockspeise bietend. Er fing an, an mehr Egoismus zu glauben, als wirklich in der Paulskirche vorhanden war, denn nur wenige hatten das eigene Ich und das eigene Wohlergehen im Auge, sondern die meisten wollten das Wohl, die Freiheit und Einheit des Vaterlandes, wenn sie auch in den Wegen zum Ziele irrten und aus Unfertigkeit, Temperament, Verbissenheit über das Ziel hinaus- oder weit vorbeischossen.

Detmold, wie man oft bei Verwachsenen bemerkt, war auf körperlich schöne wie auf geistig ausgezeichnete Männer neidisch und eifersüchtig; so haßte er namentlich Gagern, dem er schuld gab, sich durch Bunsen mit Palmerston und mit Rußland verbunden zu haben, um Oesterreich aus Italien zu verdrängen, Ungarn selbständig zu machen, und Preußen für ein norddeutsches Kaiserthum Raum zu schaffen. Er ließ keine Gelegenheit vorübergehen, um das Thun oder Lassen, das Reden oder Schweigen des Präsidenten, später des Vorsitzenden im Reichsministerium zu bespötteln und schlecht zu deuten, er wußte die schleswig-holsteinischen Professoren und Literaten als Schwächlinge und Erbkaiserfänger zu zeichnen, sodaß er auf seines Freundes Gemüth den unseligsten Einfluß ausübte und diesen beinahe ganz isolirte. Im Café Milani, wo er ihn einführte und zu halten suchte, war es diesem zu vornehm, zu steif und kalt, außerdem hörte man dort Vincke zehnmal, ehe einer der andern dazu kam, seine Meinung auszudrücken. Dazu kam es Bruno vor, als säßen dort ein halbes Dutzend oder mehr Diplomaten blos in der Absicht, einer dem andern seine Hintergedanken abzulauschen. Konnte es etwas weniger Zusammengehöriges geben als Georg Vincke und Detmold, jener Preuße durch und durch, dieser Vertrauter Schmerling's, Preußenhasser?

Onkel Gottfried hatte sich von vornherein von Detmold zurückgezogen, da dieser das »Gänseblümchen« in alter göttinger Weise zu hänseln versuchte und die schöne Frau desselben mit französischen Artigkeiten und Schmeicheleien überhäufte. Aber Jeannette mochte den Buckeligen nicht, und ihr Mann warnte Bruno vergebens, sich mit dem »kleinen Scheusal« nicht zu tief einzulassen, derselbe misbrauche jedermann.

Anfang October kam Commerzienrath Hirschsohn mit Frau, um Sidonie nach Berlin zu entführen.

Dr. Behrend glaubte sich verpflichtet, den reichen Schwiegervater seinem nähern Bekanntenkreise vorzuführen; sein Journal liebäugelte stark mit der Linken, daher, vielleicht unter dem Einflusse Paulinens, war es gekommen, daß zu dem Diner, das auf der Mainlust arrangirt war, außer Bruno und Hermann Baumgarten mit Frau und Tochter auch mehrere Parlamentsmitglieder der Linken eingeladen waren, unter andern Raveaux, Moritz Hartmann, Jakob Venedey und andere. – Bruno stand mit diesen Collegen nicht feindlich, man kannte und achtete sich aus der Zeit vor dem Parlament, und wenn man auch verschiedene Wege für die richtigen hielt, sich von der Tribüne, in den Clubs, in Zeitungen befehdete, so war man doch in Gesellschaften freundschaftlich und collegialisch. Raveaux unterhielt die beiden Veronicas von seinem Triumphzuge mit Heckscher nach Wien, seinen dortigen Erlebnissen und Kranksein; Hartmann ward von Pauline über Karlsbad oder Marienbad ausgefragt, das ihr für den nächsten Sommer zur Cur empfohlen war, Hermann Baumgarten ließ sich von Venedey's neunzehnjähriger Verbannung vorerzählen, Frau Bettina ward von einem frankfurter Bankier zu Tisch geführt, Bruno drückte die kleinen weißen Hände Sidoniens mehr und sah ihr öfter in die dunkeln Augen, als es für einen nicht öffentlich Verlobten passend schien. Nur Eins störte die Harmonie, der Commerzienrath wiederholte den ganzen Vorrath seiner platten, unfeinen Scherze, die er sich in Heustedt angewöhnt, und zeigte den Emporkömmling und den Mangel wahrer Bildung auf mehr als einerlei Weise. Es wurde unserm Freunde klar, daß er nicht wohlthun würde, neben dem Schwiegervater in Heustedt seine Familie aufzubauen. Durch den Aufenthalt in Hannover und Frankfurt war ihm das dortige kleinstädtische Leben zum vollen Bewußtsein gekommen. Die großsprecherischen Redewendungen, die man in den Zeitungscorrespondenzen jenes Jahres gebrauchen mußte, wenn man Anklang finden und gelesen sein wollte, ein wenig Stolz, Mitglied der Zweiten Kammer in Hannover (sie war freilich eben mit der Verkündung des Verfassungsgesetzes aufgelöst) und der constituirenden Nationalverfassung zu sein, Reichsgesetze schaffen zu helfen u. s. w., hatten unserm Freunde den Beruf eines Advocaten etwas verleidet, wenigstens war er schon halb und halb entschlossen gewesen, mit der neuen Gerichtsorganisation, welche das Ministerium Stüve verheißen, nach Hannover überzusiedeln. In jener Gesellschaft wurde es ihm klar, daß er mit der Christin Sidonie nicht an demselben Orte wohnen könne, wo der Jude Meyer Hirschsohn wohnte.

Kurz nach der Abreise der Geliebten ereignete sich ein Zwischenfall, der in die persönlichen Verhältnisse unsers Freundes nicht wenig eingriff. Der Student Georg Baumgarten hatte sich den demokratischen Vereinen Frankfurts angeschlossen und sich auf der Pfingstweide in einer Art benommen, die es dem Vater zur Pflicht machte, ihn aus Frankfurt fortzuschaffen. Da es derzeit im Hannoverischen verhältnißmäßig am ruhigsten in ganz Deutschland war – hannoverische Truppen waren in sächsische Länder zur Aufrechterhaltung der Ruhe eingerückt – so hatte Baumgarten seinen Sohn Georg selbst nach Göttingen gebracht und ihn der Aufsicht eines dortigen befreundeten Professors anvertraut. Beruhigt war er nach Frankfurt zurückgekehrt, wo ihn die Nachricht von der Ermordung und hinterher Aufhängung des Kriegsministers Latour und dem furchtbaren Gemetzel vom 6. October aus Wien traf. Die Aufmerksamkeit auf die Verhandlungen der Paulskirche war von diesem Augenblicke an geschwunden; in Wien wie in Berlin war von neuem Blut geflossen; Bürgergarden rückten gegen Arbeiter in Berlin. Da erhielt der Vater am 24. October einen von Brünn datirten Brief, der sechs Tage unterwegs gewesen war. Er lautete: »Lieber Vater! Das Vaterland ruft, die akademische Legion ruft, die Ehre befiehlt; wenn Du diesen Brief erhältst, kämpfe ich an der Spitze der dritten Compagnie der akademischen Legion, die mich zu ihrem Anführer erkoren, gegen die Kroaten. Die Ehre befiehlt, der Sieg wird unser sein, grüße Mutter und Schwester, sie sollen für die gute Sache beten! Dein Georg.«

So ereilte ihn die Strafe; hatte er selbst vor fünfunddreißig Jahren nicht auch Vater und Mutter verlassen, um sich den Lützowern anzuschließen? War nicht Jelachich mit seinen kroatischen Horden der zweiten Vaterstadt Wien ein schlimmerer Feind, als Napoleon es gewesen war, zumal jener im Bunde war mit einer verräterischen Camarilla?

Bisher hatte man in Frankfurt noch an die Siege der Ungarn und Wiener geglaubt, die Versammlungen des Donnersbergs und des Deutschen Hofes hatten noch am 13. Robert Blum und Julius Fröbel nach Wien gesendet, um eine Adresse dieser Fractionen, »daß Wien sich durch seine Erhebung um das Vaterland verdient gemacht habe«, dahin zu überbringen; der Reichsverweser schickte Welcker und Mosle als Reichscommissare dahin, die letzte Nachricht, die aus Wien vom 20. October vorlag, enthielt ein Manifest des Constituirenden Reichstags, von Franz Smolka unterzeichnet, an die Völker Oesterreichs und das Manifest des Kaisers, datirt Olmütz, den 16. October – sonst hatte man nur die unbestimmte Nachricht, daß Fürst Windischgrätz die Vorstädte Wiens von allen Seiten umschlossen habe.

Da half kein Besinnen; Hermann Baumgarten reiste noch in der Nacht nach Wien, um womöglich seinen Sohn zu retten; Bruno blieb als Beschützer der Frauen zurück und zog zu diesen auf die Villa vor dem Bockenheimer Thore. Es folgten trübe Tage, erst am 5. November erhielt die Familie die Nachricht, daß es Hermann am 1. November gelungen sei, hinter den Truppen in das eroberte Wien einzudringen, in welchem die blutigste Soldatenwirthschaft herrsche. Dann kam, zugleich mit der Nachricht von Robert Blum's Erschießung, die freudige Kunde, daß der Vater den Sohn in einem Versteck der Wiener Vorstadt aufgefunden habe, daß derselbe leicht verwundet sei, er aber hoffe, denselben innerhalb acht Tagen mit sich führen zu können, wenn der Reichsverweser seinen Paß auf seinen Sohn und auf eine Dame, die Baronin Heloise von Barrò, ausdehne, denn Heloise habe sich nach Wien geflüchtet, da ihre ungarischen Besitzungen von Kroaten besetzt seien und ihr Mann mit dem Heere im Felde stehe.

Anfang December wohnte Bruno wieder in der Stadt, in der Villa Hermann's war Heloise eingekehrt, und Georg lag an einer Schußwunde, die einen Knochen des linken Arms verletzt hatte, danieder, von Mutter, Schwester und Heloise gepflegt. Man studirte nur die unsichern Armeenachrichten aus Ungarn; die Entsagung des Kaisers Ferdinand zu Gunsten seines Neffen Franz Joseph, die Entlassung Schmerling's und der Eintritt Gagern's als Ministerpräsident machten in der Villa nicht so viel Eindruck als die unsicherste Nachricht von den Beschlüssen des ungarischen Reichstags in Debreczin und von dem Vorrücken des Fürsten Windischgrätz gegen Ungarn.

So nahten die Weihnachtstage, an denen Bruno einen Besuch in Berlin versprochen hatte.

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