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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 75
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Achtes Kapitel.
Hoffnungen und Täuschungen des Jahres 1848.

Die wichtigen politischen Ereignisse, welche um die Zeit der erzählten Ereignisse in Europa eintraten, die Eröffnung der Vereinigten Ausschüsse in Berlin, der Aufstand in Palermo und die Concessionen in Sicilien, der Tod Christian's VIII. von Dänemark, die Verfassungsproclamation in Neapel, die Studentenconflicte mit Lola Montez, Dinge, die Bruno zu jeder andern Zeit beinahe ausschließlich beschäftigt hätten, traten vor den Arbeiten, die jeder Tag forderte, in den Hintergrund.

So wurde denn der Vielbeschäftigte förmlich überrascht von der Nachricht, daß man seit dem 23. Februar in Paris Barrikaden baue, daß am 24. Louis Philipp zu Gunsten des Grafen von Paris abgedankt habe, und als die »Kölnische Zeitung« am 28. abends schon die Nachricht brachte, daß am Tage vorher die Republik in Paris proclamirt, Louis Philipp entflohen sei, da hörte alle Arbeit, da hörte beinahe alle Ueberlegung auf.

Der Tag, nach welchem Bruno so lange Zeit verlangt, der Tag, der Louis Philipp, den Börsenkönig, vom Throne entfernte, war urplötzlich gekommen; aber der Thron war nicht durch natürlichen Tod erledigt, er war durch Revolution, durch eine siegreiche, erledigt – die einheitliche Republik war nach dem Willen des Volkes proclamirt.

Jetzt galt es, die Schläfer in Deutschland zu wecken, sich mit den Freunden und Gesinnungsgenossen in allen Theilen Deutschlands in Verbindung zu setzen, um womöglich allerorten nach einem gemeinsamen Plane an der politischen Neugeburt Deutschlands zu arbeiten. Aber Bruno in seinem Winkel kam zu spät; kaum waren seine ersten Briefe geschrieben, als schon die Nachricht kam von den ersten Bewilligungen der Regierung in Karlsruhe, von den Volksversammlungen in Heidelberg, von der Forderung eines Nationalparlaments. Die Ereignisse überstürzten sich, man konnte kaum nachfolgen: Concessionen an allen Orten, Entlassungen der Ministerien, Volksversammlungen, Petitionen, Adressen, Bassermann's Rede, die Ansprache des Bundes an das deutsche Volk, die Erlaubniß des Deutschen Bundes zur Aufhebung der Censur. Ueberall trug man den Volkswünschen Rechnung, nur in Hannover nicht, dort allein erfolgte weiter nichts als die Zusammenberufung der Stände auf den 30. März, von Aufhebung der Censur könne nicht eher die Rede sein, erklärte Ernst August, als bis von Bundes wegen Garantien gegen den Misbrauch der Presse gegeben seien, und eine Theilnahme landständischer Deputirten an den Beratungen und Beschlüssen des Deutschen Bundes sei wider das monarchische Princip.

Das war denn doch ein bischen zu wenig, was man den Hannoveranern bot, und je zahmer und demüthiger die Adresse der Residenz gewesen, um so kräftiger wurden die Volksforderungen, wie sie von Süddeutschland ausgingen, in Adressen aus andern Städten, selbst kleinen Orten ausgesprochen. Bruno selbst entwarf eine solche, welche von den Ungeschlossenen mit allgemeinem Beifalle aufgenommen und, durch ihre Beihülfe mit mehr als tausend Unterschriften bedeckt, an das Cabinet geschickt wurde.

Unser Freund ließ es aber dabei nicht bewenden, er schrieb allen seinen Bekannten unter den Mitgliedern der Zweiten Kammer und bat um eine Zusammenkunft auf den 17. März in Hannover, damit man sich vorher über gemeinsame Schritte verständige.

Dies fand den meisten Anklang in Hildesheim, von dort kam aber nicht nur der Deputirte Dr. Weinhagen, eine äußerst imponirende Gestalt, sondern er brachte zugleich ein paar Dutzend seiner Anhänger mit. »Um den hannoverischen Philistern«, wie er sich ausdrückte, »zu zeigen, was eine Harke sei.«

Aus einer Besprechung unter den künftigen Deputirten wurde indeß an diesem Tage nichts, da man in Hannover am Abend vorher in einer Volksversammlung beschlossen hatte, Ernst August durch eine Massendeputation das abzuzwingen, was er bisher verweigert, und nun zunächst den Magistrat angehen wollte, den Volkswünschen energischer das Wort zu reden, als das bisher geschehen war. Als Bruno mit dem Frühzuge in Hannover ankam, war sein erster Weg zu Detmold. Dieser wohnte damals am Reitwalle, war eben aufgestanden, trank Kaffee und fütterte die ihn umschmeichelnden beiden Kater mit süßem Weißbrote, das er in Rahm tauchte. Detmold war von dem Gange der Dinge und von der beabsichtigten Demonstration nicht erbaut. »Bleiben Sie bei mir, Baumann«, sagte er, »auf dem Rathhause kommt doch nichts Gescheites zu Stande, ich müßte meine Pappenheimer schlecht kennen, wenn Herr Evers da nicht wieder so eine Adresse zurechtdrehte, die nicht gehauen und nicht gestochen ist.«

Bruno jedoch ließ sich nicht halten er eilte zu seinem Onkel und ging mit diesem und dem jüngern Sohne, dem Juristen Oskar, in die Stadt. In den Straßen wogte es in außergewöhnlicher Art von Menschen, und der Platz zwischen Marktkirche und Rathhaus war dicht gefüllt. Ernst August hatte drei Tage vorher an seine angestammten Hannoveraner eine Proclamation erlassen, in welcher er auf die vielen Petitionen, die ihm von früh morgens bis spät abends zugesendet wurden, antwortete. Er machte es sich bequem, er acceptirte aus diesen Adressen nur die Verbrämungen von Liebe und Zutrauen – »wo andere Wünsche darin laut werden, kommen sie – davon bin ich überzeugt – nicht von den Hannoveranern selbst, sondern sind durch Fremde eingeflößt, die überall Unordnung und Verwirrung anzuregen bemüht sind«. – Die Stadthannoveraner wollten dem alten Könige nun zeigen, daß es nicht Fremde seien, die um deutsches Parlament, Preßfreiheit, Volksbewaffnung, Verantwortlichkeit der Minister, Schwurgerichte, öffentlich-mündliches Verfahren in Civil- wie Strafsachen, Uebertragung der Polizeigewalt an die Gerichte, Aufhebung der Exemtionen, Erweiterung der activen und passiven Wahlfähigkeit, freie Uebung der Culte bei politischer Gleichberechtigung u. s. w. baten, sie wollten dem Könige zeigen, daß ihre Wünsche erfüllen nicht ihr wahres Glück zerstören heiße, wie Ernst August es genannt hatte.

Es fehlte zwar in dem vollgedrängten Rathhaussaale nicht an Leuten, welche noch immer durch Beschwichtigen, Vertuschen, Zukleistern zu helfen gedachten. Da trat ein Arzt auf, ein Hofrath und mächtiger Redner, und erzählte von der Krankheit des Königs, und wie es unpassend sein würde, an die Thür eines alten kranken Königs zu klopfen; man möge den Magistratsdirector und einige Bürgervorsteher in das Palais schicken, das würde anständiger sein als eine Massendemonstration.

Da war es denn Weinhagen mit seinen Anhängern, welcher den Hofrath von seinem Stuhle herunterdonnerte: »Wir alle bringen dem Könige unsere Forderungen, die Zeit des Bittens hat aufgehört, wir fordern jetzt!«

Ernst August war wirklich krank, und wäre er nicht krank gewesen, so würden die Nachrichten, die ihm der Telegraph gebracht hatte, ihn krank gemacht haben, denn die Welt war aus den Angeln gegangen, Metternich war entlassen, der Kaiser hatte seinen Oesterreichern eine freie Constitution versprochen, Kossuth war mit einer ungarischen Deputation in Wien eingezogen, welche die Forderungen der Ungarn vor den Thron brachte!

Vor dem Bette des Königs saß die Gräfin von Grote, in dem Vorzimmer waren der Generaladjutant und der Cabinetsrath von Münchhausen. »Was will Populn?« fragte der Kranke mit dünner Fistelstimme. »Nach dem Berichte des Polizeidirectors über die Versammlung des gestrigen Abends im Ballhofsaale wollte man eben das, was Ew. königliche Majestät in Ihrer Proclamation zu gewähren abgelehnt.«

»Was soll ich machen? ich bin ein alter kranker Mann, wenn mein kaiserlicher Bruder in Wien nachgegeben hat, ich auch nachgeben muß. Münchhausen soll in dem Sinne antworten, wenn Populn kommt.«

»Der Generaladjutant versichert«, wendete die Gräfin ein, »daß er das vor dem Rathhause versammelte Volk mit einer Schwadron auseinandertreiben könne, und bittet um den Befehl dazu – die Schwadron ist auf dem Friedrichswalle aufgeritten.«

»Nein! nein!« schrie der König voll eigensinniger Aufregung, »der Münchhausen soll kommen.«

In diesem Augenblicke ließ sich aber schon von der nahen Dammstraße her Menschengetrappel vernehmen, die Deputation, gefolgt von mehrern tausend unbewaffneten Bürgern, stellte sich zwischen Schloß und Palais auf; sie erhielt Einlaß in das Palais. Hier wurde ihr gesagt, der Krankheitszustand des Königs erlaube es nicht, die Deputation zu empfangen, Se. Majestät würden aber eine etwaige Petition entgegennehmen und sofort bescheiden.

Die Petition war übergeben, und die Deputation kündete dem draußen harrenden Volke an, daß die königliche Antwort sofort erfolgen solle. Die Menge harrte ruhig eine halbe Stunde aus, dann erschien Herr von Münchhausen vor dem Palais, ein Papier in der Hand, er stellte sich auf einen Stuhl, um besser von der Menge gehört zu werden, und eröffnete, daß Se. Majestät bereits zur Erfüllung mehrerer der gestellten Bitten Maßregeln angeordnet habe. Es wurden dann die Punkte einzeln durchgegangen, mehr oder minder bedingte Versprechungen abgegeben, darauf hingewiesen, daß den Hauptbeschwerden nur im Wege der Gesetzgebung, unter Mitwirkung der Stände, die ja in vierzehn Tagen zusammenträten, abgeholfen werden könne.

Nur Ein Punkt war ablehnend beantwortet, der die Amnestie und Rehabilitation politischer Verbrecher betreffende. Sr. Majestät sei überall nicht bekannt, daß solche existirten.

Bruno, der dem Cabinetsrathe ziemlich nahe stand, schrie: »Die Göttinger-Osteroder, Dr. Eggeling, Seidensticker, Kirsten, König, Dr. Gottfried Schulz, Dr. Rauschenplat, Dr. Schuster, Dr. Plath.« Und die Menge donnerte nach: »Die Göttinger von 1831!«

Der Cabinetsrath erklärte, daß er Sr. Majestät über diese Frage noch einmal Vortrag halten wolle, kehrte nach kurzer Zeit aus dem Palais zurück, mit der Erklärung, daß Se. Majestät Amnestie und Rehabilitation bewillige. Er brachte ein Vivat auf den König aus, in welches die Menge einstimmte und sich verlief.

Am Abend war die königliche Erklärung, offenbar mit einigen Redactionsänderungen, die man für Restrictionen hielt, gedruckt, und der Maschinenbauer Schulz konnte dem Sohne seines Bruders Heinrich nach Paris schreiben, er könne zurückkommen, ja er müsse kommen, wenn er ihn noch sehen wolle, er fühle, daß es mit seinem Leben zu Ende gehe, aber er sterbe gern, denn er sehe ein neues Deutschland erstehen. Er möge Frau und Kinder mitbringen. Unser Freund, der Redacteur des »Katzenpötchen und Gänseblümchen«, war nämlich seit zehn Jahren glücklicher Gatte der Enkelin von Fillers Marthe, der Grafentochter, der Bekanntschaft von Fontainebleau.

Man lebte damals wie in einem Rausche, jede Stunde brachte etwas Neues; doch bewog erst die Nachricht von den berliner Barrikadenkämpfen und die Proclamation des Vetters Friedrich Wilhelm »An meine lieben Berliner« den König Ernst August, das Cabinetsministerium wie die Departementsminister zu entlassen und ein Gesammtministerium zu bilden, an dessen Spitze Stüve und Graf Bennigsen, der bisher ungnädig angesehene Schatzrath, standen. Die dem Volke verdächtigen und verhaßten Staats- und Hofdiener wurden theilweise entlassen, so der Kammerherr von Schlottheim, der sich nach Heustedt zurückzog, und der zum Generaladjutanten avancirte Victor Justus Haus von Finkenstein, der zum ersten mal die reservirten Wohnungen auf seinem blankenburgischen Gute bezog. Das Ministerium legte dem Lande ein Programm vor, mit dem dieses zufrieden sein konnte, aber jeder Tag förderte die Ueberspanntheit der Forderungen. Gerade diejenigen, die sich bisher als Stockphilister um nichts gekümmert, gingen in der Maßlosigkeit ihrer Forderungen bis zu den Grenzen des Möglichen. Man hatte im December des vorausgegangenen Jahres geglaubt, die tüchtigsten Oppositionsmänner für die Zweite Kammer gewählt zu haben, jetzt waren diese Männer nicht liberal genug, das Land sendete noch vor Eröffnung der Kammern über hundert sogenannte Condeputirte nach Hannover, welche auf die wirklich erwählten Deputirten einen Druck ausüben sollten. Unter diesen Abgeordneten war eine große Anzahl solcher, die sich selbst fähiger zum Deputirten hielten als die Gewählten, und die daher auf eine constituirende Versammlung drangen. Bruno mußte in den Zusammenkünften, welche jene gemeinsam mit den fortgeschrittenen Deputirten hielten, harte Kämpfe mit Freunden und Parteigenossen bestehen, die ohne Berücksichtigung der realen Verhältnisse Forderungen laut werden ließen, die an Ueberspanntheit alles übertrafen, was in politischen Unverstandsblättern damals zu Markte getragen wurde. Darin waren alle einig: die bisherige Adelskammer mußte fallen, das active Wahlrecht mußte bedeutend erweitert werden, das passive unbeschränkt sein, allein die Mehrzahl der Condeputirten wollte, daß die Kammer ihre Gesammtthätigkeit lediglich auf ein Wahlgesetz zu einer constituirenden Versammlung beschränken sollte, während das Ministerium Stüve auf Rechtscontinuität und Vereinbarung der Verfassungsveränderungen mit diesen Ständen bestand. Unser Freund wurde sich in dieser Versammlung erst klar, wie unfertig es in den Köpfen der meisten Leute aussah, die als Leiter in Volks- und Bürgerversammlungen auftraten und daheim als die größten Politiker gelten mochten; er schämte sich des großsprecherisch zur Schau getragenen Patriotismus, von dem er bei den meisten in den zehn Jahren, die er selbst auf der politischen Bühne mitgewirkt hatte, nichts bemerkt; er verkannte die Gefahr nicht, welche aus der schwankenden Stellung zwischen Gesetzlichkeit und Ungesetzlichkeit, die in ganz Deutschland die Situation beherrschte, entstehen mußte, und that das Seinige, die Ueberzahl der Condeputirten zu der Beschlußfassung zu bringen, daß man es jedenfalls mit den einmal gewählten Ständen erst versuchen müsse. Die anwesenden Deputirten versprachen dagegen, wenn die Adelskammer zu den für nöthig erachteten Verfassungsveränderungen nicht einhellig ihre Zustimmung gäbe, wie es verfassungsmäßig wenigstens hinsichtlich der Aufhebung des Schlußartikels, der als Sicherheitsverschluß dem Verfassungsgesetze angehängt war, nöthig war, so wollten sie die ersten sein, welche auf eine constituirende Ständeversammlung dringen würden.

Das war in Hannover vorgegangen, ehe noch das Vorparlament in Frankfurt zusammentrat. Es ist hier nicht der Ort, auszuführen, wie einerseits gerade diese Versammlung, in der die Leidenschaft noch ärger tobte als in norddeutschen Bürgern und Bauern, wie sie in Hannover versammelt gewesen waren, und andererseits der in dem romantischen Könige in Berlin urplötzlich hervorgetretene Deutschsinn, welchem die Anwandlung kam, Preußen in Deutschland aufgehen zu lassen, das Concept kleinstaatlicher, ruhiger und maßvoller Politiker, wie Stüve und seine Collegen es waren, verdarb.

Der Gedanke aber, daß das deutsche Volk selbst es in die Hand genommen habe, Deutschland zu einem Reiche von der Nordsee und Ostsee bis zu den Alpen, von dem Pregel bis über den Rhein hinaus – soweit die deutsche Zunge dort noch klang, in Einheit und Freiheit zu gestalten, wirkte so mächtig auf jedes jugendliche Gemüth, daß alle Warnungen der Alten in den Wind gesprochen waren. Das souveräne deutsche Volk wollte über sich selbst bestimmen und der Bundestag sank zum Schleppenträger des Vorparlaments und Funfziger-Ausschusses herab, sodaß er sich dazu hergab, den Beschlüssen des Vorparlaments nach der Fassung der Funfziger eine Art von gesetzlichem Nimbus zu geben.

In Berlin indessen ging man voran, der Vereinigte Landtag unterschrieb sein Todesurtheil und rief eine constituirende Versammlung auf breitester Grundlage zusammen, Adresse und Wahlgesetz wurden in vier Stunden fertig.

Mußte in einer Zeit, die so flüssig war, auch der Besonnenste, wenn er Ideale im Busen barg, die gottlob! bei uns Deutschen nie fehlen werden, nicht glauben, es sei eine von Gott gesendete Zeit gekommen, wo man der Schranken der durch Zufälligkeiten gewordenen historischen und realen Verhältnisse los und ledig werde, wo man ohne Berücksichtigung dessen, was bisher Brauch, Norm, Gesetz gewesen, das Leben des gesammten deutschen Volkes mit Bewußtsein und künstlerisch, nach den Forderungen des idealen Rechts, weiter bilden könnte?

Auch Bruno war dieser Ansicht; was galten ihm angeblich angestammte Rechte tausendjähriger Dynastien? Fand sich nur ein deutscher Kaiser, so mußten die Dynasten zufrieden sein, wenn das deutsche Volk sie abfand und ihnen das halb private, halb zu Staatszwecken dienende sogenannte Domanium reichlich vergütete. Alle mußten mediatisirt werden, oder doch wenigstens den Souveränetätsschwindel aufgeben, und die kleinen Dynasten sich dem Kaiser unterordnen, denn wenn irgendetwas, so bedarf die Souveränetät der Macht; wer sich nicht selbst schützen kann, soll nicht den Souverän spielen wollen.

Allein Bruno war doch trotz solcher radicalen Ansichten noch sehr verschieden von denen, welche im Vorparlament und unter den Funfzigern die äußersten Ansichten vertreten hatten; diese drohten mit Republik und Gewalt, sprachen Sitten und Gewohnheiten in großthuerischer Weise Hohn, verachteten gesetzlichen und bürgerlichen Gehorsam. Er wollte nach den Lehren seines Meisters nichts von Gewalt und Umsturz wissen, er träumte sein Ziel als das Werk der Einsicht, des Patriotismus, der Aufopferung, hoffte, daß eben durch den Enthusiasmus, der aller Köpfe und Herzen einnahm, das Unmöglichscheinende möglich würde; er betrachtete das Recht als die Grundlage aller staatlichen Ordnung.

Stüve, der Minister, dem die deutsche Bewegung unverständlich war, weil er, im osnabrückischen Localpatriotismus verkommen, es schon schwer fand, sich zu der hannoverischen Einheit emporzuarbeiten, der die Kleinstaaterei als zum Wesen Deutschlands gehörig ansah und darin einen Vorzug, die große Menge deutscher Bildungsstätten, erblickte, der in Ernst August einen klugen Staatsmann gefunden zu haben glaubte, welcher das Wort, das er ihm und dem Lande gegeben, auch getreulich und ehrlich halten werde, er ließ diejenigen Mitglieder der Nationalversammlung, die in Hannover anwesend waren, vertraulich zu sich bitten und sprach sich hier noch offener gegen sie aus, als er in der Zweiten Kammer gethan hatte. Die abenteuerliche Politik und Vergrößerungsgelüste Preußens ließen ihn befürchten, daß in Frankfurt zuerst die Selbstständigkeit der kleinen Staaten zu Grunde gehe – die ganze revolutionäre Bewegung werde aber nimmermehr zur Einheit führen, höchstens zur vollen Zweiheit oder gar zur Dreiheit. Wer zu viel erstrebe, erlange nichts! Der Entwurf der Siebzehn sei eine Unmöglichkeit, ein Volk, das seinen König und sich selbst wehrlos der Willkür eines Staatsoberhaupts und einer Nationalversammlung hingebe, existire in Deutschland nicht, und weder die Könige von Baiern und von Würtemberg, noch die von Sachsen und von Hannover würden sich zu erblichen Präfecten herabsetzen lassen, die nicht einmal mehr über eine Compagnie Soldaten gebieten könnten. Der Siebzehner-Entwurf führe entweder zur einheitlichen Monarchie oder zur Föderativrepublik. Geschichte, Recht und Volkscharakter seien dabei unberücksichtigt geblieben. Er glaube, von seinen Hannoveranern hoffen zu dürfen, daß sie dem preußischen Vergrößerungsstreben im Verein mit allen, die es mit dem deutschen Voll redlich meinten, Widerstand leisten würden.

Stüve hatte aus dem Stillschweigen, womit man sein Wort aufnahm, schon schließen müssen, daß die Abgeordneten zur Nationalversammlung weniger particularistisch waren als er selbst. Wer konnte Mitte Mai 1848 überhaupt particularistisch sein? und welches Mitglied der Nationalversammlung wäre nicht stolz darauf gewesen, an einer constituirenden, vom souveränen Volke gewählten Versammlung teilzunehmen? War die Macht des ohne Volkswahl, ohne Mandat zusammengekommenen Vorparlaments schon so groß gewesen, daß alle Regierungen sich seinen Wünschen gefügt hatten, warum sollte die Macht des wirklichen Parlaments geringer sein? Und kamen in Frankfurt nicht die besten und einsichtsvollsten Männer aus ganz Deutschland zusammen, deren Herzen sämmtlich für das Wohl des Vaterlandes, für Freiheit und Einheit glühten?

Bruno war in dem Wahlkreise seines Wohnorts zum Mitgliede des deutschen Parlaments gewählt worden. Er reiste mit einem eigentümlichen Gefühle von Spannung und Erwartung, halb voll Vertrauen und Zuversicht auf sich und die Zukunft, halb voll bescheidener Zweifel an seinem eigenen Wissen und Können, um die Mitte Mai über Köln nach Frankfurt. Wie viele seiner verehrten Lehrer sollte er dort sehen, wie viele Verwandte und Freunde, Gesinnungsgenossen und literarische Mitkämpfer, die er nur durch Briefwechsel kannte! Da war Albrecht, da war Dahlmann, seine Lehrer des Maßes und der Mäßigung in der Politik, Jakob Grimm, Gervinus. Dort traf er seinen Oheim Gottfried Schulz, seinen Lehrer der Philosophie, – wie er zu der Amnestie desselben mitgewirkt, so hatte er nicht wenig gethan, um das Andenken an seine siebzehnjährige Verbannung aufzufrischen, und er war die hauptsächlichste Veranlassung, daß man ihn in einem vaterländischen Wählkreise zum Deputirten ernannte. Bruno hatte ihn nur kurze Zeit in Hannover gesehen; ehe er Weib und Kind nach Deutschland brachte, wollte der junge Gelehrte sich die Zustände in seinem Vaterlande selbst anschauen.

Jetzt war er nach Paris, um seine Sachen zu ordnen, es wurde dort schon unruhig, es fing der Kampf des vierten Standes mit der Bourgeoisie an sich vorzubereiten, an Philosophie und gar an deutsche Philosophie dachte kein Student mehr, er war als Lehrer und Professor dort überflüssig. Bruno traf in Frankfurt aber auch seinen Freund, den Eisenbahnmann Hellung, der in einem sächsischen Kreise gewählt war, er traf den Oheim Hermann Baumgarten, der einen steierischen Kreis vertrat, er traf Arnold Ruge, den Führer der Jung-Hegelianer, für dessen »Jahrbücher« er, solange sie existirten, gearbeitet hatte, und eine Menge göttinger Bekanntschaften aus der Studentenzeit. Außerdem erwartete ihn dort der Mann, der ihn in die praktische Politik eingeführt und eine große Autorität über ihn zu behaupten gewußt hatte, der kleine sarkastische Detmold.

In Köln, auf dem Rheindampfer, traf Bruno mit einer größern Menge rheinpreußischer und westfälischer Collegen zusammen, von denen die Mehrzahl die Republik oder eine constitutionelle Monarchie mit starken demokratischen Institutionen als Ziel hinstellten, alle aber darüber einig schienen, daß das Verfassungswerk einzig und allein durch das Parlament geschaffen werden dürfe. Es trat, als man auf dem Verdeck diese Fragen erörterte, ein großer wohlbeleibter blonder Herr zwischen die Gruppe, der mit einer blitzartigen Zungengewandtheit, mit sprühenden Witzesfunken, mit Ironie und bitterer Schärfe auf den letzten Redner einfuhr, der – ich glaube, es war Franz Raveaux – von Abschaffung des Soldatenheeres, des Beamtenheeres, des Abgabenheeres, von Ausgleichung des Misverhältnisses zwischen Arbeit und Kapital, vorläufiger Duldung der Monarchie, wenn die Grundrechte des Volkes sichergestellt seien, gesprochen hatte. Der Sinn seiner Rede war der: wer da glaube, daß König Friedrich Wilhelm IV. schon todt sei und nichts mehr zu sagen habe, wer das Nationalparlament als einzig und allein berufen halte, die Verfassung fertig zu machen, wer von Abschaffung des Heeres spräche, während es nicht lange dauern werde, daß sich in der einen untheilbaren Republik der Ruhmesdurst und die Habsucht nach dem Rhein oder nach Italien kundgebe, wer nicht daran denke, das Verfassungswerk schließlich mit den Fürsten zu vereinbaren, der thäte besser, wieder nach Hause zu gehen, als der Kaiserstadt am Main zuzufahren.

Das waren nur die Grundgedanken, die von einer Menge Zwischenbemerkungen, die oft gar nicht zur Sache zu gehören schienen, schließlich aber gut mit derselben verknüpft wurden, verbrämt und mit Spitzen gegen frühere Aeußerungen, die der Blonde gehört haben mußte, gestachelt waren. Der Redner, das sah man seinem Aeußern wie seinem Auftreten an, hatte viel Selbstbewußtsein und eine offene Selbstgefälligkeit. Als er seine Rede geschlossen hatte, sagte er: »Ich erlaube mir, mich den künftigen Herren Collegen als solchen vorzustellen, ich bin Georg von Vincke«, und damit drehte er dem Kreise den Rücken und ging auf das zweite Verdeck.

So platzten schon auf der Hinreise die Geister aufeinander; da kamen schon, ehe die Versammlung nur in die Paulskirche eingezogen war, die principiellen Gegensätze: Constituirung auf Grund der Volkssouveränetät – und Vereinbarung mit den Fürsten, in Kampf. Bruno schwankte noch zwischen beiden Principien; sein Herz neigte sich dem ersten einzig und allein zu, sein Verstand sagte ihm aber, daß die Macht der Throne, wenn diese auch stark erschüttert seien, noch sehr groß sei, und daß, wenn die Diplomaten erst wieder zur Besinnung kämen, sie von den Soldaten wie den Beamtenheeren Gebrauch zu machen wissen würden.

Unser Freund war kaum einen Tag in Frankfurt, beschäftigt, sich eine ruhige Wohnung, womöglich außerhalb der Thore, zu suchen, als er einen Besuch von Dr. Behrend und eine Einladung von dessen Frau erhielt, mit einem bescheidenen Fremdenzimmer während seines dortigen Aufenthalts fürliebzunehmen. Er lehnte das ab, mußte aber einer Einladung zum Thee bei der Frau Doctorin Folge geben.

Er würde Pauline nicht wiedererkannt haben, sie war in den wenigen Jahren, da er sie nicht gesehen, zu einer starken, beinahe dicken Hausfrau geworden, an der man nur noch wenige Spuren der Schönheit sah. Drei Buben mit negerschwarzen Krausköpfen und wulstigen Lippen wurden aus dem Kinderzimmer vorgeführt und darauf zu Bett geschickt, dann ging es an das Erzählen.

Bis zum 18. Mai sammelte sich die größere Mehrzahl der Abgeordneten – die Oesterreicher waren zum größern Theile noch zurück. Welches Chaos das! Die verschiedenartigsten Wünsche, Vorstellungen, Richtungen, in Beziehung auf das Ziel, ein noch größeres Auseinandergehen in den Mitteln und Wegen. Hier Kirchthurmsinteressen und beschränkte Ansichten, dort titanenhafte Weltumgestaltungsträume. Hier eine Masse Unklarer, Ueberspannter, aber Gutmeinender; dort eine Menge mit klarem, aber verheimlichtem Ziele, dem der Republik, daneben eine große Zahl solcher, die sich selbst conservativ nannten, von ihren Gegnern aber als reactionär bezeichnet wurden. Man hatte sich schon im Vorparlament in Anarchisten und Reactionäre, wie man sich gegenseitig kennzeichnete, getrennt, – jede Partei suchte die Neuangekommenen zu sich heranzuziehen. Die Misregierung der verflossenen Jahrzehnte rächte sich hier. Da kamen aus allen Winkeln und Ecken Deutschlands Männer, die in kleinen Orten jahrzehntelang geduckt und gedrückt gesessen, die gegen bureaukratischen Machtmisbrauch, gegen exemtionssüchtigen Feudalismus, gegen Ueberhebung des Adels gekämpft und gestritten und dafür auf die eine oder andere Weise gelitten hatten und zurückgesetzt waren, Männer, die auf ihr vergangenes Leben stolz sein konnten, die aber Vergrollung, Bitterkeit und Haß im Herzen trugen, und die hier nun wieder, wie sie glaubten, eine Menge von Verräthern und Reactionären die geschäftige Rolle der Contrerevolutionäre spielen sahen. Und dieses Chaos war sich selbst überlassen, ohne Vorlage, ohne Staatenhaus, ohne Leiter; man kannte sich zum größern Theil nicht; wo man sich kannte, mied oder haßte man sich; die verschiedenen Stämme brachten verschiedene Grundansichten mit, die Süddeutschen waren durchweg Republikaner, die Norddeutschen waren die Verständigern, Gemäßigtern, Wohlmeinenden, Constitutionellen, aus denen sich der Stamm der Linken und der Rechten bildete.

Bruno hatte in allen Parteien Freunde und Bekannte; heute zog ihn Hellung in die Versammlung des Holländischen Hofes, wo Ruge seine Lehren über die Freiheit der Culturvölker, sich selbst zu constituiren und sich mit andern zu verbinden, vor der Vielgeschwätzigkeit der zahllosen Reden nicht in gehöriger Tiefe begründen konnte; morgen zog ihn sein Lehrer Dahlmann in das Casino, um ihn dort für das rechte Centrum zu gewinnen, übermorgen sein Oheim Hermann Baumgarten in den Würtemberger Hof, dem auch sein Landsmann Grumbrecht, ihm von der Versammlung der Condeputirten und aus den Zeiten der göttinger Revolution bekannt, angehörte. Unser Freund konnte sich über die Partei, der er zutreten wollte, nicht schlüssig machen, an der einen hatte er dies, an der andern jenes auszusetzen, und da, wo er mit dem Programm am nächsten übereingestimmt hätte, misfielen ihm die leitenden Persönlichkeiten.

Seine meisten Landsleute hatten sich im Landsberg vereinigt, auch Gottfried Schulz hatte dieser Fraction unter dem Banner: »daß die verfassunggebende Reichsversammlung das Recht in Anspruch nehme, die Verfassung des deutschen Bundesstaates selbständig herzustellen und über alle in dieser Beziehung gemachten Vorschläge endgültig zu beschließen«, sich angeschlossen; Bruno nahm nur unter Vorbehalt, sich näher zu instruiren, an den Zusammenkünften theil. Ohne daß er selbst es ahnte, war er mehr und mehr in die Hände, in die Leitung des schlauen Menschenkenners Detmold gefallen.

Dieser, der die Hohlheit, Unfertigkeit, Ueberspanntheit, das großmäulige Pathos bei innerer Piepmeierei der großen Mehrzahl der Mitglieder des Parlaments übersah, hatte sich von vornherein der äußersten Rechten angeschlossen, aber nicht, weil er mit Radowitz, Georg von Vincke, von Boddien, von Beisler über Ziel und Wege einverstanden gewesen wäre, sondern weil es ihm vor allem darum zu thun war, Kenntniß davon zu erlangen, was für Hintergedanken in Berlin, in München wie in der Kaiserburg obwalteten. Er schmeichelte Bruno in hohem Grade, weil er durch ihn, der in allen Fractionen und Parteien Freunde hatte, am besten erfahren konnte, was in diesen beabsichtigt und beschlossen ward. Bruno war zwar in einen vielbeschäftigten Ausschuß gewählt, den Petitions- und Prioritätsausschuß, allein die Mannichfaltigkeit der Beratungen sagte ihm nicht zu, er hätte gewünscht, im Verfassungsausschusse zu sitzen. Detmold, dem dieser Wunsch nicht unbekannt und der selbst Mitglied des Verfassungsausschusses war, machte ihn mit allem bekannt, was dort verhandelt wurde, und wußte ihn unbemerkt zu der Ueberzeugung zu bringen, daß bei dem einmal geschichtlich gewordenen Dualismus zwischen Oesterreich und Preußen von einem Kaiserreiche, von dem in der Stille gemunkelt wurde, gar nicht die Rede sein könne. »Die Aufgabe der Nationalversammlung«, sagte er, »ist, die Einheit Deutschlands herzustellen, nicht aber dessen Zerreißung, die jedenfalls erfolgen muß, wähle man den Habsburg-Lothringer oder wähle man den Hohenzollern zum Kaiser. So sehr Baiern und der Süden vor Oesterreich Furcht hat, so wenig wird man sich Preußen unterordnen wollen. Oesterreich selbst kann nicht Vasall Preußens sein, was bleibt also übrig? Ein Klein-Deutschland bis zum Böhmerwalde, bis zum Main, wenn die Süddeutschen widerstandsfähig sind, oder wenn dies nicht der Fall, bis zum Inn! – das Deutschland von fünfundvierzig Millionen ist dahin, von deutscher Größe darf man nicht mehr sprechen! Ich kenne die Fäden; der Siebzehner-Entwurf ist schon darauf angelegt, daß Oesterreich aus Deutschland ausscheide und die Mittlern und Kleinen Preußen unterworfen werden.«

So wußte der Schlaue seinen Freund den Einflüssen Dahlmann's und der Preußen zu entziehen, ihn für den Triasgedanken einzunehmen und ihn anzuspornen, in seinen Correspondenzen für politische Zeitungen, namentlich gegen Blittersdorf, der in der »Ober-Postamtszeitung« als Dreigestrichener die Reichspolitik vertheidigte, anzukämpfen.

Während man in der Paulskirche über die Competenz der Versammlung stritt und den Versuch machte, diese die Rolle eines Convents spielen zu lassen, – denn zu Conventsmännern, die ihren Decreten mit einer hinter ihnen herfahrenden Guillotine Gehorsam zu schaffen gewußt hätten, fehlte den Zitz, den Robert Blum, Vogt und ihren Anhängern doch das Zeug, – erhielt Bruno aus Heustedt einen Brief, der seit lange beschwichtigte Regungen plötzlich wieder wach rief.

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