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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 74
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Siebentes Kapitel.
Ein Strich durch die Rechnung.

Das Jahr 1848 führte sich für Heustedt durch eine tragische Katastrophe ein. Johann Karl Claasing wurde am 17. Januar volljährig; Graf Schlottheim und er wollten diesen langersehnten Augenblick mit dem Pokale in der Hand feiern. Der chinesische Pavillon war zu einer kleinen Orgie ausersehen, er war den Tag vorher durch Kohlenbecken erwärmt. Am Abend huschten in Pelz gehüllte und verschleierte Frauengestalten durch den öden Park und schlichen in den offen stehenden Pavillon. Bald darauf kam auch Graf Alexander, Arm in Arm mit Claasing, – warme Arme streckten sich ihnen entgegen, und die Paare verschwanden hinter der Sammtportiere.

Später servirte ein Diener in dem chinesischen Zimmer ein leckeres Mahl. Die Champagnergläser klangen, Lachen und Jubel scholl in die stille Nacht. Der Mond beleuchtete eine weite Wasserfläche, die Weser hatte ihre Ufer übertreten, und die ganze Halbinsel stand bis zum Paß Hengstenberg und dem Bahnhofe von Grünfelde unter Wasser.

Gegen elf Uhr abends traten die Weibergestalten wieder aus dem chinesischen Zimmer und suchten unbemerkt durch den Park nach dem Heuwege zu gelangen.

Drinnen aber setzten sich die beiden zum Spiel. Jeder hatte einen Champagnerkühler mit voller Flasche zu seinen Füßen stehen, die Thür zum chinesischen Zimmer war verriegelt, sodaß die Spieler durch die Dienerschaft nicht gestört werden konnten. Man spielte Sechsundsechzig, aber sehr hoch, die Partie um 500 Thaler. Der Graf war seinem Gegner offenbar im Spiel überlegen, dazu trank Claasing nach jedem beendigten Spiele ein Glas Schaum und schien im Anfange eines Rausches.

»Wir wollen aufhören«, sagte der Graf, »und zusammenrechnen und dann die zwölfte Stunde mit dem Pokal in der Hand erwarten, die dich endlich der mütterlichen Tyrannei entzieht und dich zu einem freien Menschen und dem reichsten Grundbesitzer der Grafschaft macht.«

Der andere glotzte ihn mit stieren Augen an. – »Ja wir wollen rechnen!« stammelte er.

»Von vorgestern waren es 3000, gestern bliebst du mir 1500 schuldig, heute habe ich nur 2000 Thaler gewonnen, macht 6500.«

»Nein, 3600«, stammelte Claasing.

»Kannst du nicht mehr zusammenzählen?«

»Du willst mich betrügen!«

»Was? Du wagst einem Edelmanne zu sagen, er wolle dich betrügen? Hier unterschreib' den Wechsel, und wenn du morgen Abbitte gethan hast, und ich meine Wechsel bei Itzig versichert habe, will ich dir gegen baar Revanche geben.«

Claasing schlug sich vor die Stirn, und seine Augen nahmen auf einmal einen eigenthümlichen Glanz an, er schien aus seinem Rausche zu erwachen, er schien nachzudenken.

»Nun, wird's bald?« herrschte der Graf; »einen Wechsel mehr oder weniger, darauf wird's nicht ankommen, der Vollmeierhof in Grünfelde wird mit dem, was Meyer Itzig hat, wol daraufgehen, behältst doch noch genug; für die Wechsel, die ich habe, kannst du auf den Siebenmeierhof und Eckernhausen Hypotheken bestellen, denn das baare Geld wird mit der Ausstattung und Mitgift der Schwestern wol davongeflogen sein. Hättest es wohlfeiler haben können, es könnte deine Schwester Gräfin sein, wenn sie sich nicht dem Bauernlümmel an den Hals geworfen hätte.«

Der Bruder Wüstling hörte das, was jener sagte, nur halb, er dachte erst jetzt wieder an ein Vorhaben, zu dem er sich den ganzen Tag vorbereitet, zu dem er sich heute Abend Muth hatte trinken wollen. Niemand fürchtete den Tag seiner Volljährigkeit so sehr als Claasing, denn er wußte, daß von diesem Tage an nach und nach alle Wechsel, die er Meyer Itzig und dem Grafen gegeben hatte, und die auf kurze Monatsfristen oder gar auf »Nach Sicht« lauteten, in Umlauf gesetzt und ihm zur Zahlung präsentirt werden würden, und niemand wie er fürchtete mehr die mütterliche Ruthe. War das auch nur figürlich gemeint, so dachte der Verschwender doch mit Schrecken daran, was die Mutter sagen würde, wenn Wechsel auf Wechsel gezahlt werden sollten. Wie alle Menschen seines Gelichters, war er im hohen Grade feig, er fürchtete die Entdeckung seiner Verschwendungen so sehr, daß er beschloß, sich das Leben zu nehmen, und zu dem Zwecke eine Duellpistole des Großvaters geladen und in seinen Pelz gesteckt hatte.

Daß diese Wechsel schon so viel betrügen, als der Vollmeierhof in Grünfelde werth war, daran hatte er noch nicht gedacht, obgleich seit seiner Rückkehr von Göttingen schon über zwei Jahre verflossen waren und er seit dieser Zeit beinahe täglich vom Grafen Alexander »gemacht« war – der mit seinen Wechseln seine Schulden an Itzig wie an Hirschsohn bezahlt und andere an jenen discontirt hatte.

Nun dachte der Elende an die Scene zurück, wie die Nachricht gekommen war, daß der Dummeier'sche Proceß in letzter Instanz für ihn verloren war, wie seine Mutter da gegen ihre Umgebung getobt hatte; was würde das nun erst abgeben, wenn Tag um Tag, Woche um Woche die Schuldbriefe kämen? Er war unfähig, die Hofwirthschaft zu führen, das mußte die Mutter thun, er war an die Herrschaft der Mutter so gewöhnt, in allen Geldsachen so unerfahren und unbeholfen, daß er sich eine Existenz ohne ihre Führung gar nicht denken konnte. Er hatte sich der Mutter noch nie offen und keck widersetzt, war er ihr ungehorsam, so nahm er zu den Mitteln der Lüge, Verstellung und Heuchelei seine Zuflucht. Wie hätte er wochen- oder monatelang – er wußte selbst nicht, wie viele Wechsel von ihm unterschrieben waren – das Toben der Mutter ertragen, wie hätte er ihm ausweichen sollen? Vom Bestande des väterlichen Vermögens, das ihm mit der Volljährigkeit von der Mutter übergeben werden sollte, hatte er keine Ahnung, er hatte sich nie darum bekümmert, aber der Mutter war die Zahlung an Dummeier und die Auszahlung der Erbtheile an ihre Töchter schwer von Herzen gegangen, sie hatte ärger geklagt und gestöhnt als je, und den Sohn zur Sparsamkeit ermahnt. Wenn er nicht zu Rathe hielt, so würde man Hypotheken auf die schuldenfrei vom Vater ererbten Güter aufnehmen müssen, und das sei eine Schande. Bringe er diese Schande über sie, so werde sie ihn enterben und verfluchen.

Aus den Aeußerungen des Grafen war ihm der Abgrund seiner Verschuldung mit einem mal vor Augen getreten. Es packte ihn eine Todesangst. Zugleich trat aber ein Zug seines Charakters hervor, der sich bisjetzt noch nicht offenbart hatte. Sein Großvater war in seinem Alter wenn nicht geizig, doch im hohen Grade habsüchtig gewesen, sein Vater hatte während der Jahre, die er verheirathet lebte, als Muster von Sparsamkeit gegolten; ob nun von väterlicher oder von mütterlicher Seite, es steckte trotz aller Verschwendung eine geheime Ader von Habsucht und Geiz in ihm. Er sah deutlich ein, daß er durch Itzig und den Grafen betrogen war, von Itzig hatte er kaum die Hälfte dessen bekommen, worüber die Wechsel lauteten, oft, bei dringender Verlegenheit, nur ein Drittel; der Graf hatte ihn im Spiel hintergangen, das glaubte er wenigstens.

Ihm kam der Gedanke, daß, wenn er vor Mitternacht, also vor dem Tage seiner Volljährigkeit aus dem Leben schiede, alle Wechsel und Schuldverschreibungen sich als ungültig erweisen würden, denn sie trugen ein Datum nach seiner Volljährigkeit, das auf Verlangen seiner Gläubiger doppelt, in Zahlen und mit Buchstaben, von ihm geschrieben war.

Er zog die Repetiruhr, ein Geschenk seines Vaters, noch aus dem großväterlichen Nachlaß stammend, sie schlug dreiviertel auf zwölf an; es war keine Zeit mehr zu verlieren; rasch stürzte er einige Gläser Champagner hinunter und brach dann in ein heiseres Lachen aus. »Gräflein«, sagte er, »du hast mich schändlich betrogen, wie der Jude mich betrogen hat, ich will euch wieder betrügen!« und stürzte damit in das chinesische Zimmer.

»Der wird schon wiederkommen«, lachte Alexander, »der Riegel öffnet sich nach außen nur auf Geheimdruck«, und er schenkte sich langsam ein Glas des Schaumweins ein. Noch hatte er dies aber nicht zu den Lippen geführt, als ein stark knallender Schuß im Nebenzimmer fiel – Claasing lag mit zerschmettertem Gehirn am Boden.

Der Schuß war im Schlosse, in den Dienstwohnungen, er war im Hause des Schloßpredigers, der Küsterwohnung gehört worden, und bald strömte man von allen Seiten mit Laternen und Fackeln zum Orte der That; das Amt wurde aus dem Schlafe getrommelt, der Physikus erschien, allein es war nicht mehr zu helfen.

Der Selbstmörder wurde von seiner Mutter und den beiden Schwestern beerbt. An Hellung schrieb Bruno gleich am andern Morgen, dann wurde ihm die schwere Pflicht, das Geschehene der Frau Claasing mitzutheilen, während er Sidonie ersuchte, nach der Wüstenei zu fahren und Augusten das schreckliche Ereigniß mitzutheilen.

Der Commerzienrath war erregt, denn er hatte die 1000 Thaler, welche er Schlottheim geliehen, mit einem Wechsel von Claasing zurückgezahlt erhalten, der Wechsel war vom 20. Januar datirt und diesen Tag hatte der Aussteller nicht mehr erlebt. Er wußte auch, daß sein Concurrent Meyer Itzig im Besitze ähnlicher Wechsel über etwa 20000 Thaler sei und noch am frühen Morgen die im Besitz Schlottheim's befindlichen Wechsel für freilich sehr geringe Summen discontirt hatte. Der größere Verlust Itzig's tröstete ihn über die wahrscheinliche eigene Einbuße. Graf Alexander reiste nach Bremen ab, er schämte sich, in Heustedt sich blicken zu lassen, denn alle Welt wußte durch das Geschrei Itzig's, wie er den Todten gerupft habe und daß er die nächste Veranlassung zu der verzweifelten That desselben gewesen sei.

Die Mutter des Unglücklichen fiel aus einer Ohnmacht in die andere, als man ihr sagte, ihr Sohn sei am Schlagflusse gestorben. Nachdem ihr Bruno aber mitgetheilt, daß der Verstorbene für etwa 20000 Thaler Wechsel, die sich in den Händen Itzig's befänden, ausgestellt habe, die indeß sämmtlich ein späteres Datum trügen, ahnte sie den Selbstmord und war geneigt, den Sohn für die durch seinen Tod herbeigeführte Sühne, die sie als Heroismus ansah, zu entschuldigen.

Bruno stellte ihr an diesem Tage vergeblich vor, man würde die Wechsel für den vierten oder dritten Theil des Nennwerths leicht ankaufen können, so viel möge der Verstorbene auch wol baar darauf erhalten haben; sie wollte von einer auch nur theilweisen Bezahlung der Urkunden, welche die Fälschung an der Stirn trügen, nichts wissen. Dagegen beauftragte sie ihn, die Erbauseinandersetzung mit ihren Töchtern und Schwiegersöhnen zu ordnen und für das Begräbniß des Todten Sorge zu tragen.

So wurden denn die nächsten Wochen unsers Freundes durch Correspondenzen mit Hellung sowie durch Verhandlungen mit Dummeier und seiner jungen Frau eingenommen, man schloß aber zu gegenseitiger Zufriedenheit ab. Die Kapitalien wurden, nachdem man die Wechsel zu einem Drittel des Nominalwerts angekauft, vertheilt, die Mutter erhielt den eckernhäuser Hof, Dummeier die beiden Höfe in Grünfelde, mit Ausnahme der Moore am rechten Weserufer, und beide zusammen fanden nach dem Taxat der Höfe und des Inventars die Schwester Minna in Dresden ab.

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