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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 73
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Sechstes Kapitel.
Suchen, Missen, Finden.

Mit Hellung kam ein neues Element in die heustedter Gesellschaft. Er sang gut, hatte Talent zur Komik und Mimik und konnte die Damen zum Lachen zwingen, blos dadurch, daß er sie ansah; sein Geist sprudelte von Humor und Lebenslust.

Als Michaelis vorübergegangen war, nahm man den alten Plan eines Liebhabertheaters wieder auf; der Ingenieur wurde in das Comité gewählt, er war der rechte Mann, der bisjetzt gefehlt hatte. Er verstand alles, entwarf und zeichnete Coulissen, bemalte sie mit Hülfe eines Stubenmalers, baute mit Hülfe eines Zimmergesellen die Bühne, wußte einen Vorhang herbeizuschaffen, ordnete die Erleuchtung, zwang Hochmeier, einen neuen Eingang in den Saal zu bauen, um Garderobezimmer für die Damen zu gewinnen, kurz, er leistete in vierzehn Tagen alles Nöthige.

Nun nahmen die gemeinsamen Beratungen ihren Anfang, aber das Comité veruneinigte sich jedesmal, wenn ein Stück in Vorschlag gebracht war, bei der Vertheilung der Rollen. Man kam endlich auf den vernünftigen Einfall, den Sachsen zum Director und Regisseur zu wählen, und dieser war so klug, gleichzeitig drei Stücke auszuwählen und die Rollen so zu vertheilen, daß die Damen, welche bei dem ersten und zweiten zu kurz kamen, im dritten eine ihnen zusagende Rolle erhielten. So wurden die Hauptpersonen befriedigt, die Proben sollten beginnen, sobald der Herrenclub sich dazu bereit erklärt hatte, seinen Saal zweimal in der Woche zu den Proben herzugeben. Das ging recht gut, der kleine Saal reichte jetzt aus, die Spielpartien hatten sich um eine vermindert, die Zuschauerzahl hatte bedeutend abgenommen, da man sich drängte, an den Unterhaltungen der Ungeschlossenen theilzunehmen, die jetzt sogar einen Flügel auf Todtschlag erstanden hatten, damit der Ingenieur seinen Gesang begleiten könne.

Dieser hatte in Minna Claasing das meiste Talent zur Komik und Schauspielkunst überhaupt entdeckt; dazu war sie bereit, Rollen zu übernehmen, vor denen die übrigen Damen zurückschauderten, Mütter, Tanten, alte Weiber. Sie lachte ebenso gern, als sie lachen machte, war unbefangen und lustigen Muths, spaßte, schäkerte, tanzte gern. So mochte Hellung die Frauen am liebsten; die Sentimentalen, die Gelehrtthuenden, die Prüden, vor allen die Frommen waren ihm zuwider. Minna ließ sich die Aufmerksamkeit, die der Neukömmling ihr widmete, um so lieber gefallen, als ihr außer dem Assessor in jüngster Zeit zwei Männer den Hof machten, von denen ihr der eine noch mehr zuwider war als der andere.

Der älteste Sohn des Superintendenten war als Candidat der Theologie in das väterliche Haus zurückgekehrt und hatte nicht sobald von der reichen Erbin gehört, die bei Pastors sei, als er sich bei dem künftigen Herrn Amtsbruder, der immerhin in einiger Abhängigkeit von seinem Vater stand, insofern dieser die Inspection hatte, als Hausfreund einführte.

Theophilus, durch Winke seines Vaters belehrt über die kirchliche Richtung, die von oben begünstigt wurde, hatte die Gieseler, Lücke und sonstige Göttinger zu rationalistisch gefunden und war, nachdem die landschaftlichen und andern ihm zugewendeten Stipendien und Freitische, die in Göttingen verzehrt werden mußten, abgelaufen, nach Erlangen übergesiedelt, als dem Herde des wahren Glaubens. Hier arbeitete er sich in alle äußern Formen, Reden, Augenverdrehungen der Zukunftstheologie hinein. Er knüpfte sogar mit einer Frau Professorin ein seelenbräutliches Verhältniß an. Theophilus war Schauspieler in seinem Fache, aber ein sehr geschickter. Seiner derb-sinnlichen Natur, oder wie er das nannte, »dem Teufel, der den Menschen versucht«, oder »dem sündigen Fleische«, ließ er die Zügel schießen, sobald dies nur heimlich geschehen konnte. Er schwang sich bald zum Vorstand jener frommen Studentenverbindung auf, die Erlangen ihren Ursprung verdankt, welche in ihrem Geheimbunde Lebensgenüsse, wie man sie sich in einer so kleinen Stadt nur auf geheimen Wegen verschaffen konnte, nicht verschmähte. Theophilus hatte sich angewöhnt, so oft er mit jemand sprach, mochte der Gegenstand sein, welcher er wollte, sein ganzes Gesicht in süßlich lächelnde Falten zu legen, er sprach in einem halb salbungsvollen, halb einschmeichelnden Tone und bediente sich selbst zur Bezeichnung des Heiligsten süßlicher, fast lüsterner Bilder. Dabei war jedem Wort der geistliche Hochmuthsstempel aufgedrückt.

Als der Ingenieur den Theologen zum ersten mal bei dem Pastor getroffen, kam er ganz wüthend zu Bruno und erklärte, hätte er den infamen Kerl noch fünf Minuten länger mit Minna reden hören müssen, so würde er ihn ins Gesicht geschlagen haben; anders hätte er nicht gekonnt, deshalb sei er fast ohne Abschied fortgerannt.

Der zweite Bewerber um Minna's Hand war kein geringerer als Graf Alexander von Schlottheim, jüngster Sohn Otto's. Bollmann hatte vor zeiten von Wien aus irrthümlich berichtet, als er an Karl Haus schrieb, daß Otto von Schlottheim dort sei, um das Millionenerbe seiner Frau in Empfang zu nehmen. Der Schwiegervater kannte seine Tochter Flora, kannte seinen Schwiegersohn zu gut, als daß er ihnen, die den Werth des Geldes, die Schliche und Pfiffe, Arbeit und Angst, die es ihm gekostet, solches zu erwerben, nicht kannten, solche große Reichtümer zur freien Verfügung gestellt hätte. Er setzte Schlottheim's Gattin nur auf das zur Erbin ein, was sie zur Aussteuer erhalten, zu Haupterben wurden die mit einem französischen Gesandtschaftsattaché verlobte zweite Tochter und sein Enkel Guido von Schlottheim eingesetzt, jedoch mit der Bestimmung, daß das Vermögen zur Hälfte in Grundbesitz in Mähren, den er selbst schon angekauft, unveräußerlich belegt bleibe, zur andern baaren Hälfte in hannoverschem Grundbesitz angelegt werde. Den Aeltern sollte nur der lebenslängliche Nießbrauch zustehen. So war denn die Besitzung des neuen Schlosses in Heustedt von vornherein Eigenthum des Guido von Schlottheim, des jetzigen Kammerherrn und Vertreters österreichischer Interessen am Hofe Ernst August's. Der König liebte den Glanz, sah gern einen reichen Adel um sich, und hatte Guido, als dieser sich verheirathete, den Kammerherrnschlüssel nur unter der Bedingung verliehen, daß er in Heustedt ein Majorat stifte, was geschehen war.

Der zweite Sohn Flora's war in österreichische Dienste gegangen; Alexander, der dritte, war für den Staatsdienst bestimmt. Seine Aeltern hatten ihm nur ein mäßiges Vermögen hinterlassen, das er, nachdem er seine Volljährigkeit erreicht, in wenigen Jahren durchbrachte. Trotz aller Nachsicht, die man in Hannover bei dem Bruder eines Kammerherrn nahm, war ihm das Unglück zugestoßen, zweimal im ersten juristischen Examen durchzufallen, und er lebte nun von der Gnade seines Bruders, der ihn nicht mochte, und vom Spiel, wozu er junge Adeliche verführte, namentlich Offiziere, die sich in ihren kleinen Garnisonen langweilten.

Guido hatte ihm wiederholt reiche Unterstützungen zufließen lassen, die dann in Bädern verschleudert wurden; er weigerte sich, ferner Geld herzugeben, und sagte dem Bruder: »Suche dir eine reiche Frau, ob Christin oder Jüdin, soll mir gleich sein.« Gegenwärtig befand sich Guido auf seinen österreichischen Gütern zur Fasanenjagd und hatte deshalb Alexander erlaubt, in Heustedt zu jagen. Dieser machte jedoch nur Jagd auf Geld, konnte er über 1000 Thaler zum Bankauflegen verfügen, so war ihm in der Garnison der Königin-Husaren, selbst in Heustedt, reiche Beute gewiß.

Hirschsohn aber zeigte sich hart und zähe wie Sohlenleder, er war trotz des Commerzienraths schlechtester Laune, seine Betty quälte ihn, Sidonchen, sein Liebling, die zurückgekehrt war, ärgerte ihn, er hatte kein Geld für den Grafen, außer gegen solide Bürgschaft oder gegen kurze Wechsel.

Seit dem Himmelfahrtsausfluge hatte Frau Bettina nur den Einen Gedanken verfolgt, ihren Mann und ihre Familie in den Herrenclub aufgenommen zu sehen. Sie durchsprach das Thema unzähligemal mit Baumann, allein dieser rechnete ihr auf den Fingern die Mitglieder vor, die eine schwarze Kugel geben würden. Als der Titel »Commerzienrath« der Welt gezeigt hatte, daß der Bankier Gnade vor den Augen des Königs gefunden habe, war sie von neuem auf den Freund eingedrungen. Dieser hatte ihr erklärt, die Standeserhöhung werde unzweifelhaft zur Erleichterung der Sache beitragen, er wolle auch wol verbürgen, daß sämmtliche Mitglieder der Ungeschlossenen mit weißen Kugeln ballotirten, allein er that ihr mit überzeugenden Gründen dar, daß, wenn der Vorschlag von ihm oder einem andern Mitgliede der Ungeschlossenen ausgehe, die Gegenpartei die Majorität davontragen würde. Nicht sowol das adeliche und bureaukratische Element sei zu fürchten, als das bürgerliche, die Kaufleute, Advocaten, Aerzte; namentlich die Frauen derselben wollten in diesem Einen vor dem Commerzienrathe voraus sein.

Als nun nach Michaelis in ganz Heustedt von nichts die Rede war als von dem Liebhabertheater, da war es das ceterum censeo der Frau Gemahlin, welches sie früh morgens, beim Frühstück, beim Kaffee, und, wenn Hirschsohn einmal abends zu Hause blieb, auch dann wiederholte: »Daß er sich schon um Sidonchen's willen in den Herrenclub aufnehmen lassen müsse.« Hirschsohn hatte dazu keine große Neigung, sein zweiter Club genügte ihm, er wies die Frau auf die Erfahrungen zurück, die sie selbst im Anfange des Sommers gemacht habe.

Nach der Fahrt auf die Kirnburg hatte sie es nämlich für an der Zeit gehalten, Brücken zu schlagen. Unter dem Vorwande, daß es Auguste Claasing bei ihr zu einsam werde, fing sie an, die Pastorin und Minna Claasing, die Frau ihres Arztes, die Bürgermeisterin und noch einige andere Damen zum Kaffee einzuladen. Es blieb aber die größere Anzahl der Geladenen unter schicklichen Vorwänden aus, und von keiner Seite erfolgten Gegeneinladungen. Keine von den Damen wollte die erste sein, welche die Jüdin in die Gesellschaft einführte, Baumann wiederholte ihr, die Aussichten für den Gemahl würden nur dann günstig sein, wenn er von einer den Bürgerlichen imponirenden Persönlichkeit vorgeschlagen werde, etwa dem Drosten, oder auch nur von dem Grafen Alexander von Schlottheim.

Die Frauen arbeiteten nun dahin, daß Hirschsohn den Drosten ersuche, ihn im Herrenclub vorzuschlagen; allein dazu war dieser nicht zu bewegen gewesen, weil er die Folgen fürchtete; denn wenn er gegen den Drosten Verbindlichkeiten hatte, so steigerten sich dessen Ansprüche auf Darlehen.

»Das alte Mummelthier ist unausstehlich zähe«, klagte Bettina. Hirschsohn hatte durch den Commerzienrathstitel keine schlechte Stammesangewohnheit verloren; es verursachte ihm eine geheime Freude, wenn vornehme Personen in sein Comptoir traten und seine pecuniäre Hülfe in Anspruch nahmen, und die jungen Grafen und Barone von der nächsten Husarengarnison kamen oft herüber, wenn ihre Kassen durch Spiel gesprengt waren.

So erzählte der Bankier denn auch bei Tisch, daß Schlottheim bei ihm gewesen und 1000 Thaler habe leihen wollen. Zu der Zeit, als dies geschah, war Auguste nicht mehr bei Hirschsohns im Hause, ihre Mutter machte mit dem Bruder Ferien, sie war nach Eckernhausen gezogen auf einige Wochen, und Auguste ward dahin berufen; Minna ließ man bei dem Pastor, der ja das schwere Kostgeld für sie bekam.

»Du mußt dem Grafen das Darlehn geben, unter der Bedingung, daß er dich in dem Herrenclub vorschlägt, du mußt das schon um Sidoniens willen thun«, sagte die Mutter, und das Kind nahte sich schmeichelnd dem Vater, streichelte ihm die Wangen und sagte: »Ja, Väterchen, das mußt du thun, ich komme hier vor Langeweile um, wenn ich nicht ins Casino gehen und im Liebhabertheater mitspielen kann.«

»Will's überlegen, will's überlegen«, brummte der Bankier und hob die Mahlzeit auf.

Das war, wie die Frauen wußten, ein Zeichen, daß die Festung noch nicht erobert sei. – Am Abend, als sie allein waren, wagte Bettina noch einen zweiten Sturm, und die Festung ergab sich. Aber der Sieg war theuer erkauft, Bettina hatte einen Grundsatz fallen lassen müssen, dem sie beinahe vierzehn Jahre nachgelebt, sie hatte dem Manne seine sogenannten Jugendsünden verziehen. Am andern Tage ward dem Grafen Alexander von Schlottheim eröffnet, daß ihm ein Darlehn von 1000 Thalern zu Gebote stehe, wenn er den Commerzienrath als Clubmitglied in Vorschlag bringe.

So groß der Vorzug und die Ehre vor allen übrigen Glaubensgenossen auch war, so sehr Itzig Meyer, der Vorstand der Synagogengemeinde, der dem Commerzienrath seit Jahren allerlei Concurrenz machte und ihn jährlich bei den Synagogenbeiträgen höher schrob, auch vor Neid gelb werden mochte, 1000 Thaler warf Hirschsohn so leicht nicht fort. Er hatte einen Plan ausgeheckt, der ihm, wie er hoffte, sein Geld sichern sollte. Als der Graf nach wenigen Tagen – der Name des Commerzienraths hing schon im Herrenclub – ankam, das Geld in Empfang zu nehmen, gab ihm Hirschsohn nicht nur dieses, sondern auch den Rath, Minna Claasing zu heirathen.

»Kann Ihnen sagen, Herr Graf, hat das Mädchen vom Vater her wenigstens ein Vermögen von 60000 Thalern, – keine Heirathsthaler, in guten Obligatiönchens, und nicht nach Nominalwert, sondern nach Curswerth – und was sie von der Mutter bekommt, schlage ich noch höher an. Mein Großvater selig, mein Vater und ich haben schon mit dem Herrn Obergestütmeister wie mit seinem Sohne Geschäfte gemacht, und wenn ich alle Obligationen nachrechne, die er allein von unserm Hause gekauft und cedirt erhalten – der Gestütmeister und sein Sohn nahmen nur gute Hypotheken auf Bauerhöfe, erst die Frau Claasing kaufte auch Staatspapierchens –, so wird er an baar hinterlassen haben mehr als 150000 Thaler, der Großvater. Der Sohn hat anfangs die Zinsen verthan, seit seiner Verheirathung aber gleichfalls zurückgelegt.

»Waren aber auch glückliche Zeiten, die Kriegszeiten. Welche brillante Geschäfte waren da zu machen! Der Großvater Claasing hatte erst die großen Lieferungen, als die hannoverische Armee an der Elbe capitulirte, dann die Lieferung an die Franzosen. Oh. viel Geld verdient, viel Geld!

»Frau Claasing hat schönes Vermögen mitgebracht, aber als Sondergut für sich behalten, – weiß mit Gelde umzugehen, hat Zinsen auf Zinsen gesammelt, alles zusammengehalten. Stammt von dem Handelshause Johann Karl Junker und Compagnie, viel Geld da! Ist ein Goldfisch, Herr Graf, können ein Rittergut kaufen, größer wie das neue Schloß, und können machen, wie Ihr Herr Bruder, ein Majorat, wenn Sie das Mädchen heirathen!«

Der Rath fiel auf keinen unfruchtbaren Boden. Für den Grafen blieb, wenn er standesgemäß leben wollte, nichts anderes übrig als eine reiche Heirath. Das sollte aber seine letzte Zuflucht sein, vorerst wollte er das Leben noch in vollen Zügen genießen. Allein, war er nicht schon dahin gelangt, zur letzten Zuflucht greifen zu müssen? Hatte nicht die Schwierigkeit, die 1000 Thaler anzuleihen, ihm gezeigt, daß sein Credit sogar hier erschöpft sei? Sollte er sich eine so vortreffliche Gelegenheit, wie der Zufall sie ihm bot, aus den Händen gehen lassen? Nein, hier mußte Ernst gemacht werden.

Er war so fest überzeugt, daß seine Person, sein Titel, seine feinen Manieren hinreichen würden, die »Jungfer« Claasing zu überzeugen, daß es ein großes Glück für sie sein würde, zur Gräfin von Schlottheim erhoben zu werden; er zweifelte keinen Augenblick, daß er nur zu kommen brauche, um zu siegen.

Es konnte nun kaum größere Gegensätze geben als die Art und Weise, wie der scheinfromme Candidat und wie der siegesgewisse Graf dem reichen Mädchen ihre Huldigungen zu Füßen legten. Diese aber hatte sich rasch entschieden, entschieden für den Ingenieur, der ihr noch kein Wort von Liebe gesagt hatte. Aber wenn er im engern Kreise sein Gesicht erst in die lächelnden Falten des Theophilus legte, eine schüchterne fromme Miene annahm und im Tone modernster Pfaffheit Minna eine Liebeserklärung zuflötete, hinterher den Grafen, dann den Assessor copirte, dann wollte sich Minna zu Tode lachen und sagte: »Alle drei können mir gestohlen werden!«

Die Proben zum Liebhabertheater, das dreistere Andrängen der übrigen Teilnehmer brachte in wenigen Tagen zwischen unserm Freunde und Minna einen Liebesbund zur Blüte, von dem die feinsten Nasen der heustedter Gesellschaft keine Witterung hatten. Die Gesellschaft zweifelte vielmehr nicht daran, daß der Graf die Siegespalme erlange, und Itzig Meyer, der nicht zur Gesellschaft gehörte, wohl aber Umgang mit dem Bedienten des Grafen hatte, sah die Sache für so zweifellos an, daß er dem Grafen freiwillig ein Darlehn von 2000 Thalern anbot, kündbar sechs Monate nach der Hochzeit. Das Geld wurde angenommen und in Verden Bank damit aufgelegt.

Minna äußerte freilich gegen den Geliebten öfter Zweifel an der Einwilligung der Mutter und Vormünderin. Dieser jedoch nahm die Sachen leicht. »Liebes Kind«, sagte er lächelnd, »wozu hätte ich denn mein Talent zum Komödienspiel? Ich weiß, deine Mama betet Gott Mammon vor allem an, das soll uns nicht scheiden, sie soll in mir einen Harpagus erblicken, der sie noch übertrifft. Du mußt mir nur ihre übrigen kleinen Schwächen verrathen, ich will ihr noch in dieser Woche einen Besuch abstatten, der Bahnhofsanlage jenseit Grünfelde wegen.«

Minna offenbarte nun dem Geliebten, daß nach der Sparsamkeit die Mutter vor allem stolz darauf sei, eine Tochter der Firma Johann Karl Junker zu sein, eine Enkelin der alten Patricierfamilie Breuer und die Schwester eines bremer Senators.

»Die Regierung hat sich für die Heustedt nächstliegende Bahnlinie entschlossen und mich beauftragt, mit deiner Mutter unter der Hand wegen Expropriation zu verhandeln. Ich hoffe, die Nachricht ist günstig, mich bei ihr einzuführen, im übrigen vertraue meiner Kunst. In der Stadt aber mußt du die angefangene Komödie fortspielen, nur gegen den Assessor mußt du ehrlich sein, sage ihm, daß dein Herz einem andern gehöre, er wird sich zu resigniren wissen. Thue im übrigen, als ob du zwischen dem Grafen und dem Candidaten schwanktest, aber laß den Scheinheiligen glauben, daß sich das Zünglein der Wagschale zu seinen Gunsten neige, du mußt ihn an deine Mutter verweisen, er muß sich einen Korb in bester Form holen, der Augenverdreher muß bestraft werden.«

Hellung machte am andern Tage seinen ersten Besuch in Eckernhausen. Er kam absichtlich nach der Kaffeezeit, Auguste war zum Besuch in der Pfarre, die Mutter allein. Er ging sogleich geschäftsmäßig zur Sache und erklärte, beauftragt zu sein, im Wege gütlicher Vereinbarung einen Expropriationsversuch zu machen. Der Witwe hüpfte das Herz vor Freude und sie faßte, obwol schweren Herzens, den Entschluß, dem Ingenieur ein Glas Wein anzubieten.

»Wein, meine liebe Frau Claasing«, sagte der Schalk mit ernsthafter Miene, »kommt das ganze Jahr nicht über meine Zunge; darf ich um ein Glas Buttermilch oder um ein Glas Wasser bitten, so wird mir das lieb sein, da ich schnell gegangen bin.«

Die Frau ging selbst, um ein Glas Buttermilch zu holen, und lobte es dann als eine seltene Tugend bei jungen Leuten, daß er nicht Wein trinke. Jener klagte mit ihr über Genußsucht, Verschwendung, Verderbtheit der Welt, die sich von dem Einfachen, Soliden und Gediegenen immer mehr abwende. Während dieses Gesprächs trat der Studiosus Claasing in die Stube, Johann Karl genannt, nach dem Pathen Senator; die Mutter stellte den Ingenieur als einen Normalmann vor, und dieser ermahnte den Studiosen zum Fleiß, zur Sparsamkeit und zum Gehorsam gegen die Mutter. Er führte den Grafen Alexander als Beispiel an, wohin ein ungeordnetes Leben führe; der sei zweimal durch das Examen gefallen, habe sein ganzes Vermögen verschwendet, lebe vom Schuldenmachen und sehe sich jetzt, wie es allgemein heiße, nach einer Frau mit Gelde um, damit er auch deren Vermögen durchbringen könne.«

»Da hörst du nun vom Herrn Inspector selbst, was ich dir tausendmal gepredigt habe! Dein Vater lebte noch heute, wenn er in Göttingen solider gewesen und sich vor dem Umgange mit dem Bruder dieses Grafen und dem Major von Finkenstein gehütet hätte.«

Der Studiosus schien nicht erfreut über die mütterlichen Ermahnungen, er machte ein verlegenes Compliment und erklärte, die Schwester abholen zu wollen.

»Lassen Sie uns, hochgeehrte Frau, jetzt zum Zweck meines Besuches übergehen. Die Regierung ist geneigt, der Linie durch die grünfelder Geestfeldmark den Vorzug zu geben, jedoch lediglich unter der Voraussetzung, daß Sie bereit sind, die nöthigen Ländereien, namentlich zu dem Bahnhofe, gegen ein Kapital herzugeben, das Ihnen gegen den gegenwärtigen Pacht ein doppeltes Erträgniß einbringt. Sehen Sie hier, wir haben aus den Acten des reitenden Vogts zu Grünfelde das Verzeichniß der Pachterträge seit länger als dreißig Jahren. Der Durchschnittspacht stellt sich danach weit unter dem gegenwärtigen, und wenn man diese Register bei der Expropriation vorlegt, so weiß man doch nicht, ob die Ländereien nicht viel niedriger geschätzt werden als mein heutiges Angebot.«

Das Gesicht der Frau fing an sich in die Länge zu ziehen, der Ingenieur merkte, daß er einlenken müsse. »Sie, meine werthe Frau, scheinen nicht zu wissen, welchen Werth heutzutage das baare Geld hat, man muß es nur gut zu gebrauchen wissen; ich möchte wetten, Sie haben manche tausend Thaler ausstehen, von denen Sie nur vier Procent Zinsen genießen. Ja, Sicherheit ist gut, und ländliche Hypothek besser als städtische, aber ein rentables, solides Unternehmen hat auch seinen Werth. Erlauben Sie, daß ich Ihnen von mir erzähle. Mein Vater hinterließ mir ein kleines Vermögen in Staatspapieren, guten Sachsen. Das erste, was ich that, war, die Papiere zu veräußern. Ich theilte das Geld, legte die eine Hälfte in Leipzig-Dresdener Eisenbahnactien an, die andere Hälfte in Actien der Waldschlößchenbierbrauerei. Die Leipzig-Dresdener stehen heute auf zweihundertunddrei und geben dreizehn Procent Dividende, die letztern kommen gar nicht auf den Markt, geben aber siebzehn Procent. Ich habe auf diese Weise in wenigen Jahren mein Vermögen verdoppelt, und da ich von meinem Gehalt leben kann, so werden die Zinsen immer wieder zum Kapital geschlagen. Ich kaufe jetzt Köln-Mindener Eisenbahn-Actien, sie sind gegenwärtig noch zu Pari zu haben, aber Sie werden erleben, wie dieselben zu steigen anfangen, wenn diese Bahn, die den Westen mit dem Osten verbindet, fertig sein wird, und wenn diese Weltbahn im wahren Sinne des Worts anfängt, Dividende zu zahlen. Ich bin lange zweifelhaft gewesen, ob ich nicht ein kleines Landgut und zwei Weinberge bei Meißen, die mir eine Großtante vermacht hat, veräußern und das Geld in Köln-Mindener anlegen soll, aber man hat so seine Schwächen, das Grundstück ist über dreihundert Jahre in meiner Familie gewesen und da trennt man sich denn nicht gern davon.«

Unser Freund machte da keine Schwindelei, alles, was er erzählte, verhielt sich so; ja, er holte einige Dividendenscheine der Waldschlößchenbrauerei aus dem Taschenbuche und legte sie Frau Claasing vor. »Siebzehn Procent! das ist enorm, bei Gott!« seufzte diese auf und berechnete im stillen, wie viel das bringen müsse, wenn sie ihr und der Kinder Vermögen, weit über zweimalhunderttausend Thaler, die jetzt höchstens vier Procent einbrachten, zu siebzehn Procent verwerthen könnte.

Unsere Wirthschafterin war aber eine resolute Frau; wenn ihrem Verstande etwas als vortheilhaft einleuchtete, so besann sie sich nicht lange, sie mußte ohnehin in den nächsten Wochen nach Göttingen zurück, und so erklärte sie sich bereit, zu dem angebotenen Preise zu veräußern. »Aber«, setzte sie hinzu, »Zipfel und Schnitzel, Winkel und Ecken dürfen nicht übrigbleiben, damit kann ich nichts anfangen, da meine Höfe jenseit der Weser liegen.« Man wurde in der Hauptsache einig und schied mit gegenseitiger Zufriedenheit.

Frau Claasing sagte dem Ingenieur viele Schmeicheleien ins Gesicht über seine Solidität, seine Geschäftskenntnisse in so jungen Jahren, und bedauerte unendlich, daß ihre Tochter Auguste nicht zu Hause sei und sie dieselbe nicht vorstellen könne.

Hellung erklärte, daß er die Ehre habe, Fräulein Minna zu kennen, und mit ihr bei den Proben zum Liebhabertheater zusammentreffe. Die Mutter schien darüber erfreut, obgleich sie, »um aufrichtig zu sprechen«, von solchen Künsten nicht viel halte.

Als unser Freund abends zur Versammlung der Ungeschlossenen ging, machte er den gewohnten Umweg um die Schloßkirche, Minna schien ihn schon am Fenster erwartet zu haben. »Bresche geschossen«, rief er hinauf, warf ihr eine Kußhand zu und wünschte ihr Gute Nacht.

Bei den Ungeschlossenen verhandelte man das Thema des Tages, das Ballotement Hirschsohn's, welches übermorgen stattfinden sollte; der Erfolg war noch immer zweifelhaft, obgleich Baron Franz sich ungemein für die Sache interessirte, er war verliebt in Sidonie und hoffte, im Casino Gelegenheit zu finden, mit ihr näher bekannt zu werden.

»Freunde und Gönner«, ergriff der Ingenieur das Wort, »Spaß muß sein, und ihr wißt, ich liebe den Spaß. Ist niemand hier, der den liebenswürdigen Candidaten der Theologie noch heute Abend womöglich in unsere niedere Hütte führt? Wenn ich mich auf Menschenphysiognomien verstehe, und als Mime glaube ich etwas davon zu wissen, so hat Theophilus in Erlangen außer andern Dingen auch Bier zu trinken gelernt und kann wahrscheinlich mehr vertragen als mancher von uns. Erscheint der angehende Heilige in unserer Mitte, so ist ihm in gehöriger Form und unter schicklichem Vorwande von jedem vorzutrinken – Gratulationen zu seinem augenscheinlichen Glück bei dem Goldgänschen dürfen natürlich nicht fehlen, er ist so eitel wie Narciß, und im Lobe seiner Persönlichkeit kann man nicht zu weit gehen. Die Hauptsache aber und der Spaß, den ich im Sinne habe, ist dieser. Während seiner Anwesenheit bringen wir das Gespräch, wie zufällig, auf das Ballotement. Dann macht einer von Ihnen, es muß ein länger als ich in Heustedt Ansässiger sein, die Bemerkung, er werde gegen die Aufnahme des Commerzienraths stimmen, nicht weil dieser ein Jude sei, sondern weil Graf Schlottheim ihn zur Aufnahme vorgeschlagen, dieser aber kaum grün hier geworden sei und sich nicht einbilden dürfe, dem heustedter Herrenclub neue Gesetze vorschreiben zu wollen und Abweichungen von altehrwürdigen Observanzen einzuführen. Wir eröffnen eine Scheindebatte und beschließen dann förmlich einstimmig, schwarze Kugeln abzugeben. Theophilus ist auf Schlottheim, seinen wahrscheinlich glücklichern Nebenbuhler, so eifersüchtig, daß er nicht unterlassen wird, unsern Beschluß morgen zum Gemeingut der Stadt zu machen. Der Graf wird dadurch angespornt werden, für seinen Candidaten noch Stimmen zu werben, und viele von unsern Gegnern, die gegen die Aufnahme gestimmt hätten, werden, um uns zu ärgern, für dieselbe stimmen. Ja es ist nicht unmöglich, daß der Vater des Frommen der einzige ist, der schwarz abstimmt.

»Wäre das nicht ein Hauptspaß?«

Allgemeines Bravo. »So soll es sein«, intonirte singend ein tiefer Baß, und Chorus fiel ein:

So soll es sein!
Es lebe der Wein;
Es lebe das Bier!
Es leben auch wir!

»Ich hole den Candidaten«, sagte Baron Franz, »ich sah ihn vorhin auf dem Club sitzen und dem L'Hombre zusehen.«

Die Scene, die sich entwickelte, als der Baron Franz mit Theophilus in das Versammlungszimmer der Ungeschlossenen trat, war ein förmliches Lustspiel, alles improvisirt, aber es klappte wie nach einer zehnmaligen Probe, und wenn einer der Mitspieler sich einmal des Lachens nicht mehr enthalten konnte, so wußte der Sachse, der auch hier den Regisseur machte, durch ein paar im sächsischen Dialekt gesprochene Worte der ganzen Gesellschaft Stoff zum Lachen zu geben, und der Candidat lachte lustig mit. Er trank fleißig und ließ es nicht bei dem Nachtrinken bewenden, er trank diesem und jenem vor. Hoch erfreut, daß seinem Nebenbuhler eine Niederlage beigebracht werden sollte, kehrte er mehr von seiner innersten Natur heraus, als er sonst zu thun pflegte, ja er bekannte sich offen zu der Lehre des Altvaters im »Tasso«: »Erlaubt ist, was gefällt«, als praktisch den Frauen gegenüber. Je mehr seine Ergüsse der Gesellschaft zu gefallen schienen, desto mehr ließ er sich gehen, und der Baron Franz und ein anderer hatten in der Nacht ihre Noth, ihn nach Hause zu lootsen.

Die richtig vorausgesehenen Wirkungen der Komödie machten Bruno noch am Tage des Ballotements viel zu schaffen. Schon früh morgens bekam er ein Billet von Bettina, worin sie bat, ihr ein Viertelstunden zu schenken wegen einer wichtigen Mittheilung. Er entschuldigte sich mit Terminen. Nachmittags bekam er ein zweites Billet des Inhalts: Nach den Vorgängen am vorgestrigen Abend in den Ungeschlossenen ziehe es ihr Mann vor, seinen Vorschlag zum Clubmitgliede zurückziehen zu lassen. Der Vorfall sei ihr zwar gänzlich unerklärlich, sie aber genau von dem, was vorgekommen, unterrichtet.

Bruno antwortete kurz: »Keine Unvorsichtigkeiten! ich bürge für alles und bringe nach dem Ballotement die Nachricht des Sieges.«

Als es so gekommen, wie der Ingenieur vorausgesagt hatte, als Hirschsohn mit allen gegen Eine Stimme, die des Superintendenten, aufgenommen war, und sich nun die Clubherren selbst erstaunt ansahen und nicht begreifen konnten, wie das möglich sei, da Theophilus doch auf das heiligste versichert, daß die Ungeschlossenen einhellig beschlossen hätten, schwarz zu stimmen, als Hellung allerlei Scherze machte, und die Spielpartien sich nicht zusammenfinden wollten, eilte Bruno nach dem Hause des Bankiers, um die Freudenbotschaft zu überbringen.

Bettina dankte dem Botschaftsbringer mit einer Umarmung und einem Kuß für seine vielen Mühen. Sidonie blieb stumm. Bruno erzählte nun, wie man den Candidaten dupirt; der Commerzienrath versicherte hundertmal: »Tausend Thaler seien ihm nicht so lieb, als daß der Wunsch seiner Betty erfüllt sei, und Sidonchen nun auch Komödie mitspielen könne.«

Der Commerzienrath revanchirte sich für die Aufnahme durch ein glänzendes Diner im großen Waldmeier'schen Saale, wozu alle Mitglieder des Herrenclubs eingeladen wurden.

Am andern Tage las man im Gast- und Clubzimmer des Rathskellers auf gedrucktem Anschlage: »Nürnberger Bier 2 Ggr. – Kasseler 18 Pfennige. Hochmeier.« »Das ist eine Errungenschaft«, sagte der Ingenieur, »Bier demokratisirt, Hochmeier sollte von heute an Kleinmeier heißen!« –

Vier Jahre sind vergangen, vier Jahre strenger Arbeit und ernsten Schaffens für unsern Freund in Heustedt. Was er in dieser Zeit gethan, war wenig dauernd gewesen, »Eintagsfliegenarbeit«, pflegte er selbst es zu nennen, und doch hatte es oft auf Hunderte, oft auf Tausende und Hunderttausende eingewirkt. Wenn so ein Zeitungsartikel packte und, von allen Blättern nachgedruckt, Gemeingut des gebildeten Deutschlands wurde, während nicht einmal seine nächsten Freunde wußten, daß er der Verfasser sei, dann erhob sich seine Brust manchmal stolz, dann hörte er die Flügelschläge einer neuen Zeit in der Luft rauschen, dann fühlte er seine Hände sich unwillkürlich zusammenballen, wie um dreinzuschlagen.

Die Diplomaten, die Bureaukraten, die Fürsten, sie hatten keine Ahnung, was sich in diesen vier Jahren in den Gemüthern der Massen vollzog, die Pfaffen nun gar, welche die Komödie mit dem heiligen Rock in Trier in Bewegung gesetzt hatten, sie dachten nicht daran, wie sehr sie der Revolution, Freigeisterei und dem Unglauben dadurch in die Hände arbeiteten. Was hatte die allerorts verschärfte Censur, was hatten die Maßregelungen gegen Schriftsteller, Dichter, Journalisten, Professoren in Preußen und andern Staaten genützt? was hatte es geholfen, daß man ein großes Buch mit den Namen der Märtyrer hätte füllen können, die in dem letzten Jahrzehnt für die Freiheit gelitten? was halfen die aus Berlin aufsteigenden Weihrauchsdünste der romantischen Mystik? Es wehte ein frischer Luftzug über die Länder Europas, der keinen Dunst und Nebel aufkommen ließ!

Nur Eins wurde gehemmt, das scharfe, entschiedene, das klare und bewußte Aussprechen der politischen Wahrheit. Man durfte höchstens in dicken censurfreien Büchern die Dinge bei dem wahren Namen nennen, in allen Journalen mußte man sie in ein Bim-Bam-Borium einhüllen oder in Phrasen verstecken. Statt sich in Volksversammlungen über das Wohl des Volkes und das, was diesem noththue, zu verständigen, sang man sich auf den sich immer großartiger ausdehnenden Liederfesten in eine Rage, die für Patriotismus und Freiheitsliebe galt; man dünkte sich, ohne je Waffen in der Hand gehabt zu haben, den alten Helden gleich, wenn man sang:

Brüder, laßt die Waffen ruhen,
Nehmet den Pokal zur Hand!

Man glaubte wunder welche patriotische That vollbracht zu haben, wenn man Arndt's vieldeutiges Lied vom deutschen Vaterlande sang.

Aber man war doch unendlich vorgeschritten gegen das vorige Jahrzehnt; es würden zur Zeit sich keine zehn, viel weniger gar hundert Studenten von den verschiedenen deutschen Universitäten zusammengefunden haben, welche geglaubt hätten, durch einen Putsch den Deutschen Bundestag sprengen und eine deutsche Republik in Frankfurt am Main proclamiren zu können.

Bruno hatte in dem verflossenen Jahre viel gelitten; er fühlte es oft heraus, daß man seinen Clienten unrecht gab, weil man seine persönlichen politischen Ansichten misbilligte, aber er hatte auch manche stille Genugthuung erlebt.

Was sein Herz anbetraf, so glaubte er kurz nach der Aufnahme des Commerzienraths in den Club, am Tage, wo sein Freund Hellung seine Verlobung mit Minna Claasing feierte, die Entdeckung gemacht zu haben, daß er Sidonie liebe. Daß sie ihn liebe, hatte er schon vor ihrer Abreise mit der Schwester errathen. Er fühlte, wie schwer es sei, einem so offenen, warmen, kindlichen Herzen gegenüber kalt und berechnend zu bleiben. Und doch, wohin sollte diese Liebe zu einer Jüdin führen? Soweit er den Charakter des Commerzienraths kannte, würde dieser nie zugegeben haben, daß Sidonie zum Christentum überträte, und er konnte nicht Jude werden.

Sidonie hatte auf der Reise, durch den Aufenthalt in Paris und Frankfurt, viel gelernt, sie war weit zurückhaltender geworden, sie sang nicht mehr: »Ach wärest du mein eigen«, sie warf ihm keine Blicke mehr zu, aber, was viel gefährlicher war, sie fing an, sich mit seinen Lieblingsstudien zu beschäftigen. Er mußte ihr von seinen Zeitungsartikeln berichten, er mußte die fertigen Kapitel seiner »Philosophie der Geschichte« vorlesen, sie politisirte mit ihm, philosophirte und zeigte sich als die geistreichste Dame, die ihm je vorgekommen. Sie theilte ihm Gedichte und Novellenanfänge mit, las, wenn er abends beim Thee mit ihr und der Mutter allein war, die neuesten Literaturerscheinungen selbst vor, um ihm Zeit zu lassen, bei seiner Havana nachdenken zu können. Sie ließ sich die Aufmerksamkeiten des Barons Franz in dem Casinokränzchen und bei dem Liebhabertheater gefallen, ohne ihn je zu ermuntern, ohne den entferntesten Schein, als wolle sie die Eifersucht des Geliebten erregen. Das junge, kaum der Kindheit entwachsene Mädchen wußte sich mit der Würde einer Frau zu umgeben, und vor allem mied sie das etwas zudringliche Wesen der Mutter. Ihr Auftreten in der Gesellschaft brachte ihr von allen Seiten Lob ein, und selbst die Baronin Bardenfleth lud sie zu ihren literarischen Abenden. Wie hätte Bruno solchen geistigen und körperlichen Reizen auf die Dauer widerstehen können? Als es wieder Frühling geworden war, und Bruno sich mit Sidonie an einem schönen Nachmittage im Gartenpavillon allein befand, wagte er zum ersten mal von seiner Liebe zu sprechen. Sidonie stand auf. »Verweilen Sie einen Augenblick, Herr Doctor«, sagte sie kühl und eilte ins Haus. Sie kam mit einer Mappe in den Pavillon zurück, die sie mit dem Schlüssel dazu unserm Freunde überreichte.

»Ihre Erklärung, lieber Freund«, sagte sie weich, »hat mich nicht überrascht, ich hatte sie früher oder später erwartet, in frühern Tagen heiß ersehnt. Das Schicksal in Gestalt der Weltgeschichte hat sich zwischen uns und unsere Liebe gestellt. Unser Wollen ist dagegen ohnmächtig, ich habe mich resignirt, mir genügt Ihre Freundschaft, versuchen Sie das Gleiche, diese meine Tagebuchblätter und die Briefe eines der ausgezeichnetsten Geister, die gegenwärtig auf Erden leben, werden diese Resignation und meine Wandlung erklären.«

Bruno ging. Er schloß sich in seine Stube ein, um die Blätter – denn es waren nur einzelne auf verschiedenes Papier, je nach Zeit und Ort geschriebene Blätter, mit der Tagesbezeichnung – ungestört durchzulesen.

Die Aufzeichnungen begannen Ende October im ersten Jahre seines heustedter Aufenthalts, wenige Tage nachdem er im Hirschsohn'schen Hause den ersten Besuch gemacht hatte. Sidonie schilderte das steigende Interesse an der neuen Erscheinung und beschäftigte sich nur mit ihm, mit der Beschreibung seiner Person, mit dem Versuche einer Analyse seines Könnens und Wissens, in Vergleichung mit andern jungen Männern.

Nach wenigen Wochen kamen Reflexionen, ob das, was sie für den jungen Advocaten fühle, Liebe sei? Gedanken und Aussprüche über Liebe, die sich unser Freund in George Sand, Gräfin Hahn-Hahn und andern Tagesdichtern gelesen zu haben erinnerte, Variationen über das Thema »Ach wärest du mein eigen«, romantische Nebelbilder über eine Zukunft in einsamer Hütte neben dem Geliebten. Dann Eifersuchtsblitze gegen Schwester Pauline und die Mutter, später gegen Auguste Claasing, darauf wochenlang Klagen, ungeliebt zu sein, verbrämt mit Nachahmung Heine'scher Verse, kurz das Tagebuch war so bunt, wie es im Kopfe und Herzen eines schöngeistig gebildeten vierzehnjährigen Mädchens mit orientalischem Blute aussehen mag.

Nach der Verlobung der Schwester trat mehr Ruhe, mehr Zuversicht in die Zukunft ein, in der Duellgeschichte erschien Bruno als ein Held, dann wieder Tage des Zweifels, der Qual und Eifersucht.

Die ältere Schwester hatte, als sie den letzten »Raptus« bekam, wie der Vater es nannte, der Stiefschwester offenbart, daß sie den Dr. Behrend deshalb nicht heirathen könne, weil sie Bruno liebe; das war zu viel.

Die Fahrt nach der Wüstenei war in Novellenform eingekleidet, Bruno strahlte abermals als Held, aber der Kuß auf Augustens Hand warf wiederum den Feuerbrand der Eifersucht dazwischen; die Einladung zu der Fahrt nach Kirnburg erhob Sidonie in den Himmel, aber sie hatte, nachdem sich Baron Franz und Bruno in ihren Wagen gesetzt, und ersterer sie mit Artigkeiten überschüttete, kein Ohr für diese gehabt, sondern nur Bruno und die Mutter unter dem Schutze des Sonnenschirms beobachtet, aus Eifersucht. Die Auszeichnungen waren oft kindlich, häufig sogar kindisch. Auf vielen Seiten waren die Namen Sidonie und Bruno verschlungen, mit Rosen- und Vergißmeinnichtkränzen umgeben, andere Blätter trugen ein Herz mit den Buchstaben B. B. – Hier waren die Spuren von Thränen, am andern Tage war das Herz wieder voll Jubel und Zuversicht.

Es folgten die Reisetage; keiner, an dem Sidonie nicht an Bruno gedacht hätte. In Genf waren einige Tage voll heftigen Regens eingetreten, die jeden Ausflug hinderten. Das verliebte Mädchen hatte hier einen neuen Roman: »Jacques«, von der von ihr angebeteten George Sand, gelesen und in der Nacht den abenteuerlichen Plan entworfen, wenn sie nach Paris kämen, Madame Dudevant aufzusuchen, ihr ihre Liebe, ihre Leiden, ihr Unglück zu offenbaren, sie um Trost und Hülfe anzuflehen.

Dieser Plan war auf der Weiterreise zum festen Entschluß geworden und wurde ausgeführt.

Die Beschreibung des Besuches und dessen, was dabei gesprochen, füllte eine Reihe von Blättern; George Sand hatte die zu ihren Füßen in Thränen aufgelöste Sidonie zu sich emporgezogen, geküßt und in freundlicher Rede zu ihr gesprochen, von der diese aber nur Fragmente behalten und mit langen Betrachtungen untermischt niedergeschrieben hatte.

Die geistreiche Dichterin und Philosophin sagte danach unter anderm: »Wie soll ich das Räthsel Ihres Lebens lösen, die ich selbst noch nicht vermocht habe, das Räthsel meines eigenen Innern zu lösen? Wie soll ich Trost gegen Schmerz sprechen, der in dieser Welt nicht zu vermeiden ist, da ich die Gesetze des Leidens, das die Welt beherrscht, noch nicht gefunden habe?

»Aber, mein liebes Kind, ich will Ihnen sagen, was mich in vielen schweren Leiden allein getröstet, mich vor Verzweiflung gerettet, das ist die aufrichtige Ueberwindung aller Selbstsucht vor Gott.«

Sie hatte dann erörtert, Liebe sei Egoismus, die Selbstsucht, den Geliebten für sich allein zu haben; dieser Egoismus sei nicht unberechtigt, er liege tief in der menschlichen Natur begründet, die sich nach Glück sehne. Aber es sei ein Irrthum, zu glauben, daß in dem Einen Verlangen nach Vereinigung mit dem Geliebten alle Bedürfnisse der Seele vereinigt seien. Die Liebe sei göttlichen Ursprungs und wurzle in gleicher Liebe zu Gott. Ihr sei es undenkbar, daß zwei Menschen, die nicht an denselben Gott glauben, nicht zu demselben Gott beten, einander lieben oder gar in der Ehe vereint leben könnten. Der Widerspruch im Glauben der Aeltern würde die Kinder notwendig unglücklich machen, die Familienbande früher oder später zerreißen.

»Die Bande«, sagte Madame Dudevant ferner, »welche Sie an Ihre Aeltern knüpfen, sind älter und heiliger als eine erste Jugendliebe, bei der Phantasie und Sinnlichkeit, uns selbst oft unbewußt, eine viel größere Rolle spielen, als wir glauben. Wenn, wie Sie sagen, Sie selbst weder einen Drang fühlen, zum Christenthum überzutreten, noch jemals die Einwilligung Ihres Vaters zu diesem Schritt erlangen können, so wäre es ein doppeltes Unrecht gegen den Gott Ihrer Väter wie gegen den leiblichen Vater, wenn Sie dieser selbstsüchtigen Liebe fernern Vorschub leisteten. Suchen Sie diese Selbstsucht zu ertödten, erheben Sie Ihre Gefühle für den Geliebten zur Freundschaft, sie ist uneigennütziger als die Liebe, sie theilt alle Leiden derselben, aber nicht alle Genüsse.«

War das eine Sprache zu dem Herzen und phantastisch überfüllten Kopfe eines jungen Mädchens, das in den nächsten Wochen erst seinen funfzehnten Geburtstag feierte? Und doch machten diese mit milder, sanfter Stimme gesprochenen Worte, diese Worte, denen man es anhörte, daß sie aus dem Herzen kamen, einen ungemeinen Eindruck auf Sidonie und zeigten ihr den Abgrund, dem sie so nahe gestanden, ohne ihn zu bemerken, wo die Sinne den Sieg gewannen über die Lauterkeit des Herzens.

George Sand sprach vieles über eigene Leiden und Unglücksfälle, namentlich über das Misgeschick, falsch gedeutet oder nicht begriffen zu werden. Auch Sidonie zeigte sich hier als Sünderin, sie bekannte der geehrten Frau, daß sie nach Lesen der »Lelia« den Rath, zu entsagen, die selbstsüchtige Liebe zu ertödten, nicht erwartet habe; scheine George Sand doch die freie Hingabe der Geliebten ohne Ehe unter Umständen zu entschuldigen.

»Meine Tochter«, sagte die Dudevant ernst, »Sie haben mich verstanden, wie viele andere, das Buch selbst trägt die Schuld daran, ich weiß es, ich schrieb dasselbe, während ich selbst mich im Genusse eines reinen persönlichen Glücks befand, als zum ersten mal der Schmerz um das Allgemeine mich erfaßte. Sie nennen das in Deutschland Weltschmerz; es ist das Weh des ganzen Geschlechts, die Erkenntniß der Bestimmung des Menschen und die Einsicht, wie unendlich wenige Menschen auch nur eine Ahnung von dieser Bestimmung haben, das Gefühl der Unbedeutendheit des Individuums, seiner Machtlosigkeit, gegen dieses Wehe anzukämpfen; es ist die unendliche Vereinsamung der Seele, die sich wenigstens an Einen Menschen anklammern und, wenn es sein muß, gegen Sitte und Glauben mit ihm verbinden, in ihm auf- und mit ihm untergehen will. Aber eine solche Hingabe muß eine gegenseitige, sie muß eine ewige sein, sie muß sich in der Einsamkeit und fern von den Menschenmassen vollziehen. Paris ist ein Meer, auf dem Tausende von kleinen Barken überall zwischen den großen hinsteuern können, ohne bemerkt zu werden, in Paris wäre so etwas möglich. Aber in Deutschland, in einer kleinen Landstadt, da läßt sich nie ungestraft an Glauben und Sitten freveln, da kann man der schnöden Selbstsucht einer solchen Liebe, welche die Welt um sich vergißt, nicht fröhnen, ohne sich selbst wie den Geliebten unglücklich zu machen. Ein Zusammenleben ohne Ehe, ohne Begründung einer Familie mag sich unter gewissen Umständen entschuldigen lassen, empfehlen niemals.«

Sidonie war tief ergriffen, sie kniete noch einmal vor der Dichterin nieder und bat um ihren Segen zum Werke des Entsagens, das sie beschlossen habe, sie bat, ihr melden zu dürfen, wie weit sie mit der Selbstertödtung ihrer Liebe gekommen sei, und ging sie an, ihr von Zeit zu Zeit einige Worte des Trostes und der Ermunterung zukommen zu lassen.

Von dieser Zusammenkunft an behandelte das »Tagebuch« die äußern Ereignisse, das, was man in Paris gesehen hatte, nur kurz und oberflächlich, dagegen waren die im Gespräche mit der Sand aufgefangenen Gedanken zu längern oder kürzern Reflexionen verarbeitet, die, wie man aus den Antworten sah, wahrscheinlich den Briefen an die Dichterin als Unterlage gedient hatten.

Der junge Mann mußte anerkennen, daß in dieser Mädchenseele eine Energie stecke, die eines Mannes würdig sei. Viele von den Gedanken, die George Sand ausgesprochen, beschämten ihn, denn es waren die Lehren seines Meisters selbst, nur in etwas französischer Auffassung, die ihm erst auf diesem Umwege wieder in die Seele zurückgerufen wurden. Er, der den Weltschmerz durch die Philosophie überwunden zu haben glaubte, er, der das Bewußtsein von dem großen Ziele der Menschheit hatte, der stolz darauf war, mitzuarbeiten vorläufig an der Befreiung des Staats von den ihm durch Absolutismus und Bureaukratismus anhaftenden Ketten und Schlacken der Polizeiwillkür und Gewalt, er sollte, um dem Egoismus einer Liebe zu fröhnen, mit dem, was die Welt für Sitte und Ordnung erachtete, brechen? Er, der Mann, sollte minder stark sein in der Selbstüberwindung? – Sein Verstand, der ihm schon immer gesagt, daß einer Verheirathung mit Sidonie unübersteigliche Schranken entgegenständen, sollte die Gefühle seines Herzens, die Bilder seiner Phantasie nicht beherrschen können?

In einer schlaflosen Nacht kämpften Vernunft und Gefühl einen harten Kampf, aber die Vernunft siegte.

Am andern Tage brachte er die Mappe an die Eigenthümerin zurück und sagte: »Wir sind und bleiben Freunde, die Dichterin hat recht, und ich ehre und bewundere Ihre Resignation, so schmerzlich sie meinem Egoismus ist.« Sie reichten sich die Hände.

Bruno fühlte sich auch bald durch diesen Entschluß befriedigt, denn daß Familienbande jeden mehr oder weniger der politischen Unabhängigkeit und Freiheit berauben, davon hatte er schon die auffallendsten Beispiele erlebt.

Das politische Leben war aber sein ein und alles. Sein Bruder Karl hatte ausstudirt, das Examen bestanden und arbeitete unter seiner Leitung; seine Praxis hatte sich ausgedehnt, man holte sich weit und breit Rath von ihm, und er war wohl im Stande, eine Familie zu ernähren.

Sein Mündel, Hans Dummeier, war volljährig geworden, Wüsteneimeyer hatte ihm das Besitzthum übertragen und sich auf den Altentheil gesetzt, der Proceß gegen die Claasing'sche Vormundschaft war auch in dritter Instanz gewonnen, es handelte sich nur noch um Liquidation der seit dem Anfange des Processes gezogenen Früchte, wie andererseits um Feststellung der Abfindung vom Allode für Anna Dummeier, weiland Frau des Gestütmeisters Claasing, wie um den Ersatz der Aufwendungen für die Verbesserungen des Gutes.

Frau Claasing hatte mit der Selbstüberwachung des Sohnes in Göttingen schlechte Erfahrungen gemacht, er war zu einem Wüstling und daneben zu einem Heuchler erzogen, der seiner Mutter durch Schmeicheln und Vorspiegeln das Geld abzulocken wußte und mit den adelichen Genossen des Reitunterrichts – fast des einzigen Studiums, dem er oblag – im benachbarten Kassel sich allen Ausschweifungen seines Alters hingab, während ihn die Mutter zum Besuche auf dieser oder jener Domäne wähnte.

Sie war mit dem Sohne nach Eckernhausen zurückgekehrt, er stand noch unter ihrer Vormundschaft und wurde im Gelde so knapp gehalten, daß er in der That mit den jungen Leuten in Heustedt nicht verkehren konnte. Allein Alexander von Schlottheim nahm ihn in die Lehre und führte ihn Meyer Itzig zu, der gegen Wechsel, datirt nach dem Tage der Volljährigkeit, dem reichen Erben gegen hohe Provision und Zinsen Geld gab, soviel dieser verlangte. Dafür ertheilte der Graf ihm Unterricht in allen Karten- und Würfelspielen, die jener nicht schon in Göttingen und Kassel kennen gelernt, und vermittelte manches Liebesabenteuer. Zu dem Verlobten seiner Schwester stand er in gar keinen Beziehungen, er vermied denselben, soviel er konnte, und da der Inspector jetzt bei nahezu vollendeter Bahn seinen Wohnsitz auf dem Bahnhofe, Grünfelde gegenüber, aufgeschlagen hatte und weniger nach Heustedt als nach Eckernhausen kam, wo der junge Mensch fortschlich, wenn er den künftigen Schwager auf den Hof treten sah, erfuhr dieser von dem Treiben des Verschwenders wenig.

Die Bahn nach Bremen war indeß vollendet und Hellung hatte einen Ruf nach seiner Heimat in die Direction der Leipzig-Dresdener Eisenbahn erhalten und angenommen. Er drang nun auf Hochzeit, welche Frau Claasing unter allerlei Vorwänden hinausgeschoben hatte. Auch gegenwärtig fehlte es an einem solchen Vorwande nicht. Ehe die Liquidation wegen Eckernhausen zu Ende wäre, ehe man wüßte, ob man an Hans Dummeier herauszuzahlen oder für Meliorationen von ihm zu empfangen habe, ließe sich das väterliche Vermögen nicht vollständig ermitteln; Frau Claasing, die sich höchst ungern vom Gelde trennte, wünschte die Hochzeit bis zu völliger Abwickelung des Processes hinausgeschoben. Nun kam unser Freund aus Dresden auf den alten Plan Bruno's zurück, den Streit auf die Weise zu beendigen, daß Claasings den Hof in Eckernhausen, an den man sich einmal gewöhnt, den man als Stammsitz der Familie betrachtete, behalten sollten, während Dummeier's Ansprüche mit Gelde abgefunden würden. Er wußte die künftige Schwiegermutter mit Schlauheit dahin zu bringen, daß sie sich entschloß, incognito – sie galt als seine Tante – die Wüstenei zu besuchen. Der Eindruck, den diese Anlage auf sie machte, war überwältigend, und sie griff den Gedanken Hellung's, die alte Familienfehde durch eine Verheiratung der Tochter Auguste mit Hans zu beseitigen, mit Lebhaftigkeit auf. Dieser Plan wurde noch durch einen besondern Umstand begünstigt.

Johann Karl Claasing war durch Schlottheim zu den Leidenschaften, zu denen er schon von Natur hinneigte, zur Liederlichkeit, Schwelgerei und Verschwendung noch mehr verführt, er hatte beträchtliche Summen bei Meyer Itzig aufgenommen, noch größere schuldete er an Schlottheim auf Ehrenwort, die er in Sechsundsechzig, Piquet und Würfelspiel verloren. Dafür hatte er Wechsel ausgestellt, gleichfalls nach seiner Volljährigkeit, die im Januar 1848 eintrat, datirt. Der Graf aber hatte, nachdem seine Bewerbungen um Minna Claasing vergeblich gewesen, seine Augen auf Auguste geworfen und um deren Bruder zu gewinnen, diesem versprochen, er werde an dem Tage, da er sich mit seiner Schwester verlobe, alle Handscheine und Wechsel desselben zerreißen. Johann Karl zog deshalb den gräflichen Freund in sein Haus; dieser bewies der jüngern Schwester Artigkeiten, die ihr, wider sein Erwarten, misfielen. Sie fürchtete sich vor ihm und wich ihm aus, auch der Mutter war er nicht der rechte Mann; so schaffte sich der Plan des Ingenieurs, Dummeier mit Auguste zu verheirathen, in ihrem Kopfe Bahn, und nachdem man die jungen Leute zusammengebracht, fanden dieselben Gefallen aneinander. Die Hochzeit Hellung's und die Verlobung Augustes wurden an Einem Tage gefeiert, und bei dieser Gelegenheit söhnte sich Frau Claasing mit unserm Freunde Bruno, der die Erbauseinandersetzung geleitet hatte, wieder aus. Sie hatte es schon bei Minna's Verlobung zur Bedingung gemacht, daß diese und ihr Mann auf die mütterliche Erbschaft verzichteten, auch Auguste und der Bräutigam mußten einen gleichen Verzicht unterschreiben. Die Alte wollte über ihren Tod hinaus die Macht haben, mit ihrem Gelde zu schalten, wie es ihr beliebe, sie wollte nicht einmal durch das Gesetz, welches sie zwang, ihren Kindern wenigstens einen Pflichttheil zu hinterlassen, gebunden sein.

Die Verlobung Auguste's mußte ihr Bruder entgelten, Schlottheim rupfte ihn soviel er konnte, und der Schwache war eine Puppe in der Hand des Erfahrenen.

In Heustedt selbst hatte sich inzwischen manches verändert, es war sogar an diesem loyalen Orte der Geist der Opposition rege geworden und selbst bis in die Spitzen der Gesellschaft gestiegen, welche das Thun und Lassen der Regierung und des Königs kritisirten. Auf dem Herrenclub waren die von der Regierung unterstützten Blätter beseitigt worden, dafür wurde die »Deutsche Zeitung« von Gervinus, die »Bremer Zeitung« und die neugegründete »Weser-Zeitung« gehalten, man hatte jetzt täglich dreimal Postverbindung mit dem Bahnhofe und war der Welt um ein Bedeutendes näher gerückt, in zwei Stunden konnte man in Bremen, in drei Stunden in Hannover sein, und ein Telegraphendraht vermittelte den geistigen Austausch schon mit halb Europa.

Daß man auch im Lande Hannover vorgeschritten war, bewies der Umstand, daß die Adelskammer sich herbeigelassen hatte, den aus Zweiter Kammer gekommenen Antrag auf Oeffentlichkeit der ständischen Verhandlungen anzunehmen und vor den Thron zu bringen.

Ernst August jedoch, der von einem konstitutionellen Hannover nichts wissen wollte, antwortete: Oeffentlichkeit passe nicht für Landstände, sie diene nur dazu, achtbare Stellungen und Persönlichkeiten böswillig herabzuwürdigen, unerreichbare Wünsche zu wecken, den Samen der Unruhe und Unzufriedenheit mit dem Bestehenden im Volke auszustreuen, die Masse aufzuregen und zu verblenden.

»Wir haben daher, in gewissenhafter Erwägung«, rescribirte er am 21. April 1847, »der uns obliegenden landesväterlichen Pflichten, unabänderlich beschlossen, eine Oeffentlichkeit der Sitzungen der Kammern unserer getreuen Landstände niemals zu gewähren.«

Das war das zweite Niemals, das dem bittenden deutschen Volke von Thronen in diesem Jahre entgegengeschleudert wurde: an der Spree sollte sich niemals ein Blatt Papier zwischen König und Volk stellen, an der Leine sollte man niemals Oeffentlichkeit der ständischen Verhandlungen haben.

Der Hannoveraner antwortete darauf am 2. December mit durchweg oppositionellen Wahlen. Unter den Gewählten befand sich auch Bruno Baumann.

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