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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 71
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Viertes Kapitel.
Inquirent und Anwalt. Rehabilitation eines Verstoßenen.

Als Bruno in das Haus trat, kam ihm die Witwe des zu Tode Gequälten in Trauerkleidern entgegen; der Vogt stellte den Doctor vor, und dieser sich als Vormund ihres Sohnes, der vom Gericht den Auftrag habe, ein Inventar über das Vermögen ihres verstorbenen Mannes aufzunehmen.

»Alles, was Sie hier sehen, ist Eigenthum meines guten, unglücklichen Vaters«, erklärte die Witwe. »Mein Mann, Gott sei seiner Seele gnädiger, als die bösen Menschen es waren, besaß nichts als ein Kapital, welches mein Vater für ihn ausgeliehen, und zu seinem Unglück einen Weserbock, bei dessen Verkauf er ungerecht verhaftet und unmenschlich tractirt ist. Ich will Ihnen die reine Wahrheit sagen. Mein Mann hatte in französischer Zeit einen Bock erworben und damit Schmuggel getrieben; derselbe war aber lange Jahre an den Schiffer Kleemeier in Inschede verpachtet. Als das Schiff vor zehn Jahren abgängig wurde, sind die brauchbaren Theile zum Neubau verwandt worden, denn das Schiff rentirte gut, obgleich der Schmuggel ziemlich aufgehört hatte. Seit einigen Jahren aber, wo Thedinghausen wieder von Hannover getrennt ist, soll der Schmuggel wieder stärker im Schwinge sein, Kleemeier hat mindestens seine Pacht in den drei letzten Jahren nicht mit Gelde, sondern nur mit Kaffee, Zucker und Wein abbezahlt. Diese Sachen mußten wir bei Hengstenberg abnehmen. Das ist die einzige unerlaubte Handlung, die sich mein Mann in den zweiundzwanzig Jahren, die ich mit ihm verheirathet bin, hat zu Schulden kommen lassen.

»Mein Vater hat sich nie an fremdem Eigenthum vergriffen, nie eines Spendelknopfes Werth sich unerlaubt angeeignet; er ist mit Unrecht bestraft, jetzt ohne Grund und Recht verhaftet. Mein Vater ist jetzt sechsundsiebzig Jahre alt und hat seit zehn Jahren die Wüstenei kaum mehr verlassen, und sich, da mein Mann die Wirtschaftsführung versah, beinahe lediglich mit seinem Bienenzaune und seinem Enkel abgegeben.

»Wir leiden keine Noth, wir sind wohlhabend, sogar reich, wir haben selbst viele Schafe, daß es Unsinn wäre, Schafe zu stehlen oder andere Dinge. Und doch sind die Gensdarmen gekommen und haben Haus und Hof umgewühlt und nach gestohlenen Sachen gesucht. Selbst den ganzen Düngerhaufen und die Plaggen haben die Knechte von einem Orte zum andern bringen müssen. Man hat nichts gefunden, und dennoch hat man meinen sechsundsiebzigjährigen Vater nach Heustedt ins Gefängniß geschleppt, wo man meinen Mann ermordet. Ja ermordet, denn meinen Jochen so weit zu bringen, Hand an sich zu legen, dazu muß ihm sehr Schweres angethan sein. Wenn Sie, Herr Doctor, etwas für mich und meinen Sohn thun wollen, so müssen Sie vor allem meinem Vater die Freiheit schaffen, denn mein Sohn, Ihr Mündel, ist seit der Verhaftung seines Großvaters außer sich.«

Ein Knecht ward nach Hans geschickt, der bei dem Bienenzaune beschäftigt war, um ihn dem Vormunde vorzustellen. Hans war ein kräftiger, gescheit aussehender Bursche, der sich von den gewöhnlichen Bauern jener Gegend schon dadurch unterschied, daß er nicht in Holzpantoffeln einherwankte, sondern eine wildlederne enge Hose in hohe Stiefeln gesteckt hatte, und daß ihm die Pelzmütze ganz burschikos und baretähnlich auf dem stark gelockten Haupte saß. Der Anflug von einem Schnurrbarte kleidete ihn gut. Er hatte die breite eiserne Stirn des Großvaters, dessen graue, helle Verstandesaugen, breite Brust und Schultern.

Frau Dummeier deckte, während Vormund und Mündel sich unterhielten, den Tisch zum Frühstück. Baumann war mit seinem Mündel in geistiger Beziehung noch besser zufrieden als mit seiner äußern Erscheinung. Man sah, der Privatunterricht bei dem Pastor in Grünfelde (der nun schon einige Jahre todt war) hatte gute Früchte getragen; Hans las auch politische Zeitungen und kannte alle Leute, die sich im Kampfe für das Staatsgrundgesetz ausgezeichnet hatten, auch Baumann kannte er, was diesem natürlich schmeichelte.

Beim gemüthlichen Frühstück erkundigte sich der Vormund bei Mutter und Sohn, ob noch Actenstücke in Bezug auf den alten Proceß wegen des Dummeier'schen Hofes in Eckernhausen vorhanden seien. Hans wußte kaum etwas von diesem Processe, das sei die Sache der Großmutter gewesen, sein Vater habe sich niemals große Hoffnungen gemacht, den Proceß zu gewinnen, und auch er hoffe von einer Wiederaufnahme nichts, da über die Dinge schon zu viel Gras gewachsen sei.

»Verjährt ist aber nichts«, sagte der Advocat, »die Verjährung ist durch den Proceß unterbrochen, und seit Zurückweisung der Klage in angebrachter Maße sind keine vierzig Jahre verflossen. Die Ansichten der Juristen haben sich sehr geändert, während man früher alles Recht des Meiers aus der Bemeierung herleitete und ein Meierbrief wirklich geschehenes Unrecht deckte, legt man jetzt auf die Bemeierung nur unbedeutenden Werth; es wird daher auf das, was die Gräfin Melusine gethan, weniger ankommen, als darauf, ob Hans, der Großvater, seine Tochter Anna dem Sohne zweiter Ehe vorziehen durfte. Ich bin durch einen glücklichen Zufall im Besitze der Manualacten und will die Sache einmal gründlich prüfen und mit der Obervormundschaft berathen.«

»Ach lassen Sie das, Herr Doctor, unser Hans hat an der Wüstenei genug«, sagte Frau Dummeier.

Baumann versprach, daß sein erster Schritt bei der Nachhausekunft sein solle, womöglich die Freilassung des Großvaters zu erwirken.

Auf dem Rückwege sprach Kuhnhard ein langes und breites zu dem Lobe der Wirthschaft auf der Wüstenei. »Aber glauben Sie mir, Herr Doctor, daß es möglich gewesen ist, den Herrn Drosten ein einziges mal zu bewegen, hierher zu kommen und die Wüstenei mit eigenen Augen anzusehen? oder nur möglich, die Herren Beamten zu überzeugen, daß Meyer weder ein Schafdieb, noch die Wüstenei eine Diebesherberge und Hehlort gestohlener Sachen sei? Der Drost muß oft durch diese Heide fahren, wenn er nach der neuen von der Regierung angelegten Colonie Affenrade will, aber der fährt immer eine halbe Stunde um, lediglich um nur ›das Raubnest‹, wie er die Wüstenei nennt, nicht zu sehen. Da hilft mir schon seit Jahren alles Reden nichts, der Meyer ist und bleibt ein Schafdieb, und die Wüstenei ist Wüstenei.«

»Es heißt ja sonst aber«, erwiderte Baumann, »die Herren am Regimentstische sehen alles nur durch die Brillen der reitenden Vögte und glauben alles, was diese sagten?«

»Das mag die Regel sein«, lachte der Vogt, »hat sich aber so ein Studirter erst selbst einmal eine Idee gebildet, wie der Herr Drost sagt, so bringt ihn der Teufel selbst nicht wieder davon ab.«

»Haben Sie etwas in Erfahrung gebracht, was mit dem Criminalassessor wird?« fragte Baumann.

»Wie?« erwiderte dieser, »wissen Sie noch nicht, es ist ja gestern schon ans Amt gekommen. Er ist, weil er sich in anerkennungswerthem Diensteifer zu weit hat hinreißen lassen, auf ein halbes Jahr suspendirt und nach Muffrika auf eine Strafstelle gesetzt.«

Baumann fluchte, ihm war die Strafe zu gelinde.

»Und doch«, äußerte der Vogt, »ist der Mann mehr zu bedauern als zu verdammen; den werden die Menschen arg gepeinigt haben, ehe er so heruntergekommen und an Geist und Körper zerrüttet worden ist.

»Ich kenne nur einen kleinen Theil seiner Lebensschicksale, aber genug, um mir den Zusammenhang zu denken. Sehen Sie, als der Assessor vor neun oder zehn Jahren hierher versetzt wurde, da war er der lebenslustigste, fleißigste, tüchtigste Beamte, er war die Seele der Gesellschaft, der Leiter aller Vergnügungen und Ausflüge, der Liebling der Damen. Eine Nacht durchtanzen, die zweite durcharbeiten, das war ihm gleich, er nahm seinen Collegen jede schwierige Arbeit ab, denn Arbeit war sein Leben. Der selige Oberhauptmann von ** hatte ihn deshalb sehr lieb und lobte ihn bei Landdrostei und Ministerium.

»Zum Unglück für den Assessor starb dieser sein Gönner, und an die Stelle desselben kam der jetzige Drost, der dem Assessor von Anfang an feindlich entgegentrat. Der Vater des Assessors, der damals, glaube ich, noch lebte, war nämlich Syndikus in W. und als solcher zum Mitglied der Zweiten Kammer gewählt, wo er sich zu den extrem Liberalen, dem Dr. Christiani und andern hielt und dem Drosten, der in der Ersten Kammer saß, mancherlei Aerger bereitet haben soll, da er ihn zum Zielpunkte seiner Witze machte. Der Drost, der flüchtigste Arbeiter, den es geben kann, hatte jetzt bei allen Arbeiten des Assessors etwas zu erinnern; das war ihm ungenau, das zu weitläufig, namentlich soll er in der Supplicationsinstanz immer dahin gearbeitet haben, daß die Erkenntnisse des Assessors abgeändert wurden. Das focht den Assessor nichts an, er war und blieb der Mittelpunkt des Herrenclubs und Damencasinos.

»Da wurde er zum dritten Beamten ernannt. Ich war zufällig gegenwärtig, als er das Schreiben mit seiner Ernennung empfing. ›Lieber Kuhnhard‹, sagte er zu mir, ›was bin ich glücklich, nun kann ich mein Liebchen heirathen.‹ – ›Ich weiß ja gar nicht, daß Sie verlobt sind, Herr Assessor, ich gratulire auch, darf ich wissen, wer die Glückliche ist?‹

»›Ich bin seit meiner Studentenzeit verlobt‹, sagte er, ›meine Braut wohnt in Göttingen.‹

»Wenige Tage darauf verkündeten die ›Hannoverischen Anzeigen‹ und Visitenkarten das Verlöbniß, das schon zehn Jahre bestanden hatte. Da fing man in Heustedt denn an die Köpfe zusammenzustecken, da wurde geforscht und gefragt, welches Standes und welcher Abkunft die Braut sei. Wie oft bin ich selbst gefragt worden. Endlich hieß es, es sei eine Schusterstochter, mit der sich der Assessor als Student ›verplempert‹.

»Es waren damals gerade viele heiratsfähige Damen in der Gesellschaft, und mehr als eine mochte sich wol Hoffnung gemacht haben, den immer lustigen Assessor zu erobern. Jetzt trat eine Erkältung ein zwischen den Damen und dem Assessor, man zog den Wasserbauinspector, der damals noch Conducteur war, heran, wenn man eine Schlittenpartie, einen Extraball und dergleichen vom Stapel lassen wollte.

»Die Gratulationen waren kühl, und wie der Assessor herausfühlte, zum Theil spöttisch; man fragte nach den ›werthen Aeltern‹ der Braut und dergleichen. Hinter dem Rücken des Assessors war aber eine förmliche Verschwörung errichtet. Die Frauen und Töchter der Collegen scheuten sich nicht, in Gegenwart der Dienstboten zu äußern: der Herr Assessor solle es nur wagen, die Schusterstochter in die Gesellschaft einführen zu wollen, da solle er etwas erleben. Am schlimmsten waren die Frau Drostin und ihre fünf Töchter. O! ich habe damals einen tiefen Blick in das Getreibe der Gesellschaft gethan! Die Braut hätte ein Engel von Schönheit und Tugend sein können, sie war eine Schusterstochter, das war genug, sie im voraus zu verurtheilen.

»Genug, als nach den Gerichtsferien die junge Frau ankam – sie mußte in ihrer Jugend sehr schön gewesen sein, war aber im langen Brautstande etwas gealtert – und der Assessor mit ihr Besuche machte, wurde das junge Ehepaar beinahe von niemand angenommen. Nur Herr von Vogelsang und seine Frau, der Superintendent, der Pastor, einige Kaufleute und Ihr College Bardeleben machten eine Ausnahme, wie die bürgerlichen Clubmitglieder. Noch schlimmer war es aber, als der erste Casinoball stattfinden sollte, alle Familien hatten unterschrieben, die Beamten hatten aber conspirirt, daß, sobald der Assessor gleichfalls unterschriebe, sie fortbleiben wollten.

»Alle diejenigen Leute, die man für zu gutmüthig oder für untergeordnet genug hielt, mit einer Schuhmacherstochter auf einen Ball zu gehen, waren in das Complot nicht eingeweiht. Der Ballabend kam, zehn bis zwanzig Familien erschienen, die Musik war von auswärts gekommen, man tanzte zwar, soupirte und wurde zuletzt ausgelassen lustig. Keiner der Collegen des Assessors war gegenwärtig, er ahnte, was geschehen war, und der Assessor sann auf Rache.«

Baumann wußte nicht, daß man in Heustedt dasselbe Manöver schon mit seiner Urgroßmutter, der schönen Mainzerin, beabsichtigt, dann bei seiner Großmutter, der Frau Oskar Baumgarten's, in Scene gesetzt, daß ohne diese Dinge sein Vater schwerlich je die Tochter des Oberförsters gesehen und geheiratet haben würde, er selbst also nicht das Licht der Welt erblickt hätte, sonst würde er mit dem Assessor noch mehr Mitleid empfunden haben, als er schon empfand.

»Die Herren im Club«, fuhr der Vogt in seiner Erzählung fort, »spielten bei jedem sogenannten Mondscheinessen, zu welchem viele Mitglieder aus der Nachbarschaft kamen, Hazard, regelmäßig Pharao, die Bank wechselte zwischen drei oder vier Herren. Der Assessor hatte dem Spiele oft zugeschaut, sich aber nie betheiligt. Als nun nach einem solchen Mondscheinessen, wobei stark getrunken war, der Herr Drost Bank auflegte, betheiligte sich auch unser Assessor. Nach Beendigung einer Taille, als der Drost die Karten zusammennimmt und von neuem zu mischen beginnen will, legt jener seine Hand auf die Karten – ›Mit Erlaubniß, Herr Drost – mit Erlaubniß, meine Herren‹, sagte er, ›die Karten sind gezeichnet!‹ Er hält die Karten, die er gefaßt hat, vor das Licht, und siehe, jede derselben ist in verschiedener Weise durch Nadelstiche durchbohrt, sodaß man auf der Rückseite durch das Gefühl den Werth der Karte errathen kann.

»Da entsteht natürlich großer Lärm – es wird von falschem Spiel und Volteschlagen gesprochen, einige der Mitspieler, die den Drosten seit lange im Verdacht des falschen Spiels gehabt, werden sehr laut. Dieser behauptet natürlich, es sei ihm unbekannt, daß die Karten gezeichnet seien, der Wirth habe die Karten als neu geliefert, da liege noch der Umschlag, da seien noch vier uneröffnete Kartenspiele. Der herbeigerufene Hochmeier wird verwirrt, er behauptet freilich, das seien seine Karten nicht, er habe überhaupt nur vier neue Spiele geliefert – genug die Sache bleibt unaufgeklärt.

»Der Assessor soll nun um seine Versetzung angehalten und es dadurch motivirt haben, es thue ihm leid, daß er die unschuldige Veranlassung gewesen sei, zu entdecken, daß Herr Drost von G. mit gekennzeichneten, nur durch ein unerklärliches Ungefähr in seine Hände gerathenen Karten abgeschlagen habe, unmöglich aber könne ein längeres collegialisches Zusammensein ersprießlich sein.

»Nach diesen Vorfällen wurde der Assessor nach Ostfriesland versetzt, an die Meeresküste in eine kleine Stadt, in der er mit Mühe und Noth eine enge, ungesunde, feuchte Wohnung fand. Seine Frau hat das Fieber bekommen, Umschlag gehabt, den Rest ihrer Schönheit verloren, der Assessor hat sich das Trinken angewöhnt, das die Küstenbewohner des Klimas wegen schon gewohnt sind.

»Seine Bitten um Versetzung sind unberücksichtigt geblieben, bis der neue König ins Land kam. Da hat man ihn in den Solling geschickt, um die Untersuchung in jenem Riesenprocesse zu führen, wo es sich um die Ermordung zweier königlichen Jäger und um mehrere Hunderte einzelner Verbrechen, Wilddiebstahl und dergleichen handelte. Beinahe sämmtliche Einwohner des Dorfes Sievershausen waren bei der Wilddieberei betheiligt, und es mußten, wie Sie, Herr Doctor, wissen werden, Ausnahmsmaßregeln ergriffen werden.

»Diese Riesenuntersuchung gegen mehr als hundert Beschuldigte, die in vier bis fünf verschiedenen Aemtern verhaftet waren, hat der Assessor mit dem größten Fleiße, mit Umsicht und Talent geführt, allein er hat sich dabei überarbeitet, sich angewöhnt, des Nachts zu inquiriren und durch spirituöse Getränke sich munter zu halten. Daher stammt sein Ruf als Criminalist, und Ernst August hat ihn auch durch den Guelfenorden belohnt.

»In der Einsamkeit des Sollings hat sich das Verhältniß zu seiner Ehefrau immer schlechter gestaltet, – die Geister haben schon bei der Hochzeit nicht mehr harmonirt, er hat davon gesprochen, daß er um ihretwillen die heustedter Schmach erduldet; ein Kind, das als geliebtes Bindemittel zwischen den Aeltern stand, ist gestorben. Der Assessor hat sich während jahrelanger Untersuchung unter einer durch und durch verwilderten Menschenrasse einen nicht nur harten und rauhen Ton gegen jeden Inquisiten angewöhnt, sondern ist Menschenfeind geworden und läßt seine Wuth an den armen Inquisiten aus, die in seine Hände fallen. In das Wendland, an die Elbe versetzt, scheinen die Zwistigkeiten mit der Frau sich durch Einmischung eines Geistlichen noch verstärkt zu haben; mindestens hat der Pastor dort die Gesellschaft gegen den völlig unfrommen, unkirchlichen Mann aufgewiegelt und allerlei Beschwerden wider ihn in Celle eingerührt.

»Ich weiß dies alles aus Andeutungen, die er mir machte, als er jüngst wieder hierher kam; der starke Mann weinte, als er mich wiedersah. ›Ach! Kuhnhard‹, sagte er, ›wie glücklich war ich vor nenn Jahren, als ich das Gehalt bekam, das mir gestattete, zu heirathen, und welch elender, erbärmlicher Mensch bin ich jetzt.‹«

Man war in Kirnberg angekommen, und Baumann hatte wiederum ein Beispiel erhalten, das ihn über den Satz von der menschlichen Willensfreiheit, den er in seiner »Philosophie der Geschichte« aufgestellt hatte, neue Fragen aufwerfen ließ. Hing in diesem Erdenleben nicht das meiste von dem ab, was man »Umstände« nannte? War die Lebensanschauung derer so unrecht, die große weltgeschichtliche Ereignisse kleinen Ursachen zuschrieben, einen europäischen Krieg z. B. einem Glase Wasser? Und doch hatte er in sich selbst ein zu starkes Selbstgefühl der Freiheit, um solchen trüben Zweifelsfragen lange nachzuhängen.

Zu Hause angekommen, fand der Doctor ein Billet der Frau Hirschsohn, welche ihn für den Abend zum Thee einlud. Es sei ein Packet literarischer Neuigkeiten angekommen, auch erwarte ihn eine andere Ueberraschung.

Außerdem fand er einen Brief von Detmold, mit dem er fortdauernde Correspondenz unterhielt. Dieser schrieb: »Lieber Freund! Welche Tollheit muß ich von Ihnen hören? Wenn unser Heldenmuth darin bestände, daß wir uns mit jedem Fähnrich oder Major einer in der Zeitung gethanen Aeußerung wegen schießen wollten, so würde es leicht sein, alle misliebigen Literaten, Dichter, Advocaten todtschießen zu lassen. Die Sache hat einen guten Verlauf genommen, und man gönnt hier allgemein dem Major, daß er flügellahm geschossen ist. Er wird indeß befördert werden und zukünftig statt des Sabuls die Feder führen müssen, ich höre, heut ist er als Militärbevollmächtigter Hannovers nach Frankfurt bestimmt. Glück zu!«

Nach einigen Mittheilungen über Politik war in dem Briefe eine Aeußerung, die Baumann sehr misstimmte. Es hieß: »Sie thun viel besser, die Bekanntschaft Ihrer Cousine Claasing zu cultiviren, ein solcher Goldfisch kann in unsern Tagen allein einen jungen Advocaten auf die Beine bringen, denn ohne unabhängige äußere Stellung sollte man davonbleiben, praktischer Politiker werden zu wollen. Sie werden denn doch Ihr Leben lang nicht Journalist bleiben mögen?«

Baumann, der Idealist, der an einer »Philosophie der Geschichte« arbeitete, war empört über diese realistische Andeutung des »kleinen Scheusals«. Bruno, voll Unabhängigkeitsgefühl, der sich erst glücklich gefühlt, als er die Unterstützung des Onkels ablehnen konnte, den sogar die Hülfe, welche Hermann ihm aus seinem Nationalfonds gewährt, gedrückt hatte, der stolz darauf war, neben den beiden Onkels in Hannover und Wien ein Drittel zu den Studienkosten seines jüngsten Bruders beitragen zu können, er sollte des schnöden Goldes willen eine Frau nehmen, um mit deren Gelde eine feste politische Stellung zu erlangen?

Auguste Claasing hatte auf ihn einen sehr guten Eindruck gemacht, sie war ein verständiges Mädchen, hatte nicht die Prätensionen der Stadtdamen, hatte Bildung, ohne damit glänzen zu wollen, war schön und gut. Vielleicht hatte er sich in dem Briefe an Detmold, der das erste Begegnen mit der Cousine schilderte, zu warm ausgesprochen, und war so selbst schuld an dessen Auffassung.

Als er am Abend nach dem Hause Meier Hirschsohn ging, fand er dort die ganze erste Etage hell erleuchtet. Unten stand Samuel, der Kutscher, Bedienten und Hausknecht in Einer Person spielte, in Galalivree, nahm das Ueberzeug in Empfang und bat den Herrn Doctor, sich hinaufzubemühen zu den Damen. Die obern Räume bestanden, soweit sie zu gesellschaftlichen Zwecken benutzt wurden, aus einem geräumigen Entréezimmer, rechts einem Salon, links dem sogenannten Gesellschaftszimmer, nebst einem kleinen Boudoir mit bis zur Erde reichendem Trumeau, damit die Damen ihre Toilette übersehen und nachbessern könnten. Bruno war bisher nur in den Familienzimmern zu ebener Erde, dem Comptoir gegenüber, empfangen, die wohnlich eingerichtet waren. Heute sollte er wahrscheinlich die Pracht und Herrlichkeit des Reichthums sehen. Schon im Entréezimmer brannte ein Kronleuchter, und auf dem Tische standen silberne Armleuchter. Frau Hirschsohn kam ihm in diesem Zimmer entgegen, faßte freundlich seine beiden Hände und sagte, ihn der Salonthür zuziehend:

»Lieber Doctor, Sie müssen mir einen Gefallen thun und mir bei einer kleinen Verschwörung gegen meinen Mann helfen. Mein Cousin, der Doctor Behrend aus Frankfurt, ist zum Besuch gekommen. Er hat meiner Stieftochter im vorigen Herbste in Norderney zu tief in die Augen gesehen. Paulinchen stellt sich freilich etwas spröde, allein ich weiß, sie nimmt den Doctor Behrend schließlich lieber als David Cohn aus Hannover, den Wollhändler, oder Joseph Jakobsohn in Bückeburg, den Hofagenten, zwischen denen der Papa noch schwankt, denn sie weiß Bildung zu schätzen. Aber der Papa! da steckt der Knoten, der weiß nur Geld zu schätzen, und mein Cousin ist arm, er hat aber als Redacteur ein gutes Gehalt, und mit dem Vermögen von Paulinens Mutter würde er können machen ein großes, feines Haus in der Stadt am Main. Mein Mann hat unten seine Spielpartie, wir werden hinterher soupiren. Wenn Sie bei dieser Gelegenheit die große Bedeutung der Journalistik, von der mein Mann nicht den entferntesten Begriff hat, hervorheben wollen, überhaupt dem Doctor Behrend Gelegenheit geben, daß er aus sich herausgeht, sich ausspricht – mein Cousin ist sehr gescheit, er weiß über alles zu sprechen und zu schreiben – so thun Sie mir einen Gefallen. Ich bin Ihnen gut, Herr Doctor, und meine es sehr gut mit Ihnen, wie Sie heute schon sehen werden. Zum Dank sollen Sie eine schöne junge Dame, die sich, merken Sie wohl! sehr für Sie interessirt, zu Tisch führen. Nun aber kommen Sie, man wartet schon auf uns.«

Im Gesellschaftszimmer, das äußerst geschmackvoll eingerichtet war, fand er außer der Familie und dem Dr. Behrend, den man ihm vorstellte, Auguste Claasing.

Cousine Auguste reichte ihm die Hand und dankte ihm, daß er durch seine Fürsprache bei der Mutter bewirkt habe, daß sie in dieser liebenswürdigen Familie ein Unterkommen gefunden. »Bei dem Pastor oder gar bei dem Superintendenten würde ich es keine vier Wochen ausgehalten haben«, sagte sie, »hier werde ich es hoffentlich aushalten, bis Mama des Studirens in Göttingen überdrüßig ist.«

Frau Bettina lenkte das Gespräch sofort auf die literarischen Neuigkeiten, die auf einem besondern Tische ausgebreitet lagen, und ersuchte den Cousin, etwas vorzulesen. Dieser wählte Prutz' »Moritz von Sachsen«. Das rhythmische Pathos der auf die Neuzeit so anspielungsreichen Tragödie gewährte seinem Vortrage eine herrliche Folie. Behrend war nicht hübsch, ein stark orientalisch ausgeprägtes Gesicht, mit geistreicher Stirn freilich und schönen Augen, aber ein Kopf voll schwarzen negerhaften Wollhaars, ein großer genußsüchtiger Mund mit dicken Lippen; wenn er sich aber wie heute in Begeisterung las, vergaß man das, dann war der Cousin wirklich schön, das Geistige in ihm überwog das Sinnliche, das Auge strahlte voll Glanz, die Lippen zogen sich zusammen, der Jude war verschwunden. Aehnliches schien auch Paulinchen zu fühlen, sie ließ, während der Cousin der Mutter vorlas, den Blick kaum von ihm ab, und wenn sie dies that, ließ sie den Kopf sinken und streifte mit sehnsüchtigen Augen nach Bruno hinüber, gleichsam als vergleiche sie beide.

Sidonie hatte eine reizende Toilette gemacht, ihr Gesicht, das jugendlich rosige, mit den glühenden Augen, war von braunschwarzen Locken umwallt, in denen eine weiße Camellie glänzte. Ein dunkles seidenes Kleid, nach altdeutscher Art ausgeschnitten, ließ einen untadelhaften weißen Hals sehen, der auf gleiche Büste hindeutete.

Sie ließ Auguste Claasing und Baumann nicht aus den Augen und bewachte mit spöttischem Blicke die ältere Schwester, wenn diese, wie bei ergreifenden Stellen mehrmals geschah, tief aufseufzte oder gar mit dem Battisttuche nach den thränenumschleierten Augen fuhr.

Als Dr. Behrend den ersten Act beendet hatte und nun eine Kunst- und Unterhaltungspause eintrat, spendete Frau Bettina alles Lob dem Vortrage des Cousins, dieser lehnte bescheiden ab und vindicirte dasselbe der schönen, kräftigen Sprache des Dichters, die er mit Lessing's Rede verglich. Man besprach »Karl von Bourbon« desselben Verfassers.

Indeß ließ der Herr des Hauses durch Samuel heraufsagen, der Robber sei beendet, ob die Herren erscheinen dürften?

Die Hausfrau befahl, daß das Souper angerichtet werde, der gräflich Schlottheim'sche Rentmeister, der Rector und Steuereinnehmer erschienen im Entréezimmer, und der Cousin Behrend wurde ihnen vorgestellt. Bettina hatte die Plätze bei Tisch arrangirt, Baumann mußte Auguste Claasing führen und saß noch neben dem Herrn des Hauses, die Frau des Hauses setzte sich gegenüber und nahm den Rentmeister auf die eine, den Einnehmer auf die andere Seite, der Cousin führte Pauline, der Rector Sidonie. Der Tisch war mit Silber, Krystall und Lichtern beinahe überladen. Das Essen war dem Reichthume des Wirths angemessen, der Weinkeller vorzüglich, Hirschsohn in bester Laune, denn er hatte, was ihm selten begegnete, im Spiel gewonnen. Bettina referirte natürlich zuerst über den kostbaren Vortrag des Herrn Dr. Behrend, dann winkte sie Bruno mit den Augen zu. Dieser fragte nun den Doctor über die Stellung der verschiedenen deutschen Börsen in Frankfurt und Wien, Hamburg und Berlin zueinander, und ihre Beziehungen und Abhängigkeit von den Börsen zu London, Paris und Amsterdam. Behrend erörterte das Thema so klar und mit solchen selbst für den Fragenden durchaus neuen Gesichtspunkten, daß Hirschsohn seine Kauapparate ruhen hieß, ein Wunder, das Bettina, solange sie mit demselben verheirathet war, noch nicht erlebt hatte. Der Bankier kaute nämlich eigentlich den ganzen Tag, wenn er nicht etwa rauchte; er hatte in den Taschen seines türkischen Schlafrocks beständig Chocolade, Bonbons, Macaronen und anderes Backwerk, das er selbst während der Comptoirzeit beständig in den Mund steckte und daran knusperte. Bettina hatte sich vergeblich bemüht, namentlich in den Flitterwochen, dem Gatten dieses »Mummeln« abzugewöhnen, sie, welche ihren Mann und seine Gewohnheiten genau kannte, nickte dem Hausfreunde vergnügt zu, sie sah, daß sich der Cousin in Respect zu setzen gewußt hatte, und gab durch ihre Augen zu verstehen, daß Bruno von neuem unterheizen möge. Dieser fragte, ob Dr. Behrend den jungen Rothschild kenne, der 1837 in Göttingen studirt habe, und den er bei der Begleitung der Vertriebenen in Witzenhausen gesehen zu haben sich erinnere. Der Redacteur hatte nicht die Ehre, den jungen Herrn Karl von Rothschild, der jetzt behufs weiterer Ausbildung nach Neapel gereist sei, zu kennen, aber er kannte einen der Oheime Rothschild's, welcher der Hauptbegründer der neuen Zeitung war, deren Redacteur er sei, und er habe die Ehre, jährlich mehrmals von demselben zum Diner geladen zu werden. Das erschloß ihm das Herz Hirschsohn's, der sich zum ersten mal mit einer Frage an ihn wendete und sich die Einrichtungen in Rothschild's Hause beschreiben ließ.

Nachdem die Neugierde des Wirths befriedigt war und seine Kauwerkzeuge sich wieder mit dem kalten Pudding zu thun machten, lenkte Baumann, indem er von den ungeheuern Erträgnissen einiger pariser und namentlich londoner Journale zu erzählen begann, das Gespräch auf die pecuniären Redactionserträge und den Ueberschuß des Journals. Dr. Behrend sagte: »Ich habe nur ein Gehalt von 3000 Gulden, denn ich bin zweiter Redacteur, ich habe aber das Recht, für 12000 Gulden Actien al pari zu bekommen, wovon ich noch keinen Gebrauch habe machen können, obgleich die Actien jetzt 1130 stehen und noch fortwährend steigen. Deficiente pecunia, wissen Sie, lieber College, deficiunt omnia. Mit dem Erwerbe dieser Actien würde ich die Aussicht zum ersten Redacteur gewinnen und zu einer Gehaltsverbesserung von 2000 Gulden, aber ich darf die zwölf Actien nicht veräußern, sie müssen bei dem Verwaltungsrathe deponirt werden.« Bettina nickte abermals nach dem geschickten Anwalt hinüber, dieser sah auf seinen Nachbar und merkte, wie dieser wiederum spannte.

Es kam nun Dessert und Champagner, man stieß gegenseitig mit den Gläsern an, obgleich sie nicht klangen, und trank allerlei Gesundheiten. Baumann erzählte, daß und in welcher Veranlassung er heute in der Wüstenei gewesen sei und zu seiner großen Verwunderung dort eine Oase, einen prächtigen Hof gefunden habe. Sich dann zu seiner Cousine, mit der er bis dahin wenig Gelegenheit zu reden gefunden hatte, wendend, sagte er: »Indeß ist eine unangenehme Seite bei dieser Vormundschaft, wahrscheinlich muß ich einen Proceß gegen Ihre Frau Mutter als Vormünderin ihrer Kinder wegen Herausgabe des Hofes in Eckernhausen beginnen.«

Auguste erblaßte und sagte: »Das wäre ein großes Unglück für mich!« – »Wieso«, fragte Bruno, »der Hof fällt ja dem Bruder als Anerben zu?« – »O! glauben Sie nicht des Geldes wegen, Herr Doctor«, sagte Auguste erröthend, und in Affect zugleich, »ich befürchte nur, daß die Mutter Ihnen dann sehr böse wird.«

Nun erröthete Bruno, besonders da Bettina ihm mit den Augen bedeutungsvoll zublinzelte.

Der Hausherr war gesättigt. »Betty«, sagte er, »präsentire den Herren eine Havana, du weißt, aus der Kiste im Bureau – und du, Sidonie, sing uns eine Arie.«

Bruno bemerkte erst jetzt, daß das Pianino von unten in den Salon gebracht war.

»Ist mir hier zu heiß, setzen wir uns ins Zimmer daneben«, sagte der Hausherr zu seinen Spielgenossen, »Samuel soll aus dem Keller eine Flasche Capwein holen; Pauline, besorge die kleinen Capweingläser!«

Bettina präsentirte indeß die Cigarren und flüsterte Baumann, der sich in eine Ecke des Salons zurückgezogen hatte, zu: »Doctorchen! Sie haben Ihre Sache vorzüglich gemacht, ich könnte Sie umarmen. Der Alte beißt an, haben Sie nicht gesehen, wie er Mund und Nase aufsperrte? Paulinchen beißt auch an und reißt sich Ihr Bild aus dem Herzen, aber Augustchen, das Goldfischlein, hat schon angebissen, gratulire!« Es war das für Baumann ein Stich ins Herz.

Sidonie aber, die sich an das Pianino gesetzt, und während die Mutter die Cigarren herumreichte, präludirte, hob, nachdem sie den Kopf herumgedreht und einen ihrer Glutblicke auf Baumann geschleudert hatte, zu singen an:

O wärest du mein eigen!

und als sie unter dem lebhaftesten Applaus des Vaters geendet, stand sie auf und ging zu Bruno, der mit einem Gesicht, als habe er Leibschmerzen, in seinem Winkel saß.

War die Mutter Bettina, so war Sidonie jetzt wirklich das Kind, sie wußte Bruno so süße Worte vorzuflüstern, daß sich die Falten von seiner Stirn verzogen und er sie von neuem zum Pianino führte, damit sie mit der Mutter, die Alt sang, eins jener schönen Mendelssohn'schen Duette singe, die damals, wie noch heute, die Welt entzückten.

Dr. Behrend unterhielt Pauline von den Annehmlichkeiten Frankfurts, vom Theater, den neuen Eisenbahnanlagen zur Verbindung mit Mainz, Wiesbaden und dem Rhein, sprach von Musikfesten und dergleichen. Man saß bis in die tiefe Nacht zusammen.

Baumann legte sich, zu Hause gekommen, nicht eher schlafen, als bis er eine Vertheidigung pro avertenda inquisitione für Schafmeyer fertig hatte. Acten konnte er nicht einsehen, allein er deducirte aus dem, was derselbe in der Wüstenei geschaffen, daß er weder Dieb noch Diebeshehler sein könne. Er hätte sich diese Mühe ersparen können; der neue Inquirent hatte sich die Mühe gegeben, einmal sämmtliche Hülfsacten, die sich bei der neuen Acte fanden, gründlich durchzulesen, und da hatte sich denn gefunden, daß schon vor mehr als zwanzig Jahren ein im Kalkberge zu Lüneburg verstorbener Sträfling sich dazu bekannt, den Diebstahlsversuch bei dem Major in Moorburg gemacht zu haben, und auch der Jude, der ihm den Meerschaumkopf verkauft, war bei späterer Gelegenheit des Diebstahls bei Claasing geständig geworden.

Meyer also war zweimal unschuldig bestraft, das Indicium, daß er ein Mann sei, dem man wol einen Diebstahl oder Diebeshehlerei zutrauen könne, hatte keinen Grund, und so fiel denn aller Verdacht, auf den die neue Untersuchung aufgebaut war, zusammen; er wurde entlassen, ehe die Vertheidigung abgeschrieben war.

Obgleich es gegen Morgen war, als Baumann sich schlafen legte, wollte ihm der Schlaf doch lange nicht kommen. Liebte er Auguste? Daß sie ihm wohlgeneigt sei, das hatte sie deutlich verrathen. Bruno konnte aber über seine eigene Herzensempfindung nicht zur Klarheit kommen, denn der schwarze Lockenkopf Sidoniens mit dem heißen Blicke wollte aus seiner Phantasie nicht weichen.

Am andern Morgen, ehe er noch aufgestanden war, trat Behrend in sein Zimmer; sich wie ein halb Wahnsinniger geberdend, rief er ihm zu: »Doctor! Advocat! von Ihnen hängt mein Lebensglück ab, Sie müssen mich zum glücklichsten der Menschen machen!«

»Was kann ich dazu thun?«

»Alles, alles. Denken Sie, lieber Doctor, gestern Abend noch habe ich mich gegen Paulinchen erklärt, die Cousine hat Ihnen gesagt, wie verliebt ich seit vorigem Herbst in das Mädchen bin. Paulinchen hat mir geantwortet, sie würde mit Nein oder Ja antworten nach Ihrer Entscheidung.«

»Das ist ja reiner Unsinn!« platzte Bruno heraus.

»Unsinn hin, Unsinn her«, sagte der andere; »die Cousine hat mir gesagt, Paulinchen hat einen harten Kopf, ich soll gehen, Sie zu bitten, daß Sie mir das Jawort gewinnen, der Papa hat schon zugesagt. Sie müssen sogleich mit mir kommen.«

»Doctor, sind Sie bei Sinnen? Es ist noch nicht acht Uhr, die jungen Damen werden kaum aufgestanden, viel weniger in Toilette sein. Zur Visitenstunde werde ich mich einstellen und mich nach dem Wohlergehen der Damen erkundigen, jetzt, nehmen Sie es nicht übel, habe ich eine eilige Arbeit fertig zu machen.«

Als Baumann gegen Mittag, sein Versprechen zu erfüllen, das Haus Hirschsohn's betrat, war dieser mit dem Doctor und Redacteur in die Morgensprache auf den Keller gegangen; hier traf sich um diese Zeit die Herrengesellschaft und das war ein freier Ort, wo auch ein Nichtmitglied des Herrenclubs, mit Landrath und Baron, Drost und Amtmann, Inspector und Assessor, Lieutenant und Auditor frei conversirte. Der Bankier that, als wenn er mit allen den Herren auf dem vertraulichsten Fuße lebe, und bildete sich nicht wenig darauf ein, in dem Redacteur des berühmten Journals den Cousin seiner Frau, Dr. Behrend, vorstellen zu können.

Bruno traf die Dame des Hauses allein – Sidonie saß oben bei offenen Fenstern am Pianino und sang: »O wärest du mein eigen«, – Auguste war in den Garten gegangen, um Veilchen zu pflücken, »Pauline sitzt in ihrem Zimmer und liest in Heine's ›Buch der Lieder‹«, erklärte Bettina.

»Lieber Doctor, Sie sind in unserm Hause einmal zum spiritus familiaris, heißt es nicht so? ausersehen. Sie müssen zu Paulinchen gehen und ihr den Kopf zurechtrücken. Gestern Abend war das Kind nahe daran, Ja zu sagen, sie wollte nur, daß Sie mit der Wahl zufrieden seien. Heute will sie von dem Cousin nichts wissen. Wenn Sie ihr zureden, wird sie Ja sagen.«

»Aber was kann ich denn dabei thun, gnädige Frau?«

»Doctorchen! Doctorchen! stellen Sie sich doch nicht so, als wenn Sie nicht schon längst gemerkt hätten, daß das Kind etwas in Sie geschossen ist. Das ist ja der Grund, warum sie verheirathet werden muß, denn Papa würde nicht zugeben, daß sich das Mädchen taufen ließe. O! wenn Sie wüßten!« und sie seufzte tief auf, »welches schwere Opfer ich selbst habe bringen müssen, um die Einwilligung meines Mannes zu erlangen, Sie würden dienstbereiter sein. Jetzt liest Pauline wahrscheinlich in Heine: ›Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu.‹ Gehen Sie hin, reden Sie ihr zu, es wird eine Scene geben; ich werde aufpassen, daß Sie ganz ungestört bleiben. Seien Sie Arzt und denken Sie an das Recept aus Goethe's ›Faust‹.«

»Und der Kuppelpelz?« fragte Bruno.

»Den wird Ihnen Paulinchen schon geben, wo nicht, so dürfen Sie denselben von mir fordern, ich gebe ihn gern

Es gab allerdings eine Scene. Pauline schwamm in Thränen, als Bruno in ihre Stube trat, sie sah ihn so zärtlich, so schmachtend an, daß er kaum die Hand zu küssen wagte und mit der Fürsprache für den Dr. Behrend erst später hervortrat. Sie brach von neuem in Thränen aus. »Das? und von Ihnen?« – »Pauline, süße Pauline«, sagte Baumann, »Sie werden die Oper ›Templer und Jüdin‹ von Marschner gesehen haben; nicht ich, das Schicksal spricht, ich muß umgekehrt, wie dort Rebekka sagen: Ich bin ein Christ! das scheidet mich von dir, meine Rebekka!«

Aber Pauline fiel ihm leidenschaftlich um den Hals und küßte ihn. Es bedurfte Zeit, sie zu beruhigen, ihr klar zu machen, daß es eben das Schicksal sei, welches zwei liebende Herzen trenne.

Baumann sah ein, daß er hier die Rolle eines Verliebten spielen und daß er das Schicksal gleichfalls anklagen müsse, und diese Rolle wurde ihm immer leichter.

Nach und nach beruhigte sich das schwärmerische Herz; man nahm langen zärtlichen Abschied, und Pauline fand darin Trost, den ungeliebten Mann aus der Hand des Geliebten zu empfangen.

Bruno führte Pauline, der man die Thränen nicht mehr ansah, deren Augen vielmehr glücklich und befriedigt strahlten, in das Familienzimmer, wo die Mutter und Auguste weilten.

»Pauline sagt Ja, und ich gratulire.«

»Es hat ja sehr lange gedauert«, meinte Bettina, schalkhaft mit dem Finger drohend, »ehe Sie das Starrköpfchen zurechtgesetzt haben! Wie steht es mit dem Kuppelpelze?«

»Den habe ich von Ihnen zu fordern, gnädige Frau, vergessen Sie das nicht.«

Auguste reichte Baumann das erste Veilchensträußchen. Hirschsohn und Behrend kamen zurück, und letzterer schwebte durch alle sieben Himmel, als ihm Bruno die erröthende Geliebte in die Arme führte. Am Nachmittage wurde Verschreibung gehalten, die Hochzeit sollte noch vor Pfingsten gefeiert werden und Sidonie das junge Ehepaar auf der Hochzeitsreise über Köln den Rhein hinauf begleiten.

Die schöne Frau lächelte zufrieden und drückte dem Freunde voll Dankbarkeit die Hand, als er erst spät schied.

Einige Tage nach den geschilderten Ereignissen brachte der junge Dummeier seinem Vormunde das Inventar über das väterliche Vermögen und die Obligation über das von Meyer belegte Geld. Das Inventar enthielt von Ansprüchen auf den Claasing'schen Hof nichts, Hans erklärte: er kenne solche Ansprüche nicht und überlasse das dem Vormunde, auch habe er künftig an der Wüstenei genug und trage kein großes Gelüste nach dem Meierhofe des Großvaters.

Der Vormund hielt es indeß für seine Pflicht, das Inventar mit einer ausführlichen Denkschrift über die Ansprüche seines Pupillen an die Vollmeierstelle in Eckernhausen zu begleiten und um die Genehmigung zu einem Processe wegen Herausgabe dieses Hofes gegen die Claasing'sche Vormundschaft zu bitten, indem er auf den großen Umschwung hinwies, der in Beziehung auf meierrechtliche Grundsätze sich in der letzten Zeit Bahn gebrochen habe. Die Genehmigung wurde ertheilt.

Durch seinen Freund, den Assessor Kloppmeier, bewirkte er außerdem, daß die beiden Protokolle, aus welchen die Unschuld Wüsteneimeyer's an den beiden Diebstählen, wegen deren er verurtheilt war, erhellten, im Provinzialblatte abgedruckt wurden, nebst einigen zum Lobe desselben wegen seiner bei Urbarmachung der Wüstenei entwickelten Thätigkeit am Regimentstage berathenen Bemerkungen, die eben dadurch zu gedrechselten Phrasen eines steifen Amtsstils wurden. Dagegen veranlaßte nun unser Freund den Redacteur aus Frankfurt, den Wüsteneimeyer'schen Fall zu einem Feuilletonartikel für sein Blatt zu bearbeiten, und für ihn einige hundert Exemplare davon besonders abziehen zu lassen, die im Amtsbezirke vertheilt werden sollten, wodurch die Zeitung jedenfalls an Abonnenten gewinnen und der Bauer angeregt werden würde, sich mehr um Zeitungen zu kümmern. Als das Blatt erschienen war, fuhr die Familie Hirschsohn auf Veranlassung unsers Freundes nach der Wüstenei. Der Bankier selbst entschuldigte sich, und Auguste Claasing mußte auf Brunos Dringen seinen Platz einnehmen. Behrend saß bei den Damen im Wagen, Bruno ritt voran, um den Besuch anzukündigen.

Der alte Wüsteneimeyer hatte noch nicht in Erfahrung gebracht, daß sein Ruf durch das Amtsblatt rehabilitirt sei, er weinte Freudenthränen über dieses Ereigniß, und als ihm Behrend nun selbst die schöngeistig ausgeschmückte Erzählung seiner Lebensschicksale und Thaten vorlas, sagte er, die Hände faltend und dankbar zum Himmel blickend: »Jetzt kann ich ruhig sterben!«

»Nicht sterben«, sagte Baumann, »leben bleiben, mindestens bis mein Mündel volljährig ist. Ich habe aber noch ein anderes Anliegen. Hans ist jetzt zwanzig Jahre alt geworden, ohne von der Welt etwas anderes gesehen zu haben als seine Geburtsstätte, Grünfelde und Heustedt. Ich zweifle nicht, daß er unter Euerer Leitung, alter Vater, mancherlei gelernt hat, er wird den Pflug führen, einsäen und ernten, Heu machen und dreschen können, er wird es verstehen, das Gewicht eines Ochsen abzuschätzen, rheinische Wolle von Heidschnuckenhaar zu unterscheiden, mit Pferden und Füllen umzugehen und ein ebenso guter Bienenwirth sein als Ihr selbst. Das alles reicht aber in unserer Zeit und für ein so großes Besitzthum wie die Wüstenei nicht mehr aus. Also Alter, an diesem Freudentage setzt Ihr dem Enkel ein Stipendium aus, damit er ein, zwei Jahre die Akademie in Hohenheim besuchen kann, das ist eine sehr berühmte Schule im Schwabenlande für Oekonomen!«

Der Alte schlug freudig in die ihm dargereichte Hand, zum Zeichen seiner Einwilligung, obgleich die Mutter allerlei Einwendungen machte und sich von dem Sohne nicht trennen wollte. Es wurde ausgemacht, der junge Mann solle noch vor Pfingsten auf anderthalb Jahre nach Hohenheim und dann auf eine größere hannoverische Domäne ein Jahr lang in den praktischen Dienst.

Es war ein sonniger Apriltag, man konnte im Schutze der Akazien den Kaffee im Freien einnehmen, und die Familie des Bankiers verschmähte trotz der jüdischen Osterfeiertage nicht, von Meyer's schönem Weizenbrote, der ersten frischen Grasbutter und dem köstlichen Tafelhonig zu genießen.

Hans führte die Gäste herum, durch die Ställe, in die Gärten, in die Felder, zu den Weiden mit dem Rindvieh und den jungen Füllen, zum Bienenzaune und auf die noch nicht umgebrochene, aber schon eingefriedigte Heide.

Baumann blieb mit seiner Cousine Claasing etwas von der übrigen Gesellschaft zurück und sagte zu seiner Begleiterin: »Ich habe Sie, liebe Cousine, absichtlich hierher geführt, damit Sie an Ort und Stelle sehen, was jener alte Mann mit unermüdlichem Fleiße geschaffen hat, und damit Sie meinen Pupillen von Angesicht zu Angesicht kennen lernen. Ich bin jetzt nämlich von der Obervormundschaft definitiv beauftragt, gegen Ihre Mutter von neuem einen Proceß wegen Herausgabe des eckernhäuser Hofes an den Enkel Hans Dummeier's anzustrengen. Nun ist es aber meine Ansicht, Ihrer Frau Mutter, ehe ich den Proceß beginne, den Vergleichsvorschlag zu machen, daß sie die Ansprüche meines Pupillen mit Gelde abfinde. Sie sehen dieses schöne Besitzthum und werden mir zugestehen, daß, wenn dem Besitzer reichere Mittel zu Meliorationen zu Gebote stehen, noch Großes geschaffen werden kann, ich wenigstens zweifle nicht, daß die ganze Feldmark des verwüsteten Dorfes wieder urbar und fruchtbar zu machen ist. Nun geht meine Bitte an Sie dahin, meine Wünsche bei Mutter und Geschwistern zu unterstützen. Ich werde Ihnen die Abschrift einer Denkschrift zustellen, in der ich die tatsächlichen wie die Rechtsverhältnisse auseinandergesetzt habe. Ihr Bruder ist achtzehn Jahre alt und hat schon ein Wort mitzusprechen, wie Sie und Ihre Schwester. Wenn er einen Vergleich will und Sie auch, wird die Obervormundschaft nicht entgegen sein, die von dem Rechte meines Mündels überzeugt ist.«

»Wenn Sie mir sagen, Herr Doctor, daß die Forderung im Recht ist, so verzichte ich sowol als meine Schwester auf den Antheil an dem von Anna Dummeier zugebrachten Meiervermögen, und soviel ich dazu beitragen kann, soll das mein Bruder auch thun. Aber soweit ich meine Mutter kenne, wird diese schwerlich zum Vergleiche geneigt sein, und da ihr Einfluß meinen Bruder ganz beherrscht, wird dieser wenig auf die Worte der Schwestern geben. Meine Mutter ist von Haus aus sehr zusammenhälterisch und ebenso sparsam als Onkel Senator in Bremen freigebig. Sie sagt, ihre Pflicht als unsere Vormünderin gestatte nicht, uns etwas zu verbringen, und nun gar eine solche Perle wie den Hof in Eckernhausen.«

»Mit dem Imrechtsein«, erwiderte Baumann, »ist es so ein eigenes Ding; das Naturrecht so wenig wie das gemeine Recht weiß etwas von Bevorzugung des Mannes vor dem weiblichen Geschlechte bei Erbschaften der Aeltern, sodaß die bei uns geltende Verordnung eigentlich auf fürstlicher Willkür beruht, ein positives Recht ist, aber ein materielles Unrecht. Das Recht meines Pupillen gründet sich nur auf die positive Vorschrift des Successionsedicts.«

»Das genügt mir«, sagte Auguste, »ich bleibe bei dem, was ich gesagt habe«, und sie reichte ihm die Hand, die er an seine Lippen führte, wobei er durch einen eifersüchtigen Rückblick Sidoniens ertappt wurde.

Frau Claasing lehnte jeden Vergleich ab, der Proceß nahm seinen Anfang.

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