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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 70
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Drittes Kapitel.
Die Wüstenei.

Die Kugel Bruno's hatte einen Knochen im Oberarme des Majors zerschmettert, war dann aber abgeprallt und aus dem Arme entfernt; der Blutverlust des Verwundeten war stark, aber seine Wuth, von einem Federfuchser für immer unfähig gemacht zu sein, einen Säbel über den Kopf zu schwingen, war grenzenlos. Der Regimentsarzt brachte ihn zu Wagen nach Verden, während sein Secundant nach Heustedt ritt, um dort zu erzählen, der Major sei vom Pferde gestürzt und habe den Arm gebrochen.

Obgleich noch am Abend desselben Tages viele Mitglieder des Clubs die Ereignisse kannten, behandelten sie sämmtlich aus Rücksicht gegen das Offiziercorps die Angelegenheit mit großer Zartheit. Es wurde öffentlich nirgends von der Sache gesprochen, man schwieg sie von allen Seiten todt und hütete sich namentlich bei Leuten, die als schwatzhaft bekannt waren, auch vor den leisesten Andeutungen.

Kloppmeier schrieb seinem Freunde, er möge sobald als möglich zurückkehren. Als Bruno zu Hause anlangte, fand er auf seinem Schreibtische ein Decret des Amts, das ihn zum Vormunde des von Jochen Dummeier nachgelassenen Sohnes ernannte, zur Beeidigung einen Termin ansetzte und ihm aufgab, gehörige Sorge zu tragen, daß das Vermögen des Verstorbenen genau inventarisirt würde.

Die Wüstenei lag in der Vogtei Kirnberg und diese stand unter dem reitenden Vogt Kuhnhard, einem alten, aber noch rüstigen Manne. Da das Wetter schön zu bleiben versprach, so schrieb unser junger Freund nach seiner Beeidigung als Vormund an den Vogt, daß er ihn am nächsten Tage in Kirnberg zur Inventarisation des Dummeier'schen Vermögens abholen wolle. Kirnberg lag auf einer Sanddüne, war aber mit prächtigen Buchenbeständen versehen, die nach Nordwesten durch einen breiten Gürtel Nadelholz gegen Wind und das Eindringen des Weideviehes geschützt waren. Das Gestüt war längst eingegangen und eine Haushaltungspachtung eingerichtet. Wenn man von der Domäne höher emporstieg, durch eine junge Fuhrenpflanzung, so kam man auf eine Hochebene, und das Auge sah nach Westen weiter nichts als öde Heide, hin und wieder einen Fuhrenkamp. Diese große Heidestrecke, die sich mehrere Stunden nach Westen zog, zeigte aber in alten Furchen deutlich die Spuren, daß sie einst urbar gewesen war. Jetzt war sie unbewohnt, nach jeder Richtung hin lagen die nächsten Dörfer zwei bis drei Stunden von ihrem Mittelpunkte, der sogenannten Wüstenei; sie wurde nur an den Rändern zu Heid- und Plaggenhieb benutzt und von der Domäne Kirnberg bis an eine gewisse Grenze mit schwarzbraunen Heidschnucken betrieben. Es hieß im Munde des Volkes, inmitten dieser Heidfläche habe ein großes blühendes Dorf gestanden, das nach der Schlacht von Drakenburg von Tilly niedergebrannt und zur Wüste gemacht sei. Daher der Name. Man schied die wahrscheinliche alte Feldmark des Dorfes nach gewissen Grenzen von der übrigen großen Gemeinheit, an der alle umliegenden Ortschaften Nutzungsrechte in Anspruch nahmen.

Der Aberglaube hatte dafür einen Grund in dem verwunschenen Futter gefunden, das in der Wüstenei wachsen und das Vieh krank machen sollte. Historisch erklärte sich die Sache aber einfach. Nach der Niederbrennung des Dorfes waren zahlreiche Bewohner, die sich in die Wälder geflüchtet, übriggeblieben und hatten bei »Freunden« in den benachbarten Dörfern Aufnahme gefunden. Auch Vieh und Heerde waren in den damals noch zahlreichern Waldungen geborgen. Die frühern Hofbesitzer trieben nur ihr Vieh, nachdem sich der Krieg aus der Gegend gezogen, noch auf die alten Weiden und hatten die Absicht, sich dort wieder anzubauen. Allein da der Krieg sich immer weiter in die Länge zog und es in jedem Dorfe verwüstete Höfe gab, auch Männer, junge, kräftige, eine Seltenheit waren, so fand jeder nach und nach eine Heimstätte in einem der nächstliegenden oder entferntern Dörfer. Die erste Generation schützte noch selbst die alte Feldmark, auch die zweite Generation ward durch die Volksgerichte von jeder Benutzung der Wüstenei abgehalten, und nun mischte sich die Sage hinein, man sagte der Jugend, das Futter dort sei dem Vieh schädlich.

Als unser Freund mit dem reitenden Vogt (der aber sein Pferd in seinen eigenen Beinen hatte) über die öde Heide schritt, sagte letzterer: »Herr Doctor werden sich wahrscheinlich von dem Orte und den Menschen in der Wüstenei einen ganz falschen Begriff machen, wie die große Menge, die Herren am Regimentstische an der Spitze, verleitet von dem Namen. Die Wüstenei ist eine wahre Oase in dieser Heidewüste, ich möchte sagen, ein Paradies auf fünf Meilen in der Runde, und die Menschen dort sind wahrlich nicht so schlecht, als sie verschrien sind, sondern viel besser als Hunderte von andern Bauern.

»Im nächsten Jahre werden es dreiunddreißig Jahre, daß ich hier als Vogt lebe; Sie sehen mir das wol nicht an, daß ich meine zweiundsiebzig Jahre auf dem Nacken und viel mehr erlebt habe als viele Tausende hier herum. Ich bin in Amerika geboren, mein Vater war Schmied und Kanonier in der Armee Sr. königlichen Majestät Georg's III., die gegen die empörten Colonien kämpfte, meine Mutter Marketenderin. Ich bin von dort als Kind auf dem Wege nach Indien geboren. Meine erste Heldenthat fiel in mein elftes Jahr, wo ich in Gibraltar war, als die Spanier dasselbe belagerten, ich half in der Batterie Kugeln herbeitragen. Die Spanier thaten uns mit ihren schwimmenden Batterien großen Schaden.

»›Ei‹, sagte mein Vater, der damals schon Oberkanonier war, ›dem Dinge wollen wir ein Ende machen, gehe einmal hin, Junge, und schaffe Schmiedekohlen herbei und mache mir hinter der Batterie ein tüchtiges Feuer an, und du, Christoph, nimm einen Spaten und suche, ob du auf diesem verdammten Felsen ein bischen Gras und Rasen findest, stich nur Erdkluten, mit Rasen bedeckt, etwa halb so groß wie ein lüneburgischer Torf!‹

»›Was soll das?‹ fragte der commandirende Offizier.

»›Ich will das Ding da unten mit glühenden Kugeln in Brand schießen‹, erwiderte der Vater. – ›Mit glühenden Kugeln? ist Er ein Narr, Kuhnhard?‹ – ›Nein, ein Schmied, der mit Feuer umzugehen weiß, lassen Sie mich nur machen!‹

»Er verdeckte die Pulverladung mit Rasen und Erde, und noch waren keine zwanzig Schüsse auf die schwimmende Batterie gefallen, so brannte dieselbe. Da hat der Elliot selbst meinen Vater zum Oberfeuerwerker ernannt und ihm seine eigene goldene Uhr geschenkt, dieselbe, die ich heute noch trage, sehen Sie hier, Herr Doctor.

»Als im folgenden Jahre Friede wurde, kehrten wir nach Hannover zurück, und mein Vater bekam einen Ruheposten als Castellan im Schlosse zu Celle.

»Als es dann im Jahre 1792 gegen die Neufranken galt, habe ich den Feldzug in Brabant mitgemacht, mich unter Scharnhorst aus Menin durchgeschlagen. Ich war leicht verwundet und erhielt nach dem Baseler Frieden die Amtsdienerstelle in Heustedt. Als 1804 die Franzosen ins Land brachen und Mangel an disciplinirter Mannschaft war, da stellte ich mich freiwillig meinem alten Hauptmanne wieder zur Disposition, als er durch unsere Gegend kam. Nach der Convention von Sulingen und Artlenburg nahm ich zuerst meinen alten Dienst wieder ein und avancirte dann als Vogt nach Kirnberg.

»Doch ich wollte ja nicht von mir, ich wollte von der Wüstenei oder dem Schafmeyer erzählen, den sie jetzt da unten in der Koje haben, neben der sich der Dummeier erhängt hat. Der hat viel Unglück gehabt auf dieser Erde, obgleich er ein braver tüchtiger Mensch ist, was mir niemand glauben will. Er hat mir seine Schicksale vom ersten Anfang an erzählt. Hier in Kirnberg war vor der Franzosenzeit ein Gestüt, und er war Knecht bei dem Obergestütmeister Claasing und hatte guten Lohn. Aber er war verliebt in die Margarethe Dunekake, die Tochter des Halbmeiers da unten in Grünfelde. Die aber that wenigstens, als ob sie nichts von ihm wissen wollte, und ließ ihn nie ans Fenster kommen, so oft er auch den anderthalbstündigen Weg bei Nacht zurücklegte.

»Da kam der Herbstjahrmarkt in Heustedt heran, und sein Vetter, der Gärtner im neuen Schlosse zu Heustedt war, schnitt ihm das schönste Bouquet aus dem Gewächshause, und damit eroberte er beim Tanz im Schwarzen Bären das Herz der Spröden. Sie gab ihm das Jawort und erlaubte ihm, in der nächsten Nacht zu fenstern. Sein Tanzvergnügen dauerte nicht lange, die Aeltern trieben nach Hause, da es stark regnete. Doch Meyer war so seelenvergnügt, daß er seine Kameraden aufforderte, herunter in die Gaststube zu kommen, wo er sie tractiren wollte.

»In der Stube saß ein jüdischer Hausirer, der allerlei Waaren zum Verkauf anbot, der Knecht kaufte einige Kleinigkeiten, die er in der folgenden Nacht seiner Margarethe zum Jahrmarktsgeschenk mitnehmen wollte, ohne viel zu handeln. Da winkt ihm der Hausirer in die halbdunkle Nebenstube, zieht einen silberbeschlagenen Meerschaumkopf aus der Tasche und bietet ihm solchen zum Kaufe an. Der Pfeifenkopf ist schön, so prächtig, wie er lange als Ziel der Zukunft vor seinen Augen gestanden; zwei Thaler ist kein Preis, an einem Tage, wo die Margareth ihm das Jawort gegeben. Er kauft den Kopf, geht zum nächsten Drechsler, um Rohr und Spitze zu kaufen, dann ein Viertelpfund rothen Reuter, und dampft nun vergnügt in den Schwarzen Bären hinein.

»Seine Kameraden sind wieder in den obern Tanzsaal gegangen, er mag nicht mehr tanzen, aber es gelüstet ihn, mit seinem Meerschaumkopfe, dem silberbeschlagenen, großzuthun, er geht wieder hinauf und fährt dort fort zu trinken und zu rauchen.

»Am andern Morgen wird er verhaftet und später angeklagt, seinem Herrn vermittels Einbruch in dessen reservirtes Zimmer – derselbe wohnte eigentlich in Eckernhausen – die Meerschaumpfeife und eine Börse mit Geld gestohlen zu haben.

»Obgleich es meiner Meinung nach sehr unwahrscheinlich war, daß Meyer mit einer eben gestohlenen Pfeife einen öffentlichen Tanzboden besucht hätte, so wurde doch seine Verteidigung, er habe den Pfeifenkopf von einem ihm unbekannten Juden gekauft, wie eine schlechte Einrede aller Diebe misachtet, und er auf die gravirlichen Anzeichen des Besitzers, der Anwesenheit am Orte der That, der Freigebigkeit gegen seine Kameraden und was die Herren in Hannover am Grünen Tische noch sonst aus den Acten herauslasen, verurtheilt.

»Hausdiebstahl mit Einbruch! Zwei Jahre Zuchthaus waren als das Geringste bei sonstigem Wohlverhalten erkannt, und er nach Celle abgeführt.

»Viel schlimmer war sein zweites Unglück. Aus dem Zuchthause entlassen, scheut er sich, nach Hause zurückzukehren, er will nach Amerika, denn seine Margarethe, denkt er, ist ihm auf immer verloren nach solcher Schmach. Er kommt auch an die Elbe, aber sein Geld ist aufgezehrt, seine Füße sind wund, es ist spät Abend, er sucht vergeblich für seinen letzten Schilling Brot zu kaufen, und vergebens in einem Bauerhause ein Unterkommen zu finden. Am Ende des Dorfes, etwas von diesem abgelegen, steht ein Herrenhaus in einem großen Garten, aus dem ihm Birnen und Zwetschen verlockend Erquickung entgegenwinken. Er ist hungerig und durstig und widersteht der Verführung nicht, steigt über den Zaun, schüttelt einen Zwetschenbaum und steigt dann auf den Birnbaum, um sich noch einige schöne reife Birnen zu pflücken. Währenddessen hört er im Hause Geräusch und sieht, wie ein Kerl aus dem Fenster eines Zimmers sich schwingt und mit der Schnelligkeit einer Katze an dem Weintraubenspalier hinabklettert. Bald darauf erscheint ein Graukopf im Hemde am Fenster, schießt mit einem Pistol nach dem Flüchtling und ruft: Diebe, Diebe! Nun wird es unten im Hause lebendig, Knechte, Mägde, ein Bedienter und zwei Teckelhunde springen in den Garten. Meyer, der über den Zaun retiriren will, wird als Einbrecher gefangen, incriminirt, verurteilt. Zwar hat sich der Beutel mit zwanzig Pistolen, der dem Major von Voigt oben vor seinem Bette weggestohlen ist, unter dem Fenster wiedergefunden, der Dieb hatte seinen Raub verloren oder sich dessen entäußert. Wer glaubt auch einem entlassenen, am Orte der That ertappten Zuchthäusling, daß ein anderer das Einsteigen gethan habe? Das ist eine freche Lüge! Nach einigen Monaten kehrt er in dasselbe Zuchthaus zurück, aus dem er kurz zuvor entlassen. Diesmal auf vier Jahre.

»Nachdem er seine Strafe abgebüßt hat, schickt man ihn in die Heimat nach Kirnberg, wo sein Vater, ein armer Häusling, längst verstorben war. Nun wollte ihn niemand als Knecht, niemand als Taglöhner, er konnte auch keine Wohnung finden. Da nahm ich mich seiner an und rieth ihm, in die herrenlose Wüstenei zu ziehen. Es wurde gerade eine alte Domanialscheuer auf Abbruch verkauft, ich sammelte von den reichern Bauern die Mittel, sie anzukaufen, die Dorfschaft fuhr das Material in die Wüstenei, wo das Gebäude mit Hülfe einiger Zimmergesellen aufgerichtet wurde. Die Maurerarbeit hat Meyer mit zwei Handlangern selbst verrichtet.

»Was der Mann geschaffen hat, ist wahrhaft wunderbar, wie Sie, Herr Doctor, gleich selbst sich überzeugen werden. Sehen Sie dort links in der Heide ein Stück Wald? Das ist die Wüstenei – ich will keine Beschreibung davon machen, wir werden sie bald betreten.«

Man schritt rüstig weiter und kam an einen Fuhrenbestand, der etwa dreißig Jahre alt sein konnte und ein rechtwinkliges Dreieck bildete, in der Erstreckung von West nach Ost etwa tausend Schritt lang und ebenso lang von Nord nach Süd.

Hatte man die Fuhren durchschritten, so kam man auf ein von Birken und Akazien gemischtes Gebüsch, dann in einen großen Obstgarten mit gutem Rasenanger.

Eine doppelte Reihe von Linden beschattete im Süden den Eingang eines großen, in niedersächsischer Weise, aber aus Ziegelsteinen erbauten Wohnhauses, der Eingang zu den Ställen lag auf der Nordseite. Etwas rückwärts beiseite stand ein älteres Haus aus Fachwerk mit Strohdach.

Der Vogt wies auf das letzte Haus hin: »Das war der alte Stall, den ich in Kirnberg kaufte, darin hat Jochen Dummeier eine Reihe von Jahren gehauset, jetzt steht er leer.«

Rechts vom Hause, im Schutze der Akazien, stand ein größerer Bienenzaun, nach Westen lagen zwei große Schafställe, nach Süden war ein Blumengarten mit Stachelbeer- und Johannisbeerbüschen, hinter welchem Gemüsefelder lagen, sämmtlich schon umgegraben und bepflanzt.

Als sie dem Wohnhause näher kamen, trat ihnen aus der Thür eine blasse, schmächtige, krummgebeugte Frau entgegen, die Witwe Dummeier, sie hatte gleichzeitig den Tod des Mannes und die Gefangennehmung des Vaters zu beklagen, nachdem ihr ganzes Leben schon eine lange Kette unverschuldeten Misgeschicks gewesen war.

Ihre Mutter Margarethe war die einzige Person in der ganzen Gegend, die an die Unschuld ihres Bräutigams geglaubt hatte, als dieser verurtheilt wurde, und die, jeden Heirathsantrag abweisend, ihm treu geblieben war und sich gegen den Willen ihrer Aeltern mit ihm verheirathete, als er sein Haus fertig gebaut hatte. Sie mußte den Consens der Aeltern durch das Consistorium ergänzen lassen und von ihrem Bruder, der den Hof übernommen hatte, die paar hundert Thaler Abfindung einklagen.

Nun ging aber für sie ein Leben von Arbeit und Last an, wie sie wenige Menschen zu ertragen fähig sind. Von der Mitgift mußte Hausgeräth und Bett, Feldgeräth, eine Kuh, einige Heidschnucken, ein Schwein, Lebensbedürfnisse für den Winter, Futter für das Vieh gekauft werden; nachdem dies besorgt war, begannen Mann und Frau das Land um das Haus herum urbar zu machen.

Meyer war ein verständiger Mann, er hatte lange gesucht und gesucht, ehe er sein erstes Haus aufrichten ließ, und hatte das an einem Orte gethan, wo er in der Heide eine Senkung fand, in der statt des Heidekrauts auf mehrere Fuß eine Grasart wuchs. Hier mußte also das Regenwasser zusammenströmen oder eine Quelle sein, die vielleicht nur im Sommer versiegte; ein großes Dorf konnte nicht ohne Bach, nicht ohne Wasser gewesen sein, sagte er sich, und daß hier ein Dorf gestanden, davon habe er reichliche Spuren entdeckt.

Nun wurde vom frühen Morgen bis späten Abend ein Stück Land nach dem andern mit der Hand umgegraben, es mochte Sonnenschein sein, regnen oder schneien. Während der Mann grub, hieb die Frau in größerer Entfernung vom Hause Plaggen und fuhr diese mit einer Schiebkarre nach dem Hause, oder sie ging in den kirnberger Forst und sammelte Fallholz für den Winter und Streuung für die Kuh.

Wenn man so fleißig und unaufhaltsam arbeitet, wie die jungen Leute es thaten, so beschickt man auch etwas, und als die Zeit der Aussaat kam, war es Kuhnhard, der dafür sorgte, daß einer der kirnbergischen Vollmeier das Land noch einmal umpflügte, eggte und bestellte.

Als der Winter kam, suchte Meyer nach seiner Quelle und entdeckte sie endlich, viel nördlicher, aber auch viel stärker, als er sie vermuthet hatte. Das ist unsere Goldgrube, pflegte er seiner Frau zu sagen, wenn er mit ihr daran arbeitete, die Heide in Wiesengrund umzuschaffen, im nächsten Jahre brauchen wir, so Gott will, kein Heu für unsere Kuh zu kaufen.

Im nächsten Frühjahr wurde das Land, was nicht mit Roggen besäet war, zu Kartoffeln und Gemüse benutzt.

Der Neubauer hatte im Winter auf der öden Heide von Wind und Wetter viel zu leiden und fing daher, als es Zeit dazu war, mit Hülfe eines Stukenförsters die Fuhrenbesamung nach West und Nord an, zu welcher er den Samen umsonst erhielt, auch zur Anlegung eines Obstgartens verschaffte ihm der Vogt aus den Plantagen des neuen Schlosses manchen jungen Baumstamm.

Als Margarethe ihm im nächsten Jahre einen Sohn gebar, hatte er in dem seit beinahe zweihundert Jahren unausgenützten Sandlehmboden eine so günstige Ernte, daß er nicht allein den Haushaltsbedarf bis zur nächsten Ernte besorgen, sondern sogar noch etwas verkaufen konnte. Auch die Wieseneröffnungen schlugen so ein, daß eine zweite Kuh angeschafft, Magd und Knecht gehalten werden konnten.

So hatte sich Meyer in einer Reihe von Jahren mit unermüdlichem Fleiße ein werthvolles Besitzthum geschaffen, das den Neid manches Bauern zu erregen anfing. Er war in der glücklichen, zu unserer Zeit in Deutschland äußerst seltenen Lage, durch erste Besitzergreifung Eigenthum erwerben zu können. Sein Wohlstand stieg zusehends, der Viehstand hatte sich verdreifacht, jedes Jahr wurde eine neue Strecke Heide umgewühlt.

Aber das redlichste Leben, alles Plagen und Quälen konnte ihn von dem Makel, Dieb zu sein, nicht befreien; ja Neid und Unverstand behaupteten, er habe in dem verwüsteten Dorfe einen Schatz gefunden, man ging so weit, ihm alle Schafdiebstähle in der Umgegend zuzuschreiben, weshalb man ihn bald Wüsteneimeyer, bald Schafmeyer nannte.

Oft war in seinem Hause Nachsuchung nach gestohlenem Vieh gehalten, einmal hatte man ihn sogar einige Tage in Haft, weil in seiner Wohnung eingesalzenes Hammelfleisch gefunden war.

Der Schatz, den Meyer gefunden, war seine brave Margarethe, welche mit ihm die Arbeit theilte und ihm das Leben in jeder Weise zu versüßen suchte. Sie hatte ihm einen Sohn und lange Jahre nachher eine Tochter geboren. Der Knabe wuchs heran und ging schon täglich anderthalb Stunden weit nach Grünfelde zum Unterricht bei dem Pastor Schulz, das Nestküken wurde zu Hause gehalten.

Die Entlegenheit der Wüstenei brachte es mit sich, daß die Kriegszeit ohne alle Belästigung für den Mann in der Wüstenei vorüberging, man forderte ihm nicht einmal Steuern ab.

Als er seine Occupation zehn Jahre besessen und nun die westfälische Zeit kam, lieh er auf seinen Grundbesitz von Hirsch Moses einige tausend Thaler, baute das neue Haus und einen neuen Schafstall, umgab einen Theil der Ländereien mit den dort üblichen »Hochgraben«, das heißt Wällen, die er mit Birken bepflanzte.

Das neue Haus war ein Jahr bewohnt, als die Katastrophe der Vertreibung Katharina Dummeier's und ihres Sohnes aus der Hirtenwohnung erfolgte. Katharina war »Freund« zu Meyer's Frau, und diese gewährte den Vertriebenen einen Aufenthalt in dem alten Wohnhause. Jochen hielt es aber nicht lange in der Einsamkeit, er setzte den Schmuggel fort, erwarb sich ein eigenes Schiff und war eine gute Zeit auf der Unterweser thätig.

Als die Franzosen vertrieben waren und das alte Aemter- und Beamtenwesen wieder platzgriff und Landwehrbataillone ausgerüstet wurden, ward auch der Sohn Meyer's in ein Regiment gesteckt und nach Frankreich geführt. Die Tochter Therese, zu der die Pfarrerin in Grünfelde selbst Pathe gestanden, war confirmirt, sie war ein zartes, schwächliches Mädchen, zu schwerer Arbeit nicht geschaffen, aber besser gebildet als andere Bauermädchen, sie konnte nicht nur lesen und schreiben, sondern auch nähen, knöppeln, stricken, hatte Unterricht in Geographie und Geschichte gehabt, und las an Winterabenden den Aeltern aus ihren Büchern etwas vor.

Da kam die Nachricht, daß der einzige Sohn Friedrich bei Waterloo auf dem Schlachtfelde geblieben sei. Das gab eine große Umwandlung. Dem Vater hatte bisher das einsame Leben in der Heide genügt, das Urbarmachen der Wüstenei fern von den Menschen, die ihn mishandelt und ausgestoßen, erfüllte ihn mit Stolz, das Gedeihen und sein zunehmender Wohlstand ließen ihm die schwerste Arbeit leicht erscheinen. Besuch empfing er nie, mit Ausnahme des seines Gönners Vogt Kuhnhard, den er als Schöpfer seines Glücks hoch verehrte.

Hätte er über sich nachgedacht, so würde er gefunden haben, daß nicht die Arbeit an sich, nicht die Umwandlung einer Wüstenei in einen der größten und schönsten Meierhöfe der Umgebung ihm Befriedigung und innere Genugthuung verschaffe, sondern der Gedanke an seine Kinder, hauptsächlich an seinen Sohn. Die unglückliche Successionsordnung mit ihrem Anerbenrechte, die nur die Gelüste der Gutsherren gegen die Töchter ihrer Meier und Eigenbehörigen abwehren sollte, hatte den niedersächsischen Bauer in einem Jahrhundert dahin erzogen, daß er in dem Sohne ein bevorzugtes Kind erblickt; so auch Meyer, die Tochter war ihm gleichgültiger. Seinem Sohne eine bessere Existenz zu schaffen, als er selbst sie gehabt hatte, dieser Gedanke stärkte ihn bei aller Arbeit.

Er dachte es sich als den süßesten Augenblick seines Lebens, wenn er seinem Sohne die Wüstenei übergeben und sich auf den Altentheil setzen würde. Mann und Frau hatten nachts im Bette oft unter den Töchtern aus der Freundschaft der Mutter herumgesucht nach einer Frau für den Sohn. Meyer wollte nur von der Tochter eines Vollmeiers etwas wissen, von einer Heirath, durch die er wieder in die Gesellschaft der ersten seiner Standesgenossen aufgenommen und als ehrlicher Mensch anerkannt würde.

Die Frau wollte die Nebenbedingung machen, die Braut müsse auch eine tüchtige Mitgift mitbringen, damit ihre Therese eine gute Abfindung bekomme und gleichfalls eine gute Partie mache.

Vater sagte dann zu Muttern: »Geld verlange ich von meiner Schwiegertochter nicht, ich kann der Therese, wenn sie erst so weit ist, selbst ein gutes Stück Geld mitgeben, denn meine Schuld bei Hirsch Moses ist nicht nur abgetragen, sondern ich habe dort einen ganz schönen Sparpfennig stehen.«

Nun war der Sohn todt. Was nützte es ihm, daß der Prediger in Grünhausen den Tod von der Kanzel angezeigt, dem Verstorbenen großes Lob gespendet und gesagt hatte, er sei auf dem Felde der Ehre für das Vaterland geblieben? Was war das Feld der Ehre für den armen Vater, den Ehrlosen, Verstoßenen? Ersetzte das Vaterland, das erst neu wiedererworbene, ihm seinen Sohn, gab es ihm, dem unschuldig Verurtheilten, seine Ehre wieder und belebte es die Bevölkerung um ihn her mit einem neuen Geiste, der dem Verdienste, das er sich durch Urbarmachung der Wüstenei erworben, Achtung und Anerkennung verschaffte? – Im Gegentheil! Seine Standesgenossen, die unter der Fremdherrschaft von Feudallasten frei gewesen waren, wurden wieder Meier und Eigenbehörige des Gutsherrn, die Steuern vermehrten sich, der Adel wußte die alten Steuerfreiheiten und Exemtionen zu behaupten, das Beamtenthum hatte von der französischen Präfecten- und Polizeiwirthschaft gelernt, das Befehlen und Verbieten, alle die Plackereien gingen erst recht los.

Jetzt, welche Zukunft hatte er, der sich so frei dünkte wie ein Ritter, denn er war sein eigener Gutsherr; er, der sich voll Stolz Wüsteneimeyer nannte, er konnte seinen Namen nicht auf den Sohn vererben. Der Arme fühlte sich über alle maßen unglücklich.

Therese war damals funfzehn Jahre alt.

Zu dieser Zeit starb auch Katharine – auf dem Todtenbette gestand sie, daß sie, nicht ihr Jochen, im Jahre 1809 die Stallgebäude des neuen Schlosses angezündet habe, und ließ das durch den Prediger niederschreiben. Jochen kehrte nun zurück, er hatte sich erst bei der Belagerung von Hamburg als Käufer von allerlei Belagerungsutensilien herumgetrieben, dabei ein hübsches Stück Geld verdient, dann hatte er sich als Freiwilliger annehmen lassen, als Napoleon von Elba zurückgekehrt war, hatte an der Seite Meyer's gefochten und diesem die Augen zugedrückt. Er brachte dem Vater die letzten Andenken vom Sohne, eine Uhr und sonstige Kleinigkeiten.

Jochen schien sich die Hörner abgestoßen zu haben, er war nicht mehr der alte, der durch jede Mauer mit seinem Stierkopfe hindurchzurennen glaubte. Hatten ihn vielleicht die Geschicke Napoleon's gelehrt, daß ein Maß in den menschlichen Dingen ist, daß es nicht angeht, daß die Bäume in den Himmel wachsen? Das herumtreibende Leben widerte ihn an, er fühlte eine gewisse Sehnsucht nach einer Häuslichkeit, und wäre es selbst ein Haushalt mit der Mutter gewesen.

Er brachte 500 Thaler Gold mit, die er dem Wüsteneimeyer gab, um sie für ihn zu belegen, und vermiethete sich diesem gegen bestimmten Lohn als Großknecht. Sein Schiff hatte er schon seit längerer Zeit einem seiner frühern Gehülfen verpachtet.

Meyer konnte noch immer Arbeitskräfte gebrauchen, und in Jochen steckte von Vater und Mutter her eine ungemeine Arbeitskraft wie ein gewisser Verstand. Er war es, der das auffand, was sein Herz jahrelang vergeblich gesucht, die wahre Quelle des Baches, der das verwüstete Dorf früher mit Wasser versehen hatte, sie lag weit west-nördlicher, als der Hofherr dieselbe gesucht hatte, und was dieser vor Jahren gefunden, war nur ein Nebenquell. Nun wurden neue Rieselwiesen eingerichtet unter Beihülfe eines aus der Lüneburger Heide herbeigezogenen Wiesenbauers. Die Zeit der Noth und Theuerung ging an der Wüstenei ohne große Beschwerde vorüber, schlimmer war die darauf folgende Zeit des Ueberflusses, wo die Früchte keinen Werth hatten.

Damals wurde Therese, Meyer's Tochter, die sich langsam körperlich entwickelt hatte, neunzehn Jahre alt, und der Vater dachte an ihre Verheirathung.

Er überließ seinem Großknechte die Wirtschaft, die jetzt schon mit einem Viergespann, mit drei Knechten und zwei Schäfern betrieben wurde, und zog in der Umgegend herum, einzig und allein mit dem Gedanken beschäftigt, für seine Tochter einen Mann und tüchtigen Hofwirth zu finden.

Während länger als dreißig Jahren hatte Meyer öffentliche Vergnügungen, Jahrmärkte, Viehmärkte, Schützenhöfe, Erntefeste und Wirthshäuser gemieden, er war nie ohne Noth auch nur nach Heustedt gegangen, jetzt plötzlich sprang er um. Er kaufte sich ein Reitpferd, er ritt nach allen Märkten in der Umgegend, er suchte Bekanntschaften, tractirte und renommirte mit seinem Hofe und Gelde.

Das alles geschah auf bäuerische Weise, plump und ohne Geschick, und auf gleiche Weise wurde ihm denn gerade von denen, die er aufsuchte, der wohlhabenden Bauernklasse, ins Gesicht gesagt: »Schafmeyer, du gehörst nicht an unsern Tisch«, oder noch gröber: »Wer im Zuchthause gesessen, mit dem kann ein Bauer nicht aus Einem Glase trinken, und hätte er noch so viel Geld.«

Nur Lumpen, liederliche und versoffene Bauern ließen sich von ihm tractiren, zechten und jubelten mit ihm. Was er suchte, einen Mann aus angesehener Familie für seine Tochter, fand er nicht.

Wer aber dreißig Jahre gesorgt und gearbeitet, der hält ein solches wüstes Leben, das Nichtsthun und Zeittodtschlagen nicht lange aus; auch Wüsteneimeyer kam zu sich, er ließ Jahrmärkte Jahrmärkte sein und kehrte zu seiner Arbeit zurück, aber die eigentliche Arbeitslust war einmal dahin.

Aehnlich wie dem Vater erging es Theresen, wenn sie sich bei Schützenhöfen oder sonstigen Tanzvergnügungen der Umgegend betheiligte. Sie ward nur ausnahmsweise von einem Knechte zu Tanze geführt, die Söhne von Voll- und Halbmeiern hielten sich fern von ihr. Der Kirchgang nach Grünfelde, der freundliche Zuspruch der Pathe, die immer gleiche Milde Heinrich Schulz' waren ihre einzigen Erholungen.

Als Meyer aufgegeben hatte, für seine Tochter einen Mann zu suchen, trat eines Sonntags Jochen Dummeier zu ihm heran und hielt um die Hand Theresens an, er sei mit dieser einig.

So war es; wie sich das gemacht hatte, kann ich nicht sagen; Liebebedürftigkeit, Vereinsamung hatte die Herzen zusammengeführt. Nun war gegen Jochen's Herkunft nichts zu sagen, sein Vater war Vollmeier gewesen und hatte lange Jahre das Ehrenamt eines Deichgeschworenen bekleidet, seine Mutter stammte aus einem Vollmeierhofe; daß er selbst durch Claasing und dessen Verheiratung mit der Stiefschwester Anna um das schöne Besitzthum in Eckernhausen gekommen, war kein Unglück, denn nach wenigen Jahren konnte es die Wüstenei, abgesehen von dem Eichsünder, mit jedem Vollmeierhofe in Eckernhausen aufnehmen.

Daß Jochen jahrelang Schmuggelhandel getrieben, galt für kein Vergehen, das war in westfälischer und französischer Zeit wie eine patriotische That angesehen.

Jochen that sich etwas darauf zugute, daß er noch einen Weserbock besitze, der immerhin 800 bis 1000 Thaler werth sei, und der ihm jetzt 16 Louisdor Pacht einbringe. Waren die jungen Leute einig, warum sollte der Vater Nein sagen: ihm lag allein daran, daß ihm ein Anerbe geboren würde.

Das geschah denn auch, und bei der Taufe in Grünfelde erklärte Wüsteneimeyer: »Nun will ich so lange leben, bis Hans, so war der Enkel getauft, groß ist und ich ihm selbst die Regierung übergeben kann.«

Und er hielt Wort, er lebte von neuem auf.

Die Fuhren waren herangewachsen, der Akaziengürtel stach mit seinem freundlichen hellen Grün, mit der Lebendigkeit seiner Blätter- und Blütenpracht gegen das dunkle starre Nadelholz vortheilhaft ab; die Obstbäume hatten schon manches Jahr Frucht getragen, die Linden vor dem Wohnhause warfen schon dichtern Schatten auf dasselbe, oft mehr, als es den Bewohnern erwünscht war, und aus dem kleinen Hans, der unter den Linden mit den Hunden gespielt, war ein Bursch von nunmehr einundzwanzig Jahren geworden.

Meyer hatte mehr als hundert Morgen Land unter dem Pfluge, und in die sechzig Morgen Rieselwiesen, er hatte den Wall, der seine Besitzung im Osten umgab, niedergelegt, und sein Gut nach dieser Seite abermals erweitert. Seine Holzanpflanzungen nahmen jährlich zu, er hatte durch einen Forsttechniker sogar einen großen Kamp mit Eichheister bepflanzen lassen, etwas für Kindeskinder, wie er sagte.

Das war die Wüstenei, die Baumann und Vogt Kuhnhard im April des Jahres 1843 betraten.

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