Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Oppermann >

Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel.
Karoline Mathilde.

Wer im Jahre 1773 vor der Stadt Hannover nach den städtischen im Walde liegenden Schenken, dem Listerthurm und dem Pferdethurm, spazieren wollte, hatte es nicht so bequem wie heute. Zwar war vom Steinthore aus ein breiter Heerweg nach Celle in Anlage begriffen, und die mächtigen Linden, die heute noch diesen Weg schmücken, standen dort schon als junge Stämmchen, aber der Weg selbst war im Winter und Frühjahr Ein Morast, im Sommer Ein Staub. Der Posthof war bis zum Listerthurme das einzige Haus am Wege, der noch gänzlich schattenlos war.

Durch das magere Steinthorfeld schlich sich zwar ein Feldweg nach dem Blattern-Hospital, welches wir jetzt das Neue Haus nennen; aber da, wo jetzt ein neuer Stadttheil mit einer prangenden Königsstraße entstanden, wo unaufhörlich Locomotiven sich bewegen, und eine kleine Armee Fabrikarbeiter beschäftigt ist, wurden damals höchstens Erbsen und Bohnen neben Kartoffeln und Kohl gebaut. Vom Neuen Hause nach dem Listerthurme gab es nur einige Schleichwege und einen schmalen Holzweg neben dem Holzgraben. Vom Listerthurme nach dem Pferdethurme glaubte man sich in einen undurchdringlichen Urwald versetzt, nur wenige Kundige, welche den Lauf der Abzugsgraben genauer kannten, Jäger und Forstbediente, oder ein die Einsamkeit suchendes Liebespaar, wagten es auf diesem Wege vorzudringen.

Vom Egidienthore aus ging dann an der Stelle, wo heute eine schöne gepflasterte Chaussee zum Zoologischen Garten und tiefer in das Holz führt, ein schwarzer schmuziger Holzweg nach Osten, nordwestlich neben dem Schiffgraben her, in nasser Jahreszeit kaum zu passiren. Neben dem mit Ulmen und jungen Weiden bepflanzten linken Ufer des Schiffgrabens lief wie noch heute ein Fußweg. Endlich führte auch die Braunschweiger Straße dem Theile der Eilenriede zu, in welchem der Pferdethurm lag. Auf allen diesen Wegen wogten nun am 20. Juli 1773 viele Tausende von neugierigen Hannoveranern und, wie sich von selbst versteht, auch Hannoveranerinnen zu Wagen, zu Roß und zu Fuße. Es war noch sehr früh am Morgen, und der Thau glänzte auf Gräsern und dem Niederholze, als die gesammte Eilenriede schon so lebendig war, wie sie es jetzt nur an einem Pfingstmorgen zu sein pflegt. Es bewegten sich aber alle in der Richtung nach dem Pferdethurme. Hier waren Ehrenpforten errichtet, das ganze Haus war mit Grün ausgeschmückt, der Salon des Hauses mit Marmorplatten belegt. Man erwartete Karoline Mathilde, die unglückliche Königin von Dänemark, welche seit dem Frühjahre in Celle residirte und die jetzt ein Artilleriemanöver in Bischofshole ansehen wollte.

Der Pferdethurm war zu ihrem Absteigequartier bestimmt, und hier, soweit Wagen nicht hinderten, hatten sich viele Hunderte auf den hölzernen Bänken und im feuchten Grase gelagert, um die Königin, die zum ersten mal nach Hannover kam, zu schauen. Der Haupttrupp zog aber nach Bischofshole, wo der Hofstaat selbst die Königin erwartete. Ein großes türkisches Zelt war zu dem Ende hier aufgeschlagen, daneben ein Retiradezelt für die Königin, und zwei andere Zelte für deren Begleitung. Aber auch hier wurden die Neugierigen durch Wachen abgewehrt.

Hinter der ersten Batterie nach Kirchrode zu befand sich auf einer Anhöhe aber das sogenannte Offizierzelt und eine große Menge Schenkzelte. Marketenderinnen hatten unter ausgespannten Ascherlaken ihre Butiken aufschlagen und verzapften Broyhan, Branntwein und echt spanische Weine, wie sie keck behaupteten, dem durstigen Publikum und etwa müßigen Soldaten. Der schönen Welt wurde auch gestattet, sich von den Strapazen des Weges und dem heißen Stich der Julisonne in den Schatten des Offizierzeltes zu flüchten, wo indeß nur wenige wachthabende Offiziere Muße hatten, den Schönheiten die Cour zu machen.

Es hatte noch nicht acht Uhr auf den Thürmen Hannovers geschlagen, als die königlich kurfürstlichen Hofequipagen, welche der Königin bis Bothfeld entgegengeschickt waren, eintrafen.

Nach sehr kurzem Aufenthalte am Pferdethurm fuhr man weiter, der Reisestallmeister Einfeld, der Oberbereiter Redeker und ein Stallmeister aus dem Gefolge der Königin selbst, Claasing, ritten den vier Equipagen voran.

Karoline Mathilde saß in dem ersten mit sechs Schimmeln bespannten Wagen, neben ihr die Oberhofmeisterin von Ompteda, ihr gegenüber die Fräulein von Rürleben und von Bülow. In der Mitte zwischen Königin und Oberhofmeisterin saß ein kaum sechsjähriges Kind, die Tochter des Oberhauptmanns von Bennigsen zu Banteln, welche Karoline Mathilde zur Erziehung zu sich genommen. Im zweiten Wagen folgte der Oberhofmarschall von Lichtenstein, Oberhofmeister von Hohenholz und Kammerjunker von Spörken. Die folgenden Wagen hatten die Duenna der kleinen Sophie Bennigsen, Kammerfrauen, Kammerdiener, einen Friseur und dergleichen zu Insassen. Die zweiundzwanzigjährige Königin im Reisecostüm von blauer Seide, auf dem Haupte einen gleichfarbigen spitzgethürmten Reisehut mit wallenden weißen Federn reich verziert, – gewährte ein liebliches Bild. Das einzig Unschöne an ihr, das farblose flächserne Haar, war durch Puder verdeckt. Ihr Teint, so weiß und glänzend, wie man ihn nur bei Engländerinnen sieht, hätte der zwei Schönpflästerchen auf der Stirn und in der Nähe des Kinns wahrlich nicht bedurft. Den rothen Wangen sah man es an, daß Schminke ihnen fremd war, die Zähne waren von tadelloser Weiße und dem schönsten Ebenmaße, die Lippen üppig gewölbt und schön gefärbt. Große hellblaue Augen, denen man ansah, daß sie Thränen kannten, lächelten heute im freundlichsten Glanze auf die Umgebung; das ganze Aussehen der Königin war so, wie wenn sie einem freudigen Ereignisse entgegensähe.

Karoline Mathilde war das neunte Kind des schon vor ihrer Geburt gestorbenen Prinzen von Wales, des ältesten der Söhne Georg's II. und der Prinzessin Auguste von Gotha. Funfzehnjährig, dem siebzehnjährigen Könige Christian VII. von Dänemark am 1. October 1766 im Geheimrathssaale des Saint-Jamespalastes durch einen Stellvertreter angetraut, – war sie über Holland und Hannover nach Dänemark dem ihr Unbekannten entgegengereist.

Der junge König schien damals, als er seine Frau im Schlosse Roeskilde zum ersten mal erblickte, so hingerissen von ihrer Schönheit, daß er Hofceremoniell und den zornigen Blick seiner Großmama vergaß und seine Frau in Gegenwart aller Anwesenden umarmte und küßte.

Das war aber zwei andern Königinnen nicht recht, die neben Mathilde zu der Zeit in Dänemark lebten und es beherrschten, mindestens nach Herrschaft dürsteten. Denn liebte der König die schöne Mathilde, so konnte diese ihn zum Selbstherrscher erziehen, oder die Gewalt selbst an sich reißen. Diese war aber so süß. Das hatte die Großmutter des jungen Königs, die sechsundsechzigjährige Sophie Magdalena von Brandenburg-Kulmbach, während Lebzeiten ihres Mannes erfahren, während der Regierung ihres Sohnes entbehrt. Sie war sehr fromm und hielt sich von Gott berufen, dem Enkel die schweren Sorgen des Regiments abzunehmen.

Das Gleiche erstrebte aber auch die erst achtunddreißig Jahre alte Stiefmutter des Königs, die listige und verschlagene Juliane Marie von Wolfenbüttel, wenn nicht für sich, doch für ihren Sohn, den Erbprinzen Friedrich. Sie lebte anscheinend in größter Zurückgezogenheit im Schlosse Friedensburg, um ihren Gemahl Friedrich V. trauernd, den sie nie geliebt und der sie gehaßt hatte, spann aber von hier ihre Netze um den Stiefsohn.

Ihre Creatur, der Hofjunker Graf Konrad von Holk, wußte schon früh den König zu Ausschweifungen zu verführen, er vermittelte die Bekanntschaft desselben mit der ihrer kleinen Füße wegen berühmt-berüchtigten »Stiefelettkatharine«. Der junge Monarch war einer tiefen und nachhaltenden Neigung nicht fähig, schon einen Monat nach Ankunft der Königin war sein Liebesfieber erloschen. Die Franzosen sehen in solchen Dingen scharf, und der französische Gesandte Ogier, der über die Hofzustände nach Paris berichtete, meinte: »Eine noch größere Liebenswürdigkeit würde nicht hinreichen, die Königin von ihrem Schicksale zu befreien, da der König der Ansicht sei, es gehöre nicht zum guten Tone (n'est pas du bon air), seine Frau zu lieben.«

Diejenigen, welche die Ausschweifungen des Königs entschuldigten, gaben der Königin schuld, sie habe auf den Rath der Oberhofmeisterin Frau von Plessen durch scheinbare Sprödigkeit und Zurückhaltung den heißblütigen König noch mehr entflammen wollen, ihn bei Abendvisiten zurückgetrieben, dadurch aber gerade in die Arme der Stiefelettkatharine zurückgedrängt. Aber mochte Mathilde den König, wenn er im halbtrunkenen Zustande Einlaß in ihre Gemächer begehrte, auch wol einmal zurückgewiesen haben, sein Geist war schon bei ihrer Ankunft von Grund aus verderbt, sein Körper geschwächt. Er liebte nur nächtliches Umherstreifen in den Gassen, Prügeleien mit Nachtwächtern, Eindringen in gemeine Häuser, und was dahin gehört.

Die Schwangerschaft der Königin, obgleich sie Veranlassung gab zu einer Reihe von Festlichkeiten des Hoflagers, wo Schauspiele, Bälle, Maskeraden, trotz aller Finanznoth, eins das andere verdrängten, nahm der König dann vollends zum Vorwande, sich dem Zwange des Hofes zu entziehen und den Lustbarkeiten, die Holk auf dem Blaagaard (blauem Hofe) vor dem Norderthore Kopenhagens anordnete, sich ganz hinzugeben.

Im Hause der Stiefelettkatharine hielt sich ein etwa funfzehn- bis sechzehnjähriger Knabe auf, ein echter kopenhagener Straßenjunge, Klaas genannt, ein geborener Jüte. Man erfuhr nie recht, woher derselbe eigentlich stammte; Katharine gab ihn für den Sohn ihrer verstorbenen Schwester aus. Böswillige behaupteten, es sei ihr eigener Sohn, obgleich das höchst unwahrscheinlich war. Andere wollten wissen, es sei ihr eigentlicher Liebhaber, oder sie erziehe ihn zu ihrem künftigen Ehemann. Klaas war bei dem nächtlichen Umherschwärmen ein unzertrennlicher Begleiter des Königs gewesen, den er durch seine Stärke und Gewandtheit mehr als einmal vor Prügeln gerettet.

Nachdem Holk zum Hofmarschall ernannt war, zog er auf Befehl des Königs Klaas, der fortan Claasing genannt wurde, an den Hof, mindestens erhielt er die Stelle eines Bereiters im Marstalle.

Als aber der König 1768 seine große Reise durch England, Frankreich, Holland und Deutschland antrat, mit zahlreichem Gefolge, verlangte er, daß sein Klaas, wie er ihn noch immer nannte, unter seinem Gefolge sein sollte. Er mußte, da er in der That zu knabenhaften Dingen die meiste Lust hatte, da sein Kammerpage von Warnstedt ihm zu ernst war, Holk's Orgien zu viel Anstrengungen erforderten, des neuen Leibarztes Struensee Adlerblick ihn förmlich einschüchterte, einen jüngern Knaben bei sich haben, mit dem er Knabenstreiche treiben, Loup spielen, hauptsächlich seinem Lieblingsvergnügen nachgehen, sich balgen und seine körperliche Gewandtheit zeigen konnte. Claasing war aber innerhalb eines Jahres aus einem Straßenbuben ein feines Herrlein geworden, der sich an jedem Hoflager sehen lassen konnte, und der von den Damen sehr begünstigt wurde. Groß, schlank, mit muskulösen Beinen und Armen, trug er einen feingeschnittenen Kopf, der eher an einen Italiener als an einen Jüten erinnerte, auf breiten Schultern. Er war bald der beste Reiter und Fechter, hatte die deutsche wie französische Sprache mit Fertigkeit erlernt, und würde, wenn er mehr Lebenserfahrung gehabt hätte, den Grafen Holk leicht aus seiner Günstlingsstelle haben verdrängen können. Claasing hatte aber keinen Ehrgeiz, er hatte nur eine Leidenschaft, die ihm angeboren schien, das Spiel, und er spielte unglücklich seit seinen Kinderjahren, wo er mit andern Buben um Reichs-Schillinge, die er sich ergaunert oder von der Tante geschenkt erhalten hatte, knöchelte.

Obgleich der König auf der Reise das Geld in aller Weise verschwendete und Claasing häufig mit großen Geschenken überhäufte, wenn dieser im Wolfspiel verloren hatte, ließ es diesem doch keine Ruhe, bis er sein so gewonnenes Geld im Spiel mit seinen Kameraden oder in den Spielhäusern großer Städte, die er instinctmäßig auffand, angebracht hatte, sodaß er oft den Leibarzt um ein Darlehn angehen mußte. Struensee gab solches gern, erfuhr er doch bei solcher Gelegenheit manches von dem, was ihm über das Treiben des Königs geheimgehalten wurde.

Als der zum Ehrenbürger von London ernannte, von der Universität Oxford zum Doctor juris civilis creirte, von dem königlichen Schwager, den Schwägerinnen, der Stadt London und dem Adel mit dem größten Luxus bewirthete Christian VII., um sich zu revanchiren, seinen berühmten Maskenball vom 10. October 1768 gab, hatte eine englische Herzogin den schlanken Jüten in ein reservirtes kostbar geschmücktes Gemach entführt, ihm mit dem letzten Kusse eine Diamantbrosche, die sie vom Busen nahm, in die Hand gedrückt, für deren Werth er in Deutschland oder Holstein ein Rittergut hätte kaufen können. Aber obgleich schon am 14. October die Jacht Mary den König und sein Gefolge nach Calais brachte, mußte Claasing schon auf dem Schiffe Struensee's Geldhülfe in Anspruch nehmen, während er ihm mittheilte, was der »nordische Bösewicht«, so nannten die Damen der Gesellschaft den König, ihm selbst über sein Begegnen mit der Gräfin Talbot erzählt hatte.

Bei der Schamlosigkeit, mit der die vornehmsten Frauen in England, Frankreich und Deutschland sich dem jungen Könige darboten, brauchte Holk, der Macher für Juliane, zu kopenhagener Mitteln seine Zuflucht nicht mehr zu nehmen, und Struensee's wohlmeinender Rath ward erst dann berücksichtigt, als eine ernsthaftere Krankheit den König einige Zeit ans Bett fesselte. Von dieser Zeit an wirkten aber Struensee, der Kammerpage von Warnstedt und Claasing gemeinschaftlich dahin, den König vor den bösen Einflüssen des Hofmarschalls zu bewahren. Der Jüte Claasing, in welchem, abgesehen von seiner Leidenschaft zum Spiel, manches gute Element lag, haßte namentlich Holk ebenso sehr, als er dem Könige ergeben war.

Der Hofmarschall konnte nämlich nicht unterlassen, in seiner Gegenwart häufig spottend von Stiefelettkathrinchen und ihrer Lumpensippschaft zu sprechen. Claasing, der zum Cavalier herangereift war, dem englische und französische Herzoginnen ihre Liebe angetragen, der da gesiegt, wo jener vergeblich schmachtete, dünkte sich aber dem Hofmarschall gleichberechtigt, um so mehr, da es nur eines Wortes von ihm bedurft hätte, dem schwachen Könige, den er in vertrauten Stunden duzen mußte, ein Grafenpatent abzuschwindeln und sich selbst zum Hofmarschall machen zu lassen.

So kam man im Januar 1769 nach Dänemark zurück, und da Struensee's Ermahnungen, in der letzten Zeit wenigstens, Eindruck auf den König gemacht hatten, schien es eine Zeit lang, als habe derselbe einiges Interesse für seine königlichen Beschäftigungen zurückgebracht.

Der Hofmarschall selbst war es nun, welcher der Königin, die er haßte, da sie seine Liebesbetheuerungen schnöde zurückgewiesen, die öftere Gegenwart Struensee's aufdrängte, in welchem Mathilde nur einen Helfershelfer des Verderbers ihres Gatten sah. Struensee aber wußte durch zartes und ehrfurchtvolles Betragen das Vertrauen und bald die Freundschaft der Königin zu gewinnen.

Sein Streben ging dahin, den König wieder der Königin zu nähern, letzterer den Einfluß auf die Herrschaft zu gestatten, welchen bisher die Königin-Großmutter im Verein mit Graf Bernstorff und der Stiefmutter Juliane durch den Hofmarschall ausgeübt hatten. Nachdem der verbannte Kammerjunker Brandt zurückgerufen war, gelang es diesem und dem zum Reisemarschall ernannten von Warnstedt, im Verein mit Struensee Holk im Sommer 1770 zu stürzen.

Der junge Jüte, welcher nach der Rückkehr des Königs von Holk aus dessen Nähe entfernt war, hatte bei einer Schlittenpartie Mathilde, welche selbst fuhr, aus großer Gefahr gerettet, und war dem Marstalle der Königin als Oberbereiter beigegeben. Alle Reisegefährten Claasing's hatten im Herbst 1770 so viel mit sich selbst zu thun, daß sie den armen Genossen gänzlich vernachlässigten. Er wäre bei seiner Leidenschaft zum Spiel und seinem fortwährenden Unglück gewiß zu Grunde gegangen, wenn nicht in der Königin um diese Zeit die besondere Lust am Reiten erwacht wäre. Sie hatte es als Engländerin in dieser Kunst schon zur ziemlichen Vollkommenheit gebracht, allein sie wollte nicht mehr als Amazone, sondern wie die Männer reiten, und begehrte von Claasing Unterricht. In Mannskleidern, mit hirschledernen Unnennbaren, saß sie so kühn zu Pferde wie der beste Reiter, und wenn sie in solchem Anzuge in den Schloßsaal zu Plön ritt und an dem kopenhagener Schützenfeste theilnahm (die Bilder davon sieht man noch heute in der kopenhagener Bibliothek), so mußte man anerkennen, daß ihr Lehrmeister das Seinige gethan hatte. Aber der Oberbereiter, welcher bisher alle Frauen, vielleicht weil sie ihn aufsuchten, verachtete, der nie eine Frau geliebt, wenn ihre Küsse auch seine Leidenschaft entflammt hatten, welcher Landsknecht mit Offizieren und Hofbedienten einem Rendezvous mit der schönsten Dame vom Hofe, und Grog dem Champagner vorzog, faßte auf einmal eine sentimentale Liebe zu der schönen Schülerin. Er, der vor keiner That des Mannes zurückbebte, er, sonst immer keck und verwegen, begegnete der Königin voll Schüchternheit, Zartheit und Unterwürfigkeit. Vielleicht kam es gerade daher, daß sie seine zärtlichen Blicke ignorirte, daß sie seine Seufzer nicht hören wollte, daß sie ihn auf eine höchst grausame Art bei diesem Unterricht quälte. Oder war es keine Qual für Claasing, wenn er ihr helfen mußte, die schöne kleine weiße Hand in den Reithandschuh zu zwängen, oder den zarten Füßchen die Biegung nach innen zu geben, welche den Schluß und die reizendste Formung des Beines zu Wege brachte? Es mochte auch seinen Theil des Komischen haben: einen sentimentalen Oberbereiter, dessen Liebesabenteuer im In- und Auslande der Königin kein Geheimniß geblieben sein konnten, seufzen zu hören, wo etwas ganz anderes von ihm erwartet wurde. Vielleicht hätte Karoline Mathilde aber in dieser Brust mehr Aufopferungsfähigkeit und persönlichen Muth gefunden als bei ihrem geheimen Cabinetssecretär, dem Etatsrath Struensee.

Möglich auch, daß der Kopf der damals Neunzehnjährigen gänzlich von Herrschsuchtsgedanken eingenommen war, daß dieses äußere dem König wohlgefällige Hervortreten die geheimen Plane, welche sie mit Struensee und dem Gemahl in der Einsamkeit des Schlosses Traventhal ausgebrütet, nur verdecken sollte.

Claasing verehrte die Königin als eine Heilige, als eine Madonna; es hätte ihm eine Sünde geschienen, ihr auch nur mit einem unreinen Gedanken zu nahe zu treten. Als der Hof auf Hirschholm seinen Sommeraufenthalt nahm, und die Angebetete seinen Augen entrückt wurde, weil der Marstall der Königin zurückblieb, gab er sich wochenlang stillem Brüten hin, dann aber spielte und trank er ganze Nächte hindurch mit seinen ziemlich rohen Genossen, Marine- und Landoffizieren wie Schiffskapitänen. Es war, sobald der König der Königin sich wieder nahte, Sorge dafür getragen, daß Stiefelettkatharine Kopenhagen verließ. Der Schützling derselben war über sein näheres Verhältniß zu ihr nicht aufgeklärt, er war etwa als vierjähriger Knabe zu ihr gekommen und hatte sie immer Tante nennen müssen. Als Christian VII. ihm angekündigt hatte, er solle reiten lernen und in seinem Marstalle angestellt werden, hatte Katharine gesagt: »Klaas, mit der Tantenschaft ist es jetzt vorbei, du nennst dich fortan Claasing und sorgst für dich selbst. Du hast Verwandte auf Erden nicht. Auch ich bin nicht deine Tante. Vergiß die Vergangenheit, liebe den König, deinen großmüthigen Gönner.«

Sie war reich beschenkt nach Stockholm übergesiedelt. Von dort erhielt auch Claasing von Zeit zu Zeit nicht unbedeutende Geldsendungen namenlos zugesendet. All dieses Geld ging aber den Weg, den das frühere gegangen war. König Pharao oder Bube Landsknecht oder lüttje elf oder der Wolf verschlangen es. Das war aber in einer Zeit, wo sich im Lande Dänemark eine große Revolution vorbereitete, wo Graf Bernstorff seines Postens als Minister enthoben wurde und im Namen des schon beinahe gänzlich dem Blödsinn verfallenen Königs Anordnungen getroffen wurden, welche Dänemark zu regeneriren bestimmt waren.

Während Struensee's Regiment begann, und seine Reformen weder dem Volke, noch dem Adel, noch der Geistlichkeit, noch dem Militär, noch den Matrosen genehm waren, selbst die Aufhebung der Censur ihre Gegner hatte, nicht minder die Beschränkung der Titelverleihungen, erst recht aber die Ersparungen im Hofhalte und der Staatsverwaltung, hatte sich Claasing durch sein wahnsinniges Spiel in eine Schuldenlast gestürzt, welche er nicht mehr zu bewältigen wußte. Die Sendungen aus Stockholm blieben aus, wie jede Nachricht daher.

Der Jüte, welcher in Geldsachen sehr leichtsinnig war, weil das Geld nur einen Werth für ihn hatte, wenn es als Einsatz beim Spiele stand, hatte nie daran gedacht, Struensee die verschiedenen Darlehne, die ihm dieser auf der Königsreise gemacht, zurückzuzahlen. Jetzt, in der höchsten Noth, blieb ihm kein anderer Ausweg, als sich abermals an Struensee zu wenden. Dieser, immer freigebig, gab ihm zwar das verlangte Geld, aber er, der schon mit dem Mathildenorden geschmückte, er der vierunddreißjährige, erlaubte sich dem neunzehnjährigen Claasing Vorwürfe über seine Lebensweise zu machen, ihm das Spiel, den Grog, die niedere Gesellschaft als seiner unwürdig vorzustellen. Gerade weil diese Vorwürfe trafen, weil sie mit dem übereinstimmten, was das eigene Gewissen in bessern Stunden ihm selbst sagte, fühlte sich der Jüngling verletzt, und er schied als Feind dessen, der ihm wie bisher sich als Freund und Gönner erwiesen. Nachdem die nöthigsten Ehrenwortsschulden bezahlt, wurde der Rest des Geldes in einer Nacht bei dem vom Hofe auch in die niedern Hofkreise, ja in das gemeine Volk gedrungenen Wolfspiel geopfert. Es war das im Spätherbst 1770, der Hof hatte schon die Sommerresidenz Hirschholm verlassen und war in die Christiansburg eingezogen.

Wüst im Kopfe, unzufrieden mit sich und der Welt, die Göttin Fortuna tausendmal verfluchend, arm wie eine Kirchenmaus, wälzte sich der Oberbereiter am andern Morgen, nachdem die Sonne schon viele Stunden aufgegangen war, im Bette, als ihm ein Brief aus Stockholm überreicht ward. Er enthielt die Nachricht von dem Tode der Stiefelettkatharine durch eine Hospitalbehörde der Stadt Stockholm, und ein Schreiben dieser selbst mit versiegelten Einlagen. Stiefelettkatharine offenbarte sich darin als seine Schwester. Sein Geburtsschein wies ihn aus als den Sohn eines armen jütischen Dorfschulmeisters. Die Schwester war durch einen adelichen Dragoneroffizier verführt und nach Kopenhagen gebracht worden, wo sie dann durch vornehme Bekanntschaften ihr Glück gemacht hatte, wenn man im Lorettenthum überall von Glück sprechen kann. Die Aeltern waren gestorben, und sie hatte den Bruder zu sich genommen und unterrichten lassen. Sie war später von dem Adel Kopenhagens, den König an der Spitze, schmählich mishandelt, wie sie glaubte und schrieb. In Stockholm hatte sie im Anfang mit neuem Glück vornehme Bekanntschaften gepflogen, war dann aber in Krankheit gefallen, und nachdem sie von einem ihrer Liebhaber ihres Schmuckes, eines Geschenks des Dänenkönigs, und ihrer Gelder beraubt worden, immer tiefer ins Elend gesunken. Von ihren hochadelichen Freunden verlassen, wurde sie ins Hospital geschafft. Sie hatte, schrieb sie, nur Eins gerettet, dieses Eine und ihren Haß gegen alles, was sich Herzog, Graf oder nur »von« nenne, hinterlasse sie ihrem Bruder. Dieses Eine, worauf sie noch Werth lege, sei ein versiegeltes Versprechen der Königin-Witwe Juliane Marie. Er solle es für den äußersten Nothfall aufbewahren, dieser selbst aber das beiliegende Schreiben überbringen, in welchem sie ihn zu ihrem Erben und zu demjenigen ernenne, dem die Königin-Witwe ihre Versprechungen erfüllen müsse.

Claasing's Stimmung wurde durch diese Eröffnungen noch niedergedrückter, und wie ein Unglück immer mit andern zusammentrifft, kamen in dem Augenblicke, wo er über sein Geschick nachdachte, und dieses Nachdenken ihn vielleicht auf bessere Wege geführt hätte, verschiedene Juden mit Wechseln und Anmahnungen; zugleich brachte aber ein Marstallbedienter den Befehl: »Die Königin wünsche sofort auszureiten und verlange seine Begleitung.«

Nun waren aber die Manichäer nicht so leicht zu entfernen, sie mußten erst mit Hülfe seines Bedienten aus der Stube geworfen werden, ehe er Toilette machen und Uniform anziehen, den Zopf sich aufbinden und sich pudern lassen konnte. Während der Bediente die letzte Beschäftigung vornahm, kam schon die zweite Botschaft der Königin. Der Oberbereiter, welcher das Satteln der Pferde schon befohlen, eilte, die Pferde vorführen zu lassen. Die Königin, sowenig ihre Oberhofmeisterin das mit der königlichen Würde vereinbar fand, promenirte in der Reitbahn hinter dem Schlosse schon in Mannskleidern, die Reitpeitsche in der Hand ungeduldig auf und ab in Begleitung Struensee's und des Stallmeisters von Warnstedt. Die Pferde dieser und ihrer Bedienung warteten schon lange, als das Pferd der Königin vorgeführt wurde und der Oberbereiter kam. Letzterm ertheilte der Stallmeister in Gegenwart der Marstallsbedienten einen gehörigen Verweis, der ihm das Blut in die blassen, durchnachteten Wangen trieb. Mathilde zeigte sich äußerst erzürnt, wies die gewöhnlichen Dienstleistungen des Oberbereiters kurz zurück und schwang sich ohne seine Beihülfe in den Sattel. Man ritt auf dem Wege nach Schloß Roeskilde, der Jüte voran. Den Herrschaften folgten ein Unterbereiter aus dem Hofhalte des Königs und die Reitknechte der beiden Begleiter der Königin. In der Brust des öffentlich gescholtenen Oberbereiters wühlte ein Orkan widerstreitender Empfindungen, in denen augenblicklich eine unbeschreibliche Wuth gegen Warnstedt, gegen die Königin, gegen Struensee, ja gegen die ganze Welt die Oberhand behielt. Man war wol schon eine Stunde geritten und näherte sich einem Holze, als Claasing auf einmal den gewöhnlichen Schritt der Reitenden hinter sich unterbrechen und zwei davon im Galop anspringen und davonbrausen hörte. Ehe er sich recht besann, tobten auf der einen Seite die Königin, auf der andern Struensee im wildesten Galop an ihm vorbei. Claasing glaubte, die Pferde seien durchgegangen, gab dem seinen die Sporen, übereilte das der Königin und fiel ihm in die Zügel, sich selbst mit großer Gewandtheit vom Sattel schwingend. Mathilde sah nicht die Mannheit, ja die große Gefahr, der sich der kühne Jüngling aussetzte; mit zornblickenden Mienen schlug sie mit der vollen Macht ihres Armes über die Hand, die ihren Rappen zum Stillstehen gezwungen, und streifte beim Zurückziehen der Peitsche sein Gesicht. – Der Oberbereiter stand wie vernichtet. Er hatte einen Schmerz nicht gefühlt auf der Hand, es war ihm aber, als habe er einen Stich ins Herz bekommen. Die, welche er über alles in der Welt liebte, schlug ihn mit der Reitpeitsche!

»Majestät«, stammelte er, »ich glaubte, der Rappe ginge durch.« – »Mit mir geht kein Pferd durch«, sagte die Königin stolz, »er Esel mußte wissen, daß ich einen Wettritt mit dem Etatsrath machen wollte.«

Struensee war indeß umgekehrt, der Stallmeister nicht nur, sondern auch das Gefolge herangekommen. Die Königin wandte ihr Pferd: »Nach Hause«, befahl sie, »es ist ein Unglückstag.«

Und es war ein Unglückstag für Karoline Mathilde, ein Tag, der sie um alles Glück ihres Lebens, ja um dieses selbst bringen sollte. Sie hatte aus einem Anbeter sich einen Todfeind geschaffen, in dessen Brust jeder Herzschlag, jetzt fieberhaft verdoppelt, Rache, Rache, Rache klopfte.

Der König bewohnte damals die Hauptfaçade der Beletage der Christiansburg. Man hatte ihn möglichst von der Welt abgesperrt und zum Ersatzmann seines Claas ihm einen Mohrenknaben, Moranti genannt, zum Spielgefährten gegeben; die Oberaufsicht über ihn führte aber der Hoftheaterintendant Graf Brandt. Dieser bewohnte mit Struensee die Zimmerreihen der Mezzanine zu beiden Seiten der Haupttreppe.

Die Könige hatte den rechten Seitenflügel inne; der Erbprinz und die verwitwete Königin wohnten in der zweiten Etage.

Der Oberbereiter hatte in den hinter dem Schlosse gelegenen Marställen eine Officialwohnung, daneben eine Privatwohnung in der Stadt.

Noch desselben Tages ließ er bei der Königin-Witwe um Audienz bitten, es wurde ihm eine Abendstunde, in welcher der Hof das Theater besuchte, zur Audienz bestimmt.

Juliane Marie war eine lange hagere Gestalt mit magerm, blassem Gesicht, dünnen Lippen, kleinen lebhaften grau-grünen Augen. Alle Geschichtschreiber stimmen darin überein, daß sie eins der herrschsüchtigsten, ränkevollsten Weiber mit bösem, blutdürstigem Herzen gewesen. Ihr Sohn, der Erbprinz, war von Körper verkrüppelt, am Geiste schwach; gelangte er je zur Regierung, so blieb sie die Herrscherin. Juliane kannte jede Person am Hofe bis auf den Küchenjungen herab. Sie kannte auch Claasing und seine Carrière, seine Lebensweise, seine Spielwuth, sein Glück bei den Frauen. Sie hatte seit längerer Zeit alle seine Schritte überwachen lassen, denn sie hegte den Verdacht, Mathilde wolle eine Liebesintrigue mit ihm anspinnen, und die Farce des Reitens in Männerkleidern sei nur hervorgesucht, um den Lehrer in ihre Netze zu locken.

Juliane kannte die Weiber, wer weiß, ob sie recht gesehen? Sie hatte schon Nachricht von dem Vorfall des Morgens und schrieb den Zorn der Königin ganz andern Motiven zu. Sie hatte schon die Absicht gehabt, Claasing, den sie für ein geeignetes Werkzeug ihrer Plane ausersehen, durch Guldberg, den Geheimsecretär des Erbprinzen und ihren Vertrauten, sondiren zu lassen. Jetzt warf das Schicksal selbst ihn ihr entgegen. Sie glaubte darin eine göttliche Bestätigung ihrer Ränke zu erkennen, wie denn die von Gottes Gnaden gar zu leicht den eigenen Willen für einen Wink von oben halten.

Nachdem sie den Brief empfangen und stehend gelesen, nöthigte sie Claasing aus dem Empfangssalon in ihr Schreibzimmer und zwang ihn da, sich zu setzen.

»Ich erfahre, daß Sie Bruder und Erbe einer Dame sind, der ich verpflichtet bin«, sagte sie mit dem süßesten Tone, den ihre dünnen Lippen hervorbringen konnten. Die Unterhaltung wurde, beiläufig gesagt, französisch geführt, wodurch das damals moderne Er vermieden wurde. »Ich schulde Ihrer Schwester 1000 Dukaten, bin leider aber in der Lage, Ihnen abschläglich nur 100 Dukaten heute abzahlen zu können. Seitdem der Leibmedicus meines Sohnes sich zum Herrscher Dänemarks emporgeschwungen, werden auch meine Apanagen höchst unregelmäßig bezahlt, und ohne die Einkünfte der eigenen Güter müßte ich Hunger leiden. Ich werde Ihnen monatlich 100 Dukaten abzahlen, die Sie persönlich von mir abholen wollen. Ich rechne darauf, daß Sie mir so treu dienen, als Ihre Schwester es gethan. Gelangt mein Sohn, der Erbprinz, je zur Regierung – Sie kennen die unheilbaren Krankheitszustände meines Stiefsohnes und die Kränklichkeit des Kronprinzen, – so verspreche ich Ihnen eine glänzende, ihrem Talent angemessene Carrière. Ich höre, man geht damit um, Warnstedt als Gesandten nach Petersburg zu schicken, und dem Kammerherrn von Bülow die Stelle zu geben, die Ihnen allein gebührte. Leider bin ich auf die Entschließungen meines Stiefsohnes, oder vielmehr die des Herrn Conferenzraths Struensee, ohne allen Einfluß, ich würde das Verdienst zu lohnen wissen. Auch die holdselige Königin scheint sich ihres Lehrers nicht in der Weise anzunehmen, als dieser es verdiente. Freilich, die Arme ist gänzlich dem Willen des Leibarztes unterthan, und ihre Leidenschaft für diesen macht sie ungerecht gegen ihre Umgebung.«

Der Oberbereiter hatte sich mehr als einmal für das ihm bewiesene Vertrauen bedanken wollen, allein die redselige Juliane hatte ihn noch nie zu Worte kommen lassen; erst jetzt, da sie innehielt, sagte er: »Majestät können unbedingt über mich befehlen.« Die Schmeicheleien, die ihm in Beziehung auf sein Handwerk gesagt waren, hatten seinen Kopf mehr verwirrt als das Wort der Herzogin von X. in London, die ihn ihren Engel genannt hatte.

»Apropos, mein Lieber«, fuhr Juliane jetzt vertraulicher fort, »ich glaube, daß Sie meinen Stiefsohn, den König, lieben, da Sie ihm ja alles verdanken; täusche ich mich darin nicht, so werden Sie mir beistehen, seine Ehre zu retten, welche von der Königin auf die schmachvollste Weise mit Füßen getreten wird, mir helfen, ihn selbst aus der Gefangenschaft dieses Brandt und Struensee zu befreien. Alles scheint mir darauf hinzudeuten, daß die Königin im strafbarsten Umgange mit ihrem Vorleser lebt. Ich selbst lebe jedoch zu zurückgezogen, um Beweise beibringen zu können. Sie, Herr Stallmeister, ich erlaube mir schon jetzt, Ihnen den Titel zu geben, der Ihnen gebührt, würden leicht Gelegenheit haben, solche Beweise zu schaffen. Man erzählt sich in der Frauenwelt, daß Sie das Herz des guten Kammerfräuleins von Eyben gewonnen haben, sie aber grausam schmachten lassen; auch die schwarzäugige Kammerjungfer Anna Petersen würde den Bitten eines so gewandten Cavaliers nicht widerstehen. Claasing, retten Sie die Ehre des Königs, ja das Königthum selbst. Sie finden an mir eine treue Beschützerin. Sobald Sie mir Beweise bringen, das heißt, sobald die Eyben, oder die Petersen, oder die Jungfern Brun und Horn gegen Sie selbst nur das Bekenntniß ablegen, daß Struensee nächtlich über den Corridor der Eremitage in das Schlafgemach der Königin schleicht, erhalten Sie 5000 Reichsthaler. Sobald ich selbst aber Einfluß auf Se. Majestät, meinen Stiefsohn, gewinne, ist der Baronstitel und die Aufsicht über sämmtliche Marställe als Stallmeister Ihnen gewiß.«

Ohne Antwort abzuwarten, drückte sie Claasing eine Börse mit 200 Dukaten in die Hand und entließ ihn.

Seit vielen Abenden saß der Jüte zum ersten mal allein in seinem Zimmer und trank sein Lieblingsgetränk, schwedischen Grog. Der Bediente hatte ihm zum dritten mal warmes Wasser gebracht, als er wie aus einem Traume erwachte.

War er denn monatelang blind gewesen? Hatte er nicht schon in Frederiksburg, dann auf dem Schützenhofe in Kopenhagen Zeichen der größten Vertraulichkeit zwischen der Königin und Struensee bemerkt? Wozu diese Zurückgezogenheit in Traventhal, wo außer dem Könige, seinem Mohrenknaben, seinem zum Conferenzrath ernannten Hund Gourmand und der Königin nur Brandt und Struensee, Kammerfrauen und untergeordnetes Dienstpersonal gegenwärtig gewesen waren? Man hatte dort doch nicht Bußübungen angestellt? Und ferner, hatte er nicht bei dem letzten Maskenballe im Hoftheater vier Masken, in denen er die Königin und Frau von Holstein, Struensee und Brandt zu erkennen glaubte, in das für den König reservirte Gemach eintreten sehen, während er wußte, daß der König und Moranti sich mitsammt dem Hunde Gourmand in den Zimmern des Königs herumbalgten? Seine als Göttin verehrte Mathilde war also nicht besser als die andern Frauen, welche er kennen gelernt! Und diese Frau hatte es gewagt, ihn zu schlagen? – Er wußte jetzt, wie er sich rächen konnte.

Die Bekanntschaft mit Fräulein von Eyben war bald angeknüpft, denn Hofbälle, Jagden, Schlittenfahrten, Maskeraden, Theater wechselten unaufhörlich. Brandt schien darauf versessen, dem Hofe Vergnügen zu verschaffen. Aber auch die Eyben hatte nur Muthmaßungen, keine Gewißheit. Von den drei Kammerjungfern war die Brun die schönste und schlaueste, sie ward von Claasing ins Complot gezogen, und sie wandte die rechten Mittel an, um die Wahrheit herauszubringen. Der lange, dunkle Corridor, welcher zur Eremitage, dem Schlafgemach der Königin, führte, wurde mit Puder bestreut, auch steckte die Brun kleine Papierstückchen zwischen die dahin führende Thür des Schlafgemachs, welche eigentlich nie geöffnet werden sollte. Am Morgen fanden sich im Puder die Spuren von Mannsfüßen, und die Papierchen lagen theils im Schlafgemache der Königin, theils im Corridor. Die Verrätherin an ihrer Königin beging, als sie Claasing diese Thatsachen hinterbrachte, zugleich Verrath an ihrem Verlobten, dem Kanzleirath Blechenberg.

Auf den Rath der Königin-Witwe mußten diese Versuche wiederholt und die beiden andern Kammerjungfern als Zeugen hinzugezogen werden. – Struensee, nichts von diesen Weiberränken ahnend, erwirkte am 27. December 1770 die Aufhebung des Staatsraths, und machte sich dadurch die gesammte hohe Aristokratie des Königreichs wie der Herzogtümer zum Feinde, namentlich den herrschsüchtigen, in der Schule der Zarin Katharina und der Orlow groß gewordenen Grafen Rantzau.

Es kam so das Jahr 1771; die Gesundheit des Königs war sehr geschwächt, Mathilde blühte dagegen in reizendster Pracht. Der Zwiespalt in der königlichen Familie hatte sich gemehrt durch eine an und für sich unbedeutende Verfügung. Dem Erbprinzen, welcher seinen Platz in der Königsloge gehabt hatte, wurde eine eigene Loge zur Verfügung gestellt, weil Se. Majestät, so hieß es, des Prinzen Gefolge nicht um sich haben wolle. In der königlichen Loge sah man nun aber zum öftern Brandt und Struensee hinter dem Stuhle der Königin.

Auch ein anderer Umstand hatte Zwiespalt und Parteiung zur Folge. Man hatte bisher auf den Hofbällen sich begnügt, sehr einfache Tänze zu tanzen, deutsche Walzer, Hopser, Lang-Englisch und eine Klappecossaise; der König selbst hatte nur die einfachsten Tänze erlernt, auch die Königin hatte wenig Uebung. Dagegen war Frau von Holstein eine trefflich geschulte Tanzkünstlerin, und da Brandt ganz unter ihrem Pantoffel stand, führte sie Menuets, Françaisen, Tempête und ähnliche Tänze ein, welche ein Tanzlehrer den meisten Damen erst einüben mußte. So kleinlich die Sache war, so erregte sie doch große Erbitterung in der Damenwelt, welche von der Königin-Witwe schlau gegen Brandt und Struensee ausgebeutet wurde.

Nach dem Theater, nach Jagden und Soupers unterhielt man sich mit dem Spiele. Der König verstand allein Loup, ein Spiel, das in Niedersachsen unter den Bauern sehr bekannt ist und »den Wolf fangen« benannt wird. Der König hatte Glück darin, und Graf Brandt schätzte seine Verluste monatlich auf 1000 Thaler; andere Hinzugezogene verloren noch mehr. Aber Brandt, wenn er dem Könige sein Unglück klagte, empfing reichliche Gratificationen, einmal 10000 Thaler, ein anderes mal 50000 Thaler aus der Privatkasse des Königs.

Die Verlierenden wurden von der Königin-Witwe gegen Struensee und die Königin aufgehetzt, welche das Spiel nach dem Könige am glücklichsten spielten.

So verging der Winter unter mancherlei in der Frauenwelt sich auf- und abwickelnden Intriguen, deren Fäden zuletzt sämmtlich in die dürre Hand Julianens zurückliefen, und wodurch das Netz, das diese Spinne über die Königin und Struensee geworfen, sich immer dichter zusammenzog.

Im Frühjahre ging der Hof nach Hirschholm, die Königin-Witwe begab sich mit ihrem Sohne nach Fredensborg. Dahin brachte Claasing denn am 8. Juli die Nachricht, daß am Tage vorher die Königin eine Prinzessin geboren habe. Diese von der Mutter selbst genährte Prinzeß, die den Namen Luise Auguste empfing, war die Mutter des Herzogs Christian August von Sonderburg-Augustenburg, die Großmutter des noch vor wenig Jahren vom schleswig-holsteinischen Volke zum Herzog begehrten Friedrich VIII. Obgleich die Königin-Witwe das Kind selbst aus der Taufe hob, wußte sie doch dafür Sorge zu tragen, daß man nicht blos in den Hofkreisen sich über die Vaterschaft allerlei zulispelte, sondern daß man in den Schlössern des Adels, in den Kanzleien, in den Krambuden der Hauptstadt, in den Kasernen und auf den Werften, den Soldatenkneipen und Matrosenspelunken die Neugeborene nicht anders nannte, als »Prinzeß Struensee«. – Struensee war mehrfach gewarnt, ein Drohbrief, in den Straßen Kopenhagens angeschlagen, erklärte ihn für vogelfrei und gelobte dem, der ihm die verräterische Seele ausbliese, eine Belohnung von 5000 Thalern. – Die Orlandshandwerker wurden aufgehetzt und hatten ihre Arbeiten eingestellt. Matrosen rückten nach dem Schlosse Hirschholm, um vom Könige selbst die rückständige Löhnung zu fordern, und ertrotzten eine Abschlagszahlung und ein Tractament mit Branntwein. Seidenwebergesellen ahmten das nach.

Brandt bat um Entlassung von seinem Posten als Oberaufseher über den König, der sich fortwährend mit ihm schlagen wollte und ihn öffentlich für einen feigen Kerl erklärte, der nicht den Muth habe, seine Herausforderung anzunehmen.

Der eigentliche Regent glaubte vielleicht sich gegen Weiber und Adelsintriguen zu schützen, indem er sich den Grafentitel verleihen und zum Geheimen Cabinetsminister erklären ließ. Ja, der König übertrug ihm durch einen Cabinetsbefehl vom 14. Juli 1771 die unumschränkteste Vollmacht, die je ein Minister besessen. »Alle von Struensee erlassenen Cabinetsbefehle sollten die nämliche Gültigkeit haben, als wenn sie vom Könige selbst unterschrieben wären.«

Das war der letzte Schritt zum Verderben. Graf Rantzau wurde nebst den Obersten Köller und Eickstädt für das Complot der Königin-Witwe gewonnen. Am 16. Januar 1772 nachts, nach einem Hofballe, auf dem der buckelige Erbprinz mit der Königin die ihm mühsam eingeübte Quadrille getanzt, drangen die Verschworenen zu dem blödsinnigen Könige, erschreckten denselben, sprachen von einem Aufruhr des Volkes, das gegen Struensee und die Königin nach Gerechtigkeit schreie, schreckten mit Absetzung und erzwangen die königliche Unterschrift zur Ernennung Eickstädt's zum Commandanten der Hauptstadt, wie einer Vollmacht, die diesen und Köller ermächtigte, alle zur Rettung des Vaterlandes nöthigen Maßregeln zu ergreifen. Man verhaftete auf die brutalste Weise die Königin, man verhaftete Struensee und Brandt und begann ihnen den Proceß zu machen, der Beweismittel sich bedienend, die Claasing herbeigeschafft hatte. Dieser selbst blieb außer dem Spiel. Die nobeln Kammerjungfrauen der Königin, denen man außer Geld auch Männer, Kanzleiräthe schaffte, – schafften für einen Gerichtshof, wie er zusammengesetzt war, genugsames Zeugniß.

Es ist bekannt, auf welche schmähliche Weise man Struensee auf der Folter das Geständniß von seiner und Mathildens Schuld abpreßte. Es war darauf angelegt, die Königin zu vernichten, ihre Kinder von der Thronfolge auszuschließen, den Erbprinzen demnächst zum Könige, seine Mutter, solange der blödsinnige Christian VII. lebte, zur Regentin zu machen.

Daß Georg III. es überhaupt zuließ, daß man seine Schwester in Kronburg gefangen hielt, erklärt sich nur dadurch, daß er selbst sie für schuldig hielt. Immerhin wollte er nicht, daß ihre Kinder darunter leiden sollten. Eine Drohung des englischen Gesandten Keith, daß eine englische Flotte vor Kopenhagen erscheinen würde, reichte hin, weiteres Unheil abzuwenden. Der Gerichtshof erklärte nur die Ehe Mathildens mit dem Könige für geschieden. Georg III. erhielt die Aussteuer mit 40000 Pfund Sterling zurück, und der Königin wurde eine von Dänemark zu zahlende Apanage von 30000 Thalern angewiesen.

Sie selbst reiste mit Keith nach Stade ab. Ihr wurde gestattet, ihr Gefolge selbst zu wählen, und sie wählte sich Claasing als Reisestallmeister.

Dieser hatte freilich nicht den versprochenen Adelsrang und das Stallmeisteramt, doch seinen versprochenen Lohn erhalten und wie gewöhnlich bald verspielt. Er fühlte Gewissensbisse und Mitleid mit der noch vor einem Jahre Vergötterten. Allein kaum hatte Juliane erfahren, daß er von der Königin zum Reisestallmeister ernannt sei, als sie ihre Netze von neuem anzog. Sie erinnerte ihn selbst daran, wie sie ihm versprochen, ihm die Stallmeisterwürde zu verleihen, und schob die Schuld, daß dies nicht geschehen, dem blödsinnigen Könige und dem Grafen Rantzau zu. Sie vertröstete auf die Zukunft, machte ihm ein ansehnliches Geldgeschenk und versprach ihm ein jährliches Gehalt von 1000 Thalern, wenn er ihr ferner über alles Thun und Lassen der Königin im Hannoverischen getreulich Auskunft geben wolle.

Claasing versprach das.

So war er nach Stade gekommen, mit nach der Göhrde gereist. Hier waren, da der Oberhofmarschall von Lichtenstein sich damals in Wien befand, durch den Oberschenken von Wangenheim alle Einrichtungen getroffen, welche zu einer königlichen Haushaltung von zwölf Couverts nöthig waren. Wie Hofmarschall von Malortie berichtet, waren außer den Hof- und Kammerjunkern und den Hofdamen zwölf Pagen, zwölf Lakaien, zwei Küchenschreiber, ein Küchenmeister, vier Köche, ein Bratenmeister, vier Küchenjungen, ein Zeugwärter, eine Küchenwäscherin, drei Schloßwächter, ein Feuerböter, zwei Kellerofficianten, ein Kellerknecht, ein Tafeldecker, eine Silberwäscherin, ein Hofconditor, eine Gehülfin desselben, drei Mägde, ein Engraisseur, ein Bäcker, ein Trompeter dahin beordert, daneben zwei Züge von je acht gelben Pferden, ein Gespann von zehn Maulthieren, fünf Reitpferde und fünf Klepper, sechs Kutscher, sechs Vorreiter, vier Reitknechte. Dazu kam noch das Gefolge, welches Karoline Mathilde von Dänemark mitgebracht, unter dem auch der Stammhalter der Familie Lehzen sich befand. Allein es war ein einsam trostloser Aufenthalt in der Göhrde, denn der Sommer war zum großen Theile kalt und regnerisch, und das steife Hofceremoniell war der an ausgedehnteste Freiheit in dieser Beziehung gewöhnten Königin mehr wie langweilig. Wie konnte es anders sein? Täglich mit ihren drei Damen, dem Kammerherrn vom Dienst und dem Oberschenk von Wangenheim sich zu Tafel zu setzen, war für eine junge lebhafte Person nicht unterhaltend. In Kopenhagen hatte man jeden Offizier zur Tafel gezogen; hier erlaubte die Etikette nur, daß Fremde vom Obersten an oder einem höhern Range zur Tafel geladen wurden. Ein alter grämlicher Kammerherr führte die Königin bei allen Gelegenheiten zum Concert, zum Gottesdienst im großen Saale, zur Mittwochsbetstunde, zum Wagen, wenn sie ausfuhr.

Ein Kammerjunker brachte ihr ein wie allemal Handschuhe und Fächer auf einem vergoldeten Credenzteller, wenn sie ausging oder fuhr, und nahm diese so wieder entgegen. Wie langweilig das alles. Ja zu Zeiten, wo ihr Großvater hier Jagd gehalten und Pfänder gespielt, oder mit der Herzogin von Kendale oder der Darlton um Goldpfennige hazardirt, wo der ganze Wald wie ein großes Lager gewesen, da hätte es sich hier leben lassen. Aber dieser entsetzlich große Wald mit seinen langen trostlosen Durchschnitten und Alleen und solche Umgebung waren zum Verzweifeln. Ja, wenn sie wenigstens mit ihrem Reisestallmeister allein in dem grünen Walde hätte jagen können!

Man ließ sechs Hofmusici von Hannover kommen, um Concerte zu geben, da Karoline Mathilde die Musik liebte; aber auch diese Concerte wurden ihr verhaßt, wie die Vorstellungen einer herumziehenden italienischen Operngesellschaft. Sie fühlte sich noch am glücklichsten, wenn sie Sonntags den Gottesdienst besuchte, nicht weil etwa die Predigten des Superintendenten Hornborstel aus Lühne sie erbaut hätten, sondern weil dies der einzige Ort war, wo sie in ihrer Vorkammer allein saß und an die vergangenen schönen wie bösen Tage denken konnte.

Die verwitwete Oberhofmarschallin von Werpup hatte oft ihre liebe Noth mit der Königin; da aber die Sehnsucht derselben nach ihren Kindern am stärksten hervortrat, und man deutlich sah, daß Mathilde sich gern und viel mit denselben beschäftigt hatte, fiel die Werpup auf den Gedanken, der Königin die Erziehung der Tochter des Drosten von Banteln, des spätern russischen Generals von Bennigsen, zu empfehlen, und das lebhafte Kind (später Excellenz von Lenthe) gewährte der Königin das, was der ganze Hofstaat bisher nicht vermochte, – Beschäftigung.

Dieses liebe Kind zog die Gedanken Mathildens von ihrem Unglück ab, machte sie heiterer.

Als der Herbst 1772 nahte, war die Restauration in Celle so weit gediehen, daß man die Göhrde verlassen und nach Celle übersiedeln konnte. Auch das äußere Leben der Königin begann sich hier freundlicher zu gestalten. Das Residenzschloß der Herzoge von Lüneburg hatte damals freilich noch nicht die freundliche parkähnliche Umgebung wie heute, sondern war noch eine mit Gräben und Wällen umgebene alte Burg; allein Mathilde wurde von den Einwohnern Celles mit solcher Freundlichkeit empfangen, daß sie eine noch unwohnlichere Außenseite des Schlosses verschmerzt hätte. Dieses war im Innern auch elegant und wohnlich ausgestattet, hatte die Aussicht auf die Aller und den lebenvollsten Theil der Stadt. Es war ein Theater im Schlosse eingerichtet, und was gewiß nicht das Unwesentlichste des Wechsels war, die Königin wählte sich ihren eigenen Hofstaat. An die Stelle der Werpup und der Frau von Steinberg trat die Majorin von Ompteda als Oberhofmeisterin, zu Hofdamen waren die erwähnten Begleiterinnen der Königin ernannt. Die adeliche Bank des Oberappellationsgerichts und die Garnison gewährten Personen, die man zu Diners und Festlichkeiten einladen konnte.

Ein Uebelstand war freilich mit dieser Uebersiedelung verbunden. Die Erbprinzessin Auguste von Braunschweig, die eigene Schwester, kam öfter zum Besuch, als es Mathilden lieb war, denn sie glaubte, dieselbe komme im Auftrage ihres Bruders, des Königs, oder gar im Bunde mit Juliane, um auszuspioniren, was in Celle geschehe, und die eigene Schwester sei es, die sie mit einem Netze der Spionage umringt habe. Auffallend war es mindestens in hohem Grade, daß die Erbprinzessin jeden Mittwoch nach Celle kam und dort bis Sonnabend verweilte. Sie, die Mutter der unglücklichen Königin Karoline, der Gemahlin Georg's IV., und Gattin des 1806 bei Auerstädt tödlich verwundeten Herzogs Ferdinand von Braunschweig, stand nicht in dem Rufe, Freundin ihrer jüngsten Schwester zu sein.

So standen die Dinge, als wir Karoline Mathilde auf Bischofshole trafen.

Die Ankunft der Königin ward vom Lager aus mit Kanonen salutirt. Im türkischen Zelte hatten sich die Generalität wie die Damen und Cavaliere versammelt, um der Königin vorgestellt zu werden. Hier sah sie nach sechs verhängnißvollen Jahren zum ersten male wieder Melusine von Wildhausen, die Jugendgespielin. Mathilde fiel ihr trotz einer abwehrenden Bewegung der Frau von Ompteda in die Arme und weinte an ihrem Busen heiße Thränen.

Es wurden Erfrischungen gereicht, allein Mathilde vermochte nichts zu genießen, und zog sich mit Melusine von Wildhausen in das Retiradezelt zurück, wohin sie nur die kleine Bennigsen mit sich nahm. Hier erneuerten sich Umarmung und Thränen.

»Ach Melusine«, sagte die Königin englisch, damit die kleine Bennigsen es nicht verstehe, »wie unendlich unglücklich bin ich – du hättest ihn kennen sollen, er war so gut und lieb, und mich schaudert, wenn ich daran denke, zerhackt und aufs Rad geflochten! O diese Giftspinne! Diese Juliane! Hilf mir, mich rächen!«

»Majestät«, erwiderte die Gräfin, »kennen meine Anhänglichkeit.«

»Nichts von Majestät, Melusine, wenn wir unter uns sind, Majestät ist nur bei Gott, bei Menschen ist sie ein Popanz, den großen Haufen zu blenden. Ich fühle mich so majestätslos, so elend, nur die Hoffnung auf Rache erhält mich. Nenne mich wie früher Du und Mathilde, wenn wir unter uns sind. Eine verjagte, entsetzte, geschiedene Königin ist weniger als eine reiche Gräfin wie du; glaube es mir, mein Los war nie beneidenswerth.«

»So hast du ihn geliebt, Mathilde?«

»Mit der ganzen Leidenschaft meines Herzens! Doch ich liebe niemand mehr auf Erden wie meine Kinder und dich, Freundin. Höre mich an. Ich bin von Spionen umgeben. – Meine Schwester selbst will mir nicht wohl. Bruder Georg ist, ich weiß nicht durch wen, gegen mich eingenommen. O daß meine Mutter gerade im vorigen Jahre sterben mußte, sie würde es niemals geduldet haben, daß man mich auf die Festung schleppte, daß man Struensee und Brandt mordete. Georg denkt an nichts, als wie er selbst König, das heißt unabhängig wird von Ministern und vom Parlament. Ich fürchte, daß nach dem Tode der Mutter Lord Bute wesentlich an Einfluß verloren hat. Aber ich weiß, Lord Frederick North hat dir, als du bei Elisabeth warst, stark den Hof gemacht, und du wirst deine Einflüsse noch immer zu erhalten gewußt haben. Wenn es nicht anders möglich ist, mußt du selbst nach England reisen. Hier nimm diese Papiere, der schleswig-holsteinische Adel, ja ein großer Theil des dänischen Adels, ist schon jetzt unzufrieden mit dem Regiment Julianens und ihrer Creaturen. Man verlangt nur Geld von England, und daß mein Bruder eine Revolution, welche Juliane die Zügel aus der Hand reißt, mich zur Regierung zurückruft, das Ehescheidungserkenntniß vernichtet und den König aus der Gefangenschaft seiner Stiefmutter befreit, wenn sie geglückt ist, anerkennt, und wo nöthig durch die Macht Englands beschützt.«

Melusine, der es immer an Emotionen mangelte, der Hannover mit seinen kleinen Personalintriguen schon langweilig zu werden anfing, die aber ihre eigenen Leidenschaften nie vergaß – erwiderte: »Majestät, ich werde treu nach Ihrem Willen handeln und hoffe mit Erfolg. Majestät gestatten, daß der in Ihrem Gefolge sich befindende Jüte in die Dienste Sr. Majestät, Ihres Bruders, oder aber in die meines Mannes trete.«

»Arme Melusine«, sagte die Königin lächelnd, »er ist kalt wie das Eis seines Vaterlandes.«

»Die Herzogin von Kingston«, erwiderte Melusine, »und du weißt, sie war Kennerin, hat mir, als derselbe in Begleitung des Gemahls Ew. Majestät in London war, das Gegentheil versichert. Werde er vorläufig Bote zwischen uns.«

»So sei es. Nun aber zur Gesellschaft, das lästige Schauspiel zu genießen.«

Die beiden Damen und Sophie Bennigsen begaben sich wiederum in das türkische Zelt, von wo aus sie dem Schießen nach der Scheibe und dem Bombenwerfen zusahen. Gegen Mittag fuhr man nach Monbrillant, wo zwei Uhr ein Diner servirt wurde, fünf Uhr abends aber große Cour angesetzt war.

Abends war vor dem Neuen Thore großes Feuerwerk. Auch hier war ein Zelt nebst zwei Retiradezelten aufgeschlagen, von wo die Königin und der Hof das Feuerwerk bis nach Mitternacht ansahen, um dann nach Celle zurückzufahren.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.