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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 69
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Zweites Kapitel.
Ein Opfer der Justiz.

Der Frühling nahte schnell, schon fand man an den Hagen, Gräben, im Park des neuen Schlosses Veilchen, und im Blumengarten vor dem Hause des Herrn von Vogelsang hatten die Schneeglöckchen schon ausgeblüht, Primeln und andere Frühlingsblumen traten an ihre Stelle, die Weiden hatten vollen grünen Schein, die dicken Knospen der Syringen waren aufgesprungen. Bruno pflegte in Gesellschaft seines Freundes Kloppmeier und des Wasserbauinspectors, an den er sich näher angeschlossen, nach dem Kaffee eine Stunde im Park zu spazieren, wo er den Freunden die Fortschritte seines Werkes mittheilte und mit ihnen über Probleme, die ihm nicht klar waren, sich besprach. Nur Sonnabends machte man hiervon eine regelmäßige Ausnahme, weil dann sämmtliche Judenfrauen und Judenmädchen Heustedts, und sie waren sehr zahlreich, mit Ausnahme Hirschsohn's natürlich, ihre besten Kleider und sich selbst im Park spazieren führten. Sonnabends nahm jeder seinen Mokka im eigenen Hause. Es war Anfang April, als Bruno seinen Kaffee getrunken, die »Neue Rheinische« gelesen, die Deichstraße hinab dem Orte Hengstenberg zuschlenderte. Er ging absichtlich allein, weil er über eins der schwierigsten Kapitel seiner »Philosophie der Geschichte« und der Philosophie überhaupt sich klar zu werden bestrebte, über die menschliche Freiheit und Abhängigkeit von tausend Zufälligkeiten und Einwirkungen von außen, von Ort und Land, von der Familie, der Umgebung, den Bekanntschaften, Beziehungen, von dem ganzen Volksindividuum, in dem man geboren wird, von der Zeit, in der man lebt, und so vielen andern Umständen.

»Das deutsche Volk«, sagte er sich, »ist von Natur durchaus friedliebend, weder eroberungssüchtig, noch ruhmdürstend. Es greift nicht ein in das Leben berechtigt neben ihm stehender Völkerexistenzen, es vollbringt seine civilisatorischen Arbeiten und Thaten, ohne wie der Hahn dabei zu schreien. Wissenschaft und Kunst, Industrie und Handel, Ackerbau und Viehzucht sind ihm lieber als Soldatenspiel oder gar Krieg, allein der Ehrgeiz seines westlichen Nachbars, der Gloireschimmer, erinnert es wieder und wieder an sein Zerfallensein in dreißig und einige Staaten mit der schlechtesten aller Bundeseinheiten, dem Bundestage, und mit zwei rivalisirenden Großstaaten. Wird das französische Rheingeschrei uns nicht noch einmal zu einer Einheit, die den Franken Respect einflößt, zwingen?« Das vorjährige kölner Dombaufest und dessen Verherrlichung durch ein Prutz'sches Gedicht, von dem ihm ein Freund in Leipzig erst heute eine Anzahl besonderer Prachtabdrücke gesendet, gaben seinem Gedankengange die mehr politische Richtung.

Da unterbrach Pferdegetrappel und ein eigenthümliches Schauspiel seinen Gedankengang. Der Criminalassessor kam ihm in kurzem Trabe auf einem großen schwarzen Rappen entgegengesprengt, an dessen Schweif ein alter Mann mit grauen Haaren, dem die Hände mit einer Kette gefesselt waren, angebunden war, und welcher mit keuchender Brust dem Trabe des Pferdes folgen mußte.Im Anfange der vierziger Jahre geschehen, actenmäßig.

In kurzer Entfernung folgten zwei berittene Gensdarmen. Als der Assessor der Stadt näher kam, fing er an Schritt zu reiten, was zunächst die Folge hatte, daß der Gefangene auf das Hintertheil des Pferdes stürzte. Zur Erde konnte er nicht stürzen, dazu war die Fessel zu kurz. Nun machte der Reiter halt; die Gensdarmen trabten heran und entfesselten den Greis, der athem- und kraftlos zu Boden sank. Der Assessor gab seinem Rappen die Sporen und jagte über die Deichstraße der Brücke zu.

Die Gensdarmen mußten dem Gefangenen wol eine Viertelstunde Zeit lassen, um sich zu erholen, dann stieg einer derselben vom Pferde, übergab dieses dem Kameraden und führte den Greis, ihn stützend, in die Stadt, zum Gefängnisse im alten Schlosse.

Baumann, der die ganze Scene von der Höhe des Weserdeichs angesehen hatte, war aufs äußerste empört. War so etwas im Jahre 1843 noch möglich in einem civilisirten Staate? Mochte der alte Mann ein noch so großer Verbrecher sein, wer gab dem Assessor das Recht, ihm, ehe er verurtheilt war, so großes körperliches Leid zuzufügen? War nicht überhaupt die Zufügung eines Uebels, einer eigentlichen Qual, als Strafe ein dem Geist des neunzehnten Jahrhunderts widerstrebender Gedanke, gegen den sich jedes wahre Rechts- und Humanitätsgefühl sträuben mußte?

Baumann verwarf nach der Lehre Krause's jede Straftheorie, welche die Strafe als Zufügung eines Uebels, sei es eines leiblichen oder eines geistigen, definirte, mochte sie sich nun Wiedervergeltungs-, Abschreckungs-, Warnungstheorie oder wie sonst nennen. Strafe war ihm allerdings die rechtliche Folge des Verbrechens, aber ihr Zweck war, die schuldige und verirrte Seele zum Rechten, zur Besserung zu führen, und Strafmittel sollten seiner Ansicht nach nur auf Besserung gerichtet sein. Ein solcher Act der Brutalität, noch vor dem Richterspruche ausgeübt, mußte nach seiner Meinung das Gemüth eines mit der menschlichen Gesellschaft und ihren Gesetzen zerfallenen Menschen verhärten, ihn noch bitterer stimmen, Rachegedanken in ihm wecken und zu neuen strafbaren Handlungen gegen den Staat, der so grausam gegen die Urrechte jedes Menschen verstieß, ihn aufreizen.

Der Spaziergang war unserm jungen Freunde verleidet, er kehrte in die Stadt zurück und lenkte seine Schritte dem Rathskeller zu, um auf dem Club zu erfahren, welche Bewandtniß es eigentlich mit der Sache habe.

Als er auf die Weserbrücke kam, fand er schon eine zahlreiche Menschenmenge versammelt, auch verschiedene Herren aus der Gesellschaft. Man erzählte sich, der Criminalassessor habe den gefährlichsten Anführer der Blauen Bande, den Jochen Dummeier, gefangen, und die Gensdarmen seien nach Westen geritten, um auch auf dessen Schwiegervater zu fahnden.

»Jochen Dummeier?« fragte Bruno den zufällig an seiner Seite befindlichen Amtmann, »sollte das derselbe sein, der einen weitläufigen Proceß gegen die Familie Claasing geführt hat, wegen Herausgabe eines Meierhofes in Eckernhausen?«

»Ei freilich«, erwiederte dieser. Nun ward ihm der Vorfall noch interessanter.

Im Club ruhte noch alles Kartenspiel, man lobte die Kühnheit und den Muth des Assessors, der an der braunschweigischen Grenze den Bandenführer mitten aus einem Haufen der frechsten Schmuggler herausgeholt habe. Baumann, entrüstet über diese sich immer von neuem wiederholenden Lobeserhebungen, versetzte: »Und dann an den Schwanz seines Rappen hat binden lassen und ihn bald im Schritt, bald im kurzen Trabe zwei Stunden lang hinter sich hergeschleppt, daß er bei der Deichmühle hinab wie todt umfiel«, und erzählte, was er gesehen hatte. Zu seiner Genugthuung hörte er von mehr als einer Seite, laut und halblaut: »Aber das ist doch empörend!«

Eine solche Aeußerung auf dem von Beamten zu dieser Zeit beinahe allein bevölkerten Club wollte viel sagen.

»Das wird wieder ein hübsches nächtliches Inquiriren abgeben«, äußerte der Drost. Man setzte sich zum Spiel, Bruno lehnte die Karte ab und ging nach Haus, um den Vorfall einem großen deutschen Blatte zu melden. Er mußte dabei vorsichtig verfahren. Um nicht sofort als Correspondent errathen zu werden, datirte er aus der Residenz: »Aus einer kleinen, aber wohlbekannten Stadt an der Weser meldet man uns« u. s. w.

Am andern Tage war Sonntag, und es war ein heller schöner Sonnentag. Bruno erwachte früh, da ihn das Morgenlicht kurz nach anbrechender Frühe im Bette begrüßte. Er konnte aus seinen Fenstern den größern Theil der Brücke übersehen, namentlich das ganze Terrain zwischen dem Rathskeller und dem alten Schlosse. Es fiel ihm ein ungewöhnliches Hin- und Herlaufen der Amtsdiener und des Gefängnißwärters auf. Während er sich seinen Kaffee bereitete, sah er auch den Amtsphysikus und Landchirurgus in Begleitung des Drosten nach dem alten Schlosse eilen. Auf der Brücke bildeten sich Gruppen von Menschen; da mußte eine Haupt- und Staatsaction verhandelt werden. Indessen wurde, sobald der braune Trank fertig war, seine Neugierde dem Inhalte einiger Briefe zugewendet, die er von Göttingen, Heidelberg und Leipzig bekommen hatte, und er drehte der Brücke den Rücken zu.

Bald kam sein Barbier, er war Besitzer eines Castrum nobile, und man nannte ihn in Heustedt nur Doctor Schraps. »Nun, was gibt es Neues, Doctor?« fragte Bruno.

»Wie? Wissen Sie noch nicht? Der gestern eingebrachte Delinquent hat sich gegen Morgen erhängt. Er ist in der Nacht verhört, hat nicht gestehen wollen, hat Prügel bekommen, dann grauenhafte Dinge eingestanden und sich darauf am eigenen Halstuche erhängt, oder, wie ich vermuthe, erdrosselt, da er an den Beinen gefesselt war.«

Bruno freute sich, daß er seinen am gestrigen Abend geschriebenen Brief noch nicht abgeschickt hatte; er konnte nun einen Nachtrag hinzufügen, der seine Kritik glänzend rechtfertigte.

Nach der Kirche pflegte man auf dem Rathskeller ein sogenanntes Glas Kirchenwein zu trinken, einen alten Franzwein, der von sämmtlichen Pastoren der Umgegend als Abendmahlswein bezogen wurde. Der Name stammte noch aus den Zeiten des alten Forstschreibers Haus, welcher behauptete, der liebe Herrgott verzeihe, daß man nicht in der Kirche gewesen sei, wenn man vor Tisch ein Glas von diesem Kirchenweine trinke. Alle Nichtkirchengänger kamen nach elf Uhr unfehlbar zum Rathskeller, um auf leichte Weise Absolution zu erlangen, es kamen aber auch die meisten Besucher der Schloßkirche, deren Weg dort vorbeiführte, und die Stunden vor Tisch pflegten Sonntags am besuchtesten zu sein. Bruno ging früher hin, als er es zu thun pflegte; das Zimmer war voller Gäste; das Thema der Unterhaltung war der Erhängte, die Lesarten verschieden.

Endlich trat der Drost herein, er kam direct vom alten Schlosse und war dem Physikus und einem Assessor vorausgeeilt. Man kannte seine Lust, Neuigkeiten zu erzählen, Hochmeier trug ihm das Glas Kirchenwein schon entgegen und die Menge umringte ihn und bat um Aufklärung. Nach einem herzhaften Zuge begann er:

»Nun, der Assessor hat wieder einmal genial inquirirt, man lobt das ja und hat ihn deshalb decorirt, wird aber doch eine schöne Nase setzen, wenn das Nachtprotokoll an die Justizkanzlei kommt!

»Was eigentlich geschehen ist, weiß niemand, man kann es aber vermuthen. Der Herr College hat nach seinem Parforceritt von der thedinghausischen Grenze sein Mittagsmahl eingenommen und sich dann auf das Sofa gelegt, die türkische Pfeife angesteckt und von acht bis zehn Uhr schwedischen Thee gebraut. Herr Hochmeier wird vielleicht am besten wissen, ob er dazu eine oder zwei Flaschen Arak gebraucht hat. Um zehn Uhr hat er sich mit einem Buch Papier, Tinte und Feder in die Koje des Gefangenen begeben, sich vom Gefängnißwärter zwei Wachslichter anzünden lassen und diesen zu Bett geschickt.

»›Wenn ich Ihn brauche, werde ich schellen, dann vergesse Er aber den Ochsenpesel nicht!‹ hat er diesem gesagt.

»Gegen zwei Uhr in der Nacht hat der Assessor heftig geschellt, und Nappmeyer ist mit dem Ochsenpesel in der einen, der Laterne in der andern Hand in die Koje eingetreten. Der Inquirent ist bei seinem Eintritt vom Tische, an dem er protokollirte, aufgestanden und hat Dummeier zornig angeschrien: ›Hund, willst du nun unterschreiben!‹

»Der Gefangene, an einem Beine gefesselt, hat ein heiseres, rauhes Nein hervorgepreßt. Inquirent hat sich niedergesetzt, die Feder ergriffen, das, was er schrieb, laut sprechend; als nunmehr der Gefangenwärter Nappmeyer eingetreten war, wurde Delinquent noch einmal aufgefordert, das Protokoll, welches ihm vorgelesen war, bei Strafe von zwölf Hieben mit dem Ochsenpesel, zu unterschreiben. Nachdem er sich abermals weigerte, sind ihm diese aufgezählt worden.

»›Willst du nun unterschreiben, du hörst, was dir bevorsteht‹, sagte der Inquirent, diesmal mit gemäßigterer Stimme. Dummeier schüttelte nur mit dem Kopfe, und so mußte ihm Nappmeyer zwölf aufzählen.

»Delinquent stürzte bei dem letzten Schlage zu Boden und stöhnte: ›Wasser!‹

»Nappmeyer holte einen Krug, wie er für einen halben Tag hinreichen soll, von unten; der noch immer auf der Erde liegende Dummeier steckte die Zunge hinein, fing wie ein Hund an zu lecken, erhob sich dann und trank den Krug in einem Zuge aus.

»›Jetzt will ich unterschreiben‹, sagte er, ›wenn ich noch einen Krug Wasser bekomme und mich niedersetzen kann.‹

»Nappmeyer schob dem Delinquenten den Stuhl hin, auf dem bis dahin der Assessor gesessen, dieser hatte sich wie schlaftrunken auf die Pritsche und den Strohsack des Delinquenten niedergelassen. Er rückte die Lichter näher, gab Dummeier die Feder und verließ dann die Koje, um den Krug unten von neuem mit Wasser zu füllen.

»Als er wieder heraufkam, hatte Dummeier seine Schreiberei beendet, er trank den Krug abermals in Einem Zuge halb leer.

»Die Aufmerksamkeit des Gefangenwärters wurde aber von dem Delinquenten abgelenkt auf den Inquirenten, der mit stieren Augen und wilden Geberden sich von seinem Lager erhob und schrie: ›Fort, fort, siehst du die Mäuse nicht und die Ratten, Nappmeyer? fort! fort! Die ganze Koje ist voller Mäuse und Ratten.‹ Nappmeyer, ein vorsichtiger Mann, hatte freilich die Lichter ausgelöscht, aber das Protokoll liegen lassen, die Koje verschlossen und den Assessor mit Mühe die drei Treppen in seinen Thurm hinaufgebracht. Heute Morgen, als er dem Gefangenen die Biersuppe bringen will, findet er ihn an der Erde liegend am eigenen seidenen Halstuche, das an der Pritsche befestigt ist, ich weiß nicht, die Aerzte streiten, ob erhängt oder erdrosselt. So die Aussage des Gefangenwärters.«

Die Versammelten hatten mit lautlosem Schweigen der Erzählung des Drosten zugehört, dieser trank den Rest seines Kirchenweins aus und reichte das leere Glas dem Wirth, der es wiederum dem Oberkellner mit den langen Ohren und dummen Augen und Munde gab, um es zu füllen.

»Aber meine Herren«, fuhr der Drost in erhöhtem Tone fort, er hatte sich schon in die Fistel hineingeredet, »wissen Sie, was der Jochen unter das Protokoll geschrieben hat? So etwas ist mir in meiner langjährigen Praxis noch nicht vorgekommen, ich habe dasselbe deshalb extrahirt. Er zog einen Flicken Papier aus seinem Uniformsrocke und las: ›Alles erlogen und erstunken. Der dreimal verfluchte und besoffene Menschenschinder hat mich zwei Stunden lang am Schwanze seines Pferdes nach Heustedt geschleppt, mich dann, nachdem ich kaum wieder zu Athem gekommen und in Schweiß gebadet war, mitten in der Nacht lange Stunden stehen lassen, daß ich vor Frost zitterte und bebte, mir einen Trunk Wasser, um den ich zehnmal bat, verweigert, mich zwingen wollen, seine eigenen wüsten, räuberischen, versoffenen Phantasien als eigene Bekenntnisse zu unterschreiben. Verflucht sei der Menschenschinder, verflucht die Gerechtigkeit im Lande Hannover. Johann Dummeier.‹«

 

Der Drost war seit längerer Zeit ein Feind des Assessors, namentlich aber seit dem letzten Geburtstage Ernst August's, wo dieser mit einem Guelfenorden decorirt war, auf den er selbst vergeblich seit Jahren hoffte; in seiner unbezähmbaren Feindschaft hatte er sich öffentlich so indiscret über einen Collegen ergehen können, wie es wahrscheinlich kein anderer Beamter im ganzen Lande gethan haben würde.

Die Bahn der Rede war eröffnet, nun fing man an, über den Criminalassessor herzufallen und ihn zu zerfleischen. Mehrere von denen, die am Abend zuvor aus dem Club noch die Gefangennehmung Dummeier's als eine muthige, gloriose That gepriesen hatten, erklärten heute, daß Diebesfängerei sich für einen hannoverischen Beamten nicht schicke, wozu habe man denn Gensdarmen?

Der Physikus, welcher zu dem Kreise hinzugetreten, äußerte: Daß Jochen sich nach dem Ritt in einem krankhaften Zustande befunden haben müsse, sei natürlich, und ein nächtliches Verhör störe den Geist. Sonst sei Jochen, wie die Section ergeben, kerngesund gewesen und habe, obgleich vierundsechzig Jahre alt, noch zwanzig Jahre leben können. Die Hiebe, die er bekommen, seien nicht schlimm gewesen, der Körper zeige sechs horizontale und drei mit Blut unterlaufene Longitudinalstreifen. Jochen sei von jeher ein Hitzkopf gewesen, der durch die Wände habe rennen wollen. Dagegen habe ihm der Zustand des Assessors nicht unbedenklich geschienen, er habe heute Morgen im Fieber gelegen und phantasirt. Anfangs habe er geglaubt, Dummeier habe ihm während der Zeit, wo der Gefangenwärter Wasser holte, einen angewischt, er habe deshalb den ganzen Körper des Assessors untersucht, aber keine Verletzung gefunden. Unmöglich sei es aber nicht, daß der Erhängte dem Assessor, als er sich allein mit ihm befunden, mit seiner Riesenfaust einen Schlag auf den Kopf gegeben habe.

»Ei was«, rief eine Stimme aus dem Hintergrunde, »es ist weiter nichts als das Delirium tremens, was den Assessor phantasiren läßt, das hat er bei uns an der Elbe schon öfter gehabt, und seine Frau will sich deshalb von ihm scheiden lassen.«

Die Stimme kam von einem Weinreisenden aus Gartow, der am besten wußte, daß der Assessor seit Jahren schon keinen Wein, sondern nur stärkere Getränke zu sich nahm und an Säuferwahnsinn litt.

Der Drost mochte einsehen, wie unvorsichtig er in einer öffentlichen Wirthsstube sich geäußert, er trank sein Glas Kirchenwein aus und schlich sich davon. Die Juristen ergingen sich in Muthmaßungen, was die Justizkanzlei, an welche die Acten noch heute eingesendet werden sollten, wol sagen würde. »O, die mag sagen, was sie will«, mischte sich der in den Kreis getretene redselige Weinreisende ein, »ertheilt sie dem Assessor einen Rüffel, so steckt er ihn zu den vielen andern, die er schon bekommen. Der sitzt in Hannover zu fest, der hat im Jahre 1839 und 1840, als das ganze Land sich weigerte, zu einer incompetenten Kammer zu wählen, zweimal loyale Wahlen zu Stande gebracht, das schützt ihn gegen jede Anfechtung der Justizkanzlei, deren Loyalität selbst angezweifelt wird.«

Daß der Assessor nicht krank war, zeigte sich bald; noch während man von ihm sprach, sprengte er auf seinem Rappen die Kastanienallee vom alten Schlosse her, hielt vor dem Rathskeller und ließ sich »seinen Morgenkaffee«, das heißt einen großen Cognac, auf das Pferd reichen, dann flog er im Galop der hohen Brücke zu.

Durch den erzählten Fall gewann Baumann, solange er in Heustedt war, zum ersten mal Gelegenheit, die Misbräuche des geheimen gerichtlichen Verfahrens in einem lebendigen Beispiele, das Aufsehen machen mußte, darzulegen und das öffentliche mündliche Verfahren zu loben. Er wußte das geschickt, je nach dem verschiedenen Tone der Blätter, für die er schrieb, mit wechselnder Färbung zu thun. In der »Neuen Rheinischen« konnte er sich gehen lassen und that es in reichlichem Maße. Er knüpfte an den Einzelfall eine Kritik der gesammten Staatsverfassung, des Verfassungsbruchs und der dabei eigentlich verfolgten Zwecke, der Erhebung eines blinden, zum Regieren unfähigen Königs auf den Thron, der Ausbeutung der Finanzen, Vermehrung der Cavalerie über die Grenzen des Bundescontingents hinaus in luxuriöser Weise, Aufrechterhaltung der Exemtionen sowie der Beamtenwillkür und anderes mehr.

Diese verschiedenen Zeitungsartikel, die von allen deutschen wie von vielen ausländischen Blättern nachgedruckt und mit Glossen begleitet wurden, machten großen Lärm, die halbe Beamtenwelt, sämmtliche Cavalerieoffiziere sahen sich in ihnen verletzt.

Der Criminalassessor hatte dagegen nicht versäumt, die zahlreichen Acten über Beschuldigungen und Voruntersuchungen seit länger als dreißig Jahren, die gegen Jochen Dummeier anhängig gewesen waren, aber niemals zu einer wirklichen Verurteilung desselben geführt hatten, zu sammeln und mit einer Beschönigung seines Verfahrens an das Obergericht einzusenden.

Dennoch errang die öffentliche Meinung den Sieg, daß der Criminalassessor bis auf weiteres suspendirt und in Disciplinaruntersuchung genommen ward, gleichzeitig theilte jedoch die officielle Zeitung die lange Reihe von Vergehen mit, deren Dummeier seit 1809 beschuldigt war, um die Gemeingefährlichkeit desselben darzustellen und den Criminalassessor gleichsam zu entschuldigen.

Der Vorfall war auch bei der Tischgenossenschaft im Rathskeller vielfach Gegenstand der Erörterung geworden, wobei der präsidirende Major sich regelmäßig des Criminalassessors angenommen hatte, weil die Erfahrung lehre, daß gegen solche verstockte Bösewichte die gewöhnliche Inquisitionsmethode nichts helfe, daß es da drastischer Mittel bedürfe.

Unser Freund, dessen Platz am Tische hinaufgerückt war und den nur zwei Nachbarn von dem Präsidenten schieden, da der nächstälteste zu dessen Linken saß, und die Reihenfolge dann übersprang, hatte nicht einmal unmittelbar nachher, sondern erst nachdem auch andere sich geäußert, dazwischengeworfen, es solle ihn gar nicht wundern, wenn unter der glorreichen Regierung des Königs Ernst August die erst vor fünfundzwanzig Jahren abgeschaffte Tortur wieder eingeführt würde.

Der Major von Finkenstein erwiderte: »Ja, das werde kein übles Mittel sein, sich gegen die im Verborgenen schleichenden Pasquillanten zu schützen!«

Bruno, der dies auf sich bezog, da die officielle Zeitung eine Polemik gegen seinen Artikel in der »Neuen Rheinischen« begonnen und ihn darin einen Pasquillanten genannt hatte, wollte aufbullern, aber sein Nachbar Kloppmeier zog ihn am Rockschoße. Er schwieg.

Nach Tisch bat Kloppmeier seinen Freund, eine Tasse Kaffee bei ihm zu trinken, und als beide allein in dessen Wohnung waren, fragte jener: »Was hast du mit dem Major? Derselbe hat sich hinter deinem Rücken auf dem Club und in Privatgesellschaften mehrfach verfänglich über dich ausgelassen, sodaß ich schon Lust hatte, ihn zu coramiren, wäre ich nicht noch zu grün hier und könnte ich irgend erwarten, bei der Collegenschaft eine Stütze gegen diese Husarenwirthschaft zu finden.«

»Ich habe, außer neulich am Roulette und heute, persönlich nie einen Zusammenstoß mit dem Manne gehabt, nie ein Gespräch mit ihm geführt, wohl aber bin ich in seine Schwester sterblich verliebt gewesen. Aber die Physiognomie des Majors misfällt mir seit dem Augenblicke, wo ich ihn vor zwölf Jahren zum ersten mal sah, und seitdem ich ihn hier getroffen, hat mich das Gefühl nicht verlassen, daß ich mit ihm zusammenstoßen müßte.«

»Wenn der Major auch nur ahnt, daß du je in seine Schwester verliebt warst, so ist das schon eine tödliche Beleidigung für ihn«, sagte Kloppmeier, »denn ich habe nie einen hochmüthigern, adelstolzern Narren gesehen als ihn, obgleich sein Adel erst von gestern ist. Ich vermuthe übrigens, daß eine politische Intrigue dahintersteckt. Prinzeß Häßlich dort drüben macht stark in Politik, und ich weiß aus sichern Quellen, daß an ihrer Tafel davon die Rede gewesen, daß es eine Schande für Heustedt sei, einen solchen Demagogen wie dich in den Herrenclub aufgenommen zu haben. Der Major wird sich Rittersporen des Guelfenordens, der ihm noch fehlt, verdienen wollen, indem er dich hier unschädlich macht. Du kannst deine Pistolen, wenn du sie noch hast, dreist hervorsuchen und nach dem Rüstmeister senden. Du wirst sie über kurz oder lang gebrauchen müssen.«

Der Freund hatte recht, es sollte schon am nächsten Mittag zum Aeußersten kommen. Bei Tisch wurde nur von Spiel und Pferden gesprochen; als das Dessert aufgetragen war und einzelne Tischgenossen schon Kaffee bestellten und nach der Cigarrentasche langten, begann der Major mit seinem Tischnachbar zur Linken ein Gespräch über den Criminalassessor.

»Jean, hole einmal die gestrige ›Hannoversche Zeitung‹ vom Club«, sagte er zum Oberkellner. Dieser brachte die Zeitung, und da begann der Major die Fortsetzung der Polemik gegen den Artikel der »Neuen Rheinischen Zeitung« laut vorzulesen, der sich hauptsächlich in Schmähungen und Verdächtigungen des Verfassers jenes Artikels erging. Der Major legte das Blatt auf den Tisch, steckte sich eine Cigarre an, drehte an den Spitzen seines Schnurrbarts und sagte mit Emphase: »Der Mann schreibt mir aus der Seele, ich könnte einen solchen infamen Hund von Pasquillanten mit der Hundepeitsche tractiren, wenn ich ihn vor mir hätte!«

Unser Freund sprang von seinem Sitze auf: »Herr Major, der Verfasser ist mein Freund, und ich vertrete jedes Wort, was er geschrieben. Sofern Sie also Ihre Aeußerung nicht revociren, werde ich mir erlauben, für meinen Freund Rechenschaft zu fordern.«

»Soll mir lieb sein«, lachte der Major hämisch und strich abermals die Spitzen des Schnurrbarts.

Die Tischgenossenschaft saß erstarrt, so etwas war seit zwanzig Jahren nicht vorgekommen, damals war ein mit einem Civilisten bei Tisch in Streit gekommener Offizier erschossen.

Bruno ging nach Haus, Kloppmeier folgte bald nach; er hatte in Heidelberg wie in Göttingen seinem Namen Ehre gemacht und hatte selbst einen der gefürchtetsten Paukhähne, den Herrn von Bismarck-Schönhausen, abgeführt; der Ministerpräsident soll zwar später, wo er mit ihm in der Bildergalerie des königlichen Schlosses zusammentraf, gesagt haben, das sei ein Nachhieb gewesen. Kloppmeier sagte: »Du wirst einen Cartelträger und einen Secundanten gebrauchen müssen. Die Functionen des erstern werde ich gern übernehmen, secundiren darf ich nicht. Ich soll die Stütze einer alten Mutter und zweier Schwestern erst werden, denn seit sechs Jahren unterhalten sie mich von ihrem geringen Vermögen, das meine war bei dem zweiten Examen zu Ende. Ich habe aber einen Ersatzmann, im nahen Braunschweigischen wohnt Wettermann, unser alter Senior, als praktischer Arzt. Will der nicht, so thue ich es. Ich fordere den Major natürlich auf Pistolen, bestimme die Grenze bei Thedinghausen als Ort, morgen, elf Uhr vormittags, als Zeit. Der Major kann den Regimentsarzt mitbringen, der zugleich Unparteiischer ist.

»Ich eile, sobald ich die Forderung ausgerichtet, zu Freund Wettermann, um dort das Nöthige zu besorgen. Du aber gehst heute frühzeitig auf den Club und suchst dir eine Partie. Sollte jemand die Unverschämtheit haben, dich nach der Affaire zu fragen, so sagst du, es lasse sich hoffen, daß die auf einem Misverständnisse beruhende Sache sich ausgleiche. Wenn du morgen halb acht Uhr ausfährst, so bist du halb elf Uhr im Birkenwäldchen an der Grenze.«

Kloppmeier ging, ohne Antwort abzuwarten. Bruno hatte nach dem Spielabende seine Tausend-Guldenscheine bei Hirschsohn umgewechselt und sie, außer der Summe, die er bis Ostern zu verbrauchen glaubte, in der Sparkasse angelegt. Das Sparkassenbuch siegelte er ein, adressirte es mit einem Gruße an seinen jüngern Bruder Karl, der in Göttingen Jura studirte; eine Cession war unnöthig, da es auf den Inhaber lautete.

Dann schrieb er einen längern Brief an die Mutter, von der er zärtlich Abschied nahm, ordnete seine Papiere und schlief ruhig, von Heloise von Finkenstein träumend.

Am andern Morgen elf Uhr standen die Duellanten sich gegenüber, auf zwölf Schritt Barrière. Die beiden ersten Schüsse fehlten, Baumann hatte dem Major den Pelztschako vom Kopfe geschossen, des Majors Kugel hatte seine linke Brust in den Kleidern gestreift. Beim zweiten Schusse traf Bruno den rechten Oberarm des auf sein Herz zielenden Majors, sodaß er zur Erde sank und die Kugel seines Pistols zu Bruno's Füßen in den Rasen schlug.

Der Major verlangte mit der linken Hand noch zwei Kugeln zu wechseln, allein eine Ohnmacht hinderte ihn, sein Verlangen, dem sich der Regimentsarzt widersetzte, durchzuführen, obgleich sein Secundant dasselbe vertrat.

Doctor Wettermann brachte Bruno nach Bremen, wohin Kloppmeier, der zu Pferde nach Heustedt zurückeilte, Nachricht senden wollte.

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