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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 68
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Ehe er von Wien Antwort bekam – ein Brief lief damals noch acht Tage und länger – trat ein Ereigniß ein, das diesen Plan zunichte machte. Mitte November, so weit war die Jahreszeit schon vorgerückt, fand in Heustedt ein großer Viehmarkt statt. Da kamen Domänenpächter, Gutsbesitzer, reiche Bauern von nah und fern, es war der Clubsaal zu einer großen Tafel eingerichtet, eine Musikbande, die vom bremer Freimarkte zurückkam, machte Tafelmusik, es wurde gut gegessen und fleißig getrunken.

Kaum war der Kaffee auf dem Tische und die Cigarren angezündet, als die hinterste Tafel abgedeckt und dem Sofa näher gerückt wurde, auf einem in der Ecke stehenden Kasten wurde ein Instrument hervorgezogen, das Bruno hier zum ersten mal sah – eine Roulette.

Ein allbekannter Bankhalter, der im Sommer die Bank in Rehburg in Pacht hatte, breitete das grüne Tuchlaken über den Tisch, und bald war die Tafel besetzt. Auch Bruno hatte einen Platz am Tische genommen und fing, als er das Spiel begriffen hatte, zu pointiren an. Er spielte mit großem Glück, solange er einfache Chancen verfolgte, und hatte schon mehr als 100 Thaler gewonnen, als sein Nachbar, der Drost, ihn aufmunterte, sein Glück mit Nummern zu forciren. Auch die ersten Nummern schlugen ein und verdoppelten seinen Gewinn.

Plötzlich drehte ihm aber Fortuna den Rücken, kein Satz wollte glücken, sein Geld schwand schneller, als es gekommen, zumal er drei, vier, fünf Nummern zu setzen anfing. Nach einer halben Stunde war er völlig blank. Einer der Tischgenossen, der jetzt im Glück war, bot ihm 20 Thaler Darlehn, sie wurden angenommen, gingen aber den Weg zum Bankier.

Eine Spielwuth, die ihn jedes vergünstigen Gedankens beraubte, war über ihn gekommen; er sprang auf, lief, so gut das Gedränge es zuließ, einen Tausendguldenschein von Haus zu holen, wechselte und spielte anfangs mit erneuertem Glück, dann mit beständigem Unglück so lange, bis er abermals auf Null reducirt war.

Er eilte wieder nach Hause und wollte mit den 3000 Gulden, die er noch hatte, zum Rathskeller zurück, als der Wasserbauinspector in sein Zimmer trat.

»Wenn Sie in dieser Rage zum Keller zurückkehren, so sind Sie sicher, nach einer Stunde ebenso ausgebeutet zurückzukehren, wie Sie soeben nach Hause gelaufen. Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen, dann wollen wir eine Partie Schach spielen, und wenn Sie dann noch nach der Roulette zurückwollen, so begleite ich Sie.

»Hier lebte bis vor drei Jahren ein pensionirter Amtmann Motz – der vor langen Jahren wegen eines beim Glücksspiel vorgefallenen Streites und Duelles von hier versetzt worden war, auch einer meiner Vorgänger war in die Sache verwickelt; bei meinen Acten liegt ein Bericht an das Geheimrathscollegium von damals. Doch das gehört nicht zur Sache. Motz hatte sich nach seiner Pensionirung nach Heustedt, seinem Geburtsorte, zurückgezogen, wo sein einziger Sohn als Supernumerarassessor arbeitete. Heute vor drei Jahren war, wie alle Jahre, Viehmarkt, und solange der Drost hier ist, treibt es jener Rouletteschwindel wie heute. Ich war nach Tisch auf den Krammarkt gegangen, um einigen Damen, die mir den Markt abgewonnen, etwas zu kaufen. Das Spiel mochte kaum eine Stunde eröffnet sein, als der junge Motz an mir erhitzt, ohne Hut, vorbeischoß, nach seiner Wohnung, wie heute Sie. Ich rief ihm im Spaß nach: Hat das so 'ne Eile? bekommt der Jude Ihr Geld nicht früh genug? Er sah und hörte nicht.

»Ich ging später in den Spielsaal und sah mir die Menschen an, wenn man die in Hitze gekommenen Spieler überhaupt noch so nennen kann. Der junge Motz spielte mit Gold und spielte unglücklich, sein Spiel hatte die Aufmerksamkeit vieler auf sich gezogen, denn man erzählte mir, zwei Stapel Doppellouisdor, die vor dem Bankhalter lagen, habe er schon verspielt, und wunderte sich, woher er das Geld bekommen, da sein Vater nur von seiner Pension lebte.

»Ich beobachtete, Motz langte wieder in die Tasche und zog einen Doppellouisdor hervor, es war der letzte, wie es schien, er betrachtete ihn lange nachdenkend, dann reichte er denselben dem Bankier zum Wechseln und besetzte die Null mit einem Thaler – die Null gewann, ein freudiges Lächeln umstrahlte das Gesicht des Spielers.

»Während der Bankier ihm 36 Thaler auszahlte und frug, ob er auch Gold haben wolle, trat sein Vater mit hastigem Schritt ins Zimmer und auf den Sohn zu, dem er ein Wort in das Ohr flüsterte. Ein Nachbar des Spielers wollte das Wort Dieb gehört haben.

»Der hochrothe junge Mann wurde todtenbleich, er raffte seine Thaler zusammen und verließ den Spielsaal, der Vater folgte ihm. Während letzterer noch nach seinem Hute suchte, rannte der Assessor abermals barhäuptig aus dem Hause, und hier am linken Ufer, wo das Fahrwasser ist, sprang er von der Brücke in die Weser. Nach acht Tagen fand man den Leichnam und konnte ihn nun mit dem Vater, den der Schlag gerührt, zugleich beerdigen.

»Man erfuhr bald den Zusammenhang. Der Domänenpachter Angstmeier hatte ein Kapital von 2000 Thalern Gold ausleihen wollen, indeß hatte des Marktes wegen eine Obligation nicht aufgenommen werden können; er brachte das Gold zu seinem Freunde, dem Amtmann Motz, um es von ihm bis zum andern Tage aufheben zu lassen. Dieser schloß es in seinen Schreibtisch. Der Sohn, der dabei gegenwärtig war, hatte in der Spielwuth den Schrank erbrochen, die ganze Summe verspielt.

»So, nun setzen Sie sich und lassen Sie uns eine Partie Schach spielen. Zeigen Sie mir, daß Sie wirklich ein Philosoph sind, wie Sie sagen.«

Man setzte sich zum Schach. Bruno's Leidenschaft war der Scham gewichen, er nahm sich zusammen und gewann die Partie.

»Nun gut«, sagte der Inspector, »Sie haben sich beruhigt, jetzt können wir wieder in den Spielsaal gehen, müssen es sogar Ihres Renommee wegen, denn nehmen Sie es mir nicht übel, Sie haben sich wie ein gerupfter Grünling benommen und mehr Schadenfreude als Mitleid erregt. Zeigen Sie sich jetzt als ruhiger, besonnener Mann. Wechseln Sie das größte Papier, das Sie haben. Setzen Sie von neuem 10 Thaler zum Spielen aus, will das Glück Ihnen wohl, so können Sie mit der Summe ebenso viel gewinnen als mit 1000 Gulden, haben Sie Unglück, so müssen Sie aufhören, wenn die 10 Thaler verloren sind.«

Unterwegs sagte der freundliche Mann zu unserm Freunde noch Folgendes: »Ich bin zehn Jahre älter als Sie, lebe seit funfzehn Jahren an diesem Orte und darf mir daher wol erlauben, Ihnen einen guten Rath zu geben. Sie müssen sich nicht so sehr isoliren, je mehr Sie sich zurückziehen, desto mehr zieht sich die Gesellschaft von Ihnen zurück, ohne Gefälligkeit aber kann kein Mensch bestehen. So gern ich eine Partie Schach mit Ihnen spiele, so rathe ich Ihnen doch, daß, wofern Sie Karte spielen, Sie ein oder den andern Tag eine Partie L'Hombre oder Whist machen, Sie werden dadurch mit den Leuten bekannter als auf andere Weise, und glauben Sie mir, unsere guten Heustedter sind nicht besser, nicht schlimmer, als die Leute anderswo sind, und wenn man sich einigermaßen gewöhnt hat, läßt es sich hier besser leben als an hundert andern Orten. Denken Sie einmal an die Aemter in unserer Provinz, an Bruchhausen, Ehrenburg, Freudenberg, Harpstedt, Lemförde, Diepholz? – Und nun noch eins, geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß Sie zu spielen aufhören, wenn ich meine Hand auf Ihre Schulter lege.« Bruno versprach Nachfolge.

Am Tische der Roulette hatte die Scene sich geändert, die Mehrzahl der hitzigen, namentlich alle jüngern Spieler waren blank und sahen dem Spiele nur noch zu, dagegen war der Major von Finkenstein, der Präsident des Rathskellertisches, von einer Reise zurückgekommen und nahm dicht neben dem Bankhalter einen bequemen Platz ein. Zwei oder drei reiche Gutsbesitzer saßen neben ihm, es wurde sehr hoch pointirt und dem Bankhalter, der an der Roulette stand, liefen die dicken Schweißtropfen über die magern Wangen und nahmen die aufgelegte Schminke in ihrem Rinnen vom Gesicht.

Bruno hatte den Bruder seiner Geliebten noch nicht gesehen. Als er in Heustedt ankam, war derselbe verreist; er hatte nur seine Karte und den Brief Heloisens abgegeben. Unser Freund war unangenehm überrascht, als er in dem Major jenen Husarenoffizier wiedererkannte, der vor zwölf Jahren bei dem Einzuge der Truppen in Göttingen das höhnische Hepp! hepp! Pereat Göttingen! gerufen hatte. Das Gesicht war ihm damals schon widerwärtig gewesen, heute, wo es stärker bebartet war, aber nach der steifleinenen Vorschrift Ernst August's, misfiel es ihm noch mehr. Der Major Victor Justus Haus von Finkenstein saß im Glück, mehrere Rollen Gold und das Tausendguldenpapier Bruno's lagen schon als Gewinn vor ihm. Als Bruno die neue Note in Gold wechseln wollte, hatte der Bankier nicht so viel Geld, und der Major mußte auf Bitten desselben wechseln. Bruno steckte das Gold bis auf einen Doppellouisdor ein und fing, nachdem er diesen gewechselt hatte, ein Spiel mit Thalern an. Es schien, als wenn das Glück, welches bisher bei dem Major gewesen, mit dessen Gelde auf Bruno übergegangen sei. Der Major spielte ein eigenes Spiel, er setzte ein Dutzend Louisdor auf roth und ließ das Geld eine Zeit lang, die er an der vor ihm liegenden Uhr abmaß, stehen – verlor er, so besetzte er während der noch übrigen Zeit regelmäßig die rothe Null. Gewann diese, so setzte er die Hälfte des Gewinns auf rothe Farbe und ließ ein Viertel des Gewinns noch einmal auf der Null stehen, wobei er den Bankhalter freundlich anzurufen pflegte: »Drehen Sie ›Noll‹, Söhnchen!« und nicht selten hatte das geholfen.

Bruno, dem Major gegenüber und die schwarze Farbe vor sich, hatte durch Zufall oder aus antisympathischer Neigung die schwarze Farbe gehalten, und diese, welche den ganzen Abend nicht Stich gehalten, wurde plötzlich dauernd, gewann nacheinander erst acht, dann vierzehnmal. Der Major verdoppelte nach jedem Verluste seinen Satz auf roth, konnte aber nicht eine einzige erlangen. Ebenso unglücklich spielte er auf der Null, diese kam nicht, während, so oft Bruno eine Zahl oder die schwarze Null setzte, diese kam.

Bruno hatte so manche Doppellouisdor bezahlt bekommen, vor ihm lag ein Haufen Thaler, die Goldrollen des Majors waren verschwunden, einer der beiden Tausendguldenscheine lag schon wieder vor dem Bankier, die Stimmung des Majors wurde immer verdrießlicher, er trank ein Glas Champagner nach dem andern, fluchte und ersuchte endlich Bruno auf eine beinahe unartige Weise, ihm den zweiten »Wisch«, auf die Note weisend, zu wechseln und ihm sein Gold zurückzugeben, mit dem sein Glück geschwunden sei.

Bruno war in Begriff, auf ähnliche Weise zu antworten, als der Wasserbauinspector die Hand auf seine Schultern legte.

Er wechselte nun seinen Schein wieder ein und sah bei dieser Gelegenheit, daß er seinen Verlust beinahe eingeholt hatte, er machte der Gesellschaft eine Verbeugung und folgte dem Wasserbauinspector in das Lesezimmer, wo sich beide zu einer Partie Schach setzten.

Am andern Mittage versäumte der Tischpräsident die Tischzeit und mußte selbst in das Strafbuch geschrieben werden – er ließ sich nach dem Essen von dem Wasserbauinspector dem neuen Advocaten vorstellen, schnarrte in nachgeahmtem berliner Garde-Offiziertone einige Worte von Bedauern, nicht getroffen zu haben, und wendete sich beim Kaffee, und nachdem er die Cigarre angezündet, wieder zu seinem Tischnachbar, um die Erzählung von Wien, Ofen, Pesth u. s. w. fortzuführen.

Der Major hatte der Hochzeit der Schwester beigewohnt, im Hause seines Onkels, und das junge Ehepaar dann nach Pesth und tiefer nach Ungarn hinein begleitet. Hatte er keinen Gruß von Onkel Hermann, keinen von seiner Tante und Nichte Veronica, keinen Gruß von dem Ideal seiner Träume mitgebracht? War dieses völlige Ignoriren seiner Verwandtschaft und Bekanntschaft mit den Leuten, von denen der Major kam, nicht etwas Absichtliches?

Zu Hause angekommen, fand er die Karte des Majors und einen Brief seines Onkels vor, der Major hatte also zu einer Zeit, wo er ihn bei Tische wußte, Visite gemacht und dadurch deutlich zu erkennen gegeben, daß er in nähere Beziehung zu dem jungen Advocaten nicht treten wollte.

Seit dem Spielabende trat in Baumann's Leben eine Veränderung ein; er gab alle heidelberger Plane auf, er nahm sich vor, es sich in Heustedt gefallen zu lassen, das Leben zu nehmen wie es sei, und sich Freunde und Bekannte zu schaffen. Er betheiligte sich öfter am L'Hombre- und Whisttische, fing aber zu Hause eine größere wissenschaftliche Arbeit an, die ihm einen Namen machen sollte.

Seitdem die Heustedter sahen, daß Bruno L'Hombre und Whist spielen könne, sahen, daß er eine Auster zu würdigen wisse, ein Glas Grog oder eine halbe Wein nicht verschmähte, seitdem derselbe nach dem Spiel mit ihnen plauderte, von Dresden, Prag, Wien und den schönen Wienerinnen erzählte, kurz seitdem sie merkten, daß er ein Mensch mit Leidenschaften und Schwächen wie sie sei, wurden sie minder zurückhaltend und zeigten sich aufgeknöpfter.

Auch seine Geschäfte kamen in Gang. Der dritte Beamte überwies ihm zwei Concurscuratelen, Kaufleute schickten Bauern, die Processe anfangen wollten, Bruno mußte an Gerichtssitzungstagen regelmäßig schon nach dem Amte, um seine Termine zu halten, er kam mit seinen Collegen in nähere Berührung und fand ganz passable Leute, kurz er fühlte sich heimischer.

Wir besitzen aus dieser Zeit noch einen Brief Baumann's an einen Freund in Leipzig, der uns vielleicht den besten Einblick in sein damaliges Leben gewährt. Nur den Anfang des Briefes lassen wir weg, er bezieht sich auf das neu angefangene Werk. Dieses sollte eine populäre Philosophie der Geschichte werden, wobei er sich zwar an die Grundlehren seines Meisters hielt, allein ohne an eine streng systematische und deductive Entwicklung in der Ausführung sich zu binden. Er ging von den Thatsachen der Geschichte aus und legte daran die Kritik der sittlichen Mächte; er prüfte, in welcher Weise Religion, Recht, Schönheit, Moral in dem Leben der einzelnen Völker zur Anerkennung und Darstellung gekommen seien, und welche Stellung diese Lebensmächte zueinander eingenommen hatten. Dann fuhr er im Briefe fort:

»Was nun das hiesige gesellschaftliche Leben anbetrifft, so habe ich mich der Sitte und dem Brauche unterwerfen müssen, so schwer es mir auch angekommen ist. Aber man gewöhnt sich an alles. Ich spiele hier, trotz eines Pastors, mindestens ein um den andern Tag mein L'Hombre oder Whist auf dem Club, freilich mit allem Pech, weil ich mit Unaufmerksamkeit spiele. Aber ich fühle, daß das eine geistige Abspannung ist, die mir wohlthut; wenn ich abends nach Hause komme und mich zwei Stunden an die Arbeit setze, beschicke ich mehr als früher in fünf Stunden.

»Auch der Geist verlangt nach Abwechselung. Meine Praxis ist im Zunehmen, und ich habe einige recht interessante Processe, die schon in höhern Instanzen schweben.

»Du willst ein Bild der hiesigen Gesellschaft; nun wohl, wenn es Dich interessirt, will ich eine Reihe von Personen Dir vorführen. Der Allmächtigste und Gefürchtetste hier ist Graf Schlottheim, erster Kammerherr bei Sr. Majestät Ernst August, der mit Schele seit 1837 Politik gemacht hat. Ich kenne ihn noch nicht persönlich, da er während meiner Anwesenheit Heustedt noch nicht die Ehre seines Besuchs gegönnt hat; wenn er aber seinem jüngsten Bruder ähnlich ist, den ich in Göttingen kannte, so wird er mich schwerlich je in seinem Schlosse sehen. Du erinnerst Dich vom Jahre siebenunddreißig her noch des langaufgeschossenen Vandalen, der mit Oerzen, Malzahn und andern mecklenburger Junkern herumkneipte und von Dahlmann das Honorar für die nicht beendete Vorlesung durch den Stiefelwuchs zurückfordern ließ. Als ich die Sache zu Hause erzählte, ließen es sich die Füchse nicht nehmen, dem Herrn Grafen einen dummen Jungen aufzubrummen, und mein Freund Grant, der Amerikaner, hat ihn durch einen Säbelhieb auf immer gezeichnet. Der Jüngere, der Kammerherr, wird nicht besser sein. Er kommt indeß nur in der Frühlingszeit und im Herbst zur Jagd.

»Dann sollte der Drost von G. eigentlich die erste Geige spielen. Ehe ich hierher kam, hatte ich aus den Verhandlungen der Ersten Kammer über das Staatsgrund- und die Ablösungsgesetze mir von ihm das Bild eines Aristokraten vom reinsten Wasser entworfen. Seitdem ich hier bin, habe ich mich überzeugt, daß er vom Aristokraten nichts hat, auch kein Gut und Geld, daß er ein ganz gewöhnlicher Bureaukrat ist, nur in der Rede und mit der Feder gewandter, als es in der Regel seine Collegen sind. Seine politischen Floskeln hat er aus Haller und dem »Politischen Wochenblatt«, von Volkswirthschaft hat er keinen Begriff, aber er ist sich bewußt, von anderm Stoffe zu sein als wir. Hier hat er sein Ansehen durch kleine Fingerkunststückchen beim Spiel, durch Schwatzhaftigkeit, Unzuverlässigkeit, fortwährende Verbindlichkeiten gegen Geldjuden eingebüßt. Seine fünf Töchter sind eine noch blonder als die andere, die jüngste nicht unschön, aber sie ist mit ihren langen Locken so schmachtend, daß man Mitleid mit ihr haben könnte.

»Sie sämmtlich richteten, als ich Visite machte, die Frage an mich, ob ich tanze, und als ich das bejahte, brach die gesammte Schwesterschaft in ein Lamento über die Tanzfaulheit der jungen Herren los. Da habe ich für den ersten Casinoball, der morgen stattfindet, schon fünf unvermeidliche Tänzerinnen.

»Nun sind noch ein paar Landjunker hier, beide in meinem Alter etwa, und seit zwei oder drei Jahren verheirathet. Der eine, Philipp von Vogelsang, groß, dick, schwerfällig, aber gutmüthig und ohne Adelsstolz; er läßt alles Geld, das er verbraucht, erst waschen, was ich nobel finde, er soll gute Gesellschaften und feine Bälle geben. Seine Frau, eine junge recht schöne Dame, eine verarmte Adeliche aus dem nahen Braunschweigischen, dem 1815 auf dem Wiener Congreß vergessenen Thedinghausen, soll sehr vergnügungssüchtig sein und keinen Ueberfluß an Geist besitzen. Sie erzählte mir bei der ersten Aufwartung, ihr Gemahl sei nur deshalb nicht Landrath (eine provinziallandschaftliche Sinecure), weil sein Vater Drost gewesen sei und deshalb eine landschaftliche Stelle nicht habe bekleiden können. So habe er denn die Wahl auf seinen Schwager, den Baron von Bardenfleth gelenkt, der – sie wollte noch mehr sagen, aber in diesem Augenblicke trat ihr Mann in das Zimmer. Ich konnte nach dem, was ich von andern gehört, aber die Rede schon ergänzen, sie wollte indiscret hinzufügen, der es ja auch nöthiger habe als ihr Gemahl, der nach Schlottheim der reichste Grundbesitzer sei.

»Der Landrath von Bardenfleth, Vogelsang's Nachbar, ist ein kleines, feines, zierliches Männchen mit sehr kleinen Händen und Füßen, worauf er sich nicht wenig einbildet. Ob er Geist hat, darüber habe ich noch keine Beobachtungen anstellen können, er ist ein eifriger L'Hombrespieler und immer der erste auf dem Club. Seine Frau ist minder schön als die Gnädigste von Vogelsang, hat aber etwas Pikantes, ich möchte sagen an französische oder gar pariser Frauen Erinnerndes, obwol ich solche nur aus Romanen kenne. Sie ist witzig, voll von guten Einfällen, sie hat eine oberflächliche Kenntniß unserer schönen Literatur, obgleich es mir schien, als habe sie mehr aus einer Literaturgeschichte als aus den Quellen geschöpft. Sie sprach von literarischen Abenden, von der Nothwendigkeit eines Journalcirkels und meinte, daß ich ein Element sei, das Heustedt noch gefehlt habe. Sie wollte von ihrem Freunde, dem Wasserbauinspector, viel Gutes über mich gehört haben, und bat, ihr öfter die Ehre meines Besuchs zu gönnen. Außerordentlich gnädig, wie Du siehst.

»Zwischen beiden Damen, die etwa in gleichem Alter, höchstens dreiundzwanzig Jahre alt sind, soll eine gewisse Eifersüchtelei herrschen. Beide von ihren Männern, in Gesellschaft wenigstens, vernachlässigt, sehen gern einen ganzen Schwarm von Anbetern hinter sich, da aber ihr Geschmack verschieden ist, so theilen sich die Elemente. Frau von Vogelsang liebt fixe Tänzer, ein Husarenlieutenant ist ihr lieber als ein Federfuchser, die Landräthin zieht die geistreiche Salonunterhaltung vor. So erzählt man mir. Wie mir der Forstsecretär vertraute, vermittelt die Natur zwischen den beiden Damen. Sie befinden sich regelmäßig zu entgegengesetzten Zeiten in dem Zustande, der ein Zurückziehen von der Geselligkeit für einige Zeit erheischt, und während eines solchen interessanten Zustandes fällt dann die Herrschaft über alle unbedingt der andern zu. Was ist das für eine Staatsform? Ich würde noch ein oder gar zwei Dutzend Frauen zu schildern haben, wollte ich alle die Göttinnen der kleinern Geschlechter der Gesellschaft schildern. Ich beschränke mich darauf, noch von zwei Familien zu sprechen.

»Eine kleine Stunde von hier, auf einem hübschen Bauerhofe in Eckernhausen, inmitten eines Eichenwaldes, den aber die bremer Rheder schon stark lichten lassen, wohnt eine steinreiche Witwe, die Schwester eines Senators Junker aus Bremen, die Witwe Claasing. Sie ist durch ihren Reichthum wie durch ihren Geiz zu einer Berühmtheit geworden, deren Namen dem Fremden, der hierher kommt, in vierundzwanzig Stunden ein Dutzend mal genannt wird. Ihr Mann, der vor zwei Jahren gestorben, soll sich in Göttingen als Student ruinirt haben, er heirathete aber doch die Schwester seines Schwagers, eines Sohnes der bekannten bremer Firma Johann Karl Junker und Compagnie, damit das Geld beisammenbleibe.

»Der älteste Supernumerarassessor, der, wie man in Heustedt zischelte, gern eine der ›Goldgänse‹, so nennt man die Töchter, heimführte, beredete mich zu einem Pflichtbesuche.

»Noch in meinem Leben habe ich kein Gesicht gesehen, auf dem eine Untugend so deutlich ausgeprägt war, als bei Frau Claasing der Geiz. Ein langes, dünnes Knochenskelet von verhungertem Aussehen, mit Lippen so dünn und blaßgelb wie die einer Mumie, aber mit glühend schwarzen, unstet herumschwirrenden Augen, aus denen die Habsucht hervorleuchtete.

»Dagegen sind die Goldgänse zwei frische blühende Rosenknospen, von denen man kaum glauben sollte, daß sie aus dem ausgetrockneten Stamme der Mutter entsprossen seien.

»Die älteste Tochter, Minna, ist einundzwanzig, die jüngere, Auguste, neunzehn Jahre, beide sehen sich so ähnlich, daß es mir schwer wurde, sie voneinander zu unterscheiden, bis mir der Assessor zuflüsterte, die ältere habe am Kinne einen Leberfleck.

»Beide Mädchen, welche noch bei Lebzeiten ihres Vaters ihre Erziehung in Bremen im Hause des Onkels Senator erhalten, zeigten sich in der Unterhaltung als besonnene, unterrichtete, bescheidene junge Damen, sodaß ich den heustedter Gänschen, welche den Namen wahrscheinlich aus Neid erfunden, wünschte, sie möchten halb so liebenswürdig sein als diese Dorfschönen. Während der Assessor sich mit der Aeltesten unterhielt und diese wie die Mutter bestürmte, morgen zum Balle nach Heustedt zu kommen, zeigte mir die Jüngere die innere Einrichtung eines niedersächsischen Bauerhauses, die ich noch nicht kannte, ein Haus, das Menschen und Vieh unter Einem Dache birgt.

»Was für einen Werth so ein Hof hat, begreift man bei uns zu Hause nicht. Der Forstschreiber äußerte neulich bei Tisch: wenn der Hof ihm gehöre, so würde er aus dem Sünder für 30000 Thaler Eichen hauen lassen, ohne daß jemand sehen solle, daß ausgeholzt sei. Da waren Eichen, drei-, ja vierhundert Jahre alt und schlank wie die Tannen, weil sie zu dicht gestanden.

»Wahrlich, wenn das Geld nicht wäre, die Auguste Claasing wäre ein Mädchen, in das ich mich verlieben könnte. Freilich mit dem Hauptvermögen wird der Sohn davongehen, der nach Bauernrecht diesen Hof, einen Siebenmeierhof in Grünfelde und noch zwei andere Höfe als bevorzugter Anerbe erhält, ein Grundvermögen von 150000 Thalern jedenfalls.

»Dieser ›Anerbe‹ ist jetzt in Bremen auf dem Gymnasium und wird Ostern zur Universität nach Göttingen abziehen, und da will die Mama, um ihn zu überwachen und von Ausschweifungen abzuhalten, ihn begleiten. Wahrlich, eine harpagushafte Idee!

»Frau Claasing forschte mich sehr aus nach den Preisen der Wohnungen und des Essens in Göttingen; ich konnte nicht umhin, einen Diebstahl an H. Heine zu begehen, mutatis mutandis, ich sagte ihr, sie könne bei Mutter Ballauf auf der Allee monatlich die Portion Mittagsessen für 4 bis 6 Thaler bekommen, und im Hotel Körber am Wilhelmsplatze sei es noch wohlfeiler. Aber welches zufriedene Lächeln strahlte über das Gesicht der Mutter!

»›Ja, das wäre bei diesen theuern Zeiten noch zu erschwingen‹, meinte sie, ›aber meine Töchter machen mir Sorge; ich müßte sie in Pension geben, und das ist hier sehr theuer.‹

»Wie ist ein solcher Geiz psychologisch zu erklären? Ich möchte eine solche Schwiegermutter nicht, und wenn an den Haaren ihrer Töchter eine halbe Million hinge.

»Nun ein Gegenstück. Die einzige Person, an die ich Empfehlungsbriefe hatte, nämlich von Detmold, war der Bankier und Productenhändler Meyer Moses Hirschsohn. Er selbst war nicht zu Hause, aber die Damen nahmen meine Aufwartung an. Die Frau des Hauses war die zweite Gattin, von der ersten stammte eine achtzehnjährige Tochter Pauline, eine Blondine ohne jede Spur orientalischer Gesichtsbildung. Die Tochter der zweiten Frau, Sidonie, war erst zwischen dreizehn und vierzehn Jahren, aber orientalisch entwickelt, klein, doch mit runden weichen Formen und einem Glutauge, wie ich es noch nie gesehen. Und diese Kleine wußte schon von diesen Augen Gebrauch zu machen.

»Die Mutter aber, die etwa Dreißigjährige, – mir verwandelten sich die Horazischen Worte unwillkürlich in: o mater pulchra filia pulchrior – wahrlich, eine Schönheit ohne Makel, wie ich sie selbst in Wien nicht gesehen, eine Centifolie, voll aufgegangen, lieblich duftend wie eine Rose aus Jericho, Anbetung heischend, voll Siegesbewußtsein, wenn sie die Augen voll Glut auf einen Mann richtet.

»Die Damen waren äußerst zuvorkommend, sie kannten mich längst, hieß es, und hatten mich schon ein halbes Jahr voll Sehnsucht erwartet. Ihr Cousin H., der das Feuilleton der »Kölnischen Zeitung« redigire, habe mich schon im April angekündigt, sie hatten meine Aufsätze in den »Deutschen Jahrbüchern« gelesen. Nach fünf Minuten waren wir in dem tiefsten literarischen Gespräche. Die Mütter und Töchter holten ihre Lieblingsdichter in Goldschnitt und Prachtband, da wurde mir Heine mit allen Uebergängen zu den politischen Dichtern Dingelstedt, Prutz, Geibel, Freiligrath, Herwegh vorgelegt. Sidonie kannte die meisten Gedichte auswendig. Die Mutter äußerte allerlei Angelerntes, aus Journalen Aufgelesenes, hatte aber auch manchen originellen guten Gedanken und manchen orientalischen Gedankenblitz.

»Beim Abschiede wurde ich gebeten, so oft es nur meine Zeit erlaube, bei den Damen den Thee einzunehmen, sie seien so einsam und verlassen wie möglich, da der Papa seine Whistpartie am Abend jedem andern Vergnügen vorziehe.

»Also auch literarisch-ästhetische Abende hier, wer hätte das gedacht? Vielleicht eine zweite still verborgene Rahel! Und wenn ich nur erst wüßte, welche Augen es gewesen, die mich nicht schlafen ließen, die schmachtenden der ältesten Tochter, die erfahrenen schönen der Mutter, oder die brennenden Sidoniens, des halben Kindes.

»Es freut unsereinen aber doch, wenn er unter tausend Larven ein verständiges, fühlendes Herz für die Zukunft findet. Die Abwesenheit aller Kenntniß der Dichter und Literaten, welche mit uns an der Umgestaltung der Zeit arbeiten, in den ersten Gesellschaftskreisen hat mich im Anfange sehr niedergeschlagen.

»Hier in der Familie eines jüdischen Handelsmanns finde ich zuerst ein gediegenes Verständniß meiner eigenen Bestrebungen auf jenem Felde. Meyer Moses Hirschsohn, obgleich ihm bei der nächsten Geburtstagsfeier Ernst August's der Commerzienrath nicht entgehen wird, gehört noch nicht zu der »Gesellschaft«. Unser Landadel ist bisjetzt nicht zu der Stufe der in andern Ländern vorherrschenden Bildung gekommen, daß die Verbindung mit einer reichen Jüdin ihn nicht schände, und unsere Bureaukratie pflegt den Judenhaß.

»Wenn Deine ›Aesthetik‹ fertig ist, werde ich sie den Damen empfehlen, und Dein Verleger verkauft wahrscheinlich das erste Exemplar hierher nach Heustedt; wir tauschen dann. Vale, Dein Bruno.«

Ueber den ersten Casinoball zu berichten, sind wir nicht im Stande, da wir weder anwesend waren, noch am folgenden Tage zu den beiden großen Kaffees, bei Frau von Vogelsang und der Landräthin, eingeladen waren. Von Hörensagen wissen wir indeß, daß in beiden Damenkreisen Bruno das Lob ertheilt wurde, nicht nur ein guter, sondern auch ein uuermüdlicher Tänzer zu sein, er hatte keinen Tanz überschlagen, zuerst mit den unschönen, selten zum Tanze aufgeforderten Damen getanzt, zum Beispiel mit den vier ältern Töchtern des Drosten. Die jüngste Superintendententochter wollte beobachtet haben, daß nur Auguste Claasing von ihm ausgezeichnet sei, mit der er Walzer, Française und Cotillon getanzt habe.

In einer kleinen Stadt ist ein Kaffee am Tage nach einem Balle erst die wahre Würze des Balles. Was wird da alles erzählt, was hat Camilla hier, Sabina dort beobachtet, erhorcht oder conjecturirt! So viel haben wir vernommen, daß das Gespräch sich in ungebührlicher Länge in beiden Kaffees um den jungen Advocaten drehte, und wenn die Mehrzahl der Damen es auch nicht laut sagte, so dachten doch die meisten, ein solcher Wühlhuber wäre besser als ein steifer Assessor oder ein in sich selbst verliebter Lieutenant. Frau Landräthin lobte den gewandten Geist und die geistreiche, lebendige Unterhaltung, Frau von Vogelsang die Tournure und den schönen Françaisen-pas, den sie einem Bürgerlichen gar nicht zugetraut habe.

Bruno hatte auch bei der unvermeidlichen Nachkneiperei der Herren nicht gefehlt, es war aber über seine Lippe keine Médisance gekommen, und diese bildeten doch eigentlich die Würze einer solchen Nachsession.

Am andern Tage wurde seine »Philosophie der Geschichte« um keinen Paragraphen reicher.

So kamen Weihnachten und der Sylvesterball. In der Tischgenossenschaft war ein Wechsel eingetreten, einer der Supernumerarassessoren, nicht der älteste, war als dritter Beamter an ein anderes Amt versetzt, die beiden Auditoren, die Pferdeliebhaber, waren auf ihren Wunsch versetzt – sie fühlten sich unheimlich in einer Gesellschaft, in der ein Demokrat eine Rolle zu spielen anfing – zwei Assessoren und ein Auditor traten neu ein. Der eine, Kloppmeier, war ein Duzbruder und Universitätsfreund Bruno's, der andere ein schon verheiratheter Mann, der nicht an der Wirthstafel aß, sondern sich das Essen in seine Wohnung holen ließ. Derselbe stand im Rufe eines der besten Criminalisten im Lande, eines wahren Diebesfängers, der jeden Inquisiten zum Geständnisse zu bringen wisse. Er hatte sich in den Thurm des alten Schlosses einquartieren lassen, in die Stube, von wo vor langen Jahren Oskar Baumgarten den Eisgang und den Ausbruch des Feuers in Eckernhausen beobachtete. Der Criminalassessor wohnte dort dem Gefangenhause am nächsten und konnte am leichtesten die Inquisiten im Schlafe überraschen und nachts inquiriren.

Eine Strafproceßordnung gab es im Lande Hannover damals noch nicht, man procedirte nach einer Criminalinstruction von 1736, welche nur bei der eigentlich peinlichen Frage die Zuziehung eines Gerichtsschreibers nothwendig machte, bei der Voruntersuchung war der Inquirent ganz Herr des Inquisiten.

Nun war die Gegend um Heustedt seit einigen Jahren im hohen Maße unsicher geworden; außer den gewöhnlichen Schafdiebstählen waren selbst Pferde von den Weiden gestohlen, es waren Einbrüche geschehen, man glaubte sogar, daß verschiedene Feuersbrünste böswillig angestiftet seien, um rauben zu können. Man sprach von einer großen, weitverzweigten Bande, die man die Blaue Bande nannte, der man Schmuggel und Dieberei zuschrieb. Aber man hatte noch keinen Angehörigen der Bande fangen und überführen können. Die Bauern aus mehrern Dörfern hatten jüngst zwei Gevattern Hasselbrock, die bei einem Diebstahle auf der That ertappt waren, zu Tode inquirirt, sie hatten ihnen, um sie zum Geständnisse zu bringen, so viel Hiebe auf Rücken und Sitztheile beigebracht, daß letztere einem Blutschwamme glichen und beide Gefangene an demselben Tage starben – und nun sollten die Inquisiten Jochen Dummeier und seinen Schwiegervater Meier zur Wüstenei als Anführer der Bande genannt haben. Allein man hatte in der Wüstenei zu verschiedenen Zeiten Haussuchungen gehalten und nichts entdeckt. Der tüchtigste Inquirent im Lande ward nun auf Commissorium nach Heustedt geschickt, um die Führer der Bande womöglich zu entdecken.

Baumann war schon um Weihnachten, als es etwas zu frieren und stark zu schneien anfing, auf das Requisit von Wasserstiefeln aufmerksam gemacht, und Ende Januar kam denn auch ein Eisgang, aber ein leichter, und setzte die Oststadt unter Wasser.

Das war etwas Neues für ihn, als er mit der Gesellschaft aus dem Rathskeller den Eisgang erwartete und in der Oststadt die Wasserstiefel probirte. Es waren übrigens die alten Gewohnheiten geblieben, man hatte die Speisen umsonst und bezahlte nur den steifen Grog. Selbst der Criminalassessor, der sonst seine Thurmwohnung wenig verließ, den Herrenclub selten besuchte, that dem Steifen alle Ehre an und wich nicht von seinem Platze im Sofa.

Kloppmeier, der sich an Bruno eng angeschlossen hatte und diesem dadurch eine neue Stärke gab, und noch einige junge Herren holten die Töchter des Superintendenten und andere im Wasser sitzende Damen der Oststadt zu Schiff nach dem Rathskeller. In der Schloßkirche stand das Wasser vier Fuß hoch, und die Jungen jubelten, daß nun vor Ostern an Kirchgehen nicht mehr zu denken sei. Unangenehm war, daß beinahe drei Tage jede Postverbindung nach Hannover hin aufgehört hatte, da das Wasser zu einer Verbindung zu Schiff über die Weiden und Felder nicht hoch genug war, zu tief aber für Wagen und Pferde. Dagegen schleppte der große, sonst nur auf der Unterweser dampfende Roland Tag um Tag ein halbes Dutzend Weserböcke herauf, bis an die Brücke. Es war das zukunftverheißend, im Sommer sollte der Wittekind von Münden nach Bremen seine Fahrten beginnen. Das Wasser verlief bald, das war ein Glück für die Familie Bardeleben, denn sonst hätte man den Collegen Bruno's, der in der Oststadt wohnte, nicht zu Grabe bringen können. Unser Freund hatte die Praxis desselben während einer längern Krankheit versehen und erbte sie jetzt zum größern Theile.

Auch der Bankier Meyer Hirschsohn hatte auf Antrieb seiner Frauenzimmer dem Doctor Laxpeter seine Kundschaft entzogen und solche an Baumann übertragen, sodaß dieser dadurch genöthigt war, fast täglich das Haus des Bankiers zu besuchen, wobei er nicht verfehlte, auch in die Frauengemächer einen Morgengruß zu bringen, der schönen Frau die Hand zu küssen und von Pauline schmachtende, von Sidonie glühende Blicke zu empfangen.

Außerdem erhielt er bei diesen mindestens zweimal wöchentlich Einladungen zum Thee. Auf dem Tische lagen dann immer die neuesten belletristischen Erscheinungen, welche die Hahn'sche Hofbuchhandlung vermöge der ihr zustehenden Portofreiheit »zur Ansicht« auf das Land versendete. Es wurde gelesen, kritisirt und jene ästhetischen Gespräche geführt, die nach Tieck's Novellen in den vornehmen und gebildeten Salons Mode waren. Für Baumann würden diese Abende angenehmer gewesen sein, wenn er sich seiner Stellung zu den Frauen klarer gewesen wäre. Die älteste Tochter schwärmte für alles Schöne und gab ihre Liebebedürftigkeit dem jungen Manne, wenn sie mit ihm auf Augenblicke allein war, durch Seufzen und Blicke, die unsern Freund oft ängstigten, zu erkennen.

Die Mutter pflegte wol zu sagen: »Paulinchen hat seit der norderneyer Reise den Kopf verloren, dort war ein Cousin von mir, der jetzt die — Zeitung in Frankfurt redigirt, bald ganz weg in das Mädchen, und das scheint ihr den Kopf etwas verdreht zu haben. Vater will nur einen Geschäftsmann zum Schwiegersohne und von einem Literaten und Journalisten nichts wissen. Wenn wir ihn aber sämmtlich bearbeiten, und da müssen Sie, Herr Doctor, tüchtig helfen, so zweifle ich nicht, daß er schließlich Ja sagt.«

»O! Mama, wie kannst du so sprechen«, seufzte Pauline, »du weißt recht gut, wie sehr mir dein Cousin mit seinen Zudringlichkeiten zuwider war.«

Sidonie sprach wenig, sie schien aber zu denken und war äußerst aufmerksam auf alles, was Bruno äußerte, richtete auch manche von Nachdenken zeugende Frage an ihn. Saß sie so, daß Mutter und Schwester sie nicht beobachten konnten, so hafteten ihre Augen beständig auf dem Vorleser, und sie erröthete, wenn er den Blick zufällig vom Buche erhob und zu ihr hinübersah.

Dennoch würde die Mutter unserm Freunde die Schönste unter den Dreien und vielleicht die Liebste gewesen sein, wenn sie nicht einen Fehler gehabt hätte, der gerade ihm sehr zuwider war. Sie sprach zu viel und lobte ihn zu häufig in das Gesicht, sie bewunderte seine Aussprache, erklärte, jeder Abend, den er in ihrem Hause zubringe, sei ihr ein hoher geistiger Genuß, den sie seit ihrer Verheirathung entbehrt habe. Sie sprach, wenn sie allein mit ihm war, sofort von gleichgestimmten Seelen, von unverstandenen Seelenleiden, sodaß dieser sagte: »Gnädige Frau, ich verbiete Ihnen fortan einen Roman von der Gräfin Hahn-Hahn zu lesen, die Lektüre macht Sie nervenschwach.«

Nun, es war wahr, die Stellung einer gebildeten Jüdin in solch einem kleinen Orte war äußerst ungünstig. Was half ihr aller Reichthum des Mannes? sie stand isolirt da, ohne allen Umgang, lediglich angewiesen auf sich selbst und ihre Familie.

Die Frauen der »Gesellschaft«, das heißt alle, welche zu den Casinobällen Zutritt hatten, hielten sich fern, die andern Judenfrauen der Stadt standen an Bildung weit unter ihr.

Bettina, so hieß die Mutter, war in der Residenz erzogen, hatte die vorzüglichsten Lehrer in neuern Sprachen, Geschichte, Geographie, Musik und Gesang gehabt. Sie hatte mindestens zweimal wöchentlich das Hoftheater besucht, in keinem Concert, keiner Vorlesung durfte sie fehlen. Ihre Mutter war Schöngeist; Künstler, Maler, Dichter, Schauspieler, Musiker, Literaten bildeten in ihren in der Residenz berühmten Empfangsabenden einen angenehmen Kreis. Bettina war schon als Kind besungen worden, ihr wurden Gedichte, Musikstücke gewidmet, sie war schön und wurde von der Mutter verzogen.

Aus solchen Verhältnissen war sie durch die Verheirathung mit Meyer Hirschsohn, als sie eben das sechzehnte Jahr vollendet, herausgerissen. Sie hatte sich gesträubt, hatte viel Thränen vergossen, war unter Thränen in die Synagoge zur Trauung geführt. In Heustedt war es noch schlimmer, als sie es sich vorgestellt hatte; sie fand dort niemand, gegen den sie sich nur aussprechen konnte, mit allem, was sie wußte und kannte, war sie lediglich auf sich selbst angewiesen. Der Herr Gemahl hatte weder Ohr für Beethovensche Symphonien noch für Mendelssohn'sche Lieder, er wollte keine Gedichte von Anastasius Grün, Karl Beck, Geibel, Freiligrath und wie die neuesten Dichter sonst heißen mochten, hören, die sie ihm so gern vorlesen wollte, und ebenso wenig von »schönen Stellen« aus neuen Romanen, die sie doppelt angestrichen, etwas wissen.

Hirschsohn war am Tage ganz Geschäftsmann und spielte abends, außer am Schabbes, sein Whist mit dem Rentmeister vom neuen Schlosse, dem Steuereinnehmer und dem Rector, welches vierblätterige Kleeblatt, wie der königliche Rentmeister spottend bemerkte, eigentlich die zweite Gesellschaft bildete.

War der Herr Gemahl abends einmal ausnahmsweise zu Hause und seine Frau erbot sich, ihm etwas vorzusingen, sie hieß es: »Was nutzt mir das Notenpapier von Mendelssohn-Bartholdy – Noten von Mendelssohn in Berlin sind mir lieber.« Wollte sie lesen: »Was thue ich mit dem Geibel, willst du was lesen, so lies mir den Curszettel aus dem ›Hamburgischen Correspondenten‹, er ist mir zu eng gedruckt.«

Klagte die Frau dann über geistige Vereinsamung, über den Drang, ihr volles Herz jemand, der dasselbe ganz verstände, auszuschütten – so spottete der Gemahl: »Hast du ein schönes Gemüth, so dreh's heraus, damit es die Leute sehen können, ich mache mir nichts daraus.« Gelegenheit, mit der »Gesellschaft« zusammenzukommen, gab es nur zweimal im Jahre, auf dem heustedter Scheibenschießen und dem vielbesuchten Scheibenschießen auf einem größern Dorfe. Die außerordentliche Schönheit Bettina's hatte Offiziere des Husarenregiments, Assessoren und sonstige junge Angestellte veranlaßt, die junge Frau zum Tanze zu führen, aber Meyer Hirschsohn war eifersüchtiger als Othello, er befahl seinem Johann anzuspannen, und verließ solche Orte kurz nach der Ankunft: »Habe ich mir die Tochter von Sternheim Moses genommen zum Weibe, damit ein Husarenlieutenant mit ihr tanze?«

Was half ihr die Equipage? es gab keinen Corso, keine Herrenhäuser Allee; es gab keinen Thiergarten, überall keine Vergnügungsorte, wohin man hätte fahren können. Was hatte sie davon, wenn der Gemahl nach Johannis zu ihr sagte: ›Betty, kannst dich heute schön machen, wollen hinfahren zum Herrn Baron Weibermann, will feine Wolle kaufen«, oder wenn sie mit ihm zu Frau Claasing, zum Siebenmeier Meyer und andern Gutsbesitzern fuhr, wenn er Wolle, Weizen oder Roggen einkaufte.

So suchte Bettina Trost in der Literatur, sie las Lyrik und Prosa, die dichterischen Versuche des Jungen Deutschlands und daneben Spindler und den vaterländischen Dichter Blumenhagen, sie las George Sand in der Ursprache und fand in ihr die einzige Dichterin, die ein Frauenherz zu würdigen verstand.

Pauline wuchs neben ihr sich ziemlich selbst überlassen empor; sie erhielt erst spät Privatunterricht durch den Rector.

Bettina hatte ihrem Gemahl die Tochter Sidonie geboren, nachher einen Sohn, der jetzt sechs Jahre alt war. Dann aber hatte sie nach einer rohen Behandlung von seiner Seite erklärt, daß sie keine Kinder mehr in die Welt setzen wolle, es gebe der unglücklichen Judenweiber schon genug. »Sobald du nur den Versuch machst, wieder zärtlich zu werden, Meyer Moses Hirschsohn«, hatte sie gesagt, »lasse ich mich scheiden. Ich habe Beweise, die Beweise leben: zwei-, drei-, vierfach!«

Nun war Pauline erwachsen und heirathsfähig und selbst Sidonie schon über die eigentlichen Kinderjahre hinaus; jetzt, wo sie zum ersten mal ein Herz gefunden zu haben glaubte, das sie verstand, traten die Stieftochter und die eigene Tochter als ihre Nebenbuhlerinnen auf.

Auch zu Frau Claasing hatte Baumann wiederholt Einladungen bekommen; die Tochter Auguste hatte entdeckt, daß man ja ganz nahe verwandt sei. Hatte nicht der Pastor Schulz in Grünfelde eine Stiefschwester des verstorbenen Vaters zur Frau, die Therese Emeyer? Frau Claasing klagte ihre bittere Noth über die schlechten Zeiten, sie fühlte schon, daß sie in ihren alten Tagen noch Hungerpfoten werde saugen müssen. Sie könne doch unmöglich ihre Töchter mit nach Göttingen nehmen, den Haushalt in Eckernhausen übernehme vom Maitag an der Hofmeier, und sie habe sich nur ein paar Stuben und Kammern reservirt.

Für die Auguste sei halb und halb gesorgt. Meyer Hirschsohn, ihr guter Freund, habe sich erboten, dieselbe ohne Kostgeld zu sich zu nehmen, aber für die Minna verlange der Pastor 20 Louisdor, der Superintendent gar 25 Louisdor Kostgeld und außerdem Zahlung für Wäsche. Das sei doch ein Heidengeld, wie solle sie das erschwingen?

Bruno lobte die Bildung der Hirschsohn'schen Damen sehr, erzählte, daß er manchen Abend in deren Gesellschaft zubringe, und meinte, daß man seine neugefundene Cousine unbedingt der Familie des Bankiers anvertrauen könne. Minna rieth er in die Pension zu dem Pastor zu senden, weil sie dort gleichalte Töchter finde, und so war es beschlossen.

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