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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 67
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Siebentes Buch.
Die Wage schwankt.

Erstes Kapitel.
Ein halbes Jahr in Heustedt.

Obgleich Bruno Baumann von mütterlicher Seite aus Heustedt stammte, denn seine Großmutter Marianne, die Frau Oskar Baumgarten's, war dort geboren, so hatte er doch nicht den entferntesten Begriff von dem Orte, in welchem ihm seine Zukunft angewiesen war, er besaß dort weder Verwandte noch Bekannte.

Die Urgroßältern waren über dreißig Jahre todt, die süße Nachtigall Bollmann's, die Mutter unserer Veronica Cruella, war vor zwei Jahren, der Pastor Heinrich Schulz kurz nach dem Jubiläum gestorben. Seine Mutter war nie in Heustedt gewesen, und so war im älterlichen Hause von diesem Orte auch kaum die Rede.

Er mußte die Lage des Ortes in einer Specialkarte nachsuchen, sich aus dem Staatshandbuche über Behörden und Personen seines künftigen Wohnorts Auskunft suchen.

Unter seinen Collegen in Göttingen fand er niemand, dessen Verbindung so weit im Lande hinunterreichte, genug, Heustedt war ihm eine unbekannte Größe, jedenfalls freilich ein kleines Nest, wenn auch immer viel größer als Hedemünden. Er wollte erst einen Theil der Welt sehen, ehe er in die Verbannung ging, denn dafür sah er die Anstellung dort an, und meldete seinem Onkel Hermann seine demnächstige Ankunft. Sein Herz schlug höher bei dem Gedanken an Wien und die schöne Heloise von Finkenstein, die dort noch weilte, weil auch ihr Vater, unser Freund Karl Haus, seiner Olga dorthin gefolgt war, und er mußte kühne Phantasien, die von der Möglichkeit einer Gegenliebe zu träumen wagten, mit Gewalt niederhalten.

Vorher aber wollte er ein historisch politisches Werk über sein Vaterland, an welchem er seit Jahren arbeitete, vollenden, um es selbst seinem Verleger in Leipzig zu überbringen. Dieser, gleichfalls ein alter Bekannter, hielt ihn im Guttenberg drei Wochen bei sich fest, um ihm die große Stadt Leipzig zu zeigen und ihn mit einer Menge literarischer Persönlichkeiten bekannt zu machen.

Es war der Anfang der vierziger Jahre, die Sturm- und Drangperiode der Literatur unsers Jahrhunderts, wenigstens in der Phrase. Die Unbehaglichkeit der öffentlichen Zustände, das Verlangen, die politischen Ideale bald verwirklicht zu sehen, trieben zur politischen Lyrik, zu einer Politik der Sehnsucht und Voraussage besserer Tage.

Unser junger Freund war durch den praktischen Kampf, den er selbst seit beinahe sechs Jahren mitgekämpft, über die bloße Phrase hinweg, das großmäulige Geschrei nach unbestimmten Thaten war ihm zuwider geworden, er hatte Thaten gethan, zwar nur unscheinbare, und hatte dafür geduldet. Sechs seiner besten Lebensjahre waren im Kampfe für das Staatsgrundgesetz äußerlich unbemerkt dahingegangen. Während seine Altersgenossen Familien gegründet hatten und Kinder erzogen, hatte er Zeitungscorrespondenzen und Journalartikel geschrieben und nur Ein wirkliches Buch vollendet, auf das er nicht einmal stolz sein konnte, da es blos eine geschichtlich-politische Zusammenstellung enthielt. Sein Sinn war mehr auf das Praktische gerichtet und ein Buch wie das von Schön: »Woher und Wohin?« oder von Johann Jacoby: »Vier Fragen eines Ostpreußen«, schien ihm mehr werth als ein Dutzend politischer Lieder von Herwegh, Prutz oder Dingelstedt, obgleich er mit allen dreien befreundet war. Indeß erweiterte sich sein Horizont in der Buchhändler- und Literatenstadt um ein Bedeutendes, er lernte Schein von Sein, Gediegenheit von Renommisterei unterscheiden, und literarische Größen, die er bisher angestaunt, wurden bei persönlicher Bekanntschaft oft zu Zwergen.

Von Leipzig ging er nach Dresden, wo sein erster Besuch den Herausgebern der »Deutschen Jahrbücher« galt, denen das Todesurtheil bald gesprochen werden sollte. Echtermeyer lebte damals noch, war aber, wie seine Freunde wußten, schon dem Tode verfallen; Arnold Ruge ließ es an geistiger Anregung nicht fehlen. Den Maler Hellung traf er nicht mehr am Leben, sein ältester Sohn war ein berühmter Maler geworden, der jüngste, Bruno's früherer Zögling, baute als Ingenieur an der Magdeburg-Halberstädter Eisenbahn.

Ibrahim war verheirathet, er huldigte nur der Religion Mirza-Schaffy's und haßte jede Augenverdrehung. Er übernahm Baumann's Führung in die Museen und Galerien wie in die Umgegend. Die Abende brachte man auf der Brühl'schen Terrasse zu, einen Theil der Nacht bei dem »Verderber«, wo Ruge seine trockenen Witze losließ, auf Pferde und Esel schimpfte und den guten Sachsen nebenbei die Führung Deutschlands durch Preußen schon als einzige Rettung gegen die überwuchernde Kleinstaaterei predigte. Man schenkte ihm wenig Glauben, denn das Jahr 1840 hatte die Erwartungen, die man von einem Aufschwunge Preußens hegte, nicht erfüllt, und es galt heute noch, was vier Jahre früher Bettina an Jakob Grimm geschrieben: »Hier (in Berlin) scheint alles grün von weitem, ist aber doch nur Sumpf, auf dem Wasserlilien wachsen, und die Ultrastaatspolitik schnuppert sich wie eine Entenschar auf diesem Sumpfe dick und fett.«

In Prag traf Baumann einen alten Freund, der dort an der Universität eine Professur erhalten hatte und nun versuchen wollte, die gemeinsame Lehre des Meisters in Oesterreich zu der Geltung zu bringen, die sie in Hannover und München, Dresden und Berlin nicht gefunden.

Als Bruno den Spielberg und die Hauptstadt Mährens im Rücken hatte und über die weite Ebene die Pyramide des Stephan zum ersten mal sah, schien ihm im rosigen Goldscheine das Gesicht Heloisens entgegenzuschweben, allein er sagte sich: sei kein Narr, Baumann, wie würdest du einem so schönen und reichen Mädchen, das seit Jahren das Leben in der Kaiserstadt kennen gelernt, ein Nest wie Heustedt und die ungesicherte Existenz einer Advocatenfrau anbieten können? Aber, warf sein Herz ein, hat ihre Mutter, die Reichsgräfin, nicht Karl Haus geheirathet, der auch nichts mehr war als du? Der arme Doctor, er sollte schon am nächsten Tage erfahren, daß Heloise für ihn auf immer verloren, mit einem ungarischen Baron und Husarenoffizier verlobt sei. Die einzige Illusion, mit der die Phantasie Bruno's seit dem Jubelfeste zu Göttingen gespielt hatte, die ihm eine Erholung in seinem Denken und Arbeiten verschaffte, war zerschlagen; Rosen, Lenz, Liebe schien es für ihn auf der Welt nicht zu geben, nur Acten und Zeitungspolitik.

Es war Ende Juli, die Familie hielt Villeggiatur in Sanct-Helena, der Onkel erwartete den Neffen in der Stadtwohnung und nahm ihn mit hinaus in die schönen lieblichen Rebgelände und Berge von Baden. Schon auf dem Wege nach dieser Stadt hatte ihn Baumgarten mit Heloisens Verlobung bekannt gemacht, man holte den Baron in Baden ab, um ihn mit hinüberzunehmen. Dieser war ein zwar liberaler, aber stolzer, namentlich von Nationaldünkel, wie es Bruno nannte, aufgeblähter Mann, der sein Ungarn nicht genug preisen konnte und nicht müde wurde, es über alle österreichischen Länder, noch mehr aber über Norddeutschland zu erheben. Der junge Gelehrte kam misgestimmt in Sanct-Helena an, und alle Freundlichkeit, mit der er von Veronica, der Mutter und der Tochter, und von der Braut des Ungarn empfangen wurde, die täglichen Ausflüge in die reizende Umgebung, das geräuschvolle Leben in dem nahen Baden, nichts wollte ihn ansprechen. Veronica, die jüngere, war funfzehn Jahre alt, sie entwickelte sich eben aus der Kindheit zur Jungfrau und versprach so schön zu werden, wie ihre Mutter es gewesen. Sie würde es nach wiener Gebrauch gar nicht übel aufgenommen haben, wenn der Cousin Doctor ihr ein bischen den Hof gemacht hätte, aber Bruno war kein Freund von Backfischen. Veronica, die Mutter, bemerkte recht wohl, daß der norddeutsche Vetter ein bischen wiener Politur ebenso nöthig habe wie einst ihr Hermann, aber sie fühlte sich nicht hingezogen zu dem mürrischen, finstern Gesichte eines Grüblers, der um seine Illusionen gekommen war.

Nach acht Tagen offenbarte der junge Mann dem Onkel, daß er des Schlaraffenlebens in Sanct-Helena und Baden müde sei, er wünschte vierzehn Tage ungestört in der Kaiserstadt zu leben, um solche näher kennen zu lernen. Er müsse etwas zu verdienen suchen und habe von der Redaction der »Neuen Rheinischen Zeitung« Auftrag, wiener Briefe zu schreiben.

Sämmtliche Hausgenossen hatten längst gemerkt, daß ihrem Gaste etwas in dem Leben auf der Villa nicht recht sei, daß er es dort nicht gemüthlich finde. Niemand außer Heloise selbst ahnte jedoch, daß es der Verlust seiner Liebesillusion sei, was ihn so verstimmte.

Hermann bot ihm an, mit der Familie auf vierzehn Tage die Stadtwohnung zu beziehen, was jener aber entschieden ablehnte.

»Nun gut denn, auch Veronica hat schon geäußert, daß dir das Leben hier auf dem Lande zu einsam sein würde; in der Stadt stehen zwei Zimmer mit Zubehör, auch Badecabinet, zu deiner Verfügung, der Hausmann und seine Frau werden die Aufwartung besorgen; Frühstück, Mittagstisch, Kaffee und Abendbrot wirst du nach wiener Sitte, wenn du diese kennen lernen willst, gerade in dem Stadttheile einnehmen müssen, wo du zufällig dich befindest. Da du aber unser Gast bist, so soll ich dir im Namen meiner Frau diese von ihr selbst gehäkelte Börse überreichen zur Bestreitung der notwendigsten Ausgaben, in Vertretung der Küche, welche sie nicht selbst besorgen kann.

»Ich werde dich in die Stadt begleiten, einige Tage dort bleiben, um dich Freunden und Bekannten vorzustellen.«

Das geschah, es begann nun ein neues Leben für Bruno, der sich in Theatern, Sommervergnügungsorten, Conditoreien, Restaurationen, Lesecabineten, Biergärten u. s. w. herumzutreiben begann, um das wiener Leben nach allen Richtungen kennen zu lernen und seine Reisebriefe zu schreiben.

Sonntags fuhr er mit dem Stellwagen nach Baden, wo die Familie seines Oheims ihn erwartete. Mit dem bevorzugten ungarischen Nebenbuhler hatte ihn nähere Bekanntschaft ausgesöhnt, nachdem das, was er als persönlichen Stolz angesehen hatte, sich als Feindschaft gegen den österreichischen Absolutismus, als glühendster Patriotismus und auf stark ausgesprochene Nationalität gestützte Selbstachtung herausgestellt hatte. Bruno hatte die Dinge bisher von seinem göttinger Kirchthurmstandpunkte angesehen, die Bedeutung, welche das göttinger Ereigniß der Sieben und die sich daran knüpfende Opposition gegen den Verfassungssturz gewonnen, hatte ihn die Bedeutung Hannovers selbst weit überschätzen lassen. Wenn sich der Husarenoffizier im vertrauten Kreise über die Politik der Habsburg-Lothringer ausließ, wie sie, trotz mehrfacher, lediglich den Ungarn verdankter Rettung, immer wieder darauf ausgehe, Ungarn zu absorbiren, Italien durch Ungarn und Kroaten, Ungarn durch Deutsche und Italiener, Deutsch-Oesterreich aber durch allerlei Stämme, Galizier, Ungarn, Ruthenen im Zaume des Absolutismus halte, und es beklagte, daß es eigentlich ein Deutschland in Europa überall nicht gebe, denn der Bund sei im europäischen Concert kaum mehr wie Null, und Preußen, seit 1820 von seinem eigenen Princip abgefallen, nahe daran, in den Händen jesuitischer Protestanten seinem Untergange zugeführt zu werden – dann fühlte Bruno doch, daß es etwas anderes sei, die Welt vom Johanneskirchthurme oder vom Sanct-Stephan aus zu betrachten. Es ging ihm hier im Gespräche mit dem Onkel und dem Ungarn zum ersten mal der Größen- und Machtsinn in der Politik auf; er hatte bis dahin keinen größern Gesichtskreis gehabt, als wenn er vom Brocken herab in die norddeutsche Ebene schaute, Sanct-Stephan war ein Zwerg gegen den Brocken, als er aber von der Pyramide desselben nach Osten über die March in die ungarische Ebene hinausschaute, nach Süden zuerst eine Alpenkette erblickte, nach Westen sich hinter den sich hervorschiebenden Bergesrücken Salzburg, Tirol und Baiern dachte, nach Norden die mährische Ebene in Wirklichkeit und die böhmischen Wälder in der Phantasie sah, da ging ihm zum ersten mal der Gedanke der Größe Deutschlands auf, wenn es Ein Reich sei.

Hermann hatte den Neffen mit all den wiener Dichtern und literarischen Persönlichkeiten bekannt gemacht, die er selbst kannte; er war Castelli wie dem Grafen Auersperg vorgestellt worden und hatte in der kurzen Zeit von acht Tagen eine Menge Bekanntschaften gemacht. Das machte sich gar leicht, denn wenn er auch allein ging oder fuhr, um diese oder jene Merkwürdigkeit zu sehen, am Abend zählte er ein halbes Dutzend Bekannte mehr. Setzte er sich in das alte Blumenstöckel, um ein frankfurter Würstel zu essen und einen Schoppen Märzen zu trinken, so rückte sein Nachbar am Tisch oder die Nachbarin näher heran und begann ein Gespräch, suchte er mittags in der Restauration von Stadt Frankfurt oder im Goldenen Lamm in der Leopoldstadt, oder wo es sonst war, in der Speisekarte, so fehlte es nicht an zuvorkommenden Wienern, von denen der eine die Hirnsuppe, der andere den Lungenbraten, der dritte Fasanen oder Backhähnel, der vierte ein Gemischtes empfahl; so waren Bekanntschaften gemacht und führten in der Regel zu einem gemeinsamen Ausfluge. Die neuen blanken Kremnitzer der Tante mochten Bruno reicher erscheinen lassen, als er war. Als er in Sanct-Helena über seine achttägigen Lebensereignisse berichtete, hatte er eine Menge Bekanntschaften von Schriftstellern, Dichtern, Mimen und andern Künstlern und Künstlerinnen aufzuzählen, außerdem war er mit einem halben Dutzend liebenswürdiger Wienerinnen, Mütter und Töchter, bekannt geworden.

»Verliebe dich nur nicht«, sagte Veronica die Mutter, »du wirst keine der schönen Wienerinnen bewegen können, die Donau mit meiner heimatlichen Weser zu vertauschen, und im Grunde des Herzens kann ich es denselben nicht verdenken, denn als ich vor sechs Jahren seit 1813 zum ersten mal wieder in Heustedt war, kam es mir grauenhaft einsam und verkümmert vor. Ich bedauere dich, daß du dorthin verschlagen bist.«

So kam das Gespräch auf Heustedt, und Bruno erfuhr erst hier, am Fuße des Semmering, nähere Details über den künftigen Aufenthaltsort.

»Mein Bruder liegt jetzt mit seiner Schwadron dort im Quartierstande«, sagte Heloise, »ich werde Ihnen ein Empfehlungsschreiben mitgeben.«

Nach weiterm vierzehntägigen Aufenthalte wurde Bruno aus den Zerstreuungen des wiener Lebens, dem er sich ergeben, aufgeschreckt durch eine Randbemerkung der Redaction zu seinen wiener Briefen.

Da er die »Rheinische Zeitung« in keinem der Cafés gefunden hatte, die er zu besuchen pflegte, so ließ er sich die Nummern, welche seine Briefe enthielten, nach Wien nachschicken. Zu seinem vierten Briefe hatte nun der Redacteur, ein Freund und Gesinnungsgenosse, die Bemerkung gemacht, das Phäakenleben in Wien scheine so ansteckend zu sein wie einst das Leben in Capua. Die gesündeste Kraft scheine dort zu vergessen, daß aus Wien seit dreißig Jahren alles Uebel, woran Deutschland kranke, gekommen sei, von den Karlsbader Beschlüssen, den Maßnahmen gegen die Universitäten bis zu den geheimen Ministerialbeschlüssen von 1834 und den Bundestagsbeschlüssen in den hannoverschen Angelegenheiten.

Bruno las seine Briefe von neuem durch, aber mit andern Augen: es war wahr, er fand nichts als Lob darin. Von Metternich und Gentz, von der Censur, dem Tabacksmonopol, von der Papierüberfülle, von dem Mangel an jedem Ernst im Leben, von der Leichtigkeit der Sitten, dem »Erlaubt ist, was gefällt« Goethe's, der Macht der Pfaffheit und der Machtlosigkeit der Wissenschaft hatte er kein Wort gesprochen, er hatte bisher nur den Sonnenschein, der über dem wiener Leben lagerte und den Anblick einer Mailandschaft gegen eine Schnee- und Regenlandschaft im Norden gewährte, gepriesen. Bruno ging in sich, er suchte Schatten und Schlagschatten und malte in seinem nächsten Briefe zu schwarz.

Allein bald überschlich unsern jungen Freund ein Gefühl des Unbefriedigtseins in der lebenslustigen Welt, die Reflexion begann die Ueberhand zu gewinnen über die leichte Art, das Dasein zu nehmen, er drang auf Abreise. Diese wurde ihm indeß vom Onkel erst gewährt, nachdem verschiedene Ausflüge auf weitere Entfernung gemacht waren.

Als es dann zum Abschiede kam, erzählte ihm der Onkel, wie er dazu gekommen sei, 1813 eine Tonne Goldes zu erbeuten, und daß er einen Theil dieses Geldes dazu bestimmt habe, strebsame junge Leute, namentlich deutsch-patriotische Bestrebungen zu unterstützen. Es verstehe sich von selbst, daß seine eigene Familie davon nicht ausgeschlossen sei.

»Du bist, lieber Bruno«, sagte er, »über fünf Jahre, ohne eigentliche Schuld von deiner Seite, von dem Berufe, dem du dich gewidmet, durch Staatsgewalt zurückgehalten; dir ist die Gelegenheit benommen, in diesen besten Jahren deines Lebens durch Arbeit und Fleiß dir ein kleines Vermögen zu erwerben, eine Familie zu gründen. Nicht ich, sondern der Nationalfonds, den ich namens meines Vaterlandes verwalte, gibt dir zu deinem Anfange in Heustedt eine kleine Hülfe, und es übernimmt derselbe hiermit die Unterstützung deines jüngsten Bruders bis zum Abgange von der Universität.«

Er legte viertausend Guldenscheine auf den Tisch. Bruno zögerte, das Geschenk anzunehmen.

»Nimm ohne Zögern, ohne Bedenken, du hast sie verdient, ich weiß es. Leider ist unser Volk noch nicht dahin gekommen, einen Nationalfonds zu haben, verwaltet von den Edelsten des Volkes, bei dem der einzelne, der sich um das Vaterland verdient gemacht, anklopfen kann, wenn eine Zeit der Noth kommt. Ich sehe deinen Anfang in Heustedt vielleicht schwieriger an als du selbst; ein Advocat kann wenig dazu thun, daß die Leute in einer Gegend, wo er unbekannt ist, Zutrauen zu ihm fassen, das bringt erst eine längere Zeit, namentlich auf dem platten Lande. Dein Ruf als Schriftsteller wird schwerlich bis Heustedt gedrungen sein und würde dir bei den Bauern auch wenig nützen; Reclame zu machen, ist nicht möglich an solchen Orten. Ich billige deinen Plan, den Detmold dir eingegeben, durch höhere Einkommensteuerzahlung dich fähig zu machen, bei der nächsten Wahl als Candidat für die Zweite Kammer aufgestellt zu werden, wenn dieser Fall auch erst nach fünf Jahren eintritt. Dazu bedarfst du aber im Anfang der Mittel. Reicht das nicht, so klopfe dreist an, du empfängst kein Almosen, du empfängst nur schmalen, reichlich verdienten Lohn.«

Baumann nahm und dankte. Der Abschied von Sanct-Helena und einige Tage später von Wien wurde ihm schwerer, als er vor drei Wochen erwartet hatte. Er fuhr bis Linz die Donau hinauf, durchstrich mit Hülfe von Stellwagen und zu Fuß das schöne Salzkammergut nach allen Richtungen, bestieg zum ersten male Gletscher und badete im tiefgrünen Königssee zwischen dessen achttausend Fuß hohen Marmorwänden.

Dann stieg er über den Starnbergersee nach München herab, besah sich dieses kalte Athen mit seinen reichen Kunstschätzen und schmuzigem Hofbräu, suchte in Augsburg die Redaction der »Allgemeinen Zeitung« auf und ruhte erst in Heidelberg, wo sich drei Mitglieder des Jungen Göttingen als Privatdocenten habilitirt hatten, eine Woche aus.

Es war schon October, als er in Heustedt eintraf. Wir haben das Städtchen seit etwa dreißig Jahren aus den Augen verloren. Aeußerlich war es das alte. Wenige Neubauten waren vorgenommen, der linke Flügel des Schlosses und der Fontainenthurm waren neu aufgebaut, die Nebengebäude gegen 1813 vergrößert, die Büse'sche Zuckerfabrik hatte zu existiren aufgehört. Auch der chinesische Pavillon hatte ein anderes Ansehen erhalten, er hatte auf der Westseite zwei den Fenstern auf der Ostseite entsprechende Fenster bekommen und war von dem vordern chinesischen Zimmer nicht mehr durch eine eiserne Fallthür, sondern durch eine reiche rothsammtene Portière getrennt. In dem einen Sechseck befand sich noch die alte Bibliothek und Kupferstichsammlung, in dem andern Sechseck noch das Büffet. Die hintere Wand nach Westen war mit einer guten Copie, der Umarmung Io's durch die Jupiter bergende Wolke, nach Correggio, aus dem berliner Museum, geschmückt, über den Büffet- und Bibliothekwänden hingen, freilich hinter seidenem Vorhange, auf der einen Seite eine Copie von Venus und Amor nach Padovanino.

Man sah, der Gutsbesitzer Graf von Schlottheim hatte von Vater und Mutter dieselben Neigungen geerbt, der Pavillon hatte zwar Fenster nach der Parkseite, allein sie waren durch passende Decoration verhüllt. Selbst die alten Divans waren noch da, nur neu decorirt. Ein Rococotisch stand in der Mitte unter der alten Ampel; auf demselben befand sich freilich nicht mehr der alte Perlmutterkasten mit Zunder, Stahl, Stein und Schwefelfaden, man hatte jetzt bequemere Arten Feuer zu machen. Auch die Statuette des Mars und der Venus war verschwunden, der Franzose hatte sie entführt, statt dessen hatte eine Gruppe des Bacchus mit Adriadne den Platz eingenommen.

Im Park waren nur einige abständige Bäume durch neue ersetzt, die beiden Bären standen wie vordem auf ihrem massiven Granitthore, nur trugen sie andere Schilder, das Wappen derer von Schlottheim weißer Linie.

Die alte Holzbrücke über die Weser war dieselbe geblieben, der Proceß über den Platz zwischen der Weser und der Allee zum alten Schlosse war noch nicht beendet, wenigstens sah der Platz ebenso wüst aus wie vor Jahren.

Im übrigen war das Leben in Heustedt ein gänzlich anderes als zur französischen Zeit, es ähnelte weit mehr der Zeit um 1792 als der von 1810–1813. Heustedt stand in dem Renommee, der drittheuerste Ort im Lande zu sein, man nannte es auch wol die dritte Residenz, weil daselbst nach Celle die verhältnismäßig meisten Behörden zusammengehäuft waren.

Das Amt war ein sogenanntes Criminalamt, ein größeres, das die Gefangenen von mehrern kleinern Aemtern aufnahm, ein adelicher Drost stand an der Spitze, ein Amtmann besorgte die Dominialangelegenheiten, ein dritter Beamter die Vormundschaften, Curatelen und Concurse, drei Supernumerarassessoren theilten sich in Polizei (Wrougengericht), Justiz, Criminalsachen.

Außerdem war Heustedt Sitz einer Forstinspection, wiederum war ein Herr von Teufel Oberforstmeister, ihm stand ein Forstsecretär zur Seite und drei Forsteleven arbeiteten unter ihm.

Ein Wasserbauinspector, ein Wasserbauconducteur, ein Eleve und mehrere Deichvögte, ein Landesökonomiecommissar mit drei oder vier Gehülfen, ein Leggemeister, fünf, jetzt mit Bruno sechs Advocaten bildeten ein ansehnliches Heer Studirter.

Den Rathskeller hatte ein Herr Hochmeier in Pacht, er war bis vor kurzem Weinreisender für ein bremer Haus gewesen und machte seinem Namen Ehre, er wollte hoch hinaus. Die Bedienung seiner Gäste war für ihn Nebensache.

Unser Freund fand in der Weststadt nahe der Brücke eine passende Wohnung mit der Aussicht auf die Weser. Seine Bücherkiste, Actenrepositorium, Schreibtisch, Bett und dergleichen waren schon vor ihm die Weser herabgekommen, Dampfschiffe befuhren damals die Oberweser noch nicht, allein es hatte sich in Hameln eine Weser-Dampfschiffahrtsgesellschaft gebildet, welche mehrere Schiffe bauen ließ.

Ein Intelligenz oder Wochenblatt gab es zu Heustedt in jenen Tagen noch nicht; nachdem der abgehende Advocat beeidigt war, mußte er, wie es üblich war, in allen Kirchdörfern der sechs Vogteien auf den Kirchhöfen nach Beendigung des Gottesdienstes bekannt machen lassen, daß er in Heustedt als Advocat bestallt sei und auf der Deichstraße bei dem Färber Krische wohne.

Dann mußte er in den sauern Apfel beißen, bei der Gesellschaft und der Haute-Volée, bei den angesehenern Kaufleuten und Geschäftsleuten Visite zu machen. Mittags traf er im Rathskeller an der Tafel eine verhältnißmäßig zahlreiche Gesellschaft, ältere wie jüngere unverheiratete Personen, aber es wollte ihm nicht gelingen, zu dem Tone, der unter ihnen herrschte, irgendeinen harmonischen Anklang in seinem Innern zu finden. Man redete meistens von Personen und Sachen, die er nicht kannte, das ließ sich noch ertragen, er mußte die Personen und Dinge nach und nach kennen lernen. Aber man redete noch mehr über eine Menge Dinge, die er kannte; die ihm aber durchaus gleichgültig waren und blieben. Da saß am obern Ende des Tisches ein älterer Beamter mit dem Beinamen der »L'Hombre-Tiger«, welcher mit seinem halbtauben vis-à-vis eine Stunde lang über einen Fehler, den X oder Z im vorigen Jahre beim L'Hombre gemacht, sich unterhalten konnte. Die Juristen pflegten »Felle zu gerben«, wie die Nichtjuristen das nannten, oder noch öfter von Avancement zu sprechen. Von Literatur, Poesie, Politik war niemals die Rede. Was A hier, B dort gegessen und getrunken, wie eine Speise hier, wie sie in Hamburg oder Bremen zubereitet wurde, ob der von Kampf'sche oder der Egger'sche Rothspon der bessere sei, das waren Discussionen, die das Interesse der gesammten Tischgenossenschaft auf das höchste in Anspruch nahmen.

Es war hergebracht, daß die Tischgenossen ihre Plätze nach dem Alter angewiesen erhielten. Bruno hatte zu Tischnachbarn zwei ihm widerliche Menschen, zwei adeliche Auditoren. Der eine, aus einem reichen Adelsgeschlechte, hatte durch seine Bornirtheit und seine komischen Antworten im ersten Examen eine gewisse Berühmtheit im Lande der Welfen errungen, der andere war Sohn eines Ministers, der sich 1837 hatte degradiren lassen, und war deshalb allein schon Baumann zuwider, obwol er sonst ein harmloser Gesell war, wenn auch mit einigem Adelsdünkel, den seine Schwestern freilich nicht theilten. Gegenüber saß ein junger Secondelieutenant von den Königin-Husaren, in Heustedt auf Commando. Die beiden Auditoren, die selbst Reitpferde hielten, sprachen mit ihrem Gegenüber fast von nichts als von Pferden, einen Tag wie alle Tage.

Zwischen Baumann und seinem Tischnachbar zur Rechten, dem Wirth Hochmeier, blieben einige leere Plätze, für Durchreisende bestimmt. Waren diese Plätze unbesetzt, so hatte er nicht einmal einen Nachbar, mit dem er reden konnte, und Hochmeier selbst war, nach Art von Weinreisenden, ein Aufschneider, der von seinen Reisejahren allerlei Anekdoten auskramte, die er erlebt oder aufgeschnappt hatte und als selbsterlebte erzählte.

Nachdem er bei sämmtlichen Tischgenossen Visite gemacht, mindestens seine Karte abgegeben hatte, wurde er wol von den ältern Herren gefragt, wie es ihm gefalle, ob er mit seiner Wohnung und seinem Hauswirth zufrieden sei, ob er schon Praxis habe u. s. w., im ganzen aber fühlte er, daß die Tischgenossenschaft sich zurückhaltend und zugeknöpft gegen ihn benahm.

Baumann ahnte freilich nicht, in welchem Lichte seine Person den Tischgästen erschien, und wie mancherlei Erzählungen und Gerüchte über ihn seit einem halben Jahre schon in Heustedt im Umlauf waren.

Mit seiner Ernennung zum Advocaten war an den Drosten von G. ein vertrauliches Postscriptum gekommen, dem Sinne nach des Inhalts: Candidat Baumann sei ein vorlauter, gefährlicher Mensch, Literat und Gazzettist, der in Heustedt unschädlich gemacht werden müsse. Derselbe habe sich in Göttingen in die Verhältnisse des Staats, der Universität und des Gemeindelebens in dreister Art eingemischt, öffentliche Verleumdungen angesehener Männer in auswärtigen Journalen nicht gescheut, das System der Regierung verdächtigt, sodaß Universität und Magistrat auf seine Entfernung gedrungen hätten. Man vertraue der Umsicht und Gewandtheit des Herrn Drosten, daß er dem jungen Manne dort Zügel anlegen werde, wozu kein Ort geeigneter sei als Heustedt, das sich durch seine Loyalität während der Verfassungswirren rühmlichst ausgezeichnet habe und durch den Kern seiner Bevölkerung gegen Ansteckung gesichert sei.

Der erste Beamte in Heustedt war nun nichts weniger als Diplomat, er konnte nichts auf dem Herzen behalten, er mußte selbst Amtsgeheimnisse, wenigstens seiner Gemahlin, mittheilen, am liebsten aber kramte er solche im Herrenclub aus. Während an den Wochentagen jeder Beamte seine Expeditionsarbeiten besorgte, fand Sonnabends eine Art collegialischer Besprechung statt. Die sämmtlichen reitenden Vögte, die Auditoren und Assessoren sammelten sich in der großen Amtsstube, und der Drost theilte denselben die etwa eingetroffenen Eingänge von der Regierung mit, man besprach auch noch einmal ein Erkenntniß, wenn die Zahl der Dissentirenden zwei überstieg, oder stritt über die Interpretation eines neuen Gesetzes. Nachdem im April das Anstellungsdecret in Heustedt angelangt war, benutzte der Drost den ersten »Regimentstag«, um den Versammelten mit gewichtiger Miene, aber »vertraulich«, den Inhalt des Postscripts über den neuen Advocaten mitzutheilen, zur Nachachtung.

Die vertrauliche Mittheilung war nach wenigen Tagen im ganzen Orte bekannt, natürlich mit großer Uebertreibung. Alles, was Bruno geschrieben, war anonym erschienen oder in den »Halleschen«, respective »Deutschen Jahrbüchern« nur mit einer Chiffre unterzeichnet, die den näher Befreundeten bekannt war – allein eine Nummer der »Deutschen Jahrbücher« hatte sich noch nie nach Heustedt verirrt, und so herrschte denn über die literarische Thätigkeit unsers jungen Freundes ein großes Dunkel, das natürlich um so mehr zu seinem Nachtheil ausgebeutet werden konnte. Das sei ein junger Mann, erzählte man sich, dem nichts heilig sei, weder die Person des Königs noch die Regierung, weder Altar noch Staatsbehörden. Man hatte in Heustedt noch nie einen Demagogen gesehen und machte sich nun ein recht wühlhuberisches Bild von dem Erwarteten.

In der Hoffnung, denselben recht bald in Heustedt erscheinen zu sehen, war man freilich getäuscht worden; Baumann, der erst ein größeres Stück Deutschland sehen wollte, ließ über ein halbes Jahr auf seine Ankunft warten und gab dadurch Veranlassung, daß in allen Damenkaffees und Thees der »Wühler mit dem großen Barte« zum Gesprächsstoff diente. Nun hatte aber Frau Forstsecretär Mühlbach noch entdeckt, daß der Erwartete ein Enkel jenes Forstschreibers Oskar Baumgarten sei, der am Ende des vorigen Jahrhunderts die Tochter eines gräflich Wildhausen'schen Schlagtmeisters geheirathet und dann fortgezogen sei, als man die Frau nicht habe im Casino dulden wollen. Da wurden denn sehr alte Geschichten, von denen Baumann selbst nicht ein Wort wußte, aufgewärmt und mit allerlei Zuthat versehen, um sie pikant zu machen. Kurz, der Advocat war ein verrufener Mann, wie er ankam, vor dessen näherm Umgange man sich selbst, besonders aber die Töchter hüten mußte.

So war es gekommen, daß die Tischgenossenschaft sich mehr von dem Ankömmling zurückzog, als es sonst üblich war. Schon lange vor seinem Eintreffen war darüber debattirt: ob man ihn in den Club aufnehmen oder bei dem Ballotement durchfallen lassen solle. Die Stimme des Drosten hatte sich für das Durchfallenlassen entschieden; »man muß«, sagte der erste Beamte, »einem solchen jungen Manne von vornherein zeigen, daß die Gesellschaft sein Treiben misbilligt«. Die Mehrzahl hielt das aber für eine Ungerechtigkeit, und der Superintendent erklärte es geradezu für nicht christlich.

Dies kränkte den Drosten, der den Superintendenten ohnehin nicht leiden mochte, weil von dessen vier Töchtern eine schon verheiratet und zwei verlobt waren, während es keiner von den eigenen fünf Töchtern hatte gelingen wollen, ein fühlendes Herz zu finden, das dem ihren entgegenschlug, und er sagte: »Ich zweifle gar nicht, daß Ihre schönen Töchter den jungen Mann so zurechtschleifen werden, daß er bald wie ein Diamant glänzt, und Sie selbst werden ihn vielleicht bekehren und aus ihm eine Perle für alle Gläubigen schaffen.«

Baumann war im Herrenclub aufgenommen. Dort lagen im Lesezimmer die »Hannoversche Zeitung«, der »Hamburgische Correspondent«, die »Kölnische Zeitung« wie die »Illustrirte Zeitung« und die »Fliegenden Blätter« aus. Bruno las schnell, in einer halben Stunde hatte er sämmtliche Blätter durchflogen und begab sich dann in das Billardzimmer, wo die jüngern Leute eine Poule zu spielen pflegten. Die Mehrzahl der Clubmitglieder saß im großen Saale beim Kartenspiel; drei L'Hombretische und zwei Whisttische waren an gewöhnlichen Tagen von nachmittags sechs bis abends neun Uhr im Gange, um welche sich zahlreiche Gruppen von Zuschauern, die man dort »Hätten« nannte, zu sammeln pflegten.

Zu den regelmäßigen »Hätten« gehörte der Drost. Wie Bruno bald erfuhr, geschah das unfreiwillig; er fand aber nur Sonntags, wenn die auswärtigen Clubmitglieder kamen, eine Partie und war als Zuschauer den Spielern förmlich verhaßt, weil er bei jedem verlorenen Spiele nicht lassen konnte zu sagen: »Hätten Sie Manilla gezogen, so würden Sie gewonnen haben.«

Unserm jungen Freund wurde öfter eine Karte angeboten, allein er zog es vor, wenn er den Wasserbauinspector fand, mit diesem eine Partie Schach zu spielen.

Die ersten vierzehn Tage waren mit Besuchen und Gegenbesuchen so leidlich hingegangen, nun aber kam die Zeit der Ruhe, und Bruno kam sich wie ein Kaufmann vor, der den ganzen Tag vor seinem Laden steht, sich die Hände reibt und auf Käufer wartet. Er verlangte nach Processen, aber die Bauern kamen nicht. Er hatte sich von dem ältesten seiner Collegen, dem Advocaten Bardeleben, Acten ausgebeten, um das dortige Meierrecht zu studiren, das ihm unbekannt war, da es mehr auf Gewohnheit als auf geschriebenem Rechte beruhte. Unter diesen Acten befand sich auch der Dummeier'sche Proceß gegen Claasing, den Katharina nach dem Tode ihres Hans Dummeier angestrengt hatte. Der Proceß hatte sich bis über die Mitte der zwanziger Jahre hingeschleppt und war erst dann vom höchsten Gerichtshofe entschieden. Die Klage war in angebrachter Maße abgewiesen, konnte also jederzeit wieder aufgenommen werden. Es waren infolge der Ablösungsgesetze neue Anschauungen über das Meierrecht aufgekommen, hatten sich bisjetzt indeß nur bei dem Finanzministerium Bahn gebrochen. Finanzministerium? wird der Jurist ungläubig fragen. So war es, bis zu Ende des Jahres galt noch die Göhrder Constitution, welche den Rechtsspruch über Sachen der herrschaftlichen Meier den Landesgerichten entzog und den Verwaltungsbehörden, »der Kammer«, zuhöchst dem Finanzministerium überwies. Nach dessen neuern Entscheidungen aber würde der Proceß für Dummeier jetzt gewonnen sein. Bruno dachte daran, den Jochen Dummeier, wenn er noch lebe, zur Wiederaufnahme des Processes aufzufordern und sich ihm als Armenadvocat anzubieten. Sein Interesse an dem Meierrecht erlosch aber sofort, nachdem er sich eine ungefähre Rechtsansicht darüber gebildet hatte.

Es stellte sich nun das Gefühl einer ungemeinen Vereinsamung bei ihm ein; er fühlte sich in so hohem Grade unglücklich, daß er dem verfluchten Neste je eher je lieber den Rücken hätte zukehren mögen. Er brachte seine Zeit damit hin, an seine vielen Freunde in Göttingen, Frankfurt, Heidelberg, Hamburg, Berlin, Leipzig, Dresden, Wien, München, Luxemburg, Paris, Pittsburg – überall hatte er Freunde, Studiengenossen, Strebegenossen, Verwandte – lange lamentable Briefe über das Thema zu schreiben, daß er hier untergehen und geistig verkommen müsse.

Es war infolge dessen zwischen ihm und dem frühern Jungen Göttingen, von dem, wie wir wissen, sich drei seiner Freunde in Heidelberg niedergelassen hatten, ernstlich davon die Rede, daß er an den Neckar übersiedeln und dort sein Glück als Privatdocent versuchen solle. Er hatte das Geschenk aus dem Nationalfonds des Onkels noch nicht angegriffen, er konnte dort bei mäßigem Leben vier Jahre aushalten, und wenn er den Studenten gefiel, sein Glück machen. Er holte sich deshalb den Rath des Onkels Hermann ein.

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