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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Inzwischen war es December geworden und das Weihnachtsfest nahte. Zehn Tage vor diesem Feste rückte eine Schwadron Dragoner aus Northeim in die Universitätsstadt ein, auch wurde die reitende Gensdarmerie verstärkt. Nachmittags wurden die Sieben nach dem Consilienhause geladen, ihnen dort ihre Entlassung angekündigt, wobei Dahlmann, Gervinus und Jakob Grimm zugleich eröffnet wurde, daß sie binnen drei Tagen sich aus dem Lande zu entfernen hätten, widrigenfalls sie an einen andern Ort gebracht und Untersuchung über die außerordentlich schnelle Verbreitung der Schrift, in Hannover sowol als im Auslande, angestellt werden sollte. Also die schwersten Criminalstrafen, Entsetzung und Landesverweisung, wurden ohne richterliches Urtheil und Recht an denen vollstreckt, die in Ehrerbietung, ohne Trotz ihr Gewissen zu wahren versucht hatten.

Bruno Baumann ging am andern Tage zu seinem hochgeschätzten Lehrer, um von ihm Abschied zu nehmen und ihm zu bekennen, daß er es gewesen sei, der hauptsächlich zur Verbreitung der Proteste beigetragen habe. Dahlmann, der sonst so unschöne, mit dem großen Munde, den dicken Lippen und dem in die Höhe stehenden Haare, der immer kalte und harte, war heute weich und gerührt. Er hatte mehr Zeichen der Liebe und Anerkennung gefunden, als er es selbst erwartet, und er blieb selbst milde und unerregt, als ihm in Gegenwart Baumann's das Unerhörteste begegnete, was sich denken läßt. Der vom Amte Vertriebene hatte am Schwarzen Bret anschlagen lassen, daß, da er durch königliche Gewalt behindert sei, seine Vorlesungen über Politik, Volkswirthschaft und deutsche Geschichte fortzusetzen, er bereit sei, das Honorar dafür den Fordernden zurückzuzahlen. Er nöthigte seinen alten fleißigen Schüler zum Sitzen und sprach sich gegen ihn offener aus, als es sonst seine zugeknöpfte Art gestattete. Bruno war nun Zeuge, wie nacheinander zehn und mehr Studiosen kamen, um Abschied zu nehmen, auch auf das eingezahlte Honorar zu verzichten und sich als Liebeszeichen seinen Namen in ihr Stammbuch oder sonst ein Andenken auszubitten. Er war aber auch Zeuge, als der Frechste aller Frechen, der durchtriebenste Stiefelwuchs kam mit sieben Belegkarten und im Namen des Grafen von Schlottheim und Consorten sich das Honorar zurückerbat, oder vielmehr nicht erbat, sondern mit befohlener Unverschämtheit forderte. Baumann wollte den Kerl die Treppe hinabwerfen, weil er es für unmöglich hielt, daß hannoverische Adeliche, wenn sie auch nur acht bis zehn Wochen bei Dahlmann gehört, sich das ganze Honorar zurückerbitten könnten, und weil er dem Stiefelwuchs zutraute, die Karten entwendet zu haben. Dieser versicherte aber hoch und theuer, die Belegkarten vom Grafen von Schlottheim nebst Auftrag zur Zurückforderung des Geldes empfangen zu haben. Er verschwieg freilich, daß Schlottheim ihm die Hälfte der 7 Louisdor als Trinkgeld zugesagt hatte. Einen Quästor gab es damals nicht in Göttingen, Dahlmann zahlte zurück, Baumann bat sich als Andenken die Belegzettel aus und besitzt sie noch heute; möglich, daß er sie im preußischen Abgeordnetenhause oder im Reichstage einmal einem der Herren vorzeigt, die sich damals zu diesem Schritte von Alexander von Schlottheim bewegen ließen.

Die Stadt war aufgeregt, – öffentliche Anschläge verboten Zusammenrottungen, es sollten nicht mehr als drei Studenten zusammenstehen. Dragoner ritten mit blanken Säbeln durch die Straßen, bereit einzuhauen, wenn sich Zusammenrottungen zeigten. An den Straßenecken fand man geschriebene Aufforderungen, morgen den Professoren Dahlmann, J. Grimm und Gervinus das Geleit nach Münden zu geben; Polizeidiener und Gensdarmen waren beschäftigt, diese Zettel abzureißen, kaum abgerissen, wurden sie aber wieder erneuert.

Es hatte geglatteiset und auf dem göttinger glatten Basaltpflaster war schwer zu reiten, gar nicht auf dem noch glättern Trottoir von Granit. Dies und der Umstand, daß auf der Weenderstraße für alle Brauhäuser gerade die sogenannten Wellen angefahren waren, Unterhölzer aus dem Göttinger Walde zur Feuerung, bewirkte, daß man die Dragoner reizte und verhöhnte, sich zusammenrottete und dieselben mit den Reiserbündeln von sich abwehrte und zu Falle brachte.

Es war Sonnabend, den 16. December nachmittags, als Creizenach dem Freunde Bruno, mit dem er verabredet hatte, den drei Entsetzten das Geleit nach Kassel zu geben, die Nachricht brachte, der Prorector habe die Reise über Münden inhibirt und den Professoren eine Zwangsordre gegeben, über Witzenhausen zu reisen.

»Außerdem aber, denke dir die Schweinewirthschaft! hat die Polizei allen Pferdephilistern bei 20 Thalern Strafe untersagt, heute und morgen an Studirende Wagen oder Pferde zu verleihen. Hat sie dazu ein Recht? Ist das nicht ein Eingriff in Privatrechte?«

»Du weißt«, erwiderte Baumann, »daß ich immer gesagt habe, die göttinger Polizei thut, was sie will und kann, das heißt, woran sie nicht gehindert wird. Recht oder Unrecht, das sind Begriffe, die weder Beaulieu noch sein würdiger Polizeisenator kennen!«

»Wir, Oppenheim, Paul von Scherff, Wolfsohn, Roos, Stricker«, fuhr jener fort, »haben beschlossen, nachmittags nach Witzenhausen voranzugehen, um dort den Verbannten einen würdigen Empfang zu bereiten. Da Schüler sich mitzugehen entschlossen hat, das Gehen ist sonst seine Sache nicht, will auch Karl von Rothschild mit; da haben wir also Aristokratie, haute finance und Demokratie zusammen. Willst du mit? oder deine Füchse?«

»Ich kann nicht, ich muß noch ein Dutzend Briefe schreiben, damit ganz Deutschland erfahre, mit welcher brutalen Gewalt man hier vorgeht. Aber du thust mir einen Gefallen, wenn du die Füchse mitnimmst, dann wird es hier ruhig. Der Grant ist ganz außer sich und schimpft den ganzen Tag über die Feigheit der Deutschen. Sorge aber dafür, daß sie keinen Unsinn treiben. Ich komme morgen mit Bock und Wippermann nach, einen Wagen will ich schon bekommen, der alte Brandes läßt sich von einem Heinze so leicht nicht ins Bockshorn jagen.«

Die Studiosen zogen gegen Abend zu verschiedenen Thoren hinaus, auf der Landwehr wollten sie sich sammeln. Es zogen aber nicht nur die Freunde, die wir kennen gelernt, es zogen Hunderte aus allen Gauen Deutschlands mit ihnen.

Der Abend war frisch, die Felder lagen voll Schnee, der Mond schien hell, und der Schnee leuchtete mit ihm um die Wette. Die Studiosen erhielten noch Arbeit, um ihr Müthchen in der Nacht zu kühlen. Im Dorfe Friedland brannte es, und die Schar der jugendlichen Ritter trug nicht wenig dazu bei, die Macht des Elements zu dämpfen. Daran lag es denn wol auch, daß sehr wenige in der Nacht ihr Ziel, Witzenhausen, erreichten, die meisten blieben in größern oder kleinern Trupps in den Dörfern an der Landstraße hängen, in Friedland, Mertzhausen, Mohlenfelde. Unsere Freunde drangen noch in der Nacht bis zum Försterhause, weil George Grant die Stätte sehen wollte, wo sein Pathe Georg Baumgarten geboren war.

Baumann fuhr schon früh morgens mit seinen Freunden aus und traf gegen neun Uhr in Witzenhausen ein, eben als die ersten Scharen Studirender einzogen unter Führung eines Bremanen, des rothen Baumeister.

Da er in Witzenhausen wohl bekannt war, kehrte er in jenem Wirthshause neben der Rathsapotheke ein, das 1792 Heinrich Schulz unter seinem gastfreundlichen Dache gesehen hatte.

Es kamen indeß immer neue Scharen angezogen, auch das junge Göttingen mit Baumann's Füchsen traf endlich ein. Man hatte sich im Forsthause zu lange bei dem Frühstück aufgehalten, und Karl von Rothschild zeigte sich als Meister, die göttinger Professoren zu imitiren, namentlich seinen Mentor, den Hofrath Rusticus. – Bauer hielt dem Baron nach seiner Rückkehr nach Göttingen eine Strafrede über das Vergehen des witzenhauser Geleits, ähnlich der Scene, die zwischen Falstaff und Prinz Heinrich spielt. Der Herr Baron war in seinen göttinger Jahren von einer Suada, von der das Mitglied des Reichstags und Herrenhauses bisher nur wenig Reste gezeigt hat.

Der Bürgermeister hatte indeß, da in den Wirthshäusern für mehr als zweihundert Studenten kein Unterkommen zu finden war, diesen die Rathhausschlüssel gebracht, und die Hanseaten Cords und Burmeister nahmen es in die Hand, die kommende Feierlichkeit einigermaßen vorzubereiten.

Es wurden vom Rathhause aus einzelne Posten bis über die Brücke hinaus gestellt, und man begann im Rathhaussaale so gut es ging zu campiren, sich, da es mit Feuer nicht anging, mit Getränken dieser und jener Art zu erwärmen.

Da ward von den lebendigen Telegraphen das Zeichen gegeben, daß die Professoren sich nahten; alles stürzte nun hinaus, um jenseit der Brücke auf dem rechten Werraufer Spalier zu bilden.

Der Wagen nahte, der Kälte wegen mit verschlossenen Fenstern, das Hurrah! begann. Da wurde das Fenster geöffnet, Otfried Müller beugte sich, in seinen kleidsamen, talarähnlichen blauen Mantel gehüllt, aus dem Wagen, und sagte nach beiden Seiten freundlich grüßend: »Meine Herrn, erweisen Sie uns nicht unverdiente Ehren; die, welche Sie erwarten, kommen erst später.« Kaum hatten die Studenten aber erfahren, daß der Wagen die sechs Nachprotestirenden berge, als ein donnerndes Vivat erschallte. Die Posten wurden gewechselt, man zog sich in das Rathhaus zurück, wo indeß einige Fässer mit kasseler Märzen aufgelegt waren, das trotz der Kälte mundete. Gegen elf Uhr kamen die Vertriebenen. Im ersten Wagen saß Gervinus mit seiner jungen Frau. Sie, die jugendlich Frische, mit den glänzenden Augen und den langen schwarzen Zöpfen enthusiasmirte die Jugend bis zum Uebermaß. In dem zweiten Wagen saßen Dahlmann, Jakob Grimm, Dahlmann's junger Sohn. Ein langdauerndes Vivat erscholl. Außer den Göttingern war ganz Witzenhausen auf den Beinen und vor dem jetzigen Felsenkeller Johannisberg. Ohne Verabredung trat man vor die Wagen und spannte die Pferde aus, wie sehr Dahlmann und Jakob Grimm auch abmahnten. Eine Anzahl junger Männer aus Witzenhausen bat um die Ehre, die Wagen ziehen zu dürfen; die nächststehenden Studenten und die jungen Witzenhäuser griffen zu, und unter donnerndem Hoch, von Hunderten von Studenten, Männern aus Witzenhausen, Frauen, Kindern, Bauern der Umgegend umgeben, rollten die Wagen über die Werrabrücke dem Rathhausplatze zu, wo vor dem Goldenen Hirsche noch einmal ein Vivat aus tausend Kehlen ertönte.

Der Enthusiasmus und die Rührung waren unbeschreiblich – jung und alt vergoß Thränen, nur der Himmel lachte. Die Wolken, die den ganzen Morgen den Himmel bedeckt hatten, waren verschwunden, eine helle, warme Decembersonne leuchtete am blauen reinen Himmelszelte. Wahrlich, das war eine ganz andere Rührung als die, wo noch nicht dreißig Jahre später der Sohn des Vertreibers der Sieben, ein König zwar, aber geflüchtet aus seiner Residenz, von Göttingen auszog, um nimmer wieder unter dem Thronhimmel zu sitzen, von dem er glaubte, daß er bis zum Ende aller Dinge dauere.

Als man die Professoren ausgeruht glaubte, erschienen die mit Baumann befreundeten Studiosen im Saale, wo jene ihr Mittagsmahl eingenommen hatten.

Der Studiosus Creiznach aus Frankfurt a. M. trat vor und sprach den Abschiedsgruß:

Die deutschen Männer, die mit Ernste
Vollbrachten eine schöne Bahn,
Die treulich für das Nächst' und Fernste
Stets warm die Herzen aufgethan;
Die nun in ungewisse Weite
Aus lieb geword'ner Stätte gehn:
Wir geben ihnen das Geleite,
Wir grüßen sie auf Wiedersehn.

Wohl glänzten gute Lebenssterne
Ob euerm segensreichen Lauf.
Ihr pflegtet fromm des Wissens Kerne
Und herrlich wuchs die Pflanzung auf.
Sie nährte sich im stillen Grunde
Des deutschen Wesens allgemach
Und hebt nun prangend in die Runde
Das weitbewegte Schattendach.

Doch nicht aus Schriften blos, aus Blättern
Habt ihr verborgenes Gut geschafft:
Ihr habt in Stürmen und in Wettern
Gestanden mit des Geistes Kraft;
Ihr sprachet zu des Volkes Wohle,
Ihr richtetet nach rechtem Maß
Und zeigtet nach dem festen Pole,
Den mancher schwanke Sinn vergaß.

Und wenn die Führer nun enteilen,
An die sich uns're Jugend schloß;
Und wenn, den Kranz euch zu ertheilen,
Noch keine Siegespalme sproß:
So ist in vielen treuen Herzen
Ein lichter Funke doch erwacht
Und hat die tausend Liebeskerzen
Zu einer Flamme angefacht.

Der Gruß der Liebe muß genügen
Zum Segen auf der dunkeln Bahn;
Er kündet euch in schwachen Zügen
Den Dank des deutschen Volkes an:
Wenn durch die Wolken, die sich thürmen,
Ein lichter Strahl sich lachend zeigt,
Und aus den Nebeln und den Stürmen
Des Rechtes klare Sonne steigt.

Die Gläser wurden gefüllt, Dahlmann und Grimm, ernst bewegt, drückten den eingetretenen Studenten die Hand, man lud diese zum Niedersitzen, Gervinus wurde gesprächig, eine ruhige trauliche Stimmung trat ein.

Da erschien eine Deputation der Studirenden vom Rathhause und bat die Drei, sich noch einmal vor der ganzen Versammlung zu zeigen. Man ging zum Rathhause, hier begrüßte Baumeister die Scheidenden mit einer Anrede, und die Studirenden riefen ihnen nicht nur das Lebewohl zu, sondern jeder beeiferte sich, ihnen noch einmal die Hand zu drücken.

Dahlmann standen die Thränen in den Augen. Er ermahnte nochmals die Jugend, jede politische Anspielung und jedes demonstrationsartige Verfahren bei ihrer Rückkehr zu unterlassen.

Die Verbannten fuhren davon, die Mehrzahl der Studenten kehrte nach Göttingen heim, Baumann jedoch in seinem Wagen, und mehrere Ackerwagen, die, in der Eile mit Strohsitzen versehen, das junge Göttingen aufnahmen, folgten nach Kassel.

Von diesen Ackerwagen sang man, nach einer amerikanischen Melodie, die Grant einem Schlachtliede aus Creizenach's »Sohn der Zeit« untergelegt hatte.

Wie lagen wir in tiefer Nacht
            So bang!
Gottlob, daß wieder Ruf zur Schlacht
            Erklang;
Wir scharen uns nach träger Ruh
            Zu Hauf,
Und rufen Wald und Strömen zu:
            Wacht auf!

Und wahrlich, die Jugend, welche 1837 am 17. December Dahlmann, Jakob Grimm und Gervinus nach Witzenhausen begleitete, war aufgewacht, wach gerufen durch brutale Machtgewalt des Welfen Ernst August, der in absolutistischer Verblendung selbst begann, an dem Throne zu rütteln und zu schütteln, den sein großer Ahn Heinrich der Löwe einst so mächtig im norddeutschen Grund und Boden aufgerichtet hatte.

Von den dritthalbhundert Studenten, die an diesem Tage in dem kleinen hessischen Städtchen waren, sind die meisten der Sache der Freiheit treu geblieben, und wenn selbst einer von denen, die jetzt auf dem Leiterwagen sangen:

Und wenn das Reich den Kaiserglanz
            Verlor:
So streben wir zu frischem Kranz
            Empor!

auch in späterer Zeit als Minister in L. von der Fahne der Freiheit abgefallen schien, so trugen besondere Verhältnisse, die mächtiger waren als sein Herz, die Schuld, und er hat, da Frankreich seine Hand nach dem deutschen Ländchen auszustrecken wagte, gut zu machen versucht, was er früher verschuldet.

Den Studiosen, welche die Verbannten nach Kassel begleitet, wurde dort angedeutet, daß sie die Stadt bis Mitternacht verlassen haben müßten; auch Dahlmann und Gervinus gönnte man keine Ruhe; Baumann und Bock wurden durch Wippermann in Privatquartieren untergebracht.

Es kann nicht unsere Absicht sein, die verschiedenen Phasen, welche das hannoverische Volk gegen die Vernichtung des Grundgesetzes durchkämpfte, hier zu schildern, zumal nach der Entsetzung der Sieben der Widerstand der Universität gebrochen war und die Opposition in Osnabrück durch Stüve, Magistrat und Altersleute, in Hannover durch Rumann, Heiliger und Detmold neue Knotenpunkte gewann. Die politischen Ereignisse haben für uns überhaupt nur dann Bedeutung, wenn sie auf das Leben unserer Epigonen einwirken.

Für Baumann's Lebens und Geistesrichtung hatten sie nun aber die bedeutsame Folge, daß er sich immer mehr auf politisch-literarische Arbeiten hingedrängt sah. Zwar durfte er als Candidat der Advocatur advociren, aber er mußte, wenn auch nur pro forma, in Begleitung eines wirklichen Advocaten auftreten, seine Schriften mußten von einem solchen mitunterzeichnet sein. Wenngleich nun jeder der bei dem Stadt- oder Amtsgericht gegenwärtigen Advocaten immer bereit war, Baumann sozusagen einzuführen, so waren das doch immer Weitläufigkeiten, die ihm die Praxis zuwider machten, namentlich auch deshalb, weil sie ihm Gegenverpflichtungen auferlegten.

Aber gerade selbständig zu sein, auf eigenen Füßen zu stehen, darein setzte er seinen größten Stolz. Die Abhängigkeit der Staatsdienerschaft widerstrebte ihm innerlichst; er fühlte vielmehr den Beruf, das unter der neuen Welfensonne aufblühende Staatsbediententhum, die schlau zusammengesetzte und fest ineinandergreifende Maschine des modernen Despotismus, eine recht chinesische Ausgeburt des Bevormundungsstaats an der Leine wie an der Spree, an der Elbe wie an der Donau und Isar, männlich zu bekämpfen. Wie froh und glücklich hatte er sich gefühlt, als er Onkel Hermann in Wien schreiben konnte, daß er es so weit gebracht habe, für sich selbst sorgen zu können, daß er ihm herzlich für seine bisherigen Unterstützungen danke, solche für die Zukunft aber ablehnen müsse.

Inzwischen hatten sich die Verhältnisse geändert; sein Vater war gestorben ohne Vermögen, hatte eine Witwe und sechs Kinder hinterlassen, von denen nur die älteste Schwester an einen Förster im Hessischen, den Sohn der Agnes Emeyer aus Grünfelde, verheirathet war. Sein ältester Bruder hatte die Forstcarrière eingeschlagen und war jetzt auf der Forstschule zu Klausthal, ein anderer Bruder diente auf einem bremer Schiffe als Matrose und bereitete sich zum Steuermannsexamen vor. Zwei Schwestern und sein jüngster Bruder Karl, dessen Talente von den Lehrern sehr gelobt wurden, lebten bei der Mutter in Hedemünden, die eine geringe Pension bezog.

Es würde Bruno nicht schwer geworden sein, die Stelle seines Vaters als von Berlepsch'schen Gerichtshalters zu erhalten, allein in einem so kleinen Neste zu verbauern, das stand ihm nicht an.

Als Ostern herankam, hatte er einen neuen pecuniären Verlust. Grant hatte seine Studien vollendet und wollte, nachdem er auf Weber's Rath in München bei Steinheil die vervollkommnete Methode der elektromagnetischen Telegraphie studirt, von welcher Weber vorher sagte, daß sie binnen zwanzig Jahren die Welt würde erobert haben und entfernte Erdtheile verbinden werde, noch ein halbes Jahr in den Werkstätten Friedrich Schulze's zu Hannover zubringen.

Theodor Hellung, der Sohn Hassan's, hing die Studien ganz an den Haken. »Was soll ich die Rechte studiren«, sagte er, »wenn ich sehe, daß Recht für die Großen dieser Erde nicht existirt? Um den Armen im Auftrage des Reichen die letzte Habe durch den Executor verkaufen zu lassen, dazu will ich nicht studiren, ich will Maschinenbauer werden, ich gehe mit Grant zu deinem Onkel Schulz.«

Nach Vertreibung der Sieben zog das ganze junge Göttingen theils nach Berlin, theils nach Heidelberg, um dort weiter zu studiren; so hatten denn auch der Amerikaner Baumgarten und Oskar Schulz nicht mehr Lust, in Göttingen zu bleiben. Baumann, der für den Unterricht, den er den jungen Leuten in der Philosophie gegeben hatte, sowie für Beaufsichtigung derselben von den beiden Onkeln in Pittsburg und Hannover ein reichliches Honorar bezogen, verlor dies. Zwar erhielt er von Gräfe, der mit andern Dingen, namentlich dem Processe der Sieben gegen die Regierung beschäftigt war, eine Menge bei höhern Gerichten schwebender Processe zur Weiterführung, allein er erhielt nur den üblichen Theil des Honorars für seine Arbeiten.

Sein sehnlichster Wunsch wäre es gewesen, Mitglied der hannoverischen Ständeversammlung zu werden, aber es fehlte ihm die Qualification wie das nöthige Alter; so mußte er sich begnügen, Wahlen und Nichtwahlen machen zu helfen, die Maßnahmen der Opposition in öffentlichen Blättern zu empfehlen und zu verteidigen. Das Cabinet Schele hatte sich eine besoldete Preßhülfe beigelegt, ein gothaer Polizeisecretär Georg Zimmermann und ein jüdischer Literat, der in Göttingen lebte, Dr. Meyer Eichholz, wurden nach Hannover berufen, um nach Angaben des Cabinets für die auswärtige Presse, namentlich den »Hamburgischen Unparteiischen Correspondenten«, zu schreiben. Baumann hatte beide vor sieben Jahren im Colleg der europäischen Staatengeschichte bei Dahlmann als seine Nachbarn gehabt, und es machte ihm jetzt Vergnügen, gegen die Besoldeten zu polemisiren.

Dazu schrieb er für Gutzkow's »Telegraph« Charakteristiken der Sieben, er arbeitete für das »Jahrbuch der Literatur« von Gutzkow und war fleißiger Mitarbeiter an den Ruge-Echtermeier'schen »Jahrbüchern«. So widmete er sich einer vielseitigen und ersprießlichen Thätigkeit, stets rührig und fertig, im Sommer mit der Sonne aufstehend, im Winter bis spät in die Nacht arbeitend.

Seit Ostern hatte er seinen jüngern Bruder Karl zu sich genommen, damit derselbe das Gymnasium besuchen könne.

Auf der Reise nach Wien, die er sich für die Gerichtsferien vorgenommen, wurde nun freilich nichts, so heftig ihn die Sehnsucht nicht nach Onkel Hermann, sondern nach der reizenden Heloise von Finkenstein zog, die dort bei dem Onkel weilte. Er mußte den Besuch abschreiben. Aber einen Erfolg hatte dennoch dieser Absagebrief. Der Onkel schrieb, er habe Baumann mündlich einen Vorschlag machen wollen, den er jetzt schriftlich mache. Die hannoverische Angelegenheit errege in Wien großes Interesse, das Gedicht Anastasius Grün's an Jakob Grimm mit den Schlußversen über Ernst August:

Versteht er auch ein deutsches Lied von deutscher Ehre schwerlich,
Es findet sich wol einer dort, ihm's zu verwelschen ehrlich!

sei in jedermanns Händen. Der ihm befreundete Redacteur eines großen Blattes würde gern Correspondenzen annehmen, allein dieselben müßten österreichisch-metternichisch zugeschnitten sein, und das werde Baumann nicht verstehen. Er habe indeß Zeit genug und kenne die wiener Censur hinreichend, um zu wissen, was er ihr bieten könne. Bruno möge ihm wöchentlich einen Bericht über die hannoverischen Angelegenheiten schreiben, den er mit 1 Louisdor zu honoriren ermächtigt sei.

Baumann ahnte nicht, daß das Honorar aus der Tasche Hermann's kam, er wußte auch nicht, worüber er sich mehr freuen sollte, ob über den leichten Verdienst von 52 Louisdor jährlich oder über den herzlichen Gruß von Mutter und Heloise von Finkenstein, den Veronica die Jüngere unter den Brief des Vaters geschrieben hatte.

Auch der Sommer 1839 kam, ohne daß Baumann erlangte, in Göttingen als Advocat angestellt zu werden; vergeblich war er auf Detmold's Rath nach Hannover herübergekommen, um bei dem allmächtigen Cabinetsminister selbst seine Anstellung als Advocat wenn nicht in Göttingen, so doch in Harburg zu bewirken.

In Hannover setzte Schele das System der Fälschungen fort, das er in Kassel zu Jérôme's Zeiten kennen gelernt hatte, in Städten, die drei-, viermal jede Wahl verweigert hatten, dann aber einen Oppositionscandidaten wählten, wurden mit Hülfe seiner niederträchtigen Werkzeuge, feiler über- und demüthiger Unterbeamten, Gensdarmen und Polizeidiener Loyalitätsadressen, welche das Thun der Opposition verdammten und um die Lippen des graubärtigen Königs den Honigseim angestammter Unterwürfigkeit schmierten, zu Tage gefördert. Als die Zweite Kammer nach einem angenommenen Incompetenzantrage des Deputirten der Stadt Göttingen beschlußunfähig geblieben war, trieb man den Dr. Christiani und Detmold durch Polizei in die Kammer, und als auch das nicht helfen wollte, wurden siebenundzwanzig Deputirte, weil sie nicht erschienen, für resignirend erklärt und Neuwahlen angeordnet.

Die juristischen Facultäten von Heidelberg, Jena, Tübingen hatten ihr Gutachten dahin abgegeben, daß das Staatsgrundgesetz als zu Recht bestehend anzusehen sei; zweiunddreißig Wahlcorporationen lehnten Neuwahlen ab, es schien keine Aussicht vorhanden, daß das Cabinet eine beschlußfähige Zweite Kammer zusammenbringe. Da gelang es, einen der Führer der bisherigen Opposition zum Verräther zu machen, und mit seiner Hülfe kamen mehrere Wahlen zu Stande, auch erklärte die Regierung Minoritätswahlen für gültige Wahlen. Es war eine rechte Ministerwirthschaft, um ein Beispiel aufzustellen, wie man mit den Rechten und Formen der constitutionellen Monarchie umspringen könne. In frevler Sicherheit streute man die Drachensaat des Rechtsbruches und der Vergewaltigung aus, welche unter den glühenden Strahlen der allwaltenden Nemesis zu ihrer Zeit aufschießen mußte.

So standen die Dinge, als Baumann, um die Gerichtsferien in Hannover bei dem Onkel zuzubringen und seine Anstellung zu betreiben, Mitte Juli 1839 dort eintraf. Der Magistrat der Residenz hatte im Juni eine energische Protestation gegen etwaige Beschlüsse der sogenannten Ständeversammlung bei dem Bundestage überreicht und die Excellenzen in der Eschenheimer Gasse gebeten, die heiligen, so vielfach und gewaltsam verletzten Rechte des Landes unter Hochdero sichern Schutz zu nehmen.

Baumann hatte von den damals am Bundestage vorliegenden dreißig Beschwerden etwa ein halbes Dutzend im Auftrage verschiedener Corporationen concipirt, er schmeichelte sich, eine kräftige, derbe Sprache zu führen, allein er mußte gestehen, daß seine Schreibweise matt war gegen diese göttliche Grobheit Detmold's in der Petition der Residenz. Sein erster Weg war daher auch zu diesem, um demselben zu gratuliren.

»War doch ein Fehlschuß«, sagte Detmold, »die hohe Bundeskanzlei hat die Eingabe zurückgewiesen, und ich habe nun die doppelte Arbeit einer neuen, in welcher die Form nach allen Seiten gewahrt werden soll. Der Bundestag ist es überhaupt noch nicht gewohnt, die Wahrheit zu hören, wie wollte ihm nun eine ungeschminkte, derbe Wahrheit behagen? Außerdem scheint man weitere Dinge im Schilde zu führen; gestern ist der kleine Rest der Beschwerde vom Cabinet bei dem Magistrat confiscirt.«

Und allerdings wollte man an dem Magistrat der Residenz selbst ein Exempel statuiren; schon am 16. Juli erschien eine königliche Proclamation, welche erklärte, die Vorstellung vom 15. Juni an den Bundestag enthalte das Verbrechen der Majestätsbeleidigung, der Calumnie der Regierung mit öffentlicher Injurie gegen die Minister und die allgemeine Ständeversammlung, deren Bestrafung den Gerichten übertragen sei. Einstweilen werde aber der Stadtdirector Rumann von seinem Amte suspendirt, weil er die Vorstellung mit unterzeichnet habe.

Für Baumann gab es Arbeit an diesem Tage, die Briefe flogen nach allen Himmelsgegenden.

Am andern Morgen war Baumann frühzeitig in der Stadt (der Onkel wohnte in einer Vorstadt) und ging zu Detmold, der außergewöhnlich früh aufgestanden war. »Das Bürgervorsteher-Collegium«, sagte dieser, »hat in der Nacht eine Adresse an den König unterschrieben, welche um Zurücknahme der Suspension Rumann's und um Schutz der Stadtverfassung bittet, sie sollte mittags elf Uhr durch eine Deputation übergeben werden. Inzwischen höre ich soeben, daß der Landdrost von Dachenhausen schon um zehn Uhr den Oberamtmann Hagemann als interimistischen Stadtdirector einsetzen will. Das ist eine gedoppelte Verletzung der Verfassung, denn nach §. 5 kann kein Staatsdiener Mitglied des Magistrats sein, und sodann ist der Syndikus gesetzlicher Vertreter des Stadtdirectors in Behinderungsfällen. Das muß verhindert werden. Gehen Sie sofort zu Ihrem Onkel zurück und sagen Sie ihm, daß er sich mit einigen zuverlässigen Leuten auf das Rathhaus begibt und von seinen Freunden und Bekannten so viele mitnehmen soll, als er deren habhaft werden kann.«

Als Baumann sich in die Vorstadt zurückbegab, sah er, wie in den einzelnen Stadtvierteln verschiedene angesehene Bürgersleute, die er oft des Abends in Wessel's Schenke um Detmold versammelt getroffen hatte, aus einem Hause in das andere gingen. Sein Onkel stieß ein Donnerwetter aus, als Baumann ihm erzählte, was vorgehe, er rief seinen ältesten Sohn und sagte diesem: »Laß hundert ruhige und zuverlässige Leute sofort nach Hause eilen, ihr Sonntagszeug anziehen und sich dann auf dem Markte vor dem Rathhause sammeln. Sind auch nur funfzig versammelt, so kommst du mit zehn Stück auf den Rathhaussaal und hältst dich in meiner Nähe.«

Inzwischen war es in der Stadt Hannover lebhaft geworden, aus allen Straßen zogen die Bürger in Haufen nach dem Rathhause, ruhig, still, ohne jegliche Demonstration. Auf dem großen Rathhaussaale sammelte es sich immer mehr.

Der König, hieß es, wolle die Deputation der Bürgervorsteher um elf Uhr empfangen, aber nach Entfernung »der populen«, die sich auf der Leinstraße gesammelt hatten.

Obgleich es sich nun von selbst verstand, daß mit der Beeidigung des interimistischen Stadtdirectors innegehalten werden mußte, bis der König selbst entschieden hatte, drängte doch der Landdrost zur Beeidigung des Oberamtmanns Hagemann, den er zu diesem Zwecke auf den Rathhaussaal führte. Man wehrte ihm aber den Eintritt in das Magistratszimmer, und die Menge schrie: »Hinaus mit ihm, wir wollen keinen Oberamtmann, wir wollen Rumann behalten.« Hagemann bestieg einen Stuhl, um von der Pflicht des Gehorsams gegen den König zu sprechen. Da trat der alte Schulz vor, er war ein Mann von fünfundsechzig Jahren, aber rüstig und kräftig wie einer. Er faßte den Oberamtmann an den Patten seines Uniformrockes, trug ihn mit steifen Armen vor das nächste unvergitterte Fenster und rief: »Fenster auf!« dann hielt er den am ganzen Leibe Zitternden, indem er ihn unter die Arme faßte, zum Fenster hinaus und zeigte ihn der unten versammelten Menge.

»Werft ihn zum Fenster heraus«, schrie die Menge.

Aber Schulz setzte den Oberamtmann mit einem kräftigen Ruck wieder in den Saal und auf den Erdboden, indem er sagte: »Ich wollte dem Herrn Oberamtmann nur da draußen die Tausende zeigen, die gegen seine Einsetzung protestiren.«

Der Herr Oberamtmann wußte nicht, wie ihm geschehen war, er hatte die Lust verloren, Stadtdirector zu spielen, er mochte wol an das Fenster des Hradschin denken, auf der Kleinseite von Prag, das er sich in seiner Jugend einmal von unten angesehen hatte.

Die Deputation der Bürgervorsteher zog nun, von vielen tausend Bürgern begleitet, in die nahe Leinstraße vor das Palais des Königs. Ernst August war ein kluger Mann, er lobte die Loyalität der Bürger, erklärte, es habe nicht in seiner Absicht gelegen, die Rechte der Stadt zu kränken, er habe den §. 5 der städtischen Verfassung nicht gekannt, er nahm die Bestallung des Oberamtmanns Hagemann zurück und übertrug bis zur Rückkehr des Stadtgerichtsdirectors Heiliger dem Syndikus Evers die Verwaltung der Stadt.

Die hannoverische Bürgerschaft, deren Loyalität man lobte und die man von ihrem Magistrat zu trennen suchte, bekräftigte nochmals in einer energischen Adresse ihre Uebereinstimmung mit dem Magistrat und ihr Festhalten am Staatsgrundgesetze.

Noch drei Jahre hindurch suchte die Opposition auf verschiedenen, nicht immer richtigen Wegen das Grundgesetz sich zu retten, allein am Bundestage waren Oesterreich und das von Metternich ins Schlepptau genommene Preußen, bei dem die Erhaltung und Entwickelung des constitutionellen Rechtsstaats nicht eben mit Gunst angesehen wurde, gegen das Land, die Mittlern und Kleinen am Bunde aber wie immer ohnmächtig. Im folgenden Jahre wurde das Landesverfassungsgesetz von einer unvollständigen, durch Minoritäts- und Zwangswahlen kaum beschlußfähigen Ständeversammlung zurechtgemacht, die neuen Stände nach diesem Gesetze verweigerten die Budgetberathung, dann, 1842, fügte man sich den nicht zu ändernden Dingen.

Auch Ernst August war des Haders müde geworden, er wollte Frieden. Man ging in der Hauptsache hartnäckig, im übrigen versöhnend vor, die Confinationen gegen Detmold und andere wurden aufgehoben, und selbst unser Freund Baumann erhielt ein Rescript, das ihn zum Advocaten in Heustedt ernannte.

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