Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Oppermann >

Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 65
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel.
Bruno Baumann und das Patent vom 1. November.

October war gekommen, das neue Semester hatte angefangen, in der »Kaserne« an der Obern Marsch, so nannte das Junge Göttingen das von Baumann bewohnte Haus, entwickelte sich reges Leben; die vier Studenten Grant, Hermann Baumgarten, der Amerikaner, der jüngere Theodor Hellung und der jüngste Sohn des Maschinenbauers Friedrich Schulz, Oskar, die hier unter Bruno's Oberaufsicht ihre Studien betrieben, gehörten zwar keinem Corps an, aber Kamele waren sie sämmtlich nicht. Ihre Studien waren freilich verschieden, aber sie liebten sich wie Brüder, sie alle schwärmten für Freiheit, die Amerikaner auch für ihr Vaterland, der Sachse und Hannoveraner für ein einiges Deutschland; sie alle schätzten und verehrten ihren Führer und Lehrer Bruno. Dieser ließ sich mit den jungen, oft eigensinnigen Gesellen auch keine Mühe verdrießen. Wollten die jungen Leute in das Theater – und Director Löwe hatte eine ziemlich gute Truppe vereinigt, die nicht nur Opern ganz passabel aufführte, sondern die sich auch von Philipp Otto von Münchhausen das Neueste von Laube, Gutzkow und Halm einstudiren ließ –, so führte er sie dahin, einmal wöchentlich ging man abends in die allgemeine Kneipe oder zu einem Theeabend des Jungen Göttingen, einen Abend wurde in Baumann's Stube gemeinschaftlich ein Shakspeare'sches Stück in deutscher Uebersetzung mit verteilten Rollen gelesen, den Donnerstag Abend konnte jeder beginnen was er wollte. Freitag war philosophisches Kränzchen auf Baumann's Stube, zu dem auch die größere Anzahl der jungen Leute kam, die wir zur Feier von Goethe's Geburtstag bei Carriere versammelt fanden. Sonnabend war Gasttag in der »Kaserne«. Der geräumige Gartensalon, sonst als Fechtboden und zu Turnübungen benutzt, wurde geräumt, Tische wurden aneinandergerückt, ein Eimer mit kasseler Bier stand auf dem Tische und vor jedem Sitze ein Schoppen. Der gemeinsame Diener der beiden Amerikaner, dem diese, um die Pedelle zu necken, den Namen Pudel gegeben hatten, ein Schwarzer, füllte die Gläser und stopfte die Pfeifen. Es wurde gesungen, politisirt, kritisirt und, wie sich von selbst versteht, getrunken. Jeder, der durch einen Freund eingeführt wurde, war willkommen, jede Bekanntschaft, welche die jungen Leute in ihrem Colleg oder auf dem Literarischen Museum machten, wurde eingeladen. Es war oft so voll, daß der Platz nicht ausreichte und Pudel am obern Ende der Tafel, ein Stiefelwuchs am untern Ende das Füllen der Schoppen besorgen mußten.

Diese Gastabende gingen für Rechnung der reichen Amerikaner, die in der That ihre Wechsel nicht zu verbrauchen verstanden. Sonntag war wieder Feierabend, man vereinigte sich aber doch in der Regel zu Partien, man ging gemeinsam auf den Rohns, um dem »Kuhschwof« zuzusehen, und wenn hübsche Frauenzimmer da waren, auch wol selbst zu tanzen, oder man verabredete bei schlechtem Wetter eine Poule auf dem Museum und spielte dann gegen Verbot auch wol bis über zehn Uhr Billard.

Die jungen Leute blieben sich Ende October selbst überlassen, ohne ihre Freiheit zu misbrauchen. Bruno hatte seine Relationen abgeliefert und war nach Celle zum Oberappellationsgericht geladen, um dort auch sein mündliches Examen zu machen.

Bruno kehrte nach bestandenem Examen bei dem Onkel Maschinenbauer in Linden ein, um dem Justizminister seine Aufwartung zu machen und den Wunsch auszusprechen, in Göttingen als Advocat den Wohnsitz angewiesen zu bekommen.

Nach dreimaligem vergeblichen Versuche, bei Excellenz vorgelassen zu werden, gelang dies unserm jungen Freunde am 1. November. Excellenz von Stralenheim mußte mit dem linken Fuße zuerst aus dem Bette gestiegen sein, oder Ernst August mußte ihm mit seiner Fistelstimme schon einige Grobheiten gesagt und ihm gezeigt haben, daß er nur Departementsminister, nicht mehr Rath des Königs sei, Excellenz war übel gelaunt.

Er hörte den Candidaten stehend an, dann, als dieser seinen Wunsch dargelegt hatte, erwiderte er barsch: »Es ist hier nicht unbekannt geblieben, daß Sie, Herr Candidat, sich unberufen und unbefugt in politische Fragen einmischen; wir haben mit Staunen gehört, daß Sie als Gazettist für fremde Zeitungen correspondiren, sich nicht entblöden, das Thun und Lassen meines allergnädigsten Herrn und Königs Ernst August und seiner Räthe zu kritisiren.

»Es sei Ihnen solches Thun hiermit allen Ernstes verwiesen. Bedenken Sie, junger Mann, daß es auf das Wissen nicht allein ankommt und ein bestandenes Examen noch kein Recht gibt zu einer Anstellung. Ehe Sie nicht gezeigt haben, daß Sie vor allem Gehorsam gelernt, ehe wir nicht die Ueberzeugung hegen dürfen, daß Sie die Anordnungen Sr. Majestät und seiner Räthe treu beachten und ihnen gehorsamen, eher werde ich mich schwer entschließen können, Sie unter die Zahl der Advocaten aufzunehmen.«

Excellenz machte eine kleine Verbeugung zum Zeichen, daß Bruno entlassen sei; dieser war anfangs verblüfft, dann aber, als der Minister ihm schon den Rücken zukehrte, kam sein alter Jähzorn über ihn: »Excellenz«, sprach er mit kräftiger, für eine Audienz überlauter Stimme, »Excellenz dürfen nicht vergessen, daß ich nach bestandenem ersten Examen in der Justizkanzlei zu Göttingen einen Eid auf das Staatsgrundgesetz geleistet habe und daß ich meine Eide nicht so leicht zu brechen pflege, als dies andere Leute vielleicht schon gethan haben, oder noch thun werden.«

Excellenz hatte sich wieder zu Bruno gewandt, sah ihn drohend an und griff nach einer silbernen Schelle auf dem Tische.

Bruno machte einen kargen, trotzigen Diener und entfernte sich, innerlich zufrieden, daß er Mannesmuth wenn auch nicht vor Königsthronen, doch vor einer Excellenz gezeigt hatte, die Ernst August gegenüber keinen Mannesmuth zeigte.

Er hatte bei seiner Rede die rechte Hand so zur Faust geballt, daß ihm, wie er jetzt erst sah, der neuerkaufte weiße Glacéhandschuh gänzlich geplatzt war.

Bruno eilte von der Wohnung Stralenheim's am Brande zu der nahen Wohnung Detmold's an der Duvenstraße, dem er das Begegniß erzählte.

»Junger Freund«, erwiderte dieser, »wie kann Sie das wundernehmen? Wissen Sie nicht, daß jeder Hannoveraner, der sich immatriculiren läßt und dadurch zu erkennen gibt, daß er dem Ungeheuer Staat seine Dienste leihen will, der Staatscontrole unterliegt? Vom Augenblick der Immatriculation an werden Sie überwacht, es werden Personalacten über Sie angelegt. Glauben Sie nicht, daß Ihre beiden Freunde, der Polizeichef von Beaulieu und der Magistratsdirector Ebel in diese Acten schon schöne Sittenzeugnisse und Berichte niedergelegt haben?

»Ueberhaupt möchte ich Ihnen rathen, den Gedanken, sich in Göttingen niederzulassen, aufzugeben, kommen Sie hierher nach Hannover; die Stadt wird unter dem Königthum wachsen und sich ausdehnen, Handel und Industrie werden sie beleben, Eisenbahnverbindungen werden nicht ausbleiben, am Schwindel wird es nicht fehlen, der wieder den Advocaten Arbeit gibt. Ihr Onkel allein kann Ihnen so viel Beschäftigung geben, daß Sie davon leben können. Glauben Sie mir, auf die Länge der Zeit werden Sie es mit dem Professorenzopf und Hofrathshochmuth nicht aushalten, und das Treiben der Studentenwelt wird Ihnen nicht weniger zuwider werden. Oder gehen Sie nach Harburg, das ist die einzige Stadt, die neben Hannover eine Zukunft hat.«

Das war ein guter Rath, und wenn Baumann denselben befolgt, daneben Excellenz Stralenheim demüthigst angefleht hätte, sein ungeschicktes Betragen ihm zu verzeihen und ihn in der Residenz anzustellen, wer weiß? Die Excellenz hatte ein gutes Herz, sagte man, sie würde es gethan haben, und Baumann würde für die nächsten vier Jahre seines Lebens mindestens eine umfangreichere Thätigkeit gefunden haben, als Schriftstellerei und Zeitungscorrespondenzen ihm boten.

Aber die Stadt Hannover misfiel Bruno, und wer sich an den Zustand vor 1837 zurückerinnert, als Burg- und Leinstraße noch der Centralpunkt Hannovers waren, als da, wo sich jetzt die Ernst-Auguststadt aufgebaut hat, Kartoffeln, Kohl und Rüben gebaut wurden, an der Stelle des Theaters noch ein hoher Wall mit einer Windmühle darauf und ein übelduftender Stadtgraben sich befand, der wird Bruno das kaum verdenken.

Das mäßig gute Theater, das Conditoreileben bei Spohn und für Auserwählte die geistig belebtere Existenz in der Kutsche, später in Lemförde, dem Versammlungsorte der Künstler und Schöngeister, behagte Bruno nicht.

Ein großer grauer Kater hatte sich indeß auf Detmold's Schulter gesetzt und umschmeichelte ihn, während er einen andern schwarzen Kater auf dem Schose sitzen hatte und ihn streichelte.

»Kann es schönere, geschmeidigere, lieblichere Formen geben als die eines solchen Katers, die eines siebzehnjährigen schönen Mädchens etwa ausgenommen?« fragte der Buckelige.

Bruno starrte auf ein altes Oelgemälde an der Wand, dachte aber an Excellenz Stralenheim und wurde durch die Frage inne, daß es Zeit sei, sich zu empfehlen.

»Apropos«, sagte Detmold, »wenn Sie noch ein Viertelstunden Zeit übrighaben, bleiben Sie. Es wird heute das große längsterwartete Ereigniß erfolgen; das Patent, welches das Staatsgrundgesetz aufhebt, ist in der Druckerei und wird abends in der Hannoverschen Zeitung und der Gesetzsammlung publicirt, in spätestens einer halben Stunde erhalte ich einige Abzüge davon. Wir wollen uns in die Arbeit theilen, ich übernehme für heute die ›Augsburger‹ und den ›Courier‹, Sie können an die ›Börsen-Halle‹ und die Kölner berichten.. Heben Sie die crassesten Sätze heraus und widerlegen Sie solche so kurz und schlagend wie möglich. Morgen wollen wir tauschen, bis dahin können Sie Ihre Gedanken sammeln und sich im ›Deutschen Courier‹ mindestens ausführlicher aussprechen.«

»Ich warte natürlich«, sagte Bruno und stieß einen derben Fluch aus.

In diesem Augenblicke erschien ein Buchdruckerlehrling und überreichte Detmold eine verschlossene Mappe. Als derselbe sich entfernt hatte. schloß jener die Mappe mit einem eigenen Schlüssel auf und zog sechs Fahnen des Gesetzblattes heraus, von denen er eine sofort couvertirte an die Adresse eines obscuren Mannes, der aber Magistratsdiener in Osnabrück war und das Empfangene sofort an Stüve ablieferte. Bruno mußte die Adresse mehrmals schreiben, denn daß seit Ernst August's Ankunft das Briefgeheimniß zu existiren aufgehört habe, glaubte man wenigstens allgemein.

Bruno durchflog das Patent und begleitete einzelne Sätze mit Schimpfreden.

»Das hilft zu nichts«, sagte der Kleine, »gehen Sie nach Hause und seien Sie fleißig, daß die Abendpost Ihre Artikel mitnehmen kann. Abends kommen Sie mit Ihrem Onkel nach Wessel's Schenke, Rumann und andere Leute kommen auch, da wollen wir etwas öffentliche Meinung machen. Ich werde Sie Rumann vorstellen.«

Unser junger Freund eilte zu dem Onkel, der außerhalb der Stadt wohnte und der nach bürgerlicher Manier zu derselben Zeit wie seine Arbeiter das Mittagsessen einnahm, um zwölf, und ihn nun wegen seines Zuspätkommens auszankte, sich aber sofort besänftigte, als Baumann ihm die Neuigkeit des Patents mittheilte.

Friedrich Schulz war noch zorniger, als Baumann es gewesen. »Da soll ja dieses – – –«, sagte er, »das man zu meiner Zeit in London kaum werth achtete, es mit faulen Orangen zu werfen, ein Kreuzdonnerwetter holen. Das wagt er, uns Hannoveranern zu bieten? Meint er, wie 1810 von bestochenen Coroners bei der Leiche seines Kammerdieners, auch von der Weltgeschichte in Beziehung auf uns ein Verdict zu bekommen felo de se? Da wird er verdammt irregehen! Er soll hier erleben, was ein unabhängiger und selbständiger Bürgerstand vermag!«

Der Onkel erzählte nun die dem Neffen gänzlich unbekannte Mordgeschichte vom 31. Mai 1810 nach den Traditionen, welche die Bekannten von Sellis in Umlauf gesetzt hatten und die das Volk wenigstens glaubte.

Baumann hatte über das wichtigere vaterländische Ereigniß seinen persönlichen Kummer vergessen, er schrieb aber mit der Galle, die in sein Blut eingetreten war, zwei der bissigsten Artikel, die wol überhaupt gegen das Patent vom 1. November geschrieben sind, die er jedoch, als er sie später gedruckt zu Gesicht bekam, durch Selbstcensur der Redactionen und dann durch den Rothstift des Censors arg verstümmelt fand.

Am Abend waren im Speisesaale von Wessel's Schenke viele angesehene reichere Bürger und manche Staatsdiener, die aber heute aufgehört hatten es zu sein und königliche Diener geworden waren, um ein Beefsteak zu essen. Man traf sich anscheinend zufällig, erging sich natürlich über das soeben durch die Zeitung publicirte Patent und zwar in freiester Weise, nur daß man den Namen Ernst August nicht aussprach, sondern den Namen Schele substituirte.

Die auffallendste, am stärksten markirte Persönlichkeit der Gesellschaft war Rumann, Stadtdirector, auch bisher Präsident der Zweiten Kammer. Er war groß, stark gegliedert, ein kluges, Gehorsam heischendes Auge blickte aus seinem männlichen Antlitz. Trotz mancher persönlichen Schwächen, die er mit andern Größen theilte, mit Fürst Hardenberg weiland, mit seinem Freunde Detmold, ja mit dem neuen »Rex mulierosus« selbst, war er bei der Bürgschaft äußerst beliebt, da er die Rechte der Stadt gegen landdrosteiliche und ministerielle Bureaukraten bis dahin glänzend zu vertheidigen gewußt hatte und das Ohr des Vicekönigs von Cambridge besaß. Unter einem anscheinend kalten und ruhigen Aeußern tobte eine heftige, fast dämonische Natur; er war Anhänger der Principien von 1789 und Mirabeau sein Vorbild. Eine große Statuette desselben stand in seinem Arbeitszimmer und er liebte es, einen ganz kleinen Napoleon zwischen die Beine der Statuette zu stellen, »um dem Menschenschlächter seinen Platz anzuweisen«.

Rumann hatte gehofft, bei Ernst August denselben Einfluß zu gewinnen, den er auf den Vicekönig ausgeübt; nun war er aber bei der Vertagung der Stände (im Juli) ohne vorherigen, im Staatsgrundgesetze vorgeschriebenen »Regierungsantritt durch Patent, mit dem königlichen Worte, die Verfassung aufrecht zu erhalten« dupirt, und man wälzte die Schuld, welche die ganze Zweite Kammer traf, auf deren Präsidenten. Er hatte seinen Vetter, den weiland westfälischen Staatsrath Leist, der als Begutachter der Nichtigkeit des Staatsgrundgesetzes von Ernst August nach Hannover berufen worden, an seinen Tisch genommen, um indirect auf den neuen König wirken zu können; seine Hoffnung war getäuscht. Er haßte Schele und den Feldzeugmeister von der Decken, weil er seit 1814 wußte, daß beide nur darauf ausgingen, das Land für den Adel auszubeuten; jetzt empörte ihn der Siegesjubel dieser Junker, es kochte in seinem Innern, er brannte vor Begierde, dem Könige zu zeigen, daß er Macht habe.

Der von Detmold ihm vorgestellte Neffe des angesehenen Maschinenbauers wurde von ihm mit liebenswürdiger Zuvorkommenheit und weltmännischer Tournure eingeladen, an seiner Seite Platz zu nehmen. In kurzer Zeit hatte Rumann unsern jungen Freund um- und umgewendet, durchforscht, was an ihm war, was er wußte und konnte, und im Geiste schon den Platz angewiesen, den er in dem beginnenden Kampfe auszufüllen habe.

Er ließ sich von Bruno ausführlich die Scene des Morgens bei Excellenz Stralenheim erzählen: »Da sehen Sie die bureaukratische Weisheit; das ist der Mann, der uns vor zwei Jahren durch seine Zähigkeit das Allodificationsgesetz verdarb, der unserm Lande die ungeheuere Lächerlichkeit aufgebürdet hat, daß wir jedes einzelne Zweigutegroschenstück justificiren lassen, der sich jetzt vor Schele, den er nicht liebt, beugt, und sich zum Departementsminister erniedrigen läßt, um im Amte zu bleiben. Lassen Sie sich dadurch nicht irremachen, dienen Sie wie bisher der gerechten Sache. Ich habe Artikel von Ihnen gelesen, die meinen vollen Beifall haben. Folgen Sie Detmold, Sie haben an ihm einen guten Lehrmeister, einen vortrefflichen Rathgeber und einen guten Freund.«

Baumann folgte dem Rathe.

Als unser junger Freund nach einigen Tagen wieder nach Göttingen zurückgekehrt war, fand er dort große Aufregung, aber noch größere Unschlüssigkeit. Es handelte sich um die Frage: Werden die Corporationen etwas thun? Wird die Universität als solche zum activen oder passiven Widerstande schreiten? Was wird die Justizkanzlei thun? Was der Magistrat?

Daß letzterer nichts that, konnte als feststehend angenommen werden, denn Ebel und die größere Anzahl bürgerlicher Senatoren waren unbedingt mit allem zufrieden, was von oben verfügt wurde, und wenn der Syndikus auch mit der Justizkanzleipartei liebäugelte, so war er doch ein zu schwacher Mann, um sich an die Spitze der Opposition im Bürgervorstehercolleg zu stellen.

In der Justizkanzlei war die Mehrheit der Ansicht, das Thun Ernst August's sei Unrecht und Gewalt, das Staatsgrundgesetz bestehe nach wie vor zu Recht, und jeder, der darauf eidlich verpflichtet, sei nach wie vor an seinen Eid gebunden. Nur der Verfasser des »Hannoverischen Adelslexikon«, von dem Knesebeck, Justizrath von Hinüber und Assessor Bacmeister erkannten das Patent als rechtsgültig an.

Von der Universität als solcher regte sich nichts. Man erzählte sich, Dahlmann habe bei dem Prorector und gleichzeitigen Regierungscommissarius Bergmann vergeblich auf eine Zusammenberufung des Senats angetragen; was sollte auch der Senat, diese Versammlung von zehn oder elf ruheliebenden Greisen?

Dagegen war die Studentenwelt, mit Ausnahme zweier Corps, in welchen hannoverische Junker das Uebergewicht hatten, sehr aufgeregt. Das zeigte sich namentlich bei einem Publicum, das Gervinus abends im Meister'schen Pandektenstalle las, über den »Fürsten« von Macchiavelli. Jede nur irgend auf die von Ernst August eingeschlagene Politik zu deutende Stelle wurde durch Demonstrationen unterbrochen. Und da nicht allein Studenten, sondern Justizräthe, Richter, Professoren, Gebildete aus allen Klassen die öffentliche Vorlesung besuchten und an dem Beifalle theilnahmen, so gewannen die Vorlesungen täglich mehr an Bedeutung. Daß unser Freund Bruno dort nicht fehlte, war selbstverständlich.

Nun hatte damals das »Berliner Wochenblatt« das richtige Wort gefunden, es sagte: »Wenn der König die Verträge verletzt, welche das Grundgesetz des Landes bilden, und zugleich die ständische Versammlung, welche Beschwerde führen könnte, nicht mehr zusammentreten läßt, so ist allerdings der einzelne berechtigt, den Monarchen auf das Unrecht aufmerksam zu machen. Die Verwahrung dessen, dem unrecht geschieht, gegen Handlungen der überlegenen Gewalt, ist eine Art der Verteidigung, die nur der Despotismus für ein Verbrechen erklären kann.«

Detmold machte Bruno auf diesen Vorsatz aufmerksam. »Der dort ausgesprochene Gedanke«, schrieb er, »muß nach allen Seiten hin und in allen möglichen Formen, wenn es sein kann, sogar grob polemisirend, wie vom entgegengesetzten Standpunkte geschrieben, durchgearbeitet werden, damit in den Hannoveranern und im deutschen Volke überhaupt der Gedanke rege werde, daß ein Volk nicht mehr rechtlos ist, daß der einzelne zu solchem Widerstande nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet ist. Schreiben Sie scharf und anzüglich, schonen Sie keine Person.«

Der Rath war ein überflüssiger, Brunos Natur neigte von selbst dahin. Er hatte eine älterliche Erziehung vermißt; schon als Knabe von acht Jahren war er in die Schule zu Münden geschickt, zu einem Lehrer, der alter Junggeselle war, dann hatte er in Göttingen auf dem Gymnasium ohne Familienumgang gelebt, ohne allen Umgang mit »edeln Frauen« namentlich.

Sein Vater, noch mehr der Großvater Oskar Baumgarten hatten ihm beständig vorgepredigt: »Bleibe bei der Wahrheit, sage ungescheut jedermann die Wahrheit in das Gesicht«, und das hatte er sich zu Herzen genommen. Er hatte sich aber dabei die unglückliche Manier angewöhnt, den Leuten die Wahrheit auf eine unangenehme, sie persönlich verletzende Art zu sagen. Als Student hatte er sich mit den üblichen burschikosen und zum Theil cynischen Redensarten abgefunden, was ihm vielerlei Händel zugezogen hatte, als Candidat hatte sein Lehrherr beständig Noth, Anzüglichkeiten und beleidigende Ausdrücke zu modificiren oder zu streichen. Jetzt, in der Politik, wo er es seltener mit einzelnen Personen, als mit Principien, oder mit in Bildung begriffenen Parteien zu thun hatte, schlug er am liebsten mit dem Dreschflegel hinein und wurde von den Redactionen scharf überwacht. Die fein zugespitzte, aber scharf und sicher treffende satirische Malice seines Freundes Detmold fehlte ihm.

Baumann ging nun den Indifferenten, den nicht warmen, nicht kalten, den Philistern, dem Stockhofrathsthume, das sich aus diesem oder jenem Grunde der Betheiligung an der Tagespolitik zu entziehen suchte, zu Leibe. Er hatte sich Börne zum Muster genommen, ohne ihn zu erreichen.

Wenn Baumann und seine Freunde im Billardsaal des Museums Zeitungsartikel laut zu kritisiren anfingen, so schlich sich ein Professor nach dem andern davon.

Da eine literarische Thätigkeit, wie er sie übte, nicht verborgen bleiben konnte, so kam es bald dahin, daß Bruno für den Verfasser aller und jeder Artikel galt, die, aus Göttingen oder aus dem Hannoverschen datirt, in irgendeiner Zeitung standen, wenn er auch noch so unschuldig daran war. Das zog ihm denn von den Angegriffenen oder denen, die sich getroffen fühlten, Herausforderungen, von den Tückischen heimliche Feindschaft, Verleumdung, Schädigung, von der Polizei Ueberwachung zu. Dagegen ließen ihm Freunde der Sache, die er vertheidigte, Mittheilungen aus allen Landestheilen zugehen und fehlte es ihm keinen Tag an Stoff zu Berichten.

Es war am 19. November, als ein ihm befreundeter junger Professor ihn im Museum beiseiterief, ihm etwas Geschriebenes in die Hand steckte und sagte: »Das Neueste, lesen Sie, aber nicht hier.« Bruno eilte nach Hause und las hier den Protest der Sieben, Dahlmann's, Albrecht's, Jakob und Wilhelm Grimm's, Ewald's, Gervinus' und Wilhelm Weber's.

Der Protest durchschütterte jede Fiber seines Körpers, er war ihm kein Schriftstück, sondern eine That, wie er sie seit Wochen provocirt hatte, eine That, die sich anreihte dem Anschlage der Thesen Luther's an die Kirchthüren von Wittenberg. Diese That konnte nur durch möglichst weite und schnelle Verbreitung an Bedeutsamkeit gewinnen.

Neben seinem Arbeitszimmer war die Wohnung seines Lieblingsvetters, des jungen Schulz aus Hannover, der sich ganz seiner politischen Richtung hingab und den er schon oft gebraucht hatte, nach seiner Angabe Correspondenzen zu schreiben, um seine Autorschaft durch andern Stil und andere Art zu maskiren. Der Schlüssel steckte freilich in der Stubenthür, die Stube aber war leer, ebenso war es in den Stuben seiner übrigen Zöglinge, die eine Treppe höher wohnten. Die Aufwärterin belehrte ihn, daß die jungen Herren unten im Gartensalon sein, um einen »Rappiermops« auszumachen.

»Laßt für heute die Kindereien«, sagte er, »es ist ohnehin schon zu dunkel dazu. Ich brauche euere Hülfe. Georg, Oskar und Karl lassen den Gartensalon erleuchten und heizen und richten zwölf Plätze zum Schreiben ein, mit den nöthigen Schreibmaterialien. Ihr andern geht zu den nächsten Freunden und treibt sie hierher, in einer Viertelstunde müssen die Plätze besetzt sein, ich werde dictiren.«

Die Anordnungen wurden auf das bereitwilligste befolgt und nach kurzer Zeit stand unser Freund in einem Kreise von zwölf ihm zum größten Theil unbekannten Persönlichkeiten.

Nach einer halben Stunde waren zwölf Abschriften des Protestes vorhanden.

»Die Herren werden ohne weiteres begreifen, um was es sich handelt; die schnellste Verbreitung und mindestens vierundzwanzig Stunden um Geheimhaltung. Ich ersuche Sie, die Procedur noch dreimal zu wiederholen, Schulz wird dictiren. Der Bediente ist schon nach der Fink und augenblicklich wird auch ›Stoff‹ erscheinen.

»Außer diesen zwölf Exemplaren bedarf ich noch zweiundzwanzig, die in einer Stunde geschrieben sein müssen. Dann schreibt jeder für sich selbst ein Exemplar ab, treibt so viel Freunde zusammen, als er findet, und wiederholt die Procedur bis zur Ermüdung in der Nacht; die Abschriften werden in alle Theile Deutschlands geschickt, und wer im Auslande Bekanntschaft hat, sendet sie auch dahin!«

»Bravo!« rief der Chor, und als nun auch der Bediente mit kasseler Bier eintrat, mußte Bruno erst mit auf das Wohl der Sieben anstoßen, auf sie, welche die Ehre der Universität gerettet hatten.

Nun sendete Bruno die erhaltenen Abschriften an Detmold, Rumann, seinen Onkel Schulz in Hannover, an sämmtliche Zeitungen, mit denen er in Verbindung stand (und für alle existirte in Hannover ein obscurer Name, weil man dem Postgeheimnisse mistraute), auch soweit die Abschriften reichten, an andere renommirte Zeitungen, die er nur dem Namen nach kannte.

Als er seine Briefe versiegelt und in den Gartensalon trat, um die schon fertigen zweiundzwanzig neu geschriebenen Exemplare in Empfang zu nehmen, mußte er erst mit den schreibeifrigen Studenten ein Pereat trinken; wem dasselbe galt, ist unschwer zu errathen.

Unser junger Doctor ging mit seinem Vorrathe zunächst nach dem Literarischen Museum, dann nach dem Civilclub, schließlich nach der Krone, die Abschriften überall an Gesinnungsgenossen vertheilend, gegen das Versprechen, vierundzwanzig Stunden zu schweigen, jedoch auf die Art, wie er gethan, für schnellste und weiteste Verbreitung zu sorgen.

So geschah es, ohne Wissen und Willen der Sieben, während Excellenz Arnswald noch hoffte, vertuschen zu können, daß Hunderte von Abschriften des Protestes durch Deutschland, ja in Europa verbreitet wurden. Grant und Baumgarten hatten sogar noch vor Postschluß das Actenstück an ihre Väter in Washington und Pittsburg geschickt.

Die jüngere Generation, welche die Weltumwälzung von 1848 erlebt und den Krieg von 1866, ist gewohnt, auf die That eines solchen Protestes geringschätzend hinzublicken. Ja, der Glorienschein ist abgeblaßt, ein Fähnrich oder Hauptmann, der bei Königgrätz verwundet davonkam, glaubt sich ein Held gegen solches »Federvieh«, wie es an der Tafel des königlichen Vetters in Berlin Ernst August nannte, das es auch nach 1848 zu weiter nichts gebracht habe, als zu der Professoren-Kurfürstenschaft in Frankfurt. Allein ein zeitgenössischer Dichter, Literarhistoriker und preußischer Geschichtschreiber würdigte die That doch gerechter, indem er auf die sittlichen Momente hinwies: »Eid, Meineid, Treue, Treubruch, Ehrlichkeit, Verrath, das waren keine politischen Spitzfindigkeiten, das waren sittliche Conflicte, deren Bedeutung jedermann erkannte. Es handelte sich darum, ob unter irgendeiner Verfassung irgendeine königliche Ordonnanz die ewigen Grundfesten der Sittlichkeit und Wahrheit mit einem brutalen Quos ego erschüttern konnte«, sagte Robert Prutz. Und diese Wahrheiten, die man noch heute verachtet, kann auch das Jahr 1866 und die folgenden sich gesagt sein lassen; es ist die alte Speise, woran die Menschheit seit Jahrhunderten kaut: Recht oder Gewalt! Wahrheit oder Lüge! Redlichkeit oder List.

Der Protest und die brutale Gewalt, welche Ernst August, der erste Welfe, der wieder ein Königreich Hannover als selbständiges »Mittelreich« beherrschte, den Sieben anthat, haben Deutschland durch und durch erschüttert und nicht wenig beigetragen zu dem Untergange der Welfendynastie; sie haben in Preußen zuerst den Drang nach der in schweren Zeiten zugesagten Verfassung wieder wach gerufen, sie sind über die Donau hinübergedrungen, bis in die höhern Lebenskreise der lebenslustigen Kaiserstadt, sie haben wieder an die Zusammengehörigkeit der deutschen Stämme gemahnt, an den Gedanken, daß das deutsche Volk sich gemeinsam solcher Männer wie der Sieben annehmen müsse gegen den Despotismus eines einzelnen. Die deutsche Wissenschaft hat durch die würdigsten ihrer Repräsentanten den augenscheinlichen Beweis geliefert, daß sie nicht feil sei wie eine berliner H—, obwol das Ernst August an königlicher Tafel in Berlin in Gegenwart eines der ausgezeichnetsten Repräsentanten der Wissenschaft zu behaupten gewagt hatte, und es mußte in Berlin danach sein, um solches an solcher Stelle sagen zu dürfen.

Ohne den Verfassungsbruch in Hannover mit allen seinen Folgen, namentlich der allgemeinen Verachtung des Bundestags, würde es 1848 nimmer zu einem Vorparlament und Parlament in Frankfurt, nicht zu der Kaiserspitze und 1866 nicht zu der Schlacht von Sadowa gekommen sein.

Wer die Poesie der Weltgeschichte in dem Umschwunge nicht erkennt, daß der Freund und Rathgeber Baumann's, der kleine, verkrüppelte Advocat Detmold, jüdischer Abkunft, der 1840 in Hannover confinirt war, der keinen Schritt und Tritt thun durfte, ohne von Gensdarmen begleitet zu sein, der in seinen Kindermärchen den König als einen Kater darstellte, welcher die Mäuschen zum Frühstück verspeise, und den Hannoveraner-Mäuschen die Lehre gab: daß niemand gefressen wird, der sich nicht fressen lassen will – daß dieser Mann Reichsminister wurde und nach Wiederauflebung des Bundestags Bundestagsgesandter Ernst August's, wie er, angeblich gegen den Willen des Ministeriums, aber mit Willen des Königs, den Austritt aus dem Dreikönigsbündniß und den Beschluß des Bundestags vom 23. August 1850 beförderte, und dadurch den zweiten Schritt that, den Untergang Hannovers anzubahnen – für den sind diese Zeilen nicht geschrieben. Wer aus einem Roman lieber erfahren will, ob Wilhelm seine erstgeliebte Luise zur Frau, oder Melitta ihren Gardekapitän zum Manne bekommt, oder wie Ottilie dazu gekommen, dem einst geliebten Gatten untreu zu werden, wer das lieber will als einen Einblick gewinnen, wie es geschehen konnte, daß eine Dynastie, die über achthundert Jahre im niedersächsischen Boden gewurzelt, depossedirt werden konnte, und wie ein Königreich von beinahe zwei Millionen von der Landkarte verschwand, der lasse die folgenden Blätter ungelesen. Denn schildern diese auch Leben und Treiben, Freuden und Leiden der Kinder und Enkel unserer bisherigen Helden, so bedingte eben der Charakter der Zeit, wie der Charakter dieser Helden, daß die Lebensschicksale derselben zum großen Theile durch die Tagesereignisse bestimmt wurden.

Die Wirkung des Siebener-Protestes in Deutschland, ja in Europa, war erstaunlich. Was in Hannover geschah, war übrigens nur ein Symptom einer weitschleichenden und Deutschland untergrabenden Krankheit, ein einzelner Fall, wo die Geschichte Execution hielt! Gleiche Ursachen – gleiche Folgen gilt künftig wie damals. An einem der folgenden Tage ging Baumann, da der Novembertag so klar und hell war wie ein schöner Januartag, nach Geismar hinaus, um dem Pastor Sander eine Bestellung Detmold's auszurichten. Sander, der sein eigener Patron war, hatte sich bis dahin als der einzigste unter allen Geistlichen entschieden als Gegner des Patents hervorgethan und seine Amtsbrüder in einer Schrift auch zur Eidesverweigerung aufgefordert. Die Hausgenossen begleiteten Bruno, blieben aber am Eingange des Dorfes bei dem Dreilindenwirthe, während jener in das Dorf zum Pastor ging. Die Unterhaltung war lang, so kam es, daß man erst nach acht Uhr, als es schon dunkel war, wieder in das Geismarthor eintrat. Was war das? die ganze kurze Geismarstraße war vom Entbindungshause an mit Menschen gefüllt? Die Studenten der Theologie wollten Ewald ein Vivat bringen, sie wollten nicht hinter den Juristen, Philologen und andern Facultäten zurückstehen, die gestern Albrecht, den Grimms, Dahlmann, Weber und Gervinus ihr Hoch gebracht hatten. Nun aber schlichen schon sämmtliche Pedelle zwischen der Masse umher und vermahnten noch mit Güte, aber im Namen des Prorectors, nach Hause zu gehen, und unter den Zweihundert, die da außer dem unvermeidlichen Straßenpöbel versammelt waren, schien nicht ein Mann von Energie zu sein. Als Baumann mit seinen Freunden mühsam zu der Wohnung Ewald's sich vorgedrängt hatte und die Situation überschaute, war er nicht lange in Zweifel, was zu thun sei; er schrie: »Ewald, der wahre Protestant, der Ueberzeugungs- und Eidestreue, er lebe hoch!« und nun hielt niemand sein Hoch zurück. Kaum hatte er angefangen, als Pedell Dierking ihm im Namen des Prorectors Schweigen gebot, indem er ihn an dem Rockkragen faßte. – »Hat mir nichts mehr zu befehlen, der Prorector – Hand vom Rock, oder ich schlage zu!«

Bruno wurde vor die Polizei citirt, in eine Geldstrafe genommen und von Herrn von Beaulieu eindringlich ermahnt, sich nicht wieder als Anführer und Aufrührer von Studentenmassen zu zeigen, wenn er überhaupt erwarte, als Advocat angestellt zu werden.

Nicht so leichten Kaufes kamen seine Eleven davon, welche von Dierking als Hauptschreier denuncirt waren, sie machten auf acht Tage Bekanntschaft mit dem neuen Carcer, aber zugleich mit der schönen Elise, der Castellanstochter.

Wenige Tage später wurde von Hannover aus das System der Lüge und Fälschung schlimmer und frecher, als man es je an dem westfälischen Hofe zu Kassel betrieben, in Bewegung gesetzt.

Ernst August besuchte das Jagdschloß Rotenkirchen, und der Prorector theilte dem Senat und der Universität mit, es werde gewünscht, daß man eine Deputation dorthin sende. Das geschieht, eine Deputation des Magistrats schließt sich an. Als die Deputation dort ankommt, erschienen der junge Schele und Lueder, welche mit allen Mitteln der Ueberredung und des physischen Zwanges den schwachen Professoren und Magistratsmitgliedern eine Adresse abzunötigen suchen, in der Universität und Stadt den Protest der Sieben misbilligen. So schwach Bergmann war, so war er dazu doch nicht zu bewegen, er sprach nur einige Worte über das unglückliche Ereigniß der Bekanntwerdung und schnellen Verbreitung der Proteste, und nahm die Mitwirkung der Sieben dabei in Abrede. Ebel dagegen hatte sich da zu den Worten verleiten lassen, daß er Namens der Stadt und Bürgerschaft sein Bedauern aussprach, wie einige Professoren, ihre Stellung völlig miskennend, Schritte gethan, die von der Bürgerschaft allgemein gemisbilligt würden.

Die »Hannoversche Zeitung« brachte statt dessen eine in Hannover fabricirte Adresse, nach welcher die Universität »sich verpflichtet erachtet, den unüberlegten Schritten einiger Lehrer gegenüber die Gesinnung des unbegrenzten Vertrauens zu den landesväterlichen Absichten Sr. Majestät wie ihre unwandelbare Treue auszusprechen«. Man hatte erwartet, daß das Federvieh dem zu widersprechen nicht wagen würde; als dennoch Otfried Müller, Kraut, Ritter, Thöl, von Leutsch und Schneidewien eine Art von Zustimmung zu dem Proteste drucken ließen, als in der Kasseler Zeitung das Lügengewebe über die rotenkirchener Adressen aufgehellt wurde, da stieg die Erbitterung der Bürger Göttingens gegen ihren Magistratschef in dem Maße, daß ihm ein Pereat gebracht und die Fenster eingeworfen wurden. Gegen die Ebel schräg gegenüber wohnenden Studenten unter Baumann's Aufsicht wurde von neuem Untersuchung eingeleitet, ohne Erfolg; Bruno selbst aber war in Hannover von dem Magistratschef als Urheber der Affaire denuncirt und auf Befehl von dort unter specielle, aber geheime Polizeiaufsicht gestellt.

 << Kapitel 64  Kapitel 66 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.