Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Oppermann >

Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 64
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel.
Das hundertjährige Jubiläum.

Während die Jugend nach dem Rohns hinaufgezogen war, um dort einen Vorcommers zu feiern, führte Brüderchen Dietrich, dessen Haar ebenso weiß war wie das des Pastors in Grünfelde, die Aeltern durch die festlich geschmückten, mit Kränzen und Blumen, Fahnen und Bannern gezierten Straßen, alle, selbst die Düstere Straße, reich illuminirt. Tausende von Menschen wogten die schönste und längste, die Weenderstraße, auf und ab. Was an Wagen in Göttingen und der Umgebung aufzutreiben war, führte Frauen, Kinder und Greise langsam im Schritt in der Stadt umher, daß sie sinnige und unsinnige Transparente, das alte gothische Rathhaus von der Zinne bis zur Erde herab erleuchtet sahen, die überall dicht gedrängte Menschenmenge, in der sich Lustigkeit und Frohsinn auf hunderterlei Weise zu erkennen gab, schauten und hörten. Auf den Straßen, noch mehr in den Vereinslocalen, gab es Schauspiel auf Schauspiel: Graubärte, die sich nach funfzig, vierzig, dreißig Jahren wiedersahen, sich anstarrten, wiedererkannten, in die Arme fielen, Freudenthränen weinten.

Bei Schönhütte an der Jakobikirche, in der Restauration der neuen Aula gegenüber, wo man Wilhelm IV. von England ein Denkmal errichtet, in der Goldenen Krone bei Freund Bettmann, in der Stadt London, im König von Preußen, in der Michelei, überall sah man dieselben Scenen. Grauköpfe mitten unter der Jugend, alte Herren mit Sternen und Orden, Minister und Geheimräthe, Pastoren in Baret und Talar, Professoren und Doctoren, Pfaffen unter ihnen, F. Hurter in Schnallenschuhen, kurzen Hosen und seidenen Strümpfen, wurden, ohne daß man sie lange frug, von der Jugend auf die Tische gehoben, um sich von ihr wie Fürsten von Thoren fürstlich bedienen zu lassen.

Fritz Bettmann hatte in umsichtsvoller Fürsorge sein größtes Zimmer (der Saal war von gemischter Gesellschaft überfüllt) für die Altersgenossen reservirt, die vor funfzig Jahren die Jubelfeier mitgemacht, und für die nächsten Generationen, die bis 1796 studirt hatten. In diesen Kreisen repräsidirte als Senior unser Freund, der Hauswirth Bürgert, der Uebersetzer gleichsam der Hogarth'schen Meisterstücke in deutsche Kupferstiche, in dessen Stube das Fragment »Faust« in Göttingen jedenfalls zum ersten mal gelesen wurde, wie wir uns erinnern. Er war alt und stumpf, denn er war vor funfzig Jahren schon ein Mann von Ruf und Universitätskupferstecher gewesen, jetzt zweiundachtzig Jahre alt. Bettmann hatte ihn in seiner Equipage mit noch einigen hochbetagten Herren, denen das Gehen zu sauer wurde, durch die Stadt fahren lassen, und nun saß er wieder am Präsidentenplatze vor der Mutterflasche mit dem Gelblack. Er liebte das modische Zeug, den Champagner, der ringsum getrunken wurde, nicht. Ihm zur Seite saß Karl Haus von Finkenstein, sein Gesicht sah heute froh und war frei von Falten; er stieß mit seinem Nachbar an, um in schäumendem Champagner einen Todten leben zu lassen, den gemeinsamen Freund Justus Erich Bollmann; dieser Nachbar war Graf Reinhard, der Gemahl der keuschesten Liebe des vor sechzehn Jahren Dahingeschiedenen.

Auf der andern Seite Riepenhausen's saß Heinrich Schulz, der Pastor aus Grünfelde, der von dem französischen Gesandten soeben die Versicherung erhalten hatte, der Cultusminister habe sich mit großer Anerkennung über die in zweiter Auflage erschienene Rechtsphilosophie seines Sohnes, unsers Freundes Gottfried, ausgesprochen und werde ihn zu einer Professur an der Universität von Paris dem Könige vorschlagen.

Dann kam Brüderchen Dietrich mit seinen rothblühenden Wangen und lächelnden Augen; neben ihm saß ein hoher alter Herr mit Orden und Sternen, vertieft im Gespräche mit seinem Nachbar. Der Unterhaltungsgegenstand derselben lag dem, was alle Gemüther am heutigen Tage bewegte, sehr fern, die beiden stritten über Kometen und Sternschnuppen; das waren Alexander von Humboldt und Gauß. Humboldt war gleichfalls Ehrengast Dietriches.

Friedrich Schulz unterhielt sich mit dem kleinen Weber über Erdmagnetismus und elektromagnetische Telegraphie. Man hatte über Göttingen seit drei Jahren den ersten Telegraphendraht hoch über die Dächer mit Zuhülfenahme des Johanneskirchthurms gezogen, um Inclinationen und Declinationen des Erdmagnetismus zu studiren, ohne zu ahnen, daß nach zwanzig Jahren der ganze Erdball mit solchen Drähten umsponnen sein würde, obwol Steinheil in München schon den zweiten Schritt gethan zu der ruhmwürdigen Erfindung unsers Jahrhunderts.

Gegen diese und andere alte ehrwürdige Herren betrachteten sich Georg und Hermann Baumgarten als Jünglinge, die bescheiden in der Entfernung den Worten der Aeltern lauschten.

Das Erscheinen des Wirths, der sich nie sehen ließ, ohne in seiner Knittelversmanier den einen oder andern der Gäste anzureden und sein Hoch auszubringen, unterbrach die Unterhaltung der einzelnen nur auf kurze Zeit und war nicht vermögend, ein Trinkgelage, wie es in allen Zimmern und Sälen des Hauses, wie es beinahe in jedem Hause Göttingens an diesem Abend des sechzehnten stattfand, in Gang zu bringen. Die Veteranen der Wissenschaft und Kunst waren und blieben mäßig, die Erinnerung an die Vergangenheit führte nur einmal zum Ausbruche eines gemeinsamen Gesanges, als einer der Genossen von damals des Auszuges nach Kerstlingeröderfeld erwähnte und des Commerses in der dunkeln Waldwiese. Man füllte die Gläser; Brüderchen intonirte das Gaudeamus igitur, und die alte Weise war noch keinem der alten Herren fremd geworden.

Das Dietrich'sche Haus, obgleich es der Gäste viele barg, hatte Fenster genug, um den Familien und Damen, die auf Bettmann's Garten wohnten, einen Platz zur Bewunderung des Festzuges zu gewähren. Brüderchen hatte seinen Gastfreund, den Pastor aus Grünfelde, vorher gewarnt, an dem Zuge teilzunehmen; »ich habe es noch in den Beinen, wenn ich an das Jahr 1787 denke«, sagte er, »und damals war ich ein junger Kerl. Es gibt aber nichts Langweiligeres als solch einen Festzug, namentlich wenn das Ende vom Liede noch eine langweilige Predigt ist, wie sie dir der Universitätsprediger nicht erlassen wird«.

Der Erfahrene hatte recht, Gottfried Schulz mußte das Vergnügen inmitten mehrerer hundert Collegen, die sich aus dem Lande Hannover wie aus allen Theilen Deutschlands eingefunden, durch die Straßen zu ziehen, recht sehr büßen. Sein College Liebner, später Nachfolger Ammon's als Oberhofprediger zu Dresden, predigte zwei Stunden über das Säuseln des Herrn in der Weltgeschichte. Wie vor funfzig Jahren Leß den sechzehnjährigen Prinzen Ernst in den Schlaf geredet, so säuselte auch Herr Liebner den sechsundsechzigjährigen König Ernst August in den süßesten Schlaf, und viele der Tausende von Zuhörern folgten dem königlichen Beispiele. Die Jugend, die aus der Kirche flüchten konnte, floh zur »Fink«; von denen, die zwischen andere Theile des Festzuges eingekeilt waren und den Ausgang nicht erreichen konnten, lagen ganze Haufen auf den Treppen zu den Galerien, oder auf den Parkets derselben und schliefen, Freunde hatten die Schläfer mit den zahlreichen Fahnen bedeckt, die der Schmuck des Zuges gewesen.

Unsere alten Freunde hatten an dem Festzuge dieses Tages genug; anders die Frauen, welche sich an den jugendlichen Gestalten der Studirenden in ihrem bunten Ausschmuck, an der komischen Gespreiztheit des Hofraths- und Professorenthums in den noch ungewohnten Talaren ergötzten, und denen es Vergnügen machte, wenn Grant, der das Sternenbanner der Union trug, dieses vor ihnen senkte, und die Neffen und Vettern, die sich um diesen geschart hatten, mit den Säbeln salutirten.

Die alten Freunde saßen, während der zweite Festzug durch die Straßen paradirte, im Salon des Bettmann'schen Gartens und sprachen von Vergangenheit und Zukunft.

Der Briefträger in der rothen Uniform brachte einen Brief an Heinrich Schulz, aus Paris, von Gottfried. Der Brief war der Portoersparung wegen sehr eng auf sehr feines Papier geschrieben, sodaß der Pastor ihn ohne Brille nicht entziffern konnte und dem Bruder Maschinenbauer zum Vorlesen gab.

Der Brief war sehr lang und tagebuchartig geschrieben. Wir theilen nur einige Bruchstücke daraus mit, da wir hoffen, daß unser unglücklicher Held der göttinger Revolution einige Theilnahme bei den Lesern gefunden haben wird. Wie in Correspondenzen mit allen seinen Freunden, suchte er auch den Vater selbst, den alten Kantianer, zu den Anschauungen seines Lehrers und Meisters herüberzuziehen; lange Seiten des Briefes handelten von dem Selbstbewußtsein des Ich, um daran den Gedanken des Unendlichen, im Gegensatze, wie im Vereinsleben mit dem Endlichen, zu erläutern, da er den Gedanken Gottes (Wesens) und der Wesenheiten als ungewiß und unbeweisbar darlegte und von der untergeordneten Schauung des Ich ausgehend, sich stufenweise zu der unbedingten reinen Erkenntniß und Anerkenntniß Gottes erhob.

Der Onkel Maschinenbauer sagte: »Was soll ich mit dem unpraktischen Zeuge? Das kannst du zu Hause in Grünfelde lesen, wenn du sonst nichts zu thun hast, ich habe von Worten wie Wesen, Urwesen, Wesenheiten und Kategorien, wie er es nennt, ganz und gar keinen Begriff; doch da auf der vierten Seite scheint etwas Faßbares zu kommen. Da schreibt er schon vom August:

»Ich habe angefangen mich mit dem positiven französischen Rechte bekannt zu machen und bin eine Stunde wenigstens täglich zu den renommirtesten Codebreittretern ins Auditorium gegangen, allein es ist unglaublich, die Herren wissen nicht, was vor Napoleon bei ihnen Rechtens war, und vom Römischen Rechte haben sie nicht den geringsten Begriff, noch weniger von wissenschaftlicher Methode. Da wird ein Artikel des Code nach dem andern abgeleiert und die arrêts des Cassationshofes als die Summe höchster menschlicher Weisheit ausgegeben. Ach, von Wissenschaft ist hier überall keine Rede, aber schöne Redensarten und brillante Phrasen wissen die Professoren zu schaffen und mit Völkerrecht, Nationalökonomie, Geschichte, Plato und Aristoteles, Augustinus und Cartesius zu verbrämen, alles so mundgerecht und glatt, daß die Hörsäle voll Frauenzimmer sind, die bei jeder liberalen Aeußerung in die Hände klatschen und Bravo rufen, und so verteufelt schwarze Augen haben, daß ich immer roth werde, wenn eine mich anblickt.«

»Da siehst du, Bruder«, unterbrach der Maschinenbauer sein Lesen, »wie ich recht gehabt habe, daß aus dem Jungen durch deine Erziehung nichts geworden ist, vor Kategorien schreckt er nicht zurück, aber der Blick einer schönen Französin bringt ihn um seinen Verstand.

»Doch da kommen Reflexionen, wollen einmal sehen, wie der Junge über große Dinge urtheilt.« Und er las: »Es fehlt dem Franzosen an Consequenz, an aufopferndem Fleiße, an Beharrlichkeit. Durch Ruhm oder Reichthum zu glänzen, und zwar sobald wie möglich, und beides zu genießen und zwar so schnell es gehen will, das ist das Lebensziel eines jeden. Alles ist äußerlich, ceremoniell, gefirnißt. Einen innern Werth der Wissenschaft kennt der Franzose nicht. Ehr- und Prunksucht überall, Ueberzeugung nirgends. Politisches Glaubensbekenntniß als Mittel, zu Ehren und Reichtum zu gelangen, und die lassen sich hier in der That über Nacht erwerben, nur nicht für deinen Sohn, lieber Vater. Wären nicht die herrlichen Museen mit ihren Kunstwerken und so viele großartige Anstalten zur Beförderung der Wissenschaft, des Handels, der Industrie, auch die Theater, deren Anzahl schon zwanzig übersteigt, ich hätte Paris längst verlassen. Doch um wahr zu sein, es fehlt auch hier nicht ganz an ernstern Bestrebungen. Ich meine nicht etwa die der Saint-Simonisten, die in das Närrische gehen, aber ich habe hier Pierre Leroux und mehrere seiner Freunde und Mitarbeiter an der › Encyclopédie nouvelle‹ kennen gelernt, vor denen ich allen Respect habe. Auch George Sand ist ein großer Geist, und unter den französischen Frauen gibt es viele höchst fleißige, erfindsame, unermüdliche, opferbereite.

»Im ganzen lastet freilich das Julikönigthum mit seinen blos egoistischen, feigen, demoralisirenden Bestrebungen auf der Nation.«

Der Maschinenbauer machte eine Pause und nahm eine Prise, dann fuhr er fort: »Da kommen wieder philosophische Expectorationen, die wollen wir für heute überschlagen und zu dem Schlusse des Briefes übergehen, der vom achten dieses Monats datirt ist und von einer ganz andern Hand geschrieben zu sein scheint.

»›Die Bäume hier haben schon längst ein herbstlich gelbes, von Straßenstaub und Rauch angekränkeltes Ansehen. Es zog mich gestern unwillkürlich nach Fontainebleau und da habe ich ein merkwürdiges Abenteuer erlebt, das Dich interessiren wird, lieber Vater.‹

»Erlebt der Junge noch Abenteuer«, sagte der Maschinenbauer und griff zu dem vor ihm stehenden Weinglase, um die trocken gewordene Zunge anzufeuchten, »da bin ich in der That neugierig.« Der Vater und alle übrigen Anwesenden waren es auch.

»Ich hatte meine Frau Koch zu der Fahrt eingeladen und diese hatte für unsere bescheidenen Bedürfnisse sich mit dem Nöthigen versehen. Wir fuhren bei einer kleinen Kaffeewirthschaft mitten im Walde vor und genossen dort ein frugales Frühstück, worauf ich mich mit einem Malerapparat tiefer ins Holz begab, um eine prächtige Eiche, die ich mir schon längst zur Skizze ausersehen, zu zeichnen. Schon hatten sich einige Zweige des Baumes gelb und roth gefärbt, und die Sonne schien auf den vierhundertjährigen Riesen, als wolle sie ihm recht etwas zugute thun und mir auch, denn der Lichteffect war herrlich.

»Ich mochte wol zwei Stunden an meiner Skizze gemalt haben und dachte darüber nach, sie durch ein lebendes Wesen zu beleben, als ich ein Geräusch vernahm und zwei reizende Kinder hinter mir standen, die meine Arbeit mit Wohlgefallen betrachteten. Das eine Mädchen war wol sieben Jahre alt, das andere mochte zehn Jahre zählen – die lieblichen Gesichter waren von dicken schwarzen Locken eingerahmt, und feurig schwarze Augen blickten voll Neugierde auf den Maler und sein Bild.

»Die Kleinere fing zuerst zu reden an: ›Großmama schläft und Schwester liest und da sind wir denn in das Holz gelaufen und haben schon lange hinter dir gestanden und zugesehen, wie du den Baum da auf das Papier gebracht hast. Das will ich auch lernen, da sollst du mir Unterricht geben.‹

»›Mir auch‹, fiel die Aeltere ein.

»Ich versprach alles, bat aber die Kinder, sich an dem Fuße der Eiche zur Erde zu setzen, damit ich ihre eigenen Gesichter zeichnen könne. Die Kinder folgten meinen Anordnungen gern, und ich fühlte mich, ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, in einer poetisch-schwärmerischen Stimmung, es gelang mir mit wenig Pinselstrichen, das Landschaftsbild durch das reizende Geschwisterpaar zu einer der besten Skizzen zu machen, die ich je ausgeführt habe.

»Da erscholl plötzlich aus der Ferne eine liebliche Stimme, die Juliette und Anna rief. ›Ach, die Schwester‹, riefen die Kinder und sprangen auf – ›du mußt der Schwester und Großmama dein Bild zeigen‹, und zogen mich einen Waldweg entlang, wo in der Ferne ein junges, etwa siebzehnjähriges Mädchen uns entgegenkam. Die beiden Kinder sprangen ihr jubelnd und mit der Lebhaftigkeit entgegen, wie sie nur romanischem Blut eigen ist, von mir, meinem Bilde, ihren Bildern sprechend und mich in die Mitte zwischen sich ziehend.

»Als wir näher kamen, verbot die ältere Schwester der jüngern das laute Geschrei, die Großmutter schliefe noch, man sollte sie nicht wecken. Wir kamen an eine Försterwohnung mit kleinem Garten, wo eine alte Dame, reich in seidene Kleider gehüllt, in einem mit Kissen und Decken reich gepolsterten Naturstuhle saß, sich von der Nachmittagssonne bescheinen ließ und ruhig schlief, wie es schien, sogar angenehm träumte. Die alte Dame hatte ein eigenthümliches Aussehen, ihr Kopf war stark und dick, das Gesicht wohlgenährt, der Teint erinnerte an eine Creolin. Langes schwarzes Haar, durch kein greises entstellt, drängte sich in wohlgekräuselten Locken unter einem schwarzen Sammthute hervor, der einzig durch eine Straußfeder, von einer diamantenen Agraffe gehalten, geschmückt war. Ich mußte unwillkürlich an eine Zigeunerfürstin denken.

»Die Kleinen waren ganz still und stumm geworden, als sie der Großmutter sich näherten und sie so ruhig schlummern sahen. Die ältere siebzehnjährige Schönheit entschuldigte mit leiser Stimme die Schlafende: ›Sie ist heute siebzig Jahre alt, es drängte sie, mit den Enkeln den Geburtstag im Walde zu verbringen – die Fahrt von Paris hat sie aber stark angegriffen und nun schlummert sie seit einer Stunde schon so süß.‹

»Sie lud mich durch eine reizende Handbewegung ein, an einem einfachen Tische auf einer Gartenbank, an der sie selbst gesessen und gelesen hatte, Platz zu nehmen. Das Buch, worin sie gelesen, war zur Erde gefallen, ich nahm es auf, und denke Dir mein Erstaunen, es war Heine's ›Buch der Lieder‹. Ich hatte meinem Erstaunen Worte gegeben und ziemlich laut ›Heinrich Heine‹ gesagt.

»Das Wort mußte in die Gehörnerven der schlafenden Matrone gefallen sein, denn diese rief wie im Traume nun laut, aber deutsch: »Mein Heinrich!« Dann plötzlich erwachend fuhr sie mit dem Batisttuche, das sie in der Hand hielt, mehrfach vor den Augen her, als wollte sie sieh überzeugen, ob sie noch wache oder träume und mich mit einem unbeschreiblichen Blick anstaunend, sagte sie: › Mon Dieu! est-ce que je rève encore? L'image de mon rève – Heinrich Schulz en pleione vie!

»› Pardon, Madame, ce n'est pas lui. C'est le docteur en droit, Godefroi Schulz de Grunfelde.

»›Also doch!‹ fuhr sie nun nach kurzem Besinnen deutsch fort – ›Sie der Sohn des Pastors Heinrich Schulz aus Grünfelde? Welcher glückliche Zufall führt Sie nach Paris und gerade heute nach Fontainebleau? Das ist eine Fügung des Himmels, für die ich demselben unendlich dankbar bin. Ihr Vater muß in demselben Jahre geboren sein wie ich, die ich heute meinen siebzigsten Geburtstag im Kreise meiner Enkelinnen feiere. Das (sie wies auf die Erwachsene) ist die zweite Tochter meiner Tochter, der Gräfin de la Colombière, Jeannette, ein gehorsames Kind, mehr deutscher als französischer Denkungsart.‹

»›Die beiden kleinen Unarten da, Juliette und Anna-Marie, sind ganz Französinnen, sie sollten Jungen sein, da würde ihr Vater, der General, tüchtige Krieger aus ihnen gemacht haben; aber meine Tochter Anna hatte nur Mädchen geboren, weil sie keine Knaben gebären wollte, die ihrem Geburtslande vielleicht das linke Rheinufer wieder aberobern wollten, wie mein Schwiegersohn, der General, sagte, als er noch lebte.‹

»Das ging mit einer Zungenfertigkeit, wie man sie nur in Paris findet. Die Kinder hatten indeß gleichfalls wieder Leben bekommen; schon während die Großmutter mit mir deutsch zu reden anfing, hatten sie mir das Skizzenbuch mit meinem bescheidenen Teller, auf dem ich meine Aquarellfarben bei mir führe, aus der Hand gezogen, um der Schwester Jeannette die Eiche und ihre eigenen Porträts zu zeigen. Jetzt mußte auch die Großmama in das Skizzenbuch sehen und das Versprechen geben, daß sie bei dem deutschen Maler, wofür die Kinder mich hielten, Unterricht haben sollten.

»Die Großmama ließ aber den Kleinen nicht lange das Wort, ich mußte von Dir und mir selbst erzählen; daß ich seit sieben Jahren nicht in Heustedt gewesen, ein Vertriebener und politischer Verbrecher war, den man in Hannover ins Zuchthaus sperren würde, wenn man ihn hätte, das wollte der alten Frau gar nicht in den Kopf. Ich mußte die Frau Koch in meinem Fiaker allein nach Paris zurückkehren lassen, um in ihrer Equipage zurückzufahren, zu erzählen und erzählen zu hören.

»Du wirst, lieber Vater, schon längst errathen haben, daß die alte Dame niemand anders war als die Korbflechterin, die in meiner Kindheit in dem Wildhausen'schen Hirtenhause in Eckernhausen wohnte, und deren Tochter, Anna Schlottheim genannt, zu Dir zum Confirmationsunterricht kam.

»Unterwegs erfuhr ich die ganze Geschichte, die beiden Frauenzimmer waren nach Bremen gezogen und hatten dort bis zum Herbste 1813 gelebt, wo die Kosacken Bremen eroberten und zwei derselben ihren Tod in der Wohnung der Frauen fanden, was diese bewog, mit dem bei dieser Gelegenheit wiedergefundenen Vater der Mutter nach Paris zu ziehen.

»Hier hatte denn die Tochter Anna nach dem zweiten Pariser Frieden einen reichen Napoleonischen General geheirathet, der vor einigen Jahren schon verstorben ist, mit Hinterlassung von vier Töchtern, von denen drei in dem Wagen saßen, die vierte seit einem Jahre an einen Staatsrath und so eine Art von Unterstaatssecretär im Ministerium des Cultus, der mir dem Namen nach bekannt war, verheirathet ist.

»Auf der Fahrt schloß ich mit den Kleinen die innigste Freundschaft; eins um das andere drängte sich auf meinen Schos und theilte mir alle Ergebnisse, Leiden, Freuden und Hoffnungen des jungen Lebens mit.

»Wir hatten aber noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt, als zuerst Anna auf meinem Schose einzuschlafen begann. Nachdem sie auf den Rücksitz neben der Großmama gebettet war und Juliette an ihrer Stelle Platz genommen hatte, um mir von ihren Puppen, Kleidern, Unterrichtsstunden, von Mama u. s. w. zu erzählen, lehnte auch sie ihr Köpfchen an meine Brust, schlang ihre Arme um meinen Hals, um ruhig zu schlummern. Jetzt wurde auch die Großmutter von dem Schlummern der Kinder angesteckt, und ich war, sozusagen, mit der ältesten Tochter allein, was mir einige Herzbeklemmung erregte. Wir saßen lange schweigsam, um die Schlafenden nicht zu stören, dann aber mußte ich der lebhaften Jeannette über unsere deutschen Dichter, die sie sämmtlich kannte, meine Meinung sagen. Sie forschte und frug nach allen Seiten und hörte nicht eher mit Fragen auf, bis das Gelärm in der Nähe von Paris Großmutter und Kinder erwachen ließ.

»Im Hause an der Rue de la Chaussée d'Antin war eine Festlichkeit zu Ehren der Großmutter vorbereitet; die Frau vom Hause, Gräfin Anna de la Colombière, empfing mich ungemein zuvorkommend. Ich erinnere mich ihrer noch ganz genau, sie ist noch immer eine schöne Frau oder vielmehr Witwe.

»Auch die älteste Tochter und ihr Gemahl, die in einem entferntern Stadttheile wohnen, kamen zur Gesellschaft, und der Unterstaatssecretär, als er von meinen Bemühungen um eine Stelle an der Universität hörte, gab mir freiwillig die Versicherung, daß sich das machen lassen werde. Das wäre so weit sehr gut, die alte Dame hat mich ganz in ihr Herz geschlossen und überhäufte mich mit Artigkeiten, aber, lieber Vater, was sehr schlimm ist, ich glaube, ich habe auf der Fahrt mein Herz abermals verloren, und Jeannette ist doch so jung, gegen mich ein Kind, und ich bin zum Unglück in der Liebe geboren, wie die Erfahrung gelehrt hat.«

»Der dumme Junge«, fuhr Onkel Maschinenbauer auf und faltete den Brief zusammen, »hat mehr Glück wie Verstand. Ich will wünschen, daß die kleine Pariserin dem Jungen das angedeihen läßt, was mein Bruder, der weise Philosoph, versäumt hat, Erziehung.«

Der Pastor überhörte den Stich. »Woher kommt es«, fragte er, »daß uns gänzlich fern stehende Menschen so in unser Leben eingreifen, wie es die Filler's Martha in unser Leben gethan hat und ihre Großtochter nun vielleicht wieder in das Leben meines Sohnes thut?«

»Was der immer für weitgreifende Einwirkungen findet«, erwiderte Friedrich, »ich wüßte nicht, daß die Martha in unser Leben viel eingegriffen, denn die Tracht Prügel, die wir vom Vater ihres dummen Geredes von Arm- und Beinbruch wegen erhielten, war verschmerzt, ehe das trockene Brot verzehrt war, das uns die Mutter heimlich zusteckte, und wir lachten, wenn wir uns das Bild vergegenwärtigten, wie die dicke Katharina den dickern Landrath Vogelsang zur Erde warf.«

»Und was du, wie schon als Kind, immer ins Zeug hineinredest; hat nicht Martha's Intervention bei der Trauung Schlottheim's das ganze künftige Lebensschicksal unsers Freundes Karl bestimmt? Ist nicht der Tod meiner Anna eine Folge der Verkettung von Umständen, die sich durch Martha entspannen?«

Die Brüder, die gern disputiren, würden noch länger gestritten haben, wenn die Frauen und die Jugend nicht von dem beendeten Festzuge des zweiten Tages zurückgekehrt wären; es galt Toilette zu machen, man wollte heute an einer größern Festtafel in der Krone essen, und abends zum Königsballe.

Dieser Ball mit Banket war der Glanzpunkt der Feier für die Jugend und die zahlreichen Frauen aus allen Theilen Deutschlands.

Man hatte die verdeckte Reitbahn zum Tanzsalon ausersehen und dahinter in die offene Reitbahn hinein ein hölzernes Zelt zum Banketiren gebaut. Das waren weite Räume, die viel Menschen fassen konnten. An den Seitenwänden war ein erhöhter Raum (Perron) zu Sitzplätzen angebracht, das Musikcorps der northeimer Dragoner sollte auf der Nordseite, das der mündener Jäger auf der andern Seite zum Tanze aufspielen. Der Eingang, dem ein gleichgeschmückter Ausgang nach der angebauten Halle entsprach und die dazwischen stehend und gehend sich aufhaltende Menge theilte den langen Saal in zwei Theile, und wenn die Dragoner einen Walzer aufspielten und die Jäger eine Polka, so schallte das nicht störend herüber zu dem andern Tanzplatze, denn inmitten beider befanden sich gewiß im Auf- und Abgehen, im Gespräche oder dem Tanze zusehend mehrere hundert Personen, die keine Sitzplätze gefunden.

Das war eine Lust für die Jugend beider Geschlechter, aber auch ältere Damen verschmähten es nicht, von Söhnen oder Neffen sich einmal in den Tanztrouble ziehen zu lassen. Baumann war unermüdlich, mit Veronica der Mutter und Veronica der Tochter zu tanzen, obgleich ihn sein Herz zu der schönen Blankenburgerin Heloise von Finkenstein zog, die es ihm angethan hatte. Aber Heloise war stark umschwärmt von der braunschweiger Jugend und hatte nur selten noch einen Tanz übrig.

Die Studenten suchten sich Damen jeder aus seinem Kreise, es fehlte an Vertreterinnen aus allen deutschen, namentlich hannoverischen Städten nicht; sehr stark waren die Schwäbinnen vertreten, da das göttinger Professorenthum sich immer aus Schwaben gut rekrutirt hatte.

Grant konnte noch nicht tanzen; er würde es aber auch nicht vermocht haben, denn er hatte an königlicher Tafel offenbar zu gut dinirt und getrunken.

Ernst August, der sein Quartier auf der Domäne Weende aufgeschlagen, gab in den Räumen der Paulinerkirche unter dem sogenannten historischen Saale der Bibliothek an allen drei Fasttagen Diners, zu denen neben Diplomaten und hohen Herrschaften, Abgesandten auswärtiger Universitäten, göttinger Hofräthen und Professoren, auch jeden Tag an funfzig bis sechzig Studenten – aus der Zahl der Offiziere und Fahnenträger – eingeladen waren. Dem jungen Nordamerikaner als Träger des Sternenbanners traf die Einladung für den zweiten Tag. Ernst August war splendid, er ging den Gästen mit gutem Beispiele voran, und alt wie jung hatte man den Weinen der königlichen Tafel etwas reichlich zugesprochen; man konnte es den vielen Herren, »die über Leichen dinirt hatten«, wie Dahlmann sagte, im Ballsaale der Reitbahn deutlich ansehen, daß sie Gäste des Königs gewesen waren.

Es war nichts Seltenes, daß man einen Bruder Studio, dem ein alter mit Orden und Bändern geschmückter Herr etwas zu nahe kam, laut sagen hörte: »Altes Kamel, kannst du nicht sehen, daß das meine Beine sind, hast zu viel geladen, laß dich in die Todtenkammer bringen.«

Höchst spaßhaft war es, wenn eine alte Berühmtheit den Versuch machte, mit einer jungen Dame zu tanzen, was noch häufig geschah.

Unsere altern Freunde hatten durch die Fürsorge Dietrich's ein ruhiges Plätzchen gefunden, von wo sie dem Tanze zusehen konnten; Georg Baumgarten, der von seiner Frau und Heloise auf der Reise nach Amerika erfahren hatte, welchen großen Antheil der französische Ministerpräsident in Kassel an seiner Befreiung genommen, hatte sich durch Haus von Finkenstein diesem vorstellen lassen und mußte dem Grafen Reinhard Bericht erstatten über das Leben und Treiben Justus Erich Bollmann's, dessen Andenken gerade in jenen Tagen Varnhagen von Ense in dem Mundt'schen »Zodiacus« neu angeregt hatte. Haus von Finkenstein unterhielt sich mit einem hannoverischen hohen Rathe darüber, ob Ernst August schon so fest in den Händen des Herrn von Schele sich befinde, daß das Staatsgrundgesetz nicht mehr zu retten sei, und ob nicht etwa ein Anerbieten der Stände, die Schulden des Königs in Berlin zu zahlen und die Krondotation zu vermehren, den Verfassungsbruch verhüten könne? Die Aufklärungen über die Personen, die er hier erhielt, waren nicht sehr tröstlich. Friedrich Schulz hatte einen Professor der Mechanik gefunden und sprach von Locomotiven und Locomobilen.

Der junge Grant hatte inzwischen Brüderchen und den grünfelder Pastor in den Banketsaal gezogen: »Es ist dort gar zu komisch, da sitzen wenigstens zweihundert Pastoren mit dem Rücken gegen die bedeckten Tische und harren des himmlischen Mannas.«

Der Banketsaal konnte nicht allen Eingeladenen Sitzplätze bei der Tafel bieten, es waren drei lange Reihen von Tafeln im Saale, jede Reihe enthielt zwölf Tafeln und deren jede war für achtzig Personen gedeckt. So erhielt man über achtzehnhundert Sitzplätze und hoffte, daß die akademische Jugend namentlich, wie das auf den akademischen Bällen der Fall war, sich stehend abspeisen lassen werde.

Die Tafeln hatte man schon geschmückt, große Rüstwagen voll Silberzeug waren aus der königlichen Silberkammer herbeigefahren, um Aufsätze für die Tafeln zu liefern. Besonders die sechs obern Tafeln am westlichen Ende zierten die schönsten alten Aufsätze, sie waren für die Elite der Geladenen, für Minister, Gesandte, die Deputationen der fremden Universitäten bestimmt, und standen auf Teppichen. Hier sah man Stühle, an den andern Tafeln nur hölzerne Bänke mit Ueberzügen von rothem Stoff.

Auf diesen Bänken saßen nun viele alte Herren, die im Tanzsalon keinen Sitzplatz mehr gefunden hatten und die das Stehen und Herumschlendern ermüdete, und schlürften eine Tasse Thee oder tranken Sodawasser. Es waren in den vier Ecken des Saales vier Büffete, in dem einen wurde Thee und Kuchen fortwährend an jeden Fordernden verausgabt und durch königliche Bediente in den Tanzsalon gebracht, in dem zweiten wurden kalte Getränke, Limonade, Selterser Wasser, Mandelmilch, süßes Gelée gereicht. Das dritte Büffet war für den Wein bestimmt und sollte, wie das Küchenbüffet, erst später benutzt werden. Auf den Tafeln war schon ein Theil des Desserts ausgestellt, namentlich Conditoreisachen in den silbernen Aufsätzen, auch hatten der Saupark, die Göhrde und der Harz Opfer bringen müssen, jede Tafel war in der Mitte mit einem wilden Schweinskopfe geziert.

Ein paar alte Studiengenossen riefen den Pastor aus Grünefelde und Brüderchen an, neben ihnen Platz zu nehmen; Grant verließ die Alten, die bald in Rückerinnerungen an ihre Jugend schwärmten.

Je heißer es im Tanzsalon wurde, desto voller wurde es im Banketsaale, der nur noch halb erleuchtet war und den Glanz seiner Kronleuchter erst um elf Uhr in Gemäßheit der Anordnung des Hofmarschalls erstrahlen lassen sollte. Zu den Pastoren an der Tafel, von denen mancher hinter sich griff, um von dem Dessert zu naschen, gesellten sich bald Studenten, Söhne, Neffen, Bekannte. Es kamen einzelne Tanzpaare in die Halle, um sich zu erholen und abzukühlen, um ein vertrauliches Wort zu sprechen, vielleicht sogar eine Liebeserklärung zu machen, beziehungsweise anzuhören, oder um zu verabreden, an welcher Tafel man sich später womöglich treffen wollte.

Studenten pflegen nun aber weder Freunde von Thee noch von Mandelmilch zu sein und von Sodawasser nur am Morgen nach einem Commerse. Man begehrte also Wein, der alte Schröder, der Hofkellermeister, weigerte sich aber lange standhaft, Wein vor Beginn des Souper zu verabfolgen; als indeß der Sohn des Hofpredigers kam und für seinen Vater um eine Flasche Wein bat, machte er eine Ausnahme und holte sogar eine Flasche Steinberger Cabinet herbei, die beste Sorte, welche Ernst August im Keller führte. Wehe, dreimal wehe dieser Ausnahme, die von vielen neidischen Augen gesehen war. Es traten nun verschiedene alte Herren an das Weinbüffet und begehrten Wein, darunter Leute bei Hofe wohlbekannt und angesehen. Man konnte ihnen nicht abschlagen, was man dem Sohne des Hofpredigers gewährt hatte. Bald trat einer nach dem andern heran und man sagte: »Wir alle sind Gäste des Königs, und was dem einen recht ist, ist dem andern billig!«

Es wurde nach und nach jedem, der es forderte, eine Flasche Wein gereicht, wenn auch nicht Steinberger Cabinet, Gläser standen auf der Tafel. Da bot der Eßsalon nun einen sonderbaren Anblick, mehr als fünfhundert Personen saßen mit den Rücken gegen die Tafeln, jede mit einer Flasche Wein zu ihren Füßen oder zwischen den Beinen, das Glas in der Hand. Es wurde fortwährend eingeschenkt und nach burschikoser Manier vor- und nachgetrunken, und ob auch ein Generalsuperintendent ein freundlich saueres Gesicht machte, wenn ein Bursch, ihm unbekannt, zu ihm trat und sagte: »Altes Kamel, es kommt dir eins«, so mußte er doch Bescheid thun und nachtrinken.

Wurde die Jugend auch hier und da lauter, dennoch ging es im ganzen in dem Salon sehr gehalten und ruhig zu, solche Reihen von zweihundert Schwarzröcken mit weißen Halstüchern, oder höherer Würdenträger im Talar mit der Halskrause oder mit weißen Bäffchen machen schon an sich einen imponirenden Eindruck, auch konnte man sehen, wie der böse Geist, der in dem Weine sein mußte, die frommen Herren zu unerlaubtem Handeln reizte, immer öfter machte einer und der andere von ihnen eine halbe Schwenkung zur Tafel und langte ein Stück Backwerk, Biscuit oder sonst etwas Süßes von den Tafelaufsätzen.

Das sollte plötzlich anders werden. Unter den zur königlichen Tafel Geladenen waren viele Studenten aus Hannover gewesen, adeliche Söhne von Ministern und höhern Beamten, unter denen der jüngste Sohn des Grafen von Schlottheim aus Heustedt die Rolle eines Führers spielte, wenn es sich um tolle Streiche handelte; Ernst August liebte nicht das lange Tafeln, in Herrenhausen wie im Schloß an der Leinstraße wurden selbst bei einem Galadiner zwölf Schüsseln in einer Stunde abgegessen, so auch heute in der Pauliner Kirche. Das königliche Diner war schon um sechs Uhr nachmittags beendet, womit sollte man die Zeit bis zum Balle, bis acht, halb neun Uhr abends tödten? Schlottheim schlug vor, nach der Fink zu gehen und Pereat zu spielen, und erbot sich, die beiden ersten Eimer »anwachsen« zu lassen. Der Vorschlag ward acceptirt, es waren aus zwei Eimern vier geworden, und erst als der Nachtwächter sein: »Meine Herren, es hat zehn Uhr geschlagen«, ausrief und in das Kuhhorn blies, merkten die eifrigen Schwalbenjäger, daß es Zeit sei, zum Balle und Banket aufzubrechen. Schlottheim und seine Freunde waren in dem Zustande höchster Erheiterung, als sie in den Ballsaal traten, ohne selbst zu wissen oder zu glauben, daß die Laternen der Weenderstraße und der Mond sie schon schief angesehen hatten; sie stützten sich aufeinander, stützten sich auf ihre Säbel, wankten aber dennoch. Die Schärpen und Binden waren zum Theil zerrissen und beschmuzt. Sie drangen mit halber Gewalt, zum Theil mit blank gezogenen Säbeln durch den einzigen Eingang von der Weenderstraße, und die Pedelle und Gensdarmen, die den Eingang bewachten, wagten nicht, den Söhnen von Excellenzen und Grafen den Eingang zu wehren.

Die Menge zwischen den beiden Tanzordnungen wich nach beiden Seiten zurück, als die funfzehn edeln Jünglinge zu drei und drei umschlungen auf den Banketsalon zustürzten.

Den jungen Schlottheim führte sein Instinct stracks zu dem Weinbüffet, er rief: »Alter Schröder, Racker, Champagner her! Wir wollen Champagner trinken.« Aber Schröder ließ sich nicht blicken, wie ungestüm Schlottheim auch mit dem Säbel auf das Büffet schlug. Ein anderer Theil seiner Freunde hatte sich dem Küchenbüffet auf der andern Seite des Salons zugewendet und schrie: »Oberküchenmeister, wir sind hungerig wie die Wölfe, wir wollen soupiren, angefangen, angerichtet!«

Als man sich auch in dem Küchenbüffet nichts merken ließ, als der letzte königliche Galadiener vielmehr in das Innere sich flüchtete, turnte einer der Jüngsten über das Büffet dem Diener nach. Gleichzeitig erstürmte der junge Graf Schlottheim mit denen, die ihm gefolgt waren, das Weinbüffet unter lautem »Hepp, hepp, hepp, hurrah!«

Dem Zuge der trunkenen Königsgäste in das Banketzelt war eine Menge der bisher in dem Tanzsaal Versammelten gefolgt, selbst eine Anzahl neugieriger Damen, namentlich fremder, welche den Studenten in seiner Angerissenheit nicht kannten.

Nach wenig Minuten traten die in das Innere des Weinbüffets eingedrungenen Studenten mit Armen voll Champagnerflaschen, die sie in Eis gelagert in einem der Pferdeställe aufgefunden, an die Barrière des Büffets und vertheilten unter die am nächsten Stehenden die Flaschen unter dem Gebrüll der Strophe aus dem »Fürsten von Thoren«:

Wir aber sind erschienen,
Euch fürstlich zu bedienen!

Inzwischen brachte auch der in das Eßbüffet eingedrungene Haufen von dort Vorräthe aller Art, hohe Schüsseln mit Butterbroten, Schinken und Rauchfleisch, ostfriesisches Nadelholz, eingemachten und geräucherten Lachs. Einige der Trunkensten hatten sich über die auf der Tafel stehenden Wildschweinsköpfe hergemacht und versuchten dieselben mit ihren Säbeln zu tranchiren, bis sie in irgendeinem gutmüthigen Grün- oder Schwarzrocke einen Sachverständigen fanden, der geschickter als sie selbst waren. Graf Schlottheim setzte sich als Präsident an die vorderste Tafel und commandirte, mit seinem Degen auf den Tisch schlagend: »Rechts ein!« Die größere Anzahl alter und junger Herren, die mit dem Rücken am Tische saßen, folgte dem Commando; einige, welche nicht wollten, wurden mit den Beinen über die Bank gehoben und mußten gezwungen zu Tisch sitzen. Als fünf bis sechs Tafeln, die nächsten dem Tanzsalon, dicht besetzt waren, suchten auch die, welche bisher keinen Platz genommen, sondern auf- und abgegangen waren, Platz zu finden; die Studiosen bemühten sich, eine der in den Saal verirrten Damen »zu fangen« und sie nolens volens, oft mit dem Vater zur Seite, öfter mit einer Freundin zu Tisch zu führen.

Es blieb aber schließlich selbst den Solidesten und Nüchternsten nichts übrig, als sich an die Tafel zu setzen, denn auf den Wunsch irgendeines der Hofchargen hatte der Prorector den Tanzsalon durch eine dreifache Reihe von nüchternen Offizieren der akademischen Garde absperren lassen. Es war Befehl gegeben, niemand, wer es auch sei, aus dem Banketsalon in den Tanzsalon treten zu lassen.

Unsern Freunden, dem Pastor Heinrich Schulz und Brüderchen, war es mit Hülfe Grant's, der als Fahnenträger Offizierrang hatte, gelungen, noch eben vor Thorschluß in den Tanzsalon zu flüchten.

Im Banketsaal wurden inzwischen die Kronleuchter angezündet, die Studenten, welche Wein- und Küchenbüffet erobert hatten, zwangen, den Säbel in der Hand, die goldbetreßten Diener und eine Menge in Uniform gesteckter Stiefelputzer und Aufwärter, aufzutragen, was zu haben war, während andererseits die Köche zu retten und zu verstecken suchten, was zu retten war, und der alte Schröder die ordinärsten Weine massenhaft auf die Tafeln schickte.

Während man so lärmend und laut soupirte, hatten der Prorector und die Universitätsräthe unter Zuziehung einiger Senatsmitglieder Raths gepflogen, sie gingen in Gefolge der Pedelle in den Saal und suchten dort namentlich die Jugend durch Ermahnung zu bewegen, das Eßzelt zu verlassen. Es wurde vielen tauben Ohren gepredigt, nur diejenigen, welche Stipendien und Freitische bezogen, zeigten sich gehorsam. Erst als man zu den weitern Mitteln griff und die Willigen durch das Weinbüffet und die Privatwohnung des Stallmeisters Ayerer entließ, indem man ihnen erlaubte, daß jeder zwei oder drei Flaschen Wein mit nach Hause nahm, begann der Speisesaal sich mehr und mehr zu leeren. Auch die Pastoren nahmen zum großen Theil den Weg durch das Weinbüffet, viele von der Erlaubniß, eine Flasche mitzunehmen, bereitwilligst Gebrauch machend. Es war Militär requirirt, die sämmtlichen Büffets wurden militärisch besetzt, weder Speise noch Trank wurden verabfolgt, ein größerer Pferdestall als Todtenkammer eingerichtet und die Hinfälligen dahin geschafft.

Die Verwirrung hatte sich aber auch schon in den Tanzsalon übertragen, wo die Erzählung die Dinge, welche im Banketsaal passiren sollten, noch übertrieb. Graf Reinhard erzählte seinen Freunden: beinahe auf jedem Ball, den Ludwig Philipp in den Tuilerien gebe, gehe es nicht anders zu, und da seien doch keine Studenten, da seien Deputirte und Offiziere, welche die Büffets stürmten.

Das Tanzen hatte aufgehört, man stand in Gruppen, um zu berathen, was zu thun sei, Magnificus hatte die nüchtern gebliebenen Senioren und Consenioren um sich gesammelt, um zu berathen, was geschehen könne; Baumann zog einen der letztern beiseite und gab den Rath: »Laßt die Musikbande der Dragoner von dort oben kommen, zieht in geordnetem Zuge in den Banketsaal, macht dort an drei Orten halt und laßt, während die Musik schweigt, laut verkünden: alle braven Burschen würden aufgefordert, dem Hofrath Mühlenbruch, der wegen Krankheit zu Hause geblieben und dort seinen Geburtstag feiere, ein Vivat zu bringen, und ziehen dann unter Blasen des »Gaudeamus igitur« durch den Tanzsaal im Polonaisenstil ins Freie; ich wette, kein halbes Dutzend bleibt sitzen, und wer sitzen bleibt, der wird durch die Scheuerweiber, die nöthig sein werden, hinausgescheuert und hinausgefegt.«

Der Rath fand Beifall, der Cordon wurde aufgelöst, die Offiziere, die ihn gebildet hatten, zogen an der Tête des Zuges in den Banketsaal, in der Mitte wurde halt gemacht, die Musik schwieg, ein Herold forderte zu dem Zuge nach Mühlenbruch auf.

Inzwischen hatten sich im Tanzsalon alle Anwesenden aus dem einen Theile in den andern gezogen, sodaß man, als die Tête und nach ihr die Musik wieder erschien, in der freien Hälfte des Saales einen halben Kreis beschreiten konnte.

Die Damen, welche in dem Banketsaale wider ihren Willen bis dahin festgehalten waren, schlichen sich, als der Cordon geöffnet war, zum größern Theil in den Tanzsaal, andere wurden von ihren Tischnachbarn befreit, sobald der Zug den Tanzsalon verließ. Es waren höchst komische Gestalten, die sich hier im Zuge durch den Saal bewegten, alt und jung.

Der Banketsaal wurde aber leer, er konnte gereinigt und von neuem gedeckt werden, und wenn auch manche delicate und seltene Speise verschwunden war, so war doch noch so viel übrig, um die Tanzlustigen, welche sich wieder nach dem Anfange des Tanzes sehnten, zu befriedigen. Die ältern Freunde eilten nach Hause, um zur Ruhe zu kommen, nur Hermann Baumgarten blieb zum Schutze der Damen, die bis zum Morgen tanzten.

Der dritte und letzte Festtag war Redeacten gewidmet; es fehlten freilich die den Betheiligten selbst schon beschwerlich fallenden Festzüge nicht. Die Folgen einer viertägigen, beziehungsweise nächtlichen Freudigkeit gaben sich schon in allen Kreisen kund; unsere ältern Freunde verschmähten, die Reden in der Aula zu hören, um die Züge anzusehen; bei dem gemeinsamen Mittagsessen gestand selbst der junge Amerikaner Grant es ein, daß ihm das Tragen des Sternenbanners heute außerordentlich schwer geworden sei. Aber die Jugend freute sich doch auf den Abend, wo von neuem der Tanzlust Genüge gethan werden sollte.

In der Voraussicht, daß die Einladungen zum Banket des Königs nur wenige Frauen und Töchter aus dem Bürgerstande treffen würden, welche seit Wochen thätig gewesen waren, für den Schmuck der Stadt an diesen Festtagen zu arbeiten, hatte ein Comité jüngerer Leute, zu dem der Candidat der Advocatur, Bruno Baumann, gehörte, einen Subscriptionsball veranstaltet, der in denselben Räumen wie der Königsball stattfinden sollte. Die Unternehmer hatten mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen, mit der akademischen Bureaukratie, welche ihre paar Sessel und andere Utensilien nicht dem profanen Publikum überlassen wollte, mit der Polizei, welche eine Menge unnützer Präventivmaßregeln zu treffen sich verpflichtet glaubte, mit dem Stallmeister Ayerer, welcher die »Boutike« von seiner offenen Reitbahn so früh wie möglich entfernt und den Tanzsalon in den Winterreitsaal verwandelt zu sehen wünschte. Als alle diese Dinge überwunden waren, hatte der Magistratsdirector Ebel die Herablassung, sich und noch ein Magistratsmitglied an die Spitze des Comité stellen zu lassen und der Sache den Charakter einer von der Stadt gegebenen Festlichkeit zu vindiciren.

Die jungen Unternehmer übersahen die Tragweite einer solchen Aenderung, sie sollten aber schon nach wenigen Stunden die Bedeutung fühlen. Der Subscriptionsball sollte um acht Uhr seinen Anfang nehmen. Da zu dem gestrigen Königsballe eine einfache Pastorentochter gar nicht, noch weniger eine sonstige »Landviole« eine Einladung bekommen hatte, so war der Zudrang zur Subscription noch am Tage des Balles selbst ungemein groß.

Veronica, Mutter wie Tochter, und Heloise von Finkenstein, die sich auf dem gestrigen Balle trotz des stürmischen Intermezzos sehr wohl befunden – es war das ja doch einmal etwas ganz anderes als die Bälle im Redoutensaale der kaiserlichen Burg –, freuten sich, die tanzlustigen jungen Leute hatten sich um die drei Damen schon gestritten, und nur Veronica, die Mutter, hatte bewirken können, daß es unter den Vettern nicht zu einem hitzigen Kampfe gekommen war.

Nachdem der Zug zur Aula beendet, Grant dort das Sternenbanner zum ewigen Andenken neben den übrigen Bannern übergeben hatte, nahm man in Bettmann's Garten ein Frühstück ein und rüstete zu einer Spazierfahrt. Ein sogenanntes Vesper, wie es der Kronenwirth nannte, ein zweites Lynsch, wie die Amerikaner sagten, hatte dieser einpacken lassen, in seinen eigenen Staatswagen, welcher die ältern Freunde einnahm; den Flaschenkeller führte die Jugend in zwei offenen Korbwagen bei sich. Man fuhr auf den Hohenhagen. Inmitten des Groner Holzes stiegen die Insassen des ersten Wagens aus, Hermann Baumgarten zeigte den Onkeln Pastor und Maschinenbauer die Stätte, wo er vor vierundzwanzig Jahren die Tonne Goldes gefunden. Die Chaussee war zwar erhöht und macadamisirt, sie lag aber noch auf derselben Stelle, und da Hermann auf Befragen erklärte, die Goldeichen befänden sich kaum eine Viertel Stunde weiter im Holze und er getraue sich, dieselben noch aufzufinden, ließ die Gesellschaft die Wagen auf der Chaussee halten und man trat die Fußwanderung zu den Goldeichen an. Jeder der Studenten hatte eine Flasche Wein unter dem Arme, die Damen trugen die Gläser, die Goldeichen wurden gefunden und auf das Glück des Goldonkels getrunken.

Als dann die Basaltspitze des Hohenhagen erreicht war, da, wo vor fünfundvierzig Jahren Heinrich am Hochzeitstage seiner Anna Dummeier nach Nordwesten sehnsüchtig hinübergeschaut, fand man zwar einige Veränderungen. Gauß hatte seiner Triangulirvermessungen wegen hier eine Pyramide errichten lassen, die in weiter Ferne ihre Genossen fand.

Sonst war die Gegend die alte, der Natur merkt man in einem Menschenalter, wenn Menschenhände selbst nicht thätig sind, keine Veränderungen an. Den jüngern Leuten, welche den Ort, wo ihr Großvater Oskar Baumgarten gelebt hatte, noch nicht kannten, wurde das Holz hinter Mohlenfelde gezeigt, in welchem das gemüthliche Jagdschloß sich im Grünen verbarg. Man lagerte in einem gegen den Ostwind geschützten Basaltsteinbruche und nahm ein vergnügtes zweites Frühstück ein.

Die Herabfahrt nach Göttingen ging schnell von statten. Die Damen mußten noch Toilette machen, die jungen Leute wollten noch ein Glas kasseler Märzen aus der Fink trinken und sich dann gleichfalls in Balltoilette »werfen«.

Der Beginn des Balles war auf acht Uhr bestimmt, um zehn Uhr sollte soupirt werden, allein eine Menge tanzlustiger Damen hatte sich schon eine halbe Stunde vor dieser Zeit eingefunden, um einen passenden Platz zu finden, oder weil man es mit den Freundinnen verabredet hatte. Auch die jungen Herren, die damals noch nicht so tanzfaul waren wie heute, waren Schlag acht Uhr sämmtlich am Platze. Man hatte zwar nicht, wie am gestrigen Tage, zwei Musikcorps, sondern nur den Stadtmusikus, verstärkt durch einige Violinen und Clarinetten des mündener Jägercorps, dagegen aber hatte man die ganze große Reitbahn als einen Tanzsalon, und wer diesen durchwalzte, der hatte etwas Tüchtiges geleistet. Nun schlug es acht Uhr, schlug acht ein Viertel, ein Halb, das Tanzcomité war vollständig versammelt, bis auf den einen, den Chef der Stadt, den Würdenträger des Subscriptionsballes.

Endlich gegen drei Viertel acht Uhr erschien er in der vollen Würde seines Amtes, aber ohne seine Damen, die noch eine halbe Stunde auf sich warten ließen. Das galt für vornehm.

Wie lang den jungen tanzlustigen Leuten die Stunde von acht bis neun wurde, ist unmöglich zu beschreiben. Die tanzlustigen Damen versuchten auf alle mögliche Weise das Tanzcomité zu veranlassen, den Tanz beginnen zu lassen, und die »Aufforderung zum Tanz« von Weber, die man zu Vertreibung der Zeit aufspielen ließ, dämpfte das Feuer nicht, sondern verstärkte es.

»Dreihundert oder vierhundert Mann können doch unmöglich darauf warten«, hieß es, »bis es der Magistratsdirectorin und ihren beiden Fräulein Töchtern gefällt, mit ihrer Toilette fertig zu werden?«

Auch außerdem versprach es langweilig, steif zu werden. Die beiden Geschlechter saßen oder standen bis auf wenige Ausnahmen getrennt; die Damen auf den etwas erhöhten Tribünen hatten schon von vornherein angefangen, sich nach Ständen zu sondern. Den Platz unter dem Orchester hatten die Magistratsdamen eingenommen, daneben hatten sich die Frauen der königlichen Beamten, die sich höher dünkten, besonders gruppirt, eine dritte Gruppe bildeten die Frauen und Töchter der Kaufleute, Aerzte und Advocaten, dann kamen die Pastorentöchter und sonstige Landviolen, der eigentliche Bürgerstand hatte sich ganz auf die südliche Seite zurückgezogen, dem Orchester gegenüber, um sich dort wieder nach Reichthum oder sonstigen Familien- und andern Beziehungen in Gruppen zu sondern.

Durch die Fürsorge der göttinger Freunde und Baumann's hatte die uns befreundete wiener Familie nebst Heloise von Finkenstein im Kreise einiger göttinger Professorenfrauen, die sich wiederum von den übrigen sonderten, nahe dem Eingange in den Banketsaal einen guten Platz gefunden.

Die Herren standen in der Mitte des Saales, viele jüngere Bürger, Angestellte, die gestern keine Berücksichtigung gefunden, vielleicht zweihundert Studenten, die mehr oder weniger eine Herzensflamme unter den Tänzerinnen hatten; man unterhielt sich von einer Menge tragikomischer Scenen vom gestrigen Königsballe. Was hatte die Tochter des Ministers des Innern, die schöne Augusta, sich gestern sagen lassen müssen? Wo hatte Graf von Schlottheim sich am Morgen gefunden? Was war aus den funfzig Flaschen Wein geworden, die eine lustige Compagnie ergaunert und, um solche vorläufig zu sichern, hinter der Mauer, an einem Orte, wo Feuerleitern oder sonstige Dinge aufbewahrt werden, verborgen hatte, um noch mehr zu acquiriren? Jeder hatte irgendein Abenteuer gehabt, auch an Liebesabenteuern, Bekanntschaftmachen, Bestellungen auf die nächsten Tage hatte es nicht gefehlt.

Endlich gab der Magistratsdirector das Zeichen zum Beginn des Tanzes, die »Faustpolonaise« rauschte von dem Orchester herab, und, die Frau des Stadtsyndikus zur Seite, eröffnete er mit feierlich langsamem Hahnentritt die Polonaise. Ein Theil der schwerfälligen alten Welt, Bureaukraten und Würdenträger folgten ihm, alle mit häßlichen aufgeputzten Damen am Arme, die ihre Toiletten, welche seit einem halben Jahre Gegenstand ihrer Gedanken und Gespräche gewesen waren, nun wenigstens einmal im ganzen Saale produciren wollten.

Bruno Baumann schloß sich, die schöne Heloise von Finkenstein am Arme, gleichsam als Repräsentant der jungen Welt, der eine goldene Zukunft noch lächelt, der Welt des Werdenden, dem steif voranschreitenden Zopfe an. Er hatte auf dem Wege nach dem Hohenhagen mit seiner Tänzerin schon alle Touren, die man tanzen wolle, überlegt, denn er war von den Unternehmern als Vortänzer bestimmt gewesen. Nun hatte der Magistratsdirector diese Rolle übernommen und diesem schien die Polonaise in einem Umschreiten des Saales zu bestehen. Es war eine lange Colonne, die dem Würdenträger folgte. Als er wieder an seinem Platze angekommen war und im Begriff stand, die Frau des Syndikus mit einem feierlichen Diener zu ihrem Platze zu führen, stand Baumann am entgegengesetzten Ende des Saals, er kannte den Musikdirigenten gut und dieser Baumann's Art, die Polonaise zu tanzen. Bruno winkte mit dem Taschentuche. Die Musik begann in ein schnelleres Tempo zu fallen, und nun fiel er mit seiner Tänzerin von dem Zuge ab, dem er bisher gefolgt war, und durcheilte, mit schnellerm Tritt die Tänzerin um sich herumdrehend, die umgekehrte Richtung, um der alten Welt Zeit zu lassen, sich abzuthun und ihre Plätze zu finden. Seine Nachmänner folgten und bald hatte sich in dem schönen Saal ein buntes Gewirr, wie es die Polonaise erheischt, und wie die göttinger Jugend es durch Hölzke's, des Tanzlehrers, Unterricht allgemein kannte, verbreitet, jetzt bildeten alle Tänzer eine große nicht enden wollende Schlange, die sich selbst in den Schweif biß, dann fielen die Herren zur Linken, die Damen zur Rechten ab, um sich am andern Ende des Saals zu fangen, bildeten einen großen Kreis, liefen Sturm und durchbrachen die Gegenseite. Man wickelte sich zum Knäuel auf und wickelte sich ab, bildete drei große Windmühlenflügel, in deren Winkeln gewalzt wurde, legte eine Ecossaisentour ein, die jedes Tanzpaar mit den übrigen in Verbindung brachte, und vergnügte sich sehr.

Der Magistratsdirector hatte das Weitertanzen verhindern wollen, er fühlte sich in seiner Amtswürde verletzt und hat Bruno Baumann diesen bösen Streich, wie er ihn nannte, nie vergessen. Aber das Eis des conventionellen Tanzes war gebrochen, der steife Ton war dahin, die Jugend hatte den Sieg davongetragen, von jetzt bis zum andern Morgen herrschte nur Lust und Frohsinn.

»Ach welch ein schöner Ball«, seufzten die schönen Göttingerinnen noch einige Jahre später, »und was wäre daraus geworden, wenn der Dr. Baumann nicht die langweilige Ebel'sche Polonaise in eine lustige umgewandelt hätte!«

Aber auch Freudentage haben ihr Ende; als die Tage des Jubels vorüber waren, kamen die Tage der Trennung und des Abschiedes. Aus allen Thoren fuhren die gepackten Reisewagen. Die Kränze an den Häusern und über den Straßen wurden welk. Auch unsere Freunde trennten sich. Henning mit seinen beiden Söhnen begleitete die beiden Schulz, die er erst jetzt kennen gelernt hatte, bis Hannover, um nach Norwegen weiter zu reisen. Georg Baumgarten, sein Sohn Hermann und Grant geleiteten die Wiener in ihre Heimat, den Weg über München nehmend, um auf der Rückreise Prag und Dresden genießen zu können.

In Göttingen wurde es still, sehr still, desto angenehmer für Bruno Baumann, der Tag und Nacht an seinen Relationen arbeitete.

 << Kapitel 63  Kapitel 65 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.