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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Viertes Kapitel.
Die Epigonen.

Von den Kindern, die wir in der Försterwohnung Oskar Baumgarten's im Jahre 1815 spielen sahen, hatte sich der jüngste Sohn des von Berlepsch'schen Gerichtshalters und Advocaten Baumann in Hedemünden zu einem fünfundzwanzigjährigen jungen Mann entwickelt, der sein erstes juristisches Examen bestanden hatte und nun als Candidatus advocaturae nach zweijähriger Praxis im Begriff war, sein zweites Examen zu machen, da er vor dem Gesetz von 1832, das einen dreijährigen Candidatenstand vorschrieb, immatriculirt war. Er hatte seine Gymnasial- und akademischen Studien in Göttingen gemacht, seine persönliche Kenntniß von den deutschen Landen reichte nach Norden nicht über die Stadt Hannover, nach Osten nicht über Goslar und die Roßtrappe, nach Süden nicht über den Kyffhäuser und die Wartburg, nach Westen nicht über Kassel. Das waren beschränkte Gesichtskreise, aber zum Reisen fehlte das Geld, denn sein Vater war mit sechs Kindern und geringer Praxis gesegnet, und er hatte allein durch die Unterstützungen seines Onkels Hermann Baumgarten in Wien seine Studien vollenden können.

Das von Otfried Müller gegründete »Literarische Museum« vermittelte damals die Bekanntschaften strebsamer junger Männer mit altern Herren; alles, was von Studenten über Pauk- und Biercomment hinaus sich mit Politik und Literatur beschäftigte, fand sich hier bei einer Tasse guten Mokkas und dem Dampfe einer Havana zusammen. Baumann hatte hier die Bekanntschaft einiger Studenten gemacht, die zum Theil schon auf dem Gymnasium in Frankfurt ein Freundschaftsband umschlungen, mit Moritz Carriere, dem blondgelockten Theodor Creizenach, dem mürrisch dreinschauenden Heinrich Bernhard Oppenheim, der immer mit offenem Munde saß und sich nichts entgehen ließ, was gesprochen wurde, mit dem Hamburger Wolfsohn und andern. Die Georgia Augusta rüstete sich damals zu ihrer hundertjährigen Jubelfeier, und es war beinahe von nichts die Rede als von dieser. Die Straßen wurden umgepflastert, die Häuser bekamen neue Kleider, man vergaß auf kurze Zeit, daß seit dem 5. Juli ein königliches Patent in das Land geschleudert war, welches das erst vor vier Jahren erlassene Staatsgrundgesetz mit Untergang bedrohte.

Baumann freilich, ein Schüler Dahlmann's in Politik und Geschichte, ließ sich durch die Vorbereitungen zur Jubelfeier nicht abhalten, in dem in Stuttgart erscheinenden »Deutschen Courier« wöchentlich Gegenmanifeste zu erlassen, in welchen er die staatsrechtliche Ansicht von der Regierungsnachfolge gegen die feudale von Ernst August für sich in Anspruch genommene Lehnsnachfolge vertheidigte. Er führte eine leichte und gewandte Feder und hatte unter Albrecht tüchtige staatsrechtliche Studien gemacht, wie er durch den Privatdocenten Dr. G. Schumacher für die Krause'sche Philosophie gewonnen war und namentlich für die Philosophie der Geschichte desselben und das Urbild der Menschheit schwärmte. Baumann's Aufsätze hatten Aufsehen erregt, es wurden ihm von angesehenen Zeitungen Offerten gemacht, und er verdiente durch seine eigene advocatorische Praxis, durch das, was er für den Privatdocenten Dr. Grefe arbeitete, der sein Lehrer in der Advocatur war, und durch seine Correspondenzen für verschiedene Zeitungen so viel, daß er Geld zu einer Reise nach dem Rhein, der Schweiz und Wien zurücklegte, die er antreten wollte, sobald er das zweite Examen bestanden habe.

Moritz Carriere hatte einen halben Anker Wein vom Jahre 1834, der auf Burg Windeck an der Bergstraße gekeltert war, von einem Verwandten zum Geschenk bekommen, und lud dazu den Freundeskreis, der sich in Göttingen gebildet hatte, ein, um den Geburtstag des Altvaters Goethe zu feiern. Im Hause des Buchhändlers Deuerlich waren am.28. August 1837 dann versammelt außer Carriere selbst Baumann, Creizenach, Oppenheim, Karl Bölsche, der zum Besuch von München gekommene Freiherr von Leonhardi, Herausgeber des Krause'schen Nachlasses, George Grant, der Nordamerikaner, Sohn Heloisens, welcher Bergwissenschaften und Technologie studirte, Paul von Scherf, ein Luxemburger, und noch einige andere junge Leute. Man hatte Kaffee getrunken und von diesem und jenem geplaudert, Bölsche hielt eine lange Rede, in der er zu beweisen suchte, daß Karl Goedeke ihn mit Unrecht einen Nachbeter von Anastasius Grün nenne, Leonhardi gerieth mit einem Schüler Hegel's in einen Streit über Kategorientafeln, Baumann las seinen letzten noch ungedruckten Artikel gegen Ernst August, dessen Lehrmeister, den Herzog Karl von Mecklenburg, und gegen den Herrn von Schele, den Faiseur der Sache, vor, als die Tassen weggeräumt wurden und die Aufwärterin die grünen Römer, Butter, Brot, Schweizerkäse und einen großen Korb mit witzenhäuser Kuchen auf den Tisch setzte.

Der Stiefelwuchs, der an dem Kran des Fäßchens stand, mußte die Römer füllen, und das erste Glas galt dem vor achtundachtzig Jahren geborenen Johann Wolfgang Goethe, dem Carriere eine etwas sehr überschwengliche Lobrede hielt. Aber den drei Frankfurtern, die sich selbst durch Goethe geehrt glaubten, war damit noch nicht genug geschehen, und Creizenach improvisirte ein Sonett, das den Altvater unter die olympischen Götter versetzte. Man mußte den Römer dreimal zu Ehren Goethe's leeren.

Nun trug Creizenach auf allgemeines Verlangen den ersten Act seines »Don Juan« in jener würdevollen Langsamkeit vor, die er so sehr liebte.

Dann besprach man den göttinger »Jubelalmanach«, welchen der dem Kreise der Versammelten wohlbefreundete Universitätsactuar Schumacher herausgegeben und dessen erstes aus den Händen des Buchbinders geliefertes Exemplar Baumann aus der Tasche zog. Die Titelvignette hatte Oesterley gezeichnet und Lödel radirt; man sah Göttingen von der Groner Chaussee aus mit dem Hintergrunde des Hainberges und der Kleper, über der Stadt schwebte der Engel des Ruhmes nach Hannibal Carracci.

»Das Ding«, sagte Baumann, indem er das Büchlein seinem Nachbar reichte, »ist ganz vorzüglich angeordnet, zuerst eine kurze Geschichte der Universität, dann Haller's Gesang zum Einweihungsfeste vom 17. September 1737; es folgt Bürger's Gesang am heiligen Vorabend des fünfzigjährigen Jubelfestes, stark bombastisch; wahrhaft spaßhaft naiv dagegen ist der nach einem Manuscript mitgetheilte Gesang über die glücklich vollendete Inauguration von einem Studenten Gießler. Hört nur, wie er den zweiten Georg lobhudelt:

Die Musen haben Seiner Huld
Die Ruhe nebst dem Schutz zu danken;
Sie sitzen nun bei Buch und Pult,
Nichts darf sie stören in den Schranken,
Ihr Sitz ist Ihm ja selbst geweiht,
Der Seinen höchsten Namen trägt
Und jedem Lieb' und Furcht einprägt,
Erschrecket, aber auch erfreut.

»Das bevorstehende Jubiläum besingt jener Pastor Werner Bergmann, der uns neulich auf der Bruck zuvorkommend zu sich herunter nach Waake lud, wo uns dann seine hübsche lebendige Frau so freundlich bewirthete. Die artistische Beigabe, G. A. von Münchhausen, den wahren Gründer der Georgia Augusta, die Porträts der Perrüken und Zopfköpfe von Mosheim, Haller, Gesner, Heyne, Böhmer, Kestner, Pütter, die Studententracht von 1750, 1799, 1835, hat der Herausgeber selbst auf Stein gezeichnet.

»Nun, das ist etwas; aber Ihr junges Göttingen, gestern begegnete mir Euere Bettina und fragte: ›Herr Doctor, hat Ihnen Creizenach schon sein schönes Sonett auf H. Heine vorgelesen?‹ und sie fing, obgleich wir auf der Groner Straße standen, zu declamiren an:

Von edlen Blüten melden uns die Sagen,
Die aus dem besten Herzblut aufgeschossen,
Die aus dem Grab versunk'ner Freuden sprossen
Und auf den Blättern Schmerzenslaute tragen.

»Als sie fortfahren wollte, kam Euer Freund Rothschild am Arme Schüler's daher; sie schienen in der Fink zu viel Kasseler geladen zu haben, denn beide schwankten sehr, Bettina floh. Also rasch, Dichter, heraus mit dem Schluß!«

Und dieser ließ sich nicht lange nöthigen, er declamirte:

So mahnen mich, o Dichter, deine Klagen,
Die aus dem tiefsten Weh der Brust ergossen,
Bald hold und zart, bald stark und wild entflossen
In schläfrigen und düster bangen Tagen.

Der du den Schleier wagtest aufzuheben
Von bunten Wappen und geschminkten Leichen,
Du hast gethan, was dir der Geist geboten.

Auf aus dem Schlummer, dem du dich ergeben!
Nun gilt's, mit Ernst das Höchste zu erreichen!
Sonst sei hinweggeworfen zu den Todten.

»Um Himmels willen«, meinte Baumann, »begrabt keinen Lebenden; der Schluß misfällt mir; laßt uns zunächst die Römer füllen und auf das Wohl Heine's trinken, des Antiphilisters. Ihm fehlt, glaubt mir das, weiter nichts als die Gesundheit; er ist ein Mann mit Nerven eines Frauenzimmers, bleibt aber, wenn ihr noch so sehr die Mahner spielt, doch immer euer unerreichbares Vorbild.«

Leonhardi sagte: »Wenn sich alles um uns herum auf die Feier vorbereitet, will dann die Jugend müßig bleiben? Ihr Dichter des jungen Göttingen seid formgewandt, das Sonett beweist es. Es ist in allen Dingen jetzt schon die Zeit der gemeinsamen Arbeit gekommen, vereinigt euch, den Helden der Georgia Augusta einen Sonettenkranz zu flechten.«

Der Gedanke gefiel und man machte sich, den »Jubelalmanach« Schumacher's in der Hand, sogleich darüber her, die würdigen Geister der Vergangenheit und Gegenwart, die eines Sonetts werth wären, zu bestimmen.

Ueber Haller, Bürger, Lichtenberg, Voß, Friedrich August Wolf, Wilhelm und Alexander von Humboldt, Gauß, Jakob und Wilhelm Grimm, Karl Christian Friedrich Krause war man bald einig; hätte man wenige Wochen in die Zukunft sehen können, so würde ein Sonett auf das Siebengestirn nicht gefehlt haben, das Hannover, ja Deutschland aus dem politischen Schlummer seit der Reaction von 1832 aufrüttelte.

Es versteht sich von selbst, daß man dabei das Trinken und das Toasten nicht vergaß, und daß, ehe noch der Abend eingebrochen war, der Stiefelwuchs am Anker meldete, der Wein werde trübe und scheine stark auf die Neige zu gehen.

Das war denn keinem recht und man debattirte darüber, ob man neuen Stoff von Ulrich oder von dem Kronenwirth anschleppen lasse und ob es, wie der Hamburger Wolfsohn vorschlug, nicht rathsam sei, zu wechseln und rothen Bordeaux auf das »sauere Zeug« zu gießen.

Carriere und die Frankfurter wollten den Ausdruck »saueres Zeug« nicht gelten lassen, sie begannen zu singen:

Am Rhein, am Rhein,
Da wachsen unsre Reben –

die Aufwärterin aber brachte einen mit cito bezeichneten Brief an Baumann, den dieser kaum geöffnet hatte, als er ein kräftiges Silentium schrie und dann erläuterte: »Ein gütiges Schicksal schlichtet unsern Streit; hört, was Papa Bettmann schreibt.«

Fritz Bettmann, Gastwirth zur Goldenen Krone, ist weit und breit bekannt in Deutschland, er hat noch heute wie schon damals die Manier, in Knittelversen zu sprechen und zu schreiben, und so schrieb er denn:

Wir wollen es nicht wehren,
Wenn ihr zu Goethe's Ehren,
Sitzt heut' in eurem Haus
Bei schmal frugalem Schmaus
Und einem vollen Humpen;
Statt in der Krone Hallen,
Wo lust'ge Körke knallen,
Als wollt' euch nicht mehr pumpen
Fridericus von Gottes Gnaden, Inhaber der Goldenen Krone.

Doch künde ich euch eine frohe Mär,
Wer heute ist gekommen her
Von Süd, Ost, Westen, Norden.
Vom Groner Thore fuhr heran
Telegraphist Doctor Beurmann,
Karl Gutzkow saß an seiner Seit',
Die wollen nach dem Norden weit.
Vom Geismarthore schritt herein
Der Mann mit langem Fortschrittsbein,
Franz Dingelstedt ist er genannt,
Als Schulmeisterlein euch wohlbekannt.
Albani Thor das schickte her
Freund Otto Wigand, wen noch mehr?
Das geb' ich euch zu rathen auf
Und setze eine Flasche drauf,
Aus der Postkutsche vom Weenderthor,
Stieg nun gar Hoffmann noch hervor,
Von Fallersleben kam er her
Ach! könnt' ich reimen doch wie er!

Bis dahin saß bei mir allein
Justizrath bei 'nem Knickebein;
Ich bei der Mutterflasche,
Aus der ich gerne nasche.
Nun aber Leben,
Wogen und Schweben,
Himmlische Lust,
Hebt meine Brust!
Der Hausknecht mußt' nach Münchhausen,
Gutzkow wollt' nicht ohn' Philipp Otto hausen;
Knabe Karl, der holde Eduard Wippermann,
Auch andere Hessen noch heran.
Karl Goedeke kam von ungefähr
Vom Markte wie gerufen her,
Adolphus Bock kam hercitirt
Durch Vetter Schulz, der ihn frisirt,
Ellissen dürft' nicht fehlen,
Wär' er nicht bei den Hellenen.
Es ist also versammelt hier
Die ganze Clique außer dir
Und deinen Dichterlingen,
Die's doch nicht weiter bringen.
Drum rath' ich euch in Frommen,
Ihr mögt zur Krone kommen,
Seit einer Stunde steht in Eis
Champagner aller Sorten!
Die Köchin brät in saurem Schweiß
Die Hasen, bäckt die Torten.
Und wenn es euch an Gelde fehlt,
Euch Zukunftsdichtern,
Zukunftslichtern,
Schmalbäuchlichen Wichtern,
So — — — — — —
        Nun da geht der Reim aus
        Euerm rex Fritz
        Mit schmalem Witz.

Ein allgemeines Bravo erscholl. Das war Wasser auf die Mühle der Weindurstigen. »Auf nach Valencia!« rief Baumann mit seiner Donnerstimme, und man zog in corpore nach der nicht weit entfernten Krone.

Das war ein Leben und Weben in der Krone. Fritz Bettmann hatte seine Gäste schon oben hinauf in den Saal bringen müssen, der nach hinten lag.

Die meisten der dort Versammelten kannten sich schon, und die sich nicht kannten, wurden auf burschikose Weise »vorgeritten«. Die heitere Stimmung, welche die jüngern bei Carriere zusammengewesenen Gäste mitbrachten, erleichterte das Bekanntwerden, erschwerte aber die Ordnung; hier stand ein halbes Dutzend um Hoffmann von Fallersleben als den ältesten Literaten, dort wieder ein halbes Dutzend um Gutzkow und Beurmann; Dingelstedt hatte seine Verehrer und Otto Wigand ging eifrig dem Zwecke seiner Reise in die Vaterstadt nach, für die Ruge'schen »Jahrbücher« Mitarbeiter zu werben. Auch Gutzkow und Beurmann hatten ähnliche Absichten, das Beiblatt zur frankfurter »Börsenzeitung«, der »Telegraph«, sollte sich von dieser trennen und als selbständiges belletristisches Blatt von Neujahr 1838 an in Hamburg erscheinen

Hoffmann war gekommen, die Bibliothek zu benutzen. Dingelstedt hatte es in Fulda nicht mehr aushalten können, er war bis Rotenburg mit der Post gefahren, dann über die Berge rechts nach Großalmerode gestiegen auf den Meißner und war über Witzenhausen nach Göttingen gekommen.

Ueber Kassel zu reisen hatte er nicht gewagt, denn der Kurfürst liebte nicht, daß seine Schulmeister reisten, und da er sich zweimal täglich die Liste der kasseler passirenden Fremden vorlegen ließ, so stand zu erwarten, daß er eine Ordre schickte: der Dr. Dingelstedt habe sich sofort nach Fulda zu begeben. War Baumann doch zugegen gewesen, als der Kurfürst zu Pfingsten Dingelstedt, der neben ihm im Theater in Kassel saß, sagen ließ: er verbiete ihm, der Frau Naumann und ihrer Tochter, die zu einem Gastspiel in Kassel waren, in der Garderobe seinen Besuch abzustatten.

Dingelstedt war in schlechtester Laune; es mußte schon einem Dutzend Champagnerflaschen der Hals gebrochen werden, ehe er in einigermaßen erträglichen Humor kam. Er sagte zu seinem Nachbar Baumann: »Ihr schimpft auf euern König Ernst August, ich will ihn doch tausendmal lieber als meinen Kurfürsten, der jeder Familie in den Topf guckt, und wenn er weiß, daß Hans in Kassel sich glücklich befindet, ihn ganz sicher morgen nach Ziegenhain schickt, oder nach dem verfluchten Fulda. Wenn Ernst August mich kaufen will, er kann mich sofort haben als ordentlichen Professor der Aesthetik mit 1500 Thalern Gehalt, und bekommt ein Loblied obendrein, wenn es sein muß sogar eine Ode.«

Baumann zeigte seinem Nachbar die Knittelreime Bettmann's, dieser brach in ein fröhliches Gelächter aus und sagte: »Den Kater müssen wir klemmen!« dann flüsterte er Baumann etwas ins Ohr.

Dieser verließ den Saal, sprang über die Straße hinüber zum Kaufmann Rente, kaufte dort für einige Mariengroschen trockene Lorberblätter, aus welchen er mit Hülfe der Frau Bettmann, die den Zweck nicht ahnte, einen Lorberkranz, mit etwas frischem Buchsbaum aus dem Garten hinter dem Hause vermischt, zusammenband.

Dingelstedt hatte indeß Hoffmann beiseitegezogen und mit ihm verabredet, was geschehen solle.

Als Baumann herauskam und durch Zeichen zu verstehen gab, daß alles zurechtgemacht sei, wurde Creizenach, der am besten vortrug und declamirte, aufgefordert, den Einladungsbrief Bettmann's vorzulesen. Sobald dies geschehen war, erhob sich Hoffmann, der an der Tafel das Präsidium führte, und befahl dem jungen Göttingen, Fritz Bettmann vor seinen Präsidentenstuhl zu führen. Carriere und Creizenach thaten das mit Würde, und Bölsche trug die auf eine Schüssel gelegte Lorberkrone hinterher. Bettmann mußte niederknien, Dingelstedt setzte ihm die Krone auf, und Hoffmann von Fallersleben weihte ihn durch ein improvisirtes Gedicht zum Poëta laureatus.

»Nun aber die Bowle!« schrie Chorus. Wenn Frau Bettmann hätte ahnen können, welch edle Getränke zu der nun folgenden Bowle aus dem Keller heraufbeordert wurden, sie würde keinen Finger zum Kranzwinden gerührt haben.

Als man in der besten Arbeit war, trat aber eine unerwünschte Unterbrechung ein. Polizeidiener Göbel trat in den Saal und sagte: »Meine Herren, Feierabend!« und hinter ihm erschien Pudel Huch mit den großen Nasenlöchern, in welchen eine Maus Zuflucht suchen konnte, und dem kurzen, wasserdichten Mäntelchen und sagte: »Meine Herren von der Universität, im Namen Seiner Magnificenz des Prorectors gebiete ich Feierabend.«

»Verdammt!« seufzte Wippermann, »nicht einmal im ersten Gasthause der Welt, der Goldenen Krone zu Göttingen, hat man das Recht, nach elf Uhr abends in Freundeskreisen beisammensitzen zu können; was fangen wir an? Bleiben wir hier und bezahlen ein jeder seinen Thaler Strafe!«

»Nichts da«, rief Dr. Beurmann, »ich weiß bessern Rath; Gutzkow und ich bewohnen das Zimmer Nr. 1, das größte in der Krone, das Zimmer, wo König und Kaiser, Alexander wie Nikolaus von Rußland, Friedrich Wilhelm III. und der Kronprinz logirt haben. Wir laden die Gesellschaft hiermit ein, in unserm Zimmer eine Attische Nacht zu feiern.«

Und man feierte eine Attische Nacht. Jeder trug nach Kräften bei, die Geister platzten aufeinander, die Jungen blickten noch voll Ehrerbietung zu den Alten hinauf. Hier sehen sie die beiden Hauptrepräsentanten des vormärzlichen politischen Liedes; zwar waren weder die unpolitischen Lieder noch die Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters schon gedruckt, aber eine Mehrzahl derselben war schon gedichtet, und die Attische Nacht selbst gab Veranlassung zu neuen Conceptionen. Hoffmann wurde aufgefordert, einige neue Gedichte zu recitiren; wer ihn kannte, wußte, daß er seine meisten Lieder immer abgeschrieben in der Westentasche oder Brusttasche herumtrug. »Ja Kinder, ich will euch etwas vortragen, etwas ganz Neues, das ich erst auf dem Wege von Fallersleben nach Braunschweig gedichtet habe, aber nur unter der Bedingung, daß, nachdem ich euch das Gedicht zweimal recitirt und euch die Melodie vorgesungen habe, ihr dann die Verse mit mir singt; die Melodie ist bekannt: »Das Grab ist tief und stille«, und er trug vor:

Ihr lieben guten Herzen,
Ihr scherztet allergernst;
Trotz allem Leid und Schmerzen
Ist euch verhaßt der Ernst.

Die Nachtigallen jagen
Den Ernst jetzt übers Meer –
Was solche Vögel wagen!
Das wundert mich doch sehr.

Man verstand den Witz und lachte.

Gutzkow declamirte eine Stelle aus seinem noch unvollendeten neuesten dramatischen Werke »König Saul«, wobei er nach gewohnter Weise so sehr in Selbstrührung gerieth, daß ihm die Thränen von dem bleichen Gesicht liefen.

Der neugekrönte Poet Bettmann ging mit seinem gefüllten Pokal an der Tafel rund, von einem Gaste zum andern, dieselben mit seinen gewohnten Knittelversen ansingend, dem einen eine Sottise sagend, dem andern ein Compliment, den dritten mit einem Witze abfertigend, den vierten daran erinnernd (es war, glaub' ich, Beurmann), daß er noch seit zehn Jahren her in seinem großen Schuldbuche wohl angeschrieben stehe.

Creizenach, der damals an einem Liedercyklus: »Sohn der Zeit«, dichtete, wurde von Baumann aufgefordert, sich selbst als Sohn der Zeit zu offenbaren, und er trug das »Echo im Harz« vor:

Von bemoosten Felsenwänden
Eng umschlossen, rings umkreist,
Wollt' ich in die Lüfte senden,
Was erregte meinen Geist.

Und ich eilt', es zu verkünden,
Freiheit! war das Losungswort,
Aus den Höhen, aus den Gründen
Freiheit, Freiheit hallt es fort.

Legt die Freiheit in den Bergen
Nieder ihr gequältes Haupt,
Weil so ganz die stolzen Schergen
Euch, o Menschen, sie geraubt?

Wenn der freiste Mann sein freistes
Wort in Sturmes Muthe sprach,
Aus den Gründen eures Geistes
Hallt es immer Freiheit nach!

»Ich will«, sagte Creizenach, zu Hoffmann von Fallersleben gewendet, »in meinem ›Sohn der Zeit‹ nämlich den Grundgedanken niederlegen, daß es an der Zeit ist, die vornehm genießende Aesthetik wie den eiteln Weltschmerz aufzugeben und den Kampf um freiere Lebensformen in Staat und Gesellschaft zu beginnen. Oder um mich poetischer auszudrücken, Kunst und Liebe sollen nicht zurückgedrängt werden aus dem Leben der Gegenwart, sondern belebt und geläutert durch den Gedanken der Freiheit.«

»Da müßt ihr Jüngern«, sagte Gutzkow, »den Gedanken der Freiheit überall erst denken lernen. Mit dem Worte ist es wahrlich nicht gethan und Misbrauch genug getrieben. Wenn ihr erst die akademische Schule verlassen habt und wie wir ins praktische Leben eintretet, da werdet ihr sehen, wie schwer euch das Leben gemacht wird und an vierhundert Stellen euch der Schuh drückt. Der Professorenzopf – salva venia, Hoffmann, euch meine ich nicht –, muß vor allem beschnitten werden. Füllt die Gläser und leert sie: ›Daß unsere Generation den Gedanken der Freiheit denken und ertragen lerne!‹«

Herr Göbel und Pudel Huch wanderten lange bis Mitternacht vor der Krone auf und ab, um die das Feierabendgebot Brechenden abzufassen; allein als der Morgen graute und die Gesellschaft sich trennte, hatte die Polizei längst vorgezogen, das Bett zu suchen.

Es waren in der Attischen Nacht mancherlei Verabredungen getroffen, Plane entworfen, literarische Verbindungen angeknüpft, Versprechungen gemacht und Verpflichtungen eingegangen. Eine Folge davon war auch die, daß Gutzkow, Beurmann mit Baumann und Wolfsohn am andern Mittage mit Extrapost nach dem Norden fuhren. Baumann wollte die Gelegenheit benutzen, um Hamburg und den Mann kennen zu lernen, der bisjetzt allein in ausführlicher wissenschaftlicher Erörterung dem Patent Ernst August's vom 5. Juli entgegengetreten war.

Gutzkow und Beurmann wollten einen Tag in Hannover bleiben, um sich Detmold, den verwachsenen kleinen Advocaten, der für den geistreichsten Mann in Hannover galt, für den »Telegraphen« zu fangen.

Das war Baumann gleichfalls gelegen, er kannte Detmold, der mit ihm für den »Deutschen Courier« und die augsburger »Allgemeine Zeitung« correspondirte, nicht persönlich, er wußte aber, daß derselbe mit seinem Großoheim, dem Maschinenbauer Friedrich Schulz, genau bekannt war, und er gedachte mit Wolfsohn die Gastfreundschaft dieses Oheims in Anspruch zu nehmen, da längst verabredet war, daß er den zweiten Sohn desselben, Oskar, zu dem sein Großvater Baumgarten Pathe gestanden, Michaelis zu sich nehmen und als Fuchs in Göttingen überwachen und seine Studien leiten sollte.

Baumann wollte aber noch ein drittes Ziel auf dieser Reise erreichen. Er war von einem der Vicepräsidenten des Oberappellationsgerichts in Celle, bei dem er sein zweites Examen zu bestehen hatte, nach Celle geladen, um die Acten in Empfang zu nehmen. Die Feier des göttinger Universitätsjubiläums motivirte nun die Bitte, ihm gegen die eidliche Versicherung, fremde Hülfe nicht zu gebrauchen, die Acten mit nach Göttingen zu geben, was Vicepräsident Wedemeyer denn auch zugestand.

Der Großonkel Schulz nahm Baumann und seinen Freund aus Hamburg wohl auf, und als er dieselben abends nach British Hotel, oder hannoverisch nach Wessel's Schenke am Neustädter Markte führte, fand man dort schon den kleinen Detmold auf drei Stühlen sitzend (er brauchte zwei Stühle als Lehne für seine Arme) und die bisherigen Reisegefährten.

Detmold, der künftige Reichsminister, war damals außer Hannover noch wenig bekannt, er war ein Advocat ohne Praxis, weil ihm diese zuwider war, und lebte als Junggeselle im Hause seines Vaters, des Hofmedicus, in der Duvenstraße. Detmold hatte bisher nur die »Anleitung, in drei Stunden ein Kunstkenner zu werden« geschrieben, eine Satire auf einen privilegirten Kunstkenner und Galeriebesitzer. Aber der gesunde und kräftige Witz, der in dem kleinen Buche wehte, hatte ihn zu der ersten literarischen Notabilität in Hannover gemacht, und das Publikum wollte denn in den »Hannoverischen Kunstblättern« von Osterwald nur Recensionen Detmold's über das noch neue Institut der jährlichen Kunstausstellung lesen.

Er hatte ein Jahr in Düsseldorf in der dortigen Kunstwelt gelebt, da er selbst mit Talent und Fertigkeit zeichnete, und war erst vor einiger Zeit aus Paris zurückgekommen, wo er mit Heinrich Heine die freundschaftlichen Beziehungen von Göttingen fortsetzte und für das »Morgenblatt« und den »Pariser Kunstsalon« schrieb.

Wie es gekommen, daß er, der bisher nur Abneigung gegen die Politik gezeigt hatte, der sich einem künstlerischen Dilettantismus hingab, der nur mit hannoverischen Künstlern, wie Marschner, Osterwald, Reichmann, Andree lebte und am liebsten die geistreiche Unterhaltung in der »Kutsche«, die sich damals in »Lemförde« umtaufte, beherrschte, sich auf einmal auf die Politik warf und wirklicher Centralpunkt aller Opposition gegen den Umsturz des Staatsgrundgesetzes wurde, ist vielen unbegreiflich gewesen. Die ihn näher kannten, wissen aber, daß er, der, wie Buchholz sagte: »seinem Talente nach alles Mögliche, nur nicht sentimental oder Betbruder war«, von einem Ehrgeize sondergleichen gestachelt wurde.

Die vertrauten Beziehungen zu dem Stadtdirector Rumann, der bisher in Hannover eine Art Nebenregierung neben dem Ministerium gehabt und einen großen Einfluß auf den Vicekönig Herzog von Cambridge ausgeübt hatte, nun aber von Ernst August brutal behandelt wurde, mochten auch wol mitgewirkt haben. Detmold fand in dieser politischen Thätigkeit, namentlich den Intriguen, dem alle Fäden in der Handhaben, Heilung von dem großen Weltennui, das seine Altersgenossen, wie er selbst, angesteckt von Byron, bisher empfunden hatten.

Detmold, obgleich er am Tage sein Parterrestübchen und seine beiden großen Kater selten verließ, wußte doch alles, was in Hannover passirte. Es war, obgleich er keine Geschäfte führte, bei ihm morgens von elf Uhr wie in einem Taubenschlage, jedermann von der Partei des Staatsgrundgesetzes brachte ihm Nachrichten, er erfuhr, was im Cabinet, was in Schelenburg, was in der Justizkanzlei und den Stadtgerichten in Beziehung auf öffentliche Zustände verhandelt war, er kannte in Hannover jedermann, den zu kennen überall der Mühe werth war, er hatte sich mit Stüve und den sämmtlichen bedeutenden und zuverlässigen Mitgliedern der Zweiten Kammer, von der man damals noch hoffte, daß sie bald wieder berufen würde, in Verbindung gesetzt, um eine geregelte Opposition anzubahnen.

Detmold kannte die Menschen, aber nicht nur oberflächlich, nach Titel und Würden und nach dem Anscheine, den sie sich selbst geben, er kannte genau ihr Wissen und Können, ihre Bestrebungen und Verbindungen, ihre Schwächen und Fehler. Diese ungemeine Kenntniß der Personen und Dinge, bei sarkastischem Witz, machte ihn denn auch zu einem gesuchten Gesellschafter, um den sich gern ein Zuhörerkreis versammelte.

Der angehende Politiker kannte auch Baumann schon als einen talentvollen und strebsamen jungen Mann und behandelte ihn mit Zuvorkommenheit. Er theilte ihm über die Verhältnisse des Landes solche Anschauungen mit, von denen er wünschte, daß sie in öffentlichen Blättern verbreitet würden; er charakterisirte die bei dem beginnenden Drama mitwirkenden hauptsächlichen Persönlichkeiten, machte ihn auf diese und jene Schrift, aus der er sich über frühere hannoverische Zustände belehren könnte, aufmerksam und verabredete endlich Korrespondenz mit ihm. Baumann sollte ihm jede Neuigkeit, Stimmung u. s. w. aus Göttingen melden, er wolle desgleichen aus Hannover thun und es an Fingerzeigen nicht fehlen lassen. Wir haben diese Bekanntschaft hervorheben zu müssen geglaubt, weil sie auf Baumann's Leben von nicht unbedeutendem Einfluß war.

Auch der Aufenthalt in Hamburg erweiterte Baumann's Gesichtskreis um ein Bedeutendes. Hamburg war schon vor dem Brande eine imponirende Stadt und machte eben damals Anstrengungen verschiedener Art, es der Nebenbuhlerin Bremen zuvorzuthun. Hamburg war der Schwesterstadt in literarischer Beziehung um ein Bedeutendes zuvor, denn während Bremen eigentlich nur einige kleine Localblätter besaß, hatte Hamburg den altbegründeten »Hamburgischen Correspondenten«, die »Börsen-Halle« und die »Hamburger Nachrichten«, lauter große Blätter. Der »Hamburgische Correspondent« war schon damals so ziemlich an das Cabinet Schele, was die hannoverischen Angelegenheiten betraf, verkauft, aber in dem Redacteur der »Börsen-Halle« entdeckte Baumann einen befreundeten Studiengenossen, den von Heinrich Heine besungenen François Wille, einen Mann von französischem Geist und Lebhaftigkeit, der sein Führer durch die Wirrnisse und Katakomben Hamburg-Altonas war. Die Zeit zur Rückkehr kam ihm nur zu bald.

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