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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Man saß beim Thee, der in der Wohnstube der Haushälterin parterre eingenommen wurde, als plötzlich Trommelwirbel und Hörnersignal erschallten. Man rief: »Zu den Waffen! Burschen heraus, Lichter heraus!« Bald hörte man auch das Geläut der Sturmglocken. Nun war Bruno nicht mehr im Hause zu halten, er stürmte dem Neuen Markte zu, der Sammelplatz seiner Garden war hier vor dem Gymnasium. Auch an diesem Sammelplatze wie auf dem Markte vor dem Rathhause war ungeheuere Verwirrung. Die Erleuchtung aus den Fenstern der Häuser reichte nicht aus, das Dunkel auf den Plätzen zu erhellen, die einzelnen konnten, da die Plätze noch nicht fest bestimmt waren, ihre Compagnien nicht finden, die Studenten suchten ihre Divisionen, ihre Offiziere.

Niemand wußte aber, was eigentlich los war, es ging nur das unbestimmte Gerücht, die Stadt werde vom Weenderthore her durch Soldaten bedroht.

Die Burschenschaft, welche vor dem Geismarthore auf ihrer Kneipe, dem »Kaiser« gewesen war, kam zuerst, wohlgeordnet, auf den Markt gezogen, voran der kleine »Bonus«, als dessen Untercommandant der lange G. figurirte, damals noch in dichtem schwarzen Lockenhaar, heute ein vielberedtes Mitglied des Reichstags, Zollparlaments und Abgeordnetenhauses im grünen Käppchen. Die Division sang: »Du Schwert an meiner Linken.« Auch die Westfalen unter dem Commando des Herrn von Loë waren in Ordnung, sie sangen aber das uns von 1816 noch bekannte Windmüllerlied. Bald zogen die Divisionen der Studenten und die Bürgercompagnien (man hatte die alte Eintheilung der Stadt in acht Compagnien beibehalten) eine nach der andern zum Weenderthore.

Der ganze Lärm erwies sich aber als ein blinder. Etwa hundert beurlaubte Jäger, die schon früher einberufen waren, hatten sich vor dem geschlossenen Weenderthore zusammengefunden, Einlaß begehrt und mit Gewalt gedroht. Als aber einem Offizier Einlaß gewährt war und dieser mit dem Stadtcommandanten von Poten Rücksprache genommen hatte, kehrten die Soldaten um und nahmen im Dorfe Weende Quartier.

Eine zusammengeblasene und getrommelte Menge will aber nicht umsonst aus ihrer Ruhe, aus ihren Bierstuben oder aus dem Familienkreise hervorgelockt sein. Jede Compagnie wollte sich wenigstens selbst überzeugen, daß »nichts los« sei, und während die Burschenschafter und die Westfalen schon wieder auf dem Markte angekommen waren und dort das Gaudeamus igitur angestimmt wurde, marschirten noch immer andere Compagnien nach dem Orte des Ereignisses. Der Gemeinderath, der sich auf dem Rathhause constituirt hatte, sendete Wachen an die Kirchthürme, damit nicht abermals ohne Noth und ohne Befehl Sturm geläutet würde. Es war ein empfindlich kalter Abend, und die wieder vor dem Rathhause versammelte Menge würde sich bald aufgelöst und verlaufen haben, wenn nicht ein obscurer Student das Bedürfniß gefühlt hätte, sich reden zu hören. Er schwang sich auf den Rand des großen Brunnens und wußte sich durch seine laute, klangvolle Stimme Ruhe zu verschaffen. Dann begann er: »Mitbürger, Freunde, Kampfgenossen! Die feige Soldateska hat nicht gewagt, die Vertreter der Sache der Freiheit anzugreifen! Vergeblich sind wir zu dem Kampfplatze geeilt. Da wir aber einmal hier versammelt sind, so lasset uns dem neuesten Märtyrer unserer Sache ein Vivat bringen. Ich meine unsern lieben Lehrer, den Dr. Gottfried Schulz, dessen Heft über den verruchten Deutschen Bund man eingefordert hat, den man gleich den andern Vertheidigern der Freiheit und des Rechts, die sich an unsere Spitze gestellt, unter polizeiliche Censur stellen wollte.

»Hoch die Doctoren Rauschenplat, Schuster und Ahrens! Hoch Gottfried Schulz!«

Der Redner verschwand vom Brunnenrande wieder unter die Menge, die laut aufschrie: »Nieder mit der Censur! Nieder mit der Polizei, auf nach Schulz!« Dann setzten die dem südlichen Ende des Marktes Näherstehenden sich die Weenderstraße hinauf nach der Kurzen Straße in Bewegung.

Bruno Baumann, der inmitten des stärksten Gedränges stand, das durch sämmtliche Lehrjungen der Stadt, durch Frauenzimmer, Kinder, Straßenbuben noch vergrößert wurde, suchte sich vergeblich durch die Menge Bahn zu brechen, um den Onkel von dem, was er zu erwarten habe, im voraus zu benachrichtigen. So wurde unserm Freunde Gottfried die theuere Ehre eines langnachhallenden Vivats zutheil.

Dieses Vivat lenkte die Aufmerksamkeit auf den bescheidenen, nur im Kreise weniger Studenten bekannten jungen Gelehrten, und da man nach französischem Muster einen Gemeinderath gebildet hatte, welcher an der Stelle des Magistrats und der Polizei die Stadt regierte, und am andern Tage durch Cooptation angesehener und reicher Bürger wie Zuziehung der Studiosen Stölting, Hübotter, Hentze verstärkt wurde, so kamen einige Schüler Gottfried's auf den unglücklichen Gedanken, bei dem Chef der akademischen Nationalgarde Dr. Rauschenplat darauf anzutragen, daß man auch unsern Freund in den Gemeinderath wählen möge. Durch die Nachricht, daß der Aufstand in Osterode mißlungen, die Stadt von Truppen besetzt, die Doctoren König und Freitag nach Hannover ins Gefängniß geführt seien, waren die Führer von einiger Entmuthigung ergriffen; die Kunde, daß Osnabrück und andere Städte sich der Erhebung angeschlossen, wollte nicht kommen; es mußte von Göttingen aus auf das Land eingewirkt werden. Dr. Rauschenplat kannte die glänzenden Kenntnisse wie die Bescheidenheit des Collegen, Arbeitskräfte konnte man im Gemeinderath gebrauchen, der einzige Schriftführer des Gemeinderaths, Dr. Ahrens, war mit Arbeit überhäuft, er hatte die ganze Nacht hindurch die schlecht genug gedruckten Bogen der Anklage des Ministeriums Münster, wozu König noch vor seiner Verhaftung das Manuscript geschickt hatte, corrigiren müssen, und bedurfte des Schlafes. Dr. Rauschenplat leitete die Straßendemonstrationen, seine Führung der akademischen Garde ließ ihm nicht Zeit zu Arbeiten auf dem Rathhause. So wurde der Vorschlag ohne weiteres genehmigt und eine Deputation des Gemeinderaths begab sich in Gottfried's Wohnung, ihm anzuzeigen, daß er zum Mitgliede des Gemeinderaths gewählt sei und seine Functionen sofort anzutreten habe.

Man wich nicht vom Flecke, bis er, noch im Schlafrocke, sich angekleidet hatte und mit zum Rathhause ging. Hier wurden ihm die Functionen eines zweiten Schriftführers überwiesen, denn Dr. Ahrens lag auf zwei breiten ledernen Magistratssesseln und schlief.

Der Vorsitzende, Procurator Eggeling, gab dem neuen Schriftführer auf, sofort ein Schreiben an sämmtliche Magistrate des Königreichs zu verfassen, mit der Aufforderung, dem Beispiele Göttingens zu folgen und durch eine Immediateingabe an den König auf Verleihung einer freisinnigen Verfassung, Entlassung des Ministeriums Münster, Abhülfe allgemeiner Klagen und das Weitere anzutragen.. Es solle das ein Begleitschreiben zu der Anklage des Ministeriums Münster sein, die eben von den Handpressen der Baier'schen Buchdruckerei auf schlechtem aschgrauen Papier abgedruckt und in Tausenden von Exemplaren auf das Rathhaus geliefert ward, um von Haus zu Haus vertheilt zu werden.

Gottfried erklärte, daß er die Anklage gar nicht kenne. Das schade nichts, hieß es vom Grünen Tische her, er möge nur den großgedruckten Anfang und das großgedruckte Ende lesen, da sei alles zusammengefaßt. So las er denn: »Das Ministerium Münster, welches die Hannoveraner seit sechzehn Jahren unumschränkt regiert, hat uns schmählich in die Leibeigenschaft zurückgeworfen; das Lehnswesen, die Zehnten, Fronen, Banal- und Zwangsrechte, die abgeschafften Innungen und Zünfte wiederhergestellt. Es hat ferner die Domänen der Staatskasse geraubt, die Einkünfte aus den Posten, Bergwerken, Salinen, Waldungen, den Mühlen, Eisen- und Kupferhütten als Privatgut des Regenten an sich gerissen, Sinecuren geschaffen, die Bürgerlichen aus dem höhern Staatsdienste verdrängt, die Beamten wiederum auf eine dreimonatliche Kündigung gesetzt, um sie wirklich aus dem Staatsdienste entlassen zu können, den Ackerbau, die Gewerbe, den Handel und Verkehr mit unerschwinglichen Steuern belastet, die Presse durch eine furchtbare Censur gefesselt und den Schwung der Wissenschaften und Künste gelähmt.«

Das war die Quintessenz der Anklage. Gottfried kannte sein Römisches und Kanonisches Recht, er hatte sogar, was damals wenige thaten, im Pütter die Geschichte der Verfassung des weiland Römisch-Deutschen Reichs studirt, er war bewandert in dem, was man das öffentliche Recht des Deutschen Bundes nennt, und in allen Systemen des deutschen Staatsrechts, die seit 1815 erschienen waren, zu Hause; aber von den zwanzigerlei hannoverischen Privatrechten, dem öffentlichen Verfassungsrechte und seiner Entwickelung seit 1814 kannte er nichts. Er hatte zwar das Patent von 1819, welches die Basis des öffentlichen Rechts in Hannover war, gelesen, da es aber materiell inhaltslos war und sich nur mit der Form der landständischen Vertretung beschäftigte, hatte er keinen Sinn dafür. Die Actenstücke der allgemeinen Stände waren ihm nie zu Gesicht gekommen, die Verhandlungen selbst waren geheim, nichts daraus drang ins Publikum. Man achtete im Lande wenig auf die Stände und hielt alles, was aus ihren Beratungen kam, höchstens für Abmachung der Ritterschaften und des Adels mit der Staatsdienerschaft, aus der die Zweite Kammer zu zwei Drittheilen bestand.

Gegen die transitorische Gesetzgebung aber, die er kannte, hielt er nie seinen Tadel zurück, insofern sie auch in Hannover wie in Kurhessen einen factischen Zustand von beinahe zehnjähriger Dauer als nicht vorhanden und alles durch die Hand des Eroberers Geschaffene als null und nichtig betrachtete oder einen Mittelweg suchte.

Gottfried glaubte an die Wahrheit der allgemeinen Anklage, die Ausführung und Begründung derselben zu lesen hatte er nicht Zeit. Wie hätte er auch zweifeln sollen, da man ihm von allen Seiten versicherte, der Verfasser, Dr. König in Osterode, sei ein Ehrenmann, und da dieser Ehrenmann am Schlusse seiner Anklage sagte:

»Der Geschichtschreiber, die Nachkommen, meine Enkel und Urenkel sollen mich brandmarken, wenn ich die Lüge an die Stelle der Wahrheit setze; ich weiß, daß Sokrates den Giftbecher nahm, Christus an das Kreuz geschlagen ist, Huß verbrannt wurde. Alles steht in Gottes Hand, und Gott dem Gerechten werfe ich mich in die Arme. Mein Werk für König, Volk und Vaterland ist vollbracht: thun meine Mitbürger nun das Ihrige. Amen!«

Als Gottfried sein Begleitschreiben, das nicht das tragische Pathos der Anklage theilte, concipirt hatte, ging er in das Berathungszimmer, um dasselbe signiren zu lassen. Er traf dort nur Dr. Rauschenplat, die übrigen Gemeinderathsmitglieder waren zum Frühstück in die Krone gegangen. Rauschenplat sagte: »Wozu diese bureaukratische Weitläufigkeit? Setzen Sie Ihren Namen darunter, College, als Secretär des Gemeinderaths, in dessen Auftrage. Das genügt.

»Und hier« fuhr er fort, »quäle ich mich seit einer Stunde ab, eine Resolution des Gemeinderaths, die vor Ihrer Ankunft gefaßt wurde, zu redigiren, um einige Kraft hineinzubringen. Das will mir aber durchaus nicht gelingen. Das dumme Rescript des Ministeriums vom gestrigen Tage, das heute Morgen angekommen ist, hat die Hasenherzen der Philister im Gemeinderathe mit Angst und Schrecken erfüllt. Käme es auf die Herren Pfuscher und Eberwein, Tolle und Wedemeier an, so lieferten sie uns lieber heute wie morgen als Unruhestifter aus. Aber noch habe ich meine akademische Garde und die soll den Dickköpfen Respect einflößen. Ich weiß zwar, lieber College, daß sich in Beschlüsse ohne Saft und Kraft durch Phrasen keine Kraft hineinbringen läßt, allein der gute Ahrens, der dort den Schlaf des Gerechten schläft, scheint bei Conception des Dinges da von wegen seiner Nachtcorrecturen zu schläfrig gewesen zu sein.

»Bedenken Sie, daß dieser Beschluß zum Beschlusse der ganzen Bürgerschaft erhoben worden, und daß er die übrigen Städte zur Nachfolge anregen soll. Wer aber sein Thun, wie es hier geschieht, entschuldigt, der entmuthigt, statt zu ermuthigen.

»Sehen Sie hier die unglückliche Redensart, die nicht stehen bleiben darf: ›sie‹ (das heißt uns, lieber Freund) ›aber als Unruhestifter bezeichnen zu wollen, das wäre ungerecht‹, das ist die ganze Antwort der Stadt auf das Ansinnen, uns auszuliefern. Denken Sie nach, lieber College, wie Sie das Ding besser fassen.«

Gottfried weigerte sich indessen, einen Beschluß, den er nicht mit gefaßt, über den gar kein Protokoll vorlag als die vielfach modificirte und corrigirte Fassung selbst, von neuem zu redigiren.

Während des ganzen ersten Tages seiner Amtsthätigkeit gelang es unserm jungen Freunde nur einmal in der Dämmerung auf eine halbe Stunde nach Hause zu eilen, um der Haushälterin zu sagen, daß sie ihm zum Abend noch etwas Essen und eine Flasche Wein auf das Rathhaus senden solle, wo ihn sein Dienst fessele.

In Göttingen war indeß der Landdrost Nieper aus Hildesheim angekommen; allein bei der gänzlichen Rathlosigkeit des Herzogs von Cambridge und des Ministeriums fehlte ihm alle Instruction. Er erschien vor dem Gemeinderathe. Herr Eberwein eilte sofort auf die Freitreppe und ließ den unten versammelten sieben Bürgercompagnien, die achte hatte die Wache bezogen, vom Stadtmusikus Jakobi die Hymne »Heil unserm König, Heil« vorspielen. Kaum war das Musikstück zu Ehren des Landdrosten verklungen, als Rauschenplat die Marseillaise anzustimmen befahl, wobei die auf dem Rathhausplatze versammelte Bürgergarde singend einfiel.

Während ein Theil des Gemeinderaths mit dem Landdrosten verhandelte, ließ Rauschenplat vom Kaufmann Schminke Pulver und Blei in großer Menge auf Bons des Gemeinderaths holen und unter die Bürgercompagnien vertheilen.

Unter dem Commando des Dr. Wadsack und Commerziencommissars Grätzel ward nun auch eine reitende Bürgergarde gebildet, welche die Elite der Bürgerschaft in sich aufzunehmen bestimmt war.

Am Abend des Montags sandte man eine heterogen zusammengesetzte Deputation nach Hannover, um den Herzog von Cambridge einzuladen, nach Göttingen zu kommen und die Wünsche und Bitten der getreuen Unterthanen anzuhören.

Am folgenden Tage dauerten die kriegerischen Uebungen fort, wenn man das Säbelgerassel der akademischen Garde, die Parademärsche und Aufstellungen der Bürgercompagnien, das Beziehen und Ablösen der Wachen so nennen durfte. Das Militär, einige hundert Mann, welche vollkommen hingereicht hätten, den Befehlen der Obrigkeit, wenn eine solche zu existiren gewagt hätte, Gehorsam zu verschaffen, verließ die Stadt, um sich nach Nörten zu begeben, wo Generalmajor von dem Bussche, Hubalkanski von den Studenten beibenamt, die hannoverische Armee in Eile zusammenzog.

Der Generalmajor erließ von dort eine Proclamation in patriarchalischem Tone an die Göttinger, in welcher er diesen darzuthun versuchte, wie glücklich und zufrieden sie bisher unter dem Schutze der Gesetze in ihren freundlichen Wohnungen gewohnt hätten und nur durch listige Rathschläge einiger Ruhestörer zu offenem Ungehorsam gegen die Gesetze des Königs verführt worden seien.

Der Generalmajor sagte den Göttingern, er hoffe, der eigene gesunde Verstand werde ihnen sagen, daß ihr Glück den Unruhestiftern gleichgültig sei. »Wenn sie euch zur Erreichung ihrer schlechten Absichten gebraucht haben, werden sie euch hülflos der Strenge des Gesetzes überlassen.« »Er, der die Hube überschritten, Die noch keinen Feind gelitten, Mit dem Sabul in der Hand«, wie es im Liede hieß, sprach die Hoffnung aus, die biedere fromme Gesinnung der Göttinger werde die frechen Versuche »euch meineidig zu machen, zurückstoßen«. Aber er konnte auch drohen: »Bald werdet ihr den verderblichen Ausgang jener verbrecherischen Ränke vor Augen haben, bald werdet ihr die schnöden Unruhestifter mit Schande beladen im Staube erblicken.«

Gottfried hatte am Dienstag, als der erste Schriftführer wieder die Dienste versah, einige Stunden zu Hause zubringen und auch dort schlafen können. Die Frau Koch verlangte, er solle krank werden und sich gar nicht wieder auf dem Rathhause sehen lassen, die Dinge da paßten nicht für ihn.

Die gute Frau hatte nur zu sehr recht. Mittwoch wurde er schon früh in den Gemeinderath beschieden, in welchem die eigentlichen Bürger, die zu Hause erst ihren Kaffee trinken und frühstücken mußten, fehlten. Die Privatdocenten, Studenten, die Procuratoren und die Juristen hatten das Uebergewicht. Unser Freund war beauftragt, um der Proclamation aus dem Hauptquartier Nörten ein Paroli zu biegen, eine Ansprache an die Soldaten zu entwerfen, in welcher diese aufgefordert wurden, ihre Aeltern, Geschwister, Freunde und Mitbürger nicht als Feinde zu betrachten, sondern den als den strafbarsten Feind anzusehen, der sie zu der geringsten feindlichen Handlung gegen Mitbürger, in deren Reihe sie ja bald zurücktreten würden, auffordere.

Gottfried hielt die Ansprache kurz, einfach, ohne alle Phrase, und freute sich selbst, als er das Werk fertig hatte, über die Energie seiner Sprache. Der Entwurf wurde vorgelesen, fand Beifall und wanderte sofort in die Druckerei.

Daß er sich dadurch eines freilich noch unvollendeten Versuchs des Verbrechens, die Armee zum Ungehorsam und zur Meuterei aufzufordern, schuldig gemacht, daran dachte der Privatdocent, der sich wenig um das Strafrecht bekümmert hatte, nicht im entferntesten. Schon nach wenig Stunden war diese Aufforderung an die Soldaten, auf einen halben Bogen mit großen Lettern gedruckt, ohne Unterschrift, in Tausenden von Exemplaren in der Stadt verbreitet und wurde am andern Tage, als gegen dreißig Deputationen aus Städten, Flecken und Dorfschaften der Umgegend erschienen, um dem Gemeinderathe ihre Sympathien auszusprechen und ihm ihre Hülfe anzubieten, diesen zur Weiterverbreitung mitgegeben.

Schon wurde aber die Universitätsstadt immer mehr vom Militär umzingelt, in den nur zwei Stunden entfernten Städten waren schon vier- bis fünftausend Mann versammelt. Nun hatte man das Groner-, Geismar- und Albanithor stark verbarrikadirt, nur das Weenderthor war noch frei, hier mußten sämmtliche Posten ein- und auspassiren. Da aber von Norden her die meiste Gefahr drohte, fingen Freiwillige am Donnerstag an, das Weenderthor zu verbarrikadiren, während das Albanithor dem Postgange eröffnet wurde. Auch erbaute man vor der Karspüle die erste Barrikade aus dem aufgerissenen Basaltpflaster.

Im Gemeinderathe war man müßig, man erwartete die Nachrichten der Deputation aus Hannover; die bürgerlichen Mitglieder des Gemeinderaths machten sich breiter, und der Seifensieder Eberwein, der Vater, hatte es durchgesetzt, in dem großen zugigen Versammlungszimmer des Rathhauses seine weiße baumwollene Schlafmütze aufsetzen zu können. Es schlichen schon wieder Magistratsdiener durch die Hallen, flüsterten diesem und jenem der Gemeinderäthe Bestellungen von Magistratsmitgliedern zu und ertheilten Winke.

Donnerstag abends verbreitete sich die Nachricht, die Deputation aus Hannover sei zurückgekehrt, der Herzog von Cambridge habe ihr eine freisinnige Verfassung und Aufhebung aller Beschwerden zugesagt, namentlich solle Studenten und Philistern das Rauchen auf der Straße fortan gestattet sein.

Das gab einen Jubel. Man war schon dabei, eine Illumination der Stadt in Bewegung zu setzen, als es plötzlich hieß, die Deputation sei in Nörten von dem Generalmajor von dem Bussche gefangen genommen. Sofort sprengte ein Dutzend der berittenen Bürgergarde zum Thore hinaus, um zu recognosciren.

So kam der Freitag. Gottfried, der in einem Nebenzimmer des Berathungssaals mit einer Unmasse Schreibereien beschäftigt war, die man ihm aufgehalst hatte, jeder Gemeinderath befahl, und unser Freund war der Arbeitsesel, der hier Decrete zu entwerfen und drucken zu lassen, dort Anweisungen an die Stadtkasse, sogenannte Bons, für diese und jene Zwecke auszufertigen, an die Magistrate der größern Städte wiederholte Mahnschreiben zu erlassen hatte, endlich der Erhebung zu folgen, einen Einblick gewann, wie die verschiedenen Elemente, aus denen der Gemeinderath zusammengesetzt war, sich immer mehr zu sondern begannen. Der grundbesitzende Philister, die Dickköpfe, die man, um das Ansehen des Gemeinderaths zu stärken, von vornherein cooptirt hatte, steckten zuerst die Köpfe zusammen. Waren sie unter sich, so hörte der Schriftführer, wie sie raisonnirten. »Wir allein sind es, College Pfuscher«, sagte der Seifenkoch Eberwein, und schlug mit der Hand auf den Tisch, während er mit der andern seinen Schlafmützenzipfel zurechtzog, »die etwas zu verlieren haben. Wenn die Stadt zusammengeschossen wird, so sind es unsere Häuser, die zerschossen werden, und wenn die Universität nach Hannover verlegt wird, so sind wir alle verloren. Was gehen uns die Doctoren und die Rechtsverdreher an, von ihnen allen hat nur Eggeling ein Haus! Für uns, das sage ich noch einmal, ist nur Heil in der Unterwerfung auf Gnade und Ungnade!«

So sprach man freilich nicht in der Plenarversammlung, denn da hatte Rauschenplat eine Pistole aus seinem Gürtel gezogen und gedroht, den ersten, der hier solche Reden führe, niederzuschießen. Auch wollte es dem zweiten Schriftführer nicht gefallen, daß der Gemeinderath gestern den jüngern Göttingern die Erlaubniß ertheilt hatte, unter Anführung eines Assessors und eines Schneiders eine besondere Schützengarde zu bilden, die ihr Hauptquartier außerhalb der Stadt auf dem Schützenhofe aufschlug; denn er hatte gehört, wie der Assessor gegen den Schneider dieses Hauptquartier gerade aus dem Grunde empfohlen hatte, weil man von da leicht und ohne Aufsehen zu erregen mit Nörten verhandeln könne. Dr. Rauschenplat meinte zwar: »Mit zweihundert solcher Büchsenschützen, die ihr Centrum nicht verfehlen, will ich viertausend der Landsknechte vom Weenderthore abhalten. – Nehmt nur immer die Mannschaften bei den Geschützen zuerst auf das Korn«, sagte er, den Assessor auf die Schulter klopfend. Inzwischen war in der Nacht die Deputation von Hannover, die man nicht gefangen genommen, sondern der man nur das bei Nörten zusammengezogene Kriegsheer gezeigt hatte, zurückgekommen und ließ die Köpfe hängen. Dahlmann hatte dem Herzoge Muth eingeredet. Der Aufstand sollte mit Waffengewalt bezwungen werden.

Die Bürgercompagnien wurden auf das Rathhaus beordert, wo ihnen das Resultat der Deputation mitgetheilt werden sollte. Der erste Schriftführer, Dr. Ahrens, eröffnete von einer Tribüne des großen Rathhaussaales der aufmarschirten ersten Compagnie: Der Herzog von Cambridge befehle den Göttingern, innerhalb vierundzwanzig Stunden die Waffen zu strecken, den freventlich eingesetzten Gemeinderath aufzulösen, die Truppen Sr. Majestät in die Stadt aufzunehmen und die Ruhestörer auszuliefern; wäre dies geschehen, so wolle Se. königliche Hoheit in Göttingen erscheinen, die Klagen der Einwohner anhören und den Beschwerden nach Möglichkeit abhelfen; wo nicht, so werde Generalmajor von dem Bussche die Stadt durch militärische Gewalt zum Gehorsam zwingen.

Es hätten zwar, berichtete Dr. Ahrens weiter, Deputirte der Städte Münden, Eimbeck, Northeim erklärt, gleichen Sinnes mit Göttingen zu sein, allein auf Hülfe von Norden her könne man nicht rechnen. Jede Compagnie möge daher unter sich abstimmen, ob die Stadt unter obigen Bedingungen übergeben werden solle. Man wisse zwar nicht, wen der Herzog eigentlich als Ruhestörer ansehe, und es scheine einigermaßen schimpflich zu sein, wenn man sich im Anfange der Woche solidarisch alle für einen und einer für alle verpflichtet, und am Ende der Woche bereit sei, einige von denen, die sich zum Wohle des Vaterlandes an die Spitze der Bewegung gestellt, ihren bösesten Feinden auszuliefern; allein der Gemeinderath habe beschlossen, daß jede Compagnie frei wählen und bestimmen solle.

Die Bescheidenheit der Ansprache wirkte auf die Gewissen. »Nicht auszuliefern«, schrie eine kräftige Stimme, »Sieg oder Tod!« brüllte die ganze Compagnie und zog auf der Freitreppe des Rathhauses nach der Südseite ab, während die zweite Compagnie von der Nordseite aufmarschirte.

Dieser hielt unser Freund Gottfried denselben Vortrag, und abermals schrie man: »Sieg oder Tod, nieder mit jedem Verräther!« obgleich die Mehrzahl bei sich dachte: vernünftiger wäre es doch, wir gäben bei zeiten nach.

Gleichzeitig hatten sich die Studenten auf dem Neuenmarkte (später dem Wilhelmsplatze) versammelt und »Lützow's wilde verwegene Jagd« erscholl hier aus 800 Kehlen, so stark war mindestens heute noch die akademische Garde. Der Commandirende ließ die einzelnen Divisionen in den mit Ketten umschlossenen engern ungepflasterten Kreis zusammentreten.. Vater Hentze, wie man ihn nannte, trat in den Kreis und rief mit Donnerstimme: »Commilitonen! Die Zeit naht, wo es gilt, als Männer uns zu bewähren. Wer nicht mehr Muth und Kraft in sich fühlt, gegenwärtig, wo die Gefahr näher tritt, für die heilige Sache der Freiheit und des Vaterlandes zu kämpfen, dem steht es frei, diesen Kreis zu verlassen, er mag nach Hause zu der Mutter oder hinter den Ofen gehen, wohin er gehört.« Als niemand den von Kugel-Akazienbäumen umgebenen Platz verließ, trug Dr. Schuster die vom Herzoge gestellten Bedingungen vor, sämmtliche Divisionen erklärten aber jede Trennung von ihren Führern für feige Niedertracht und Verrath, ließen Dr. Rauschenplat leben und zogen, Freiheitslieder singend, auf den Markt, wo man auseinanderging, das heißt jede Verbindung nach ihrer Kneipe.

Gottfried kehrte erst nach zehn Uhr abends in seine Wohnung zurück, er war den ganzen Tag mehr als früher mit Ansprüchen geplagt gewesen; denn was die Wachen an den verschiedenen Thoren und in sonstigen von den beiden Garden besetzten Localen an Lebensmitteln (Brot, Butter und göttinger Mettwürsten) und an Getränken verlangten, hatte sich unendlich gesteigert, da der Patriotismus so weit ging, daß die Wachen, welche mit dreißig Mann besetzt sein sollten, eine ebenso große Zahl von Freiwilligen aufnehmen mußten, die natürlich sämmtlich recht hungerig und durstig waren. Nach neuerm Beschlusse des Gemeinderaths mußte die Requisition eines wachthabenden Offiziers aber von einem der Schriftführer signirt und in ein Productenbuch eingetragen werden, das jeden Morgen dem Plenum vorgelegt werden sollte, damit dieses über die Summen der Tagesausgaben Kenntniß erhielt.

Die Frau Koch schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, als sie den halbverhungerten und abgearbeiteten Liebling ins Haus treten sah, und wollte ihm sofort mit Kamillenthee unter die Arme greifen und ihn ins Bett spediren. Der Neffe Bruno, der gleichfalls jetzt erst nach Hause kam, beladen mit einem Beutel voll Pulver und in Gemeinschaft mit andern Kameraden frisch gegossener Kugeln, begehrte aber consistentere Nahrung und veranlaßte den Oheim, den Gänsebraten, der am Mittage hatte verzehrt werden sollen, kalt auftragen zu lassen und eine Flasche Wein vom besten aus dem Keller zu schaffen. Man wisse ja nicht, ob man morgen Abend noch lebe, sagte er; die Primaner hätten beschlossen, sich durch den Botanischen Garten vor das Weenderthor zu schleichen, um die heranrückende Soldateska durch das Gitterthor und von den Mauern im Rücken oder von der Seite anzufassen.

Gottfried schlief diese Nacht, ohne von seinen »Gedankenflöhen« gepeinigt zu werden.

Während er von diesem und jenem, selbst von der Professorentochter und der Kleinkindergärtnerin träumte, wurde aber draußen vor dem Thore auf dem Schützenhause Verrath angesponnen.

Es wird sich kaum bezweifeln lassen, daß, wenn man die Leute in der Universitätsstadt ruhig hätte fortwirthschaften lassen, ohne achttausend Mann Truppen zusammenzuziehen, die sogenannte Revolution wahrscheinlich ebenso bald zerfallen wäre, als sie jetzt zu Ende gebracht wurde. Ein Leben, wie man es seit acht Tagen in Göttingen führte, läßt sich nicht wochenlang aushalten. Kein Handwerker arbeitete, auch wenn die Arbeit dringend erforderlich war, es sei denn, daß es auf Befehl des Gemeinderaths geschah und sich etwa um das Schmieden von Piken, deren einige hundert angefertigt wurden, oder um das Setzen und Drucken von Decreten und Bekanntmachungen handle. Alle Philister waren, wenn sie sich nicht auf der Wache befanden, oder zur Parade aufmarschiren mußten, vom Morgen bis zum Abend im Wirthshause, um ihr Dünnbier (Klapütt genannt) und den reinen Korn dazu zu trinken, zu politisiren und die Freunde, welche noch nicht eingeschlachtet hatten, mit den Resultaten der diesjährigen Weiß-, Knack-, Leber-, Rothwursternte näher bekannt zu machen. Diejenigen, welche erst Ende Januar oder im Februar einschlachteten, bezahlten für die Wurstlieferanten natürlich die Getränke und versprachen ihrerzeit frische Wurstlieferung.

Die Hauptwachen aber auf dem Rathhause und in der Bosia sowie die Wachen an den Thoren waren weiter nichts als große Kneipen, in denen es vom Morgen bis in die Nacht lustig und guter Dinge herging, bis einer der Wachthabenden in die »Todtenkammer« gebracht werden mußte, um seinen Rausch auszuschlafen, oder sich auf die Pritsche legte, um auszuruhen. Da wurde gesungen, gezecht, Karten gespielt vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen. Was aber das Beste war, das alles ging auf Regimentsunkosten, wie man es nannte. Der wachthabende Offizier requirirte, die Beschlußnahme des Gemeinderaths, daß Requisitionen von diesem signirt und unterzeichnet werden müßten, wurde als zu weitläufig und formell nicht mehr beachtet. Man hielt es für genügend, daß die beiden Offiziere von bürgerlicher und akademischer Seite sich über das Bedürfniß der Wachtmannschaft verständigten. Da hieß es: so und so viel Eimer Bier. so und so viel Flaschen Branntwein, für Offiziere und Unteroffiziere mindestens zwei Dutzend Flaschen Wein (denn die Herren hatten Freunde zu empfangen, die Ronde zu beköstigen), Brot, Schinken, Mettwurst so und so viel Pfund, Morgenkaffee dreißig Portionen mit ebenso viel Franzbroten oder Reihen Semmeln. Nur das Wachtpostenstehen in der rauhen wolkigen Mondnacht auf den windigen Wällen und vor den Kirchthurmthüren kam dem verwöhnten Musensohne hart an. Allein der Freiheitsschwindel ließ es mit lustigem Muthe ertragen. Das Patrouilliren in der Nacht außerhalb der Thore durch die Garten- und Feldwege reizte durch die damit verbundene Spannung.

Anfangs hatte man nur aus größern Wirthshäusern die Requisitionen gemacht, als es dort aber zu fehlen begann oder die Wirthe, beziehungsweise und hauptsächlich die Wirthinnen, Bedenken äußerten, half man sich einfacher.

Auf jeder Wache wurde ein Verzeichniß der wohlhabenden Bürger und Professoren angefertigt und diese der Reihenfolge nach beschickt; der eine mußte heute dies, der andere morgen jenes liefern. An eine Weigerung des durch solche Wechselbons Bezogenen war nicht zu denken, denn dem Requirenten folgte regelmäßig eine freiwillige Executionsmannschaft von acht bis zehn Studenten, die sich sofort vor und in dem Hause, aus dem requirirt wurde, niederließ und die nicht eher wich und wankte, bis sie neben dem Geforderten noch einige Flaschen Wein, Cigarren, mitunter, wenn die Köchin oder »der Besen« hübsch war, auch einige Küsse als Executionsgebühren erhalten hatten. Uebrigens lieferten auch manche Hausfrauen aus der gelehrten Aristokratie der Universität freiwillig schmackhafte Erfrischungen in reichlichem Maße; war es doch immer rathsam, sich bei den »Herren« in Gunst und gutes Andenken zu setzen.

Diese Bons und Requisitionen hatten in den Rauchkammern der göttinger Hausfrauen binnen acht Tagen mehr Verwüstungen angerichtet als sonst die Monate vom Januar bis zum April; selbst die nur halb geräucherten Blasenwürste, die Sülzen, die für das Osterfest reservirten gesalzenen, jetzt im Rauch hängenden Schweinsköpfe wurden nicht geschont.

Wenn zwei Bürgerfrauen zusammenstanden, so konnte man versichert sein, daß sie sich gegenseitig ihr Leid klagten. »Mein Mann hat heute unsere letzte Rothwurst – die Knackwurst ist schon seit drei Tagen aufgefressen – mitgenommen, die Zungenwurst im Magen, die wir sonst Pfingsten auf Mariaspring zu verzehren pflegten«, so klagte die Schusterfrau; »Gesell und Lehrling thun seit acht Tagen keinen Handschlag, essen aber das Doppelte, für die Butter wollten die Bauern aber gestern acht Groschen haben.«

»Aber, liebe Nachbarin, da sind Sie ja noch glücklich daran«, erwiderte die Frau des Buchbinders, »mein Mann ist schon an die Mettwürste gegangen, die erst seit acht Tagen vor Weihnachten im Rauche hängen und die der Prinz von Würtemberg von uns seit Jahren bezieht zu 12 Groschen das Pfund. Woher sollen wir um Johannis Schweine kaufen, wenn das Geld aus Stuttgart ausbleibt, das wir zum Ankaufe neuer Schweine immer bestimmten?« Kam dann noch eine dritte Frau dazu, so war des Lamentirens gar kein Ende.

Es war das Anarchie, das fühlte keiner mehr als der Lehrer des Maßes und der Mäßigung in der Politik, der mit seinen dicken Wulstlippen und seinen struppig in die Höhe stehenden Haaren noch finsterer als sonst dareinblickende Hofrath Dahlmann vor dem Weenderthore. Aber es war eine gutmüthige, lustige, burschikose, romantische Anarchie, die dem Kronprinzen von Preußen gewiß Freude gemacht haben würde, wenn er in Göttingen studirt hätte, vielleicht auch dem Ludwig von Baiern, der in Göttingen studirte, und noch mehr seinem Sohne Max, der erst vor kurzer Zeit seinen großen Abschiedscommers gegeben, wobei aus wirklichen Kanonenstiefeln getrunken ward.

Mancher Graukopf wird sich noch heute mit Vergnügen eines solchen Executionscommandos erinnern, besonders wenn die Köchin so schön war wie die Lotte im Hause des Hofraths »Schweinchen«, welche die erste Liebe Heinrich Heine's gewesen war, oder vielmehr richtiger, deren erster Liebhaber Heine gewesen war.»Briefe von Heinrich Heine an Moses Moser« (Leipzig, O. Wigand, 1862. Brief XIII vom 25. Februar 1824): »Ich liebe die Mediceische Venus, die hier auf der Bibliothek steht, und die schöne Köchin des Hofraths Bauer. Ach! beide liebe ich unglücklich!« (Letzteres war Phrase.)

Manchem Hofraths-, Professoren- und Bürgertöchterchen wurde in jenen krausen Tagen der Anarchie das Herz der Liebe erschlossen. Den Hausfrauen wurde es aber zu kraus und sie allein hätten die Contrerevolution zu Werke gebracht, wären dabei nicht schon eine Menge anderer Leute, unfähige Beamte, unbeschäftigte Advocaten, faule, nichtsnutzige Handwerker, die sich nach einer »ruhigen« Staatsstelle, sei es selbst die eines Carcerwärters, sehnten, thätig gewesen. Aber die Contrerevolution wurde von Leuten der Universität und Stadt, die sich nirgends sehen ließen, sich nicht aus ihren Häusern wagten, in Gang gebracht.

Während in der Stadt viele Kugeln gegossen und Patronen gemacht wurden, weil man an einen ernstlichen Kampf dachte, hielt die neugebildete Schützencompagnie auf dem Schützenhofe eine vertrauliche Versammlung, von der man alle, die man im entferntesten für compromittirt hielt, ausschloß. Dort wurde festgesetzt: Niemand soll fortan im Gemeinderathe sitzen, dem nicht das wahre Wohl und Wehe der Stadt am Herzen liege (das heißt, der nicht mit Grundeigentum angesessen sei).

Kein Beschluß sollte ohne Beisein sämmtlicher Gemeinderäthe gefaßt werden können; und da diese nie zusammenzubringen waren, konnte natürlich überhaupt ein Beschluß nicht mehr gefaßt werden.

Niemand dürfe bewaffnet in den Gemeinderath kommen (Herr Eberwein hatte infolge der Drohung des Dr. Rauschenplat, ihn todtzuschießen, einen Tag im Bette zubringen müssen).

Der Hauptbeschluß aber lautete: Jedes Gemeinderathsmitglied darf frei seine Meinung sagen (die Beschlußfasser gingen von der Ansicht aus, daß das bisher im Gemeinderathe nicht möglich gewesen sei).

Diese Beschlüsse der Schützencompagnie waren noch in der Nacht allen Wohlgesinnten der übrigen Compagnien mitgetheilt; zugleich hatten sich die Hauptführer der Contrerevolution, wenn man so sagen darf, mit dem seit acht Tagen unsichtbaren Magistrat, der Polizei und den akademischen Behörden in Verbindung gesetzt, diese ihres Schutzes versichert, und nachdem die Verständigung erfolgt war, krochen Rathsdiener, Polizeidiener und sonstige Beamte aus ihren Mauslöchern, in denen sie sich bisher verborgen gehalten.

Unser Freund hatte in seiner ruhigen Straße (der Schwarze Bär ihm gegenüber kam erst nach zwanzig Jahren durch Hofrath von Siebold ins Renommée) vortrefflich geschlafen, auch den Tag vorher dem Onkel Maschinenbauer, der immer wünschte, daß er härter werden möge, voll Selbstbewußtsein die Thaten der letzten Tage gemeldet. Als er am andern Morgen nach dem Rathhause ging, um seine Functionen zu besorgen, fand er das Zimmer des Gemeinderaths von vier Mann des Schützencorps besetzt, die ihm den Eintritt weigerten, da ihm, dem Nichthausbesitzer, das Wohl der Stadt nicht am Herzen liege.

Raths- und Polizeidiener brachten von Haus zu Haus eine Proclamation des Herzogs von Cambridge, welche unbedingte Unterwerfung forderte. Der Hubalkanski in Nörten ließ an alle Ecken großgedruckte Plakate anschlagen: »Ich befehlige Truppen, die ihre Schuldigkeit zu thun wissen und ihre Ehre daransetzen, ihrem Anführer bis in den Tod zu folgen.«

Es war stiller in der Stadt. Die gewohnten Parademärsche der Bürgercompagnien und akademischen Garde mit Musik, der Marseillaise natürlich – fanden nicht statt. Die Weiber steckten die Köpfe zusammen und erzählten sich, daß der »Meister« stark nach Heringssalat verlange und von dem Gemeinderathe nichts mehr wissen wolle.

Gottfried Schulz war froh, von den Functionen eines Schriftführers im Gemeinderathe entbunden zu sein, über die weitern Folgen machte er sich keine Besorgniß.

Anders war es mit der Haushälterin. Frau Koch fand er beschäftigt, seine Wäsche einzupacken. Als er sie verwundert fragte, was denn das zu bedeuten habe, antwortete dieselbe, sie halte es für das Beste, daß der Herr Doctor, damit er sich der Verantwortung entziehe, auf einige Zeit nach Hannover zu seinem Onkel, dem Maschinenbauer, reise, weil es mit dem Collegienlesen ja doch vorbei sei.

Der Unschuldige sagte: »Was habe ich denn Strafbares gethan?«

»Aber Herr Doctor, ich bin kein Jurist, doch mein Seliger war, wie Sie wissen, Advocat, und da fällt denn immer so ein bischen bei ab. Da lese ich in der heute verteilten Proclamation: »Eigenmächtige, wider den Willen der Obrigkeit geschehene Einsetzung des sogenannten Gemeinderaths, eigenmächtige Bewaffnung mit der Absicht, den Truppen des Königs sich zu widersetzen, ist Aufruhr.«

»Man sollte den Magistrat zur Verantwortung ziehen«, erwiderte der Privatdocent kleinlaut, »weil er den Kopf verloren hatte und die Stadt regierungslos ließ; man sollte den Stadtcommandanten auf die Festung setzen, weil er die Soldaten fortschickte und die Stadt den Studenten preisgab, man sollte den akademischen Senat absetzen, weil er, trotz wiederholter Aufforderung, sich an dem Gemeinderathe nicht betheiligen wollte; aber wir, der Gemeinderath, was haben wir denn anders gethan, als die Ordnung aufrecht erhalten? Was wollte denn die ganze Stadt und Studentenschaft anders als den König bitten um eine freisinnige Verfassung, wie sie unsere Nachbarn erhalten haben? Ist das ein Verbrechen, Frau Koch?«

»Sie müssen das besser wissen, Herr Doctor, allein es scheint mir doch, als wenn Sie unter den Ruhestörern und Aufwieglern gemeint sein könnten, obgleich ich am besten weiß, daß Sie, Herr Doctor, keines Menschen Ruhe jemals gestört haben, und nur wider Willen und Wollen in den Krawall hineingezogen sind.«

»Wenigstens«, fuhr die Haushälterin fort, »sollten Sie einmal anfangen, Ihre Papiere zu ordnen, die ich nicht mit dem kleinen Finger oder mit einem Staubbesen berühren darf; man weiß ja nicht, was kommt.«

Die Papiere unsers Freundes bedurften allerdings sehr der Ordnung, und er fing an, sie einigermaßen zu sichten, allein bei dieser Gelegenheit vertiefte er sich bei Tagebuchblättern in allerlei Versuche, die er unvollendet gelassen, bei Bleistiftskizzen und andern Dingen, sodaß es mittags noch wüster auf seinem Schreibtische aussah als am Morgen.

Das Essen war längst angerichtet, aber der Gymnasiast fehlte noch immer, und Frau Koch spähte von fünf zu fünf Minuten aus der Hausthür, wo Bruno bleibe.

Endlich sah sie ihn im Lauftritt von der Weenderstraße herankommen und richtete die Suppe an.

Bruno Baumann stürzte ohne die gewohnten Waffen in das Zimmer, selbst der Stürmer mit dem Federbusch war verschwunden, und nur sein üppiges Haar schützte ihn gegen die sehr empfindlich werdende Januarkälte.

»Onkel, alles ist verloren«, rief er, »rette dich! Ich komme vom Neuen Markte, wohin die akademischen Divisionen und unsere Garde, die sich derselben angeschlossen hatte, beordert waren.

»Statt achthundert, die noch gestern Abend versammelt waren, hatten sich höchstens dreihundert Studenten eingestellt. Der Dr. Rauschenplat redete sie kräftig an, aber es erscholl kein Vivat aus der Menge wie sonst, wenn der General nur erschien.

»Ich konnte nicht ordentlich hören, was der Generalissimus und sein Adjutant sagten, denn unsere Division hat sich außerhalb des innern Platzes vor der Treppe des Gymnasiums aufstellen müssen. Da kam auf einmal der Schulvogt mit einem Befehle vom Director, daß die Gymnasialdivision sich sofort auf hohen Befehl des Magistrats und des Schulcurators Geheimen Hofraths Heeren auflösen sollte, bei Carcerstrafe. Ich begleitete meinen Freund Wadsack nach Haus, um ihm seine Waffen abzuliefern. Da hat er mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit vertraut, daß die Schützencompagnie, die seinen Vater zum Obersthauptmann gewählt habe, entschlossen sei, Rauschenplat, Schuster, Ahrens und dich in dieser Nacht gefangen zu nehmen und dem Generalmajor von dem Bussche auszuliefern.

»Sodann kam ich aber auch bei der Hauptwache – der Bosia – vorbei, welche von der Hannoverania bezogen ist. Ich kann dich versichern, daß auf Befehl des Grafen Schlottheim, des commandirenden Offiziers, die dreifarbige Fahne eingezogen und eine gelbweiße Flagge, die vom Giebel des Daches bis unten auf die Straße weht, ausgehängt ist.

»Das ist indeß nicht alles; ich treffe auf dem Wege hierher den Sohn des Hofraths Hausmann und des Geheimen Justizraths Göschen, die mit uns in der Prima sitzen. Die fragen mich, ob ich schon wisse, daß zweihundert Burschenschafter sich verschworen hätten, diese Nacht die Bibliothek in die Luft zu sprengen? Ihre Väter und der Hofrath Langenbeck sammelten Unterschriften zu einer neuen akademischen Garde, um die Bibliothek und alle öffentlichen Universitätsgebäude vor Untergang zu retten.

»Ich sagte ihnen, das seien ja offenbare Lügen, ich sei schon zweimal auf der Burschenschafterkneipe gewesen und wisse, daß die ganze Verbindung kaum funfzig Mann zähle.

»Da sagten sie aber, sämmtliche Burschenschafter aus Jena und Halle wären unterwegs und schon in Heiligenstadt angekommen, der lange Gumbrecht habe die Zünder bereits bei dem Kaufmann Schminke gekauft.«

Die Frau Koch, welche hinzugetreten war, nöthigte den jungen Mann, etwas Suppe zu essen, weil Essen und Trinken Leib und Seele zusammenhalte und man bei dem Essen das Notwendigste am besten weiter berathen könne.

Man hatte sich indeß kaum zum Essen gesetzt, als eine Extrapost vor dem Hause hielt und der Schwager ein lustiges Jägerlied blies.

Ein alter Herr, tief in Pelz gehüllt, stieg aus und befahl dem Postillon, sofort für neue Pferde nach Dransfeld zu sorgen.

»Aber Teufelsjunge«, redete der Alte Gottfried an, »was machst du denn da für Streiche? Willst du dich an den Galgen bringen oder im Zuchthause zu Celle zehn Jahre Wolle spinnen? Ha! weißt du noch nicht, daß ein Schulz keine Revolution machen kann? Hättet ihr und alle euere Krähwinkler und Doctoren nur ein Fünkchen Verstand gehabt, so wäret ihr heute vor acht Tagen, statt hier Parademärsche abzuhalten, stracks auf Hannover gezogen, wenn auch nur mit vier- oder fünfhundert Mann. Dann hättet ihr heute, was euer Herz begehrt, denn ihr wäret zu Tausenden dort angekommen, wo alles den Kopf verloren hatte, was zum Adel und der königlichen Dienerschaft gehört.

»Jetzt habt ihr nichts! Und dann müssen eine Menge Verräther unter euch sein und schlechte gemeine Subjecte im Gemeinderathe selbst, die sich auf Kosten anderer rein zu waschen suchen. Sieh Gottfried, du Buttermilchseele, Theologenblut, du blonder Sohn meines blonden Bruders, du giltst in Hannover für einen der Schlimmsten unter den Schlimmen, und zwölf Jahre Zuchthaus sind das mindeste, was dir die hannoverischen Juristen – meine Freunde, die Freigesinnten nämlich, zudictiren. Die Aristokraten sähen dich lieber am Galgen.

»Man hat dein Manuscript der Ansprache an die Soldaten nach Hannover geschickt und dich dort als Haupträdelsführer angeschwärzt.«

Der Neffe wollte sprechen. »Brauchst dich nicht zu entschuldigen, Junge, ich halte dich leider für zu unschuldig, will aber nicht, daß ein Schulz aus meiner Familie erst ein halb Dutzend Jahre in Untersuchungshaft, dann ein Dutzend Jahre im Zuchthause sitzt. Sollst fort von hier. Habe mir für meinen Aeltesten, der ja ebenfalls Gottfried heißt, wenn wir ihn auch Karl nennen, von Freund Rumann einen Paß nach Brüssel ausstellen lassen. Rumann hat in der Eile vergessen, daß mein Junge schwarze Haare hat wie ich, und sich dein Signalement von mir in die Feder dictiren lassen. Siehe hier den Paß, selbst die Sommersprossen in deiner weißen Fratze und der blonde Backenbart sind nicht vergessen. Stand: Ingenieur, Zweck der Reise: Maschinenbau. Das darfst du nicht vergessen.

»Nun mache dich reisefertig, in einer halben Stunde fahren wir nach Kassel; den Hasenbraten, der da auf dem Tische steht, wollen wir unterwegs verzehren.«

Bruno Baumann war beschäftigt, dem Onkel die nöthigste Wäsche einpacken zu helfen, den Malerteller, ohne den er nicht leben konnte, Bleistifte und Pinsel herbeizuholen und einzupacken; er versprach, alle Papiere nachzusenden, heute sollten sie noch aus dem Hause und zu einem Freunde geschafft werden. Frau Koch weinte, daß sie sich von dem guten Herrn trennen, ihn, den Schutzbedürftigen, in der weiten Welt unter einem fremden Volke wissen sollte.

Die Extrapostpferde kamen nicht so präcis wie sonst, aber sie kamen für den Privatdocenten noch zu früh. Er mußte erst in Beziehung auf die Kleidung vom Kopfe bis zum Fuße gemustert, in den Shawl gehüllt, in den Mantel verpackt werden. Man fuhr zum nächsten Thore hinaus, das unverbarrikadirt war, und um die Stadt den Höhen nach Dransfeld zu.

Als der Gymnasiast am andern Morgen erwachte, kam ihm die Stille auf den Straßen ganz unheimlich vor. Ohne Kaffee zu genießen, machte er sich auf, die Stadt zu durchwandern, die wie ausgestorben war. Auf dem Rathhause sah er ein halbes Dutzend alter Weiber damit beschäftigt, den großen Rathhaussaal zu scheuern, sonst war niemand dort. Er ging zum Weenderthore. In der Nacht hatte man die Verbarrikadirung hinweggeschafft, und Maurer waren beschäftigt, das eingerissene Straßenpflaster wiederherzustellen.

Bürger und Studenten sah man nicht; die Kirchenglocken läuteten zum Gottesdienste, aber nur einige alte gebückte Mütter schlichen zur Kirche.

Um neun Uhr rückte ein Bataillon Jäger in die Stadt und besetzte das Rathhaus und die Thorwachen. Dann zogen Dragoner ein, darauf folgten zwei leichte Feldbatterien. Bald waren alle Hauptstraßen von Soldaten gefüllt. Die Infanterie schüttete auf Commando das Pulver von den Pfannen. Die Rebellenstadt sollte sehen, daß man es ernst gemeint hatte.

Bruno trank bei einem Freunde, der an der Weenderstraße wohnte, Kaffee; vor seinem Fenster war ein Husarenregiment aufgeritten, und ein junger Offizier capriolte wie toll vor der Schwadron auf und ab, den Säbel um den Kopf schwingend und rufend: »Hepp! Hepp! Hepp! Pereat Göttingen!«

Bruno kannte den Schreier sehr gut, er hatte noch vor einigen Jahren hier studirt und sich durch Suiten ausgezeichnet. Es war der Herr Victor Justus Haus von Finkenstein.

Die Universität wurde suspendirt und sämmtlichen Studenten befohlen, binnen vierundzwanzig Stunden die Stadt zu verlassen.

Am andern Tage war die akademische Obrigkeit wieder in Function, ebenso Magistrat und Polizei. Jene verkündete durch Anschlag, das Gossenrecht sei während des Belagerungszustandes, den Hubalkanski verkündet, aufgehoben, diese machte bekannt, daß das Rauchen bei einem Thaler Strafe verboten sei.

Die Zeit der Anarchie war vorüber, aber die Offiziere hatten den Soldaten in der Rebellenstadt gute Tage versprochen, und wehe dem Hause, dessen Eigenthümer in dem Gemeinderathe gesessen oder der als Rebellenfreund bekannt war.

Die meisten Unruhestifter hatten sich durch die Flucht gerettet, nur einige waren gefangen. Drei bis vier Tage war die Stadt von sechstausend Mann Soldaten überfüllt, und die Hannoveraner wütheten, zum Theil von den Offizieren gehetzt, in ihrem eigenen Lande ärger als später die Strafbaiern in Hessen.

Der armen Frau Koch hatte man funfzehn Mann ins Haus gelegt und keine von der stillsten Sorte. Die Kerle nahmen das erste beste Buch aus Gottfrieds Bibliothek, um damit Feuer anzumachen. Der junge Bruno Baumann schäumte vor Wuth, und die Haushälterin hielt es für gerathen, ihn einige Zeit nach Hedemünden zur Mutter zu schicken. In Grünfelde gab es Ohnmachten, Heulen und Wehklagen, als die Nachricht in das Pastorenhaus kam, der Sohn habe als Hauptaufrührer nach Belgien fliehen müssen.

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