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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 60
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Drittes Kapitel.
Der Redacteur des »Katzenpötchen und Gänseblümchen«
und die göttinger Revolution.

O hätte ich, auf eine Stunde nur, den Pinsel Jean Paul's, um das Bild des edelsten und besten Menschen, den ich während eines beinahe sechzigjährigen Lebens kennen gelernt habe, eines längst dahingeschiedenen lieben Freundes, nach Würdigkeit zu zeichnen und auszumalen! Wenn ich in einem mir aus seinem Nachlasse zutheil gewordenen Skizzenbuche die Hunderte von Kindes- und Engelköpfen ansehe, die fast jede Seite desselben schmücken, die in keiner Landschaft, keinem Genrebilde fehlen, so tritt das Bild des Gottfried Schulz mit seiner lieblichen Kindlichkeit noch im Mannesalter mir mit wohlthuendem Lächeln entgegen, und die milden Worte, mit denen er mich in einer der schwersten Stunden meines Lebens tröstete, sie klingen mir noch heute in den Ohren. Ich streite wieder an seiner Seite an den grünen Ufern der alten Leine und höre, mit welcher Klarheit er mir die Kategorientafel seines Meisters und Herrn erläutert, ich sehe ihn wieder, wie er auf der Tribüne der Paulskirche mit seiner dünnen Stimme den Lärm des Berges nicht bewältigen kann und auf das Wort verzichtet.

Gottfried Schulz stand Ostern 1830, als er in Göttingen zuerst als Privatdocent des Rechts Vorlesungen ankündigte, in seinem dreißigsten Jahre; es war ein schöner Mann aus dem langaufgeschossenen blonden Jüngling geworden, alle Ecken waren geschwunden am Körper wie im Gesicht, ohne daß eine Beleibtheit eingetreten wäre. Die Farbe des Haares hatte das Röthliche verloren und war in gelbliches Blond übergegangen, das Gesicht war voll und von einer Zartheit und Weiße, daß viele Damen den Doctor um diesen Teint beneideten; hätte nicht ein Backenbart dasselbe geziert, es hätte jeden Augenblick für ein Frauengesicht gelten können. Mit seinen kleinen zarten Händen hätten viele Frauen Eroberungen gemacht. Eins hatte er aus der Zeit, wo wir ihn bei dem Feste im Försterhause sahen, beibehalten, er war zu weich und weiblich; er war nur um Weniges härter geworden, als um die Zeit, wo der Maschinenbauer ihn in die Schmiede führte. Er selbst glaubte eine Zeit lang, daß durch irgendeinen jener mystischen Zufälle, welche das Geborenwerden der Menschen umgeben, bei seiner Geburt sich aus Versehen ein weiblicher Geist in seinen Körper eingeschlichen und diesen Körper, dessen Knochenbau auf ein derbes männliches Sein hindeutete, mit weiblicher, zarter, runder Muskulatur umhüllt habe.

Als er sich zum ersten mal in ein weibliches Wesen verliebt hatte, glaubte er wieder an seine männliche Seele.

Diese erste Jugendliebe war nicht glücklich, er hatte sich getäuscht, oder war getäuscht. Als sämmtliche Altersgenossen und Freunde, die an seinem »Katzenpötchen und Gänseblümchen« mitgearbeitet, Göttingen verlassen hatten, Detmold Advocat in Hannover, Buchholz Wasserbaueleve an der Elbe, Weibezahn Consistorialsecretär geworden, Dünfeld todt war, die andern nach allen Weltgegenden sich zerstreut hatten, da litt es ihn in den alten Räumen, die ihn seit seinem Fuchssemester beherbergt hatten, nicht mehr; er nahm eine Gartenwohnung, wie sie innerhalb der Mauern und Wälle Göttingens damals noch vielfach zu finden waren, bei einer Professorenwitwe, nicht wissend, daß sie eine unverheiratete Tochter Emma habe.

Wenn Heinrich Heine wegen der großen Füße der göttinger Damen im Recht wäre, was ich als möglicherweise für meine Vaterstadt voreingenommen nicht entscheiden darf, so machte Emma eine sehr rühmliche Ausnahme und wußte das. Sie war die gesuchteste Tänzerin, plapperte passabel französisch, spielte Klavier, besuchte die Singakademie von Heinroth, sang in allen akademischen Concerten und Oratorien und war eine Schöne, wohlbekannt, viel besprochen und becourt von der Studentenwelt; aber zu einer eigentlichen Verlobung hatte sie es noch nicht gebracht.

Nachdem Gottfried die Venia legendi erhalten, meinte die Witwe, ein Privatdocent sei doch besser als gar nichts, und Gottfried wurde oft zum Thee geladen, bei welcher Gelegenheit die Tochter ihre ganze Künstlerschaft producirte, sodaß der Unerfahrene nach einiger Zeit glaubte, verliebt zu sein. Emma war aufrichtiger, wenigstens gegen die Mama; sie sagte ihr, daß sie den blonden Privatdocenten, der sie nicht einmal anzusehen wage, der schüchterner sei als ein junges Mädchen von vierzehn Jahren, nicht lieben könne, sie wolle warten bis der »Schwab«, der so verliebt thue, um sie anhalte, was er gewiß thun würde, wenn er ausstudirt habe. Sie wisse zwar, daß die eigenen Landsleute von ihm behaupteten, er sei ein »wüster Bub«, aber ein solcher sei ihr zehnmal lieber als solche Schmachtseele, die noch niemals gewagt hätte, ihr auch nur die Hand zu küssen.

Wir müssen zugestehen, Gottfried war sehr schüchtern; das trat schon zu Tage ein halbes Jahr vorher, als man den Doctorschmaus Detmold's feierte. Die Gesellschaft war schon in höherer Stimmung und die Bowle ziemlich geleert, da rief Buchholz: »Gänseblümchen tritt vor!« Wir müssen nachholen, daß Detmold im Fuchssemester, als die Freunde Anfang Frühjahr über die Masch nach der Maschmühle gingen, und Gottfried, entzückt über alles in der Natur, in Jean Paul'scher Weise die Gänseblümchen in Streckversen ansang, diesem den Namen »Gänseblümchen« angehängt hatte, wie er selbst von dem Augenblick an, wo er den Freunden sein erstes göttinger Liebesabenteuer zum besten gab, den Namen »Kleines Laster« erhielt, weil Gottfried, damals noch Theolog, dieses Wort in allem Ernst und gleichsam mit Abscheu heraussprach.

Gottfried, gewohnt, auf diesen Namen im Freundeskreise wie auf den eigenen zu hören, trat vor.

»Hast du, antworte auf Ehrenwort, es kommt auf eine Wette an, die uns sämmtlich interessirt, seit deiner Confirmation ein Mädchen über zwölf Jahre alt, Cousinen eingeschlossen, je auf die Lippen geküßt?«

Gottfried wurde roth bis an die weiße Stirn. »Nein«, sagte er. »Es gilt dein Wort«, schrie Detmold auf, dessen Gesicht schon ganz blau angelaufen war. »Und nochmals nein«, erwiderte jener.

»So hat das Kleine Laster sofort für fünf Flaschen Sect zu sorgen«, rief Buchholz, »die wir auf die ewige Jungfrauschaft Gänseblümchens leeren wollen.« Gottfried hatte noch nie geküßt, als er in das Haus der Professorin zog.

Die Frau Professorin wollte aber von dem »wüsten Bub« aus Schwaben nichts wissen, sie übernahm es selbst, dem schüchternen Gottfried zu insinuiren, wie sie befürchte, das edle zärtliche Herz ihres Töchterleins sei in geheimer Liebe zu ihm entbrannt.

Allein auch diese deutliche Erklärung führte Gottfried nicht weiter als bis zu der Reflexion, daß eine solche Liebe zu ihm allein schon Gegenliebe erheischen würde, sie bewirkte nur, daß er sich Tag und Nacht abquälte mit dem Gedanken, wie, wann und wo er seine Liebe erklären sollte, damit das zartere Frauenherz nicht zu lange schmachte. Ein Zufall half. Die Professorentochter, die schon seit Jahren an entzündeten Augen gelitten, hatte sich bei einer Tanzpartie in Mariaspring eine böse Augenentzündung zugezogen, sodaß Himly sie zu einer mehrwöchigen Finsterniß verurtheilte. Der Hausgenosse suchte der Hartgequälten die Einsamkeit, soweit es seine Zeit erlaubte, zu versüßen; der Schwab war in den Ferien zur Weinlese an den Neckar gezogen. Im Zimmer der Kranken blieb ein Fenster so weit von den Rouleaux befreit, daß, wer dicht davorsaß, so eben lesen konnte. Eine spanische Wand zwischen dem Vorleser und der Kranken hinderte, daß auch nur der geringste Lichtschein zu ihr drang. Hier saß Gottfried nachmittags mehrere Stunden, um der Kranken aus seinem Lieblingsautor Jean Paul vorzulesen, und zwar aus dem, was er am meisten vergötterte, aus »Quintus Fixlein« und den »Flegeljahren«.

Abends saß auch die Frau Professorin mit ihm hinter der spanischen Wand, um das Licht zum Stricken zu benutzen; nachmittags war er in der Regel einige Stunden ganz mit Emma allein. Hätte er ahnen können, daß dieser die Vorlesestunden nur deshalb so angenehm und behaglich waren, weil der Docent sie schon nach zehn Minuten in den süßesten Schlaf las, er würde seine Augen nicht so sehr angestrengt haben, als er es thun mußte.

An Danksagungen von Mutter und Tochter fehlte es nicht, aber zu einer Erklärung von seiner Seite war es während der ersten vier Wochen absoluter Finsterniß nicht gekommen. Die Entzündung besserte sich, Himly erlaubte ein Halbdunkel, Gottfried konnte das Rouleau hinter der spanischen Wand schon mehr als zur Hälfte emporziehen, wenn er las.

Es war der letzte Tag, den die Kranke in der Halbfinsterniß zubringen sollte, am nächsten Tage konnte sie nach der Anordnung des Hofraths sich wieder dem Lichte aussetzen. Gottfried war auch mit dem zweiten Bande seiner »Flegeljahre« bald zu Ende und hatte sich vorgenommen, die letzten Nummern der »Labrador-Blende« von der »Insel Sanct-Paul« an bis zur »Mondmilch vom Pilatusberge« zu Ende zu lesen. Als er die Nummer 61 schon vorgetragen und zu Nummer 62: »Saustein«, übergehen wollte, trat die Frau Professorin ins Zimmer und sagte der Tochter, sie habe die Hanne, so hieß das Dienstmädchen, nach ihrer Heimat Herberhausen geschickt, um zu sehen, ob sie da Eier bekommen könne, die am Markte nicht zu haben gewesen, nun müsse sie selbst in den Garten, um die letzten Bohnen zu pflücken für morgen. Damit aber die Kranke nicht gestört werde während ihrer Abwesenheit, wolle sie den Vorplatz abschließen und den Schlüssel zu sich nehmen; wer etwa zum Besuch komme, möge wieder gehen.

So las denn Gottfried weiter, bis Wina am Neujahrsmorgen singend: »Träumst du, wer dich liebt?« in die Rindenrotunde eintritt, Walt vor ihr auf die Knie sinkt, und Wina die rechte Hand auf sein weichlockiges Haar legt.

»Lesen Sie den Schlußsatz noch einmal, Doctor«, sagte Emma, »ich verstehe das nicht, und Gottfried las: »Freudenthränen, Freudenseufzer, Sterne und Klänge, Himmel und Erde zerrannen ineinander zu Einem Aethermeere.«

»Kommen Sie einmal hinter ihrer dummen spanischen Wand heraus, lieber Doctor«, sagte die Kranke, »und setzen Sie sich zu mir an das Bett, damit ich Ihnen für das treue Ausharren während meiner Krankheit herzlichen Dank sage; das Buch will ich morgen schon selbst weiter lesen, ich habe doch sehr vieles nicht verstanden, und wenn Sie mir den ›Bastard‹ oder den ›Juden‹ von Spindler vorgelesen hätten, würde ich vielleicht aufmerksamer gewesen sein.« Der Doctor that, wie ihm befohlen war, und Emma, die in einem koketten Halbanzuge im Bette lag, richtete sich auf und schob den Lehnstuhl zurecht, in welchem der junge Mann Platz nahm.

»Sagen Sie einmal, Doctorchen«, begann sie, seine rechte Hand ergreifend, »es ist mir vorgekommen bei Ihrem Lesen, als fühlten Sie sich ganz wie Walt und als wären Sie wie er verliebt, oder ›schwömmen in Liebe und Wonne‹, wie Jean Paul sagt, in das ätherische Grafenkind des Dichters, bekennen Sie!« Dabei richteten ihre Augensterne den glühenden und schmachtenden Blick auf den reinen blauen Augenspiegel des schüchternen Jünglings. Emma war, außer auf Bällen und in Gesellschaften, in der Regel blaß und ihr graugrünes Auge matt und schläfrig, sie war nur schön, wenn sie sich amusirte. Als Gottfried sich zu ihr an das Bett setzte, bemerkte er schon, daß Emma's Wangen von einer fieberischen Röthe übergossen waren und ihre Augen in einem Glanze brannten, den er noch nie darin gesehen, ja nicht geahnt hatte. Als sie die verfängliche Frage an ihn that, wurde sein Antlitz wie das eines Mädchens vom Purpur der Verlegenheit überzogen, er führte ihre Hand, die er noch immer in der seinen hielt, zum Munde, um einen Kuß daraufzudrücken, den ersten. Emma entzog ihm die Hand und seufzte: »O glückselige Wina!«

Da trat das Bild der Situation im Rindenpavillon vor Gottfrieds Phantasie, zum Sprechen fehlte ihm noch der Muth, aber er kniete vor dem Bette nieder, ergriff die linke Hand Emma's und zog sie an sein pochendes Herz. Sie aber umschlang den Knienden mit beiden Armen und hauchte süß und leise: »Mein Walt!« Ein Kuß Gottfrieds lohnte ihr das Wort, sie sank, die Augen schließend, in das Bett zurück und versuchte noch im Sinken Gottfried emporzuheben.

Aber Gottfried kniete fort, er zog nur abwechselnd die linke, dann die rechte Hand an seine Lippen. Er sah in der Kranken das Heiligenbild mit Sternen gekrönt, Emma's Phantasie erfaßte bei geschlossenen Augen in Gottfried den Mann, wie ihn ihre Sinne in diesem Augenblicke der Erregung nur wünschten. Als sie die Augen wieder aufschlug, schwammen diese in feuchtem sehnsüchtigen Naß und schauten verlockend auf den noch immer in himmlischen Verzückungen träumenden Liebhaber zu Füßen des Bettes. Aber Gottfried war nicht bei sich selbst, halb geistesabwesend verwechselte er Emma mit Wina und fühlte von der Wirklichkeit weniger, da er noch immer halb versunken war in das ihm von Jean Paul vorgezauberte Phantasiebild.

»Wie war es doch?« hauchte Emma, die Augen zum Himmel erhebend und abermals einen stärkern Seufzer ausstoßend, »wie war es doch, mein Walt? ›Sterne und Klänge, Himmel und Erde zerrannen ineinander zu Einem Aethermeere?‹ Hieß es so? Was wollte der Dichter damit sagen?«

Gottfried erhob sich, er beugte sich über Emma und blickte in ihre schwimmenden Augen, er beugte sich, um ihre von Feuer sprühenden Lippen zu küssen und sich von ihren weichen Armen umschlingen zu lassen, da rasselte draußen die Frau Professorin an dem Vorplatzschlosse.

Die so Gestörten stellten sich der Mutter als Brautpaar vor. Man überlegte und beschloß, mit der öffentlichen Verlobung zu warten, bis die Einwilligung der Aeltern des Bräutigams gekommen sei. Gottfried mußte bis zum Abend bei der Braut bleiben, man durfte jetzt ja zärtlich sein, und Emma war es sehr. Sie suchte ihren Walt, wie sie ihn am heutigen Tage und künftig, »wenn er recht gut sei«, immer nennen wollte, zu entschädigen für das bisher entbehrte Küssen, sodaß es selbst der Mutter des Kosens und Tändelns zu viel wurde und sie die Tochter schalt, die sich nach einer so schweren Krankheit so sehr aufrege, daß sie ganz fieberhaft aussehe.

Die Verlobten lebten wonnige Tage gerade in der Stille ihrer Verlobung. – Das Herbstwetter, welches längere Zeit unfreundlich gewesen, begünstigte wieder einen Aufenthalt im Freien. Der Garten hinter dem Hause der Professorin erstreckte sich bis an den Wall zwischen dem Geismar- und Gronerthore, da die Wohnung an der Geismarstraße lag, war also ziemlich lang gedehnt, hatte verschiedene Buchen- und andere Lauben. Hier wurde besprochen, wie bald man Hochzeit halten könne, denn das war das Thema, dessen die Braut nie müde wurde, obwol sie dem Bräutigam hätte ansehen müssen, daß ihm der Stoff zum Ueberdruß erörtert war. Die Professorin und ihre Tochter hatten kein Vermögen als das kleine Haus, in welchem sie wohnten, nebst Garten und etwa 200 Thalern Pension. Gottfried bekam von seinem Vater einen Zuschuß von 400 Thalern jährlich, vom Onkel Maschinenbauer 300 Thaler, eine Beihülfe des Vetters Hermann Baumgarten in Wien, die ihm angeboten war, hatte er verschmäht. Frau Professorin und Tochter rechneten unserm Gottfried nun vor, daß, wenn sie Eine Familie bildeten, sie von diesen Einnahmen viel besser leben und sogar ein Haus machen könnten, als wenn jeder Theil auf seine Mittel allein angewiesen sei; daß man deshalb die Hochzeit nicht hinauszuschieben brauche, sondern abhalten könne, sobald die Aussteuer der Tochter ganz vollendet sei. Der Bräutigam mußte das Rechenexempel für richtig anerkennen, es war überhaupt kein Geist des Widerspruchs in ihm, am wenigsten Frauen gegenüber.

Nach sechs Tagen endlich bekam er die Einwilligung seiner Aeltern zur Verlobung mit einer versiegelten Einlage der Mutter an die Braut. Der glückliche Bräutigam schwamm in einem Meere von Seligkeit, er, der entzückt war über Sonne, Mond, Himmel und Sterne, über jede Blume und jedes Moos, über jedes glückliche Kinder- und Menschengesicht, der niemals an die Möglichkeit einer bösen Menschenseele glaubte, dem jedes Frauenwesen mit Engels-, mindestens mit Schmetterlingsflügeln angethan war, er, dem vor einer Woche noch schöne Augensterne eines schönen Mädchens und der Amorthron ihrer Lippen ebenso unerreichbar schienen als die Sterne am Himmel, er war es, um dessen Hals sich jetzt zwei weiche Mädchenarme schlangen. Rosige Lippen suchten die seinen, und Augen so unbeschreiblich, so geheimnisvoll, wonneverheißend waren bemüht, sich mit süßen Schmeichelworten in die seinen einzubohren.

Gottfried mußte in Gottes freie Natur hinaus, in den Wald, er mußte, ehe er den Brief der Mutter der Braut übergab, in der Einsamkeit des Waldes sich mit sich selbst abfinden, sich prüfen, ob er alle Bedingungen, die sein Meister an den Arm, der eine Familie gründen will, in idealer Weise macht, erfüllen, ob er die süße wonnige Braut so glücklich machen könne, wie sie es verdiene?

Die Herbstferien gaben ihm die Freiheit, über seine Zeit zu verfügen, er lief in den Geismarwald der Kleper gegenüber. Hier lag er unter grünen Eichen, die sich schon gelb und roth zu färben begannen, bis die Sonne untergegangen war und Jupiter im Osten am Himmel erschien. Er hatte darüber nachgedacht, woher es komme, daß gerade er, der Unwürdige, so gottbegnadigt sei, ein Himmelsbild, wie seine Emma, beinahe ohne sein Zuthun, auf diesem so mangelhaften Planeten, Erde genannt, zu finden, und er gelobte sich im Innern, sein Weib so glücklich zu machen, wie er nur könne.

Langsamer, als er bergan geeilt war, stieg er herunter, denn er vertiefte sich in die unendlichen Welten am Himmel, die ihm gerade die Bürgschaft seiner Unsterblichkeit gaben.

Zu seiner Wohnung führte der nächste Weg über den Wall, zwar hatte er, wie gewöhnlich, den Schlüssel zur Gartenthür vergessen, aber das Staket war leicht zu überturnen. Er mußte dann zweiunddreißig Stufen zum Garten hinabsteigen. Der obere Theil desselben diente zum Gemüsebau, der Weg führte durch mehrere Beete mit hohen Bohnenstangen; Gottfried schlug aber nicht diesen geraden Weg ein, über dem Dache seiner Wohnung glänzte der Große und Kleine Bär so prachtvoll, der Herbstabend war so milde, daß er noch ein halbes Stündchen für sich allein im Garten bleiben wollte, in der Holunderlaube, welche sich an die hohe schwarze Planke des Nachbargartens anlehnte, in der er mit Emma so wonnige Stunden zugebracht. Ein Fußpfad an der Planke führte zu dieser Laube. Als er der Laube näher kam, schien es ihm, als höre er Stimmen in derselben, wenigstens die Stimme, für die er allein noch Sinn hatte, die seiner Emma. Er schlich nun weiter, um sie zu überraschen, und je näher er kam, je mehr überzeugte er sich, daß Emma in der Laube sei, aber nicht allein. Es war ein Mann bei ihr, er glaubte Seufzer, er glaubte Küsse zu hören.

Hätte der betrogene Bräutigam alle Umstände gekannt, er würde in seinem guten Herzen eine Entschuldigung für diese Treulosigkeit gefunden haben. Emma war ein gutherziges Mädchen, die sich nur der Mutter zu Liebe mit ihm verlobt hatte; sie liebte den Sohn des schwäbischen Prälaten, der auf ihrer Nachbarschaft wohnte, und es war ihr nicht zu verargen, daß sie von ihm, ehe die Verlobung mit Gottfried publicirt wurde, für immer Abschied nahm. Sie hatte den süßen wüsten Bub, der früher als seine Landsleute aus den Ferien zurückgekehrt war, in die Holunderlaube beschieden, sie wollte noch einmal seine süßern bacchantischen Küsse kosten, ehe sie sich dem Pedanten, dem kalten blonden Philosophen opferte, der sie so wenig verstanden, daß, als sie im glühendsten Sehnen ihre Arme nach ihm ausgestreckt, er ihr Limonade statt Champagner geboten.

Wenige Secunden genügten, um selbst in einer so kindlichen Seele wie Gottfrieds die Erkenntniß aufkommen zu lassen, daß ein glücklicher Zufall ihn vor der Verbindung mit einer buhlerischen, heuchlerischen Schönen bewahrt habe.

Er schlich den Fußpfad, den er gekommen, zurück, betrat den breiten Weg durch die Bohnenbeete, und als er auf diesen heraustrat und rechts einen Weg zur Fliederlaube vor sich sah, rief er ihr hinüber: »Gute Nacht, Jungfer Braut!«

Gottfried schrieb in der Nacht an Vater und Mutter, schickte letzterer den Brief an die Braut zurück und meldete, ein glücklicher Zufall habe ihm bei zeiten offenbart, daß er eine unwürdige Wahl getroffen habe, oder, wie er jetzt wohl sehe, zu einer solchen förmlich verleitet worden sei. Dem Vater schrieb er unter anderm: »Mir ist die Hinfälligkeit des Vertrauens auf Menschen, das ganze Verlassenheitsgefühl nie so ergreifend vor die Seele getreten wie in dieser Nacht, nie habe ich so lebhaft empfunden, wie sehr die Menschheit auf diesem Planeten in Sinnlichkeit, Genußsucht und Lüge verkommen ist. Die niedere Stufe sittlicher Bildung, auf der auch Menschen, die zu den Höhergebildeten gezählt werden, noch immer stehen, trat mir erschreckend entgegen. Wie habe ich dieses Mädchen geliebt! Ich glaubte in dieser Liebe die Liebe zu der Menschheit zusammenfassen zu dürfen. Ich bin bestraft. Aber der Griff nach dem Ewigen hat mich getröstet, ich fühle von neuem den Beruf in mir, das begriffsgemäße Leben unserer Menschheit zu fördern, sie aus dem gegenwärtigen niederstufigen einem zukünftig höherstufigen Leben an der Hand wissenschaftlicher Einsicht zuführen zu helfen.

»Die Verbindung mit diesem Weibe würde mich diesem Ziele meiner Jugend abwendig gemacht haben, ich halte es für ein Glück, daß die zeitige Entdeckung ihrer Treulosigkeit und Falschheit mich vor weitern Verstrickungen bewahrt hat.«

Dann, ohne geschlafen zu haben, stieg er, als die Sonne aufgegangen war, auf demselben Wege, den er gestern Abend genommen, den Wall hinauf. Auf einer der Stufen fand er das Billet, in welchem Emma den Geliebten zum Rendezvous lud. Er kühlte sein Haupt in dem Born des Reinsbrunnens, der sein Wasser am Albanithore in die Teiche ergießt, dann rannte er mehr als er ging um die Stadt dem Weenderthore zu. Von dort trat er über den Wall in die untere Marsch, an deren beiden Straßenseiten, wie er wußte, Wohnungen mit Gärten zur Verfügung standen. Er fand auch ohne Schwierigkeit eine passende Behausung und verließ noch am selbigen Tage das Haus der Frau Professorin, ihr neben dem Miethgelde das Billet Emma's an den Schwaben sendend.

Ueber das weitere Schicksal der Dame, die unserm Freunde Gottfried, wie sie glaubte, zum Opfer sich geben sollte, können wir nur berichten, daß, als sie im April des nächsten Jahres eine Reise zu einer Tante ins Ausland machte, die Médisance ihrer nächsten Freundinnen bereits Feld gewann.

Der Privatdocent wohnte seitdem im entgegengesetzten Theile der Stadt; er hütete sich vor Frauenzimmern wie ein Kind vor dem Lichte, an dem es die Finger verbrannt hat. Obgleich er nicht umhin konnte, für die sogenannten akademischen Thé dansants seinen Louisdor vorauszubezahlen, so besuchte er doch weder diese noch die sogenannten »akademischen Concerte« in der neuerbauten Restauration. Er nahm seinen Neffen Bruno Baumann, der das Gymnasium besuchte, zu sich und lebte lediglich den Wissenschaften und den Strebungen, die er in dem Briefe an seinen Vater angedeutet hatte.

Im Wintersemester 1829–30 kündigte er eine Vorlesung über Rechtsphilosophie als Privatissimum an, fand indeß keine Zuhörer, dagegen war sein Publicum »Encyklopädie der Jurisprudenz« zahlreich besucht. Es ist nichts leichter als aus einem ausgearbeiteten Hefte wieder ein Heft zu dictiren, und das war damals die göttinger Mode; nichts ist aber für den Schüler langweiliger und unfruchtbarer, ja geisttödtender als solche Methode des Lehrens. Unser junger Freund hatte dieses Verfahren zu oft und zu bitter beklagt, als daß er den ausgefahrenen Spuren seiner altern Collegen hätte folgen sollen. Nur das System seiner Vorträge selbst war von ihm ausgearbeitet und auf Einem Bogen gedruckt. Vor dem Colleg durchdachte er seinen Gegenstand nach allen Seiten und trug dann seine Gedanken frei vor.

Die juristische Collegenschaft, namentlich die ältere, hielt zwar die angekündigte, aber nicht zu Stande gekommene Vorlesung mehr für »Allotria«, als zur exacten Jurisprudenz gehörig, und zuckte die Achseln, wenn auf den neuen Docenten die Rede kam; in der Studentenwelt fand das Colleg aber schon des Vortrags wegen Beachtung. Im nächsten Sommersemester erhielt unser Freund fünf Zuhörer zu seiner Rechtsphilosophie, von denen vier bezahlten; der fünfte war arm. Gottfried konnte das Colleg in seinem Zimmer abhalten. Zu seiner Encyklopädie, die nur dreimal wöchentlich vorgetragen wurde, mußte er sich indeß den Saal des Hofraths Bauer miethen, der an der Allee wohnte, dessen »Köchin Lotte« Heinrich Heine so gefährlich geworden war, und die auch jetzt den Privatdocenten verliebt anblinzelte, wenn er ihr das Geschenk für Reinigen des Saals verschämt in die Hand drückte.

Gottfried fand hinter seiner Wohnung einen kleinen Garten und in diesem hatte er sich eine Laube zum eigenen Gebrauche ausbedungen, in der er fleißig arbeitete. Die Laube lag am östlichen Ende, da, wo derselbe zusammenstieß mit einem solchen, der zu einem Hause der obern Marschstraße gehörte. Beide Gärten waren nur durch eine mehrfach durchlöcherte Hecke voneinander getrennt. Dort lag, jenseit der Hecke, ein Grasplatz, von einzelnen Birn- und Pflaumenbäumen bestanden, unter denen ein achtzehnjähriges Mädchen, eine Waise, täglich im Sommer, wenn es nicht regnete, eine kleine Mädchenschule hielt. Das Fröbel'sche Kleinkindergarten-Princip hatte damals noch nicht seine Rundreise durch Deutschland gemacht, Fröbel selbst hielt erst etwa drei Jahre später in Göttingen und Eddigehausen unter der Pleß, auf der dortigen von den Gebrüdern Frankenberg erpachteten Domäne, seine ersten Vorträge, die nicht wenig zur Verbreitung der Kindergärten beigetragen haben; die junge Waise hatte den Kindergarten anticipirt. Es mochten etwa zwanzig bis dreißig kleine Mädchen von vier bis sieben Jahren sein, die hier herumsprangen, tanzten, sangen, Ball spielten und nebenbei das Abc und Lesen spielend lernten.

Dieses Kindertreiben war den Studien Gottfrieds nicht sehr zuträglich, denn er konnte stundenlang demselben zusehen und sich wie ein Kind daran ergötzen. Es war natürlich, daß er trotz seiner Weiberscheu bei dieser Gelegenheit mit der Lehrerin bekannt werden mußte, daß er über die Hecke manches Wort mit ihr wechselte, ihr Rath ertheilte, sogar, um mehr Abwechselung in die Sache zu bringen, Kinderspiele erfand, Verse reimte und einfache Melodien dazu suchte. Die Lehrerin Lili Heun interessirte ihn schon deshalb, weil sie eine Pastorentochter war und ein ebenso einfaches, kindliches Gemüth hatte wie er selbst. Ohne von ausgezeichneter Schönheit zu sein, war sie doch viel einnehmender als die Professorentochter, da der Adel einer reinen Seele aus ihren Augen und ihrem ganzen Wesen hervorleuchtete. Die Art, wie sie mit den Kindern umging, die Liebe und Folgsamkeit, welche diese ihr erwiesen, hatten etwas magisch Anziehendes für ihn. Die in seinem ganzen Wesen wurzelnde Liebebedürftigkeit, die Sehnsucht, sich auzuschmiegen und zugleich Stütze zu sein, erwachte bald von neuem; vielleicht kam auch, ihm unbewußt, eine gewisse Sinnlichkeit hinzu, hatte er doch gefühlt, wie süß Mädchenlippen waren, die in ihm den Gedanken erweckten, daß es nicht gut sei, wenn der Mensch allein stehe, und es ihm, falls er bei seinen bescheidenen Lebensbedürfnissen eine gleich anspruchslose Lebensgefährtin fände, wol möglich werden könne, eine Familie zu bilden. Tief hatte sich ihm außerdem die Lehre eingeprägt, daß zur Ergänzung des Mannes die Verbindung mit einem Weibe nöthig sei, daß die Ehe das ursprünglichste, schönste, gottgefälligste gesellige Verhältniß sei, daß ein vollkommener Mann nicht anders gedacht werden könne als in der Ehe.

Kurz, Gottfried war abermals auf dem besten Wege sich zu verlieben, ja er hatte eigentlich schon eine Neigung zu Lili gefaßt. Eines Nachmittags um Johannis, als er in seiner Laube arbeitete, trat die Nachbarin an die Hecke, um seinen Rath zu erbitten. Da bringe ihr ein Kind statt des Schulgeldes ein Lotterielos, mit einem Briefe vom Vater, des Inhalts, daß er (irgendein Subcollecteur) mit baarem Gelde zur Zeit nicht dienen könne und sie ersuche, statt dessen das beiliegende Los zur sechsten Klasse anzunehmen und ihm den Ueberschuß mit 1 Thaler 34 Mariengroschen herauszuzahlen.

Sie fragte: ob sie das annehmen müsse? »Ich habe das Geld nöthig, um die Johannismiethe zu zahlen, dennoch würde ich das Los nicht zurücksenden, wenn die Forderungen sich deckten, aber baares Geld hinzugeben kann ich nicht. Was fange ich an?«

»Verpflichtet sind Sie, mein liebes Fräulein, in keiner Weise, doch will ich Ihnen einen Vorschlag machen: lassen Sie uns das Los zusammen spielen, da zahle ich Ihnen 3 Thaler 18 Mariengroschen hinzu. Sie brauchen dann kein Geld auszugeben.« Die Lehrerin ging auf den Vorschlag ein.

Gottfried gedachte daran, es für eine Fügung des Himmels zu nehmen, wenn das Los, sei es auch nur eine Kleinigkeit, gewönne, und Lili in diesem Falle Herz und Hand anzubieten. Es vergingen einige Wochen, da meldete sich eines Morgens ganz früh der Hauptcollecteur, Moses Sternheim, um dem Herrn Doctor zu gratuliren, daß er ein Achtel vom Großen Lose gewonnen habe, indem er sich erbot, den Gewinn gegen übliche Procente sofort auszuzahlen

Gottfried freute sich nicht des Gewinnes selbst wegen, sondern weil der Himmel ihm, wie er glaubte, mit dem Gewinne zugleich ein Weib schenke. Er schrieb an Lili, bekannte ihr seine Liebe und hielt um ihre Hand an. Diese antwortete noch am selbigen Tage: sie achte ihn hoch, sehr hoch, allein ihr Herz habe sie längst vergeben, seit Jahren sei sie mit dem Sohne des Cantors aus der Heimat verlobt, der jetzt auf dem Seminar im letzten Semester studire; das gemeinsame Lotterieglück werde sie in die Lage bringen, daß sie heirathe, sobald der Bräutigam eine Stelle finde, und dann hoffe sie, er würde ihr die Ehre erweisen, Hochzeitsgast zu sein, und ihr Freund bleiben.

Das war wieder ein harter Schlag für den Verliebten, obgleich nur sein Mangel an Menschenkenntnis die Schüchternheit, in der er nie eine Frage nach den Lebensbeziehungen seiner Nachbarin gewagt hatte, dieses neue Ungemach herbeiführte. Die Inhaberin der Warteschule hatte gegen niemand in ihrer Umgebung ein Geheimniß daraus gemacht, daß sie mit einem künftigen Schulmeister verlobt sei, und würde dies auch ihm nicht verhehlt haben, wäre er nur einmal in ein näheres Gespräch mit ihr eingegangen. Jedenfalls griff ihm dieser Ausgang nicht so ans Herz wie der Verrath Emma's, und er selbst überzeugte sich, daß es wol mehr Neigung zum Verheirathetsein überhaupt, als Leidenschaft für die kleine Nachbarin war, was ihn veranlaßt hatte, um ihre Hand anzuhalten. Er machte sich selbst Vorwürfe darüber, daß er als Philosoph so thöricht gewesen war, sein Lebensgeschick von reinem Zufalle, von dem Gewinne eines Lotterieloses abhängig zu machen.

Indeß verleidete ihm dieses Ereigniß abermals die Wohnung, und er beschloß, um ein häuslicheres Leben zu führen, eine größere Wohnung zu miethen, sich nicht mehr aus einer Garküche speisen zu lassen, sondern eine ältere Dame, die bedürftige Witwe eines Advocaten, die er schon länger unterstützte, zur Führung seines Haushalts zu sich zu nehmen.

Eine angemessene Wohnung, wie er sie suchte, war denn auch in der Kurzen Straße bald gefunden. Zwar gewährte sie nur ein sehr kleines Stück Garten, aber Gottfried sah in den größern seines Nachbars hinein, in den Eichhorn'schen Garten, und was ihm noch viel mehr werth war, er konnte von einem Gastwirth in der Geismarstraße den Platz auf dem runden Stadtmauerthurme pachten, der den Stallungen des Wirths als Wand und Stütze diente und seit länger als Menschengedenken als kleiner Blumengarten benutzt war.

Gottfried hatte für das Wintersemester abermals eine öffentliche Vorlesung angekündigt, er wollte zeigen, daß er nicht blos mit Rechtsphilosophie sich beschäftigt, daß er auch im positiven Rechte bewandert sei, hatte sich deshalb dem Staatsrechte zugewendet und gedachte über den Deutschen Bund zu lesen.

Das war ein zeitgemäßes Kapitel und der Zudrang zu seiner Vorlesung so groß, daß er kaum ein Local finden konnte, die Hörer zu fassen, denn öffentliche Collegiensäle, wie eine Aula, gab es damals noch nicht.

Die Haushälterin, Frau Koch, wußte ihm das Leben in der neuen Behausung bald angenehm und wohnlich zu machen; sie hatte ihm alle seine bescheidenen Bedürfnisse abgelauscht, nach einigen Wochen brauchte er kaum noch zu klingeln, Kaffee, Thee, Mittagsessen und Abendbrot stand um die gewohnte Zeit zur Minute auf seinem Tische. Am frohesten bei dem Wechsel aber war der Neffe, der Primaner Bruno Baumann, der sich zum Abiturientenexamen vorbereitete, das neuerdings erst eingeführt war, froh, weil er sich jetzt wenigstens mittags ordentlich satt essen könne, was, wie er sagte, bei dem »verruchten Garküchenfraß« unmöglich gewesen sei. Unser Freund träumte im Winter viel, wie schön er seine hängenden Gärten auf dem Stadtmauerthurme für Frühjahr und Sommer einrichten wollte, ohne zu ahnen, daß er im Frühjahr und Sommer als Verbrecher und Flüchtling auf fremder Erde wandern würde. Er hatte sich schon im Winter ein kleines hölzernes Zelt, das ihn gegen Wind und Wetter schützen sollte, und zu diesem Zwecke drehbar war, bestellt und dachte oft daran, wie fleißig er oft auf dem Stadtthurme arbeiten, zeichnen, malen, die freie Luft genießen, die Düfte aller Blumen und Büsche aus dem Eichhorn'schen Garten aufsaugen wollte.

So kam Neujahr 1831.

Wenn der Eintritt in ein neues Jahr in der Universitätsstadt nie ganz ruhig vorüberzugehen pflegte, wenn dem Prorector, je nachdem er bei den Studirenden beliebt oder verhaßt war, ein Vivat oder Pereat herkömmlich gebracht wurde, und man den Studirenden in dieser Nacht, bis auf Laternen und Fenstereinwerfen, so ziemlich jeden rohen Straßenunfug nachsah, so war der Uebertritt in das einunddreißigste Jahr unsers Jahrhunderts in Göttingen doch mit weit mehr Unfug verbunden als sonst.

Freilich, der Prorector war beliebt, denn es war der gefühlvolle Theologe Lücke, aber es steckte allerlei politische Unzufriedenheit in der Zeit. Das Beispiel der siegreichen Revolution in dem kleinen Braunschweig hatte Nachahmung gefunden; in Sachsen, in Hessen hatte man Constitutionen erzwungen, in dem benachbarten Kassel sollte am 9. Januar das Constitutionsfest gefeiert werden.

Nachdem sich die Studentenwelt nachts zwölf Uhr auf dem Marktplatze versammelt und dem alten Jahre ein Pereat, dem neuen ein Vivat gebracht hatte, zog sie unter dem Gesange von »Gaudeamus igitur« zum Weenderthore hinaus und brachte dem gewesenen Prorector, welcher dem jetzigen Collegienhause gegenüber (bei dem Zimmermeister Freise) wohnte, ein Vivat.

Als man wieder in die Stadt zog, bemerkte einer der Pedelle, daß sich dem Zuge eine ungewöhnliche Menge Bürger angeschlossen hatte und daß das Corps der Hildesen den Zug eröffnete.

Ihm ahnte nichts Gutes, denn in gewöhnlichen guten Zeiten pflegten gerade nach der Begrüßung des Prorectors, in Ermangelung anderer Aufregung, entweder Streitigkeiten zwischen Corps- und Nichtcorpsstudenten, oder zwischen Studenten und Philistern auf der Nachtordnung zu stehen. Heute waren, wie es schien, die Corps und die Wilden, Studenten und Bürger in schönster Eintracht.

Als man aber zur ersten rechts abbiegenden Straße kam, die neben den Reitställen der Leine und den Marschstraßen zuführte, bog der größte Theil der Studenten und Bürger ab, um dem Justizrath von dem Knesebeck auf der Marsch ein Pereat zu bringen.

Der Hauptzug wandte sich dem Markte zu und brachte dem Polizeicommissarius Westphal Pereat und Fenstermusik; ein dritter Zug sonderte sich davon ab und versuchte in der Gothmarstraße das Haus des Kaufmanns Krische durch Verwüstung des Ladens und Einwerfen der Fenster zu demoliren.

Das war offenbar mehr als ein »Studentenulk«, das war etwas Vorbereitetes. Westphal hatte mit der akademischen Jugend nichts zu thun; er war allein bei der Bürgerschaft verhaßt; Krische galt dem ungebildeten Volke als Kornwucherer, weil er Korn aufkaufte und die Weser hinab nach Bremen sendete, ein Ding, um das sich der Studiosus nicht bekümmerte. Dennoch sah man bei allen drei Zügen Studenten.

Der Justizrath von dem Knesebeck hatte sich freilich allgemeinern Haß zugezogen; er hatte sich im Herbst des vergangenen Jahres, »aus Herzensdrange«, veranlaßt gefühlt, den Souveränen Europas eine kleinere Schrift zu widmen, in der als unfehlbares Hausmittel gegen alle Revolutionen empfohlen war, daß die Jugend aller Staaten, sowol auf Schulen als auf Universitäten, in Gemäßheit eines politischen Katechismus in Loyalität, Legitimität und Gehorsam erzogen werden sollte. Das war der akademischen Jugend freilich nicht nach Sinne, aber die Aufregung gegen den nach Orden durstigen Scribenten doch weniger durch den Inhalt des Buches erzeugt, der nur wenigen bekannt geworden, als durch das vorangedruckte Motto:

Die Canaille heißt Volk, sobald sie im Kampfe gesiegt hat.

Napoleon.

So viel offenbarte sich in dieser Nacht, es stiegen am Horizont der Georgia Augusta, der untadelhaftesten Schule des Conservatismus und der Loyalität, der Bildungsanstalt für Könige, Prinzen und Fürsten, zum ersten male seit ihrem Bestehen politische Wolken auf.

Schon hatte man auf expressen Befehl aus Hannover drei junge Privatdocenten, Dr. Rauschenplat, Dr. Schuster und Dr. Ahrens, unter polizeiliche Aufsicht gestellt und ihnen aufgegeben, die Hefte, wonach sie bisher ihre Vorlesungen gehalten, einzuliefern. Jetzt kam diese crasse Demonstration, und die Pedelle und »Schnurren« hatten nicht einmal »Fänge« auf frischer That gemacht.

Von den Unruhen in der Neujahrsnacht hatte unser Freund in der Kurzen Straße nichts gehört; die Kurze Straße war wenig von Studenten bewohnt und mehr ruhiger Sitz von Gelehrten. Gottfried Schulz erstaunte daher nicht wenig, als ihm am ersten Tage des neuen Jahres vom Magnificus die Aufforderung zuging, sein Heft über die öffentliche Vorlesung dem hohen Curatorio sofort einzusenden.

Er war bis dahin noch kaum über die Einleitung hinausgekommen und hatte eigentlich nur den Unterschied zwischen Staatenbund und Bundesstaat seinen Zuhörern klar zu machen gesucht und an den Beispielen der griechischen Bündnisse zu den verschiedenen Zeiten, an dem Schweizerbunde und der nordamerikanischen Föderation geschichtlich erläutert.

Freilich beabsichtigte er demnächst auszuführen, daß der Deutsche Bund weder den nationalen Ideen von Einigung, Kräftigung und Macht nach außen, noch den Wünschen und Erwartungen der deutschen Stämme, was Rechtsstaat und Verfassung betreffe, entspreche, daß noch weniger in volkswirtschaftlicher Beziehung Befriedigendes geschehen sei und daß Artikel 19 wie 13 der Bundesacte sich als völlig nichtssagend erwiesen hätten.

Davon war aber noch nicht gesprochen, davon war überall kein Wort geschrieben, weil Gottfried nicht nach einem Hefte las.

Sein Erstaunen würde sich gemindert haben, wenn er gewußt hätte, daß einer seiner Schüler, den er für den fleißigsten hielt, der ihm jedes Wort ablauschte und zu Papier brachte, das Nachgeschriebene allwöchentlich dem Herrn Geheimen Hofrath Falke in Hannover, dem frühern Mitgliede der mainzer Central-Untersuchungscommission, überschickte.

Da man in Hannover ein Heft nach seinen Vorlesungen hatte und sich von freien Vorträgen eine richtige Vorstellung nicht machen konnte, so hielt man die Antwort, welche Gottfried bei Uebersendung des Grundrisses seiner Vorlesung gab: »er habe kein Heft«, für Renitenz und strafbare Widersetzlichkeit.

Als Gottfried nach Neujahr seine erste Vorlesung hielt, konnte er nicht unterlassen, einige Worte über das Mistrauen zu äußern, mit dem man von oben seine Vorlesungen zu beargwöhnen scheine; wärmer werdend, sprach er einen feierlichen Protest aus gegen jeden Versuch, die Wissenschaft unter Censur zu stellen. Seine Zuhörer gaben ihren Beifall auf übliche Studentenmanier, durch Stampfen mit den Füßen und einige Bravorufe, zu erkennen, was dem Spion Gelegenheit zu einem Berichte an Herrn von Arnswaldt, den Curator der Universität, verschaffte.

Es war während der Festwoche sehr einsam in der neuen Wohnung gewesen, da der Neffe Baumann die Weihnachts- und Neujahrstage in Hedemünden im Kreise seiner Familie zugebracht hatte; seine Rückkehr nach den Festferien brachte neues Leben in die Wohnung. Am Abend des 7. Januar jedoch saß Bruno Baumann in seiner Studirstube und repetirte die Reihenfolge der deutschen Kaiser und ihre Sterbejahre; das Maturitätsexamen stand vor der Thür, und der Rector pflegte in deutscher Kaisergeschichte stark zu examiniren. Gottfried saß nebenan und studirte nach einem geschriebenen Hefte die Philosophie der Geschichte von seinem Meister Krause.

Da entstand plötzlich Feuerlärm und in die sonst stille Kurze Straße drang die Menschenmasse. Es hieß, die Universitätskirche und die ganze düstere Straße brenne. Gottfried stieg die Leiter zu seinem Thurme hinauf, von wo er einen Blick nach der Feuerstätte haben mußte. Indeß überzeugte er sich bald und viel früher als die meisten Einwohner Göttingens, die immer mehr in die engen Straßen nach Südwesten sich zusammendrängten, daß nicht Feuer, sondern ein großartiges mächtiges Nordlicht, wie es wenige Menschen in Deutschland bis dahin gesehen hatten, den ganzen westlichen Horizont einnahm.

Er rief Bruno, der die Leiter zum Thurme ersteigen wollte, zu, ihm seinen Teller mit Aquarellfarben, Skizzenbuch und Pinsel zu holen, und versuchte dann, die Erscheinung, wie sie von seinem Standpunkte, gerade der katholischen Kirche gegenüber, sich ihm darbot, zu skizziren. Hell genug war es, denn der ganze westliche Horizont bis zum Norden hin war ein Flammenmeer, aus dessen Wellen silberhelle Büschel bis über den Zenith hinausstrahlten. Es blieb in der Stadt, da obendrein Jahrmarkt war, die ganze Nacht sehr lärmend, und unser junger Privatdocent, der sich leicht nervös aufregte, schlief sehr unruhig. Er war noch mehr als sonst von Gedankenflöhen, wie er es nannte, geplagt und griff über ein Dutzend mal zu der Bleistiftrinne an der Wand, um jene Einfälle festzuhalten. Gottfried hatte sich nämlich die sonderbare Art angewöhnt, seine nächtlichen Gedanken, Träume und Phantasien womöglich ab- und aufzusaugen. Zu diesem Zwecke war die ganze Wandseite seines Bettes mit Pergament beschlagen, darunter ein Behälter angebracht, in dem mindestens ein Dutzend Bleistiftenden lagen, sodaß er, auch noch halb im Schlafe, nie einen Fehlgriff that, wenn er eine Notiz auf das Pergament bringen wollte. Diese Nacht beschlich ihn ein sonderbarer Traum. Er war sein Vetter Baumgarten und war auf der Flucht wegen demagogischer Umtriebe, man hatte in seinem Hefte über den Deutschen Bund (hier spielte wieder seine eigene Persönlichkeit in dem Traume) schwere Verbrechen gegen den Staat entdeckt, er wurde in Hamburg gefangen und nach dem Zuchthause in Celle geschleppt, wo er Wolle spinnen mußte. Erst gegen Morgen schlief er ruhiger, nachdem er groß und deutlich an die Wand geschrieben hatte: »Wolle spinnen.«

Frau Koch mußte mehrfach an die Thür seiner Schlafstube klopfen, um ihn zu wecken. Als das Tageslicht in die Schlafkammer schien, versuchte er zuerst die in der Nacht an die Pergamentwand gekritzelten Hieroglyphen zu entziffern, was ihm indeß bei den meisten fehlschlug. Es waren das Buchstaben, die es gar nicht gibt; nur die Worte: »Wolle spinnen« standen groß und deutlich an der Wand und erinnerten ihn sofort an seinen bösen Traum.

Der Morgen des 8. Januar war heiter und klar, und da Gottfried am Sonnabend kein Kollegium zu lesen hatte, setzte er sich wieder an die Nordlichtskizze, um die Naturscene, die ihn auch ohne die Skizze vom Abend in ihrer ganzen mächtigen Herrlichkeit und Prächtigkeit in der Phantasie schwebte, nochmals darzustellen. Er begab sich auf sein Zeltdach, um den Vordergrund, die katholische Kirche, die Straße zu Klein-Paris nach der Natur aufzunehmen, aber im Dunkel der damaligen göttinger Thranlaternen. Hinter der dunkeln Kirche sollte dann der rothgoldene, kaum durch Farben wiederzugebende Glanz des Nordlichts hervorstrahlen.

Mit dieser Arbeit ging der ganze Morgen hin, Gottfried war völlig ungestört, seine Haushälterin kaufte auf dem Jahrmarkte die nöthigen Dinge für Haus und Küche, der Neffe war in seiner Prima.

Man aß in Göttingen nach alter Sitte, der Schulen und Collegen wegen, zwischen zwölf und eins. Die Eßstunde war längst gekommen, Frau Koch hatte angerichtet, aber der Gymnasiast ließ sich nicht sehen. Gottfried war schon ungeduldig und befahl, das Essen aufzutragen, um Bruno zu strafen, als die Haushälterin den in Gedanken Versunkenen aufmerksam machte, daß auf der stillen Straße Außerordentliches vorzugehen scheine.

»Sehen Sie da, Herr Doctor, da läuft unser Nachbarstudent, der lange Grumbrecht aus Goslar, der Ihr Colleg besucht, mit einem langen Säbel in der Hand nach der Weenderstraße, und alle Leute stehen vor den Thüren! Was hat das zu bedeuten?«

In diesem Augenblick ging die Hausthür auf, Bruno stürmte die Treppe herauf und schrie aus Leibeskräften: »Vivat, Onkel, Vivat, es ist Revolution! Hast du keinen Säbel oder keine Pistole, die du mir pumpen kannst? Gegessen wird heute nichts, wir Primaner wollen auch eine Nationalgarde bilden, wie die Caroliner es in Braunschweig gethan haben.«

Frau Koch schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und seufzte: »Ach lieber Herrgott, ich habe es mir doch gleich gedacht, daß das Feuerwerk von gestern Abend am Himmel ein Unglück bringen würde.«

Der Gelehrte war erstaunt: »Nun erzähle doch, was ist denn los?«

»Wie wir aus der Klasse kamen, die des Jahrmarkts wegen um eine halbe Stunde früher geschlossen wurde, und auf dem Markte unter den Buden herumbummelten, kam auf einmal eine ganze Schar bewaffneter Bürger und Studenten, alle mit weißen Binden um den Arm, und gingen die Rathhaustreppe hinauf. Nun kam auch der kleine Hübotter mit der Hildesia aus der Bosia und bald verkündete eine Stimme von der Rathhaustreppe herab, der Magistrat habe eingewilligt, daß der Polizeicommissar Westphal entlassen werde und daß sich eine Bürgergarde und akademische Nationalgarde zur Erhaltung der Ruhe und Ordnung bilde. Das ist alles, was ich weiß. Jetzt muß ich aber wieder fort.«

»Aber Herr Doctor, dulden Sie das doch nicht«, jammerte Frau Koch, »der Bruno hat seit Morgen nichts genossen als eine Semmel und eine Tasse Kaffee, wenn er nun keinen warmen Löffel Suppe ißt, so wird der Mosjö bei dem abscheulich kalten Wetter krank. Die Revolution läuft Ihnen nicht weg, junger Mann, setzen Sie sich erst, es kommt Ihr Lieblingsgericht auf den Tisch, Sauerkraut und Pökelfleisch, Schnauzen und Ohren sogar.«

»Ja, Bruno, setze dich und erzähle ordentlich, wer steht an der Spitze und was wollen die Leute?«

»Das will ich dir sagen. Da sind die Kanzleiprocuratoren Eggeling, Kirsten und Laubinger, der Dr. Seidenstiker, der Gastwirth Ulrici, und von akademischer Seite die Privatdocenten Dr. von Rauschenplat,. Dr. Ahrens und Dr. Schuster und die Studiosen: Vater Hentze, Hübotter, Stölting, Gerding, die haben von der Rathhaustreppe aufgefordert, eine Nationalgarde zu bilden. O Onkel, du mußt mit ansehen, wie spaßhaft das auf dem Jahrmarkte aussieht, das ist ärger als im Jahrmarkte zu Plundersweil. Die Galanteriekrämer vor der Krone und alle sonstigen Verkäufer haben Angst, geplündert zu werden. Alles packt ein über Hals und Kopf und in einer Stunde werden alle Buden verschwunden sein. Nur die braunschweiger Pfefferküchlerinnen fürchten sich nicht und verkaufen frisch darauf los, immer wiederholend: ›Heeren Se mal, kaufen Se mich was ab, von uns Braunschweigern kennen Se lernen, wie man Revolution machen muß.‹ Aber Onkel, ich muß ein Gewehr haben, um vier Uhr ist Appell, da muß ich dabei sein.«

Der junge Mann nahm sich kurze Zeit zum Essen; im Hause des Onkels ein Gewehr oder einen Säbel zu finden, das mochte schwer sein, denn Gottfried hatte nie eine Schießwaffe, selten ein Rappier in der Hand gehabt; ein Gewehr mußte aber zuerst aufgetrieben werden. Dem Gymnasiasten fiel ein, daß er bei dem Vater eines Freundes eine ganze Gewehrsammlung gesehen, richtig, da mußte er hin, zu Dr. Wadsack, dem Gerichtshalter in Geismar, der auch nicht sehr fern in der Nikolaistraße wohnte.

Gottfried setzte sich hin, um seinem Vater ein langes und breites von dem Nordlicht des gestrigen Abends und sehr viel von dem »viel Lärm um Nichts«, wie er die Revolution nannte, zu schreiben.

Es wurde auch eine Proclamation vertheilt des Inhalts: »Um den durch die allgemeine Noth erzeugten Beschwerden abzuhelfen und die durch dieselben bereits entstandenen und noch drohenden Unruhen für die öffentliche Ordnung gefahrlos zu machen, sei man zu einer Nationalgarde zusammengetreten, um alle für einen und einer für alle die öffentliche Ruhe aufrecht zu erhalten. Zugleich wolle man an Se. Majestät den König unmittelbar eine unterthänigste Vorstellung richten, daß auch den Hannoveranern eine freie Verfassung mit einer durchaus frei und selbstgewählten Ständeversammlung gewährt werde.«

»Was in Kassel die Bierbrauer erzwungen, was die Braunschweiger, die Sachsen durchgesetzt, das wollen wir auch haben!« schrien die Philister und drängten sich, die von Dr. Rauschenplat aufgesetzte Proclamation zu unterzeichnen. Auch eine andere Parole wurde schon ausgegeben. »Fort mit dem Magistrat« hieß es, »wir müssen einen freigewählten Gemeindeausschuß haben.« Wer etwas hinter die Coulissen sehen konnte, der gewahrte, daß die jungen Privatdocenten ganz nach französischer Schablone arbeiteten.

Hofrath Langenbeck machte freilich noch am Abend den Versuch, die akademische Garde von der Bürgerschaft und dem politischen Treiben abwendig zu machen, allein die Studenten wollten nichts davon wissen, Polizeisoldaten des akademischen Senats zu spielen.

Am Abend wurde die Stadt erleuchtet, bewaffnete und unbewaffnete Scharen zogen mit Musik durch die helle Stadt; man sang: »Das Volk steht auf, der Sturm bricht los«, und ließ sich auf dem Marktplatze von dem scharfen Ostwinde durchpusten, um die Marseillaise und Parisienne, diese bis dahin verbotenen Weisen, von den Stadtmusikanten vorspielen zu lassen. Dann wurden aber alle Kneipen voll, man mußte sich erwärmen und man politisirte, kritisirte, schimpfte, tobte über akademische und bürgerliche Polizei.

Die Wachen vor den Thoren waren von einer gemischten Mannschaft von Soldaten, Bürgern, Studenten besetzt; man trank, sang und fraternisirte die ganze Nacht hindurch, das nöthige Getränk wurde aus dem nächsten Wirthshause auf Rechnung der Stadtkasse requirirt.

Der nächste Tag war ein Sonntag; er wurde benutzt, um die Nationalgarde zu organisiren, Offiziere und Unteroffiziere, Adjutanten und einen Generalissimus zu wählen, und was die Hauptsache war, sich mit dreifarbigen breiten Bändern und Schärpen zu versehen. Da konnte man, als mittags zur Parade aufgezogen wurde, sehen, wie viel Vaterländchen Deutschland hatte, es waren so ziemlich alle siebenunddreißig Farben repräsentirt. Nur die Burschenschafter, etwa funfzig Mann, waren mit Schwarz-Roth-Gold geschmückt, ziemlich gut bewaffnet und, wie es schien, wohldisciplinirt.

Gottfried hatte das Haus nicht verlassen; er hatte dem Onkel Maschinenbauer in Hannover nach den Referaten des Gymnasiasten Baumann eine ausführliche Beschreibung der Ereignisse gemacht und die erschienene Proclamation beigelegt, da er wußte, daß der Onkel sich für solche Dinge interessire. Bruno war mehr auf den Straßen als im Hause; erst gegen Abend kehrte er wieder heim mit Büchse, Säbel und Pistole bewaffnet, die er von seinem Freunde Wadsack geliehen hatte, ganz glücklich darüber, daß er von der Gymnasialgarde zum Offizier gewählt war, und nur in Sorgen, wie er sich einen »Stürmer« mit Federbusch verschaffe.

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