Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Oppermann >

Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel.
Die Ammenwahl und der Sommernachtsball.

Wir sind in der That schuldlos, daß unsere gegenwärtige Heldin so ist, wie sie ist, und nicht anders. Wir begreifen vielmehr nicht, wie sie anders sein könnte, wenn wir uns in die Zeit versetzen, wo sie geboren, und unter die Menschen, unter denen sie erzogen war, deren Leben sie als Muster und Norm angeschaut hatte. Die englische Aristokratie jener Tage war völlig glaubenslos, und was schlimmer, ideallos. Genußsucht. Eitelkeit, Hervorragenwollen durch irgendeine bizarre Absonderlichkeit, Herrschsucht, Luxus, Verschwendung, Intriguen, Ehebruch, Schamlosigkeit waren die Erscheinungen, welche die Gräfin von Wildhausen von Kindheit an umgeben hatten. Die Bedeutung der Besuche Lord Bute's bei der Prinzessin von Wales waren ihr schon in der Kindheit keine Geheimnisse mehr gewesen.

Die Skandale in den letzten Tagen der Regierung Georg's II. und zu Anfang der Regierung Georg's III. drangen bei der unbeschränkten Oeffentlichkeit bis in die erbärmlichsten Hütten, warum hätten sie nicht nach Carltonhouse dringen sollen?

Wenn Herzoge öffentliche Dirnen heiratheten und zum Lever führten, und Herzoginnen Kutscher zu ihren Gatten machten oder etwas noch Schlimmeres thaten, wenn die vornehmsten Damen sich offen mit Dingen, die man in andern Städten möglichst zu verbergen suchte, rühmten, ist es da zu verwundern, wenn solche Neigungen und Wünsche in dem Herzen Melusinens von Alvensleben entstanden, wie wir sie im weitern Verlaufe sehen werden, zumal Meisenburgisches, vielleicht gar königliches Blut in ihren Adern heißer wallte als bei der Mehrzahl von Menschen? War es ihre Schuld, daß die Herzogin von G. sie, die kaum Achtzehnjährige, in ihre Liebschaft mit einem jungen kaum dem Knabenalter entwachsenen Jüten, dessen Liebe sie mit Diamanten erkaufte, eingeweiht hatte; daß die Patroneß, deren Schutz sie der Vater anvertraut, mit ihren Liebhabern wechselte? War es ihre Schuld, daß vom Parlament herab alles in England käuflich war?

Es gab nach der Ansicht der Gräfin zwei Sorten von Menschen, deren eine zum Herrschen und Genießen, die andere zum Dienen und Arbeiten geboren war. Unter der herrschenden Klasse seine Stellung zu nehmen und zu behaupten, diejenigen, die gleichberechtigt waren, und die man zum Dienen nicht zwingen konnte, mit Klugheit für seine Zwecke zu benutzen, und daneben so viel Vergnügen zu genießen wie nur möglich, das war nach der Philosophie der Gräfin die Bestimmung der bevorzugten Klasse. Vergnügen gewährt aber vor allem die Abwechselung, hatte ihr Elisabeth Chudleigh gesagt.

Die Gräfin hatte kaum ihre Gemächer betreten, während den mitgebrachten Gästen ihre Zimmer angewiesen wurden, als sie den Haushofmeister, den Verwalter und Rentmeister, die, der Dinge gewohnt, schon unten im Schlosse warteten, zu sich befehlen ließ, jeden einzeln natürlich. Der Haushofmeister hatte schon seit acht Tagen keine ruhige Stunde gehabt; er war ein alter treuer Diener ihres Vaters gewesen, an knechtischen Gehorsam gewöhnt; Angstschweiß lief ihm unter der weißgepuderten Perrüke auf das weiße Gilet, und seine in weißseidene Strümpfe gehüllten Beine zitterten; in solchen Respect hatte sich die Gräfin zu setzen gewußt.

»Hat Er die Einladungen auf morgen bestellt?« »Zu dienen, Excellenz!« »Wer wird morgen aufwarten, den ich noch nicht kenne?« »Soweit ich weiß, nur der Forsteleve Oskar Baumgarten, ein junger Mann, der die obere Karriere zu machen gedenkt.« »Wie sieht er aus?« »Gut gewachsen, Excellenz, und tüchtig gebräunt.« »Abtreten, Verwalter soll kommen.« Der Verwalter, der schon zu Lebzeiten des Großvaters im Dienst gewesen und seit des Vaters Herrschaft die Verwaltung der Güter besorgt hatte, war gleichfalls ein alter gebückter Mann und etwas schwerhörig. Er schien schon vorher schriftliche Befehle erhalten zu haben, denn er brachte Register und Acten in der Hand mit. Er mußte sich dicht vor die Gräfin stellen, die, um sich ihm verständlich zu machen, aufstand und ihren Mund seinem Ohre zuneigte. »Geht's mit dem Gestüt noch immer rückwärts?« »Leider ja, Excellenz.« »Besonderes Unglück?« fragte sie weiter. »Auch, da hat der Achill das Bein gebrochen und mußte getödtet werden. Den Ajax wollten die Bauern nicht einmal umsonst zum Springen, ist auch schon zu faul jetzt.« »Nichts verkauft?« »Außer den zwei dreijährigen Füllen, welche Excellenz für den Marstall in Hannover bestimmt hatten, an Private nichts, lieben hier nicht die dünnen Knochen des Vollbluts, sprechen von eigener hoyaischer Rasse.« »Und der Stallmeister?« fragte die Gräfin weiter. »Uebermüthig wie immer«, antwortete der Diener, »ist ihm alles Dreck an den Schuhen, der Mensch kann des Hafers nie genug kriegen.«

»So leg' Er nur die Papiere dahin und lasse den Rentmeister eintreten.«

Dieser war ein kleiner Mann mit grauen Haaren, grauen Augen und grauem Rock und Beinkleidern, dreieckigem Hute, den er unter dem Arm trug. Die Gräfin redete ihn freundlich an und lud ihn durch eine Handbewegung zum Sitzen ein, während sie selbst sich in einen Fauteuil warf.

»Excellenz«, begann der Alte, ohne von der Erlaubniß, Platz zu nehmen, Gebrauch zu machen, was ihn in der Gnade der Gräfin steigen machte, » haben mich gnädigst beauftragt, ein Verzeichniß derjenigen Ew. Gnaden Eigenbehörigen und Meier aufzustellen, welche sich in dem letzten Jahre verheirathet, und daneben Erkundigungen einzuziehen, welche davon gegenwärtig Kinder geboren haben und etwa tüchtige Ammen abgäben. Verheirathet sind im vorigen Jahre zwei Meier, ein Halbmeier, ein Köthner, ein Brinksitzer und vier Eigenbehörige. Von den Frauen haben drei im vorigen Monat Mai geboren, davon möchten indeß nur zwei zu Ammen tüchtig sein, die Frau des Vollmeiers Piepenbrink in Hengstenberg und die Frau des Vollmeiers Dummeier in Eckernhausen, beide gesunde, tüchtige Weiber mit gesunden, kräftigen Kindern.«

»Beide sollen zu Wagen abgeholt werden, morgen Mittag mit den Säuglingen hier sein. Nun, Lieber, hätte ich noch ein besonderes Anliegen, es soll in sechs oder acht Wochen zur Feier der Geburt eines Stammhalters, wie ich hoffe, ein großes Volksfest im Park gefeiert werden, daneben ein kleineres Zelt für die Gesellschaft. Es soll davon im Orte vorläufig so wenig wie möglich Gerede geschehen. Den Zimmerleuten ist daher das tiefste Schweigen aufzuerlegen. Die Risse zu den beiden Zelten habe ich mitgebracht, hier sind sie. Hat Er nun alles wohl verstanden?«

»Zu Befehl, Ew. Excellenz.«

Die Gräfin beschied Kammerjungfer und Kammerfrau, kleidete sich zum Souper an und nahm dieses mit den mitgebrachten Cavalieren ein, worauf man sich zum Spiel setzte.

Am andern Morgen elf Uhr war Empfang. Es blieb nicht eine Person aus, welche hoffte, bei den Einladungen Berücksichtigung zu finden, nur einige wenige Mitglieder des Herrenclubs, welche in frühern Tagen verschiedentlich ihre Aufwartung gemacht hatten, ohne je eine Einladung erhalten zu haben, blieben zu Hause, oder gingen vielmehr auf den Rathskeller, um dort einen Morgentrunk zu nehmen und natürlich auf alle diejenigen loszuziehen, welche zum Lever der Gnädigsten gegangen waren.

Es erfolgten übrigens nur einzelne Einladungen; es ward ein petit diner beliebt, der beiden Cavaliere wegen, die man nicht mit dem bürgerlichen Pöbel, welchen die Gräfin, weil es so hergebracht, bei sich sehen mußte, zusammenbringen wollte. Außer den am vorigen Tage eingeladenen Standesgenossen empfingen nur noch die Spitzen der Gesellschaft durch die Kammerdiener die Anzeige, daß die Gnädige sie nachmittags fünf Uhr zum Diner zu sehen wünsche.

Die nicht eingeladenen Herren begaben sich meistens nach dem Rathskeller, wo Herr Forstschreiber Haus seiner Erbitterung, nicht eingeladen zu sein, dadurch Luft machte, daß er den Forsteleven Oskar Baumgarten zur Zielscheibe seiner Witze machte, die das Thema behandelten, wenn er der Gnädigsten seine Entdeckungen über den Pavillon mitgetheilt hätte, würde dieselbe nicht unterlassen haben, ihn einzuladen. Alle, die mit Haus in einer Lage, das heißt, uneingeladen waren, schienen sich weidlich an diesem Spaß zu ergötzen, und Herr Krummeier, der Wirth, schmunzelte stärker denn je, denn er mußte sehr oft in den Keller, um eine Frische zu holen, bei welcher Gelegenheit er nie versäumte, nachzuprobiren, ob sein eigener Lieblingswein auch noch klar und rein sei.

Während sich die beiden Gäste der Gräfin im Billardzimmer zu unterhalten suchten, war diese in ihre Appartements getreten, wo Dr. Chappuzzeau sie stehend erwartete. Bald darauf wurden zwei Bauerfrauen mit Kindern auf dem Arme eingeführt, die eine war eine große, lange, beinahe männliche Figur, die Piepenbrink. Ihr Kind hatte schon im Vorzimmer geschrien und schrie hier noch mörderlicher. Die gute Frau war nämlich voll Ehrgeiz. Eine Stellung als Amme bei der Gräfin erhob sie in den dritten Himmel, und um sich qualificirter darzustellen, hatte sie ihr Kind hungern lassen. Daher das unaufhörliche Geschrei. Die Gräfin richtete ihre Blicke zunächst auf sie, die einen steifen Knicks machte und von der hohen Gnade zu sprechen anfing, welche – allein die Gräfin winkte ihr Schweigen, klingelte, der Kammerdiener erschien: »Die Frau kann nach Hause gefahren werden.«

Die Dummeier war eine kleine rundliche Figur mit blondem Haar, blauen Augen, glänzendrothen Backen, ihr Säugling, ein Mädchen, sog mit vollen Zügen an der Mutter Brust, welche sie offen zeigte.

Der Doctor lächelte zufrieden. »Ew. Excellenz«, sagte er, »wissen immer das Rechte zu treffen, ich würde der Dummeier unbedingt den Vorzug gegeben haben.«

Die Gräfin setzte sich und hieß die Dummeier näher treten.

»Wie alt ist Sie?«

»Drüttig Jahre, ähre Gnaden.«

»Wie heißt Sie?«

»Anne Marie Dummeier.«

»Wie kann Sie einen so dummen Namen haben?«

»Da möt ähre Gnaden ähren selgen Großvadern fragen. In genner Tiet harr de Anarwin van de Vullmeierstähe Nr. 1 in Eckenhusen ä Kind, woto se den Vader nich nönen dörfft. Aehr Großvader, de ohle selge Graf, gav ähr sinen Kutscher Johann ans Brägam, und hat düssen in'n Meierbrev Dummeier nönnt. Is aber nich mien Mann, dat Kind, was 'ne Deren. Mien Mann kamm erst, ans sien Vader Johann all fiev Jahr frehet härre.«

Die Gräfin schien zu begreifen. »Sie gefällt mir, kann meine Amme werden für guten Lohn.«

»Danke ähre Gnaden; Hans Dummeier's Nr. 1 Frue bruket nich fär Lohn to deinen.«

»Was, Sie weigert sich? Dummeier ist mein Meier, der Hof ist mein Eigenthum.«

»Neh, ähre Gnaden.«

»Was, nein? Ist es nicht so?«

»Weiht nich, ähre Gnaden, arwet doch de Hoff up miene Kinner, un dat Avmeiern geiht nich so lichte. Will woll dat gnädge Kind sogen, aber –«

»Aber? Will Sie mir Bedingungen stellen?«

»Ja, Gnaden, mott miene Anne Marie bie mie beholen, hebbe Melk fär tweh Kinner, un denn, wenn deselben entwähnt sind, mott ick'n Frebrev hebben fär mienen Mann. Schall'n frehen Meierburn währn, als mien Vader wöhr.«

»Sie gefällt mir, es sei, ich werde Sie rufen lassen, oder was besser ist, ich lasse Sie schon morgen abholen und sie richtet sich hier schon häuslich ein.«

Ehe Anne Marie antworten konnte, stand die Gräfin auf und reichte ihr die Hand. Sie sah das Kind, welches sie freundlich anlächelte, mit Wohlgefallen an, ließ es sich reichen und küßte es. Das gewann ihr das Herz der Mutter.

Nach drei Tagen gebar die Gräfin ohne Beschwerden. Es war aber kein Stammhalter, es war nur eine Tochter. Die Gräfin mochte das Kind, nachdem sie es gesehen, nicht leiden, sie wies es von sich, glich es doch dem ungetreuen Vater, dem russischen Gesandten in Berlin. Da sie selbst überreiche Nahrung für ein Kind hatte, ließ sie sich, wenn es ihr just beliebte, das Kind von der Anne Marie Dummeier bringen, um es an die Brust zu nehmen.

Für die begleitenden Cavaliere war das Ereigniß der Niederkunft das der Abreise.

Sie brachten dem Grafen die Nachricht, daß ihm eine Tochter geboren sei, und er stellte sich pflichtschuldig in Heustedt ein, um sich zu diesem glücklichen Ereigniß Glück wünschen zu lassen, und der Gemahlin sein Bedauern auszusprechen, daß für seine Lehngüter kein Erbe geboren sei.

Sechs Wochen später war Kindtaufe. Das Kind ward auf den Namen Olga getauft. Herren und Damen aus erster Gesellschaft waren zum Kindtaufsfest gebeten, und der landsässige Adel der Umgegend war zahlreich vertreten.

Die Herrschaften dinirten im Schlosse, während im Park in den auferbauten Zelten das Volksfest schon am Nachmittage begann. Das Hauptzelt genügte allen Ansprüchen. Es faßte die gesammte tanzlustige Welt Heustedts wie die zu dem Feste eingeladenen Meierleute und die nicht mit Aufwarten beschäftigten Dienstleute des Schlosses. Auf einem erhöhten Rundsitz in der Mitte hatte die Musik des nächstgarnisonirenden Husarenregiments Platz genommen. Nach vier Seiten von diesem Mittelpunkte erstreckten sich vier Tanzsalons mit gedielten Fußböden und Leinwandbedachung. Die Zwischenräume auf dem abgeschorenen weichen Rasen des Parks waren mit langen Tafeln, runden Tischen, Bänken und Stühlen bedeckt, um den Nichttanzenden Sitze zu gewähren.

Vor dem Tanzsalon, der nach dem großen Parkwege zum Schlosse mündete, war das Privatzelt der Excellenzen gebaut, ein türkisches Zelt von einem starken Holzgerippe mit Wänden und Bedachung von seinem rothen Wollstoffe, die, je nachdem Sonne oder Wind belästigten, verschiebbar waren. Es hatte Raum, um 20–30 Personen auf weichen Divans Platz zu geben, und war im Innern auf das comfortabelste eingerichtet. Rings um dasselbe waren auch die Boskets zu lieblichen Lauben und Gängen im Freien eingerichtet, um den speciellen Gästen die Möglichkeit zu gewähren, im Freien Platz zu nehmen, sich absondern und etwa eine Pfeife rauchen zu können, was einigen der alten Herren, Excellenz Wildhausen selbst an der Spitze, ein unerläßliches Bedürfniß war.

Der anschließende Salon war für die Tanzlustigen, welche schon vom heißen Nachmittag an sich diesem Vergnügen hingaben, freigelassen, in dem nächstfolgenden zur rechten Seite hatten sich die oststädter Bürger gesammelt, nach Süden zu tanzten, auf Rath des Hofmeiers: »weil weit vom Schloß und nahe beim Bier der beste Platz sei«, die Dienstleute und einige Dutzend von den Meierbauern der Gräfin, dann rechts vom gräflichen Salon die Weststädter.

Hinter dem Salon der Dienstleute waren Buden angeschlagen, in denen Kaffee und Kuchen, Bier und kalter Braten, Limonade und Mandelmilch nach Wunsch der Fordernden verabreicht wurde. Branntwein im Park zu trinken war streng untersagt, dagegen sollten am Abend einige Fässer Wein aufgelegt werden.

Bei dem Diner im Schlosse ging es gleichfalls hoch her, und war man viel vergnügter und freier als bei sonstigen Galadiners der Gräfin.

Das kam daher, weil man ganz unter sich war. Der Schloßprediger, der das Kind getauft hatte, war der einzige Bürgerliche in der Gesellschaft. Dann aber waren es nicht dieselben Gesichter, die man immer sah, die Landjunker aus der nächsten Nachbarschaft, ein immer lustiges Völkchen, wenn es etwas Gutes zu essen und zu trinken gab.

Der frühere Staatsminister und Chef aller Landescollegien in Bremen und Verden, der Geheimrath von Bodenhausen, ein alter College und Freund des Vaters der Gräfin, wie befreundet dem Grafen Wildhausen, hatte sich in Verden zum Besuch befunden und war eingeladen.

Er hatte seinen Stiefsohn bei sich, den erst kürzlich zum Regierungsrath in Lauenburg ernannten Friedrich Ludwig von Berlepsch, da er dessen früh zur Witwe gewordene Mutter, eine Tochter des Grafen von Hardenberg, geheirathet.

Bodenhausen war früher längere Zeit in England um Georg II. gewesen und konnte mit der Gräfin, die er zu Tische geführt, über Personen und Zustände des Hofs in London wie den des Prinzen von Wales plaudern. Der junge Berlepsch hatte sich die schöne Frau von Bardenfleth zur Tischnachbarin erkoren, deren Gemahl dadurch freie Hand bekam, die Landräthin von Vogelsang zu führen. Der Oberhauptmännin von Schlump wurde die hohe Ehre zutheil, von Excellenz von Wildhausen geführt zu werden. Herr von Teufel hatte die Excellenz Bodenhausen zur Nachbarin, das Kind Adele war von einem Husarenoffizier, Otto von Wangenheim, geführt. Jede Dame war mit ihrem Cavalier, und so umgekehrt, zufrieden, wie es selten bei größern Gesellschaften vorkommt.

Merkwürdigerweise waren zwei der Anwesenden Nachkommen jener beiden Ritter, die Luther auf seiner Rückreise von Worms bei der Luthereiche in der Nähe von Altenstein überfielen und in sichern Verwahrsam auf die Wartburg brachten, nämlich des Hund von Wangenheim und des Schloßhauptmanns von Berlepsch.

Man beschäftigte sich bei Tische aber mit ganz andern Angelegenheiten als dergleichen Erinnerungen, und wie man vom Tische aufstand, war die Baronin von Bardenfleth nicht nur sich bewußt, eine neue Eroberung gemacht zu haben, sondern die prüfenden Blicke, welche die Gnädigste bei Tische vom Vater auf den Stiefsohn geworfen, waren ihr auch Beweis, daß sie um diese Eroberung beneidet wurde.

Man hatte prachtvoll gegessen und Weine getrunken, die noch vom Großvater her im Keller lagen. Die griechischen und sicilianischen Dessertweine hatten das Blut der Damen schneller wallen gemacht, als man in den reservirten Park ging, den Kaffee einzunehmen. So schön auch hier alles arrangirt war, gar zu verlockend schallte vom Zelte her die Tanzmusik herüber, es trieb die Damen zum Tanz. Melusine hatte es schlau zu veranstalten gewußt, daß der Stiefvater den Stiefsohn zu seinem Stellvertreter herrief, um den Tanz der Crême zu eröffnen. Die Baronin Bardenfleth wurde blaß, als sie Berlepsch durch Excellenz Bodenhausen von ihrer Seite zu der Gräfin geführt sah, sie ahnte mit weiblichem Instinct die Absicht, und ihr Auge zauberte den Husarenoffizier zu ihr, der »das Kind« treulos verließ, das einen Landjunker aus dem benachbarten Hoya als Ersatz annahm.

Als die Herrschaften den reservirten Park verließen, um sich nach dem türkischen Zelte zu begeben, eilten Sendboden nach verschiedenen Theilen der Stadt.

Die Honoratioren, die Korn- und Amtsschreiber, Bürgermeister und Gerichtshalter, Aerzte und Advocaten, welche zum Diner keine Einladungen erhalten, hatten sich nämlich verabredet, nicht früher bei dem Volksfeste zu erscheinen, als bis die Gräfin erschienen sei. Es dauerte aber keine Viertelstunde, so fehlte niemand mehr, denn alle hatten des Augenblickes schon mit Sehnsucht geharrt und die Advocatinnen der Trias waren schon in dem entlegenern, an der Hohen Brücke belegenen Theile des Parks versammelt, um nichts zu versäumen.

Excellenz Melusine von Wildhausen und Berlepsch eröffneten den Tanz im vierten Salon. Man wollte in den übrigen Salons pausiren, aber die Gräfin befahl, daß dort fortgetanzt werde. Berlepsch tanzte schön, aber er trug nichts bei zu den Kosten der Unterhaltung, er war zerstreut, sein Blick schweifte oft nach Otto von Wangenheim und seiner Tänzerin. Selbst wenn der Cavalier minder stattlich gewesen wäre, würde Melusine, schon um die Bardenfleth zu züchtigen, nichts unterlassen haben, um denselben an sich zu fesseln. Und sie that ihr Möglichstes, ihre Blicke sprühten Feuer, alle ihre Bewegungen verriethen Leidenschaft, aber Berlepsch wurde nur stummer, kälter, zurückhaltender. Melusine glühte vor Zorn, als er sie ins türkische Zelt zurückgeführt hatte und sich nun sofort zur Baronin Bardenfleth wendete, sich bei ihr ziemlich laut entschuldigte, daß die Pflichten der Gastfreundschaft überwogen hätten über süßere Pflichten der Freundschaft, und er erst jetzt von der bei Tisch ihm gnädigst ertheilten Erlaubniß Gebrauch machen könne, um den nächsten Tanz zu bitten. Hätte die Gräfin auch kein Wort von dem verstanden, was Berlepsch sagte, während keine Silbe ihr entgangen war, der triumphirende Blick der Bardenfleth würde es ihr gesagt haben, daß diese über sie gesiegt.

Der Gegenblick loderte voll Haß und Rache, und sehr wahrscheinlich trug dieser Moment die Schuld, daß mehr als zwanzig Jahre später Berlepsch's Name in den Annalen der leidenden Menschheit einen Platz fand und ein Broschürenstreit im Lande der Welfen geführt wurde, der seinesgleichen nie wieder erlebt.

Die Gräfin, so exclusiv sie war, so sehr sie im Innern das Volk verachtete, konnte sich doch einem Volksfeste ganz hingeben. War es doch in ihrer Jugend in England Sitte gewesen, daß die vornehmsten Cavaliere sich in Bettlerkleider hüllten, um sich unter das Volk zu mischen, und daß einzelne Damen das nachahmten. Die Gräfin nahm den Arm Otto's von Wangenheim, um sich von ihm von Salon zu Salon führen zu lassen und in jedem derselben zu tanzen, freundliche Worte zu spenden, zum Vergnügtsein zu ermuntern. Man sah heute nichts von der Excellenz, man sah nur ein seltnes, liebedürstendes, liebenswürdiges Weib, bestrebt, allen ihren Gästen Vergnügen zu bereiten. Selbst dem eigenen Manne widerfuhr das noch nicht Geschehene, daß sie ihn umschmeichelte, ihn halb mit Gewalt nöthigte, mit ihr eine Menuet zu tanzen. Da die bürgerlichen Herren der ersten Gesellschaft es nicht zu wagen schienen, die Gräfin zum Tanz aufzufordern, so war sie selbst es, welche den Forsteleven Oskar Baumgarten zum Tanze entbieten ließ. Je mehr die Kühle des Abends hereinbrach, je mehr steigerte sich die Lust. Hinten beim Zelt der Dienerschaft wurden die Weinfässer aufgelegt, im türkischen Zelte und dessen näherer Umgebung die Champagnerflaschen entkorkt. Graf Wildhausen, Excellenz Bodenhausen und Landrath von Vogelsang saßen bei Austern und Rheinwein. Frau Landräthin wurde von dem Baron Bardenfleth zum Langtanz geführt, und er flüsterte ihr so viel zu, daß sie ein über das andere mal bis an den Hals erröthete. Die Frau von Bardenfleth und Berlepsch erholten sich vom Tanz in sentimentalen Betrachtungen über den Abendstern durch einen Spaziergang im Park und stießen dabei auf das Kind Adele, die mit dem Landjunker ähnliche Betrachtungen in einer beinahe ausgeblühten Jasminlaube anstellte.

Seitdem die Gräfin erschienen war, hatte man nur künstliche Tänze, wie sie das Volk nannte, getanzt, Menuets, Quadrillen, Ecossaisen. Die Gräfin befahl jetzt einen Walzer und schwebte in dem derzeit üblichen langsam rhythmischen Takt im Arme des überglücklichen Oskar Baumgarten dahin. Aber inmitten des Tanzes hielt sie inne, griff nach ihrem Kopfe und ließ sich durch den Tänzer in das türkische Zelt führen. Es gab keinen geringen Aufstand, man drängte sich von allen Seiten um dieselbe. »Frisches Wasser«, befahl sie mit aller Energie, »und Fortsetzung des Tanzes.« Man brachte Wasser. Der alte Haushofmeister eilte bestürzt herbei. Die Gräfin hatte sich erholt, sie flüsterte dem Haushofmeister einige Worte zu und befahl dann mit der Illumination des Parks zu beginnen. Ueber Hitze, beengte Luft und Kopfweh klagend, erbat sie sich den Arm ihres Tänzers zu einem Gange im Park. Excellenz schlug den nächsten Weg zum Geheimpark ein, wo schon der Haushofmeister sie empfing und das verschlossene Thor öffnete.

Nachdem sie sich auf der ersten Bank, wo damals, als Oskar zum Tempel geschlichen, der Haushofmeister schlief, einige Minuten ausgeruht und tief Athem geschöpft hatte, erhob sie sich anscheinend gestärkt, griff aber nach dem Arm ihres bisherigen Führers, der sie bis dahin lautlos angeschaut. »Geleite Er mich zum chinesischen Pavillon, dort ist die Luft freier, ich fühle mich in diesem Bosket, in diesem Rosenduft und Blumengeruch noch mehr beängstigt.«

»Wie Excellenz befehlen«, stammelte der Forsteleve.

Beide gingen einige Schritte schweigend, dann lehnte sich die Gnädigste näher an ihren Begleiter und sah ihn mit einem halb verschämten, halb herausfordernden Blicke an. »Ich sollte Ihm zürnen«, sagte sie lächelnd; »Er ist ein neugieriger Bursche, höre ich, hat meine Geheimnisse zu erlauschen gesucht, hat eine Zeichnung von meinem chinesischen Zimmerchen verfertigt und herumgebracht.«

»Gnädigste Excellenz«, sagte jener und senkte sich auf die Knie. »Verzeihung, ich wußte nicht, was ich that, ich hatte keine Ahnung, welche Göttin –«

»Stehe Er auf«, sagte sie streng, »ich halte Ihn für einen wohlerzogenen Mann und verzeihe Ihm. Zum Beweis dessen werde ich Ihm die Geheimnisse des Pavillons zeigen. Wird Er schweigen können?«

Der Jüngling faßte die Hand und drückte einen Kuß auf den Handschuh, abermals bereit, auf das Knie zu sinken.

»Laß Er das! Finde ich Ihn verschwiegen und treu, so kann Er meiner Protection sicher sein«; und sie zog die Handschuhe aus und reichte ihm die weiße schöne Hand zum Kusse.

Der entzückte Forsteleve geleitete die Gräfin auf demselben Wege zum Pavillon, den er vor acht Wochen entdeckt, sein Puls klopfte auf dem Wege durch das Buschlabyrinth, auf dem die Gräfin voranschritt, noch schneller als damals, und beinahe athemlos kam er oben an. Die Gräfin ließ ihn verweilen, während sie die Thür öffnete.

Die Tanzmusik hatte aufgehört, aus dem Park erscholl ein unbestimmtes Geräusch, hier und da wurden Lampions und bunte chinesische Laternen sichtbar. Plötzlich erscholl ein lautes, zischendes Geräusch, ein Dutzend Raketen flog in die Luft und ein tausendstimmiges Ah! wie einzelne Bravos erschallten. Ehe es noch wieder dunkelte, hatte die Gräfin Oskar's Hand ergriffen, ihn in das chinesische Zimmer geführt, das erleuchtet war, und dasselbe geschlossen. –

Den drei Fürsprecherinnen der Trias war heute eine beinahe übermenschliche, mindestens überweibliche Arbeit zugefallen.

Sie hatten sich stillschweigend vereint, die Gräfin und alles, was in Beziehung auf sie und ihre Gäste vorging, zu beobachten, aber ebenso waren sie förmlich erpicht darauf, die Nebenbuhlerinnen ihrer Patronessen zu beobachten, und wenn es ging, diese vor den Beobachtungen ihrer Genossen zu schützen, deren Beobachtungen abzulenken. Gab nun freilich die Oberhauptmännin von Schlump keine Ursache, die Aufmerksamkeit der Frau Amtsschreiberin Motz von ihrem Ziele abzulenken, so desto mehr das Kind Adele, in dem der Syrakuser eine ganz besondere Lebhaftigkeit erregt hatte. Man kannte das schüchterne Kind kaum wieder, die sonst matten blauen Augen glühten und sahen sich begehrlich um, die Schönpflästerchen waren von Schweiß mitsammt der rothen und weißen Schminke in eine gewisse Flüssigkeit gekommen, die keineswegs zur Erhöhung ihrer Schönheit beitrug, dennoch war es der Amtsschreiberin unmöglich, näher zu ihr zu treten, da sie entweder im Kreise der Tanzenden weilte oder mit ihrem Tänzer promenirte.

Fräulein Emilie Bardeleben wußte gar nicht, was sie heute von ihrer Freundin, der Landräthin von Vogelsang, denken sollte, der Baron Bardenfleth auffallender als jemals die Cour machte, und doch interessirte sie noch mehr das intime Verhältnis, das sich in so kurzer Zeit zwischen der Baronin und dem fremden Regierungsrath entsponnen, sowie die ausnehmende Herablassung und Liebenswürdigkeit der Gräfin. Jungfer Puvogel war erzürnter auf das »dicke Weib« als auf die Gräfin, denn diese blieb nicht ewig in Heustedt, wenn aber die Vogelsang ihrer Gönnerin vorgezogen würde, das wäre ja zu schlecht. Nur Fräulein von Spitznas blieb sich treu, sie ließ, soweit sie folgen konnte, keinen Schritt und Tritt, keinen Blick, keine Handbewegung der Gnädigsten aus dem Auge, und sie hatte richtig combinirt, als sie sich schon vor deren Schwindelanfall aus dem türkischen Zelt entfernte und dem reservirten Park auf Um- und Schleichwegen zueilte.

Aber sie sah nur die Thür hinter der Gräfin und Oskar schließen, genug freilich für Médisance, wenn auch zu wenig für ihren Wissensdrang. Das Feuerwerk, welches auf dem Hochwiehe abgebrannt wurde, zog den bei weitem größten Theil der Zuschauer nach dem Theil des Parks, wo dieser an die Graft stieß.

Feuerräder und Feuerregen, Feuertöpfe und bengalische Flammen wechselten mit Raketen und Schwärmern, welche letztere oft auch im Park selbst im Gebüsch aufknallten und die Zuschauer auseinandersprengten.

Nur die alten Herren waren bei der Flasche geblieben. Plötzlich stand die Gräfin unter ihnen und forderte sie auf, vor das Zelt zu treten. Es erfolgten einige Kanonenschläge und dann erglänzte in entgegengesetzter Richtung von dem bisherigen Feuerwerke, nach der Stadtseite zu, wo eine Reihe von italienischen Pappeln die Stallgebäude vom Park schied, ein neues Feuerbild. In dieser Pappelreihe bis zu den obersten Spitzen trat der Namenszug des Grafen und der Gräfin mit der Grafenkrone darüber, und darunter der Name Olga in Brillantfeuer hervor.

Alles drängte jetzt nach dieser Seite. Als die Namenszüge nach und nach erloschen, erglänzte der ganze Platz vor dem türkischen Zelt in rothen und weißen bengalischen Flammen, und der Rentmeister führte einen Zug Dienerschaft und Bauern vor das Zelt, welche die gnädige Herrschaft und die Comtesse Olga hochleben ließen.

Das Volk stimmte ein, bis sich die Musik wieder an ihren Platz begab und von neuem zum Tanz aufspielte.

Im Gedränge des Feuerwerks hatte ein Aufpasser den andern aus den Augen verloren und war namentlich Fräulein Spitznas sehr erstaunt, die Gräfin vor dem Zelte an der Seite ihres Gemahls wiederzufinden, während sie selbst doch den Eingang zum Geheimpark in der ganzen Zeit nicht aus den Augen gelassen.

Obwol man bis tief in die Nacht tanzte, hatte doch Herr von Berlepsch nicht mehr die mehrfach erbetene Gnade eines Tanzes mit der Gräfin erlangt. Nur auf Veranlassung der Baronin von Bardenfleth hatte sich Berlepsch zu der Bitte um diese Tänze bequemt.

Das Sommerfest würde noch länger, bis an den Morgen gedauert haben, hätte nicht plötzlich ein heftiger Windstoß schwarze Wolken über den bisher sternenhellen Horizont hergetrieben, rollender Donner und Wetterleuchten sich von Westen geltend gemacht. Das Fest gab aber den Heustedtern, der Societät sowol als dem Volke, Stoff zum Klatschen auf ein Jahr.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.