Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Oppermann >

Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
Schließen

Navigation:

Während der Jahre der Theuerung von 1817 und 1818 hatte Haus eine Landschaftsordnung ausgearbeitet, die aber für viel zu freisinnig befunden wurde. Als im October 1819 die Stände des Herzogtums Braunschweig und Fürstentums Blankenburg durch den Grafen Münster im Namen des Prinz-Regenten eröffnet wurden, da fehlte es nicht an den tagesüblichen banalen Phrasen: »Wir leben in einer Zeit, da eine Menge theils gutmüthiger, theils aber auch arglistiger Schwärmer sich berufen fühlt, dem Volke ihre auf bodenlose Theorien gebauten Verfassungsplane anzupreisen und alles Bestehende als veraltet und schlecht darzustellen u. s. w.«

Karl Haus, der als Besitzer des Hauses Finkenstein auf dem Landtage Sitz und Stimme hatte, glaubte diese Expectoration auf seinen Entwurf beziehen zu müssen und war nicht wenig erstaunt, als er selbst kurz darauf zum Präsidenten des neuerrichteten Obersteuer- und Schatzcollegiums ernannt wurde. Dies fesselte ihn mehr an Braunschweig selbst, und der Finkenstein wurde lediglich Sommeraufenthalt. Die Zerstreuungen Braunschweigs waren seiner Frau genehm, denn obgleich es keine Residenz war, hatte das Ministerium es doch für angemessen erachtet, das Hoftheater nicht eingehen zu lassen. Es war einer Gesellschaft von Actieninhabern verpachtet und erhielt außerdem einen kleinen Zuschuß.

Prinz Karl, um den sich in Braunschweig schon allerlei Geschmeiß gedrängt und ihn als künftigen Fürsten mit Adoration umräuchert hatte, war mit einem in der Hofhaltung des Herzogs von Clarcene angestellten Kammerherrn von Linsingen nach Luzern gesendet, ein Herr Eigener leitete die geistige Ausbildung. Der Herzog hat über diese viel geklagt und öffentlich behauptet, Graf Münster und sein königlicher Oheim hätten es darauf angelegt, ihn körperlich und geistig zur Regierung unfähig zu machen.

Wer den Dingen etwas näher stand, wie unser Freund in Braunschweig, der mußte einsehen, daß das Verleumdung war. Was hätte es auch nützen sollen, den Herzog Karl unfähig zu machen, während sein Bruder sich in Göttingen eines guten körperlichen und geistigen Wohlseins erfreute? Vielleicht war es falsch, ihn mit Herrn von Dörnberg nach Wien in die Schule Metternich's zu senden, ihn zum Genossen von Don Carlos zu machen, allein Wien galt damals als die hohe Schule des Absolutismus, und dieser stand auf der Tagesordnung.

Die Zornmüthigkeit des Herzogs, als er am 23. October 1823 zur Regierung gelangte, wenn sie nicht lediglich und allein in seiner Herrschbegierde lag, muß andere Gründe gehabt haben als die öffentlich vorgeschobenen: die Verlängerung seiner Minderjährigkeit bis zum beendeten achtzehnten Lebensjahre, die Erlassung jener Landschaftsordnung und die Verpachtung des Theaters.

Genug, der Herzog erklärte bei Antritt seiner Regierung alle Verordnungen, welche vom 30. October 1822 an erlassen waren, für ungültig, weigerte sich, die Verfassung anzuerkennen, und sprach seinen offenen Haß aus nicht nur gegen den Minister von Schmidt-Phiseldeck, sondern gegen alles, was mit der Verfassung zusammenhing. Auch den Präsidenten des Obersteuer- und Schatzrathscollegiums traf sein erklärter Unwille.

Haus und seine Gemahlin hatten sich eben eingelebt. Die Ecken, welche die Verschiedenheit der Charaktere, Wünsche und Strebungen in der Ehe zu Tage gefördert, waren abgeschliffen, unser Freund durch eine ihm zusagende Beschäftigung, Olga durch das Leben in Braunschweig selbst zu besserer Zufriedenheit gelangt, als jenes persönliche Regiment in Braunschweig begann, das später in Hessen-Kassel Nachfolge und weitere Ausbildung gefunden hat.

Der Präsident des Schatzcollegiums war dem Herzoge aus mehrern Gründen zuwider, zunächst weil er vom Grafen Münster angestellt war und einen Posten bekleidete, den der Herzog haßte, sodann weil er von bürgerlicher Familie stammte. Hatte sich die Vormundschaft schon durch Erlaß einer Landschaftsordnung des Eingriffs in die Souveränetätsrechte schuldig gemacht, so sah der Herzog in dem Obersteuer- und Schatzcollegium lediglich eine Art ständischen Ausschusses, der ihn unter Controle oder Vormundschaft der Landstände setze. Bei der ersten Vorstellung unsers Freundes hatte der neunzehnjährige Herzog den beinahe dreimal so alten Mann wie einen dummen Jungen behandelt. Die Kränkungen und Zurücksetzungen häuften sich gegen alle, die während der Zeit der Vormundschaft irgend bei der Regierung betheiligt gewesen waren.

Karl Haus wurde dadurch gestählt, seine alte Energie wurde wach gerufen. Als drei Jahre vergangen waren, ohne daß der Herzog die Stände zusammenberufen hatte, erinnerte er den Fürsten in aller Unterthänigkeit an die Existenz der Landschaftsordnung und das Bedürfniß des Landes nach Zusammenberufung der Stände. Er hatte dazu als Präsident des Collegiums die Befugniß und die Pflicht.

Der Herzog ignorirte das und ertheilte dem Legationsrath Klindworth unumschränkte Vollmacht zur Veräußerung von Domänen und Staatsgütern. Das war Verfassungsverletzung; Haus protestirte dagegen im Namen des Schatzcollegiums. Er hätte schon längst seinen Abschied gefordert, wenn er das nicht für Feigheit gehalten hätte. Auch hatte ihn das Beispiel von Schmidt von Phiseldeck gelehrt, daß man nichts ausrichte. Schmidt war unbegütert, er konnte sich nach Hannover zurückziehen, um dort Landdrost zu werden, wenn auch von Steckbriefen gleich einem Verbrecher verfolgt, Haus konnte seinen Finkenstein nicht im Stiche lassen.

Zu diesen öffentlichen Sorgen kamen nun noch häusliche. Olga erkrankte; Erkältung hatte ihr ein rheumatisches Leiden zugezogen, das sie an das Haus fesselte. Sie war eine sehr ungeduldige Kranke, mit der ihre Gesellschafterin, die Kammerjungfer und Karl selbst viel auszustehen hatten. Victor Justus hatte schon bei dem Hauslehrer keine besondern Fortschritte gemacht, Lateinisch und Griechisch war ihm nicht beizubringen; auf dem Carolinum in Braunschweig excellirte er durch wilde Streiche; in Göttingen hatte er große Schulden gemacht, aber nichts gelernt, und der Vater mußte einwilligen, daß er in ein hannoverisches Husarenregiment als Offizier eintrat.

Heloise entbehrte der mütterlichen Erziehung, sie mußte, als die Mutter nun auch noch krank wurde, in eine Pension gegeben werden.

Dazu drängten die öffentlichen Angelegenheiten gerade in dieser Zeit hart auf den Besitzer ein; die Stände hatten 1829 von ihrem Selbstconvocationsrechte Gebrauch gemacht und dann Beschwerde bei dem Bunde geführt, welcher sich schon in zwei Sachen gegen den Herzog erklärt und demselben aufgegeben hatte, das Patent vom 10. Mai 1824 zurückzunehmen und einen in Sachen des widerrechtlich des Landes verwiesenen Oberjägermeisters von Sierstorpff eigenmächtig cassirten Rechtsspruch wiederherzustellen. Es war sehr wahrscheinlich, daß die hohe Versammlung sich auch der Landstände annehmen und dem Herzoge aufgeben werde, die Landschaftsordnung anzuerkennen.

Herzog Karl, um der ihm drohenden Bundesexecution aus dem Wege zu gehen, begab sich im Frühjahr 1830 nach Paris. Für die kranke Olga hatten die Aerzte die Bäder von Teplitz angeordnet, und ihr Gemahl, der sie dahin begleiten wollte, bat den Herzog um Urlaub. Dieser ward abgeschlagen, die Kranke mußte ohne den Gemahl reisen.

Das Misregiment wurde von Paris aus fortgesetzt, das Kammercollegium, welches die Staatsgüter verwaltete, wurde gegen die Verfassung aufgelöst, eine herzogliche Verordnung verbot den Staatsdienern, ohne Urlaub sich nur Eine Nacht aus ihren Wohnungen zu entfernen. Nachdem die aufgesparten Summen aus allen Verwaltungszweigen in Paris vergeudet waren, wurde nicht nur der Verkauf von Grundstücken, Forsten, Zehnten, Diensten immer rascher und in größerm Umfange betrieben, sondern sogar der Etat für herrschaftliche Bauten und Forstculturen für das Jahr 1830 gestrichen, um in Paris mit Tänzerinnen vergeudet zu werden.

Dennoch fühlte man in Braunschweig die Abwesenheit des Herzogs als eine Erleichterung.

Während Olga in Teplitz weilte, erhielt ihr Gemahl eines Tages von König Georg IV. für sich und seine Nachkommen die Erhebung in den Adelstand als Freiherr Karl Haus von Finkenstein. In dem beiliegenden Begleitschreiben des Grafen Münster erklärte dieser, da dem Vernehmen nach der Herzog Karl sich undankbar bezeige gegen die Verdienste, die sich der Präsident des Obersteuer- und Schatzcollegiums um das Land erworben, so habe sich Se. Majestät der König bewogen gefunden, diese Verdienste des unter seiner Vormundschaft Ernannten dadurch anzuerkennen, daß er denselben in den Freiherrenstand erhebe u. s. w. Haus war sehr erstaunt über diese Standeserhöhung, die er in keiner Weise nachgesucht hatte; ja ihm war die Sache in mehr als Einer Beziehung unangenehm. Zunächst würde niemand glauben, daß eine solche Erhebung ohne sein Zuthun erfolgt, jedermann würde denken, daß sie auf seinen Antrag geschehen sei. Das verletzte aber sein Ehrgefühl, denn er wollte nur nach seinem Selbstwerthe beurtheilt sein, nicht nach einem ihm ohne seinen Willen gegebenen Range oder Stande; er hielt den Unterschied der Geburt überhaupt für einen der unvernünftigsten, die existiren könnten, denn er hatte in seinem Leben so viele hochgeborene Menschen gekannt und kannte aus der Geschichte und seinen Erlebnissen in Neapel sogar Höchstgeborene, welche in allen menschlichen Dingen tief unter sehr Niedriggeborenen standen. Sich nun durch eine Fiction, denn für etwas anderes hielt er die Adelsverleihung nicht, in den Stand der Höhergeborenen versetzen zu lassen, das erschien ihm für den Bürgerstand, in welchem er geboren, ebenso schmählich, als wenn ein Adelicher, der zu gemeiner Criminalstrafe verurtheilt war, zum Bürgerlichen degradirt wurde. Dazu kam aber, daß diese Standeserhöhung jedenfalls seine schon ungünstigen Beziehungen zu dem Herzoge noch verschlimmern würde, welcher darin seiner Art nach nothwendig einen Eingriff in seine Sonveränetät erkennen mußte. Was war da zu thun? Eine Ablehnung schien kaum möglich.. aber eine Ignorirung däuchte ihm die beste Bestrafung für Graf Münster, der nach seiner Ansicht hier unverantwortlich handelte, als er die Standeserhöhung bei dem Könige ohne vorherige Anfrage bei ihm selbst beantragte.

Hätte unser Freund gewußt, daß seine Gemahlin auf Bitten ihres Sohnes, des Lieutenants, den Grafen Münster um diese Titelerhöhung angegangen war, er würde in seinen alten Tagen noch mürrischer und zorniger geworden sein, als er es war.

Nun traf mit der Nachricht von der französischen Julirevolution zugleich die seiner Standeserhöhung durch die kleine dreimal wöchentlich erscheinende officielle »Hannoversche Zeitung« ein, und der ihm befreundete braunschweigische Adel kam von weit und breit nach Finkenstein, um seine Glückwünsche abzustatten.

Das waren schlimme Tage für unsern Freund, zumal auch die kranke Olga einigermaßen hergestellt von Teplitz zurückkehrte und sich dem Chore der Gratulanten beigesellte, ja so unvorsichtig war, merken zu lassen, daß sie selbst die Urheberin der Standeserhöhung sei. Karl war innerlich so aufgebracht, daß er nach einer schlaflosen Nacht den Entschluß faßte, die Freifrau Haus von Finkenstein mit Sohn und Tochter sich des Glücks, wieder dem Adel anzugehören, freuen zu lassen und nach Amerika zu gehen, wo Grant und seine Gattin, Georg Baumgarten mit seiner Agnese in glücklichsten Familien und sonstigen Verhältnissen lebten, höchstens misvergnügt darüber, daß ihre politische Partei, die Föderalisten, noch immer nicht zu einem Siege bei der Präsidentenwahl hatte durchdringen können. Er suchte die Briefe zusammen, die er seit den letzten Jahren aus Amerika bekommen, und las sie noch einmal.

Hier einer mit einem Trauerrande lag obenauf gebunden; es war die Anzeige von Bollmann's Tode. Der Brief, vom Januar 1822 datirt, lautete in Beziehung auf das schmerzliche Ereigniß: »Dein treuer Freund, Justus Erich Bollmann, er ist am 10. December vorigen Jahres in Kingston in Jamaica an einem hitzigen Fieber gestorben; wir erhielten die Nachricht davon erst vor wenigen Tagen und hatten die traurige Pflicht, der lieben Karoline und Elisabeth, seinen Töchtern, die noch immer in England leben, die Trauerbotschaft zu verkünden. Wir haben sie eingeladen, zu uns herüberzukommen und hier zu leben, wo ihr Vater durch seine Entdeckung weit über eine ganze Landschaft Segen verbreitet und zur Blüte Pittsburgs mehr beigetragen hat als ein anderer, denn was wäre Pittsburg ohne Eisen und Kohlen? Wir würden beiden Schwestern eine lebenslängliche Pension angeboten haben, hätten wir nicht in Erfahrung gebracht, daß Bollmann in England in besser geordneten pecuniären Verhältnissen lebte als hier, wo er von einem Project zum andern übersprang. Er hatte seine letzte chemische Erfindung, aus Spiritus Essig zu bereiten, in England sehr theuer verkauft und den Ertrag sicher belegt; seine Speculation machte er, wie Du weist, schon seit 1814 für das Haus Baring, in dessen Interesse er auch nach Westindien reiste, wo er seinen frühen Tod fand. Er ist nur zweiundfunfzig Jahre alt geworden, welches segensreiche, thätige Leben hat aber der Mann gelebt? Doch Du, lieber Schwager, kennst ihn ja besser als ich, kennst ihn von Jugend auf.

»Georg Baumgarten ist schon damit beschäftigt, eine Pyramide, die wir in Eisen gießen und im Parke oder auf dem Nußbaumberge aufstellen wollen, zu seinem Andenken zu modelliren, meine liebe Heloise hat den Gedanken gehabt und die erste Zeichnung gemacht.«

Karl blätterte weiter, er stieß auf ein Packet Zeitungen und Schriften aus dem Jahre 1820. Sein Schwager Grant hatte damals als Congreßmitglied für Pittsburg seine Stelle eingenommen und die in jener Zeit schon drohende Trennung der Sklavenstaaten von dem Norden bei Gelegenheit der Aufnahme Missouris als Staat dadurch abwehren geholfen, daß er unter den einhundertdreiundvierzig Abgeordneten sich befand, welche am 6. März für das Gesetz stimmten, daß in allen Ländern nördlich von 36½ Grad Breite die Sklaverei auf ewige Zeiten untersagt sein solle.

Vor ihm lagen die Reden des Rufus King für die Aufnahme Missouris unter der Bedingung, daß dort keine Sklaven gehalten würden, und die des William Pinkney von Maryland und des Charles Pinkney aus Südcarolina für die unbedingte Aufnahme des neuen Staats, der kraft seiner Souveränetät befugt sei, wenn er wolle, die Sklaverei einzuführen. Unser Freund hatte sich auch in Deutschland viel mit der Frage beschäftigt, und es erging ihm wie dem alten Jefferson, die Sklavenfrage schreckte ihn auf, so oft er daran dachte, wie die Feuerglocke zur Mitternachtstunde, und erfüllte ihn mit Angst und Schrecken.

Er nannte den Fortbestand der Sklaverei Hochverrath gegen die schönsten Hoffnungen der Menschheit und sah in der Umschiffung der Klippe am 6. März 1820, an welchem Tage auch Grant seine Jungfernrede gehalten hatte, nur ein Hinausschieben der Frage, deren grundsätzliche Erledigung entweder die Trennung des Südens von dem Norden oder seine Unterwerfung zur Folge haben mußte.

Er band das Packet zu und griff nach einem Briefe von späterm Datum, vom Weihnachtstage 1824. Der Brief war von Heloise, sie schrieb. »Es ist Charltonhouse, wie wir unsern neuen, durch Holz und Park von den Hohöfen und ihrem Schmuz wie von dem Gelärm der Fabrik entfernten Wohnsitz, mit der Aussicht auf den Monongahela, Dir zu Ehren genannt haben, eine große Freude zutheil geworden. Wir hatten acht Tage den ›Gast der amerikanischen Nation‹ zum Gast, den General Lafayette. Niemals, in keinem Staate der Welt, ist ein Mensch von einem ganzen Volke mit solchem Enthusiasmus empfangen und so hoch geehrt wie Lafayette, daß das schönste amerikanische Kriegsschiff zu seiner Verfügung nach Frankreich gesandt, ihn auf amerikanischem Boden an das Land setzte. Alle waren einig, Föderalisten und Republikaner, Freunde der Sklaverei wie ihre Gegner, Schutzzöllner und Freihändler!

»Mein Mann, der in Washington war bei dem Empfange ›des Wohlthäters Amerikas und der Menschheit‹, weiß nicht genug zu rühmen, wie überwältigend es war, als Präsident Monroe, umgeben von seinen Ministern und allen höhern und niedern Bediensteten, dem General entgegenging und ihn umarmte. Noch großartiger war eigentlich der Empfang im Repräsentantenhause. Schon außerhalb des Thores erwartete ihn ein Ausschuß, der ihn in das Haus einführte, wo er von allen Mitgliedern des Kongresses mit entblößtem Haupte empfangen wurde und der Sprecher Henry Clay ihn anredete und ihm den Dank der Nation darbrachte.

»Aber wir Amerikaner haben es nicht bei schönen Worten bewenden lassen; Lafayette erhielt eine Dotation von 200000 Dollars in sechsprocentigen Obligationen und einen ganzen Stadtbezirk zu Florida im Umfange von 23000 Morgen Landes, von denen jeder Morgen heute mindestens 10 Dollars werth ist, in zehn Jahren vielleicht das Doppelte oder Dreifache.

»›Unsere Pflicht‹, sagte mein Mann, ›ist es, dafür zu sorgen, daß ihm unter allen Verhältnissen nicht blos für sich selbst die Unabhängigkeit bewahrt werde, sondern auch die Mittel bereit stehen, um die Freiheitsbestrebungen seines Volkes zu fördern, denn alle unsere Staatsmänner, die Frankreich kennen, der alte Jefferson an der Spitze, glauben, daß die Bourbonenwirthschaft in Frankreich sich auf die Dauer nicht behaupten könne, und daß dieses Land einer neuen Krisis entgegengehe.‹

»Lafayette hatte gegen meinen Mann den Wunsch zu erkennen gegeben, die Töchter seines Befreiers, die in Pittsburg in ihrem eigenen Hause leben, das Bollmann zur Zeit des Dampfmühlenprojects erbaute, zu besuchen, Grant lud ihn selbstverständlich ein, damit er das Denkmal sehe, welches unser Hüttenetablissement seinem wahren Erfinder und Gründer gesetzt habe. Der General nahm die Einladung an und brachte bei uns die letzten acht Tage zu. Du glaubst nicht, welch ein bescheidener Mann Lafayette ist; es hat sich das nicht nur in allen seinen öffentlichen Reden gezeigt, sondern noch mehr im Privatumgange. Er wollte Bollmann's Töchtern einen Theil der ihm geschenkten Renten überlassen, diese weigerten aber die Annahme, da sie gegen Nahrungssorgen reichlich gedeckt sind. Sie baten ihn um das Blatt Papier, das der General aufbewahrt hatte und bei sich führte, in welchem ihr Vater in Olmütz die erste schriftliche Anknüpfung mit ihm gesucht hatte. Dagegen erwies er nun ihrem Vater eine Ehre besonderer Art. Du erinnerst Dich des höchsten Hügels der Bergkette, der von unserer jetzigen Wohnung zu dem Fabrikplatze gewendet liegt; derselbe war früher ganz mit Nußbäumen bestanden und gewährte keine Aussicht. Wir haben die Nußbäume abgeholzt und von den schönsten Schlacken der Hütte ein dreißig Fuß hohes Piedestal erbauen lassen, auf welchem die Pyramide aus Gußeisen funfzig Fuß hoch zu Ehren Bollmann's steht. Die Embleme und Verzierungen, zum Theil von meiner Erfindung, aber durch unsere Zeichner gebessert und ausgeführt, beziehen sich auf seine vielseitige praktische Wirksamkeit diesseit und jenseit des Oceans, verbunden mit der Thätigkeit seines Freundes Robert Fulton, die wir jetzt täglich vor Augen haben, wenn Dutzende von Dampfschiffen den Ohio hinauf- und herabfahren.

»Auf der Frontseite, der Fabrik zugekehrt, steht in einem Lorber- und Eichenkranze in goldenen Lettern: ›Dem Andenken des Finders dieser Eisengruben und Gründers dieser Anstalt, Justus Erich Bollmann, geboren in Hoya im Jahre 1769, und seines Freundes und Mitwirkenden Robert Fulton.‹

»Die Rückseite trug einen gleichen Kranz, noch leer. Georg Baumgarten hatte nun den glücklichen Gedanken, daß Lafayette eigenhändig den hintern Kranz mit einer Inschrift versehe, wozu sich dieser bereit erklärte und die Worte wählte: ›Dem Andenken des Freundes und Retters eigenhändig gestiftet. Lafayette.‹ Er selbst hat alle goldenen Buchstaben dieser Inschrift eigenhändig mit den vorher einprobirten Stiften festgeschlagen. Das war ein Fest, bei dem aus der Stadt so viele Theilnehmer zugegen waren, als der Hügel fassen wollte, und seitdem kommen täglich Tausende aus allen Himmelsstrichen, um diese eigenhändige Arbeit des Generals anzustaunen. Es sieht in diesen Weihnachtstagen in unserm Parke und Holze aus wie auf einem Jahrmarkte, und der Zudrang würde noch größer sein, wäre der General in Begleitung Grant's und anderer Congreßmitglieder gestern nicht abgereist zu dem großartigen Festessen, welches der Congreß am 1. Januar dem Gefeierten gibt.

»Ich habe in diesen Tagen nichts mehr bedauert, als daß ihr, Du, liebe Olga, mit Deinem Gatten, nicht bei dieser Feierlichkeit gegenwärtig sein konntet; und übertreibe nicht, wenn ich sage, daß wir von Millionen Amerikanern beneidet werden um die Ehre dieses Besuchs, denn die Verehrung, welche unsere Landsleute, wie ich mit Stolz jetzt sage, dem Greise zollen, steigert sich noch täglich. Ich glaube, liebe Schwester, Du würdest, wenn Du in Amerika ausgehalten hättest, Dich hier glücklicher fühlen als in euerm Deutschland, denn was Dein Mann über den jungen Herzog schreibt, läßt nicht hoffen, daß er sich dort so glücklich fühlt wie Du.«

Es folgten eine Menge Briefschaften, welche die Tariffrage und die dabei aufs neue hervortretende Verschiedenheit zwischen Norden und Süden behandelten. Karl legte sie zu den gelesenen. Ein Brief vom Jahre 1828 enthielt die Nachricht, daß das Etablissement die dritte Pferdeeisenbahn in Nordamerika, vom Fabrikplatze zum Flusse hinab, gebaut habe.

Einer der letzten Briefe vom März 1829 klagte freilich gar sehr über die Wahl Jackson's zum Präsidenten, und wie sich seit Eröffnung des Congresses in Washington die Jackson-Leute breit machten, unter ihnen als Abgeordneter aus Südcarolina besonders auch der frühere Prediger Schmidt, der sich jetzt Booths nenne und Besitzer einer größern Plantage sei.

Wenn es sich in Amerika um politische Fragen handelte, so waren das, dachte Karl, doch Fragen von der ungemeinsten Wichtigkeit, an denen das Wohlergehen von Millionen Menschen, das Zusammenbleiben der Staaten mit verschiedenen Interessen in der Union abhing, von welchen deshalb auch der ganze Mensch ergriffen wurde.

Welch erbärmliche persönliche Fragen waren es dagegen, um die sich hier in Braunschweig alles drehte und die man Staatsfragen nannte? Denn schließlich kam doch alles daraus hinaus, ob der Staatsrath Bosse die Verwaltung der Staatsgüter lenkte, und ob der Kanzleirath Bitter die Landesregierung eigentlich führte, oder einer vom braunschweigischen Adel. Also hinüber nach Amerika! Wenn er aber wieder dachte, daß Olga seine Jugendgeliebte war, daß sie ihm in Italien alles geopfert, daß sie um seinetwillen die tripolitanische Gefangenschaft erduldet, daß er nun schon über zwanzig Jahre mit ihr zusammenlebe und sie jetzt krank und schwach sei, so erschien es ihm mehr als grausam, das Weib, das ihn so sehr geliebt, einer kleinen Schwäche wegen, die ihr angeboren sein mußte, zu verlassen. Er fühlte, daß er gerade in schlimmen Tagen die Stütze und der Halt der Gattin werden müsse, je mehr der Sohn ungeeignet schien, jemals einen solchen Stützpunkt abzugeben; ja er fühlte, daß seine Liebe zu Olga noch nicht erkaltet sei, daß er ausharren und das ihm persönlich Unangenehme und seinem Wesen Widersprechende ertragen müsse.

Herzog Karl hatte in Paris die Flucht Karl's X. erlebt, eine ungemeine Angst war über ihn gekommen, er war nach Braunschweig zurückgekehrt und eine Ahnung schien ihm zu sagen, daß er ein ähnliches Schicksal wie sein Namensvetter erleben könne. Jedenfalls trug er sich mit der Absicht, die nächsten Jahre im Auslande zuzubringen, und suchte Geld und Schätze zusammenzuraffen, wo er nur konnte. So wollte er das Landgestüt zu Harzburg aufheben und die mühsam erworbenen Zuchthengste an Handelsjuden verkaufen. Im Schatzcollegium kam, da das Landesgestüt als Landesinstitut betrachtet werden mußte, zur Frage, ob man gegen Aufhebung dieses Instituts, das sich sehr nützlich erwiesen hatte, Protest einlegen solle, und der Präsident wurde deshalb zu Anfang September von seinem ruhigen Landsitze nach Braunschweig berufen.

Kaum dort angelangt, ward ihm die Ehre zutheil, zur herzoglichen Tafel geladen zu werden, was bisher noch nie geschehen war. Ein Rath im Schatzcollegium flehte ihn an, die Einladung, unter welchen Vorwänden es auch sei, abzulehnen; der Herzog sei in der gereiztesten Stimmung, weil der Freiherr von Sierstorpff, gestützt auf einen Bundesbeschluß, nach Braunschweig zurückkehren wollte, und ein großer Theil der braunschweigischen Bürgerschaft bereit sei, diese Rückkehr zu einer Ovation und Fackelmusik zu benutzen. Der Herzog habe nun dem Generallieutenant von Herzberg den Befehl ertheilt, in solchem Falle mit Kartätschen unter die Canaille feuern zu lassen.

»Sie wissen, geehrter Herr Präsident«, fuhr der College fort, »daß ich mit dem Viceoberstallmeister von Oeynhausen, mit dem ich während der Feldzüge bei dem braunschweigischen Husarenregiment diente, eng befreundet war und in seinem Hause täglich aus- und einging.

»Wir haben meinen Freund vor drei Tagen zur Erde bestattet, er ist gestorben in dem Glauben, von dem jungen Tyrannen beim Mahle vergiftet zu sein. Jedenfalls würde ihm der Herzog mit seinen Worten und durch die demüthigendsten Vorwürfe, das Geheimniß der Aufhebung und des Verkaufs des Gestüts unter die Leute gebracht zu haben, den Tod gegeben haben. Er ist im Schlosse gestorben und bei seiner noch nicht kalten Leiche hat der Herzog in Gegenwart vieler Umstehenden geäußert: ›Ich muß mich an Leichen gewöhnen!‹

»Der Wütherich, glauben Sie mir, arbeitet seit Wochen in seinem Laboratorium an Giften; Versuche an Thieren hat er in Masse angestellt, und jetzt werden Sie das zweite Menschenopfer sein.«

Der neue Freiherr überlegte lange, ob er der Warnung, die jedenfalls gut gemeint war, folgen solle; er ging und kam unvergiftet zurück. Freilich hatte der herzogliche Tyrann bei Tafel versucht, ihn mit Redensarten zu vergiften. Er warf ihm vor, sich an seinen Oheim König Georg IV. verkauft zu haben, um, wie die übrigen vom Grafen Münster angestellten Creaturen, ihn zu verrathen; den Sündenpreis für diesen Verrath habe er nun durch Verleihung des Freiherrntitels erlangt, aber er verbiete ihm, diesen Titel je in seinem Lande zu führen, er erachte ihn desselben unwürdig.

Der Freiherr antwortete mit Ruhe und Würde und wußte den zornmüthigen Welfen vor der Tischgesellschaft dahin zu bringen, daß er erröthete, zu stottern anfing und zu dem Bewußtsein kam, ein großes Unrecht und eine Uebereilung begangen zu haben.

Wäre dies die einzige Uebereilung gewesen, die der Selbstherrscher aller Braunschweig-Wolfenbütteler und Blankenburger an diesem Tage begangen hätte, so würde ihn die Rache der Weltgeschichte wahrscheinlich nicht so schnell erfaßt haben. Man schrieb den 6. September, am 1. hatte eine Deputation von Bürgern ihm ihre Beschwerden, die Bitte um baldige Zusammenberufung der Stände zur Berathung, wie der allgemeinen Noth abzuhelfen sei, vorgetragen. Seitdem waren die Wachen verstärkt und scharfe Patronen an die Soldaten ausgegeben. Heute wurden auf herzoglichen Befehl sechzehn Kanonen vor der Aegidienkaserne aufgefahren und die Mannschaften mit scharfen Patronen versehen.

Ganz Braunschweig zog nun vor die Kaserne, um das ungewohnte Schauspiel zu sehen, und die einmal auf die Beine gebrachte Menge wählte den Platz vor dem Theater und den Bohlweg gegenüber dem Schlosse als Promenade, wartete namentlich das Ende des Schauspiels ab, um zu sehen, ob, wie gewöhnlich, die Schauspielerin Dermer in die herzogliche Equipage steige und zum Schlosse oder nach Hause fahre. Da das Publikum glaubte, ersteres sei geschehen – es war aber in der That nicht geschehen –, erhob sich ein furchtbares Pfeifen und Zischen und verbreitete sich bis zum Bohlwege, auf dem die versammelte Menge durch den im Galop heranrasselnden herzoglichen Wagen auseinandergestäubt wurde. Steine flogen in das Wagenfenster und gegen den Wagen. Es erscholl der Ruf »Nieder mit ihm!« aus mehr denn hundert Kehlen.

Der Schloßhof wurde mit Infanterie und Artillerie besetzt; sechs Kanonen, mit Kartätschen geladen, waren gegen die noch immer zudringende Masse gerichtet, der Herzog selbst galopirte zu Pferde auf dem Schloßhof herum, während Generallieutenant von Herzfeld das Volk zu beruhigen suchte.

Erst spät in der Nacht gelang es hauptsächlich den Bemühungen des Magistratsdirectors Bode, die Massen zu zerstreuen. Der Bohlweg wurde durch ein Husarenregiment, das mit gezogenem Säbel escadronweise und im Galop auf- und abritt, vom Volke frei gehalten.

Was sich an diesem Abend das Volk auf den Straßen und in den Wirthshäusern von den Thaten des Herzogs erzählte, war grauenhaft; es bedurfte daneben keiner Aufhetzung mehr. Halb Dichtung, halb Wahrheit, Mythenbildung in kurzer Entfernung von dem Schauplatze, machte sich im Volke geltend. Wo hatte der Herzog außer dem Dutzend Creaturen und Schmeichler, denen er Vertrauen schenkte, auch nur Einen Freund? Weder der Adel, den er sein persönliches Regiment auf eine in Deutschland damals noch nicht bekannte Art hatte fühlen lassen, noch das Militär, das von ihm vernachlässigt, noch die Hofdienerschaft, die mishandelt war, noch die höchsten Gerichte, denen er Hohn angethan, noch irgendeiner aus der alten braunschweigischen niedern Staatsdienerschaft liebten ihn, wagten ihn zu vertheidigen.

Am andern Tage schwankte der Herzog zwischen Nachgiebigkeit und der Großmannssucht, es besser zu machen als sein königlicher Namensvetter in Paris; er glaubte das Volk durch 5000 Thaler für die Armen, die er dem Magistratsdirector übergab, und mit der Aussicht auf Arbeit durch Pflasterung einiger Straßen befriedigt zu haben, indem er zugleich erklärte: »Er werde keine halben Maßregeln ergreifen und es nicht dahin kommen lassen, wohin es in Paris gekommen sei.«

Schon nachmittags sammelten sich wieder zahlreiche Haufen von Bürgern vor dem Schlosse, obwol man wußte, daß der Major von Lübeck Befehl erhalten hatte, auf das Volk mit Kartätschen zu schießen, und die Bewohner des Bohlwegs aufgefordert waren, ihr bewegliches Eigenthum in Sicherheit zu bringen, der Schaden an den Häusern sollte ihnen ersetzt werden.

Je näher der Abend kam, desto größer wurden die Volkshaufen, und wenn auch wol vom Bohlwege aus das Eindringen des Volkes in den Schloßhof durch Waffengewalt hätte verhindert oder verzögert werden können, bei den vielen Zugängen von allen Seiten vermochten die 1500 Mann Truppen, die der Herzog um sich versammelt hatte, die mindestens zehnmal größere Menge auf die Dauer nicht abzuhalten. Der Herzog glaubte das aber erst, als sein Volk schon in das mit dem Schlosse in Verbindung stehende Kanzleigebäude eingedrungen war. Er entfloh durch den Schloßgarten in Begleitung des Husarenregiments und des Leibbataillons und machte erst außerhalb der Stadt vor dem Raffthurme halt, von wo er sein Schloß in Flammen aufgehen sah; das Volk hatte dasselbe an vier Stellen angezündet und wehrte jedem Löschversuch, plünderte, raubte, zerstörte.

Als der Herzog schon die hannoverische Grenze bei Lafferde erreicht hatte und nach Hildesheim weiter fuhr, sah er noch die mächtige Glut zu den Wolken emporlodern. Wie sein Schloß, so hat er seine Residenz Braunschweig und den mächtigen Löwen des großen Welfen nie wiedergesehen. Die Flamme, die in Braunschweig aufgegangen, sollte nicht allein bleiben auf dem Continent, selbst sehr alte Sünden rächten sich an der Weichsel.

 << Kapitel 58  Kapitel 60 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.