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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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So war der Winter und das Frühjahr vorübergegangen, der Pariser Friede war geschlossen, Napoleon war nach Elba verbannt. Man sprach von einem großen Monarchencongreß in Wien, und dieses fing an, sich vorzubereiten, die Kaiser und Könige würdig zu empfangen. In der Burg und hinter der Burg wurden Zurüstungen getroffen, die Paläste der Großen wurden neu decorirt; pariser Tapezierer und Modistinnen machten den Vortrab, die Gasthöfe ersten Ranges wurden zu Palästen umgewandelt, die Preise der Wohnungen stiegen um das Doppelte und Dreifache, ehe auch nur ein Gast nach Wien gekommen war.

Die Sängerin, deren Ruf nicht nur in prager Blättern verbreitet, die auch in Wien so gut bekannt war wie in Prag, hatte ein festes Engagement auf fünf Jahre an der Hofoper angenommen und siedelte Anfang September nach der Kaiserstadt über.

Einer ihrer Anbeter hatte ihr in der Heugasse, dem Fürst Schwarzenberg'schen Palais oder richtiger dessen Park und Garten gegenüber, ein Logis verschafft; sie war da nicht allzu weit vom Opernhause, konnte auf der Brücke beim Tandelmarkte oder auf der Elisabethbrücke die Wien und demnächst das kahle Glacis, auf dem man eben einige Bäume gepflanzt und das man mit Gras besäet hatte, überschreiten und zum Kärntnerthore gelangen. Die Wohnung war mit mancherlei Rücksichten gewählt – die Aussicht auf den Schwarzenberg'schen Park allein schon bezaubernd, dann lag Belvedere in nächster Nähe, und unmittelbar nebenan wohnte einer der berühmtesten Restaurants Wiens, welcher seine Fasanen von demselben Grafen bezog, der die Wohnung für Veronica gemiethet hatte.

Es war ein Glück für diese, daß sie Prag verließ, denn hier ward es öde und leer, alles eilte der Congreßstadt zu.

Mit den bekannten Großen aus Prag gleichzeitig in Wien eingetroffen, machte es sich von selbst, daß, wie die Caloni sagte, der Landessitte gemäß die kleinen Diners und Soupers wieder aufgenommen wurden.

Ja als Gentz, der mit seiner Nase die Künstlerin wenige Tage nach ihrer Ankunft aufzufinden gewußt hatte, ihr vorgestellt und mit dem böhmischen Grafen zum Petitsouper geladen war, ordnete dieser mit der verständigen Caloni die Sache so, daß fortan der oder die Eingeladenen die kosten des Diners oder Soupers trugen. Während die Künstlerin glaubte, die Eingeladenen wären ihre Gäste, waren umgekehrt sie selbst und ihre Schutzdonna die Gäste.

Der Diplomat mit seinem gewandten Geiste hatte die Unerfahrene davon überzeugt, daß es in Wien nicht angehe, am wenigsten während des Monarchencongresses, neben Fürsten oder Grafen Schauspieler und Sänger einzuladen.

Da er voraussah, welche Epoche die junge Schöne machen müsse, hatte er sich ihr als väterlicher Freund und Rathgeber aufgedrungen, ihr Vertrauen in jeder Weise gewonnen; das der Caloni wußte er sich durch Geld zu erkaufen, sodaß er fortan bestimmte, wer eingeladen werden sollte.

Er suchte nichts für sich, er suchte nur einen scheinbar neutralen, unpolitischen Boden, auf dem er seine diplomatischen Intriguen spielen lassen konnte. Er zweifelte nicht, Veronica dahin zu bringen, daß sie von ihren strengen Tafelgesetzen abweiche, daß sie Diners oder Soupers für eine große Anzahl von Personen gebe, und da konnte er denn die Gäste so mischen, daß es ihm möglich war, hier auszuhorchen, dort zu insinuiren. Ja selbst jene kleinen Soupers eigneten sich vorzüglich, zwei Menschen zu einem vertraulichen politischen Gespräche zusammenzubringen. Die Caloni störte nicht, sie war zu dumm, die Künstlerin war zu naiv, zu unpolitisch.

Die Mittel, auf Veronica einzuwirken, standen dem einflußreichen Manne in Menge zu Gebote, seitdem am 25. September der Kaiser von Rußland und der König von Preußen in Wien eingezogen waren und die kaiserliche Burg außer ihnen noch den König Friedrich von Dänemark, den König von Baiern, den König von Würtemberg beherbergte.

Wer da weiß, mit welchen enormen Summen ein Billet zu dem großen Redoutenfeste, das der Kaiser seinen Gästen in dem großen und kleinen Redoutensaale nebst der Winterreitbahn am 2. October gab, trotz der ausgegebenen 7000 Einladungskarten, erkauft und begehrt wurden, wie schöne Frauen mehr als Geld opferten, um in den Besitz eines solchen Billets zu gelangen, der wird begreifen, welche Macht der Mann hatte, der über Billets zu allen diesen Festlichkeiten, wenn sie nicht eben ausschließlich für fürstliche Personen arrangirt waren, verfügen, und der der Sängerin in Aussicht stellen konnte, sie solle in der Burg und nur vor Königen und Kaisern singen.

Noch ehe der Congreß begann, und der Anfang war schwerer als später das Ende, war Veronica eine so vielgenannte und berühmte Persönlichkeit, als es nächst den Kaisern und Königen und fürstlichen Diplomaten nur eine gab. Der Diplomat hatte nicht wenig dazu beigetragen, sie mit Folie zu umgeben.

Schon der Name »jungfräuliche Königin«, welchen die Männerwelt ihr gegeben hatte, im Gegensatze zu einer Dame vornehmen Standes, die man die »Königin der Liebe« nannte, gab Relief. Das war ein seltener Vogel, den man damals in Wien mit ersterm Beiworte beehren durfte.

Die Großen aus Böhmen, sofern sie nicht eben von ganz besonderm Range, wie Fürst Liechtenstein, galten als dei minorum gentium bald nicht mehr für einladungsfähig, aber Talleyrand und Fürst Metternich speisten eines Tages bei der Sängerin, und der Ruf dieser Petitdiners bei der jungfräulichen Königin war so groß, daß mancher eine Einladung zu denselben lieber gehabt hätte als eine solche in die Burg.

Nachdem nun gar Veronica in der kaiserlichen Burg gesungen hatte, Kaiser und Könige ihr Beifall gezollt, Kaiser Alexander, der noch immer Abgott der Wiener war, sich eine halbe Stunde mit ihr unterhalten und ihr Complimente gemacht und Schmeicheleien gesagt hatte, da steigerte sich der Begehr nach den Petits noch mehr, zugleich aber verschwand auch die Zeit zu solchen. Denn nun drängten sich die Kreise, in denen wir Bollmann sich bewegen sahen, und vornehmere Kreise, wie die der Schwester der Königin Luise, der Fürstin von Thurn und Taxis, der Fürstin Solms-Lich nebst ihrer Schwester, der Gräfin von Bernstorff, mit Einladungen über Einladungen, sodaß die berühmt gewordene junge Künstlerin täglich in vornehmster Gesellschaft sich bewegen konnte.

In diesem in bunter Abwechselung dahinrauschenden Leben würde Kunst und Weiterbildung zu Grunde gegangen sein, wäre der Sängerin nicht, zum großen Misfallen ihrer Kammerzofe, die Tugend des Frühaufstehens vom Vater anerzogen gewesen.

Fünf Uhr im Sommer und sechs im Winter, mochte eine Soirée auch bis tief in die Nacht gedauert haben, war ihre Aufstehezeit, dann wurde eine Stunde Scala gesungen und zwei bis drei Stunden Bekanntes repetirt, Neues einstudirt, ehe die Toilette gemacht wurde. An die Stelle der Schauspieler und Sänger, die Veronica sonst bei sich gesehen, waren Literaten von Ruf und Bedeutung, Legationsräthe und Secretäre, wie Varnhagen von Ense, Staatsrath Stägemann, Friedrich von Schlegel getreten. Daß sich der Geist des jungen Mädchens, ihr ganzer Gesichtskreis bei diesem Umgange bedeutend erweiterte und ausbildete, war selbstverständlich. Man glaubte nicht eine Cantorstochter aus Heustedt, man glaubte eine geborene Fürstin vor sich zu haben, wenn sie in ihrem Salon empfing.

Es war schon nichts Kleines, wenn jemand in jenen schnelleren Tagen des Congresses während eines Winters seinen Ruf behaupten wollte, wo Künstler und Künstlerinnen von bedeutendsten Namen sich Concurrenz machten. Da war die großartige Sängerin Anna Milder, die mimische Tänzerin Bigottini, die gefeierte Schauspielerin Auguste Brede, später im beginnenden Frühjahr noch die gewaltige Sophie Schröder. Das schon in Bollmann's Briefe erwähnte Abenteuer mit dem Fürsten ** trug nicht wenig dazu bei, den Ruf der Cruella hoch zu halten. Die Sache hatte folgenden Zusammenhang.

Gentz hatte sich und den Fürsten ** bei der Künstlerin zu Gaste gebeten und in höchsteigener Person ein leckeres Mahl bei dem Restaurant bestellt. Fürst ** in neugriechischem prangenden Costüm, den reichgeschmückten Dolch im goldverzierten Gürtel, kam zur bestimmten Zeit nachmittags fünf Uhr angefahren. Kurz nach seiner Ankunft fuhr abermals eine Equipage vor, aber es stieg nur ein Secretär von Gentz aus und überreichte ein Schreiben seines Herrn, worin er bat, ihn zu entschuldigen, da er in dringenden Geschäften hinter die Burg (d. h. zum Fürsten Metternich) beschieden sei; wenn es irgend möglich sei, werde er sich aber noch zum Dessert einstellen.

So unangenehm Veronica dieser Fall war, der sie nöthigte, von ihrem Tischgesetze abzugehen, so ließ sich das doch diesmal nicht vermeiden. Nach einigen Redensarten und Complimenten begab man sich zu Tisch. Die Sängerin nahm Platz neben dem leeren für Gentz bestimmten Couvert; der Grieche mußte sich an die Seite der Caloni setzen. Er, einer der berühmtesten Herzensbezwinger Wiens, eine männliche Schönheit, wie sie nur Griechenland hervorzubringen vermag, aß wenig und sprach wenig, ließ aber seine schwarzen, feurigen, liebeglühenden Augen mit immer größerm Verlangen auf sein Gegenüber fallen. Die Künstlerin mußte die Kosten der Unterhaltung beinahe allein tragen, der Fürst ** erzählte nur auf Befragen weniges von den Theatern in Petersburg und Moskau.

Die Situation fing für das junge Mädchen an peinlich zu werden, sie sah nach der Uhr und hoffte jeden Augenblick auf die Ankunft des Diplomaten. Sie hatte unter dem Vorwande von Migräne der Caloni seit der letzten halben Stunde überlassen, den Fürsten zu unterhalten, dadurch aber die Sache noch schlimmer gemacht, denn dieser antwortete auf die Frage der Duenna, die gern auf ihre Triumphe in Paris zu reden kam, »wie Paris nach dem Frieden ausgesehen«, gar nicht, sondern starrte auf Veronica mit immer glühendern Blicken.

Das Dessert war aufgetragen, der Champagner entkorkt, das erste Glas trank der Fürst auf das Wohl seiner Herzenskönigin mit der unzweideutigen Geberde, daß die Sängerin gemeint sei. Diese saß wie auf glühenden Kohlen, sie sah sich um, als wenn sie Gelegenheit suchte, in das nächste Gemach zu springen. In diesem Augenblicke that die Caloni einen leisen Schrei, echt künstlerisch, hielt das Taschentuch vor Nase und Mund, deutete mit der linken Hand an, daß sie starkes Nasenbluten habe, und eilte zur Thür hinaus. Kaum war sie unsichtbar geworden, als der Prinz sich zu den Füßen der Sängerin warf und eine feurige Liebeserklärung stammelte.

»Stehen Sie auf, mein Prinz«, erwiderte diese, »ich liebe solche Scenen außer auf der Bühne nicht, trinken Sie ein Glas Eiswasser und entschuldigen Sie, wenn ich mich durch Ihr Betragen genöthigt sehe, mich in mein Zimmer zurückzuziehen.« Da sprang der Fürst empor wie ein Leopard auf seine Beute und suchte sie zu umarmen und ihr einen Kuß zu rauben.

Aber die Künstlerin wehrte ihn ab, der Fürst in Liebeswahnsinn ließ nicht ab, mit ihr zu ringen. Da zog Veronica den Dolch aus seinem Gürtel, stieß ihn in die rechte Wange des Fürsten und schlitzte diese vom Schläfenbeine bis zur Kinnlade, daß das prinzliche Blut ihr grauseidenes Kleid wie das ganze Tischzeug bespritzte.

Aber das Gefährlichere war, daß das Blut nicht nur nach außen spritzte, sondern mit gleicher Heftigkeit nach innen, sodaß der Fürst dem Erstickungstode nahe kam. Veronica schleuderte den Dolch zur Erde, daß er tief durch den Teppich in den Fußboden drang, und schellte heftig. Die Caloni erschien ohne Nasenbluten, Nannerl wurde zum nächsten Wundarzte geschickt. Glücklicherweise kam in diesem Augenblicke aber auch Gentz und machte es möglich, daß Veronica sich in ihre Schlafgemächer zurückzog.

Fürst **, dem die Speicheldrüse durchschnitten war, mußte lange Wochen in der Behandlung eines geschickten Wundarztes zubringen. Er sah sein Unrecht ein und trug der Muthigen nichts nach, sondern entschuldigte sich.

Die Rückkehr Napoleon's von Elba, der neu beginnende Krieg leerte Wien schnell von den Fremden, das Opernhaus war aber trotzdem immer überfüllt, wenn Veronica sang, denn die guten Wiener selbst hatten während der Congreßzeit sich mit dem Kasperle in der Leopoldstadt oder mit dem Theater an der Wien begnügen müssen, da das Opernhaus ganz von Fremden besetzt war.

Der Ruf unserer Sängerin hatte den Congreß überdauert, und Gentz im Bewußtsein, die Scene mit Fürst ** veranlaßt zu haben, hatte ihr an Stelle der sofort entlassenen Caloni eine altadeliche aber verarmte Dame als Duenna verschafft, die sogar in dem Rufe der Frömmigkeit stand, eine Frau von Holling.

Die Petitdiners, zu denen Grafen und Herren geladen wurden, hörten auf, nur Gentz wußte sich und vertrauten Freunden noch eine solche Gunst zu verschaffen; Künstler und Gelehrte wurden dagegen desto öfter zu Veronica's Tische geladen, da sie an derartige Geselligkeit sich gewöhnt hatte und sich auf diesem Wege leicht und angenehm weiter zu bilden suchte. So vergingen ihr die Jahre, während welcher unser junger Gelehrter sich als Führer der Burschenschaft hervorgethan, später in italienischen und deutschen Urkunden gestöbert hatte.

Und dies war nun die Cousine, von der unser junger Gelehrter nach Aufführung des »Fidelio« die halbe Nacht phantasirte, die er bewunderte, wie er noch nie ein Frauenzimmer bewundert, an deren Thür er jetzt, am andern Morgen, klopfte.

Nannerl öffnete die Vorsaalthüre und frug nach Namen und Stand. »Melden Sie nur Cousin Hermann Baumgarten.«

Die Salonthür wurde geöffnet, und Veronica, die beim Ueben am Flügel saß, trat auf den Cousin zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Willkommen, Cousin Baumgarten!« Der Vetter schloß sie ohne weiteres in seine Arme und gab ihr einen Kuß. Er that das in der ersten Ueberraschung, ehe er Veronica recht angesehen, er hatte nur noch das Bild Fidelio's vor Augen, und der Kuß galt weniger der schönen Cousine als dem unglücklichen Cousin Fidelio. Erst nachdem er die That gethan, sah er zu der Sängerin auf, die in reizender Halbtoilette vor ihm stand und ihn unbefangen vom Scheitel bis zur Zehe musterte.

»Ich glaubte, Sie wären Doctor, mein lieber Cousin, ich sehe aber nur den jenenser Studenten«, sagte sie. Der Doctor erröthete über den offenen Hals hinaus.

»Kein ›Sie‹ trenne uns, Veronica, ich bitte, daß du mich Du nennst, wie ich dich duzen werde.«

»So sei es, Herr Doctor; setze dich also, womit kann ich dir aufwarten, eine Tasse Kaffee, eine Tasse Chocolade, ein Glas Wein? Bier habe ich nicht!«

»Bleib mir weg mit deinem fremdländischen Getränk, ein Glas Wasser trinke ich, denn ich habe einen weiten Weg gemacht, deine Wohnung zu finden.«

Nannerl brachte Wasser und betrachtete den Doctor mit seinem langen Haar, seinem überfallenden Kragen und bloßen Halse, wie er verlegen mit dem Baret spielte, als ob sie etwa einen Indianer betrachtete.

»Nun Cousin, erzähle, wie geht es in der Heimat? was macht meine liebe Tante, deine Mutter? was macht dein Vater? ich habe lange, lange nichts von ihnen gehört, denn Vater schreibt nichts über Familienangelegenheiten und Mutter kommt vor aller Arbeit niemals zum Schreiben.

»Ich komme aus Italien und weiß wenig von der Heimat, aus der ich erst Briefe hier erwarte.«

»Nun, so erzähle von dir, erzähle mir deinen ganzen Lebenslauf. Wie kamst du nach Wien? Welche Plane hast du für die Zukunft?« Unser junger Freund erzählte von seinen Knabenjahren, von dem Haß gegen die Unterdrücker, wie er die Tonne Goldes gefunden, unter die Lützower gegangen, nach Heustedt gekommen sei, als der beiderseitige Großvater als Leiche aus dem neuen Schlosse getragen worden, wie er dann in Frankreich verwundet, in Göttingen consiliirt, in Jena promovirt sei, sich jetzt das Terrain der Römerzüge angesehen habe und in Wien die Bibliothek benutze, um an seiner Geschichte Heinrich's des Löwen, die ihn zum berühmten Manne und Professor machen sollte, zu arbeiten. Er wurde während der Erzählung warm, verlor nach und nach seine Schüchternheit, ein bischen Selbstbewußtsein und Stolz auf sein bisheriges Thun ließ ihn die schönen Augen frei zu der Sängerin aufschlagen, die mit steigendem Interesse der Erzählung zuhörte.

Indeß war Frau von Holling, die neue Patroneß Veronica's, erschienen und meldete, daß das Frühstück warte. Man ging in das Eßzimmer, und als der Cousin einige Gläser Tokayer getrunken hatte, brach sein Enthusiasmus über Veronica's gestrige Darstellung des Fidelio sich Bahn und erfreute deren Herz mehr als das Lob des feinsten Kunstkenners.

Als Hermann scheiden wollte, sagte Veronica: »Solange du hier bleibst, lieber Cousin, bist du täglich mein Gast, ich dinire um vier Uhr, habe sehr häufig Gäste und werde dir zu Ehren solche Männer einladen, von denen du lernen kannst. Heute z. B. ist ein grundgelehrter Kauz bei mir, der dir ganz gewiß in Bezug auf deine Löwengeschichte noch mancherlei Quellen nennen kann, Ritter von Hormayr. Allein dazu sowie daß ich dich in die Salons der feinern Gesellschaft führen, dich in das Theater und die Oper begleiten, mit dir ausfahren und dir die schöne Umgebung Wiens zeigen kann, müssen wir vor allem den Studenten einmal mehr austreiben und den Doctor herauskehren, und damit wollen wir gleich den Anfang machen. Ich will keinen Dandy und keinen Philister aus dir machen, aber das Burschenthum mußt du mir zu Liebe hier vollständig begraben. Das hat in Wien keinerlei Bedeutung, fällt nur auf und man glaubt gar, du suchtest etwas darin, dich durch die Tracht von andern Männern zu unterscheiden. Ich bin überzeugt, daß unsere Unsichtbaren dich umschwärmen, denn deine Tracht erinnert in jeder Weise an den unglücklichen Sand. Vor allem müssen deine Locken zum Opfer fallen, doch ich werde jede dir zum Andenken aufbewahren und selbst die Rolle der Delila spielen. Sodann will ich dir das übergeschlagene Hemd gestatten, allein der Kragen muß um einige Zoll gekürzt werden, und mindestens mußt du (sie nahm ein Buch vom Tische und zeigte Hermann ein Porträt Byron's) ein seidenes Tuch, wie dieser große Dichter, um den Hals schlingen. Das Baret, das behalte ich gleichfalls zum Andenken und ich selbst will es in einer Rolle, zu der es paßt, auf der Bühne tragen, eine Ehre, die es bei seiner Erbauung sich nicht hat träumen lassen. Damit du nun heute Mittag schon als Doctor erscheinen kannst, wollen wir die Metamorphose gleich beginnen. Sieh, wie glücklich uns der Zufall zu statten kommt, unten im Hause ist ein Magazin fertiger Herrenkleidung, und du wirst deiner Cousine schon erlauben müssen, daß sie dich wienerisch ausstaffirt, um mit dir renommiren zu können.

Denn in Wien, sagt sie
Muß man sein, sagt sie
Und galant, sagt sie
Immer sein, sagt sie –«

sang die Schöne mit komischem Pathos, ihn umtanzend, in der einen Hand die Schere, in der andern den Frisirkamm.

Der Cousin protestirte freilich, allein was sollte er machen? Als die Sängerin sein reiches weiches Haar mit der Hand durchwühlte, durchzuckte es ihn elektrisch, und Veronica fand beinahe Mitleid mit dem armen Jungen, der die Zierde, auf die er sich das meiste einbildete, der Mode zum Opfer bringen sollte. Sie glaubte ihn trösten zu müssen und sang ihm aus »Don Juan«:

Vedrai, carino, se sei buonino,
Che bel rimedio ti voglio dar,

während die erste Locke unter der unerbittlichen Schere fiel.

»Diese Locke lege ich in mein Schatzkästlein«, sagte Veronica, ihm die Locke vorzeigend; »diese sende ich deiner Mutter, von dieser lasse ich mir ein Armband flechten, diese und diese werde ich dir aufbewahren, um sie der künftigen Frau Professor Baumgarten schenken zu können, und nun, Simson, stehe auf, du sollst für deine Standhaftigkeit königlich belohnt werden.«

Der Doctor, der auf seinem Schemel zu Füßen der Cousine gesessen hatte, erhob sich, doch als Veronica ihn an den Spiegel führte, erschrak er vor seiner Verstümmelung, es war ihm, als wenn eine Thräne sein Auge verdunkelte. Als aber die Sängerin als Zerline ihm zur Seite trat, ihm mit Zerlinenblick verliebt ins Auge schaute und voll Schelmerei sang:

Batti, batti, o bel Maseto –

da wurde ihm heiß um das Herz wie noch nie, und als nun gar Zerline ihn bei der Hand ergriff und aufjauchzend sang:

Pace, pace
O vita mia!

und ihm schließlich um den Hals fiel und ihn küßte, da schwanden ihm seine Sinne, da stand er wie bezaubert. Als nun die Cousine ihn zum zweiten mal vor den Spiegel führte, lächelte er bei dem eigenen Anblick und sagte: »Ich sehe ein, daß zu dieser Frisur weder der lange Kragen noch der altdeutsche Rock paßt, und unterwerfe mich daher deinen Anordnungen.« Die Sängerin klatschte in die Hände und sprang wie ein fröhliches Kind in der Stube herum. Nannerl mußte den Buchhalter aus dem Magazin heraufholen, und Veronica befahl: »Nehmen Sie den Herrn Doctor Baumgarten, meinen Bruder, mit ins Magazin und suchen Sie für ihn eine schwarze Salon- und Balltoilette aus, daneben einen Sommeranzug von Nanking, und eine sammtne Jagdjacke mit dem nöthigen Zubehör, wie Graf Sandor sie trägt. Du, Hermann, gehst als Bursch und kommst als Herr wieder, ich habe noch mit dir zu reden. Die abgelegten Kleiner senden Sie mir herauf.«

Der Wiener hatte in gar kurzer Zeit aus Hermann einen Salonherrn gemacht, der sich im Ballsaale wie auf dem Graben vorführen ließ, sogar die Hände, die noch nie Handschuhe getragen, die aber doch weiß und weich waren, zeigten sich in Glacéhandschuhe gehüllt, die den unbehülflichen Gelehrten und Studenten am meisten peinigten.

Veronica musterte ihn vom Kopf bis zu den Füßen. »Es geht allenfalls«, sagte sie, »aber Hermann, wie kann man so ungeschickt den Hut tragen?« Sie zeigte ihm, wie er den Hut in die Hand nehmen müsse, und lehrte ihn eine Verbeugung machen.

»Nun, lieber Bruder, und als solcher mußt du hier gelten, sag' mir zunächst, wo du logirst.«

»Aber«, antwortete Hermann schüchtern, »die Polizei hat ja meinen Paß und weiß, daß ich Baumgarten heiße und du Cruella.«

»Schadet nichts, dann bist du mein Stiefbruder, einen Cousin darf ich in Wien nicht haben, also wo wohnst du?«

»Im Weißen Wolfen, am Alten Fleischmarkte.«

»Da kannst du nicht wohnen bleiben! das paßt sich nicht und ist zu weit von hier. Der Restaurant nebenan hat noch ein möblirtes Zimmer frei, das kannst du beziehen. Jetzt nimmst du einen Fiaker, fährst zum Weißen Wolf und holst deine Siebensachen, die Nannerl kann unterdeß dem Restaurant Bescheid sagen, daß er das Zimmer in Ordnung bringt.«

Der Doctor sah sich im Zimmer um, als suche er etwas, endlich hatte er es gefunden, er hatte seinen Ziegenhainer beim Eintritt ins Zimmer hinter den Kamin gestellt, und ohne Ziegenhainer konnte er nicht leben.

»Halt da«, rief Veronica, »der Stock, Brüderchen, wird confiscirt, erst mußt du ohne Stock gehen lernen! Glacéhandschuhe und ein Ziegenhainer passen wie die Faust aufs Auge. Sobald du ohne Stock gehen und dich bewegen kannst, schenke ich dir ein spanisches Rohr mit goldenem Knopfe.«

Hermann gehorchte wie ein Kind.

»Vergiß nicht«, rief die Cousine ihm nach, »präcis vier Uhr ist Dinerzeit! Wenn du fein artig bist, erlaube ich dir nach Tisch eine Havana anzuzünden.«

Der nun wirklich einem Doctor ähnlich sehende junge Mann fand bei Tische in Hormayr einen Kenner der Geschichte, wie er nach Luden noch keinen angetroffen. Er erhielt manchen guten Wink von demselben, wie das Versprechen, ihm in der Bibliothek behülflich zu sein beim Suchen nach unbekannten Schätzen, und ihm mitzuteilen, was er bei seinen hohenschwangauer Studien auf den Welfen Bezügliches finde.

Für unsern Freund begann nun ein neues Leben. Morgens früh setzte er sich, um die Auszüge, die er tags zuvor auf der Bibliothek gemacht, zu ordnen, oder zu kritischen Noten unter den Text seines Buches auszuarbeiten. Die Arbeit floß ihm am besten aus der Feder, wenn seine Nachbarin Scala zu singen anfing, wogegen ihre Bravourarien ihn nicht selten störten und ihm das Bild der Cousine, wie sie ihm als Fidelio zuerst erschienen war, vorführten. Von neun bis zwölf Uhr arbeitete er auf der Bibliothek und schlenderte dann mit Kopitar oder Hormayr, der auf der Bibliothek nach hohenschwangauer Chroniken suchte, über eine der Basteien oder im Volksgarten disputirend herum. Nachmittags nach eingenommenem Diner fuhr er mit der Cousine und deren Patronesse nach irgendeinem der Vergnügungsorte hinter der Linie, heute nach Nußdorf, morgen nach dem Kahlenberge, dann nach Laxenburg, oder in den Prater, nach Schönbrunn oder nach der ehemaligen Residenz des Babenbergers.

Die Sängerin hatte eine eigene Equipage und mit einem Fiaker über Stellung eines Kutschers und Lieferung von Pferden Contract abgeschlossen.

Es ist das Bedürfniß aller Frauen, zu erziehen und zu bemuttern, und Veronica gerirte sich ganz so, als sei sie Hermann's Mutter. Auf den Spazierfahrten gab sie ihm Hunderte von Lebensregeln, lehrte ihn zu Haus Contre und andere Tänze, führte ihn in die Bildergalerien und Sammlungen, an denen Wien so reich ist, führte ihn in das Hoftheater, wie zur Leopoldstadt, wo noch immer der »Kasperl« spukte, denn der Director Hensler, Dichter der »Teufelsmühle« und der »Zwölf schlafenden Jungfrauen«, hatte an Stücken, wie »Evakatel und Schnudi« seine höchste Freude; sie führte ihn in die Oper wie in das Ballet.

Gleichzeitig aber machte sie an Hermann psychologische Studien. Wie war er doch so ganz anders als alle jungen Männer, die sie bisher kennen gelernt hatte. Da war noch niemand ihr genaht, der nicht gleich Feuer und Flamme gewesen, der nicht geseufzt, gereimt oder ungereimt von Liebe gesprochen hätte. Der Cousin konnte ihr gegenübersitzen, und wenn sie ihn durch Koketterie noch so sehr reizte, blieb er kalt und unterhielt sie von seinen Entdeckungen auf der Bibliothek, oder sprach gar von Mathilde'schen Gütern, vom Janiculus und der Tiberbrücke.

Wenn sie ausfuhren, saß Veronica neben ihrer Frau von Holling im Fond, der Doctor ihr gegenüber. Sie hatte ihm, um ihn vor Koketterien zu warnen, natürlich auf solchen Fahrten mancherlei Aufklärung darüber gegeben, mit welchen Künsten Frauenzimmer junge Männer zu fangen wissen. Sie gab ihm einen Sonnenschirm oder einen Fächer in die Hand und lehrte ihn, hinter demselben, trotz der Gegenwart der Frau von Holling, Augenspiel zu treiben. Sie hatte die Augen niedergeschlagen und geseufzt, sie dann wieder schwärmerisch zu ihm emporgehoben, und trieb mit ihren schönen Händen und Armen alle jene kleinen Künste, die eine Schauspielerin ja förmlich kunstgerecht erlernt, obgleich die jungen Damen sie auch aus Naturinstinct üben. Der Doctor blieb kalt, als wäre sie gar kein weibliches Wesen. Sie forderte ihn auf, sie einmal mit recht verliebten Augen anzusehen, Hermann konnte es nicht, sie machte es ihm vor, er lernte es nicht. Frau von Holling warnte ihre Pflegebefohlene: »Kind, spiele nicht mit Feuer, auch das Herz der jungfräulichen Königin Elisabeth war nicht unverwundbar.«

Die Künstlerin schlug die Warnungen in den Wind, sie fuhr fort zu kokettiren und zu reizen, es verdroß sie, daß der Cousin wenig Notiz von ihr als Person, von ihren körperlichen Vorzügen nahm. Sie hatte zu bemerken geglaubt, daß andere Frauenschönheit auf den Cousin ihre Wirkung nicht verfehle; sie war mit ihm im Ballet gewesen, dem damals vielberühmten »Zephyr und Flora«, in welchem die jugendliche Bigottini überaus reizend war. Der Doctor äußerte: seit der Venus von Medici in Rom habe er nie etwas Schöneres gesehen. Die Bigottini war schön, aber hatte der Geliebte derselben, ihr Gönner Gentz, ihr seit 1814 nicht hundertmal gesagt, sie sei viel schöner als jene, sie sei eine verkörperte Diana, die Bigottini ein vom Himmel zur Erde gefallener Engel? Sie nahm sich vor, dem Stiefbruder zu zeigen, daß sie ein schönes Weib sei. Wenn sie in der Oper auftrat, so befahl sie ihm, während der Zwischenacte in ihre Garderobe zu kommen, um ihr Eis oder Limonade zu bringen. Dieses kleine köstliche Gemach war noch an den drei Seitenwänden mit Spiegeln bis zum Fußboden versehen, sodaß der Gelehrte, als er zum ersten mal in das mit vielen Wachskerzen erleuchtete kleine Gemach durch Nannerl eingeführt wurde, ganz verwirrt, die Spiegelgestalt der Cousine mit der wirklichen Veronica verwechselte und ihr die lange Schleppe des königlichen Kleides abtrat, sodaß Nanny kaum im Stande war, den Schaden vor dem neuen Acte zu repariren. Hermann bat tausendmal um Entschuldigung, und die Königin reichte ihm, diese zu gewähren, die schöne Hand zum Kusse.

Es war nothwendig, daß in den verschiedenen Costümen, worin die Künstlerin auftrat, bei dieser Rolle der untadelhafte weiße Nacken und die Schulter, bei jener Taille und Büste oder das kleine zarte Füßchen, oder die königliche Stirn mit den leuchtenden Augen, hervorgehoben wurden und in die Sinne fielen.

Der Doctor bewunderte denn auch und gab dieser Bewunderung Worte, aber sie waren ihr nicht warm genug, er glühte nicht, er sank ihr nicht zu Füßen, er war oft so zerstreut und im Gedanken in der Vergangenheit, in Altorf oder Rom, Palästina oder in Braunschweig, daß er an ihn gerichtete Fragen unbeantwortet ließ oder verkehrt beantwortete.

Ein Zufall sollte der darüber verstimmten Sängerin Aufschluß gegeben. Hermann hatte, kurz nachdem er Veronica's Bekanntschaft gemacht, an die Aeltern geschrieben und mit ziemlicher Ausführlichkeit seiner Umwandlung aus dem Studenten in einen Modeherrn gedacht. In dem Briefe an die Mutter war eine ausführliche, enthusiastische Schilderung der Darstellung des Fidelio, eine Beschreibung der Wohnung und Lebensart der Cousine nebst einer Schilderung ihrer Schönheit enthalten. Die Mutter hatte jetzt geantwortet und unter anderm geschrieben: »Ich sehe, lieber Hermann, Du hast meine Warnung beim Abschiede in den Wind geschlagen, Du scheinst ja schon bis über beide Ohren verliebt zu sein in die schöne Cousine. Nun, meinethalben, Veronica ist gut, sehr brav. In jedem Briefe meiner Schwester rühmt diese von der Tochter, was sie an den Aeltern Gutes thut und wie ihr Mann wieder jung wird an dem Ruhme seiner Tochter, wie er für sie dichtet und componirt, nur von ihr spricht.«

Der Doctor brachte diesen Brief der Sängerin und sagte: »Denk dir einmal, welchen närrischen Einfall Mütterchen hat, sie meint, ich sei total in dich verschossen!«

»Nun wäre denn das ein so großes Wunder?« erwiderte diese. »Ei ja«, antwortete jener, »man kann ja eine Cousine ebenso wenig heirathen als eine Schwester, und du hast mich nicht umsonst zu deinem Bruder gestempelt.« »Warum denn nicht?« frug Veronica, und der Doctor, der vom Kanonischen Rechte wenig zu wissen schien, wurde verlegen und roth und blieb die Antwort schuldig. Er hatte sich da, das fühlte er plötzlich, auf einer knabenhaften Naivetät ertappen lassen. Er hätte jetzt gern den Brief der Mutter zurückgenommen, aber es war zu spät.

Die Duenna hatte aber recht gehabt, wenn sie Veronica warnte, nicht mit dem Feuer zu spielen.

Das bisher der Liebe so ferne Herz war von neuen Empfindungen bewegt, der jungfräulichen Königin Stunde hatte geschlagen, sie liebte den blöden, unschuldigen Gelehrten, sie dachte an ihn, wenn sie eine zärtliche Arie singen mußte, sie seufzte am Abend, träumte von ihm des Nachts, eilte am Tage drei- bis viermal in ihr Schlafzimmer, wo sie das Schmuckkästchen aufbewahrte, um die Locke, die sie von seinem Haupte geschnitten hatte, zu küssen.

Und Hermann? Er konnte zum ersten mal nicht schlafen, er grübelte um das »warum denn nicht?« der Cousine. Ja, warum konnte er Veronica nicht heirathen? Liebte er sie nicht? Bisher hatte er sie in der That als eine ihn bemutternde Schwester geliebt, in dieser Nacht sah er zum ersten mal das Weib in ihr, und der Kuß, den sie ihm nach dem Abschneiden der Locken gegeben, fing jetzt nachträglich an auf seinen Lippen zu brennen. Seine Phantasie wurde mit einem male thätig, er sah die Künstlerin in allen den Gestalten und Costümen vor sich stehen, in denen er sie in der Garderobe gesehen; er fühlte den Zerlinenblick, mit dem sie ihn nach dem Delilawerke angeschaut, erst jetzt ins Herz brennen. Ja, seine Mutter hatte recht, er war bis über beide Ohren verliebt und hatte es nur nicht gewußt.

Am andern Morgen wollte ihm die Arbeit nicht munden, und als die Cousine zu üben aufgehört hatte und zu repetiren begann, legte er sich ins Fenster, um dem Gesange zu lauschen. Das waren lockende Nachtigallentöne; er war im Begriff, zu ihr zu eilen und sich der Geliebten zu Füßen zu stürzen. Ganz in Träume verloren, vergaß er, daß er eingeladen sei, schon um neun Uhr bei der Schwester zu erscheinen, da sie ihm Baden zeigen wollte. Mit um so größerer Hast eilte er, Toilette zu machen, als er die Equipage vorfahren hörte und sich der Verabredung erinnerte. Man nahm ein Dejeuner und setzte sich dann in den Wagen. Wie gern wäre der Verliebte heute allein mit Veronica gewesen, und heute gerade war nicht nur die Frau von Holling, wie immer, neben der Cousine, sondern auch sogar dem Nannerl war ein Platz neben ihm angewiesen. Die Sängerin war heute reizend; ein weißes Kleid mit blauen Blümchen legte sich in graziösen Falten um die schlanke Taille, die blendendweißen Schultern waren von einem blauen Florschleier verhüllt, ein allerliebstes kleines Hütchen mit weißer Straußenfeder saß auf dem Lockenköpfchen. Das Kleid hatte kurze Aermel, doch waren die Arme und die halbe Hand in braune sogenannte dänische Handschuhe gehüllt, die den Arm bis über den Elnbogen vor Sonne und Luft schützten, dann aber zwischen dem Puffenärmel und dem Handschuh schaute ein Stück des rundesten, weißesten, schönsten Armes hervor, den man sehen konnte.

Es war ein wunderlieblicher Maientag, als man in die Berge hineinfuhr, nicht auf der Chaussee nach Italien, sondern über Aizgersdorf, Petersdors, Enzersdorf nach Mödling, von hier im romantischen Waldthale. Die Brühl mit ihren Ruinen, die alte Burg Liechtenstein, der Husarentempel, zum Gedächtniß der Getreuen, die dem Fürsten Liechtenstein bei Aspern das Leben retteten, erbaut, gaben reiche Abwechselung. In Baden war es unserer Gesellschaft zu geräuschvoll, man promenirte nur bis zur Conditorei, um dort Eis zu nehmen, kehrte dann zum Wagen zurück und fuhr weiter in das Thal nach Sanct-Helena, wo es stiller und ländlicher war. In Baden sah man doch nur die allbekannten wiener Gesichter, denen man auf den Basteien, in den Theatern, im Prater oder sonstwo begegnete.

In Sanct-Helena wurde Mittagsrast gehalten und ein frugales ländliches Mahl, Eier und Schinken mit Salat, eingenommen, später von dem Kirschbaume, unter dem man gesessen, ein prächtiges Dessert, vom Doctor, der seine Turnkunst zeigte, selbst gepflückt, aus dem benachbarten Vöslau ein Glas Rothwein dazu getrunken. Nach dem Essen bat die Cousine um eine halbe Stunde Zeit, sie müsse Siesta halten. Frau von Holling schlummerte unter dem Kirschbaume ein, der Doctor vergaß seine Würde und warf sich ins Gras, im Schatten eines Walnußbaumes, starrte zum Himmel den Wolken zu, die über den Semmering nach Italien zogen. Als er so in Träumen von der jungen Liebe versunken lag, stand auf einmal ein Bursch in altdeutscher Tracht vor ihm mit langem Lockenhaar, Spitzenkragen, Baret, den Ziegenhainer in der Hand, und schlug ihn leicht über die Schulter. Wie sprang er auf! Es war Veronica, die in seinen eigenen Kleidern vor ihm stand. Die Kleidung paßte der Künstlerin wie angemessen, denn auch Hermann war schlanktaillig, nur die Weste war zu eng, sie drängte den schön gewölbten Busen nur mühsam zurück und war nicht ganz bis oben zuzuknöpfen gewesen. Ein schwarzseidenes Tuch, à la Byron um den Hals geschlungen, hob den Schnee des Halses. Voll Entzücken und leuchtenden Blickes betrachtete der Doctor diese Burschengestalt. »Auf nach Valencia«, sang Veronica und trieb Frau von Holling und das Nannerl, sich zu rüsten, um in die Berge, in den grünen Wald zu steigen zur Einsiedelei, wo man den Kaffee einnehmen wollte, und dann zur Ruine jenseit des Schwechatbaches. Als die Einsiedelei erreicht war, von wo die Aussicht nach Süden auf das rebenumkränzte Soos und Vöslau, nach Norden auf das reizende Baden entzückte, stand der Kaffee schon bereit. Frau von Holling erklärte, sie sei ermüdet, werde nicht höher steigen und verzichte darauf, die Ruine zu betreten. sie bleibe mit Nannerl hier zurück; die beiden Burschen möchten allein die alte Ritterburg erklettern. Und so geschah es, Veronica immer voran, Hermann konnte kaum folgen. Die Brust war ihm so bewegt, der Athem schien ihm auszugehen, er war im Zustande eines halb Wachenden, halb Träumenden, er sah keinen Gegenstand neben sich, ihm schwebte nur immer das Bild der Geliebten vor, wie er es erschaut, als er aufgesprungen; das Bild desselben Wesens, das jetzt leicht und neckisch wie eine Gazelle ihm voraufflog.

Schon stand die Sängerin auf der Eingangsmauer zur Burg, an einer Stelle, wo diese bis auf zwei oder drei Fuß niedergeschossen war. Das Burgthor, zu dem der gebahnte Weg führte, war ihr zu weit. Sie reichte dem Cousin, dessen Herzenszustand sich bei ihrem Anblick durch einen tiefen Seufzer Luft machte, die Hand und zog ihn zu sich empor, bei welcher Bewegung ein Westenknopf aufsprang. Hermann war wie von Sinnen, er konnte nicht weiter gehen, hier oben auf der breiten Mauer fiel er ihr zu Füßen nieder und seufzte: »Veronica, ich liebe dich unaussprechlich!« Veronica's Auge glühte voll Gegenliebe, sie zog den Geliebten zu sich empor, fiel in seine Arme und ein Kuß, der nicht enden wollte, besiegelte den Liebesbund.

Die Verliebten nahmen dann unter einer alten Eiche, die im ersten Burgraume Schatten gab, Platz, um durch unzählige Küsse sich zu überzeugen, daß kein Traum sie trügerisch umschwirre. Der Gelehrte fühlte zum ersten mal, daß er ein liebeglühendes Weib, nicht mehr seine Cousine und die ihn bemutternde Schwester im Arme hielt. Und als nun diese ihm gestand, wie sie ihn vom ersten Augenblicke, jedenfalls von dem Moment an geliebt habe, als sie ihm das Haar geschnitten und den ersten Kuß gegeben, und wie sie über seine Kälte wahrhaft unglücklich gewesen, da fühlte er das ganze Glück, seiner selbst wegen von einer solchen hehren Künstlerin geliebt zu sein.

Die Liebenden merkten nicht, wie die alten Mauern und Thürme um sie her schon längere Schatten warfen, sie sahen und hörten überhaupt nichts von alledem, was sie umgab, sie hörten kaum das Nachtigallmännchen im Burggarten seine süßen Locktöne nach der Geliebten senden.

Plötzlich wurde Hermann ernst, er ließ den Kopf auf Veronica's Schulter sinken und die Thränen stürzten ihm aus den Augen. »Was fehlt dir, Geliebter?« fragte Veronica besorgt und ängstlich. »Ach liebes Leben, ich habe vergessen, daß ich dich nicht heirathen kann, bevor ich ebenso berühmt geworden bin wie du. Ich kann ja nicht der Mann der Veronica Cruella heißen! aber ich will Tag und Nacht arbeiten, und dein Bild wird mich bei der Arbeit stärken.«

»Wenn dich weiter nichts quält, süßes Närrchen, so warte ich, bis du ein berühmter Professor bist, und hänge dann die Sängerei an den Haken und werde Frau Professorin. Aber jetzt müssen wir aufbrechen, ich sehe dort eine Gesellschaft Herren und Damen den Wald heraufsteigen, ich möchte hier in diesen Männerkleidern nicht erkannt werden. Laß uns zur Einsiedelei eilen und dann nach Hause fahren, der Weg ist weit und wir kommen vor Nacht nicht nach Wien.«

»Ich stelle Ihnen hier meinen gewesenen Cousin und Stiefbruder vor«, sagte die Sängerin, als man in der Einsiedelei angekommen war, zu Frau von Holling, »er ist zum Verlobten und Bräutigam avancirt, aber die Sache muß in Wien Geheimniß bleiben, da der Böse die Marotte hat, nicht früher zu heirathen, als bis er Professor geworden ist. Hörst du, Nannerl, kein Wort, weder im Hause, noch auf der Straße, noch weniger hinter den Coulissen.«

Man stieg nach Sanct-Helena hinunter, der Kutscher spannte an und Veronica hüllte sich wieder in ihr Frauengewand. Hermann hatte zwar sehr gebeten, sie möge die Burschentracht nicht ablegen, aber das war unmöglich, sie mußte befürchten, daß unterwegs sämmtliche Westenknöpfe sprangen.

In Mödling ließ man den Kutscher rasten, und die Liebenden fanden Gelegenheit, in einer Rosenlaube ihre Schwüre zu erneuern und die Liebesflammen mit Küssen zu dämpfen. Als man bei Schönbrunn vorbeifuhr, war es schon Nacht, und der Halbmond beleuchtete nur mäßig den Josephsbau der Gloriette. Die Sängerin hatte das Haupt müde auf die Brust des Geliebten, der jetzt neben ihr saß, fallen lassen, er hielt ihre Taille umschlungen und die linke Hand in seiner rechten. Der Doctor, nun schon nicht mehr so unbeholfen, bückte sich von Zeit zu Zeit, um den schönen Arm der Geliebten da, wo er vom Handschuh nicht bedeckt war, zu küssen.

Veronica schlief nicht, sie schlummerte nur und träumte vom künftigen Eheglück süße Träume, die ihre jungfräuliche Brust mit Wonneschauern durchzuckten. Auch Hermann fühlte, die süße Last im Arme haltend, daß es ihm schwer, ja unmöglich werden würde, mit der Hochzeit bis zum Professorenthume und dem Berühmtsein zu warten, und daß ein Weib, wie er es an sich drückte, wohl werth sei, daß man ein theoretisches Princip darum opfere.

Die drei wonnigen Wochen zu schildern, die Hermann noch an der Seite der Verlobten in Wien verlebte, ist eine Unmöglichkeit; solche Wonnezeiten müssen durchlebt und durchkostet werden. Die Genehmigung der beiderseitigen Aeltern, die Glückwünsche von Brüdern und Schwestern, Vettern und Basen waren angekommen, man verabredete, die Hochzeit noch zwei Jahre hinauszuschieben, bis der Contract Veronica's ablaufe, dann jedenfalls wolle man Hochzeit machen, sei nun der Professor schon da oder müsse sich die Braut mit dem Namen einer Frau Doctor begnügen.

Die Sängerin versprach, hübsch sparsam zu sein; sie wollte während ihres Urlaubes in Mailand und Venedig Gastrollen geben. Hermann wollte nach Göttingen eilen, um dort seine Geschichte Heinrich's des Löwen zu beenden, drucken zu lassen und sich zu habilitiren.

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