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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Was aus den Kindern werden solle, das war das Lieblingsgespräch der versammelten Familienglieder. Onkel Maschinenbauer hatte Hermann öfter und länger zu bereden gesucht, das unfruchtbare Studiren aufzugeben. »Glaube mir, mein Sohn, unser gehört die Welt, und der Dampf wird in Zukunft die Welt regieren nebst Eisen und Kohlen. Laß die Preußen und Engländer mitsammt unsern Truppen erst diesen Napoleon unschädlich gemacht haben, und das wird sicher geschehen, so werden wir lange Frieden haben und nicht das Wissen, sondern das Können wird Sieger sein.

»An Wissen hat es Deutschland niemals gefehlt, Denker gibt es in Ueberfluß, allein wir haben es damit nicht weiter gebracht, wir sind der Spielball anderer Völker geblieben. Man muß nach England gehen, die englische Flotte, die Dampfschornsteine der Fabriken, das englische Geld sehen, muß sehen, was Reichthum vermag, um zu wissen, was uns fehlt, zu fühlen, wie unpraktisch wir sind.

»Unsere deutsche Nation kommt mir immer vor wie der ungelenke Junge da, der Gottfried, der auch schon viel zu viel weiß, aber im Leben nichts Ordentliches schaffen wird, wie ich überzeugt bin.«

»Du magst recht haben«, sagte Hermann, »und wenn ich mich davon überzeuge, so will ich eben das deutsche Volk belehren, wie es sich bessern muß. Ich will Geschichtschreiber werden, Lehrer des Volkes, Rather, Leiter. Das ist ein schönerer Beruf, als wenn ich eine Dampfmaschine bauen könnte. Ich will das aber, nachdem ich nicht nur aus Büchern erkennen gelernt habe, was das deutsche Volk als Ganzes erstreben und wie es sich in sich selbst staatlich organisiren soll, sondern ich will die Verfassung und das Recht anderer Völker kennen lernen, ich will –«

»Ja gut, du willst und willst ein großer Reformator werden, ein politischer Luther, ein Einiger des Reichs u. s. w. Ich weiß das, was sich so ein junger Kopf davon vorstellt, wie anders die Welt werden würde, wenn er erst mit hineinzureden hätte. Wenn du aber so alt geworden bist wie ich, so wirst du einsehen, daß man, um im Weltkothe nicht stecken zu bleiben, nicht als Schulz geboren sein muß. Du heißt nun freilich Baumgarten, aber deine Mutter ist eine geborene Schulz, sie gehört dem großen Geschlechte der Meyer, Müller und Schulze an, die sich schon ihres Namens willen nicht über das Maß des Gewöhnlichen erheben können. Wir sind höchstens bestimmt, wenn wir in unserm kleinen Kreise bleiben, Wegebahner einer größern Zukunft zu sein; Lenker, Rather, nein, nein, dazu ist auch ein Baumgarten nicht bestimmt. Fliege nur zu, du wirst dir die Flügel schon frühzeitig genug verbrennen. Wenn das geschehen ist, wenn du muthlos an der Menschheit verzweifelst, wenn du mit dem Schmuz des Egoismus, wie er das Lebenselement der Menge ist, bekannt geworden, oder wenn die Gewalt dir, dem von einer Schulz Geborenen, die Flügel beschnitten hat, dann erinnere dich, daß du einen alten Onkel in Hannover hast, dem es mit Hülfe deines erbeuteten Geldes gelungen ist, sein Ideal, eine Maschinenbaustätte, zu gründen.«

Unser angehender Student hörte bei Heeren Statistik, Geographie und alte Geschichte, bei Sartorius Politik, bei Bouterwek Aesthetik. Das schien ihm für das erste Semester genug. Sein Vater hatte ihm zur Pflicht gemacht, jeden Sonnabend, wenn kein Unwetter hinderte, ins Försterhaus zu kommen und so viel Freunde mitzubringen, wie er wolle. Der Sonntag war der Freudentag für Marianne, und sie sparte jeden guten Braten für den Sohn, den einzigen, der ihr geblieben, und seine Freunde auf. Von letztern hatte sich im Fuchssemester nur ein Dutzend gefunden, deren einige der alten Verbindung der Zwölfer angehörten, andere aus Preußen, Hessen, Nassauern bestanden, welche wie Hermann selbst die Feldzüge von 1813–14 mitgemacht hatten, und die sich durch das rohe burschikose Treiben der Landsmannschaften abgestoßen fühlten. Es schien, als wäre die Vertreibung der Franken nur dazu geschehen, um jeden frühern Provinzialkreis als ein von dem neuen Staate geschiedenes Ganzes auf den Universitäten aufrecht zu erhalten. Da excellirte eine Verbindung Hannovera; die Lüneburger, die Hildesen, die Herzynen, die Bremenser, Bremanen, Hanseaten, Holsteiner, Westfalen, Sachsen, Mecklenburger, Vandalen, Borussen u. s. w. bildeten ihre verschiedenen Landsmannschaften oder Corps, deren Ziel es war, das freie Leben der Studenten gegen das des Pennals zu genießen und in Gesängen zu verherrlichen.

Allen denen, welche sich schon vor dem ersten Pariser Frieden mit dem Gedanken an ein größeres deutsches Vaterland getragen, galt dieses particularistische Treiben nun zwar als ein unvolksthümliches, aber es war in Göttingen einmal Mode. Die Heißsporne von 1813 und 1814 fehlten, sie waren, als Napoleon von Elba zurückgekehrt war, sofern sie unverwundet geblieben, von neuem zur Armee gereist und kämpften bei Ligny und Waterloo, während die Landsmannschaften in Göttingen ihr »Gaudeamus igitur« sangen, oder auch ihr.

Sic vivamus wir Studenten,
Leben alle Tage wohl;
Fressen absque Complimenten,
Saufen uns stets dick und voll.
Sic vivamus du und ich,
Wir sind beide liederlich;
Und wer uns was dawiderspricht,
Den schlagen wir ins Angesicht,
Und sprechen noch dazu:
Sauf zu. sauf zu, sauf zu!

ein Lied, das heutzutage hoffentlich so ziemlich aus allen Commersbüchern verschwunden sein wird.

Hermann und seine Freunde hielten sich fern von solchem Treiben, es ekelte sie an; sie hielten ihre Kränzchen, in denen sie sich über allerlei philosophische, politische und historische Dinge unterhielten, die neuesten politischen Broschüren vorlasen oder über die Artikel des »Rheinischen Merkur« debattirten. Die Grundlage dieser Zusammenkünfte bildeten jedoch Vorlesungen aus Fichte's »Reden an die deutsche Nation« und die Erörterung der Frage, wie die akademische Jugend im Sinne Fichte's handeln könne. Alle vierzehn Tage stieg man auch einmal den alten kahlen Kleperberg hinauf zu »Koch's Lust«, um im grünen göttinger Holze bei einem Glase gelben duderstädter Biers Körner'sche, Arndt'sche und Schenkendorf'sche Lieder zu singen, dann ein frugales Abendbrot auf Koch's Lust selbst einzunehmen und abends ein Glas Punsch zu trinken.

Als wenige Wochen nach jenem Familienfeste in der Försterwohnung die Nachricht von dem Siege bei Waterloo eintraf, feierte man diesen Sieg gemeinsam in den Ruinen des alten Hanstein an der Werra, eine Feier, zu der sich außer dem namenlosen Kränzchen schon gegen funfzig »Kamele« eingefunden hatten, welche die Dinge in der Welt von etwas anderm als dem gemeinen Corpsburschenstandpunkte ansahen.

Die Feier, bei der verschiedene patriotische Reden gehalten wurden, erregte die Aufmerksamkeit des hohen akademischen Senats, freilich erst nachträglich, als in öffentlichen Blättern darüber gesprochen ward und ein Auszug aus einer höchst schwungvollen Rede Hermann Baumgarten's mitgetheilt war. Hermann führte den in allen hellern Köpfen schon durch Fichte und seine Schüler verbreiteten Gedanken aus, daß das alte Commentwesen aus deutschen Universitäten, wonach nur der als ein honoriger Bursche galt und Stimme und Antheil an den allgemeinen öffentlichen Burschenangelegenheiten hatte, der Mitglied einer der bestehenden (d. h. der auf dem Seniorenconvent vertretenen) Verbindungen war, veraltet und unzeitgemäß sei. Aber er verknüpfte zugleich eine neue Ideencombination damit, indem er das Corps- und Landsmannschaftswesen als den Feudalstaat, aber den zersplitterten, in den Territorien zerrissenen, dargestellt, wobei die Senioren mit den von Karl dem Großen eingeführten Senioren verglichen wurden. Diesem föderativen Feudalstaate gegenüber verlangte Hermann eine durch Immatriculation gleichberechtigte allgemeine deutsche Burschenschaft als Repräsentantin des einheitlichen deutschen Reichs.

In einer Zeit aber, wo es endlich gelungen war oder schien, das Ziel jahrhundertelanger Kämpfe zu besiegeln und jedem der noch übrigen deutschen Fürsten die Sonveränetät zu sichern, war dieser Gedanke an ein deutsches Reich, auch in der völligen Unklarheit, wie derselbe damals in allen Köpfen, nicht allein in denen der Jugend schwebte (denn Pütter, der sich auf dem Hardenberge vermessen, ein neues deutsches Reich zu construiren, war lange todt), ein nahe an Hochverrath streifender Gedanke. Das Reich schien durch die Souveränetäten der Zaunkönige beseitigt für immer.

Man hatte daher, als man in Hannover von jener Rede Hermann's in den Zeitungen gelesen, nach Göttingen geschrieben und dem Prorector Vorwürfe gemacht, daß er solches Treiben dulde. Dieser war ein Theologe und zugleich ein schlauer Fuchs. Er hatte erwidert, man solle ihn nur machen lassen, und er machte seine Dinge gut. Als das Semester seinem Ende sich nahte, wurde dem Seniorenconvent insinuirt, der Prorector würde diesmal, auf gehörige Weise angegangen, einen allgemeinen Commers aller Corps mit öffentlichem Auszuge gestatten.

Der Seniorenconvent ermangelte nicht, um Erlaubniß zu einem solchen allgemeinen Commers zu bitten, und bei dieser Gelegenheit machte denn der Herr Prorector die Senioren selbst darauf aufmerksam, daß eine süddeutsche Partei in der Bildung begriffen scheine, die das alte Corps- und Commentwesen stürzen wolle. Den Herren, die keine Zeitung zu lesen pflegten, die über die Tragweite der Dinge auf dem Hanstein kaum nachgedacht und solche, als von Nichtcorpsburschen, von Kamelen ausgegangen, ignorirt hatten, denuncirte er gleichsam unsern jüngsten Freund als einen den Corps gefährlichen, vorlauten Burschen.

Die nächste Folge war nun, daß drei alte Paukhähne diesen ohne allen Grund auf öffentlicher Straße beleidigten, ihm das Gossenrecht verweigerten und ihn über die Gosse stießen. Das forderte drei Duelle. Hermann aber hatte sich schon als Schüler im Fechten geübt, obgleich ein Fuchs nach studentischem Begriff (d. h. nach damaligem heidelberger Comment »ein Stück Fleisch ohne Sinn, Witz und Verstand«), er hatte in mehr als einem Scharmützel dem Feinde ins Auge geschaut und Pulver gerochen, warum sollte er sich auf der Mensur weniger tapfer zeigen, die ja nur den Schein eines Kampfes darstellte? Zwei der alten Paukhähne konnten ihm nichts anhaben, den dritten, den berüchtigtsten, führte er so ab, daß die Verbindung, deren Waffen er benutzte, die Westfalen, ihn auf ihre Kneipe und ihren Commers einluden und zu »keilen« suchten.

Allein Hermann widerstand den Versuchungen, das Surrogat der Freiheit für die Freiheit zu nehmen; wie er beständig dagegen eiferte, wenn man in seinem Kränzchen das Lied Schenkendorf's: »Freiheit, die ich meine«, singen wollte, weil das ein dummes Lied sei, bei dem man nichts denken könne, so wies er auch die Freiheit des Corpslebens zurück, an politische Freiheit des Volks denkend.

Einige nicht unwichtige Folgen hatte das Ereigniß aber dennoch. Einmal schlossen sich von den Wilden, welche die Feier des Sieges von Waterloo auf dem Hanstein mit hatten begehen helfen, ein halbes Dutzend der tüchtigsten dem Kränzchen, das auf Koch's Lust und im Walde kneipte, an. Dagegen gaben die Corpsburschen diesem Kränzchen, da Hermann als der Führer desselben aus der ländlichen Umgegend von Göttingen gebürtig war, den auf Söhne von Predigern und Schulmeistern vom Lande gern angewandten Spottnamen der »Kümmeltürken«.

Auf der andern Seite aber schlossen sich die Freunde Hermann's näher aneinander und kamen überein, für den Winter, um nicht von andern Waffenverbindungen abhängig zu sein, selbst eine solche zu bilden, den Namen Göttingia anzunehmen, der schon einmal als Corpsverbindung existirt hatte, und sich, wenn es sein müsse, mit allen andern Waffenverbindungen zu pauken, um ihre Existenz als Corps »herauszupauken«.

Sie wollten aber unter sich weder den alten Saufcomment noch den Waffencomment einführen, vielmehr sollte in der Göttingia ein Ehrengericht zuvor entscheiden, ob ein Duell stattfinden dürfe.

Die neue Verbindung gestaltete sich denn im Wintersemester auch über alle Erwartung günstig. Es kamen nach dem zweiten Pariser Frieden alle zur Universität zurück, die ihre Studien fortzusetzen beabsichtigten. Gewesene Offiziere, Unteroffiziere wie Gemeine aus den verschiedensten Landestheilen traten in die Göttingia, die ja keine Landsmannschaft, sondern nur eine Waffenverbindung mit neuem Comment sein wollte, wie denn nur zwei oder drei in Göttingen selbst geborene Mitglieder ihr angehörten. Der Name sollte andeuten, daß alle Studenten, die in Göttingen studirten, ihr als Mitglieder willkommen seien.

Da vorauszusehen war, daß die neue Verbindung von seiten der alten Corps nicht ohne Anfechtung sein würde, so hatte man die Angehörigen in Glieder eines engern Bundes und in eine Bundesgenossenschaft getheilt, deren Rechte vollständig gleich, waren, nicht aber die Pflichten. Nach außen und soweit es die Vertretung der Göttingia durch sogenannte Propatriapaukereien galt, sollten lediglich die engern Bundesglieder verpflichtet sein. Damit nun Theologen nicht in das Misverhältniß kämen, sich der Verbindung wegen schlagen zu müssen, konnten diese nur zu den Bundesgenossen gehören. Um gehörig zu repräsentiren, war ein alter Bursch, der beide Feldzüge mitgemacht hatte und der sich auf sein medicinisches Examen vorbereitete, als Senior gewählt, und Hermann begnügte sich mit dem Amte eines Schriftführers.

Die Göttingia war so zahlreich, daß das größte Local zur Kneipe ausgewählt werden mußte, und die Paukereien, die nicht ausblieben, fielen so sehr zu Gunsten des neuen Corps aus, daß man dieses von seiten des Seniorenconvents, ohne Weiterungen zu machen, anerkannte.

Den Pedellen oder Pudeln, wie man sie nannte, war von »dem Akademischen« freilich eingeschärft, ein besonders wachsames Auge auf die neue Verbindung zu haben, welche die Farben der Stadt, weiß-schwarz-gold, an Mützen und Pfeifenquasten, Bändern und Waffen trug; aber über den Geist der Verbindung konnten diese nicht wachen. Es war einer der ersten Beschlüsse der neuen Verbindung, daß das bisher in Göttingen benutzte Commersbuch, welches einen Bier trinkenden und aus einer Thonpfeife rauchenden Amor auf seinem Titelblatte zeigte und nur den Druckort Germania trug, wegen seines gemeinen und sittenlosen Inhalts nicht mehr in die Kneipe gebracht werden dürfe. Eine Commission wurde niedergesetzt, welche die bessern patriotischen und geselligen Lieder sammeln und drucken lassen sollte. Man trank sich am Kneipabende zwar vor und nach, aber das Trinken und Singen war nie die Hauptsache, sondern man debattirte über politische oder philosophische Themata, besonders solche, über welche in den verschiedenen Kränzchen der Gesellschaft, in welche man dieselbe der großen Anzahl wegen hatte theilen müssen, verschiedene Ansichten herrschten. Es gab Kränzchen für Füchse, für Brander und Jungburschen, in den erstern wurden nur Themata allgemeinerer Natur tractirt, z. B. die Fragen: Was ist Ehre? in specie, was ist Burschenehre? Wie muß man den Geist durch den Körper und den Körper geistig ausbilden? In den Kränzchen der Burschen wurde über politische Flugschriften und Aufsätze in Journalen berichtet, und dann platzten die Geister aufeinander.

Ein solches Referat, zufällig von Hermann Baumgarten gehalten, sollte das schnelle Ende der Verbindung herbeiführen. Der Geheimrath von Dabelow hielt sich seit Michaelis 1815 in Göttingen auf, um angeblich die Bibliothek zu benutzen, oder wie Hugo, der den Herrn nur O Weh! nannte und durch vernichtende Kritik lächerlich machte, vermuthete, um eine Professur zu erschleichen. Er wohnte in dem Hause des Kaufmanns Meißner, dem Fleischerscharren und der Scharwache des Rathhauses gegenüber.

Dabelow hatte nun in Commission der Dietrich'schen Buchhandlung eine Broschüre »Ueber den Artikel 13 der Deutschen Bundesacte« drucken lassen, in welcher ausgeführt war, daß dieser Artikel die deutschen Fürsten nicht zur Einführung landständischer Verfassungen verpflichte, daß es vielmehr von der Gnade und Willkür des Fürsten abhänge, solche einzuführen, eine Behauptung, die später durch Artikel 54 der Wiener Schluß-Acte widerlegt wurde. Schon früher hatte O Weh sich als ein entschiedener Gegner der Repräsentativverfassung, die er für unvereinbar mit dem monarchischen Princip erklärte, misliebig gemacht; die neue Broschüre rief die Entrüstung von ganz Deutschland hervor.

Hermann Baumgarten berichtete nun über dieses Werk in seinem Kränzchen an einem Abende vor der allgemeinen Kneipe und bezeichnete dasselbe als ein solches, das an den Schandpfahl geheftet zu werden verdiene. Einer der Anwesenden brachte auf der Kneipe das Gespräch auf die Schrift und die Aeußerung unsers Freundes. Da erhob sich Georg von Schenk aus Hammerstein im Darmstädtischen aus der Menge und bat den Vorsitzenden um das Wort: »Wir reden, meine Brüder, so oft davon, daß es schwer sei, dem Rathe Fichte's an die akademische Jugend, den Egoismus abzulegen, heiligen Ernst zu zeigen und vor allem zu handeln, nachzukommen. Hier ist eine Gelegenheit zum Handeln, laßt uns morgen am hellen Tage das thun, was einer von uns als recht empfohlen, laßt uns Dabelow's Buch an den Schandpfahl heften und ihm selbst, wie wir es heute hier thun wollen, vor seinem Hause, als Fürstenknecht, ein Pereat bringen; Pereat Dabelow, der Fürstenknecht!« Man stimmte allseitig bei und verabredete, jeder solle morgen, wenn nicht anders so durch Anschlag in allen Collegiis verbreiten, daß Dabelow's Buch wider den Artikel 13 mittags 12 Uhr an den Schandpfahl geschlagen werde.

Hierzu meldeten sich so viele, daß zum Lose geschritten werden mußte, welches zufälligerweise den Aussprecher des Gedankens traf.

Am andern Morgen, es war am 18. Januar 1816, sagten sämmtliche Stiefelwichser beim Reinigen der Kleider an, es werde mittags 12 Uhr auf dem Marktplatze an dem Volksverräther Dabelow ein öffentliches Gericht vollstreckt werden. In den Collegien flüsterte der eine dem andern zu, ob man schon wüßte, daß Dabelow's »Artikel 13« auf öffentlichem Markte verbrannt werden solle?

Die eigentlichen Corpsburschen standen zwar der Politik fern, aber jeder »Ulk« war ihnen lieb. Viele schwänzten die Collegia, um sich auf den »Ulk« durch ein ordentliches Frühstück im Rathskeller vorzubereiten und dieser wie die Bosia selbst waren so gefüllt, daß man kaum einen Schoppen Bier oder Wein haben konnte.

Schon um 11 Uhr standen Hunderte von Dienstmädchen, Schusterjungen, Stiefelwichsern auf dem Marktplatze. Die Studentenwelt war unruhig, führte etwas im Schilde, das wußte man allerorten, das hatten »Schäfer und Doris«, das durch Heinrich Heine bekannte Pedellenpaar, auch schon dem Prorector berichtet. Der Goldaga wie der Silberaga, die Commandanten der sogenannten Schnurren (der akademischen Polizei), waren zum Prorector beordert und hatten Befehl erhalten, für die Nacht doppelte Mannschaften mit den »Bleistiften« zu versehen. Bleistifte nannte man acht Fuß lange, an dem einen Ende mit Blei gefüllte Stangen, welche die »Schnurren« mit großer Geschicklichkeit namentlich unter die nach einem Pereat oder einer Fenstermusik fliehende Schar der Studenten zu werfen wußten, sodaß etliche zur Erde fielen, um »ad wacham« geschleppt werden zu können.

Der Prorector dachte natürlich nicht daran, daß man vor der Nacht etwas unternehmen würde, das glaubten auch weder Pedelle noch Agas, und viele Schnurren gingen ihren täglichen Beschäftigungen, dem Holzsägen und Holzhacken vor den Häusern nach; denn solange die Georgia Augusta existirte, waren alle Studentenexcesse immer nur nachts oder am Spätabend vorgekommen. Die Versammlung Neugieriger auf dem Marktplatze glaubte man durch die außergewöhnliche Morgenkneiperei im Rathskeller hervorgerufen, und hielt es nach hergebrachter Gewohnheit für gerathen, solche Dinge zu ignoriren. Pedelle und Agas hatten deshalb vom Prorector die Weisung bekommen, sich auf der Weenderstraße und dem Markte überall nicht sehen zu lassen, dagegen nachzuforschen, welchem Professor oder Hofrath in der Nacht ein Pereat gebracht werden solle. Da man hörte, die Sache gelte dem nicht sehr beliebten Dabelow, hatte man zu verstehen gegeben, die Pedellen und Schnurren sollten erst einschreiten, wenn es zu Fenstermusiken käme.

Das Rathhaus in Göttingen steht noch heute, wie es seit 1371 gestanden hat, seine Zinnen und festen Erkerthürme sind nur etwas grauer geworden und die hohe Freitreppe mit der Vertheidigungsbrustwehr und ihren starken eisernen Thüren etwas baufälliger und rostiger. Davor auf einem freien der Weenderstraße zugewendeten Platze sprudelte die Fontaine des sogenannten Großen Brunnens, jetzt in neuer Einfassung, damals noch in der ältern. Hinter diesem stand zu der Zeit, von der wir reden, ein hoher hölzerner Pfahl, von dem zwei eiserne Ketten mit Handeisen herabhingen. Das war der Schandpfahl, daran wurden Diebe, liederliche Frauenzimmer, ungehorsame oder diebische Dienstboten und alle, welche aus der Stadt gestäupt wurden, eine Stunde lang der Menge zur Schau und zum warnenden Exempel ausgestellt. Als nun von den hohen Kirchthürmen der Jakobi und Johanniskirche die Glocke zwölf schlug, da spien alle die verschiedenen Corps- und andere Kneipen ihre Insassen in langen Zügen aus, die sich von der Gronerstraße, der Geismarstraße, der Rothenstraße, der Barfüßler- und Weenderstraße zum Markte bewegten. Auch einige Collegia waren eben geschlossen, aus dem »Pandektenstalle Heise's« und dem Criminalrechte des alten »Strittig«, wie man Meister nannte, kamen allein Hunderte der fleißigen Studenten die Johannisstraße herauf zum Markte. Den stattlichsten Zug aber bildete die Göttingia mit ihren weißen schwarz-goldberänderten Mützen, die aus der größten Kneipe, der Piderit's am Jakobikirchhofe, heranrückte. Voran ging ein Fuchs, der an langer Stange eine Art Banner trug, darauf der Name C. C. Dabelow und das Corpus delicti. Ein zweiter Fuchs hinter diesem trug auf einem rothen Kissen einen großen Nagel und einen Hammer, dann folgten unser Freund Baumgarten und der von Schenk, hinter ihnen Senior und Consenior der Verbindung. Der Zug bewegte sich lautlos die Weenderstraße hinauf nach dem Markte. Der ganze Platz war schon voll Menschen. Die Straßenjugend hockte auf den Balustraden der Rathhaustreppe und auf der Umfassung des großen Brunnens, die verschiedenen Corps gruppirten sich nach der Seite, von der sie den Markt betraten. Als die Weißmützen kamen, machte man ihnen Platz.

Dabelow's Buch wurde von der Stange genommen und Hermann übergeben, der, dasselbe in die Höhe haltend, mit lauter Stimme über den Markt rief:

»Diesem Schandbuche eines niederträchtigen Fürstenknechts werde ich den Platz anweisen, der ihm allein gebührt, den Schandpfahl!«

und dann nagelte er das Buch an den Pfahl.

Georg von Schenk schrieb über das Buch mit Kreide an den Schandpfahl: »Dabelow quo peracto!« Die Menge schrie: Pereat Dabelow! und: Nach Dobelow! Polizei ließ sich nicht sehen, und so wogte denn die Masse, vermehrt durch Bürger, die von ihrer Arbeit gelaufen waren, durch einige hundert Dienstmädchen, die für die Burschen das magere Mittagsessen aus den Garküchen holten, und durch die Straßenjugend der ganzen Stadt, nach dem Meißner'schen Hause hin.

Der Weg war kurz, man brauchte sich nur vom Rathhause der Universitätsapotheke an der südlichen Seite des Rathhauses zuzuwenden, so war man am Ziele. Die Göttingia zog voran, Jungen und Frauenzimmer nahmen auf dem Johanniskirchhofe Platz, die Hauptmenge drängte sich auf dem engern Raum zwischen der Universitätsapotheke, der Scharwache und dem Scharren zusammen. Der ganze Raum zwischen Rathhaus und Scharren, wie die Zindelstraße, waren von der »Sonne« bis zur Nikolaistraße mit Menschen gefüllt. Nachdem die Menge so still wie möglich geworden war, rief Hermann:

»Pereat Dabelow, der Mann, der es wagt, die heiligen Verheißungen der Fürsten an ihre Völker zur Lüge machen zu wollen!«

Pereat! pereat! brüllte die Menge, und in demselben Augenblick flogen ein paar hundert Steine in die Fensterscheiben des Geheimen Staatsraths.

»Nun laßt uns zum Prorector ziehen, diesem ein Vivat bringen und dann ruhig auseinandergehen« – rief ein alter Bursch von Ansehen. Der neue Prorector war der nassauische Hofrath Bauer; als Erfinder der Warnungstheorie galt er, der vom jungen Strittig verteidigten Abschreckungstheorie gegenüber, schon für modern und für freisinniger als die übrigen hannoverischen Hofräthe. Bauer wohnte an der Allee, und dahin wälzte sich der Menschenstrom durch die Paulinerstraße, theils durch die Gothmar- und Prinzenstraße. Wenn auch die vordersten Burschen mit ihrem »Gaudeamus igitur« begannen, so war doch keine Uebereinstimmung in die Menge zu bringen. Hier sang eine Verbindung: »So leben wir, so leben wir alle Tage«, dort eine andere: »Und der Windmüller mahlt, wenn der Wind weht«, trotzdem daß die Sonne schien und man hätte glauben sollen, die Jugend würde sich am Tage der Schlußverse geschämt haben. Die Göttingia stimmte ihr Lieblingslied an, den Körner'schen Lobgesang auf die Lützow'sche Schar.

Dem Prorector war ein Vivat gebracht, die Jugend war hungerig geworden. Jeder eilte seinem magern Freitische zu oder auch der gemeinsamen Speiseküche.

Aber die Aufregung begann nun erst in den Kreisen der Hofräthe und Professoren zu wogen. So etwas war unerhört, am hellen Tage eine Fenstermusik und ein Pereat!

Pudel Schäfer, vormaliger wohlbestallter wetzlarischer Reichskammergerichtsdiener, der vom Reichskammergericht nie anders als in der Würde eines königlich-kaiserlichen Beamten mit »Wir« zu sprechen pflegte, hatte den Actus von der Rathhaustreppe aus angesehen und die Attentäter Hermann Baumgarten wie Georg von Schenk wohl erkannt. Pudel Doris, der Wohlbeleibte, zog sich aus dem Gedränge in die Universitätsapotheke zurück, um dort einen Magenbittern zu sich zu nehmen und sich die Anführer zu notiren. Beide berichteten dem Prorector.

Dabelow, dem Geheimrath, war mit einem Steine ein anonymer Brief in das Fenster geworfen, welcher lautete: »Machen Sie, daß Sie fortkommen, gehen Sie nach Würtemberg, der Civilverdienstorden ist Ihnen gewiß, vielleicht werden Sie sogar Premierminister!«

Diesen Brief sendete Dabelow dem Prorector ein, mit einem Schreiben des Inhalts:

 

»Magnifice!

Sie werden über den Skandal Bericht erhalten haben, den die studirenden Jungen vor meinem Hause angerichtet. Ich bin zwar nicht zweifelhaft, daß nicht meine Schrift, sondern nur gelehrte Cabale und Neid den Skandal in Scene gesetzt haben, aber ich verlange die eclatanteste Genugthuung. Wenn man in Göttingen den studirenden großen Jungen das Recht einräumt, mit ihren Professoren ihr Spiel zu treiben, so habe ich nichts dagegen; allein man darf ihnen nicht erlauben, dasselbe zu thun hinsichtlich fremder Gelehrten, namentlich solcher, die wie ich in politischen Relationen stehen. Jedenfalls müßte das Publikum erst davon in Kenntniß gesetzt werden, daß eine Jungencensur in Göttingen eingerichtet sei. Ich werde sofort nach Hannover fahren und mich bei dem Curator, Geheimen Cabinetsrath von Arnswald, beschweren.«Actenmäßig.

 

In größter Sorge war aber der Prorector; nicht nur darüber, daß so etwas unter seinem Prorectorat passiren konnte, nein, daß es wirklich geschehen war, ohne daß er auch nur eine Ahnung davon gehabt, und nachdem er vor kaum vierzehn Tagen einen längern Bericht an das Curatorium entsandt hatte, dahin: »daß sich in Göttingen nicht die geringste Spur von jenem Geiste der Unzufriedenheit und des Mißvergnügens mit öffentlichen Zuständen rege, der an andern Universitäten mit Recht beklagt werde, die akademische Jugend, ein Beispiel nehmend an dem Geiste ihrer Lehrer, halte sich fern von aller und jeder Politik.«

Und nun diese Demonstration, die in ganz Deutschland, ja bei dem Rufe Göttingens in Europa Aufsehen machen mußte! Wie sollte er vertuschen oder verkleistern können, da Dabelow selbst nach Hannover wollte? Was aber beinahe das Schlimmste war, wie sollte er rechtfertigen, daß die Studirenden ihn in Gegensatz zu Dabelow gesetzt, ihm ein Vivat gebracht hatten? wie sich selbst rein waschen von dem Glauben der Studirenden, daß er liberal sei, wie sich selbst anschwärzen?

Der akademische Senat versammelte sich am Nachmittage, um die detaillirten Berichte der Pedelle über das wie, durch wen, auf wessen Veranlassung zu hören, und da hieß es denn: durch die Verbindung Göttingia, auf die Veranlassung der Studiosen Hermann Baumgarten und Georg von Schenk.

»Ist ersterer nicht derselbe junge Bursche, welcher auch auf dem Hanstein bei Gelegenheit der Waterloofeier schon eine verdächtige politische Rede gehalten hat?« fragte der Universitätsrath.

»Ja wohl«, sagte Schäfer, »derselbe, der die Corps hier zu Grunde richten und eine allgemeine Verbindung aller Studenten einrichten will, ein unruhiger, gefährlicher Kopf!« »Citatur auf morgen, nebst dem Vorstande, Senior, Consenior und Secretär der Göttingia; wir müssen ein Exempel statuiren, ehe wir nach Hannover berichten«, befahl der Prorector; »und dann, meine Herren Collegen, wer nach auswärts schreibt, sei es nach Hannover, sei es an einen Freund auf einer andern Universität, der erwähne des Vorfalls nur als einer Bagatelle ohne alle politische Bedeutung, als That eines halb hirnverbrannten Jünglings, der irgendeinen Privathaß gegen Dabelow auf diese Weise zum Austrage gebracht habe, als einer Rache der göttinger Studenten für die Schmähungen Dabelow's auf Göttingen, das er nur seiner Würste wegen berühmt genannt hat.Es thut uns leid, constatiren zu müssen, daß Heinrich Heine's Wort nur eine Wiederholung dessen ist, was funfzehn Jahre früher Dabelow schon geschrieben hatte. Die Jungfräulichkeit der Georgia Augusta, was politisches Getreibe anlangt, darf in keiner Weise dem leisesten Zweifel unterliegen.«

Am andern Tage gab man Hermann das Consilium abeundi, d. h. den Rath, binnen vierundzwanzig Stunden Göttingen zu verlassen, wenn er nicht aus der Stadt gebracht werden wolle. Georg von Schenk mußte acht Tage Carcerstrafe ertragen, den Senioren wurde anbefohlen, die Göttingia aufzulösen. Hermann ging gern, war doch nicht ein einziger Lehrer in Göttingen, dessen Vortrag ihn gefesselt, zu dem das Herz ihn hingezogen hätte. In Jena dagegen fand er Luden, an dem sein Herz schon hing, fand er Fries, Oken und viele alte Lützower. Die Göttingia wollte ihm bis Heiligenstadt das Geleit geben, unser Freund wehrte es ab, unter dem Vorwande, zuerst einige Tage in der Heimat zubringen zu wollen. Die Mutter vergoß zwar reichlich Thränen, da sie sich schon wieder von dem Sohne trennen sollte, der Vater aber, der das alte Unwesen der adeligen und bürgerlichen Forstcarrièren und die alte Patronessen- und Connexionswirthschaft in seinem Dienstfache wiederhergestellt sah und dem weder die ganze Restauration, wie sie drüben in Kurhessen, noch die halbe, vermittelnde Wiederherstellung des Alten, wie man sie im Hannoverischen versuchte, nach Sinne war, sagte nur: »Junge, glaube aber nicht, daß die Goldfüchse jungen. Halte dich nur an die Zinsen!«

Der Student, der sich seine Sachen von Göttingen mit der Post nach Jena nachschicken ließ, marschirte in einer reich mit Schnüren besetzten Polonaise, der langen Pfeife mit weiß-gold-schwarzen Quasten und mit der gleichfarbigen Mütze vergnügt dem Leinethale zu, um über Mühlhausen die ersehnte Stätte zu erreichen.

Es war ein herrlich klarer Februartag, als er auf der Höhe des Rusteberges von der Heimat, von der ganzen schönen Gegend um Göttingen, vom Gleichen, Hanstein, Ludwigsstein, Ahrensstein und Meißner Abschied nahm und nach Osten schritt. Er blickte noch manchmal nach dem Meißner hinüber und nach dem Hohen Hagen, dann aber wurde darauf losmarschirt und ein Körner'sches Lied gesungen.

Ade! Ade! Ade!

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