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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Viertes Kapitel.
Hassan's Rückkehr.

Es mag kaum bestritten werden, daß auf die Lebensschicksale vieler Menschen außer Geburt und Geburtsland äußere Ereignisse einen so entschiedenen Einfluß üben, daß sich von einer Betätigung der menschlichen Willensfreiheit wenig wahrnehmen läßt, daß das Walten des Schicksals, oder wie wir es nennen wollen, vorwiegend das Bestimmende ist. So machte nun auch die Gefangennehmung des Malers Hellung durch die Korsaren, sein Verkauf als Gartensklave nach Zuwan einen gewaltigen, von seiner Willensfreiheit unabhängigen Eingriff in das Leben desselben. Seine Lebensweise wurde fortan abhängig von den äußern Verhältnissen und Bedingnissen, die in Afrika ihn umgaben, von dem Leben unter Mohammedanern, von dem Leben unter den glühenden Sonnenstrahlen Nordafrikas, von dem Zufalle, daß er mit einem Landsmanne zusammentraf, von der Liebe Fatime's und Mirza's. Allein derselbe war sich trotz aller Einwirkungen des Schicksals und Zufalls bei allen seinem Thun noch eines Willens und seines Wollens bewußt. Sein Uebertritt zu der Religion Mohammed's, sein Anschmiegen an orientalische Sitten und Gewohnheiten geschah keineswegs ohne Antheil seiner Selbstentscheidung. Denn wie sehr auch sein Wille durch Klima, Nahrung, Umgang mit Hinrik, Trägheit, Sinnengenuß und andere auf den menschlichen Körper und durch diesen auf den Geist selbst einwirkende Ursachen, ohne daß er sich dieser Einwirkungen bewußt geworden wäre oder davon Rechenschaft sich gegeben hätte, gereizt, geleitet, beschränkt war, sein Wollen war dadurch nicht erloschen; hätte er nur recht gewollt, das Rechte und Richtige gewollt, so würde er den Lockungen widerstanden haben. Aber daran lag es gerade: er wollte und mochte nicht widerstreben dem, was schmeichelnd ihn anzog und seine Sinne umgarnte, er war auf dem Wege, ganz zu einem orientalischen Weichlinge sich zu erniedrigen.

Dem Menschen das freie Willensvermögen überhaupt bestreiten zu wollen, heißt, ihm den Geist selbst abstreiten, und wenn Heinrich Simon nach dem Berichte seines Biographen Jacobi dem Glauben angehangen hat: »Es ist von vorherein unwahrscheinlich, daß derjenige einen freien Willen haben solle, dessen Existenz selbst ohne freien Willen ist. Die Natur läßt sich solche Inconsequenzen nicht zu Schulden kommen«, so zeigt diese Annahme eben den Spinozisten, der von der Annahme ausgeht, daß der Mensch eben nur Naturwesen und ganz allein von Naturgesetzen abhängig sei, daß der Geist etwa eine Blüte der Natur sei, während doch Millionen Menschen sich als Vereinswesen aus Geist und Natur fühlen und schauen. Die Lehre Spinoza's selbst löst die Frage nach der Willensfreiheit des Menschen nicht, er vermeint: »Die menschliche Freiheit, deren sich alle rühmen, besteht darin, daß die Mengen sich ihres Willens bewußt, der Ursachen aber, von denen dieser bestimmt wird, unbewußt sind.«

Demnach käme unser Bewußtsein von Willensfreiheit auf eine grobe Selbsttäuschung hinaus, wir glauben uns frei, weil wir wissen, daß wir etwas wollen, daß wir uns bestimmen können, merken aber nicht, durch welche Bestimmungsgründe dieses Wollen bestimmt wird.

Und doch ist diese Behauptung unwahr, denn ein Wollen ohne Bestimmungsgründe wäre etwas Leeres und Unentschiedenes, wäre gar kein Wollen. Das rechte Wollen muß einen Inhalt, einen Gegenstand haben.

Sofern nur die Bestimmungsgründe unsers Wollens, die Ziele, wonach wir streben, die Güter, die wir zu erlangen trachten, innerhalb unsers Wesens und Vermögens liegen, – sei es in den Trieben und Bedürfnissen unserer leiblichen Natur, oder in den Forderungen an die menschliche Gesellschaft, an den Staat, und sofern wir beides in Eintracht und in ein gerechtes Verhältniß bringen, wird kein Vernünftiger sagen, daß unser Wollen durch fremde, unsere Selbstbestimmung schädigende oder gar aufhebende, heterogene Antriebe gereizt und geleitet werde, wir folglich unfrei seien.

Im Wollen bestimmen wir unser Thun und Lassen durch eigene Kraft nach dem, was uns zukommt und frommt; unser Wollen ist dann Eins mit unserm Sollen, und erst in dieser Harmonie ist der Mensch wahrhaft frei. Zwiespalt und Widerspruch stürzt ihn in Unfreiheit. Jedoch auch aus den Abgründen vermag er sich wieder aufzurichten und vermöge der unvertilgbaren Selbstmacht des Guten sich zur Freiheit im Rechten und Guten emporzuarbeiten. Wir dürfen nur nicht vergessen, daß der Mensch nicht Gott ist, daß er nicht alle und jede, nicht die ganze Freiheit hat, daß das Gebiet seines freien Könnens und Thuns ein durch seine Endlichkeit, seine Verbindung mit der Natur beschränktes ist.

Auf das Bewußtsein bei unserm Wollen kommt es in erster Reihe nicht an, denn die Reflexion des Bewußtseins tritt erst im vorgeschrittenen Zustande hinzu. Eine große Menge der Menschen verbringt das Leben, ohne auf dieser Stufe des Bewußtseins der Willensfreiheit anzulangen. Die, welche die Sonnenglut des Aequators brennt und schmilzt, die, welche über die Eisfelder der Pole streichen, werden sich mit Reflexionen über das, was in ihrer Seele vorgeht, nicht allzu sehr incommodiren. Aber nicht nur diese, auch Europa hat noch immer in jener Hinsicht mehr Buschmänner und Eskimos aufzuweisen als Philosophen, und zwar in allen Ständen, mögen sie den Knotenstock und den Besenstiel handhaben, oder das Porteépée und den Fächer führen.

Die Ideenverbindungen, die uns zu diesen Reflexionen führten, ergibt ein Blick auf das Leben unsers Freundes Hellung. Er stand von jeher und nicht erst in den Dattelhainen seines afrikanischen Schlaraffenlebens mehr unter der Herrschaft seiner Gefühle und Sinne als unter der Herrschaft seines vernünftigen Selbstbewußtseins. Die äußern Umstände begünstigten in Zuwan nur die Gelegenheit, den Trieben, die am mächtigsten in ihm waren, die Zügel schießen zu lassen.

Wäre er ein Stoiker gewesen, oder ein Büßer, der sein Fleisch mit höchster Wollust peinigt, so würde er überall, in Zuwan wie unter den Palmen von Theben, an den schwülen Ufern des Ganges wie in der berauschenden Bucht Neapels, das bewiesen haben.

Er fühlte indeß bald nach jener heiligen Nacht, in der wir ihn verließen, daß er sich durch seine Verheirathung mit Mirza in Zuwan auf eine Art und Weise festgekettet habe, die täglich drückender wurde. Kaum war ein Jahr vergangen seit jener Hochzeitsnacht, so überfiel ihn trotz der Liebreize seiner Mirza – und der demüthigen Liebe, welche die Abyssinierin ihm weihte, trotz des Paradieses, in dem er lebte, und des Ueberflusses, der ihn umgab, das Heimweh nach Europa, die Sehnsucht nach civilisirter Gesellschaft.

Das Leben in Zuwan hatte ihn in einen genußsüchtigen Sinnesmenschen umgeschaffen, dem das Ziel Mirza alles war. Als er dieses Ziel aber erreicht hatte und eine Zeit lang in wollüstiger Behaglichkeit sich gewiegt hatte, fühlte er, daß dieses Ziel seiner Wünsche nicht werth sei, wie daß er sich getäuscht habe, wenn er in dem Islamthume einen Ersatz für das aufgegebene Christenthum und die europäische Bildung zu finden geglaubt hatte.

Ein Jahr als Muselman zugebracht genügte ihm, die Stumpfheit, das mechanische Außenwerk der neuen Religion zu zeigen.

Der Mangel alles höhern Culturstrebens im Islam offenbarte sich ihm erst im Zusammenleben mit seiner jungen Frau. Mirza war allerdings eine Huri aus dem Paradiese Mohammed's, sie war das schönste Weib, was er je geschaut. Aber Geist? Bildung? Sie wußte nichts, konnte nichts als sich putzen, um dem zärtlich Geliebten zu gefallen. Aber was schlimmer war, sie wollte auch nichts lernen, nichts wissen, wollte sich um nichts anderes als um ihren Körper bekümmern. Der junge Ehemann erzählte ihr von Europa, von der Herrlichkeit Roms, von der Lieblichkeit Neapels, der schönsten Stadt der Welt, von den Eichen- und Buchen-, Tannen- und Fichtenwäldern Deutschlands, von seiner Heimat und seinem Dresden. Sie hörte kaum, was er sagte, zeigte nicht das geringste Interesse an seinen Erzählungen, spielte mit ihrem Schmuck, besah sich im Spiegel, änderte etwas an ihrer Kopfbedeckung, zankte mit Fatime oder ließ sich von ihr mit dem Pfauenwedel Kühlung zuwehen. Hassan erzählte von der Gründung und dem Wachsthume Roms, von seinem Zusammenstoße mit dem mächtigen Karthago, das aus den Quellen, die hier sprudelten, auf riesenhaften Wasserleitungen für Hunderttausende sein Wasser bezog, und von dem schrecklichen Untergange dieser mächtigsten Stadt. Der Schönen war das alles gleichgültig. »Was geht es mich an, was vor zweitausend Jahren geschehen ist? was soll ich mich um die Kriege der Karthager und Römer bekümmern«, sagte sie, »wenn beide Völker nicht mehr existiren? Willst du mir etwas erzählen, so erzähle mir Zaubermärchen, wie Fatime es kann!« Und sie lächelte Hassan freundlich an, sodaß er nicht böse werden konnte. Mirza war noch halb Kind und verzogenes Kind, so betrachtete sie auch Hassan, sein Irrthum war nur der, daß sie je diesen Standpunkt verlassen würde. Er wollte sie erziehen, er wollte versuchen, ihr von europäischem Leben und Weben, Sitten und Strebungen auch nur die oberflächlichsten Begriffe beizubringen, er hoffte, in ihr eine Sehnsucht, das Abendland einmal zu sehen, entfachen zu können. Aber von welcher Seite er auch versuchte, ihrem Geiste beizukommen, er vermochte nicht, Geist bei ihr zu entdecken. Das Feuer, das aus ihren schönen Augen loderte und das er für Seele gehalten hatte, es war nur Sinnlichkeit; ihrer Zärtlichkeit, ihrem Kosen, ihrer Hingebung fehlte der geistige Reiz; die Selbstvergötterung, welche ihr von früher Jugend anerzogen war, machte sie für alles gleichgültig, was sie nicht unmittelbar auf sich selbst beziehen konnte. Gewohnt, sich nur mit sich selbst zu beschäftigen, das heißt mit ihrem Körper und ihrer Kleidung, schenkte sie nicht einmal der hingebenden Liebe und Unterordnung der Milchschwester Beachtung und Anerkennung.

War es da zu verwundern, daß sie gleichgültig blieb für alles in der Welt außer für sich selbst? Sie kannte ja nichts, gar nichts von der Welt, als den Harem ihres Vaters und den Harem ihres Gatten und die Zaubermärchen von Saladin's Lampe, die Fatime ihr hundertmal erzählt hatte und mit einigen Aenderungen hundertmal wiederholen mußte. Was ging sie die übrige Welt an? Sie wollte von dieser Welt nichts wissen, Hassan war ihre Welt, soweit diese nicht das eigene Ich war.

Anders zeigte sich die Abyssinierin; sie horchte begierig den Erzählungen und Erläuterungen ihres Herrn, sie stellte Fragen an ihn und suchte dann Mirza's Interesse für das Abendland dadurch zu erregen, daß sie allerlei phantastische Märchen ersann, orientalische Helden und Heldinnen, die durch Zauber nach Deutschland, Italien, in die Schweiz versetzt wurden, welche Länder dann mit orientalischer Farbenpracht ausgeschmückt wurden. Auch diese Hülfe erwies sich vergeblich.

Der Maler versuchte, seinen Schmerz, das reizende Weib so geistlos und unempfänglich für seine geistigen Regungen zu finden, durch Arbeit zu bewältigen, aber es fehlte ihm dazu die alte Lebenskraft. Er konnte nicht mehr stundenlang vor der Leinwand sitzen, ihm gefielen seine eigenen Arbeiten nicht. Er hatte Mirza, angethan mit ihrem schönsten Schmucke, wie sie gewöhnlich ruhend lag, eine Schwarze mit dem Pfauenwedel hinter sich, Fatime und sein Sohn Ibrahim vor der dritten Terrasse mit den schönsten aller Springbrunnen spielend, dargestellt. Die Aehnlichkeit der Personen war groß, Vordergrund und Hintergrund reizend, aber er hatte keine Lust an seiner Arbeit, denn er sah in Mirza die Stumpfheit des Orientalismus verkörpert, die er zu hassen anfing.

Die Oberaufsicht über die Gärten und Terrassen beschäftigte ihn nur wenige Stunden, Fatime nahm ihm eine Menge Arbeiten ab, das Paradies eines Afrikaners aber, das träge Haremsleben, verlor von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr mehr seinen Reiz, wenngleich Fatime, welche ahnte, was ihm das Herz schwer mache, sich ihm förmlich als gelehrige Schülerin aufdrang, sich von ihm in französischer und deutscher Sprache unterrichten ließ, ohne Grammatik freilich und ohne Hülfsbücher.

So waren viele Jahre seit Hassan's Vermählung langsam dahingeschlichen, als die Hauptkaravane, die in den Süden zog, ein Packet Blätter des französischen »Moniteur« von 1806 und 1807 mitbrachte. Es waren das die ersten Zeitungen aus dem neunzehnten Jahrhundert, die Hassan zu Gesicht bekam. Wie hatte sich die Welt umgestaltet, seitdem er Sorrent verlassen? Was waren das für neue, ungeahnte, wunderbar verwandelte Zustände! Die französische Republik hatte einem Kaiserreiche Platz gemacht, die große Nation hatte die vor zwei Jahrzehnten so blutig erkämpfte Freiheit verloren, von den großen Principien der Jahre 1789–92 war kaum die Rede, dagegen war der Kaiser der Franzosen zugleich Imperator Europas, und außer den Herrschern von England, Rußland und Oesterreich waren alle Könige und Fürsten Europas Vasallen Napoleon's.

Bei Jena, der geliebten Stadt, die seine erste Liebe, das stille Veilchen mit den blauen Augen, barg, war eine große Schlacht geschlagen, die das Reich Friedrich's des Großen so gut wie zertrümmert hatte. Brüder Napoleon's überall Könige. Das alles in acht Jahren, während er in afrikanischer Einsamkeit schmachtete?!

Die Ideenverbindung zauberte ihm das Bild seiner Karoline vor, wie sie an den grünen Ufern der Saale, unter Eichen und Buchen an seiner Seite vor Jahren dahinwandelte, wie das Paar ein kühles Plätzchen suchte und er der blonden, sinnigen Schwärmerin Goethe'sche oder Schiller'sche Gedichte vorlas. War das Paradies in Jena bei aller Einfachheit nicht schöner als das Paradies bei Zuwan, war die geistvolle Karoline nicht vorzuziehen der körperlichen Schönheit Mirza's ohne Geist?

In Paris, das ihm bis dahin nur mit blutdürstigen Jakobinern überfüllt in Gedanken geschwebt hatte – blühten laut des »Moniteur« Wissenschaften und Künste mehr als jemals, ein alles überblendender Luxus hatte sich dort unter dem neuen Kaiserthume entfaltet. Eine neue Aera in Staat und Cultur sollte dort angebrochen sein und die Civilisation von Paris aus schützend ihre Flügel über Europa ausstrecken. Hassan interessirte sich insbesondere für die Weltberühmtheit David's, obwol er Talma und den Faltenwurf seines Mantels nicht geringschätzte.

Der Vereinsamte verschlang die Hauptnotizen des »Moniteur« in wenigen Stunden, um dann immer von neuem die großen Begebenheiten eines Jahrzehnts, die er nur durch Combinationen und Andeutungen aus den einzelnen Artikeln sich zusammenlegen mußte, begreifen zu lernen. Bei diesem Studium aus dem »Moniteur« von 1806 und 1807, noch dazu aus einem nicht vollständigen Exemplar, zu erforschen, was seit 1800 in Europa geschehen sei, wuchs seine Sehnsucht nach Europa und europäischer Gesellschaft, Sitte, Kunst, Wissenschaft, Thätigkeit von Tag zu Tag und sein ganzes Dichten und Trachten concentrirte sich darauf, wie er wieder nach Europa komme.

Es schien ihm das auch aus dem Grunde wünschenswerth, weil er in einem solchen Wechsel das einzige Mittel erblickte, die in dem schönen Körper Mirza's nothwendig schlummernde Seele zu wecken. Wenn er Mirza aus dem trägen Einerlei des Haremslebens erlöste, wenn er sie nach Paris brächte, ihr dort die Wunder der europäischen Civilisation vor Augen führte, so hoffte er den Götterfunken geistigen Verständnisses aus diesem Wunder der Natur herauszulocken. Auch hielt er es für Pflicht, seinen Sohn Ibrahim aus der orientalischen Versumpfung und Ertödtung des Geistes zeitig zu retten. Fatime, die ihm ansah, daß er Kummer habe, daß sein Geist von irgendeinem großen Gedanken und Plane bewegt sei, umschmeichelte ihn und wußte sein volles Vertrauen zu gewinnen. Sie versprach, ihm als Sklavin bis an das Ende der Welt zu folgen, und war von dem Gedanken, Europa zu sehen, entzückt. Beide boten nun alles auf, den Gedanken mindestens einer Reise nach Europa in Mirza zu erwecken. Diese wollte von Europa nichts wissen, und sie bedurfte besonderer Schonung, denn sie war zum ersten mal schwanger.

Die Regenzeit nahte ihrem Ende, schon keimte überall das junge Grün, als die schwere Stunde der jungen Frau nahte. Eine alte Sklavin, die den Hebammendienst seit langen Jahren in Ibrahim's Harem versehen hatte, war schon länger als einen Monat beschäftigt, den zarten Körper der jungen Frau durch körperliche wie geistige Mittel zu dem großen Werke zu stärken. Namentlich wurden Amulete in die Kleider Mirza's genäht, um böse Geister und den bösen Blick abzuhalten, ingleichen dreihundertdreiunddreißig Ayals aus dem Koran. Der Imam kam täglich, um Gebete zu verrichten. Der böse Geist aber, der sich nicht vertreiben ließ, war der außerordentlich empfindliche Körper und zarte Knochenbau der schönen Rose von Damaskus, die schon ihrer Mutter das Leben gekostet hatten. Mirza gebar ein todtes Kind und überlebte die Geburt nur um wenig Minuten.

Ihr Tod machte auf den alten Vater einen ungemein schmerzlichen Eindruck, Ibrahim weigerte sich, Speise und Trank zu nehmen, wie irgendeine Frau seines Harems zu sehen. Er sagte aber unzählige Ayals, dreimal dreihundertdreiunddreißig, an diesem Tage her.

Hassan, obgleich er eines drückenden Bandes, jenes, das ihn von Europa zurückhielt, entledigt war, fühlte doch, daß er das schönste Weib, das Afrika je erzeugt, verloren habe. Er entschuldigte ihre Geistlosigkeit und ihr kindisch tändelndes Wesen mit ihrer Erziehung und Lage und gedachte nur der Reize, ihrer Hingabe, ihrer Liebe zu ihm. Auch Fatime war durch den Tod der Milchschwester stark erschüttert, aber sie tröstete sich: Allah hat es gegeben, Allah hat es genommen, was Allah thut, ist wohlgethan, und fing in aller Stille an Vorbereitungen zur Abreise zu treffen, denn sie kannte Hassan's Sehnsucht nach Europa zu gut.

Untröstlich war Ibrahim; als man die irdischen Reste seiner Tochter in schnellem Schritte zum Kirchhofe brachte, schloß auch er seine Augen für immer. Die reichen Vermächtnisse, welche er dem Lieblingskinde Mirza in seinem Testament hinterlassen, fielen hinweg, da sie früher als er gestorben. Dem Maler hatte er aber das Bild des Paradieses vermacht, was dieser zu sich nahm, für ein prachtvolles Begräbniß sorgte und, soweit es nach arabischer Gewohnheit möglich war, eine Art Inventarium über den Nachlaß aufnehmen ließ, da er in den Augen des unbekannten Schwagers und Haupterben nicht als ein Mann erscheinen wollte, der auch nur das Geringste von diesem Nachlasse sich angeeignet. Fatime gab den Rath, die Ankunft dieses auf See befindlichen Schwagers nicht abzuwarten, da dieser ein roher, mistrauischer Mann sei.

Hassan sorgte daher für den Unterhalt des Harems und der Sklaven durch den Kadi und rüstete sich mit seinem Harem zur Abreise.. Die Kamelstuten wurden mit allen Dingen und Schätzen beladen, die man nach Europa hinüberzunehmen gedachte, und mit Fatime, seinem Sohne und einem ganzen Troß von Sklavinnen, Dienern, Kameltreibern zog er dem Meere zu nach Hammamet. Hier stellte er es in das Belieben der Sklavinnen und Sklaven, ob sie in Afrika bleiben und hier ihre Freiheit empfangen wollten, oder mit nach Sicilien gehen, um dort frei zu werden und Mittel zur Rückreise in ihre Heimat zu erlangen, oder ob sie ihm als Diener nach Europa folgen wollten. Nur die Wärterin des kleinen Ibrahim und ein anderer treuer Schwarzer, der seit längern Jahren die persönlichen Dienstleistungen bei dem Obergärtner that, zogen das letztere vor. Die Griechensklavinnen wurden in Catania, wohin man ohne Unfall übersegelte, entlassen, reich beschenkt, eigentlich gegen ihren Willen, denn sie wußten nicht, was sie daheim beginnen sollten.

Die Afrikamüden schifften sich von Sicilien nach Marseille ein und erreichten von da in mühevollen Tagereisen Paris.

Nachdem hier eine Privatwohnung gefunden war und Hellung, wie sich unser Freund nun wieder nannte, sich einigermaßen in die neuen Umstände gefunden und sich mit den Institutionen des Kaiserreichs bekannt gemacht hatte, war es der erste Schritt, den er that, sich mit Fatime durch Civilehe zu verbinden und seinen Sohn, den er Franz Ibrahim nannte, anzuerkennen.

Der Versuch der Madame Taillard oder einer Nachfolgerin, die Abyssinierin zu einer gräcisirten Pariserin umzustutzen, scheiterte an dem Widerstande derselben wie an der Einsicht unsers Freundes, daß die vaterländische Tracht zu dem ganzen Wesen, der Gesichtsfarbe und den Bewegungen Fatime's am besten passe und deshalb beibehalten werden müsse. Paris war Weltstadt, in der man alle Trachten sah, Griechen und Türken, Perser, Mamluken, Spanier und Südamerikaner. Franz Ibrahim aber erhielt französische Kleidung und Unterricht nicht nur in der französischen Sprache, sondern in allem, was für sein Alter paßte. Er hatte schon in Zuwan ein hervorragendes Talent zum Zeichnen entwickelt, das hier unter Leitung eines tüchtigen Lehrers (dem Vater fehlte jedes Talent zum Lehren) sich rasch ausbildete.

Daß die Abyssinierin wie ihr Sohn die Wunder von Paris, Versailles und die sonstige Umgebung der Weltstadt anstaunten, daß sie täglich etwas Neues sahen und lernten, da oft die kleinsten und unbedeutendsten Dinge, die uns von Kindheit an bekannt sind, ihnen fremd und neu waren, daß dabei die Zeit ebenso schnell verlief, als sie in Zuwan langsam dahinschlich, das konnte Fatime freilich nicht begreifen, aber sie fühlte es. Hellung, der viel in den Galerien und den Ateliers der Künstler des Kaiserreichs studirte, namentlich dem lebhaften Colorit emsig nachstrebte, durch welches die Franzosen Italiener wie Deutsche übertrafen, bemerkte mit Verwunderung, wie rasch und leicht Fatime sich in die neuen Verhältnisse einlebte und europäische Cultur in sich aufnahm. Sie begriff die Menschen, die Verhältnisse und Dinge, zeigte sogar Sinn für Politik, denn sie las täglich Zeitungen und Journale. Sie konnte über gröbere Späße wie über feinere Scherze der Posse, der Komödie und des Intriguenspiels im Theater lachen und war in der Tragödie zu Thränen gerührt. Nur Eins wurde ihr unendlich schwer, das Selbstgefühl des europäischen Weibes zu erlangen, die Liebe zu ihrem Manne als eine für alle Lebenszwecke gleichstufige aufzufassen. Sie betrachtete diesen vielmehr immer noch als Herrn, sich als seine Sklavin. Der Maler arbeitete aber unermüdlich daran, das Gefühl der Demuth und des Untergeordnetseins zu bannen, sie stolz und selbständig zu machen. Es währte längere Zeit, ehe sich Fatime gewöhnte, wenigstens in Gesellschaft und im öffentlichen Leben die demüthige Unterwürfigkeit abzulegen, in Gegenwart dritter zu sein wie französische Frauen. Der Zwang, den sie sich anthun mußte, und die Gewöhnung, die er mit sich führte, verfehlten aber nicht, so etwas von dem Bewußtsein der Gleichberechtigung in ihrer Seele zu wecken.

Was Bitten und Ermahnungen nicht vermocht hatten, das thaten die deutschen Dichter. Erst aus ihnen lernte die Abyssinierin die Würde der Frauen kennen und achten; erst sie lehrten die Orientalin, sich gleichberechtigt zu fühlen und gleichstufig dem Manne, an den sie bis dahin als ihren Herrn und Meister hinaufgeschaut.

Hellung hatte sich in Paris kaum häuslich niedergelassen, als er das Bedürfniß fühlte, sich eine Bibliothek anzuschaffen; waren ihm doch die Erzeugnisse der deutschen wie der französischen Literatur seit länger als einem Jahrzehnt völlig fremd geblieben.

Welche Menge von Meisterwerken gerade deutscher Dichterheroen umfaßten gerade diese ersten zehn Jahre des Jahrhunderts? Wollte er nicht ungebildet und unwissend erscheinen vor seinen Landsleuten sowol wie vor Franzosen, so mußte er sich mit diesem Schatze bekannt machen. Es dauerte freilich längere Zeit, als es heute dauern würde, ehe alle diese ihm unbekannten und ältere bekannte, aber abhanden gekommene deutsche Werke herbeigeschafft waren. Franz Ibrahim sprach wie seine Mutter deutsch, hatte aber die deutschen Schriftzeichen erst in Paris erlernt und war, ohne daß der Vater etwas davon ahnte, Lehrer der Mutter geworden, welche, wenn auch nicht deutsch schreiben, doch Gedrucktes lesen konnte. Als nun die Bibliothek angekommen, ausgepackt und aufgestellt war, nahm Hellung zuerst Schillers Gedichte daraus hervor, um Fatime vorzulesen:

Ehret die Frauen,
Sie flechten und weben u. s. w.

Wie erstaunte er, als Fatime ihm das Buch aus der Hand nahm und das Gedicht untadelhaft nachlas! Am andern Tage wußte sie es auswendig. Auch Franz, der bei seinem französischen Lehrer eine Menge Lafontaine'scher Gedichte hatte auswendig lernen müssen, wollte, nachdem er Bürger's und Schiller's Balladen und Romanzen kennen gelernt, von französischen Versen nichts mehr wissen.

Die Herbst- und Winterabende des zweiten Jahres in Paris wurden Mutter und Sohn zu wahren Genußabenden, wenn der Vater Schiller'sche oder Goethe'sche Dramen vorlas, und beide zogen diese Vorlesungen der Oper wie der Tragödie mit Talma vor. Fatime wurde dadurch erst wahrhaft in deutsches Leben, Gesinnung und Gesittung eingeführt, empfänglich für menschliche und sociale, begeistert für freiheitliche und politische Ideale.

Damit kam ihr aber von selbst das Bedürfniß europäischer Tracht und sie vollzog die Wandlung, ehe Hellung eine Ahnung davon hatte. In diesen europäischen Kleidern fühlte sie sich dann zum ersten mal europäischen Frauen gleichgestellt, es schien sie mit Aenderung der Tracht erst das volle Gefühl der Freiheit, des Nichtsklavenseins, dem Manne gleichstufig zu sein, zu durchdringen.

Sie verlor dabei in ihrer Erscheinung keineswegs, ihre schlanke, schöne, mäßig volle Gestalt hob sich in den enganschmiegenden Gewanden und die griechische Frisur gab ihrem Gesicht noch höhern Reiz. Fatime entbehrte bei der Wandlung am meisten die langen, bis auf die Knöchel reichenden Beinkleider, die sie seit ihrer Kindheit getragen hatte. Ihr gazellenartiger Gang wurde durch die neuen engen Roben gehemmt, aber er konnte es noch immer mit dem schönen Gange der Pariserinnen aufnehmen.

Es war in der That durch diesen äußern Wandel der volle Uebergang zu europäischer Bildung vollzogen, und das führte dann wiederum zu einem gemeinsamen Leben in der Familie. Die Abyssinierin sah bisher ihre Frauengemächer noch immer als eine Art Harem an, in die selbst der Sohn den Fuß nicht setzen durfte. Von jetzt wurde in diesen Zimmern abends der Thee eingenommen, Besuche empfangen, geplaudert, kritisirt, gelesen und politisirt. Mit Messer und Gabel zu essen hatte Hassan seiner Frau und Fatime schon in Zuwan beigebracht, es war aber das Einzige gewesen, was Mirza von europäischer Bildung annahm. Fatime lernte in Paris europäische Speisen auf europäische Weise zubereiten. Bisher hatte man nur den Morgenkaffee im Hause genommen und nach pariser Sitte bei einem Restaurant zu Mittag und Abend gegessen; der gesunde Appetit des Knaben, dem namentlich das pariser Weißbrot besser schmeckte als Kuskus, brachte es zuerst dahin, daß aus dem Morgenkaffee eine Art deutsches Frühstück wurde und der Maler sein Frühstücken bei dem Restaurant aufgab; dann bat er die Mutter, eine Köchin zu nehmen und die Speisen im Hause zubereiten zu lassen. Was hätte die Mutter ihrem Franz Ibrahim abschlagen können? Das Familienleben gewann dadurch.

Unser Freund setzte sich, sobald er in Paris angekommen, auch wieder mit seinem Geburtslande in Verbindung, es war für ihn ein Abwesenheitscurator bestellt, ein weitläufiger Verwandter, der sein Vermögen während eines Jahrzehnts Abwesenheit vermehrt, die Zinsen zum Kapital geschlagen hatte.

Hellung bevollmächtigte denselben, ihm in der Umgegend von Dresden ein Landhaus zu kaufen. Die Gelegenheit fand sich rascher, als er gehofft, im Frühjahr 1811 war er Eigentümer einer reizenden Villa an der Elbe oberhalb Dresdens. Er hatte außerdem sein Bild des Paradieses, das in öffentlicher Ausstellung zu Paris großen Beifall fand, zu gutem Preise verkauft, um so lieber, da er ungern an die Zeit zurückdachte, wo er nur Sinn für dieses Paradies gehabt hatte. Er malte jetzt eine afrikanische Landschaft, zu der er an Ort und Stelle die Zeichnung gemacht – im Vordergrunde eine mächtige Ruine eines Aquäducts, im Hintergrunde der mächtige Berg Zuwan selbst, die Landschaft belebt durch einen Karavanenzug, der an einem Brunnen tränkt.

Briefe aus Jena, wohin er sich gewendet, um über Karoline im Paradiese Erkundigungen einzuziehen, meldeten, daß diese endlich, ihn des langen Schweigens wegen für todt haltend, den Bewerbungen eines Gehülfen des Vaters nachgegeben, diesen geheirathet und demselben schon eine ganze Kinderreihe geboren habe. Hellung schrieb an sie, theilte ihr seine Schicksale in der afrikanischen Gefangenschaft mit, entschuldigte seine Treulosigkeit so gut es ging und sendete der einst Geliebten reiche Geschenke, unter andern das Bild seiner Mirza und Fatime und des spielenden Knaben, versprach auch, auf der Rückreise nach Dresden im Paradiese vorzusprechen.

Das geschah, als er Anfang Sommers deutschen Boden wieder betrat. Die Jugendgeliebte war älter als Fatime, Gram um den unerklärlichen Verlust des Geliebten, schwere Arbeit und vielfache Wochenbetten gaben ihr ein noch älteres Ansehen und ließen sie hinter die in einen kostbaren indischen Shawl gehüllte Fatime weit zurücktreten.

Aber die jüngere siebzehnjährige Schwester Mathilde war ganz Ebenbild der Jugendgeliebten, wie sie gewesen, als Hellung noch zu Fichte's Füßen saß und der Maler konnte sich nicht enthalten, ihr Porträt und damit die lebendigste Erinnerung an seine Jugend mit in die neue Heimat zu nehmen. Das blendendweiße Gesicht, die rothen Wangen und das goldige Haar der Deutschen gefiel der Abyssinierin so sehr, daß sie, die glaubte, ihr Hassan hege ein besonderes Interesse für das schöne Kind, diesen anging, er möge sich mit dieser christlich trauen lassen, sie wollte ihm so treue Dienerin sein, als sie es Mirza gewesen, und daß es schwer war, ihr die Bedeutung der Civilehe klar zu machen und ihr begreiflich zu machen, daß das nach europäischen Begriffen ein Verbrechen sein würde.

Das Landhaus an der Elbe mit seinem schönen Garten wie Dresden selbst gefielen Fatime sehr gut und sie gewöhnte sich an das deutsche Leben schnell. Franz Ibrahim erhielt Religionsunterricht, er sollte an einem und demselben Tage getauft und confirmirt werden.

Hellung fand noch alte Freunde und Kunstgenossen, auch machten neue Bekanntschaften sich bei dem Malervolke leicht.

Fatime wurde zum ersten male in Familienkreise eingeführt und lernte die Art und das Wesen deutscher Frauen und Familien kennen, das sie mit hoher Achtung vor deutscher Sitte und christlicher Cultur erfüllte. Neugier zog sie in die katholische Kirche, die herrliche Musik bestrickte ihr Gefühl, aber der ganze Ritus blieb ihr unverständlich. Mehr schon zogen sie die Predigten des Hofpredigers Ammon an, des Lehrers ihres Sohnes, und sie nahm bei näherer Bekanntschaft mit demselben an dem Religionsunterrichte des Sohnes theil und ward mit ihm zugleich in das Christentum aufgenommen.

Der Maler selbst fühlte sich weder als Mohammedaner noch als Christ; er hatte sich aus dem Christenthume die allgemeinen Grundsätze, die mit seiner Vernunft übereinstimmten, herausgesucht und huldigte jenem Theismus, der in seiner Jugend Gemeingut aller Gebildeten war.

Wie jeder deutsche Student hatte er für die Französische Revolution geschwärmt; die Begriffe Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit waren für ihn keine leeren Phrasen gewesen, mit seinem Freunde Haus hatte er sich in Neapel häufig über menschheitliche und freiheitliche Probleme gestritten, und schon die Theilnahme an der Verbindung der Pythagoräer bewies, daß auch während dieses sorglos üppigen Lebens der Sinn für diese Dinge nicht in ihm untergegangen war. Jetzt riefen Fichte's »Reden an die deutsche Nation«, die Dramen Schiller's, die Knechtung, die auf Deutschland ruhte, die Ideale seiner Jugend wieder wach. Er fühlte das Bedürfniß, im Vereine mit andern über Religion und Staat, Kunst und Wissenschaft zu philosophiren und zu discutiren. Einer seiner Collegen lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Freimaurerei, der er selbst angehörte, und rühmte besonders den Bruder Redner der beiden vereinigten Logen Zu den drei Schwertern und den Wahren Freunden, den Philosophen Karl Christian Friedrich Krause, der sich schon einen weitverbreiteten Namen durch den Versuch einer wissenschaftlichen Begründung der Sittenlehre wie durch das Urbild der Menschheit und des wöchentlich erscheinende »Tageblatt des Menschheitslebens« gemacht habe.

Krause, so behauptete der Freund, sei der Gründer der tiefgreifendsten aller menschlichen Wissenschaften, der Gesellschaftswissenschaft, und er verkünde in der Loge ein wahrhaft neues Evangelium.

Hellung suchte nun um seine Aufnahme in die Logen nach und machte die Bekanntschaft des Philosophen.

Krause glaubte allerdings an die Möglichkeit eines allgemeinen Menschheitsbundes, hoffte, die Keime dazu in der Freimaurerei zu finden, und war bestrebt, diese in seinem Geiste weiter zu bilden. Hierzu bot ihm seine Stellung als Bruder Redner Gelegenheit, aber er wollte zugleich über die dresdener Logen hinaus für sämmtliche Logen der Welt wirken und hatte zu diesem Zwecke gerade um diese Zeit die drei ältesten Kunsturkunden der Freimaurerbrüderschaft herausgegeben.

»Geliebte neuaufgenommene Brüder!« sagte der Redner bei der Aufnahme Hellung's und einiger andern Brüder, »Sie gehören nun einem Bunde an, welcher Männer jedes Volks, jeder Religionsgesellschaft, jedes Staates, Standes und Alters gleich willkommen heißt, wenn sie nur reinen Herzens sind. Geselligkeit ist dem Menschen wesentlich, ja es ist nicht blos besser, in Gesellschaft, denn allein zu beten, sondern nothwendig, selbst um allein als einzelner zu bestehen. Jede Gesellschaft hat ein Gebiet, auf welchem sie irgendetwas Menschliches beabsichtigt, das nicht von einzelnen Menschen, sondern nur im vereinten Fleiße gebildet und erreicht werden kann. Dieses in der ganzen menschlichen Bestimmung enthaltene Menschliche macht das Wesen jeder Gesellschaft aus, bestimmt ihre Zwecke, bedingt die Mittel ihrer Verbindung sowie die Verfassung der Gesellschaft selbst.

»Darum sind der menschlichen Gesellschaften so viele und so unterschiedene, als die menschliche Natur und ihr Leben einzelne Vermögen und Werke umfaßt. Jede einzelne dieser Gesellschaften hat ihr eigentümliches Leben, aber sie alle, welche die Menschen zur Familie, zu Freunden, zu Stämmen und Völkern, zu Wissenschafts- und Kunstgenossen, zu Mitbürgern desselben Staats, zu Gliedern einer religiösen Gemeinde vereinigen – sie alle aber sollen Eins und harmonisch sein, wie es die menschliche Natur selbst ist, worauf sie sich gründen. Sie sollen, sie können, sie werden einst als ein Reich der Menschheit aus Erden leben.

»Geliebte Brüder! Die Freimaurerbrüderschaft ist in dem Reiche der Menschheit ein gewichtiger und ihrem Wesentlichen nach bleibender Theil, denn sie ist ein Keim des Menschheitsbrunnens, welcher dem Leben der Menschheit so wesentlich ist als das Herz dem Leibe. Der Menschheitsbund hat die Aufgabe, das Gebiet der ganzen Menschennatur zu umfassen, nicht nur ein einzelnes Vermögen oder ein einzelnes Werk. Ueber diesen Bund des geselligen Lebens im Geiste der Menschheit und für Vollendung der ganzen menschlichen Natur in jedem einzelnen Menschen, in den Sie heute aufgenommen sind, haben sie in der Hülle der Symbolik, durch die Erklärung, die Ihnen unser ehrwürdigster Meister vom Stuhle von den drei großen und drei kleinen Lichtern der Freimaurerei gab, vom rohen und behauenen Steine, Zirkel und Winkelmaß ein Bild bekommen, das zugleich an die geschichtliche Entstehung dieses Bundes erinnert.

»Es wird, wie ich hoffe, die Zeit nicht fern sein, wo an die Stelle des alten Gelöbnisses, das Sie heute in die Hand des hammerführenden Meisters abgegeben, ein neues Gelöbniß tritt, etwa des Inhalts:

»›Ich erkenne jeden Menschen als ein vollwesentliches Vernunftwesen an, welches seiner Bestimmung nach gottähnlich und ewig, ein unvergängliches Mitglied ist des ewigen Lebens Gottes.

»›Ich anerkenne alle Menschen als der Wesenheit nach und dem Leben nach völlig gleiche Wesen bei aller Verschiedenheit der Hautfarbe, der Ausbildung, bei allen Unterschieden durch Glücksumstände.

»›Und ich gelobe, daß ich jeden Menschen als ein an sich jedes Guten würdiges und jedes Guten empfängliches Wesen, als eine ewige, gottähnliche, unverletzliche, ehrwürdige Vernunftperson betrachten und behandeln will, niemals aber und in keiner Hinsicht als eine seelenlose Sache, noch blos und erstwesentlich als ein Mittel zum Guten, oder als eine blos nützliche Sache, noch weniger aber als ein nach seiner ganzen Wesenheit böses und verderbtes Vernunftwesen.

»›Nicht will ich mich an jemandes Leibe körperlich vergreifen, noch will ich irgendeines Menschen äußere Freiheit weiter, als das Recht gebietet, beschränken; ich will keinem ohne sein Wissen und Wollen das Geringste nehmen, nicht das Geringste seiner Sachen abändern noch ihn in der Ordnung seiner Sachen stören.

»›Ich will die Wahrheit mit eigener Kraft selbst erforschen und das Wahre als wahr annehmen nur wenn und so weit ich selbst es einsehe; ohne eigene Einsicht will ich weder etwas als wahr annehmen noch als falsch verwerfen.

»›Und ich will stets meiner Erkenntniß gemäß leben.

»›Nie will ich die Wahrheit verletzen, weder mit Gedanken, noch Worten, noch Geberden, nie lügen, nie mich trüglich stellen und verstellen.

»›Ich will allein das Gute, rein deshalb, weil es gut ist, denken, wollen und thun, und dem Uebel, dem Bösen und Schändlichen will ich nur Gutes entgegnen; zum Diener, Gehülfen oder Beförderer des Uebels und Bösen will ich mich niemals gebrauchen lassen, sondern ich will dem Guten und der sittlichen Güte nachstreben, dem gottähnlichen Wesenleben, der Tugend, der Gerechtigkeit, der Schönheit, der Weseninnigkeit und Liebinnigkeit, – mit Geist und Leib, mit Gedanken und Worten, Geberden und Werken.

»›Alle Menschen will ich lieben wie mich selbst und ihr Wohl wie mein eigenes zu fördern suchen.

»›Alle guten Menschen und alle guten Gesellschaften von Menschen, die jetzt leben und bestehen, will ich mit sittlichem Eifer und durch sittlich gute Mittel fördern und mich ihnen in keiner Sache ungerechterweise, noch mit böser List, leiblicher oder geistiger Gewalt widersetzen.

»›Aeußere Güter will ich nicht für mich suchen, noch mir anmaßen, außer sofern sie Bedingnisse meines Wesenlebens sind und soweit es nach guten, gerechten und sachgemäßen Gesetzen aller jetzt bestehenden menschlichen Gesellschaften erlaubt ist.

»›Allen diesen Grundsätzen, die ich hiermit als die meinigen bekenne, will ich sowol selbst gemäß leben, als auch alle mit mir auf dieser Erde verbundenen Menschen so anleben, daß auch sie denselben geneigt und ihnen nachzuleben fähig werden, auf daß wir mit Gottes Hülfe nach solchen Gesetzen vereint leben mögen, wir alle so viele wir selbige als gültig anerkennen.‹

»Geliebte Brüder! Glauben Sie nicht, daß ein solches Gelöbniß Ihnen etwas Uebermenschliches ansinnen heiße. Ich bin überzeugt, ist einst die Freimaurerei vollendet, lebt sie in allen Menschen, durchdringt erst ihre Kraft alle menschlichen Dinge, dann wird das Reich der Menschheit wirklich, dann wird der Himmel auf Erden sein.«

Der Redner schloß. Die Versammlung brachte ihm auf Auffordern des Meisters vom Stuhle für seine schöne maurische Arbeit ein Dreimaldrei als maurischen Dank. Als auf die Anfrage: ob noch jemand zum Besten dieser Loge und der Freimaurerei überhaupt etwas vorzutragen habe, sich niemand meldete, wurde die Loge geschlossen und die Brüderschaft zu einer Tafelloge berufen.

Unserm Freunde schien in dieser Vereinigung endlich das geboten zu werden, was er so lange anderwärts gesucht hatte: eine Gesellschaft von Männern nicht blos zu freier Geselligkeit, Spiel und Tafelfreuden, sondern geistige Anregung zu höhern Ideen und höherm Streben, auch bei der Tafel gewürzt durch humoristische Reden, Musik, Gesang. Die großen Gedanken, welche der Bruder Redner über den Menschheitsbund und das Leben des einzelnen Menschen in und zum Guten in ihm angeregt hatten, schufen ein neues Lebensziel in ihm, er sah, wie viel er nachzuholen, wie viel er gut zu machen habe. Ein näherer Anschluß an Krause zeigte ihm, daß dieser über Malerei viel nachgedacht habe und daß er die Pflege der Schönheit als einen nothwendigen Werkbund im Leben der Menschheit betrachte und die Hebung aller Künste sein eifriges Bestreben war. Er studirte nun fleißig im Urbilde der Menschheit, war erfreut von jeder neuen Nummer des »Tageblatt des Menschheitslebens«, discourirte auf einsamen Spazierwegen mit dem Philosophen maurische und menschliche Probleme.

Dieser war es, der unsern Freund, nachdem ihn dieser von seinem abenteuerlichen Leben in Zuwan erzählt hatte, zuerst auf die wahre Bedeutung des Familienlebens hinführte, ihm bewies, daß das Princip der Familie die gleichstufige, allharmonische Liebe des Gatten für alle Lebenszwecke sei, daß die Ehe monogamistisch, wie die Religion monotheistisch sein müsse.

Krause ging aber noch weiter, er, der von vielen Pfaffen als Antichrist angefeindet wurde, drang in ihn, mit Fatime sich auch durch christliche Ehe verbinden zu lassen. »Sie wohnen jetzt wieder in einem christlichen Staate, sind Bürger einer Stadt, die sich zum Christenthume bekennt, Fatime ist Christin geworden, da dürfen Sie den Ortsgenossen, da dürfen Sie befreundeten Familien nicht Anstoß geben durch eine Ausnahmsstellung. Nicht das Sakrament gibt der Ehe ihre Heiligkeit, sondern die Liebe; aber das Sakrament gilt bei uns einmal als das einzige Band der Ehe, die Civilehe ist unsern Sitten und Gewohnheiten fremd, und Sitten und Gewohnheiten darf man nicht ungestraft verletzen.«

So wurde denn Hellung mit Fatime auch christlich getraut. Die großen Erwartungen aber, die er von seinem Eintritte in die Freimaurerei gehegt hatte, erfüllten sich nicht, ja er mußte bald Zeuge von Misverhältnissen werden, die ihn veranlaßten, zu decken.

Die große Provinzialloge von Niedersachsen zu Hamburg, die Logen Zur goldenen Mauer in Bautzen und Zur gekrönten Schlange in Görlitz stimmten darin überein, daß Bruder Krause durch Herausgabe und Vergeistigung der ältesten Kunsturkunden der Freimaurerei die Pflicht der Verschwiegenheit verletzt und etwas dem ganzen Bunde Nachtheiliges verübt hatte.

Die hamburger Großloge fürchtete namentlich, daß das Geheimniß der Freimaurerei der gesammten unmaurerischen Welt entschleiert werde, und da sie als Grundsatz aufstellte: keine Gesellschaft könne bestehen, worin jedes Mitglied das Recht habe, seine besondere Ueberzeugung gegen den Willen der Mehrheit geltend zu machen, so glaubte sie sich berechtigt, gegen Krause und die Kunsturkunden alle unter ihr arbeitenden Logen wach zu rufen. Sieben Eiferer in den vereinigten Logen Zu den drei Schwertern und Der wahren Freunde stellten den Antrag, der Bruder Krause und Mosdorf, der Archivar der Loge, möchten aus dem Bunde scheiden. Bei der großen Anzahl Freunde, die sich der Bruder Redner in Dresden verschafft hatte, war wenig Aussicht vorhanden, daß der Antrag die nöthige Unterstützung erhielt. Nun aber fingen die drei berliner Großlogen gleichfalls an, im Sinne der hamburger auf die dresdener einzuwirken. Zwei Principien standen sich hier gegenüber, der philosophische Reformator ging von der richtigern Ansicht aus, daß die Freimaurerei eine eigene der übrigen Menschheit unbekannte, insgeheim überlieferte Lebenswissenschaft und Lebenskunst habe, und daß das, was die Baukünstler noch geheimhielten, nicht mehr auf die Brüderschaft des neunzehnten Jahrhunderts passe, daß das allgemein Menschliche aber, was man heute noch verheimliche, Gemeingut aller Menschen geworden sei.

Er hielt das Geheimsein und Geheimhalten für rechtswidrig, die Großlogen hielten es für ein Bedingniß der Existenz ihrer Brüderschaft. Jener glaubte, die Freimaurerei von diesem unberechtigten und schädlichen Geheimthun befreien zu müssen, weil die Gesellschaft trotz der guten Keime, die ihr zu Grunde lagen, und trotz des langen Bestehens und ihrer großen Verbreitung über die Erde, in unserm Jahrhundert keinen Fortschritt, sondern unter Herrschaft der Hehlsucht nur Rückschritte gemacht habe. Krause wollte eine völlige Wiedergeburt der Brüderschaft im Geiste der höher aufgelebten Menschheit, mit der Grundlage eines alloffenen Menschheitsbundes, der auch die Frauen von der Mitgliedschaft nicht ausschließe.

Die Großlogen hielten eine solche Reform in solcher Zeit unmöglich, den Reiz des Geheimnisses für unentbehrlich, die Idee eines Menschheitsbundes für noch verfrüht.

Und in der That, trotz aller die Welt bewegenden und aufrüttelnden Umgestaltungen konnte es kaum eine unglücklichere Zeit geben für die humanistischen Plane des Philosophen, als die Zeit, wo Napoleon damit umging, durch Niederwerfung Rußlands sich die Weltherrschaft zu sichern, da er mit einem Heere, wie es die Welt noch nicht gesehen, vom Westen nach dem Osten zog, im Gefolge deutscher Vasallenheere.

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