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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Drittes Kapitel.
Der chinesische Pavillon.

Die Gräfin Melusine von Wildhausen war zu Anfang October wieder in Heustedt eingetroffen, das sie seit beinahe vier Jahren nicht gesehen hatte. Es hatte dort unter dem französischen Kaiserreiche manches eine andere Physiognomie bekommen, und sie selbst war eine andere geworden. Das alte Schloß war zu einem Magazin umgewandelt, in welchem Hafer, Heu, Stroh für die Cavalerie aufbewahrt wurde, vor dem Schloßthore stand eine französische Schildwache. Aus dem Amtshause, der einstigen Wohnung des Drosten von Schlump, war ein Lazareth gemacht. Zur Bewachung des Magazins lag eine Compagnie im Orte.

Die vielen Beamten waren nicht mehr da, statt ihrer verwaltete der ehemalige Wirth zum Schwarzen Bären. – Er war reich geworden im Jahre 1805, als die Kosacken längere Zeit in Heustedt hausten und bei ihrem hohen Spiele Dukaten, zusammengerollte, im Munde zerbissen, und wenn sie Unglück oder Glück hatten, durch neue ersetzten, sodaß er versicherte, regelmäßig acht, oft mehr Dukaten gefunden zu haben, wenn die Spieler sich entfernten, und pries daher die Kosackenzeit unter der wechselnden Herrschaft als die gesegnetste. Die Wirthschaft hatte er seinem Sohne übergeben und war Maire, d. h. die angesehenste Person im Orte, die Person, die neben dem Militär allein etwas zu sagen hatte. Dann war noch ein stiller Friedensrichter da, der frühere Advocat Bardeleben; die reichen Domänen ließen die Donataire, der Herzog von Rivoli (Messina), der Prinz von Eckmühl (Davoust) und der Herzog von Dalmatien (Soult), durch frühere Schreiber administriren.

Landrath von Vogelsang nebst Frau waren gestorben, den Baron von Bardenfleth erhielt sein Haß gegen die Franzosen am Leben, er war aber immer mehr zusammengeschrumpft; seine Frau war todt.

Selbst die Dienerschaft hatte sich geändert. Außer dem Rentmeister und Haushofmeister, der Kammerfrau und Zofe, dem Kammerdiener, Jäger und Kutscher, welche sie von Kassel mitgebracht hatte, sah sie lauter fremde Gesichter. Auch das Aeußere der Schloßumgebung hatte sich geändert. Bei dem frühern Brande waren der ganze Marstall, ein prächtiges Gebäude, das Raum für funfzig Pferde hatte, und alle Nebengebäude abgebrannt. Sie waren unversichert gewesen und der Rentmeister hatte die Neubauten, unter schriftlicher Zustimmung der Gräfin freilich, mit großer Sparsamkeit wieder ausgeführt. Jetzt, als sie zum ersten mal auf den neuen Räumen Stallungen für sechs bis acht Pferde, Remisen kaum für zwei bis drei Wagen erblickte, schämte sie sich dieser Gebäude. Sie glaubte, ganz Heustedt müsse es denselben ansehen, daß ihre Geldmittel beschränkt wären, daß sie nicht mehr die reiche Gräfin sei. Auch ein Theil des Parks war bei dem Brande verwüstet, absichtlich und muthwillig von dem Pöbel, der stehlen wollte.

Was ihr aber den Aufenthalt im Schlosse beinahe unleidlich machte, war hauptsächlich eine Zuckerfabrik, welche der bremer Kaufmann Böse gerade dem Schlosse gegenüber am linken Ufer der Weser erbaut hatte. Es war das eine von den Fabriken, welche auf kaiserlichen Befehl, wonach in jedem Departement eine Runkelrübenfabrik sein solle, angelegt war, eine der größten auf dem ganzen Continent, die sogar, was man in Paris und Frankreich damals nicht kannte, weißen Candis aus Runkelrüben zu fertigen vermochte. Wenigstens wurden Paris und der kaiserliche Hof von Heustedt aus mit raffinirtem weißen Melis versorgt, der, mit Certificats d'origine des Präfecten von Bremen versehen, den Kaiser in dem Glauben erhielt, in seiner 32. Division und dem Departement der Weser sei man so weit vorgeschritten, Zucker herzustellen, der dem indischen an Güte gleichkomme.

In der That wurde aber in Heustedt nur Sirup fabricirt, und der Candis war aus indischem eingeschmuggelten Rohr, nicht ohne Wissen der französischen obern Behörden, raffinirt.

Bei West- und Nordwestwind trieb von dieser Fabrik nicht nur der Rauch der Schornsteine auf das gräfliche Schloß, sondern es verpesteten die Abfälle die Luft im Schlosse und Parke in hohem Maße.

Sodann aber hatte der Maire zwei französische Offiziere und zwölf Mann Gemeine in das Schloß einquartiert, und Gemeine wie Offiziere waren nicht mit den Nebengebäuden, wohin man sie hatte verweisen wollen, zufrieden gewesen; sie hatten sich selbst in dem Schlosse einquartiert und spielten dort den Herrn, mindestens machte der lange Rentmeister, der bis dahin die Herrschaft im Schlosse geführt, einen krummen Rücken und gehorchte.

Die Ankunft der Gräfin änderte daran nichts, die Herren Franzosen hatten die ganze untere Etage des Schlosses mit Ausnahme der Wohnung des Haushofmeisters, des Wintergartens im rechten Flügel und der Küche, eingenommen und behielten sie auch nach der Ankunft der Gräfin inne. Wenn die beiden Offiziere nun noch feine junge französische Adeliche gewesen wären, so hätte sich die Gräfin die Sache nicht nur gefallen lassen, wäre vielmehr sehr zufrieden gewesen, Tisch-, vielleicht sogar Spielgesellschafter zu haben. Nun waren aber beide Offiziere Söhne von Weinbauern von der Saar, die sich von der Pike heraufgearbeitet hatten, Graubärte, die den russischen Feldzug noch in allen Gliedern fühlten, barsch, unfreundlich, ohne jegliche Ehrerbietung gegen die Allergnädigste.

Man denke auch nur den Unterschied! Sie, die gewohnt war, in Hannover selbst die abwesende Herrschaft mit zu repräsentiren, sie, die beinahe vier Jahre am lustigen Hofe zu Kassel Palastdame gewesen, sie sollte jetzt allein lunchen, allein diniren und soupiren, lediglich von ihrer Dienerschaft umgeben.

Melusine fühlte sich unendlich einsam und verlassen in ihrem schönen Schlosse und in dem Orte, wo früher nach ihrem Augenwinken regiert war und der jetzt von dem Willen eines plebejischen Gastwirths abhing.

Das herannahende Ende des Königreichs Westfalen und das Ende des Kaiserreichs selbst erschütterte sie. Wie wollte sie, wenn die Welfen auf Hannovers Thron zurückkehrten, es rechtfertigen, Palastdame in Kassel gewesen zu sein? Würde sie je wieder am Hofe Aufnahme und Zulassung finden – würden die Minister von der Decken, Bremer und wie sie sonst hießen, sie nur noch kennen wollen? Wie würde Graf Münster, der große Feind der Fremdherrschaft, sich zu ihr stellen? Sie hatte einen faux pas gemacht, als sie an den westfälischen Hof ging; wer hätte 1809 aber auch denken sollen, daß das Ende der Herrlichkeit in Kassel so nahe sei?

Daß beide Töchter sie verlassen hatten, war ihr weniger schwer geworden, sie hatte keine Liebe zu ihren Kindern; Olga, die Todte, hätte sie bedauert, von Olga, der Lebenden, der Frau eines Journalisten, eines Bürgerlichen, hatte sie sich losgesagt. Heloise haßte sie förmlich. Sie ging damit um, beide durch Testament auf ein Pflichttheil zu setzen, und hatte ihrem Advocaten in Hannover schon den Auftrag gegeben, einen Testamentsentwurf zu machen und den Namen des Haupterben offen zu lassen. Sie schwankte noch in Beziehung auf denselben; zuerst dachte sie an Otto von Schlottheim, aber dieser war in gleicher Verdammniß wie sie, auch er hatte Jérôme persönliche Dienste geleistet und konnte unmöglich am Hofe Hannovers vorerst eine Stellung wieder einnehmen.

Dann kam ihr der Gedanke, durch Erbvertrag einen der künftigen Machtinhaber in Hannover sich zu verpflichten, denn hier in diesem Heustedt hielt sie es nicht aus.

Zu allen Unannehmlichkeiten, die sie schon betroffen, kam nun auch noch die, daß ganz Heustedt wußte, ihre Tochter Olga sei mit Graf Schlottheim nicht verheirathet gewesen, sei diesem entflohen und habe sich mit dem Sohne des Forstschreibers Haus in Amerika verheirathet. Sie hätte in frühern Tagen das Kirchenbuch mit der Registratur des alten Schloßpredigers verbrennen lassen. Jetzt waren Civilregister eingeführt und die alten Kirchenbücher in den Händen des ihr verhaßten Maire, der jedermann Abschrift der Registratur über die Trauung Olga's gab, der solche verlangte.

Wer wie Melusine ein halbes Jahrhundert hindurch nie innerlich gelebt hat, immer nur von einem Vergnügen, oder was als solches in der Gesellschaft gilt, und von einer Abwechselung zur andern geeilt ist, und sich nun plötzlich auf sich selbst angewiesen sieht, der kommt sich vor, als wäre er seiner Freiheit beraubt. Melusine wußte ihre Zeit nicht hinzubringen, nicht einmal das Quälen ihrer Kammerfrau und Zofe und ihrer sonstigen Bedienung, das ihr in andern Zeiten einen Zeitvertreib gewährt, vermochte sie auch nur einen Morgen zu beruhigen. Sie, die sonst gut und lange schlief, nie vor elf Uhr morgens nach Chocolade schellte, hatte jetzt keinen Schlaf und konnte es schon morgens um neun Uhr nicht mehr im Bette aushalten. Es fehlte ihr aber auch der Appetit, die Chocolade schmeckte ihr nicht mehr, Kaffee und Thee wollten ihr ebenso wenig munden.

Sie ließ sich ankleiden, um, wenn sie angekleidet war, eine andere Toilette zu wählen. Sie ließ die Möbeln in der ganzen ersten Etage in andere Zimmer bringen, wechselte selbst die altgewohnten Wohnräume, fand aber keine Rast. Sie versuchte im Parke spazieren zu gehen. Der October war voll Sonnenschein und Wärme, Herbstblumen dufteten im Parke und an den Mauern, die denselben nach der Stadtseite umgaben, reiften Trauben, Aprikosen, Pfirsiche und feine deutsche Obstsorten; aber ihr fehlte das Auge für solche Dinge. Sie versuchte zu lesen und sich vorlesen zu lassen, was nie ihre Passion gewesen war, aber sie hatte nicht die Geduld, auch nur eine halbe Stunde auszuharren. Ihr französischer Koch war nachgekommen, aber die feinsten Schüsseln kamen unberührt von ihrem Tische.

Alle Dienstboten waren einverstanden, daß es mit der Allergnädigsten nicht mehr auszuhalten sei, die französische Zofe war die erste, welche ohne Abschied nach Kassel zurückreiste und die Stellung der Kammerfrau dadurch nur verschlimmerte.

Melusine versuchte es, mit dem Rentmeister zu arbeiten, Rechnungen durchzugehen, die Einkünfte zu controliren, eine Arbeit, die sie in frühern Tagen mit Umsicht und Genauigkeit vollbracht hatte. Sie mußte diesmal viel Neues erfahren, wie viel große Verluste ihr die Einrichtungen des Kaiserreichs gebracht hatten – alte Vortheile des Feudalwesens waren verschwunden, die Eigenbehörigkeit und Meierpflichtigkeit waren aufgehoben, Weinkauf, Heimfall, Oster- und Michaelisabfälle, Rauchhühner, kleine und große Reisen und was sonst einen nicht unbedeutenden Theil ihrer Einnahme gebildet hatte, waren mit Einem Striche beseitigt. – Sie hörte zwar den Rentmeister vortragen, sah die Geld- und Kornregister der Vorzeit und Gegenwart zur Vergleichung daliegen, allein ihre Gedanken waren in Kassel oder Napoleonshöhe.

Die ersten Tage hatte Melusine noch einiges Interesse für die neuen Zeitungen aus Kassel. Indeß die Nachrichten, die sie brachten, wurden immer dürftiger, nichtssagender; von daher, wo sich das Kriegsungewitter zusammenzog, von Böhmen und Sachsen, mußten sie schweigen; Sterne und Bänder wurden in solchen Zeiten nicht vertheilt, Rangerhöhungen nicht vorgenommen, Feste nicht gefeiert, der schöne Napoleonstag war im August zum letzten mal vielleicht begangen, was sollte ihr da der westfälische Moniteur?

In der Unruhe und Hitze, die Melusine alles versuchen ließ, ihre Langeweile und die Furcht vor sich selbst zu vertreiben, hatte sie dem Haushofmeister befohlen, das chinesische Zimmer des Pavillons öffnen und einrichten, auch einen Korb mit Champagner und einige Leckerbissen dahin schaffen zu lassen.

Melusine hatte den Pavillon seit 1792 nicht betreten, während der ganzen Zeit war er überhaupt nur den üblichen Reinigungen und Lüftungen unterzogen gewesen. Jetzt wollte sie versuchen, ob sie in der Einsamkeit in Jugenderinnerungen schwelgen könne. Sie schloß sich in das Conclave, zündete alle Wachskerzen an, trank gekühlten Champagner und suchte sich in die Vergangenheit zurückzuträumen. Aber wie war das? Hatte ihre Phantasie die ganze Schwungkraft verloren, war ihr Gedächtniß selbst abgestumpft?

Sie nahm einen französischen Lieblingsroman mit Illustrationen aus der Handbibliothek des Pavillons, doch sie konnte kein Interesse mehr an der Darstellung wie dem Inhalte des Crébillon'schen Buches finden, das sie sonst entzückt hatte. Es kam ihr das alles schal, flach, unerquicklich vor. Sie nahm die Darstellungen Aretin's zur Hand und empfand Ekel. Sie trank ein Glas Champagner über das andere, Biscuit dazu naschend, um ihren Geist aufzufrischen.. sie zog die Vorhänge von den Oelgemälden, um ihre Phantasie zu reizen. Aber das waren Rosen ohne Duft. Der ganze Pavillon schien ihr verwelkt, moderig, nach Grabesluft duftend. Ja der durch hastiges Trinken erhitzte Kopf, dem Melusine mit Gewalt jugendliche Phantasie und Rückerinnerungen hatte abzwingen wollen, verfiel auf einmal gegen ihren Willen auf Todesgedanken. Es kam ihr der Gedanke: wie, wenn du die Feder zu diesem Ausgange nicht mehr öffnen könntest, wie, wenn du hier, wo du gesündigt, verhungern müßtest?! Wie von Wahnsinn gefaßt, sprang sie auf und erblickte ihr eigenes erschreckend blasses Abbild in der Spiegelwand unter dem Bilde der Venus.

Sie versuchte in Hast die eiserne Thür zu öffnen, trat aber auf den falschen Knopf, auf den, der die Thüre schloß, und spürte natürlich keine Wirkung. Ihre Angst wurde größer, als ein zufälliger richtiger Druck das Uhrwerk in Bewegung setzte, sie aus dem Geheimgemache befreite. Sie eilte, eine der Jalousien des chinesischen Zimmers zu öffnen, es war noch Tag, die Octobersonne warf ihre letzten goldigen Strahlen auf das grüne Hochwiehe vor ihr, soweit die Schatten der Parkbäume dies nicht hinderten.

Melusine schämte sich vor sich selbst. Wie hatte sie von einer Phantasie sich so bethören lassen, wie hatte sie so sehr alle Geistesgegenwart verlieren, sich von der Furcht vor einem Schattenbilde überwältigen lassen können? Sie schloß die Jalousie des Zimmers, nachdem sie Licht hineingesetzt, löschte die Lichter im Hinterraume aus, stellte Bücher und Kupferstiche wieder an ihren Ort, setzte den Kübel mit der halbgeleerten Champagnerflasche in das chinesische Zimmer, dann ließ sie die Thür wieder nieder und erprobte die Federkraft derselben durch wiederholtes Oeffnen und Schließen. Das Uhrwerk war meisterhaft gearbeitet, es folgte dem leisesten Drucke. Melusine schloß das chinesische Zimmer, wanderte noch eine Zeit lang im Geheimparke umher, um darüber nachzudenken, woher die plötzliche Todesfurcht gekommen sei, welche Disposition des Körpers die Schreckbilder so plötzlich hervorgerufen. Sie schrieb der Anstrengung der Reise von Kassel und den vielerlei Unannehmlichkeiten, die sie seit ihrem Hiersein erfahren, vielleicht auch der dumpfen Luft des Zimmers, das seit zwanzig Jahren von keinem menschlichen Fuße betreten war, die Schwäche zu, die den starken Geist der Schülerin Voltaires übermannt habe. Sie war erst dreiundsechzig Jahre alt, nie im Leben krank gewesen sie war rüstig und es fehlte ihr in der Regel nicht an einem sehr guten Appetit. Ja, jetzt fand sie den Grund. Seit acht Tagen fehlte ihr der rechte Appetit, sie hatte auch heute ihr Diner kaum berührt. Daher die Schwäche; sie mußte mehr essen, auch ohne Hunger.

Sie befahl den Birkhahn, der vom Mittagstische unberührt heruntergekommen, kalt zum Souper, strengte sich an, während die Kammerfrau ihr heustedter Klatsch erzählen mußte, von diesen und sonstigen Gerichten, wenn auch ohne Lust, reichlich zu essen, und trank Burgunder. Die Kammerfrau war seit siebzehn Jahren im Dienste der Gnädigsten; heute zum ersten mal befahl die Herrin für sie ein Glas und ließ sie in ihrer Gegenwart trinken. Die Gräfin, welche früher die persönlichen Verhältnisse aller Einwohner gekannt hatte, fragte nach diesem und jenem, und zum ersten mal, seitdem sie in Heustedt war, schwand die Zeit bis zur Mitternacht, vor der sie sich nicht schlafen legen konnte, schnell.

Sie schlief auch recht bald ein, um nach einigen Stunden, nach einem schweren Traume zu erwachen. Jochen Dummeier, so träumte sie, stand vor ihrem Bette, eine Axt in der Hand, um sie zu ermorden.

Seitdem floh der Schlaf, und die Unruhe in ihrem Innern, die sie schon die ganze Zeit gequält hatte, seit sie aus ihrem Hofleben in Kassel gerissen war, mehrte sich. Allen Motiven ihres bisherigen Lebens waren die Stützen entzogen; der Eitelkeit durch das Alter, der Herrschsucht, dem Intriguiren und Einmischen in alle möglichen Dinge durch den bevorstehenden Fall des Thrones, an den sie sich angelehnt, sowie durch die enormen Verluste an Vermögen, die sie in den letzten zweiundzwanzig Jahren erlitten. Die Genußsucht erlag dem hereinbrechenden Alter, erlag unter dem Erlahmen der Phantasie und unter schwindender Eßlust. Was hatte sie noch auf Erden zu erwarten? An Himmel oder Hölle glaubte sie nicht, ihr war die Erde alles, aber was war die Erde für sie bei einem körperlichen Zustande wie dieser?

Melusine überlegte ihre Zukunft – Heustedt war nicht der Ort, wo sie dem Tode entgegengehen mochte. Sie beschloß, ihre Besitzungen zu verkaufen, nach Paris zu ziehen und dort sich in das großartige Leben zu stürzen, von dem in Kassel so viel geredet war. Mochte Napoleon eine Schlacht verlieren, mochte das Königreich Westfalen zerstückelt werden, der Rheinbund in sein Nichts zurücksinken, das Kaiserreich selbst mit seinem Paris mußte bleiben. Franz II. werde seinen Schwiegersohn nicht vom Throne stoßen, ein Frankreich bis zum Rhein war immer noch ein mächtigerer Staat als das zerrissene Deutschland, und am Hofe der Tuilerien hatte sie, die treue Anhängerin Jérôme's, gute Aufnahme zu erwarten.

Während die Gräfin so ihre Zukunft sich ausmalte und beschlossen hatte, schon in den nächsten Tagen nach Paris zu reisen, und unter diesem Gedanken von neuem einschlief, trieb auf der Weser, oberhalb Intschedes, ein Schiff, das zwischen einem Weserbock und einem großen Kahn die Mitte hielt, eins von denen, die den Namen Bulle führen, und das immerhin seine zehn bis funfzehn Last laden konnte. Es war ohne Bedachung, hoch über Bord mit Torf beladen. Es fuhr bei Nacht und wurde von vier Männern, die auf dem Leinpfade gingen, stromauf gezogen. Nur drei Menschen befanden sich auf dem Bullen, einer am Steuer, ein Schiffsknecht vorn am Schnabel des Schiffs mit einer Stange, um es von den Schlagten abzustoßen, wenn es denselben zu nahe käme, und der Schiffsherr, welcher, in eine wollene Decke gehüllt, mit dem Rücken gegen die längliche Torfpyramide lehnte und die Füße gegen den Ort stemmte, den man Kajüte zu nennen beliebte, eine Art von Schlaf- und Polterkammer, Küche, Vorrathskammer von Speisen und Getränken. Dieser Schiffsherr war aber niemand anders als unser alter Bekannter Jochen Dummeier. Das Schiff kam unterhalb Bremens her, hatte die Ursprungscertificate des Torfes von der Wümme, war in Bremen visitirt und für richtig befunden, obwol unter dem Torfe ein Schatz verborgen war. Unten im Schiff lagerten Kaffeesäcke und Theekisten, wie Kisten mit englischen Manufacten und kurzen Waaren; Millionen von Nadeln, viele große und kleine Scheren wie Feder und Rasirmesser waren unter dem Torfe verborgen. Das ging für Gefahr eines Hauses in Hannover und mußte demnächst hinter Nienburg aus dem Kaiserreiche in das Königreich Westfalen eingeschmuggelt werden. Darüber lag eine Ladung Zuckerrohr, die bis hoch in die Torfpyramide aufgestapelt war.

Jochen hatte eine geladene Büchse neben sich liegen, war außerdem auch noch mit ein paar Pistolen bewaffnet. Er sann darüber nach, wo er am sichersten halt mache und bis spät nachmittags ausruhe; es durfte nicht in der Nähe eines Dorfes oder gangbaren Weges sein, damit ein Douanier nicht etwa hier noch einmal, und mit größerer Umsicht als in Bremen geschehen, das Torfschiff visitire. Vor dem späten Abend durfte er in Heustedt nicht anlangen, nur dann konnte sogleich vor der Böse'schen Zuckerfabrik abgeladen und Kaffee und die andern Schmuggelwaren auf das jenseitige Ufer geschafft werden. Es wurde nach und nach Morgen, der Schiffsherr warf die Augen fleißig am Ufer herum, denn hier zog sich am rechten Weserufer die Heerstraße, welche von Verden kam, eine kleine Strecke auf dem Weserdeiche hin.

Halt! Was war das? Tauchten da auf dem Deiche nicht Pferde und Reiter auf? Zwei, vier, zehn – bald hundert und mehr. Was waren das für Reiter? Französische Cavalerie lag jetzt in der ganzen Gegend nicht. Er rief die ziehenden Leute an, zu ruhen, und ließ den Steuermann an den Deich anlegen. Als die Reiter näher kamen, erkannte er, daß der größere Theil aus Kosacken, der kleinere aus Lützow'schen reitenden Jägern bestand. Jochen haßte die Franzosen, mit denen er als Schmuggler schon seit 1807 einen kleinen Krieg führte, und die er schädigte, wo es ihm nur möglich war. Würden die Franzosen aus Heustedt verjagt, so konnte er mit seiner Ladung am hellen Tage dort ankommen und ausladen. Daneben galt es aber, seiner Privatrache an der Gräfin von Wildhausen Genüge zu thun, sie als Franzosenfreundin zu verdächtigen, vielleicht die Kosacken zu veranlassen, sie als Gefangene fortzuschleppen.

Er sprang mit Hülfe der Stange vom vordern Theile des Schiffs, das sich dem Ufer am meisten genähert hatte, auf den Fuß des Deiches und stand bald vor dem Führer der Schar, Demisow, der einen deutschredenden Offizier der Lützower in seiner Begleitung hatte. Jochen berichtete, daß in Heustedt etwa 100 Mann Franzosen seien, von denen indeß 20–30 im Lazareth lägen. In der Oststadt lägen etwa 50. Dort sei das Lazareth, dort im alten Schlosse das Magazin mit reichen Vorräthen von Hafer, Stroh und Heu. In der Weststadt lägen, zerstreut die ganze Deich- und Langenstraße hinab, höchstens 30 Mann.

Wenn man Heustedt überfallen wolle, so dürfe dies nicht allein durch einen Ueberfall vom rechten Ufer her geschehen, denn die auf der Ostseite könnten dann leicht über die Brücke auf das linke Ufer flüchten, sie brauchten dort nur die Zugbrücke aufzuziehen und wären gesichert. Einen Angriff von der linken Seite würde man am wenigsten erwarten, dort lägen auch die wenigsten Franzosen und vor allem müsse man die Brücke besetzen und den Rückzug auf Minden und Osnabrück abschneiden.

In der Oststadt sei dann noch das Schloß der Gräfin von Wildhausen zu nehmen, worin außer den Offizieren 12 Mann lägen, und das leicht zu vertheidigen sei. Aber da werde die Einwohnerschaft helfen, welche die Franzosenfreundin, die Palastdame des Königs Jérôme, hasse. Dafür wolle er schon sorgen. Er erbiete sich, die Kosacken auf einer Stelle, die nicht sehr fern sei, durch die Weser zu führen. Dort sei der Strom ganz flach und das zu durchschwimmende Fahrwasser kaum zehn Schritte breit. Die Hälfte des Trupps, welche auf dem rechten Ufer der Weser bleibe, müsse schon hier Dorf für Dorf Kriegsfuhren requiriren, um die Magazinvorräthe sofort mitnehmen zu können.

Der Lützower hatte eine Karte bei sich, aus welcher er den Lauf der Weser studirte. Er verständigte sich, so gut es gehen wollte, mit Demisow in französischer Sprache, man fand den Plan Jochen's ausführbar, und eine Kosackenabtheilung von 50 Mann setzte unter seiner Anleitung über die Weser; dort befahl Jochen den Schiffsziehern, so schnell als möglich mit dem Schiffe weiter zu fahren und es vor der Zuckerfabrik anlegen zu lassen, dann führte er die Kosacken durch die Marsch auf dem nächsten Wege nach Heustedt. Demisow selbst befehligte diese Abtheilung. Als man die Thürme von Heustedt sehen konnte, nahm Jochen Abschied, um das Volk in Heustedt aufzuwiegeln. Er eilte auf kürzern Nebenwegen den Kosacken voraus, durchschritt die Gartenstraße und hatte Klein-Paris in Aufregung und auf die Beine gebracht, ehe die Kosacken nur auf der andern Seite am nördlichen Ende der Stadt angekommen waren.

Es war am 14. October, die Klein-Pariser zogen, mit alten Flinten, Säbeln, Dreschflegeln bewaffnet, in die Langestraße ein, unter dem Rufe: »Die Kosacken sind da, 'raus mit den Franzosen!« Wo ein Franzose einquartiert war, hielt man vor dem Hause still, nahm ihn gefangen, rüstete sich mit seinen Waffen und zog dann lärmend, die Gefangenen stoßend und schiebend, weiter. Viele Franzosen flohen durch die Gärten nach der Weser zu, die von einigen durchschwommen wurde, andere, durch den immer lautern Lärm gewarnt, entkamen noch über die Brücke nach der Oststadt, ehe die Kosacken von Norden bis zur Brücke herangesprengt waren. Alles, was die Weststadt von Straßenjugend hatte, war auf den Beinen, von der Nordseite mit den einrückenden Kosacken anziehend, von der Langenstraße her mit den Klein-Parisern.

Diese Art des Vorgehens weckte aber die Aufmerksamkeit der Franzosen der Ostseite zu zeitig; noch ehe die Kosacken die Brücke erreicht hatten, wurde Alarm geschlagen, und die 50 Mann, die man zusammen hatte, zogen sich in das neue Schloß zurück, schlossen das eiserne Thor, verbarrikadirten dasselbe mit Wagen und allen Dingen, die sonst zur Hand waren.

Während dieser Beschäftigung sprengte aber schon ein Dutzend Kosacken die Schloßstraße zum Schlosse hinunter. Sie wurden von einer Salve empfangen, die einen Mann unfähig machte und mehrere Pferde verwundete. Die Kosacken donnerwetterten und fluchten, aber über die hohe Mauer konnten sie nicht setzen, und der Thorweg war tüchtige englische Schmiedearbeit und nicht durch einige Axtschläge aufzuthun. Inzwischen kam auch der Rest der Kosacken und mit ihm der ganze Mob der Westvorstadt, Jochen Dummeier an der Spitze. Dieser hatte nicht sobald gesehen, daß das Hauptschloßthor geschlossen sei, als er den Kosacken winkte und sie durch das Heuthor in den Park führte. Da Kosacken und Volk nun durch den Park hinter den Nebengebäuden und Stallungen her auf das Schloß drangen, mußten die Franzosen ihre Barrikaden verlassen; sie zogen sich in das Schloß selbst zurück und schlossen die Thüren, die gleichfalls fest genug waren, um einem Angriffe zu widerstehen. Die Kosacken waren abgesessen und hielten sich in der Gegend der Stallungen und Nebengebäude außer der Schußweite, während die Führer zu einer Berathung zusammentraten. Auf die Fenster, an denen sich Franzosen zeigten, ward geschossen, aber mit wenig Erfolg. Als die ungeduldige plünderungssüchtige Menge, die sich immer dichter auf dem Rasenplatze vor dem Schlosse angesammelt hatte, weiter vordrängte, gaben die Franzosen aus den Frontfenstern eine Salve auf sie, die zwei Frauen, mehrere Kinder und drei oder vier Männer todt oder schwer verwundet niederstreckte. Das Wuthgeschrei der Menge, die zurückstieb, war gewaltig; man trug die Verwundeten und Todten unter Begleitung vieler Kinder in die Stadt. Die Barrikaden vor dem Schloßthore hatte man hinweggeräumt und das Thor geöffnet.

Die Menschenmasse vor dem Schlosse schwoll immer mehr an, denn es kamen nach und nach die meisten der angesehenen Bürger selbst, während sich der Pöbel darüber hermachte, das Staket um den Obstgarten, der zwischen den Burgmannshöfen der Kirche und dem Parke lag, zu zertrümmern, und das feine Obst an den Geländen, die Weintrauben und Aprikosen zu plündern. Demisow hatte indeß mit einem seiner Offiziere das Schloß umgangen.

Die beiden Seitenflügel boten von außen keinerlei Angriffspunkt, denn sie waren ohne Thüren, mit Ausnahme der durch die Veranda verdeckten Pforte zum Gartensalon, alle Eingänge in das Schloß außer dem Haupteingange befanden sich auf der Hofseite. Der Hof bildete aber ein längliches Viereck an der Nordseite, und daher war auf jeden, der in den Hofraum trat, ein Feuer von drei Seiten, und von jeder Seite aus dem Erdgeschosse und aus zwei Stockwerken zu eröffnen.

Auf die Ankunft der Lützower mochten Demisow und seine Kosacken nicht warten. Letztere hatten aus den Stallungen schon ein halbes Dutzend Pferde und alles, was an Decken und Gegenständen ihnen sonst geeignet schien, sich als gute Beute angeeignet. Waren sie auch in Freundesland, die Gräfin war eine Franzosenfreundin und mußte gezüchtigt werden.

Demisow beschloß einen Angriff auf das Hauptportal. Drangen seine Kosacken nur bis unter den Säulengang, der sich vor der Front bis zu den beiden Flügeln hinzog, so waren sie ziemlich geschützt. Denn da die Flügel anderthalb bis zwei Fuß vorstanden, so war aus den südlichen Fenstern dieser Flügel nur dann unter den Balkon zu schießen, wenn man sich weit aus dem Fenster lehnte und also sich selbst preisgab.

Der Menge hatten sich nach und nach auch die Bürger zugesellt, welche nach deutscher Sitte alljährlich ihren Schützenhof feierten, von Ostern bis zu Johanni sonntäglich nach der Scheibe schossen und ihre eigenen Büchsen besaßen. Es mochten immerhin ein paar Dutzend mit Büchsen und Munition bewaffneter Bürger, darunter alte Soldaten und Jäger, zusammen sein, die gegen die Thüren und Fenster über dem Balkon schossen, sobald sich ein Franzose blicken ließ. Demisow, dessen Adjutant der deutschen Sprache mächtig war, sammelte diese Schützen jetzt und stellte sie, möglichst aus der Schußlinie des Balkons, den beiden Flügeln gegenüber mit dem Befehle aus, sobald sich Franzosen an den Fenstern zeigten, auf diese zu schießen, namentlich aber unausgesetzt zu schießen, sobald die Fenster geöffnet würden. Dann, nachdem Brechstangen, Aexte und sonstiges Geschirr herbeigeschafft war, mußten 24 Kosacken, einer nach dem andern, in vollem Laufe unter die Säulenhalle eilen, wo man an den großen eichenen, eisenbeschlagenen Flügelthüren zu wirtschaften begann. Aber die Thür war nicht nur verschlossen und verriegelt, es waren auch inwendig eiserne Stangen kreuzweise darüber befestigt, und so setzte sie den Kosacken mehr Widerstand entgegen, als diese vermuthet hatten.

Die Belagerten hatten inzwischen im Innern den etwa durch die Thür Einbrechenden einen Empfang zubereitet, der viele Opfer gefordert hätte. Ihre Hauptmacht war in dem massiven Treppenhause, das von zwei Seiten zum ersten Stockwerke führte, concentrirt, nach dem Hofe hinaus hatte man die Flügel wie in die Hinterseite der Front nur einzelne Leute gestellt, um bei einem Vordringen über den Hofraum Alarm zu machen. Die Axtschläge krachten gegen die Eichenthür, die Stürmenden suchten das Pflaster unter derselben wegzuwühlen, um Fuß fassen zu können, der Pöbel, der sich wieder näher gewagt hatte, begleitete jeden Axthieb mit einem Wuthgeschrei.

Wo war indeß die Gräfin?

Melusine hatte nach der schlafwachen Nacht, als schon die Octobersonne in das Cabinet oder mindestens gegen die Fenster desselben schien, die Augen zu jenem Halbschlummer geschlossen, in welchem der Geist seine Thätigkeit bewahrt, der Mensch aber ein halbes Bewußtsein von sich hat und, was ringsum vorgeht, halb wahrnimmt. So hatte auch sie, als die Kosacken in das Nordthor der gegenüberliegenden Deichstraße einritten und das Volk zu lärmen anfing, ein Geräusch über die Weser her zu hören geglaubt, allein sie konnte aus körperlicher Mattigkeit ihre Sinne nicht darauf heften. Als die ersten Kosacken, vom Geschrei des Volks begleitet, über die Brücke sprengten, und die Massen sich die Schloßstraße herabwälzten, da lag es noch wie ein Alp auf ihrer Brust, es war ihr, als tose alles Geräusch, das sie hörte, nur in ihrem Kopfe.

Als aber die erste Salve, welche die Franzosen vom Schloßthor aus auf die Kosacken gaben, in ihr Ohr drang, da fuhr sie auf, ihr Geist war wieder wach und lebendig. Gleichzeitig stürzte die Kammerfrau in das Zimmer, mit dem Jammerruf: »Die Kosacken! die Kosacken!«

Die Gräfin warf sich in Eile in ein Halbnégligé und eilte zum Fenster. Da dieses nach Osten lag, sah sie eben den Pöbel, Jochen Dummeier an der Spitze, hinter den Stallungen und Nebengebäuden hervor auf den Platz vor das Schloß dringen. Sie erkannte den Führer und wußte, daß die Rotte schlimmer sei als die Kosacken. Ihn mußte sie fliehen. Auch begannen nun schon die Franzosen, welche sich in das Schloß zurückgezogen hatten, in die erste Etage heraufzudrängen und ungescheut die Gemächer der Gräfin, selbst das Schlafcabinet zu betreten und das Geschoß zur Vertheidigung vorzubereiten.

Hier war nicht länger zu bleiben. Die Gräfin wählte den Weg zum linken Flügel, wo Eß- und Tanzsalon aneinanderstießen, und der von dem Thurme im Norden begrenzt war. Dieser Thurm hatte nach Norden einen kleinen Ausgang, von außen, da die Steinbekleidung imitirt war, kaum sichtbar, und auch nur von innen zu öffnen. Durch diesen Ausgang schlüpfte die Gräfin, ihm gegenüber führte die eiserne Brücke über das große Schlut, und neben dieser der uns schon bekannte Geheimeingang in den reservirten Park.

Melusine durcheilte diesen mit schnellem Schritt und flüchtete sich in den chinesischen Pavillon, wo sie durch die eiserne Wand sich von der Außenwelt absperrte.

Ihr Treiben war aber nicht unbemerkt geblieben. Einer von den Straßenjungen von Klein-Paris umschlich das Schloß; er wollte sehen, ob für ihn nichts Besseres abfalle als das Obst, das seine Kameraden plünderten, und er bemerkte, daß das, was er für Steinwand hielt, sich öffnete und die Gräfin heraustrat, um dem Anschein nach über die Schlutbrücke zu gehen, und wie sie in der Hast vergaß, die Thür zu schließen. Er rief Jochen Dummeier herbei, der den Knaben als Wache beim Eingange ließ und selbst die Treppe vorsichtig emporstieg. Sie führte ihn in den ersten Stock zu einem verborgenen Eingange, dann aber gelangte er zu den Mansardenräumen, zu jenen Zimmern, wo Karl Haus und die Schulze'schen Söhne vor Jahren die »Insel Felsenburg« und sonstige Bücherschätze gefunden hatten, dann auch zu den Bodenräumen. Hier wurde der Tanzboden, die Dielen zum großen Tanzzelte im Park, das seit der Hochzeit Olga's nicht gebraucht war, aufbewahrt, hier lag das schöne türkische Zelt der Gräfin, die Farben waren verblaßt und von der Sonnenhitze unter dem Dache war das rothe Zeug wie Zunder verbrannt. Das war Wasser auf die Mühle eines Klein-Parisers, der sich ihm nachgeschlichen. Während Jochen vorsichtig eine Treppe hinabstieg, den großen und kleinen Speisesaal durchschritt und die Stellung der Franzosen im Treppenhause recognoscirte, dann auf dem Wege, den die Gräfin genommen, das Freie fand, um die Kosacken herbeizurufen, ersah jener die Gelegenheit, den rothen Hahn auf das Schloß zu stecken, um bei dieser Gelegenheit stehlen zu können. Er zog Stahl und Stein, das damals nebst Schwamm jedermann bei sich führte, aus der Tasche, zündete einen Schwefelfaden an, und legte ihn unter das türkische Zelt, das bald zu brennen anfing. Währenddessen stürzten die Kosacken mit Piken und Pistolen bewaffnet die Treppen hinauf, die Gänge zur ersten Etage herab, gefolgt von einer so großen Anzahl Volks, als die engen Treppen zum Thurme hinauf konnten.

Während von vorn an dem Portal die Axtschläge noch immer gegen das Thor dröhnten, und es schon gelungen war, einen großen Stein unter dem Thore zu beseitigen, sodaß nun Brecheisen mitarbeiten konnten, stürzten die Kosacken aus der Mansardenetage in die erste herunter und gelangten auf dieser zu dem Treppenhause, den überraschten Franzosen in den Rücken fallend. Zugleich meldeten die Posten, welche im östlichen Flügel gegen den Hof hin Wache hielten, daß das Dach des westlichen Flügels brenne, und die Menge, welche draußen das Schloß umstand, schrie wie aus Einem Halse: »Feuer! Feuer! Mordjo!« Man achtete der Gefahr nicht mehr und drängte von allen Seiten auf das Schloß los, aus dem kein Schuß mehr unter das Volk gethan wurde, während man im Innern schießen hörte.

Zimmergesellen schleppten Leitern aus den Stallungen herbei, setzten sie an den Balkon und erstiegen denselben. Man ließ nach mit den Versuchen, die Thür zu sprengen, da man jetzt auf den Balkon gelangen konnte. Die Kosacken kletterten mit katzenartiger Gelenkigkeit die Leitern hinauf, und bald war das Schloß in ihrem Besitze, die Franzosen streckten die Waffen und wurden als Gefangene, nachdem das Portal geöffnet war, in die Zehntscheune gebracht, wo die heustedter Büchsenschützen sie bewachen mußten.

Die Sturmglocken in Heustedt und den nächsten Dörfern läuteten: die Stadtspritzen kamen heran und man wurde sich bewußt, daß dem Feuer womöglich Einhalt gethan werden müsse.

Ein Theil des Volks und der Kosacken benutzte freilich den günstigen Moment, um den östlichen Flügel des Schlosses auszuplündern, Spiegel, Kronleuchter, Porzellanöfen zu zertrümmern, Betten und Möbeln aus dem Fenster zu werfen.

Die Lützower, die am rechten Ufer der Weser geritten, kamen aus gedoppeltem Grunde später nach Heustedt, einmal weil sie den weitern Weg zu machen, sodann aber weil sie in Stedorf, Dörverden, Barme, Jübber, Drübber, Hassel überall Kriegsfuhren requirirt hatten. Als man aber aus dem Sande in die Marsch kam und das neue Schloß in Heustedt brennen sah, setzte man sich in Galop.

Die Verwirrung in Heustedt hatte einen hohen Grad erreicht. Pöbel und Kosacken plünderten das Schloß, es dauerte lange, bevor überall Spritzen herbeigeschafft wurden, und auch als dies geschehen war, fehlte es der Menge an Lust zu helfen. Der alte Schlagtmeister Georg Schulz brachte indeß durch vernünftige Vorstellungen die Bessern aus der Bürgerschaft an die Spritze, deren Rohrführer er vor beinahe vierzig Jahren gewesen war, und er selbst, der alte Mann, wagte sich in den Wasserthurm des brennenden linken Flügels, um von hier aus zu löschen.

Mit den Lützowern kamen auch von benachbarten Ortschaften Spritzen und Mannschaften, und die Ordnung wurde einigermaßen hergestellt. Aber der Brand hatte schon seine Opfer gefordert; Georg Schulz war von einem Balken erschlagen, als er sich aus dem Thurme in das Gebäude selbst gewagt hatte.

Hermann Baumgarten sah die Leiche seines Großvaters aus dem Schlosse tragen, als er mit den Seinen in den Hof eintrat, aber er ahnte nicht, wer es sei.

Jochen Dummeier hatte das ganze Schloß nach der Gräfin durchsucht, ohne sie zu finden. Der Straßenbube aus Klein-Paris, der ihm die Thür zum Thurme entdeckt hatte, stand aber noch immer auf seinem Posten, und auf Befragen erfuhr Jochen, daß die Gräfin gleich anfangs in den Geheimpark geflüchtet sei. Jochen fiel sofort der chinesische Pavillon ein, er riß einem der Zimmergesellen, die beim Löschen halfen, die Axt aus der Hand, winkte einem andern, mit dem er bekannt war, und ging zum Geheimparke. Die eiserne Thür, die den Eingang sperrte, ward zerschlagen, und mehr laufend als gehend eilten die beiden Genossen zu dem Pavillon.

Die Gräfin hatte in der Angst vergessen, die äußere eiserne Thür zum chinesischen Zimmer zu verschließen, zu diesem stand der Eingang offen.

Jochen riß die Thür weit auf, um Licht zu haben. Aber nun geschah ihm, wie dem Forsteleven Oskar vor langen Jahren, er war in das Heiligthum eingedrungen, fand aber weder Gräfin noch Thür. Eine rohe Wuth überfiel ihn. Er zertrümmerte alle Bilder und Schnitzereien, womit das Zimmer geschmückt war. Die Eisenwand, die das Geheimcabinet von dem chinesischen Zimmer trennte und nach außen mit einer starken Filzschicht bekleidet war, spottete aber aller Axtschläge. Der Zimmergesell und Jochen mühten sich vergeblich, hier durchzubrechen, und standen von der Arbeit endlich ab, nur Trümmerhaufen hinter sich lassend. Sie hatten auch das Bild mit dem Hühnerhofe zerschlagen, und durch einen gewaltigen Hieb war der Dorn, den Anna vor einundzwanzig Jahren entdeckte, zerschmettert.

Ob die Gräfin da drinnen auf den Knien lag? Ob sie zum ersten male im Leben betete?

Nach acht Tagen gab es von den Kosacken und den Lützowern keine Spur mehr an der Weser zu sehen, aber Vandamme rückte in Bremen ein und bereitete sich vor, ein Strafgericht zu halten.

Nach Heustedt hatte er ein starkes Commando abgeschickt, um auf die Schuldigen zu fahnden. Aber Jochen Dummeier und alles, was sich nur irgend schuldig fühlte, entfloh.

Hermann Baumgarten hatte an der Seite seines Oheims Heinrich den Großvater zu Grabe getragen, der Mutter und dem Vater flehentliche Briefe geschrieben, ihm seine Flucht zu vergeben. Das wirkliche Leben war ihm in Heustedt zum ersten mal entgegengetreten, ohne daß er selbst das Gräßlichste erfahren. Dies kam erst später zu Tage, als schon das französische Strafcommando in Heustedt eingerückt war.

Die Verwirrung im neuen Schlosse war maßlos. Zwar hatte das Feuer nur den obern Stock des linken Flügels verzehrt, der, von Fachwerk erbaut, die Säle enthielt, aus deren Fenstern einst Olga, Anna und Heloise Joujou gespielt hatten; allein der rechte Flügel war ganz ausgeplündert und mit roher Absichtlichkeit ruinirt. Die Kosacken und Klein-Pariser wußten alles irgend Werthvolle zu annectiren, die Dienstboten hatten an der Plünderung teilgenommen oder sich geflüchtet. Der lange graue Rentmeister mußte die Karbatsche der Kosacken fühlen, sodaß er jetzt noch krank im Bette lag. Auch die Kammerfrau der Gräfin, nicht mehr jung und hübsch, lag im Bette, sie war ebenfalls von einem Kosacken gemishandelt worden.

Alle Pferde, alles Vieh war mit den Kosacken über Verden nach der Elbe zurückgegangen. In den Nebengebäuden sah es noch am erträglichsten aus. Jedermann war in Heustedt aber in diesen Tagen so sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, daß man an die Gräfin von Wildhausen nicht gedacht hatte.

Erst als ein französischer Offizier wieder im Schlosse einquartiert war und ein Auditeur die Untersuchung leitete, wurde auch die Frage aufgeworfen, wo die Gräfin geblieben sei. Nun war ein Theil der Dienerschaft, der französische Koch, der Jäger und andere während des Wirrwarrs und Feuers nach Westen, nach Osnabrück zu entflohen, die Staatskutsche der Gräfin war fort, ihre Rappen und ihre Schimmel waren fort, aber die hatten die Kosacken als gute Beute mit sich genommen.

Der Maire wurde als Sündenbock für alles angesehen, saß im neuen Schlosse hinter Schloß und Riegel, und er lenkte dann die Aufmerksamkeit des französischen Offiziers zuerst auf den Pavillon.

Man fand dort die Verwüstungen, welche Jochen Dummeier angerichtet hatte, aber keinen Eingang, auch der herbeigerufene Haushofmeister, eingeweiht in die Geheimnisse des Mechanismus, konnte das Uhrwerk desselben nicht in den Gang bringen, der Dorn war zerschlagen, wahrscheinlich das ganze Uhrwerk vernichtet. Nun befahl der französische Offizier, die Rückwand des Pavillons einschlagen zu lassen.

Hier fand man die Leiche Melusinens. War sie verhungert, war sie verdurstet, war sie aus Angst gestorben, wer konnte es wissen?

Der Inhalt des Geheimgemaches, die Oelgemälde und Statuetten waren dem französischen Offizier eine gefundene Beute, und der Champagnerkorb wurde geleert, mochte er auch acht Tage bei einer Leiche gestanden haben.

Die Leiche Melusinens wurde ohne allen Pomp im Erbbegräbnisse beigesetzt.

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