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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Als er dem Rosenbaume näher trat, fand er in einem der schönsten Blütenbüschel die dunkelste Purpurknospe, welche vielleicht auf der ganzen Terrasse sproßte, und daran ein Palmenblatt geheftet, in welches Verse eingeritzt waren, die nach Bodenstedt's Uebersetzung also lauten würden:

Mein Herz schmückt sich mit dir, wie sich
Der Himmel mit der Sonne schmückt –
Du gibst ihm Glanz, und ohne dich
Bleibt es in dunkler Nacht entrückt.

Das war ja eine offene Liebeserklärung – aber wer waren die Frauen gewesen? Von den Weibern oder Kebsweibern Ibrahim's schwerlich, sie waren zu jung.

Der Erstaunte küßte die Rosenknospe und verbarg sie auf seiner Brust neben dem Palmblatte und eilte zu der Terrasse, an der er Hinrik beschäftigt wußte. Er berichtete diesem, daß er zwei Frauenzimmer an seinem Lieblingsrosenbaume betroffen habe, und beschrieb das Aeußere derselben, um zu fragen, wer sie seien?

»Das wird Mirza, das Lieblingskind meines Herrn, und ihre Sklavin, die Abyssinierin Fatime, gewesen sein. Ibrahim hatte, wie das schon sein Stand erforderte, außer den Sklavinnen vier rechtmäßige Frauen. Da ein Muselman › men al el Kitab‹, d. h. eine Christin und eine Jüdin heirathen darf, weil sie einem Volke angehören, das von Gott ein Buch erhalten hat, aber nicht › abd el es nam‹, eine Götzendienerin, eine Giaur, so hatte Ibrahim auch eine Christin, eine sehr schöne Griechin, und eine Jüdin aus Damaskus zur Frau. Letztere starb vor etwa zwölf Jahren bei der Geburt Mirza's, die du gesehen haben wirst, daher wurde diese einer abyssinischen Amme übergeben, die Beihalterin Ibrahim's war, sodaß Fatime Stief- und Milchschwester Mirza's, zugleich aber ihre Dienerin ist.«

Unserm Freunde war vor diesem Abenteuer recht heimkrank und langweilig zu Muthe gewesen, die Stimmung, in der er sich mit dem orientalischen Lebensschlummer versöhnt geglaubt, ja diesen über die europäische Civilisation gesetzt, war schnell vorübergegangen. Wie alle Deutsche, so war er Freund der Geselligkeit, und diese hatte ihm noch nie gefehlt, weder auf Universitäten, noch bei seinem Studium als Maler, noch später in Rom und Neapel. Ueberall hatte er sich geselligen Kreisen, die ihm zusagten, enger angeschlossen. Kurze Zeit vor seinem Misgeschicke, das ihn in die Fremde und Knechtschaft führte, waren Karl Haus und Olga, verschiedene Kunstgenossen und die Pythagoräer Genossen verschiedenartiger gesellschaftlicher Freuden gewesen; jetzt fühlte er sich ganz vereinsamt, denn der Umgang mit Hinrik, auf den er beschränkt war, konnte sein lebhaftes Gemüth nicht ausfüllen und zeigte, daß dieser in dreißig Jahren zu einem ruhig in das Schicksal ergebenen Orientalen geworden war. Das erste Wiederfinden war ein Aufbrausen des Geistes gewesen, von dem der gute Hinrik überhaupt keine zu große Portion besaß. Alles, was der Maler geistig hatte mittheilen können, war längst ausgegeben und die fortwährenden Ermahnungen, den Glauben des Propheten anzunehmen, wurden diesem nachgerade langweilig. Er hätte nach deutscher Gewohnheit gern ein Glas Wein in Gesellschaft getrunken und hatte bei seinem Vorgesetzten verschiedentlich darauf angespielt, ob es denn so ganz unmöglich sei, daß sie einmal ein Gläschen Wein zusammen tränken; aber Hinrik antwortete mit dem Koran: »Kultu unus kirü haram!« (»Alles, was trunken macht, ist verboten«) und setzte hinzu: »Wenn ein Mensch sich in sauerer Milch betrinken könnte, so würde ich auf dieses mein Lieblingsgetränk verzichten.« Aber sauere Schafsmilch war noch nicht das Lieblingsgetränk seines jungen Freundes und er hatte noch zu wenig Schaf- und Kamelfleisch gegessen um zu einem solchen orientalischen Kamel zu werden, wie es Hinrik seiner Auffassung nach schon war. Seit jenem Blitzblick der schwarzen Augen war der Maler ein anderer Mensch, er träumte Tag und Nacht von diesen Augen, und als er am ersten Regentage vor seiner Staffelei stand, um die Skizze seines Paradieses zu entwerfen, begeisterten ihn die schwarzen Augen zu einer wahrhaft orientalischen Anschauung. Er wollte nicht dem breitgetretenen Wege der Bibel folgen, sondern der Sage des Korans. Danach war aber nicht der Apfel die verbotene Frucht, sondern Weizen. Er wollte seine Eva malen, wie sie, einen Kranz goldener Weizenähren im Haar, durchschlungen mit blauen Cyanen, in der Hand ein dichtes Büschel Weizenähren, mit untergeschlagenen Beinen vor einer Handmühle sitzt, wie sie noch jetzt von den arabischen Frauen zum Getreidemahlen gebraucht wurde, und die so alt wie das Paradies selbst sein mußte. Adam sollte an einem Baume stehen, sodaß man nur sein Profil sähe, Eva zu ihm mit einem solchen Glutblick aufschauend, wie Mirza's Augen streifend auf ihn geworfen, gleichsam um Erlaubniß bittend, den Büschel Weizen in der Hand unter der Getreidemühle abmalen zu dürfen. Eine Schlange erhob sich nach dem Plane des Künstlers ringelnd von der Erde, mit ihren klugen Augen die goldenen Aehren zu betrachten und gleichsam ihre Zustimmung zu dem Wunsche Eva's aussprechend. Adam stand ganz in Verwunderung seiner so geschmückten Eva versunken, und nur diese konnte seiner Stellung nach erkennen, daß der Zeitpunkt gekommen war, in dem sie unternehmen dürfe, was sie wolle, wenn sie der Naschlust Adam's nur gleichfalls Gewähr verheiße.

Aber ein solches Bild ließ sich leichter in der Phantasie hervorzaubern, als auf die Leinwand bringen, namentlich wollte die Position der untergeschlagenen Beine in keiner Weise malerisch erscheinen, und der Maler versuchte nun für seine Eva eine halb liegende Stellung, die sie in den Augen Adam's noch verführerischer machen müsse. Diese Bemühungen scheiterten indeß an seinem Mangel an Uebung, menschliche Figuren ohne Modell zu zeichnen. Er war daran in Dresden und Italien gewöhnt, und hier wollte die Arbeit nicht vorwärts gehen, sie erhitzte nur seine Phantasie und machte seine Nächte unruhig. Er ging jeden Tag zu der Stunde, um welche er die Frauen dort angetroffen, zu der Rosenterrasse, allein er fand sie nicht wieder. Aber wozu hatte er denn von seinem Lehrmeister die Kunst der Blumensprache erlernt? Zwar standen ihm jetzt außer Rosen nur wenige Blumen zu Gebote, indeß die Liebessprache der Orientalen wußte leicht zu ergänzen, wenn nur die Andeutungen gegeben waren, und alle Hauptworte zu einer glühenden Liebeserklärung waren in Rosen vorhanden; die ausschmückenden Beiworte fehlten freilich, aber die weibliche Phantasie konnte sie leicht nach eigener Willkür ersetzen.

Ein Selam war gewunden und in dem bekannten fortwährend blühenden Rosenbaume verborgen. Am Abend fehlte der Blumenstrauß, und am andern Morgen hing ein Palmblatt an der Stelle desselben mit den Worten: »Werde gläubig, und Allah wird deine Wünsche gewähren.«

Das war nun nicht nach des Malers Sinn, er hätte seine Wünsche gern ohne die Dazwischenkunft Allah's und seiner Priester befriedigt gesehen. Er wiederholte seine Liebesbetheuerungen in allen ihm in dieser Jahreszeit möglichen Variationen. Immer aber dieselbe Antwort.

Das Gemälde wollte nicht vorwärts; in seiner Verzweiflung, daß die menschlichen Figuren nicht gelingen wollten, hatte er den Hintergrund, in welchem sich die größere Thierwelt, Elefanten, Kamele und Dromedare, Löwe und Büffelochs friedlich bewegten, zu untermalen begonnen. Nun kam noch ein äußeres Hinderniß hinzu. Hinrik, der Anfang October am Fieber gelitten hatte, klagte täglich mehr über das Hinschwinden seiner Kräfte, er hatte keinen Appetit, selbst die Wasserpfeife wollte ihm nicht mehr munden. Das Terrassensteigen war ihm zu beschwerlich, er fühle alle seine Glieder, sagte er, und so mußte der jüngere Gehülfe seinerseits alle Arbeiten im Freien überwachen, besonders die Ableitung der Gewässer. War er von dieser Arbeit zurückgekehrt, so mußte er Hinrik einige von den 6666 Ayats (Verse) vorlesen, oder erhielt von ihm Belehrungen über die Gemüse- und Obstbaumzucht, die er niederschreiben mußte. »Ich fühle mein Ende nahen, ich werde keine Mandelblüte mehr sehen«, sagte Hinrik, »was du von mir lernen kannst, mußt du in diesen Tagen lernen.«

Der Liebende versäumte keinen Tag, einen Selam zu winden, den er jeden andern Tag entfernt fand, und an seiner Stelle ein Palmblatt mit den Worten: »Werde gläubig!«

Indeß war es nach christlicher Rechnung Neujahr geworden, und Hinrik wurde mit jedem Tage hinfälliger. Er schickte nach dem Kadi in Zuwan, um sein Testament zu machen, und zugleich nach dem Imam, um die Verheißungen Mohammed's noch aus seinem Munde zu vernehmen. Während man auf beide Personen wartete, mußte Hellung zu Hinrik's Füßen sich in dem Zelte niederkauern. »Hör wol an, min Jung, wat ick die jetzt segge.« Heinrich erörterte nun als Resultat seiner Lebenserfahrung, wenn auch nicht mit den Worten, etwa folgende Gedanken:

»Die Religion ist keine Sache, die ein Mensch für sich abmachen kann; wie zu allem Menschlichen, gehört Gemeinsamkeit auch zur Religion, ein Christ kann kein Christ bleiben, wenn er sein Leben unter einem nichtchristlichen Volke zubringen muß. Das Alleinstehen führt von Gott ab, sei es in dieser, sei es in jener Weise.

»Der Mohammedanismus würde nicht so ungemein verbreitet sein, wenn er nicht eine Religion wäre, die für den Orient paßt u. dgl. Ob du, mein Junge, die Heimat je wiedersehen wirst, steht dahin, jedenfalls wird ein Uebertritt zum Propheten dir das Entkommen erleichtern, gewähre mir die Freude, dich noch vor meinem Tode im Turban zu sehen. Du brauchst dein Christenthum nicht abzuschwören, unser Glaube nimmt das Christenthum in sich auf, er hält Christus hoch in Ehren als Prophet, der lebendig gen Himmel gefahren und am Jüngsten Tage herkommt, um den Dedschal (Antichrist) zu tödten. Wenn ich todt bin, wirst du dich sehr einsam und verlassen fühlen, man wird dich mehr als jetzt, wo du unter meinem besondern Schutze standest, fühlen lassen, daß du ein Ungläubiger bist. Siehe, ich habe die Absicht, ein Testament zu machen und dich zu meinem Erben einzusetzen; aber ich darf das nicht, denn ich darf weder einen Christen, noch einen Juden, noch einen in Dar Harb Wohnenden zum Erben ernennen. Wirst du nicht Muselman, so wird der Fiscus sich meines Vermögens bemächtigen. Und dieses Vermögen ist nicht gering. Der Schmuck meiner Frau allein ist sehr werthvoll. Seitdem mich Ibrahim aus der Sklaverei entlassen, hat er mir außer dieser Wohnung jährlich 500 Piaster Lohn gegeben, von denen ich wenige Stücke gebraucht habe. Ibrahim wird dich sofort freilassen, er wird dir auch eine Frau geben oder dir gestatten, eine solche zu kaufen, denn wie du weißt, sagt der Koran: ›Heirathen ist Pflicht!‹ Du wirst als mein Erbe reich genug sein, selbst für die Lieblingstochter Ibrahim's, die liebliche Mirza, die Hochzeitsgabe darbringen zu können. Er wird sie dir nicht verweigern, denn er hält die Europäer für gleichadelich wie die Araber, und da er schon zwanzig Töchter verheirathet und noch vier zu verheiraten hat, wird er sie dir geben, um seinem einzigen Sohne, der eine Fregatte des Paschas commandirt, ein reicheres Erbe zu hinterlassen. Nun, was schweigst du? Du wirst deinem Glücke, das dich so offenbarlich aufsucht, doch nicht den Rücken kehren?«

»Ich will deinem Wunsche Folge geben«, sagte unser Freund mit leidenschaftlicher Hast ohne Besinnen. Welches Motiv auf ihn am meisten eingewirkt hatte, darüber war er sich selbst nicht klar, nur daß nicht das Gewinnen durch Erbschaft sein Beweggrund war, stand fest. Die Leichtigkeit seines Entschlusses erklärte sich aber hauptsächlich daher, daß er lutherischer Christ in dem Sinne, in welchem er sich dazu bei der Confirmation bekannt, schon längst nicht mehr war. An das »Niedergefahren zur Hölle und am dritten Tage wieder auferstanden um aufzufahren gen Himmel« hatte er schon damals nicht geglaubt, und der Glaube an einen dreieinigen Gott war ihm immer unverständlicher geworden. Mit der Abneigung gegen solche Glaubenssätze, wobei sein gesunder Menschenverstand stillstand, war er auch gegen das eigenthümlich Wahre und Tiefe des christlichen Glaubens, das nach seiner Ansicht sich von jenen Bestandteilen nicht trennen ließ, gleichgültiger geworden. Nachdem er in Jena Fichte gehört, glaubte er nur noch an einen einheitlichen Gott als das allgemeine göttliche Leben, als Verwalter der allgemeinen moralischen Weltordnung. Ueberhaupt, hatte er von christlichen Lehren und Dogmen nicht alles über Bord geworfen, was seine Vernunft nicht begreifen konnte? Warum sollte er bei den Lehren des Korans nicht desgleichen thun? Die Lehre, daß, wer unter Wölfen lebt, mit ihnen heulen müsse, war ihm nie fremd gewesen, der Gedanke, Mirza als Weib zu besitzen, war ihm aber neu und hatte seine Seele durchblitzt wie früher ihr Blick.

Als der Imam kam, erklärte Hinrik, daß sein Landsmann sich zum Propheten bekennen wolle; dieser examinirte ihn aus dem Koran und fand einen Wohlunterrichteten. Die notwendige Operation wurde vorgenommen, Hellung sagte sein »La illaha il Allah« und »Mohammed rassul Allah« und war Muselman. Bis dahin hatte derselbe gegen Sonnenstich eine hohe spitz zulaufende persische Mütze aus Lammfell getragen, jetzt bekleidete ihn der Imam mit dem Turban und gab ihm den Namen Hassan.

Hinrik war über dieses Ereigniß sehr froh, er dictirte dem Kadi mit kurzen Worten, daß er Hassan zu seinem Erben ernenne, und bat ihn, Ibrahim davon zu benachrichtigen und in seinem Namen zu bitten, daß er demselben die Freiheit gebe und ihn zu seinem Nachfolger mache.

Wie berauscht band der neue Gläubige selbst ein Selam und hing daran ein Palmblatt mit den Worten: »Ich bin jetzt deines Glaubens, nun halte Wort und mache mich glücklich, du Licht meiner Augen.«

In der Nacht nach dem Uebertritt starb Hinrik und wurde nach der Sitte des Landes schon am andern Tage begraben, wobei der Sarg im Lauftritt nach dem Kirchhofe von Zuwan getragen wurde. Der Erbe verfehlte nicht, ein Denkmal mit dem Turban zu bestellen.

Als Hassan vom Begräbnisse zurückkam, wurde er aufgefordert, vor Ibrahim zu erscheinen. Dieser erklärte ihn für frei und nahm ihn als Obergärtner für 500 Piaster in seine Dienste.

In der Nachlassenschaft des Gartenaufsehers befand sich eine schwarze Sklavin, welche die Küche besorgte und schon seit dem Tode von Hinrik's Frau dem Haushalte vorgestanden hatte; sie übergab dem Erben die Schätze ihres Herrn, die Juwelen und Perlen ihrer frühern Herrin, den Schlüssel zu einer Truhe mit 30000 Piastern, Seidenstoffen und Kaschmir.

Am dritten Tage nach der Beerdigung erschien gegen Abend Fatime mit einem Schreiben Mirza's:

 
»Wonne meiner Seele, geliebter Hassan!

Mein Vater will nicht, daß ich mich vor meinem vierzehnten Jahre verheirate, weil er den Tod der Mutter ihrem zu jugendlichen Alter zuschreibt. Damit Du aber nicht einsam bist, sende ich Dir meine Sklavin Fatime, meine Schwester und Freundin, daß sie Dich tröste und liebe. Sie sei Dein, sei Deine Sache. Sie ist treu wie Gold und zärtlich wie eine Taube. Sie wird fürliebnehmen, wenn Du erst mein bist, mit den Brotsamen, die von des Herrn Tische fallen. Sie wird Dich in der Arbeit unterstützen, Dir die Speisen bereiten, die Mosquitos verscheuchen und Deine Träume überwachen. Sie wird mir Gelegenheit geben, Dich dann und wann zu sehen. Sie wird Dir die Nargileh (Wasserpfeife) anzünden, Marara bereiten, Kaffee sieden, Dir die Tänze ihrer Heimat vortanzen, ganz Deine Sache sein!«

 

Während Hassan den Brief, der wie immer auf ein Palmblatt geritzt war, las, entschleierte sich Fatime, sie warf ihren Burnus von sich und stand nun da in durchsichtigem weißen Musselinkleide, das in der Taille von einem mit Kaurimuscheln geschmückten Gürtel aus Leder, von welchem lange Stränge auf die bauschigen Beinkleider fielen, zusammengehalten wurde, die Hände auf das Herz gelegt und sie dort zum Zeichen ihrer Hingebung leise bewegend. Als Hassan emporschaute, staunte er – das war eine abyssinische Venus, die vor ihm stand, das Gesicht ein schönes Oval, die braunen Augen, mandelförmig gespalten, drückten die Sanftheit und Zärtlichkeit einer Taube aus, die Nase klein und wohlgestalt, die Lippen fein geschnitten und doch üppig, Zähne so glänzend weiß wie Perlen, eine untadelhafte Büste voll jungfräulicher Rundung, Arme vollkommen schön, kleine Hände und wunderbar kleine Füße, mit bogenförmiger Krümmung des Spannes. Um den zierlichen Knöchel wie um das Handgelenk trug sie einen Ring in Form einer Schlange. Die Farbe ihrer Haut war nicht wohl zu beschreiben, es war nicht die kupferbraune Farbe ihrer Landsleute, es war ein mattes Goldgelb, durch das ein rosiger Schein im Gesicht, an den Armen und Füßen durchschimmerte. Letztere waren von den Knöcheln an, wo die Beinkleider zusammengeschnürt waren, bloß und die kleinen Füßchen steckten in einer Art von rothen Maroquinschuhen, die eben nur die Fußzehen und die äußersten Hacken einnahmen und die schöne Spannung des Fußes zeigten.

Hassan war ganz starr und stumm vor Staunen, er wußte nicht, was er thun, nicht, was er sagen sollte. Endlich stammelte er hervor: »Ich bin nicht würdig, ein so hohes Geschenk von der Königin meines Herzens anzunehmen.«

»Du würdest aber Mirza und ihre Sklavin Fatime auf das tödlichste beleidigen, wolltest du diese erste Liebesgabe verschmähen«, sagte Fatime mit äußerst sanfter Stimme und beinahe flehendem Blick, indem sie zum Zeichen der Ergebung, wie ein um Erbarmen Flehender, die linke Hand an Hassan's Bart legte und mit der rechten Hand seine Rechte umfaßte.

Dieser war im Begriff, diese schöne Hand zu küssen, als Fatime vor ihm auf die Knie sank und ihn flehend anschaute.

So rief er denn seine alte schwarze Sklavin und hieß ihr Fatime ein Gemach anweisen, dann stürzte er aus dem Hause, die Terrassen des Gartens hinunter, dem Naturparke zu.

Das Regenwetter hatte seit acht Tagen aufgehört, und diese acht Tage hatten hingereicht, Gräser und Blüten, Knospen und Blätter in dem Garten wie im Naturparke hervorzuzaubern. Er warf sich unter einen Dattelbaum und starrte zu dem sternfunkelnden Himmelszelte empor; denn es war Abend geworden. In seinem Kopfe wirrte und schwirrte es, sein Blut rann schneller, in seiner Phantasie kämpfte das Bild Fatime's, das er in plastischer Vollendung vor Augen hatte, mit dem Mirza's, welches halb Phantasiebild war, da er eigentlich nur den Augenblitz gesehen hatte. Das Bild seiner ersten Jugendliebe, seiner Karoline, war immer mehr verblaßt, und seitdem er weder ihre kleinen Briefe mit Liebesversicherungen empfing, noch an sie schreiben konnte, war es natürlich, daß er weniger häufig an sie dachte. Seit Wochen hatte er nur an Mirza gedacht und ihr Bild mit allem möglichen Liebreiz geschmückt. Heute trat zwischen dieses Phantasiebild Fatime in voller plastischer Wirklichkeit.

Der Entflammte kannte alle Lehren des Korans, er kannte viel von den Sitten der Araber, die seinen Begierden das Wort redeten, aber er hing auch noch an europäisch-christlichen Anschauungen. Die Bedeutung des Geschenkes seiner Geliebten sah er nur halb, ihm fehlte der Begriff davon, wie arabische Frauen und Mädchen es für eine alberne Prätension halten würden, von einem Manne allein geliebt zu sein. Er hatte bisher nur die äußere Erscheinung vor Augen; der tiefere Grund derselben, daß das arabische Weib durch die Sitte so tief erniedrigt ist, daß es überall nicht zu dem Gefühle seiner Eigenwürde kommt, wurde ihm erst später klar. Er wußte, daß das Nebeneinandergeliebtwerden für die Frauen des Orients nichts Abstoßendes hat, wie daß es nichts Seltenes war, daß eine rechtmäßige Frau ihrem Manne eine sehr schöne Sklavin schenkt, sei es auch nur, um des Mannes Zuneigung von einer andern Frau oder einem Kebsweibe abzulenken, die sie haßt, oder auf die sie eifersüchtig ist.

Auch der Gedanke, Fatime als seine Sache anzusehen, war ihm ein fremder, er wußte ja nicht, daß dabei zugleich ein Willensact und die Neigung Fatime's selbst thätig gewesen war, daß ihre hingebende Liebe es gewesen, die diesen Ausdruck gefunden. Er ahnte nicht, daß die um ein Jahr ältere und entwickeltere Fatime früher in Liebe zu ihm entbrannt war als Mirza, daß jene es gewesen, welche überall sein erstes Zusammentreffen mit Mirza herbeigeführt und die Liebe dieser erst durch Gespräche und Schilderungen angeflammt hatte, daß sie es gewesen, die dem zarten, noch unentwickelten Kinde die Verse Schanfara's sowol als den Brief dictirt, den sie überbracht hatte.

Der Dattelbaum, unter dem der Maler sich gelagert, war derselbe, den er in dem Vordergrunde seines Paradieses angebracht hatte, als Standort für Adam. Da er aus seinen Träumereien erwachte und sah, unter welchem Baume er eigentlich geruht hatte, sprangen seine Phantasien sofort zu seinem Bilde über und nun kam ihm der Gedanke, daß er ja nun habe, was er so lange gesucht, das Modell zu seiner Eva.

Das erfüllte ihn ganz. Er erhob sich rasch und besah sich die Gegend, wo er war, im Mondscheine, um einen Platz zu finden, wo Eva lagere. Dann eilte er mit schnellen Schritten seiner Wohnung zu, verrichtete das Abendgebet, zu dem der Marabut schon längst aufgerufen hatte, zündete seine Wasserpfeife an und setzte sich auf das platte Dach seines Hauses und phantasirte von seinem Paradiese mit der goldfarbenen Eva darin.

Nur ein Deutscher konnte so träumen und versäumen, das zu thun, was Pflicht und Sitte des Landes von ihm verlangten. Er saß noch in Träumereien, als der Marabut zur Waschung und Morgenandacht in der Wohnung Ibrahim's aufrief.

Als er seine Ceremonien vollendet hatte und in den Hof seiner Wohnung trat, kam die schwarze Sklavin mit betrübter Miene zu ihm und sagte: »Herr, verzeih! hast du deiner Sklavin Fatime und ihrer frühern Herrin, der Tochter Ibrahim's, diesen furchtbaren Schimpf anthun können? Fatime hat die ganze Nacht in Thränen zugebracht und sich ihr Haar heute Morgen statt der Waschung und Salbung mit Asche bestreut.«

Hassan sah die Schwarze verwundert an und frug: »Welchen Schimpf hätte ich dem Mädchen angethan?«

Jetzt aber spiegelte sich aus dem Gesichte der Alten das höchste Erstaunen: »Du hast sie für unwürdig gehalten, dein Lager zu theilen, das ist die größte Schmach, die man einem Weibe anthun kann.«

»Eile mich zu entschuldigen«, sagte Hassan, »Unkenntniß der Sitten hat das verschuldet, und dann habe ich selbst in dieser Nacht kein Lager genommen, ich habe auf dem Dache gesessen und von Fatime geträumt.«

Er selbst eilte aus dem Hause auf die Rosenterrasse, wo er einen Strauß schnitt, der in den glühendsten Worten, welche die Blumensprache hat, die Schöne seiner Liebe versicherte.

Dann sprang er zurück. Fatime war durch die Erzählung der Schwarzen beruhigt und eilte ihm bräutlich geschmückt, doch demüthig entgegen. Aber ihr Auge, das bisher sanft und bescheiden zu Boden gesenkt war, fing an in orientalischer Glut unter den langen schwarzen Augenwimpern hervor zu blenden, als sie den Selam, den Liebe verheißenden, empfing. Sie wollte sich wieder vor ihm niederwerfen. aber Hassan zog sie in seine Arme und drückte einen heißen Kuß auf ihre Lippen, der sie elektrisch durchzuckte und zu einem so schmachtenden Blick entflammte, daß Hassan nicht umhin konnte, den Kuß zu wiederholen.

Dann, als das Mädchen sich seinen Armen entwand, führte er sie zu seinem Gemälde und erklärte ihr, die zum ersten male ein Oelbild voll Erstaunen sah, den Zweck desselben und seine Absicht, auf dem unbemalten Platze den Sündenfall durch Eva's Verschulden darzustellen, die Adam verführt, von dem verbotenen Weizen statt von Gerste Kuskussu zu bereiten oder Brot zu backen. »Mir fehlt das Modell zu einer Eva, willst du mir als Modell dienen, so folge mir«, sagte er.

»Zwar verbietet der Prophet, daß man Lebendiges abbilde«, erwiderte Eva-Fatime, »allein ich bin deine Sklavin, deine Sache, befehle und ich gehorche.«

Der Künstler führte sie die Gartenterrassen herab in den stillen, einsamen Naturpark, in welchem der Morgenthau noch in Gräsern und Blumenkelchen glänzte. Nahe der Dattel war ein kleiner Hag, der, gegenwärtig voll tausend duftiger Veilchen, beinahe eine bläulich-grüne Färbung angenommen hatte. Hier hieß er Fatime sich entkleiden und die Stellung annehmen, die Eva, vor einer Handmühle sitzend, eingenommen haben würde, wenn sie Adam, an den Dattelbaum gelehnt, die Erlaubniß zum Mahlen der verbotenen Frucht abschmeicheln wollte. Unter dem Dattelbaume nahm er selbst seinen Standpunkt, das Skizzenbuch, das mit den Malapparaten von Tunis geschickt war, in der Hand, um mit dem Silberstift die reizende Eva zu skizziren. Diese hatte sich mit der orientalischen Frauen eigenen Koketterie auf die untergeschlagenen Beine gesetzt und lehnte sanft an dem Veilchenhügel, in der einen Hand statt der Weizenähren den Rosenstrauch haltend, mit der andern auf diesen deutend. Sie hielt beide Arme in der reizendsten Rundung, gleichsam bereit, Adam zu umfangen.

Die Schlange fehlte freilich, allein, ob sich Adam nicht doch verführen ließ? Arme Karoline im Paradiese zu Jena, es hätte übermenschliches Verlangen geheißen, diesen erst feucht warmen, schmachtenden, dann immer glühender werdenden Taubenaugen zu widerstehen.

Das Gemälde machte jetzt rasche Fortschritte; gleich nach Sonnenaufgang, ehe noch der Marabut zum ersten Gebet gerufen, saß Hassan an der Staffelei. Hinter dem Veilchenhag erhob sich ein Rosengebüsch, aus dem der Rosenbaum mit den ewig blühenden Büschelrosen sich kennbar hervorhob. Die Schatten einer seitwärts stehenden Palme warfen auf Eva ein von Sonnenstrahlen durchbrochenes Licht; in dem Gesträuche seufzte die Nachtigall, Papagaien und andere Vögel bevölkerten Gebüsch und Bäume. Das Bild Eva's war in wenig Wochen bis auf Hals und Kopf vollendet, wegen des Kopfes war Streit zwischen Herrn und Sklavin, letztere wollte, daß an die Stelle ihres Kopfes der schönere Mirza's genommen werde, während jener der Harmonie wegen, und weil die Realität jetzt bei ihm den Vorzug vor Phantasiegebilden hatte, Fatime's Kopf ausmalen wollte, den er schon skizzirt und untermalt hatte. Aber Fatime hatte bei aller Demuth und Unterwürfigkeit schon eine gewisse Herrschaft sich angemaßt, sie beherrschte Hassan's Seele und Sinne, der gar kein anderes Bild neben ihr haben wollte, während ihr Streben dahin ging, das Bild Mirza's nicht nur, sondern diese liebe Halb- und Milchschwester selbst bald als rechtmäßige Frau ihres Herrn neben sich zu sehen. Sie hatte sich entschieden geweigert, Hassan's rechtmäßige Frau zu werden. »Wozu das?« hatte sie gesagt, »es genügt mir, Gnade vor deinen Augen gefunden zu haben. Wir Frauen im Orient verblühen so rasch wie unsere Rosen, du wirst von selbst lernen, daß Wechsel Reiz hat, und da du nur vier rechtmäßige Frauen haben darfst, so laß mich deine Sklavin sein, die sich begnügt mit den Brosamen von deinem Tische, damit du später, wenn deine Frauen verwelkt sind, eine neue wählen kannst.«

Eines Morgens vor Sonnenaufgang, zur Zeit, da der Weizen reifte, hatte Fatime die Schwester Mirza aus dem väterlichen Harem zu entführen gewußt, sie mit dem Kranze von Weizenähren und Cyanen geschmückt, ihr ein Weizenbüschel in die Hand gegeben, und so überraschte sie den Maler vor der Staffelei, wo sie plötzlich den Burnus vom Kopfe und Gesichte der Verschämten zog.

Das war allerdings ein idealerer Kopf als Fatime's, eine kaum aus dem Grün sich drängende Rosenknospe, während Fatime schon eine von der ersten Sonne aufgeküßte Knospe war. In Fatime's Zügen erschien die reine kindliche Natur mit voller Sinnlichkeit ausgeprägt, das Gesicht Mirza's hingegen war von einem geistigen Hauche durchweht, der, wenn dieses schwarze Auge auch nur halb so zärtlich-schmachtend schauen konnte wie die Augen Fatime's, eine wundervolle Eva geben mußte, eine meerschaumgeborene Venus, wie aus der Hand des Schöpfers. Fatime zog eine der Ottomanen von dem Bassin näher an die Staffelei, flüsterte dann Mirza einige leise Worte ins Ohr, die sie mit dem Purpur der Verlegenheit bekleideten, und machte, indem sie sich an die Ottomane zurücklehnte und die Weizenähren in die Hand nahm, die Stellung, in welcher sie zu Modell gesessen.

Mirza ahmte die Stellung nach sowie auch den verführerisch-schmachtenden Blick. Aber das war nicht das sanfte Schmachten Fatime's, das war ein glühendes Befehlen, es schien mit Flammenschrift aus diesen Augen zu brennen: »Komm in meine Arme, Adam.« Der Meister konnte anfangs keine Hand bewegen, er fühlte sich wie gelähmt unter dem Glühen dieser schwarzen Augen; dann aber, nachdem er sich das Bild Mirza's, wie er glaubte, für tausend Jahre eingeprägt hatte, überfiel ihn eine wahre Malerwuth, und da er dem Modell nicht zumuthen mochte, in dieser Stellung lange zu verharren, hatte er die Grundzüge ihres Kopfes und Halses in kurzer Zeit entworfen. Den Fleischton in dem Rumpfe Eva's hatte er gleich von Beginn nicht in den gelblichen Tinten der Abyssinierin gehalten, sondern in den ihm von Tizian her wohlbekannten Fleischtönen, und der schöne weiße Hals und der kleine Kopf Mirza's paßten zu dem Rumpfe, als wäre das aus Einem Gusse. Nun aber hielt es ihn nicht länger, er warf Pinsel und Palette von sich und stürzte in Mirza's Arme.

Mit der Bemerkung, daß es für Mirza an der Zeit sei, in den väterlichen Harem zurückzukehren, machte Fatime den Zärtlichkeiten, die sie zu freuen schienen, ein Ende. Hassan begann aber seine Thätigkeit als Obergärtner zu hassen, obgleich ihm Fatime getreulich zur Seite stand. Sie hatte die Beaufsichtigung des Obst- und Gemüsebaues übernommen, sie pflückte für den Harem wie für den Geliebten die Früchte, im Frühjahre die schönen Kirschen, jetzt die Aprikosen und Orangen, während die schwarze Sklavin das Schlachten, Brüten, Schmoren, Rösten und Brotbacken versah. Fatime bot dem Geliebten die feinsten Gemüse und legte ihm mit ihren zarten Fingern die Fleischspeisen vor, sie bewachte mit einem Pfauenschweifwedel seine Siesta, sie sorgte dafür, daß Mirza jeden Tag ihre Selams erhielt. Wenn nach dem Abendgebete Hassan auf dem Dache seine Wasserpfeife rauchte, dann gewährte ihm die im Bassin auf dem Hofe im Wasser plätschernde Dienerin das Bild der badenden Susanna.

Als die Regenzeit nahte, war das Paradies vollendet, Mirza hatte zu dem Kopfbilde noch zweimal gesessen.

Man war übereingekommen, daß Hassan sein Dienstverhältniß zu Ibrahim kündigen, denselben aber zugleich angehen solle, ihm das Haus, das er jetzt bewohne, nebst einem Theile der Gartenterrassen zum Eigenthum zu übergeben, gegen einen zu bestimmenden Kaufpreis und die Verpflichtung, noch fünf Jahre freiwillig die Oberaufsicht über die Gärten zu führen. Wenn Ibrahim dies gewährt habe, sollte das Bild, zu welchem ein entsprechender Goldrahmen schon im Frühjahre in Tunis bestellt und von Frankreich oder Italien herübergeschafft war, als Heirathsgabe angeboten werden, dem freien, nicht dienstbaren Hellung Mirza zur Frau zu geben.

Ibrahim, der nie im Leben ein Oelgemälde gesehen hatte, sollte überrascht werden, und gegen etwaige Bedenken des Muselman wollte der Maler die Nothlüge machen, daß er in seiner christlichen Zeit das Bild noch gemalt und daß die Züge Mirza's sich ihm eingeprägt, als er einmal durch die Gnade Allah's, der den Schleier vor Mirza's Gesicht durch einen Dorn habe festhalten lassen, deren Antlitz geschaut.

Der Handelsmann der Herbstkaravane, die vom Meere nach dem Süden zog, brachte dann auch den gewünschten Rahmen und die andern nöthigen Requisiten, und nachdem das Bild eingerahmt und mit Firnis überzogen war, mußte sich der Maler eingestehen, das sei das beste Bild, das er je gemalt habe und je wieder malen werde. Daß Adam dem Zuschauer nur das Profil, sonst aber den Rücken zuwendete, war allerdings vielleicht ästhetisch nicht zu rechtfertigen, aber durch die Natur der Sache bedingt und hatte seine tiefern Bezüge, die keinem entgehen konnten, der das Bild mit Verständniß betrachtete. Verglich man ein Bild der altdeutschen Schule, wo Adam und Eva regelmäßig auf beiden Seiten des Apfelbaums stehen, die Schlange sich aber an diesem hinaufwindet, selbst viele der niederländischen und altitalienischen Paradiesbilder mit dieser neuern Schöpfung, so ragte sie durch poetische Auffassung, durch die Schönheit der Eva und die landschaftliche Naturtreue weit über jene empor.

Nachdem das Bild in das gehörige Licht gesetzt war, wurde Ibrahim, der in die Vorschläge Hassan's eingewilligt und diesem seine Wohnung als Eigenthum überlassen hatte, eingeladen, ein Kunstwerk zu schauen, das Hassan noch als Christ geschaffen habe.

Ibrahim war schwer zu bewegen, seine Wohnung zu verlassen, indeß gab er den vielen Bitten seines neugierigen Harems nach und verfügte sich in Begleitung desselben nach der unfernen Wohnung des neuen Glaubensgenossen. Bei dem Verbote der Nachbildung lebender Gegenstände darf es nicht wundernehmen, wenn man in mohammedanischen Landen auch kein Abbild der Natur, von Monumenten und Städten sieht, wenn die Begriffe über bildende Kunst und Malerei fehlen. Ibrahim und sein Harem hatten nie ein Oelgemälde gesehen, und es war erklärlich, daß die ganze Gesellschaft über das, was sie hier erblickte, in Staunen gerieth.

Der Vorwurf brachte es mit sich, daß die Haremswelt, jede Frau in ihrer Einfalt etwas Besonderes für das Schönste an dem Bilde hielt; wenn die eine den Papagai, der irgendeinem Papagai, den sie einmal besessen hatte, so ähnlich sei, wie ein Ei dem andern, die andere den Rosenstrauch hinter dem Veilchenhag am hübschesten fand, die dritte den Adam besonders würdigte, im Verständniß der Situation, indem sie das nicht Sichtbare in ihrer Phantasie ergänzte, wenn eine vierte sich über die im Hintergrunde in den Bäumen spielenden Affen freute; alle Frauen waren aber darin übereinstimmend, die Eva sei häßlich, weil sie viel zu mager sei.

Anderer Meinung war Ibrahim. Er saß auf Kissen vor dem Bilde, er sah nach beinahe vierzehn Jahren zum ersten male wieder die schönste aller Frauen und Mädchen, die er geliebt hatte. Diese Eva war die Mutter seiner Mirza, die Rose von Damaskus. Sie war achtzehn Jahre alt, als sie starb, und die Freude an Weibern war für ihn mit ihr erstorben. Er, sonst so fromm, dachte nicht daran, daß der Koran verbiete, Lebendes zu malen; dies war ja auch keine Nachbildung, dies mußte eine Eingebung Allah's selbst sein, denn der Maler hatte ja die Rose von Damaskus nie gesehen. Daß ihm die Tochter Mirza zum Modell des Kopfes habe dienen können, fiel Ibrahim um so weniger in den Sinn, als er in dieser Tochter immer nur noch das blasse, kränkliche Kind mit seinen unentwickelten eckigen Formen und niedergeschlagenen Augen gesehen hatte.

Nach langem Besinnen sagte er: »Hassan, das Bild muß mein sein, ich zahle dafür zwanzigtausend Piaster, sechs Kamelstuten, zwanzig Schafe und die drei schönsten meiner Sklavinnen.«

Hassan legte zum Zeichen der Hochachtung die geöffnete Rechte auf den Kopf und sagte: »Hoher Gönner, gestatte, daß ich das Bild des Paradieses dir als Hochzeitsgabe zu Füßen lege, um mir dafür das Paradies in den Armen des Lichtes meines Lebens, meiner einzigen Wonne, deiner Tochter Mirza zu erringen.«

Ibrahim sah ihn staunend an, dann blickte er auf das Bild, erhob sich, legte die rechte Hand vor die Stirn und nickte leicht mit dem Kopfe. Er hatte also eingewilligt. Hassan hätte vor Lust aufjauchzen mögen, aber er hielt sich in der Ruhe eines Muselmans, legte den Zeigefinger an die Stirn, zum Zeichen dankbaren Einverständnisses.

»In drei Monden, wenn die Veilchen wieder blühen«, sagte Ibrahim, »kannst du Mirza zur Ehefrau holen, bis dahin werde ich dir einen Harem auf die Rosenterrasse bauen. Drei Sklavinnen, die ich dir sende, mögen dich bis dahin trösten.«

Beim Eintritt der Regenzeit gebar Fatime einen Knaben, der den Namen Ibrahim erhielt, die drei Sklavinnen, die Ibrahim Hassan geschenkt, bedienten sie; der einen von ihnen, einer Christin von Chios, hatte Hassan zwar die Freiheit geschenkt, aber sie weigerte sich, von dieser Freiheit Gebrauch zu machen.

Ein kundiger Baumeister von Zuwan baute in kurzer Zeit nach den Plänen Ibrahim's einen kleinen, aber prächtig eingerichteten Harem, und als die Zeit der Maien in unserm Sinne kam, als alle Knospen sprangen, da wurde vom Montage bis zum Donnerstage Hochzeit gefeiert im Hause Ibrahim's. Der Imam hatte die Vertragsbedingungen ausschrieben, die Braut brachte dem Manne einiges übliche Hausgeräth zu, darunter die niemals fehlende Handmühle und den Schmuck der Mutter an Perlen, Diamanten und Rubinen, deren Gewicht nach Unzen und Metikals genau angegeben war. Donnerstag abends, als die Sonne untergegangen und die Venus hellglänzend im Westen aufgegangen war, begleitete man das junge Paar zur Vollziehung der Ehe in den neuen Harem; der Imam ging voran und sang: »Kommt zur geheiligten Nacht, in welcher der Prophet empfangen«, und die Sklavinnen der Gattin wiederholten im Chor unter Anschlagen von Cymbeln: »Kommt zur heiligen Nacht!«

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