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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Sechstes Kapitel.
Ein Stück amerikanisches Leben.

Zwei stattliche Männer standen sich am Morgen des 11. Juli 1804 bei Weehawken auf Neujersey gegenüber, die Pistolen in der Hand; Justus Erich Bollmann gab das Commandowort, zwei Schüsse fielen gleichzeitig, eine hohe, kräftige Mannesgestalt brach zusammen, zu Tode getroffen. Der Unparteiische und Arzt suchte nach der Kugel, sie war durch die Brust gegangen und saß in dem Rückenmarksknochen. Der Getroffene war der Mann, den die Union nach Washington am meisten liebte, der nach ihm das meiste gethan hatte zur Aufrichtung des Bundesstaats, Alexander Hamilton. Was er geschaffen, das zerstören zu wollen beschuldigte man den Mann, der das tödliche Blei in seine Brust geschossen, Aaron Buer, den bisherigen Vicepräsidenten, dem man den Plan der Abreißung des Südwestens von der Union zuschrieb.

Aaron Buer, von den Republikanern nicht wiedergewählt, bewarb sich um die Gunst der Föderalisten und suchte mittels deren Hülfe die Statthalterschaft von Neuyork zu gewinnen. Alexander Hamilton trat seiner Wahl entgegen, er erklärte Buer für einen gefährlichen Menschen, dem man die Zügel der Regierung in einer Stadt wie Neuyork nicht anvertrauen dürfe. Ein Duell war die Folge, und am 12. Juli 1804 schied Hamilton aus dem Leben; Buer, von den Staaten Neuyork und Neujersey des Todtschlags angeklagt, floh nach dem Süden.

Buer, ein Mann von großem juristischen Wissen und Talent, hatte über Justus Erich Bollmann ungemeinen Einfluß gewonnen, und schon damals trugen sich beide mit dem Plane, Mexico den spanischen Dons abzunehmen und ein neues westliches Reich zu gründen. Die Tabacksspeculation der Gebrüder Bollmann war verunglückt, und Justus Erich hatte dabei den größten Theil seines Vermögens verloren. Es war nicht die Schuld der Compagnie, ein eigener Unglücksstern hatte über dem Unternehmen geschwebt. Zunächst war durch die Schuld der bremer und hamburger Rheder, welche nicht genug Fracht für die Schiffe hatten und auf solche warteten, die Abfahrt über die Gebühr verzögert, dann hatten die Schiffe auf der ganzen Hinreise mit widrigen Winden und Stürmen zu kämpfen gehabt, ein Schiff war ganz verschlagen hoch über Schottland hinaus, sodaß, als dieselben in Neuyork anlangten, speculative Yankees schon eine Menge Schiffe mit Taback und Colonialwaaren nach Bremen und Hamburg abgeschickt hatten.

Unglücklicher noch war die Rückfahrt nach Europa. Ein Schiff war mit Mann und Maus auf dem Meere untergegangen, und versichert war nichts, das zweite machte Havarie bei der Einfahrt in die Weser und brachte nur seegetränkte Tabacke, das dritte kam so spät, daß der Markt schon überfüllt und der Vortheil sehr gering war. Die Gebrüder Bollmann hatten sich infolge dieses Unfalls getrennt. Von dem Vermögen, das Karl Haus in die Speculation gesteckt hatte, war etwa ein Drittel gerettet. Während Friedrich Bollmann die alten Wege fortwandelte, unabgeschreckt durch den Unfall, neue Spekulationen unternahm, war Justus Erich im Auftrage Buer's und unterstützt mit seinen Mitteln in den Südwesten Nordamerikas vorgedrungen, über den Mississippi nach Texas hinein bis an die Grenze von Mexico und hatte überall Verbindungen angeknüpft.

Nach seiner Rückkehr war aber das erste, dem er sich widmete, der Ausbau von zwei Hohöfen auf den für Karl Haus bei Pittsburg angekauften Grundbesitzungen. Er hatte nämlich die Reise für Buer nur unter der Bedingung unternommen, daß dieser nach einem von ihm entworfenen Plane eine Actiengesellschaft zur Ausbeutung der Eisensteingruben zusammenbrächte. Dies war Buer bei seinen großen Verbindungen und der Wahrscheinlichkeit eines rentabeln Geschäfts leicht gelungen. Nach dem Uebereinkommen blieb Karl Haus Eigentümer der Gruben, hatte aber für einen Zeitraum von hundert Jahren die Erze umsonst zu liefern, wofür er die Hälfte der auszugebenden Actien bekam. Man wollte Holzeisen hütten, und da fand sich für Haus wieder die vortheilhafteste Gelegenheit, seine Waldungen, welche die nächsten waren, zu verwerthen. Justus Erich betrieb die Sache wie seine eigene, denn er glaubte sich verpflichtet, das, was Karl Haus durch die verunglückte Tabacksspeculation verloren, diesem auf andere Art zu ersetzen. Er selbst hatte einen so großen Glauben an das Unternehmen, daß er den Rest seines Vermögens in Actien desselben anlegte; zum Director der Gesellschaft gewählt, förderte er nun den Betrieb des Baues der Hohöfen, die Einrichtung einer Eisengießerei und Nagelschmiede mit aller ihm innewohnenden Energie.

Kaum war der erste Hohofen angesteckt und hatte ein so reines schönes Holzeisen geliefert, wie man es bis dahin noch nicht kannte, kaum war die Eisengießerei und die Nagelschmiede in Gang gekommen, als die Actien um das Doppelte stiegen.

Als Karl mit seiner Olga in Amerika ankam, war schon der zweite Hohofen angesteckt, eine zweite und dritte Nagelschmiede errichtet, die Actien waren auf das Dreifache ihres Emissionswerthes gestiegen, und es war Aussicht vorhanden, daß sie noch höher steigen würden, wenn sich verwirklichte, was Bollmann als unzweifelhaft darstellte, nämlich ein Gebläswerk, das durch eine Dampfmaschine betrieben würde, statt der unförmlichen Blasebälge, deren man sich bisjetzt bediente, einzurichten. Justus Erich hatte die Bekanntschaft eines Malers gemacht, der später in England und Frankreich sich mit Mechanik beschäftigt und schon in Paris eine Erfindung veröffentlicht hatte, welche die Welt umzugestalten bestimmt war, ohne jedoch bisjetzt Anerkennung, weder in Frankreich, England noch in seinem eigenen Vaterlande gefunden zu haben. Dieser Mann war Robert Fulton, welcher damals unter seinen Landsleuten den Versuch machte, durch Anwendung des Dampfes als Bewegungsmittel für Schiffe die Vorurtheile Europas gegen seine Erfindung zu beseitigen.

Es wurde ein dritter Hohofen gebaut, zu welchem Robert Fulton ein großes Gebläswerk, durch eine Dampfmaschine betrieben, baute.

Karl's oder eigentlich Olga's Vermögen hatte sich bis Ende des Jahres 1806, trotz der Verluste bei der bremischen Speculation, schon verdreifacht. Er hatte sich auf seiner Besitzung, da wo das Bottomland durch seinen Landsmann urbar gemacht war, eine prächtige Villa im italienischen Stil erbaut und lebte hier, um unter dem Hoyaer, den er zu seinem Gutsinspector gemacht hatte, Ackerbau zu lernen und den Fortgang des Hüttenwesens zu beobachten, und zugleich von diesem Betriebe sich Begriffe und Uebersicht zu verschaffen.

Justus Erich Bollmann hatte aber nur Energie für Dinge, die im Werden begriffen waren; sobald ein Werk vollendet war, sobald es anfing, Nutzen zu bringen und Procente abzuwerfen, wurde es ihm gleichgültig. Kaum war Karl ein Jahr in Pittsburg, das sich schon zu einer Stadt von nahe an 10000 Einwohnern emporgeschwungen hatte, als Justus die Directorschaft der Hütte niederlegte.

Während Frau und Kinder in Pittsburg blieben, zog er selbst, einer Anweisung Buer's gemäß, abermals nach Westen und kaufte dort am Washitaflusse für Buer 400000 Acres Land um wenig Geld.

Das Land war fruchtbar und gesund zwischen Red-River und Washita, aber hinter Arkansas und Indian-Tery, im Westen von Neumexico; es hatten noch wenige weiße Leute ihren Fuß hierher gesetzt, aber im Süden streiften die Beduinen der Ebene, das wilde Reitervolk der Comanches, und im Norden, von den Ufern der verschiedenartigen Arme des Canadian her, drangen die Stämme der Chocktows, der Seminoles über den Red-River herüber, sehr unbequeme Nachbarn das, wenn auch weniger wild und räuberisch als damals die Comanches. Das Washitafort existirte aber noch nicht. Bollmann, der auf seinen Wanderungen bis an die Felsgebirge im Westen vorgedrungen war, faßte alle Dinge von der großartigen Zukunftsseite auf, er phantasirte von einer Verbindung mit dem Stillen Ocean und wollte alle Länder jenseit der Felsgebirge, von denen er behauptete, daß mehr Gold da zu finden sein müsse, als Cortez in Mexico gefunden habe, als Hinterländer der Union annectiren. Das Einzige, was ihm dazu fehlte, waren Menschen. Buer war praktischer, er wollte dem Westen auch ein Hinterland schaffen, ein Hinterland aber im Süden, an der Mündung des Mississippi, des Vaters aller Flüsse.

Der Ankauf der Ländereien war ihm theils Vorwand, um Freibeuter in jene Gegenden zu ziehen, welche er später auf dem Red-River hinunter nach Louisiana schaffen könnte; sodann aber hatte er wirklich Ländereien, von denen er jedem Theilnehmer an seinem Zuge 100 oder 200 Acres als Prämie versprechen konnte.

Obwol Jefferson's Präsidentschaft als ein Musterbild demokratischen Regiments für alle Zeiten dastehen wird und ihm das Verdienst gebührt, das Wesen der Demokratie mit ihrer ungeheuern befruchtenden Kraft besser begriffen zu haben als jemand vor ihm, obwol er die Schleusen und Dämme öffnete, in welche die Hamiltons und Adams das Volk nach englisch-aristokratischer Weise einzupferchen suchten, hatte er doch eine große Menge Feinde. Namentlich war es die Presse, die ihn nach allen Seiten angriff. »Das Kreuzfeuer der Presse ist von allen Seiten gegen uns gerichtet gewesen«, sagte er in seiner zweiten Botschaft, »voll von tausend Lügen und Verleumdungen, welche Selbstsucht und berechnete Bosheit nur immer erfinden konnten.«

Dennoch ließ er keins dieser Journale wegen solcher Lügen und Verleumdungen je verfolgen, er hielt dafür, daß die Wahrheit für sich allein, wenn ihr nur die unbedingte Freiheit der Bewegung verstattet würde, ohne jeden äußerlichen Schutz, aus allen Kämpfen siegreich hervorgehen werde. Und daß Jefferson aufs neue als Präsident aus der Wahlurne hervorgegangen war, bestätigte diesen Satz. Karl Haus hatten zwei Dinge mit der Regierung Jefferson's ausgesöhnt, einmal daß dieser in seiner Botschaft aussprach: »Können alle Parteien sich unbeschränktes Gehör verschaffen, so wird das öffentliche Urtheil über die falschen Ansichten und Erfindungen zu Gericht sitzen, eine andere Scheidelinie zwischen der unschätzbaren Preßfreiheit und deren Misbräuchen ist unmöglich; die öffentliche Meinung allein ist zur Censur berechtigt« – sodann aber, daß er offen aussprach und nach Kräften bethätigte, die Sklaverei sei der Fluch der Union, sie sei die Grundlage alles Verderbnisses. – Dieser letzte Punkt machte Jefferson gerade seine bisherigen Freunde zu Feinden. und als am 2. März 1807 der Congreß im Widerspruche mit den südlichen Sklavenhaltern beschloß, daß mit dem 1. Januar 1808 die Einfuhr fremder Sklaven aus Afrika oder andern Ländern unbedingt verboten sein solle, da drohte schon ein früherer Freund Jefferson's, der heißspornige Virginier John Randolph von Roanocke, mit der Trennung der Südstaaten.

Unzufrieden waren aber nicht nur die Sklavenbarone des Südens, unzufrieden war auch eine große Anzahl Marineoffiziere, unter andern die Decaturs, weil sie sich und die Flotte von Jefferson vernachlässige und zurückgesetzt glaubten.

Der Kreis, mit welchem die beiden Freunde zunächst Verbindungen anknüpften, war: Blennerhassel, Swartwout, Dayton, Tyler, Floyd, lauter Männer von Ansehen und Reichthum.

Mau wollte Louisiana und womöglich Mexico erobern. Ob man an eine neue südwestliche Union, mit der Hauptstadt Neuorleans, oder sogar an ein Kaiserreich Mexico mit Texas, Florida dachte, an das sich der Südwesten der Union anschlösse, wird dem Geschichtsforscher unermittelt bleiben.

Während Bollmann sich auf der nach dem Eigenthümer genannten Blennerhassel-Insel im Ohio, dem Paradiese Nordamerikas, aufhielt, um den Bau von funfzehn Fahrzeugen, halb Flachboote, halb Kanonenboote, zu überwachen, welche am Muslingum, einem Nebenflusse des Ohio, gebaut wurden, und die »Ohio-Gazette« mit Artikeln zu versehen, welche allerdings das Thema einer Trennung der nördlich-östlichen von den südlich-westlichen Staaten erörterte, weil die Interessen beider zu ungleichartig seien, durchstreifte Aaron Buer zu Fuß viele hundert Meilen, die damaligen Territorien Kentucky, Ohio, Tennessee, Indiana, Mississippi, Arkansas, überall einflußreiche Leute für den Plan zu gewinnen, das Hinterland Louisiana zu erobern. Er fand namentlich in Frankfort in Kentucky viele Freunde und Anhänger, aber auch Feinde. Der Districtsanwalt in Kentucky, Joseph H. Davieß, zeigte dem Präsidenten an, daß Buer eine gesetzwidrige Expedition gegen Mexico und die westlichen Staaten unternehmen wolle. Die Anklage war indessen nicht gehörig begründet und wurde abgewiesen. Nun aber verlangte Buer selbst, daß die eingebrachten Beschuldigungen einer Grand Jury vorgelegt würden. Henry Clay vertheidigte ihn, und er wurde ehrenvoll freigesprochen.

Nach diesen Erfolgen reiste er nun im Triumphzuge nach Tennessee, wurde in Nashville und andern Orten beinahe vergöttert. Er fing an, auf dem Cumberland Schiffe bauen zu lassen und war so unvorsichtig, einem alten Freunde, dem General Wilkinson, der unten an der Grenze von Louisiana und Texas am Red-River stand, und auf dessen Beihülfe er rechnen zu dürfen glaubte, eine Botschaft zweifelhaften Sinnes zu erlassen: »Die Götter laden zu Ruhm und Glück ein.«

Dieser Freund denuncirte abermals ein staatsverrätherisches Complot zur Eroberung des Südwestens und Lostrennung von der Republik, und Jefferson, der Buer zugleich haßte und fürchtete, erließ sofort Befehl zur Verhaftung aller Verschworenen, wie man sie nannte. Das Kriegsgesetz wurde erklärt und Swartwout, Bollmann, Oyden, Adams von Wilkinson verhaftet und nach Washington City gesendet. In Columbia des Hochverraths angeklagt, wurden sämmtliche Gefangene auf Grund der Habeas-Corpus-Acte und der Incompetenz des Gerichts in Freiheit gesetzt. Buer war den Mississippi hinab nach Fort Massac, der jetzigen Stadt Memphis, geflohen. Gouverneur Mead rüstete 400 Milizen aus, um ihn zu fangen und die Belohnung von 2000 Dollars, die auf seinen Kopf gesetzt war, zu verdienen. Buer floh, als Bootsmann verkleidet, nach Arkansas, wo er am 17. Februar 1807 bei Port Stoddart in einer unbebauten urwaldlichen Gegend gefangen genommen und zu Fuß auf mühevoll zu findenden und erst zu eröffnenden Wegen, durch unbebaute Gegenden und unwegsamen Urwald über tausend englische Meilen weit nach Washington geschleppt wurde, um dann in Richmond vor die Geschworenen gestellt zu werden. Hier begannen aber für Buer neue Triumphe. Das Gefängniß, welches ihn einschloß, lag in der Vorstadt, allein es war kein Gefängniß, sondern ein Salon, in dem sich alle Notabilitäten aus dem Süden Rendezvous gaben, es wurden ihm die köstlichsten Speisen und Weine zugeschickt, mau soupirte und dinirte auf das üppigste in den Zimmern des Gefangenen. Obmann der Geschworenen war John Randolph von Roanocke, mit Jefferson zerfallen, der eifrigste Beförderer der Sklavenhalter; Ankläger Georg Hay. Die Beweisaufnahme nahm 26 Tage in Anspruch, und das Plaidoyer der Anklage wie die Vertheidigung wurde das Berühmteste, was bis dahin vor nordamerikanischen Gerichten vorgekommen war

Vertheidiger des Beschuldigten waren Edmund Randolph, John Wickham, Luther Martin, der bekannte Föderalist, Joh. Bäcker, Charles Lee; aber er selbst übertraf alle. Die Anklage stand auch auf den schwächsten Füßen, denn wenn auf der Insel Blennerhassel's Krieg gegen die Union complotirt war, so stand fest, daß Buer selbst nie einen Fuß weder in die wasserumrauschten Laubgänge jener Insel noch in den Palast derselben gethan hatte.

Bollmann wurde als sogenannter Königszeuge gegen seinen Genossen vorgeführt, ihm war die Versicherung der Straflosigkeit für all sein Thun zugesichert, allein er verweigerte, als angeblich Mitschuldiger, jede Zeugnißablage.

So war es gekommen, daß unser unternehmender Freund, der über vier Jahre den pittsburger Eisenwerken seine ganzen Kräfte gewidmet, dem eine sichere Existenz, eine gute Einnahme als Director und Actionär zutheil war, des Neuen, des Größern und, wie er glaubte, Ruhmvollern für die Zukunft wegen, die fernere Leitung derselben abgab. Die Directorschaft fiel dem Eigentümer des Grund und Bodens, Karl Haus, der ja die Hälfte der Actien innehatte, zu. Die Geschäfte waren einfacher Natur und erforderten weniger technische Kenntnisse als Accuratesse und gute Buchführung. In der Eisengießerei wurde nichts gegossen als zweierlei Pflüge, deutsche und amerikanische, aber nach beiden Artikeln war die Nachfrage so groß, daß die Gießerei nicht genug schaffen konnte. Noch größer war die Nachfrage nach Nägeln, denn zu allen südlich und westlich gebauten Blockhäusern waren hier Nägel am leichtesten und wohlfeilsten zu beziehen, und der Ohio und seine Nebenflüsse boten die gelegensten Transportstraßen. Pittsburg selbst baute sich von Jahr zu Jahr mehr auf, und bald reichten die Häuser der Stadt bis zu den Hüttenwerken selbst. So hatte Karl reichliche Beschäftigung, die ihn nach und nach zu interessiren anfing; sein Vermögen mehrte sich und dies gab ihm, der nun schon amerikanischer Bürger geworden, täglich größeres Ansehen bei der Ortsgenossenschaft.

Wie aber war es mit Olga? Wir haben sie bei der Frühgeburt eines Kindes verlassen, als das Schiff Decatur's von den Korsaren genommen wurde.

Olga's auf dem amerikanischen Schiffe geborener Knabe war noch gestorben, ehe man Tripolis erreicht hatte. Man landete aber nicht hier, sondern in Sobart oder Alttripolis, wo der Bei einen Interimsharem hatte, in dem die geraubten Weiber bis zur Auslösung oder zum Verkauf gefangen gehalten wurden, denn in Tripolis selbst lebten immer einige christliche Consuln, und so sehr sich Engländer und Franzosen, diese und Amerikaner immer auch befeinden mochten, wenn diese Consuln hörten, daß von einer ihrer Nationen ein Mann oder eine Frau von Korsaren eingebracht sei, so ruhten und rasteten sie nicht eher, als bis sie deren Freiheit, sei es durch Vorstellungen bei dem Bei, sei es durch Loskaufung, ermöglicht hatten.

An dem Fuße eines Hügels, an welchem ein Fluß dem Meere zuströmte, stand ein großes einstöckiges Haus mit weitläufigem von einer hohen weißen Mauer eingeschlossenem Garten.

Vor dem Hause befand sich eine Art Halle, welche an jeder Seite marmorne Bänke hatte, und von welcher eine Treppe in das große Zimmer führte, Gelphor genannt, das sonst in gewöhnlichen Häusern als Zimmer des Herrn allen Weibern unzugänglich ist und sich dadurch auszeichnet, daß es im ganzen Hause die einzigen Fenster besitzt, und zwar Fenster nach der Straße. Hinter der Halle befand sich der Hof, ein großer viereckiger, nach allen Seiten von den Gebäuden eingeschlossener Raum mit Quarrés von weißem und schwarzem Marmor. An drei Seiten lief ein von Säulen getragener Gang, über welchen sich vor dem ersten Stock her eine Galerie zog. Von dieser Galerie sowie von dem Säulengange aus führten Thüren zu den einzelnen in keiner Verbindung miteinander stehenden Gemächern der untern und obern Etage. Diese Gemächer hatten nach außen keine Fenster, sondern nur sehr kleine nach innen, und diese Fenster waren nicht mit Glas, sondern nur mit hölzernen Jalousien versehen, zierlich geschnitzt, die nur sehr wenig Licht und gar keine Sonne einließen.

Das Dach war auf dem ganzen Viereck von Gebäuden platt und mit einer etwa einen Fuß hohen Lehne umgeben, um das Herabfallen zu hindern; man schlürfte von dort abends Seeluft und die Mohammedaner verrichteten bei Sonnenuntergang ihr Gebet, sobald der Marabut dieses ankündigte.

Die junge Frau lag seit ihrer Niederkunft krank, sie fieberte und phantasirte, man mußte sie in einer Hängematte in das Boot herablassen, und in dieser trugen vier Matrosen sie nach dem eben beschriebenen Gebäude. Da dieses zur Zeit außer der Dienerschaft keine Bewohner hatte – es waren die letzten dort verpflegten Christensklaven soeben nach Konstantinopel an den Harem des Sultans und auf den Sklavenmarkt geschickt, und da, außer einem alten Hadschi, dem Privatsecretär des Beis, der statt einer Pension hier das Gnadenbrot als Aufseher aß, Männer zu dem Gebäude keinen Zutritt hatten, so wurde die kranke Olga in das Männergemach, das Gelphor, gebracht, während der Ehefrau Decatur's mit ihrem Sohne und der Dido der Hofraum und ein Gemach unter der Galerie zum Aufenthalt angewiesen wurden. Neben Eleonore war auch Nero in das Gemach gefolgt, wohin Olga getragen war, er that ganz, als gehöre er dazu, er hatte den Haremswächter mit so zornigen Augen angeschaut und unter Zähneweisen so bös angeknurrt, daß dieser dem Hunde nicht zu wehren wagte.

Der mitleidige Korsarenkapitän hatte den Frauen ihre Habseligkeiten gelassen, es wurden ihnen dieselben nachgebracht, darunter waren einige englische Bücher, namentlich Shakspeare's Werke, welche der Decatur zu eigen gehörten, und einige Werke deutscher Dichter, Geschenke Karl's an seine Geliebte, welche diese nie von sich ließ.

Unter der Pflege ihrer sorgsamen Dienerin genas Olga bald und brachte den größern Theil des Tages bei der Frau Decatur im Hofe zu. Als der Sommer sich näherte und die Hitze auch im Hofraum zunahm, erbaute der Hadschi auf diesem ein Zelt, in welchem auf Teppichen und Kissen die Gesellschaft vom Morgen bis zum Abend zubrachte. Zu Promenaden in dem Garten war selten Erlaubniß ertheilt, auch fand sich da wenig Schatten, da nur am Ende des Hügels dem Flusse zu einige Silberpappeln und Rüstern nebst Oliven und Feigenbäumen angepflanzt waren, der größere Theil des Gartens aber zur Zucht von Wassermelonen bestimmt war. Hier mußte Cäsar mit den andern Schwarzen Wasser aus dem Flusse schleppen, aus denen die Bewässerung geschah.

Das einzig Erträgliche bei diesem Leben waren die Abende auf dem platten Dache. Nach Norden das blaue Meer, in welchem die goldenen Sterne funkelten, wenn die Sonne untergegangen war, mit seinen kühlenden Seewinden, nach Süden der Fluß, auf beinahe eine Viertelstunde breit an beiden Ufern durch eine rothe Einfassung von Millionen von Oleanderblüten berändert. Rechts öde Sandgegenden, links ein weiter Hügel mit einer Unzahl von Ruinen und einzelnen bewohnten Gebäuden, den Ort Sobart bildend.

Hier oben auf dem flachen Dache zu sitzen, in die Sterne zu sehen oder auf das Meer, von Karl zu träumen, das waren die einzig glücklichen Stunden für Olga. Am Tage suchte sie zwar Zeitvertreib, indem sie sich viel mit Bob beschäftigte, ihn und seine Mutter die deutsche Sprache lehrte, zuweilen sich auch von Eleonore aus Shakspeare vorlesen ließ. Aber es waren furchtbar langweilige Tage, Wochen und Monate, die sie hier zubrachte. Die tägliche Speise war Kuskussu und Lammfleisch, und Lammfleisch und Kuskussu, nur die Wassermelonen mit ihrem Saftreichthume, dem aromatischen rothen Fleische und ihrer eisigen Kälte, zu Zeiten auch frische schöne Gemüse und kostbare Früchte gaben eine erwünschte Abwechselung.

Warum die Frauen hier so lange gehalten wurden, haben diese nie erfahren; wir vermuthen, die Ursache der Verzögerung war keine andere, als daß sie für den Sklavenmarkt oder Harem des Sultans nicht fett genug werden wollten, vielleicht fürchtete man auch die im Mittelmeere kreuzenden amerikanischen Fregatten und Corvetten.

Aus Wochen wurden Monate, aus diesem Jahre. Im dritten Jahre brachte man unsere Gefangenen nach Marabad, wo der Bei einen ähnlichen Harem hatte. Ehe sie die Reise antraten, wurden ihnen indeß tripolitanische Kleider gebracht und ihnen befohlen, sich der europäischen Kleidung zu entledigen. Eleonore hatte zugleich, nachdem Olga sich von ihrer Krankheit erholt hatte, das in die Unterkleider versteckte Geschmeide aus seinem Gefängnisse befreit und theils unter dem reichen Flechtenschmucke von Olga's Haar, theils unter dem eigenen verborgen. Auf einem kleinen Küstenfahrzeuge segelte man immer angesichts der Küste vor Tripolis vorüber in die Bucht von Kefels, wo man landete. Das Gebäude, in welchem die Gefangenen hier untergebracht wurden, war dem, welches sie verlassen hatten, sehr ähnlich, nur größer. Dagegen fiel die Auszeichnung, die Olga in Alttripolis empfangen, indem sie während der ganzen Zeit das Herrengemach mit Eleonore und Nero bewohnte, hier weg. Ohne Unterschied wurden hier die Gefangenen in den Hofraum gebracht, wo schon zwölf Unglücksgefährtinnen ihrer harrten. Nero wurde in eins der Gemächer hinter dem Säulengange gesperrt, allein es wurde Olga gestattet, ihn zu besuchen und ihm seine Nahrung, namentlich frisches Wasser zu bringen. Vielleicht glaubte man, in der Stadt der Hunde Nero für einen bessern Preis verkaufen zu können, als ein paar häßliche alte Neger, wie Cäsar mit seiner Dido waren.

Nach einigen unerquicklichen Wochen Aufenthalts wurden die gesammten in Marabad eingeschlossenen Gefangenen auf jenes Schiff gebracht, das, wie wir sahen, mastlos und seeuntüchtig von der Enterprise genommen wurde. Die Frauen, nach so langer in Angst und Sehnsucht zugebrachter Gefangenschaft, athmeten wieder die Lebensluft der Freiheit und der Hoffnung. Das Schiff, welches sie ihren Räubern entrissen hatte, kam denn auch gegen Weihnachten im Hafen von Neuyork an. Olga und Eleonore fanden bei der Frau Justus Erich Bollmann's, die ihren Wohnsitz noch in Philadelphia hatte, freundliche Aufnahme und im Januar 1805 machten sie Hochzeit.

Da die Dinge in Pittsburg noch nicht vollständig geordnet waren, namentlich da es an einer Wohnung für das junge Ehepaar fehlte, blieben diese bis zum Frühjahre des nächsten Jahres in der Quäkerstadt.

Hier war das erste, was Olga that, daß sie ihrer Mutter das Document schickte, dessen wir oben erwähnt haben, sowie eine beglaubigte Abschrift durch die französische Gesandtschaft an die unter französischer Occupation seufzende Heimatsbehörde.

Die junge Frau litt, wie sehr sie das auch vor Karl zu verheimlichen suchte, an einer Art von Heimweh, namentlich hatte sie eine unendliche Sehnsucht nach der lieben Schwester Heloise, von der sie nun schon über zehn Jahre getrennt war. Sie schrieb an diese einen langen Brief, den sie dem Schreiben an die Mutter beilegte. Karl schickte sämmtliche Briefschaften durch die englische Gesandtschaft an seinen Gönner, den Geheimen Cabinetsrath Best in London, zur Weiterbeförderung nach Heustedt, denn dieser Weg schien ihm sicherer, als sie französischen Posten anzuvertrauen, da diese keinen Brief uneröffnet ließen.

Olga betrachtete Eleonore schon seit Jahren nicht mehr als Dienerin, sondern als Freundin und Schwester; dieses vertraute Verhältniß hatte sich während der Gefangenschaft in Tripolis zu einer Innigkeit gestaltet, die nicht größer sein konnte; beide hatten sich ganz ineinandergelebt und thaten einander zu Liebe, was sie sich an den Augen absehen konnten. Nur in Einem Punkte harmonirten sie nicht, das waren die religiösen Anschauungen. Die Engländerin, hochkirchlich erzogen, hing an allen Aeußerlichkeiten der Kirche und des orthodoxen Glaubens, die Deutsche stand auf deistischem Standpunkte. Sie glaubte an Gott, an Unsterblichkeit, war auf das innigste durchdrungen von der durch Christus gepredigten Bruderliebe, aber sie glaubte nicht an die Göttlichkeit Christi, nicht an die spitzfindige alexandrinische Dreieinigkeit und hielt alle Erzählungen von Wunderthaten, die keinen Zweck des menschenfreundlichen Wohlthuns erkennen ließen, für einen Ballast und ein Hinderniß des echt christlichen Glaubens. Sie hatte sich in ihrer Weise eine Religion zusammengelegt, wonach der Gott, an den sie glaubte, ein persönliches Wesen war, das außerhalb der Welt, d. h. dem Endlichen, oder vielmehr über demselben stand, und doch zugleich die Welt allwaltend umfaßte, auch das Endliche durch Vollendung und Verklärung zum Göttlichen erhob.

Wenn beide Freundinnen auf dem Dache ihres Gefängnisses bis tief in die Nacht saßen, hatten religiöse Gespräche oder vielmehr Streitigkeiten stattgefunden; die eine an dem Buchstaben der Bibel festhaltend, die andere fern von aller Schriftgläubigkeit, weil die Evangelien Menschenwerk seien, aus viel späterer Zeit als Jesus gelebt, und weil sie sich keinen zweiten oder dritten Gott neben Gott denken könne, an ihren selbst construirten Ueberzeugungen festhaltend. Olga wies Eleonore auf die Frömmigkeit der Araber hin, die sie jeden Abend vom Dache aus auf den Dächern der Stadt beobachten konnten, und pflegte zu wiederholen: der Allah der Mohammedaner ist Eins mit unserm Gott, und wie sein Verkünder Mohammed war, so war Jesus der Verkünder des von Rachegedanken gereinigten Jehovah der Juden, der zu einem Gott der Liebe wurde.

»Eingeborener Sohn Gottes ist mir ein absolut unmöglich zu denkender Gedanke«, pflegte Olga zu sagen, »und es ist unmöglich, den Nutzen eines rätselhaften Symbols einzusehen, wo einfache Worte, ohne Bild und Hülle den Verstand und das Herz zugleich befriedigen können.«

Dann schwieg Eleonore, war aber innerlich erzürnt.

In dem neuen Wohnorte Pittsburg angekommen, suchte letztere gleichsam nachzuholen, was sie in Tripolis hatte versäumen müssen, sie besuchte regelmäßig den Gottesdienst in einer deutschen Kirche und zog auch Olga öfter dahin, als es dem Gatten lieb war. Ja, bald wußte es Eleonore einzurichten, daß der deutsche Prediger zu den Gesellschaften des Hauses zugezogen wurde. Olga war halb willig, halb widerwillig gezwungen worden, ein Haus zu machen, wie man es nennt. Sie war schon als geborene Gräfin, dann wegen ihrer Gefangenschaft in Tripolis zu einer Löwin für Pittsburg geworden, aus allen Schichten der Gesellschaft drängte man sich an sie und schien sie für das, was sie in der Einsamkeit erduldet, durch Einladungen zu Gesellschaften, Bällen, Pickenicks u. s. w. entschädigen zu wollen. Die Erzählung ihrer Leiden, die Bewunderung, die ihr zutheil wurde, war ihr indeß bald zuwider, und sie überlegte sehr häufig mit Karl, wie sie diese Last los werden könne, ohne ein Mittel zu finden. Merkwürdigerweise schien Eleonore sich in dem Gesellschaftstrubel zu gefallen und suchte alle ihre Talente und Künste, selbst die der Toilette hervor, um in ihren ältern Tagen sich noch bemerklich zu machen. So hatte sie eines Abends, als Olga eine größere Gesellschaft von Herren und Damen bei sich sah, jene Brosche aus dem Schmucke Olga's angelegt, die sie in ihr Haar gerettet und die ihr Olga als Andenken an die mit ihr überstandene schwere Zeit geschenkt hatte.

Wie es kam, ob von Eleonore provocirt, das war nicht zu ermitteln, genug abermals gab die Gefangennehmung und Befreiung den Hauptstoff zu der Unterhaltung, und die Brosche ging nicht allein unter den Damen, sondern auch unter den Herren von Hand zu Hand, um gelobt und bewundert zu werden. Ein Juwelenhändler, der sich in der Gesellschaft befand und neben dem deutschen Prediger saß, klärte diesen beiläufig über den großen Werth der Brosche auf, die in ihrer Mitte einen Diamant vom reinsten Wasser und verhältnißmäßiger Größe trug, und der Werth seiner frommen Beichtschwester schien in dem Herzen des Herrn Schmidt, so hieß der Geistliche, dadurch nicht wenig zu steigen. Wie nun aber Eleonore zum Lobe ihrer gnädigsten Freundin noch erzählte, daß deren Gatte ihr für ihre geringen Verdienste, die ja nur Thaten Gottes seien, trotz aller Abwehr eine lebenslängliche Pension von 300 Dollars ausgesetzt habe, da verjüngte sich Eleonore in Schmidt's Augen um zwanzig Jahre, und wenige Tage nachher hielt er um ihre Hand an und wurde von der verschämten Jungfrau an Olga gewiesen, da Eleonore, wenn diese einwillige, nicht abgeneigt sei, den Wegen der Vorsehung, die sich so augenscheinlich manifestirten, zu folgen.

So schwer für Olga selbst die Trennung wurde, so angenehm war dieselbe für Karl, der von jetzt an seine Gattin erst allein zu besitzen anfing, und dem das Vertrautsein Olga's mit Eleonore namentlich der kirchlichen Richtung wegen zuwider war.

Olga gebar ihrem Gemahl bald nach dieser Trennung von Eleonore einen Sohn, der auf die Namen Victor Justus getauft wurde. An seinem Tauftage war der neue Hohofen Victoria mit dem Dampfgebläse Fulton's angeblasen und letzteres hatte sich vortrefflich bewährt.

Die Fabrikeinrichtungen konnten verdoppelt werden, und da die Maschine kräftig genug war, wurde von den Actionären beschlossen, auch die alten Hohöfen durch Gebläse gleicher Art anzublasen. Das Tauffest ward zur Festlichkeit nicht nur für alle Arbeiter des großen Etablissements, sondern für einen nicht geringen Theil der aus Deutschen bestehenden Einwohner Pittsburgs, die an dem reichen, unternehmenden, glücklichen Dr. Karl Haus bei allem, was sie selbst für sich unternahmen, Rath und That, Hülfe und Unterstützung fanden.

Olga fühlte sich unendlich glücklich, einen gesunden kräftigen Knaben an ihr Herz drücken zu können, ihm selbst Nahrung zu geben, seinen Schlaf zu überwachen und seine Entwickelung zu beobachten. Diese glückliche Stimmung wurde noch erhöht, als endlich ein Brief Heloisens eintraf, der die nahe Ankunft derselben in Begleitung von Georg Baumgarten, dessen junger Frau und dem Schwiegervater von Kitzow ankündigte.

Es zog sich ihre Ankunft indeß von einer Woche zur andern hin, und Madison, der neue Präsident, hatte im November 1809 schon seine erste regelmäßige Jahresbotschaft erstattet, und zwar eine Botschaft, die in das Mark der Union einschnitt; sie verkündete den Bruch mit England, das die von dem englischen Gesandten Erskine geschlossenen Verträge anzuerkennen weigere. Amerika hatte unendlich darunter leiden müssen, daß weder Frankreich noch England die Rechte der Neutralen zur See respectirten, und wie heutzutage im norddeutschen Reichstage, eiferten amerikanische Aegidis im Congreß und in den Zeitungen gegen die täglich verübten Unbilden. Jefferson hatte, um den Krieg zu vermeiden, im December 1807 ein Embargo anordnen lassen, mit Zustimmung des Congresses, welches amerikanischen Schiffen verbot, nach fremden Häfen zu fahren, sowie es allen fremden Schiffen die amerikanischen Häfen verschloß.

Das Embargo vernichtete Handel, Schiffahrt, Marine, die Klagen darüber wurden allgemein und man mußte es 1809 aufheben. An die Stelle desselben trat das Verbot der Handelsverbindungen mit England und Frankreich, oder das Embargo wurde blos in Beziehung auf diese Staaten beibehalten. Die östlichen Staaten mit ihrem regen Handelsverkehre litten unter demselben am meisten, und da in ihnen die Föderalisten das Uebergewicht hatten, so waren es diese, welche eine ungemeine Agitation gegen dasselbe ins Werk setzten. Karl Haus, obgleich er persönlich wie für seine Eisenwerke in Pittsburg vom Embargo Vortheil hatte, denn es verhinderte die Einfuhr englischer Nägel, Pflüge, Eisenprodncte, die bis dahin massenhaft von England geschehen war, arbeitete eifrig gegen dasselbe. Als ihm aber die vertrauliche Mittheilung wurde, daß englische Agenten in Neuyork versprochen hätten, wenn sich die neuenglischen Staaten von der Union trennten, dann würde England sofort alle Handelsbeschränkungen aufheben und den abgefallenen Staaten alle Begünstigungen der eigenen Unterthanen gewähren, und daß ein Theil der angesehenen Parteigenossen, den englischen Einflüsterungen Gehör schenkend, die Secession in Aussicht genommen habe, da erwachte sein patriotisches Gefühl. Er reiste nach Philadelphia, dann nach Neuyork und sprach sich an beiden Orten auf das entschiedenste gegen jede Trennung von der Union aus, ja er setzte sich mit John Adams, jetzt Senator des Staats Massachusetts, den er noch von der Zeit her kannte, wo er die »Oeffentliche Meinung« redigirte und die Präsidentschaft desselben zu fördern suchte, in Verbindung, um dem Unglücke einer solchen Trennung der Union vorzubeugen. Das war die Hauptveranlassung zur Aufhebung des Embargo geworden.

Jetzt, wo die Verständigung mit England gescheitert war, wo Napoleon, der auf dem Gipfelpunkte seiner Macht stand, der zu seinen Füßen in Erfurt ein Parterre von gunstbegierigen königlichen Vasallen sah, nicht daran dachte, das Unrecht, welches amerikanischen Schiffen frauzösischerseits zugefügt war, irgend gut zu machen, wurde Karl Haus durch das Vertrauen seiner Mitbürger zum Congreßmitgliede gewählt.

Es traf sich glücklich, daß noch vor seiner Abreise nach Washington die Schwägerin Heloise mit ihren deutschen Freunden kam, und daß in ihrer Gesellschaft der englische Ingenieur John Grant, der in Amerika Fulton aufsuchen und mit ihm in Verbindung treten wollte, sich befand.

Robert Fulton hatte damals schon vom Congreß ein Patent erhalten, für alle größern nordamerikanischen Flüsse Dampfboote zu bauen; allein ihm fehlte es an Kapital, und er war genöthigt, das Privilegium für einen Fluß nach dem andern um billige Preise zu verkaufen, wobei er von den habsüchtigen Yankees überlistet und betrogen wurde.

Fulton war nach Pittsburg gegangen, theils um einer Ohio-Dampfschiffahrtsgesellschaft, die dort in der Bildung begriffen, sein Privilegium für den Ohio zu verkaufen und den Bau der ersten Boote zu überwachen, theils um für seinen Freund Justus Erich eine Dampfmühle, die erste in Amerika und der Welt, in Pittsburg zu bauen.

Justus Erich, dessen planmachender Geist nie rastete, hatte den großartigen Plan, den Westen Amerikas, der sich immer mehr bevölkerte und schon jetzt die Kornkammer war, mit Mehl zu versorgen, als Austausch gegen Korn. Die Dampfschiffahrt auf dem Ohio und dieses neue Bollmann'sche Project, das alles hing auf das innigste zusammen. Bollmann's eigenes Vermögen reichte zu den großartigen Unternehmen, wie er sie im Sinne trug, nicht aus, er hatte deshalb eine neue Actiengesellschaft begründet, allein die Actionäre wählten nicht ihn, sondern einen reichen Kaufmann zum Director, da er theils wegen der Buer'schen Sache bei einem Theile des Publikums anrüchig, theils schon von ihm bekannt war, daß er ebenso wenig Ausdauer in der Verfolgung von Planen besitze, als er glücklich in deren Erfindung sei. Er hatte alle seine Actien aus dem immer mehr und mehr fortschreitenden Unternehmen von Karl Haus, dessen Schöpfer er ja gleichfalls gewesen, herausgezogen und sich mit seiner ganzen Habe bei dem neuen Unternehmen betheiligt.

Bollmann und Fulton hatten in ihren Freund schon länger gedrungen, das neue Unternehmen durch eine Erweiterung seiner Anlagen zu begünstigen, und dazu Vorschläge und Projecte entworfen. Eine der Gießereien sollte nämlich in ein Walzwerk verwandelt und damit eine Kesselschmiede verbunden werden, damit alles, was zum Dampfbootbau auf dem Ohio nöthig, beisammen sei.

Karl widerstrebte bisher, weil das Gießen von Pflügen und das Nagelschmieden ein sehr einfaches Geschäft war, das er selbst übersehen konnte und dem ein untergeordneter Techniker vorstand. Ein solches Walzwerk mit Kesselschmiede erforderte aber nicht nur eine bedeutende Kapitalanlage, sondern die ganze Zukunft des neuen Unternehmens hing wieder von dem Erfolge der Ohio-Dampfschiffahrtsgesellschaft ab, und bisher hatte Robert Fulton bei seinem Dampfbootbau noch keine Seide gesponnen.

Die Ankunft der Europäer änderte die Sache. Herr von Kitzow, der im Bergfache gearbeitet und dem ganzen Bergwesen des Harzes als vortragender Rath in Kassel vorgestanden hatte, nahm sich der Ueberwachung der Comptoiristen an und übernahm die sonstigen Geschäfte, welche dem Director obgelegen, in dessen speciellem Auftrage, da dieser gedrängt wurde, seinen Sitz im Weißen Hause einzunehmen. Georg Baumgarten fiel die Aufsicht über die großen Forsten des Haus'schen Etablissements zu, über die alten wie die später von der Gesellschaft selbst angekauften, dazu die Leitung der Köhlereien und die Ausbeutung der Steinkohlengruben, die man nach Bollmann's Vorhersagung aufgefunden hatte.

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