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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Als man sich von Kuckuk getrennt hatte und durch die Vorstadt Blume das Werrathal hinauffuhr, stand die Sonne schon am Mittagshimmel und brannte heiß herab; der Weg war damals aber bedeutend schattiger als heute. In Hedemünden mußte man einen Bauer als Wegweiser nehmen, und sah sich bald genöthigt, den Wagen zu verlassen und zu Fuß den Berg hinaufzusteigen. Man traf Oskar mit seiner ganzen Familie in der großen Mooshütte am Tanzplatze beim Kaffee; es wurde der Geburtstag seiner Tochter gefeiert, die seit einem Jahre an den frühern von Berlepsch'schen Gerichtshalter, jetzt Friedensrichter Baumann verheirathet und jetzt mit dem Gatten zum Besuche gekommen war. Eine etwas geräuschvolle, knicksende und von seiten der Hausfrau und ihrer Tochter verlegene Aufnahme mit der Nöthigung, Platz zu nehmen, es sich gefallen zu lassen auf dem Dorfe, wechselten anfangs mit dem Inshausrennen, um Staatstassen und eine neue Kaffeekanne wie einen Teller voll»Pustkuchen« zu holen, wich aber bald der biedern Herzlichkeit und Hingebung, mit der Mutter und Schwester sich gegen die Comtesse dankbar, gegen den Geheimrath und seine Tochter ehrerbietig, aber zutraulich betrugen.

Die Hausfrau erinnerte sich noch der Zeiten, wie ihre Brüder und Karl Haus die Schwester Heloisens und Anna Dummeier im Schloßparke herumgefahren hatten, auch der Geburt Heloisens, ihres Wachsthums, und wie sie selbst das liebe Kind oft auf den Armen getragen und geliebkost hatte. Sie habe sie immer so liebgehabt, als wäre sie ihre jüngste Schwester.

»Und weißt du was, Oskar«, sagte sie, als sie Heloisen eine Zeit lang mit Aufmerksamkeit angeschaut hatte, »jetzt weiß ich, warum ich die Comtesse schon als Kind so sehr geliebt habe; sie sieht dir wie meinem Georg ähnlich.« Heloise wurde vom Purpur der Verlegenheit übergossen, der Oberförster sagte barsche »weiß der Kukuk, wo ihr Weiber immer Aehnlichkeiten findet.«

Der Geheimrath meinte lachend: »Diesmal muß ich aber vollkommen Ihrer Frau beistimmen, meine Tochter und ich haben beide die Aehnlichkeit der gnädigen Comtesse und des Souslieutenants schon früher bemerkt.«

Die Erwähnung Georgs brachte das Gespräch zur Erleichterung für Heloise, die in ihrem Ridicule nach etwas zu suchen schien, von dem sie wußte, daß es nicht darin war, wieder auf den Gefangenen.

Der jüngste Sohn Hermann, der zwölf bis dreizehn Jahre alt sein mochte und verlegen dastand und nicht daran zu erinnern wagte, daß er der Fremden wegen mit Kaffee und Kuchen, worauf er sich doch den ganzen Morgen während des Backens gefreut hatte, vergessen war, wurde beordert, den Brief Georg's zu holen, der in der Stube im Nähtisch der Mutter liege.

Er faßte sich jetzt ein Herz und fragte nach Meidinger: »Mama, darf ich mir auch eine Kaffeetasse aus dem Küchenschranke mitbringen?«

Nun erst merkte man, daß der arme Junge ganz vergessen war, daß die Tasse mit seinem Namen noch ungefüllt dastand, ihm weder Zucker angeboten sei noch der feinere, stark mit Eiern versetzte Pustkuchen, der den Namen von den Bläschen zu führen schien, die sich an der mit Zucker, Mandeln und Zimmt bestreuten obern Fläche bildeten.

Ehe derselbe aber mit dem Briefe wiederkam, hatte die gesprächige Marianne den Inhalt des Briefes schon vorgetragen. Ihr Aeltester hatte es sehr gut in Spangenberg, ihm fehlte nichts als Arbeit; er hatte den ganzen Tag nichts zu thun, als spazieren zu gehen auf den Wällen und in den Straßen der Stadt, und daß er den Commandanten, einen pensionirten Hauptmann, der sechs Jahre in Amerika gekämpft hatte, bei Bestellung seines Gartens behülflich war und dagegen die Erzählung seiner amerikanischen Feldzüge wiederholt anhören mußte. Es würde ihm gar nicht schwer fallen, zu entkommen, ja es scheine ihm oft, als sei es darauf angelegt, daß er die Flucht ergreife, denn man habe ihm weder sein Ehrenwort abgenommen, nicht fliehen zu wollen, noch ihn sonst belästigt. Nur bei Nacht werde seine Wohnung zugeschlossen. Wenn er fliehe, so thue er es nur der Langeweile wegen, und dann, das kam erst zu Tage, als der Brief vorgelesen wurde, weil er auf die Hoffnung verzichten müßte, die beiden Damen, die ihm als rettende Engel im Castell erschienen seien, wiederzusehen. Er beschäftige sich viel mit dem Gedanken an seine Zukunft, und es werde ihm wol nichts übrigbleiben, als nach Amerika auszuwandern.

Es war schon über eine Stunde vergangen, als die Equipage in den schlechten Holzwegen auf dem Jägerhause anlangte. Ursprünglich war die Absicht, noch am Abend nach Witzenhausen zurückzufahren und dort zu übernachten. Allein das ließ der erschöpfte Zustand der Pferde schon nicht zu, das wollten auch weder der Oberförster noch seine Frau dulden. Die Fremdenzimmer seien da, und die Daunen stammten noch aus Heustedt, da müsse die Comtesse schlafen wie ein Kind, und vom heimatlichen Schlosse träumen.

Als man Kaffee getrunken und Hermann das Versäumte recht ordentlich nachgeholt hatte, wurde der Besuch ins Holz geführt, zunächst nach einer Höhe im Norden, wo man plötzlich nach Westen das Schloß Berlepsch zu seinen Füßen liegen sah, dann nach einem weitern Umwege im Süden, wo man am Rande des Holzes auf einer Wendeltreppe eine hohe Eiche hinaufstieg und oben über das Leinholz weg den Ahrenstein, weiterhin den Hanstein mit dem Hintergrunde des Meißners erblickte. Die prächtige Aussicht lohnte den etwas ermüdenden Weg.

Der Forstmann hatte die Gesellschaft absichtlich etwas weit geführt, um den Frauen zu Hause die nöthige Zeit zu ihren Vorbereitungen zu lassen, für die Gastzimmer zu sorgen und das Abendbrot vorzubereiten.

Als man zurückkam, war auf dem bedielten Tanzplatze gedeckt, denn im Grase thaute es schon stark, auch war der Platz nach Norden und Nordwesten durch eine Breterwand geschützt. Hermann war damit beschäftigt, um den Platz und in die Bäume, welche denselben beschatteten, die bunten Lampions aufzuhängen, die bei festlichen Gelegenheiten, am zweiten Pfingsttage u. s. w. angesteckt wurden. Ein großer runder Tisch von Tannenholz, aus drei Theilen zusammengefügt, mit schneeweißem Damastgedeck darüber, besetzt mit allem, was ein ländlicher Haushalt vermochte, frischgemolkener und sauerer Milch mit dickem Rahm, goldgelber, frischgemachter Butter, Schwarzbrot und Weißbrot, gekochten Eiern, Schinken und Mettwurst, die der göttinger den Vorrang streitig machte, schönem Flottkäse mit den echt deutschen Gewürzen, Kümmel und Salz, bereitet, harrte der Gesellschaft. Auf dem Nebentische standen Teller mit dem Geburtstagskuchen. Oskar selbst holte seine besten Sorten Wein, und seine Frau nöthigte die Gäste, Platz zu nehmen. Die Comtesse bat, ihr zu erlauben, daß sie ihren Reisevorrath zur Ergänzung gleichfalls auf den Tisch bringen und ihren Flaschenkeller öffnen dürfe, damit ein Pickenick geschaffen werde. Marianne war keine Frau, die viel Umstände machte: »Mit Freuden, gnädige Comtesse, dann werde ich aber wol mein ländliches Mahl beseitigen müssen, wenigstens werden wir Forstbewohner und Kleinstädter, die wir von den Delicatessen der königlichen Residenz selten etwas zu sehen, viel weniger zu schmecken bekommen, nicht blöde sein. Ich erwarte dagegen, daß die gnädigen Herrschaften thun, als wenn sie zu Hause wären und zur Familie gehörten.« Der Kutscher schaffte die Behälter mit den Eßwaaren und den Flaschenkorb herbei. Während erstere ausgepackt wurden und die Neugierde nicht nur Hermann und seine Schwester, sondern auch Marianne reizte, denn die französisch-italienischen Conditoren buken ganz andere Torten, als in Norddeutschland üblich waren, suchte Heloise in ihrem Ridicule, wo sie den Schlüssel zum Flaschenkeller, wie sie bestimmt wußte, geborgen, aber vergeblich. Um sicher zu gehen, schüttelte sie den Inhalt des ganzen Körbchens auf ihren Schos, bei dieser Gelegenheit fiel der Brief, den sie am Morgen empfangen, auf die Erde. Marianne, die neben ihr saß, hob denselben dienstfertig auf, und als sie die Adresse sah, rief sie erstaunt: »Ach, ein Brief von meinem Bruder Heinrich und noch nicht geöffnet?«

Heloise erschrak; das mußten Nachrichten aus Amerika sein, die sie so lange erwartet hatte, sie faßte sich aber sofort und erwiderte: »Liebe Frau Oberförsterin, ich empfing den Brief heute Morgen im Augenblick meiner Abreise, und da ich vermuthete, daß er wichtige, vielleicht in mein Schicksal tief eingreifende Nachrichten enthielte, sein Inhalt jedenfalls die freudige Reisestimmung, in der ich mich befand, und die Seelenruhe, die ich in Ihrem Familienkreise zu finden hoffte und auch fand, stören könnte, beschloß ich, meine mädchenhafte Neugierde zu zähmen und den Brief erst vor Schlafengehen zu öffnen.«

Marianne beruhigte sich, und da sich der Schlüssel nicht fand, beauftragte sie den Sohn, solchen in der Mooshütte zu suchen, wo denn der Flüchtling auch bald gefunden wurde.

Heloise hatte einige Flaschen Champagner beistellen lassen: »Aber nun fehlt uns Eis, der Wein wird so kaum trinkbar sein, da er der lieben Sonne zu viel genossen.«

»Eis fehlt uns nie, auch im höchsten Sommer nicht«, sagte Marianne, »wie sollten wir, die wir im Sommer höchstens alle acht Tage frisches Fleisch haben. können, ohne Eis fertig werden? Mein lieber Mann hat eine Strohhütte über der Erde erbaut, die uns noch nie verlassen hat. Hermann, sage dem Hans, daß er einige Eimer mit Eis herbeischafft.«

»Ist nicht nöthig, Mütterchen, dafür habe ich selbst gesorgt«, unterbrach der Eheherr, »siehst du, da kommt Hans schon; nun aber, Herr Geheimrath und gnädige Comtesse und Fräulein und Weib und Kinderchen, macht euch über die guten Sachen her, jeder greife nach dem, was ihm am besten gefällt. Du, Hermann, ziehst Schwarzbrot und Schinken vor, wie ich weiß, hier hast du die erste Portion, später kommt der babylonische Thurm daran, den die Comtesse aus ihrem Schranke genommen hat, da sollst du nicht zu kurz kommen, und weil du den Schlüssel gefunden, auch ein Glas Champagner haben. Vor allem aber, Mutter, schenk einmal ein, der Wein hier auf dem Tisch hat schon den ganzen Nachmittag in der Eishütte selbst Kühlung empfangen, unsere Gäste sollen leben.« »Hoch und abermals hoch!« hieß es, und die Gläser klangen lustig, der goldene Rheinwein schimmerte im Licht der hinter dem Niederkaufungerwald sich zum Untergange neigenden Sonne, welche durch das grüne Laubdach hindurchschimmerte, noch röthlich goldener als sonst.

Es hatte seit funfzig Jahren manche vergnügte Gesellschaft an diesem Platze bis in die Nacht gesessen, aber selten war ein Kreis so von Herzen innig froh, gemüthlich, ungenirt und vertraut gewesen. Herr von Kitzow, Agnese und Heloise fühlten sieh in der That wie zu der Familie gehörig. Oskar erzählte vom alten und neuen Schlosse zu Heustedt, von dem Volksfeste bei dem Geburtstage Olga's, die Oberförsterin dagegen von Georg's Jugendjahren, von dem Schmerz, den sie bei dem Verlust ihres zweiten Sohnes gehabt, von dem Aufenthalte des Bruders Heinrich hier im August 1792 während der Doppelhochzeit, von den Sorgen, welche ihr Hermann's Wildheit mache.

Der Champagner war gekühlt und entkorkt, Heloise trank das erste Glas auf das Wohl des deutschen Vaterlandes, und daß der Augenblick bald herbeikomme, den alle guten Deutschen stillschweigend erwarteten . . . Kitzow hatte den Gastgeber und seine Familie leben lassen, Marianne die Comtesse Heloise, Agnese das Geburtstagskind.

Als eine kleine Pause eingetreten war und der Vater dem Knaben das Glas zum dritten male gefüllt hatte, mit dem Bedeuten, dies sei nun das letzte, nahte sich dieser Agnesen und bat sie, mit ihm anzustoßen. Als sie das Glas ergriff, um ihm bereitwillig zu sein, sagte er: »Mein Bruder Georg soll leben und seine Braut auch daneben.« »Seine Braut?« fragte Agnese. »Ja du«, sagte Hermann.

Agnese erröthete tief, und um sie ihrer Verlegenheit zu entheben, fing Oskar zu lachen an, und die Gesellschaft stimmte ein.

»Du Grünschnabel«, sagte die Mutter zürnend, »wagst du es auch schon, mitzusprechen und das Fräulein zu beleidigen?«

Da ergriff Kitzow ihre Hand und sagte leise: »Nicht beleidigen, liebe Frau, ich würde mich durch die Verbindung mit einer so wackern Familie nur geehrt fühlen.«

Marianne sah mit freudigen Blicken zu ihm auf und sagte: »Was Gott waltet, ist gut gewaltet.«

Der Mond war indeß aufgegangen und warf seinen Silberschein durch das Laubdach; die bunten Lampions in den Bäumen und unter dem Tanzplatze verloren an Glanz, die Windlichter an dem Tische schienen neidisch zu werden auf den Mondschein. Oskar suchte ein neues Thema, um die noch immer sichtbare Verlegenheit Agnesens der Aufmerksamkeit der übrigen Tischgäste zu entziehen.

»Wir haben bisjetzt der Würdigsten nicht gedacht«, sagte er, »die Aeltern meiner lieben Marianne, Georg und Marie Schulz, sie sollen leben!«

Man war damit wieder in Heustedt. Heloise erzählte, wie sie bei ihrem letzten Besuche die Aeltern getroffen und wie die kleine Cruella ihr eine Bravourarie vorgesungen habe; wie sie den Pastor Heinrich Schulz in Grünfelde getroffen. Es war schon nahe an Mitternacht, als man sich trennte. Die altfürstlichen Gemächer waren als Schlafzimmer für die Gäste ausersehen; die beiden großen Zimmer Heloisens und Agnesens, durch eine Thür verbunden, hatten, wie daheim, die Fenster nach Osten, nur daß hier große Fensternischen auf alten Steinbau hinwiesen.

Agnesen wurde es schwer, von Heloisen zu scheiden, sie hatte ihr so viele kleine Beobachtungen mitzutheilen, hundertmal zu wiederholen, daß sie noch nie einen glücklichern Tag verlebt habe. Heloise wurde von Minute zu Minute unruhiger, es war ihr, als wenn die ganze am Tage zurückgehaltene Neugierde nun in arithmetisch verdoppelten Potenzen auf sie einstürme. Sie mußte die Freundin halb mit Scherz, halb mit Gewalt in ihr Schlafzimmer treiben, um allein zu sein.

Heloise, die ihre Kindheit nicht in der Familie erlebt, die niemals erfahren hatte, was ein eigentliches Familienleben sei, die ihre Mutter nur in den steifen englischen Formen des ersten und zweiten Frühstücks und der Diners gesehen hatte, der mütterliche Zärtlichkeit etwas gänzlich Unbekanntes war, die der Schwesternliebe nun schon so lange Jahre entbehrte, empfand heute eine unendliche Sehnsucht nach einem einfach bürgerlichen Familienleben, die Sehnsucht, liebende Aeltern um sich zu haben und Mutter geliebter Kinder zu sein.

Sie hätte Titel und Rang, Vermögen und Glanz gern hingegeben, um einfach die Tochter Mariannens zu sein, einsam im Walde zu leben.

Diese Gedanken beschäftigten sie, während sie sich entkleidete. Daraus öffnete sie das Fenster, um noch einmal frische Luft zu schöpfen, und begann dann das Schreiben des Pastors zu Grünfelde zu öffnen. Dasselbe lautete.

 

Grünfelde, 23. Mai 1809.

Hochwohlgeborene, sehr geehrte Comteß!

In großer Erregung greife ich zur Feder. Ich komme soeben vom Todtenbette meines ehrwürdigen Collegen, des Pfarrers Husmann, an der neuen Schloßkirche zu Heustedt; der achtundsiebzigjährige Greis ist aus Schreck über ein Versehen gestorben, das er vor siebzehn Jahren bei der Trauung Ihrer Frau Schwester mit dem Grafen Schlottheim gemacht haben soll, und das ihm erst in diesen Tagen zum vollen Bewußtsein gekommen ist. Derselbe war in diesem Frühjahr schon sehr kränklich, sodaß sein Dienst von den Collegen in der Umgegend versehen werden mußte. Gestern ließ er mich, dem er den ersten Unterricht in der christlichen Religion ertheilt, den er confirmirt und dem er später als väterlicher Freund und treuer College zur Seite gestanden hat, zu sich rufen. Ich fand ihn äußerst erschöpft vor seinem Schreibtische sitzend und in das Kirchenbuch etwas eintragend.

Während er schrieb, überreichte er mir ein Schreiben des Consistoriums zu Hannover, das ihm einen Protest mittheilte, der durch viele Hände, zuletzt durch die des kaiserlichen Cultusministeriums in Paris gegangen und von da durch Vermittlung des Militärgouverneurs von Hannover, der sich Einwirkungen auf alle Behörden, die noch in alter Form fortexistirten, erlaubte, an das Consistorium zu Hannover abgegeben worden war. Dieser Protest, ursprünglich in englischer Sprache abgefaßt, dem eine französische und deutsche Uebersetzung beigefügt war, lautete in letzterer:

»Geschehen Philadelphia, am 14. Januar 1805,

Vor mir, dem Notar &c. und den zugezogenen Zeugen &c., erschien die Gräfin Olga Antoinette Charlotte von Wildhausen und legte einen Eid ab zu dem dreifaltigen Gotte und erklärte:

Ich Olga Antoinette Charlotte, Gräfin von Wildhausen, geboren in Heustedt im vormaligen Kurfürstenthum Hannover und der Grafschaft Hoya, bekenne, da ich die Absicht habe, mich gegenwärtig mit dem Doctor der Rechte Karl Haus zu vermählen, zu dem dreifaltigen Gotte der Wahrheit gemäß, daß ich niemals vermählt gewesen bin mit dem Grafen Otto von Schlottheim, wenn ich vor der Welt auch eine Zeit lang den Namen seiner Gattin geführt habe.

Am 10. August 1792 wurde ich, damals zwanzig Jahre alt, gegen meinen Willen von der Mutter und dem Vormunde verlobt mit dem Sohne des letztern, dem Grafen Otto von Schlottheim, zur Schloßkirche in Heustedt geführt, um mit sothanem Verlobten ehelich getraut zu werden. Ich hatte mich in mein Schicksal ergeben, aber während der Trauungsceremonie trat eine gemeine Dirne, vorgebend, Schlottheim habe ihr die Ehe versprochen und sie trage ein Kind von ihm, einsagend dazwischen, was einen großen Tumult hervorrief. Die Dirne wurde als Wahnsinnige beseitigt und die Mutter zwang durch ihren Drohblick den von ihr angestellten und abhängigen Prediger, in der Ceremonie fortzufahren. Ich aber habe seine Frage: ob ich den Grafen Otto von Schlottheim zum Ehegatten begehre? mit dreimaligem Nein beantwortet, während die an meiner Seite stehende Mutter ein Ja sagte. Ich habe nicht geduldet, daß seine Hand in die meine gelegt wurde, und habe den Ring des Grafen, den mir der Prediger an den Finger stecken wollte, von mir geschlendert.

Deß ist Gott mein Zeuge, wie meine Mutter, die Gräfin Melusine von Wildhausen, geborene von Alvensleben. Ich schwöre ferner bei dem allmächtigen Gotte, daß ich nie eine eheliche Gemeinschaft mit dem gehabt habe, der sich mein Gatte nannte.

Ich gebe dieses Bekenntniß von mir, damit es der Fälschung, welche sich in dem Trauungsregister der Kirche zu Heustedt unter obigem Datum findet, beigelegt und das Register hiernach berichtigt werde.

Ich ermächtige den Notar &c. zugleich, diese Erklärung an die oberste geistliche Behörde im vormaligen Kurfürstenthume Hannover und eine beglaubigte Abschrift davon an meine Mutter, die Gräfin Melusine von Wildhausen zu Heustedt, zu senden, damit sie, wenn sie ein Gewissen hat, bewahrheite, was ich hier beschworen.

Geschehen wie oben u. s. w.«

Der Prediger zeigte mir darauf einen goldenen Reif, in welchem inwendig die Buchstaben O. v. S. und die Worte: am 10. August 1792, standen, und der an der einen Seite stark verbogen und niedergetreten schien. »Dieser Ring wurde mir«, sagte Husmann mit schwacher Stimme und unter schwerem Husten, »am Tage nach der Hochzeit vom Küster gebracht, und ich habe seitdem schwere Gewissensbisse empfunden. Ich war durch den Aufruhr, den das Auftreten der schwarzen Marthe, wie man sie nannte, machte, gänzlich consternirt. Nach den Satzungen unserer Kirche durfte ich, da Einsprache geschehen war, die Trauung nicht vollziehen. Aber die Gräfin Melusine drängte, ich verlor ganz und gar den Kopf, und es kann sehr wohl sein, daß ich das Nein der Braut überhört habe, denn hätte ich es gehört, so würde keine Macht der Erde mich bewogen haben, die Hände der Brautleute zusammenzulegen. Aber es war so geräuschvoll in der Kirche, niemand achtete auf den Act der Trauung, und ich stand wie unter einem Banne der Gräfin Mutter, die mich mit zornigem Blick anschaute und mir zuheischte, die Sache zu Ende zu führen.

»Dies mein Zeugniß«, fuhr er gegen mich gewendet fort, »habe ich heute eigenhändig in das Kirchenbuch eingetragen, es wird das letzte sein, was ich dareinschreibe; Ihnen, mein lieber Confrater, überlasse ich es, dem Superintendenten mündlich, dem Consistorio, unter Mittheilung meines Zeugnisses, schriftlich davon Bericht zu erstatten.«

Das Sprechen hatte ihn dermaßen angegriffen, daß er nicht fortfahren konnte, er hustete noch einmal auf und sank dann todt in meine Arme, ehe ich Hülfe rufen konnte.

Ich habe mit Genehmigung des Superintendenten das Kirchenbuch und die Eingabe Ihrer Frau Schwester mit nach Grünfelde genommen, um den Bericht an das Consistorium zu machen und Ihnen den für Sie so wichtigen Vorfall zu melden.

Mit größter Hochachtung u. s. w.

 

Heloisen war während des Lesens die Scene von damals so gegenwärtig, als geschehe sie im Augenblick – als die Marthe den Grafen Schlottheim angefaßt, war sie von der Seite ihrer Schwester nach Anna zu gewichen, und als Marthe dann entfernt war, hatte sich die Mutter an die Stelle gedrängt, die ihr als Brautjungfer gebührte, sie trat nun zwischen die beiden Brautpaare. Sie hörte sehr deutlich, daß Olga nicht Ja, sondern Nein sagte, als der Prediger ihr Ja haben wollte, und unterschied das Ja der Mutter sehr wohl von dem Nein der Schwester.

Da der Majoratsherr und sein Vater, der Geheimrath von Schlottheim, um Olga beschäftigt waren, so wurde sie in den Wagen der Mutter gesetzt, die ein sehr ernstes Gesicht machte. Sie hatte der Mutter auf dem kurzen Wege zum Schlosse gesagt: »Chère maman, Olga hat ja aber Nein, nicht Ja gesagt, ist sie nun doch des häßlichen Schlottheim Frau?« Da hatte die Mutter, es war das erste und letzte mal in ihrem Leben, ihr einen so furchtbaren Schlag auf den Mund gegeben, daß sie glaubte, alle Zähne wären ihr ausgeschlagen und hatte, französisch natürlich, gesagt: »Wenn du den vorlauten Mund nicht hältst, so werde ich dich zu bestrafen wissen.« Sie hatte keine Thräne vergossen vor innerer Aufregung und Wuth, sie hatte das Blut, das ihr im Munde zusammenlief, verschluckt, damit aber auch alle Liebe und Achtung, die sie bisher für die Mutter empfunden, für immer gebannt. Als man vor dem Schlosse ausgestiegen war, hatte die Mutter sie der Kammerfrau übergeben und befohlen: »Ziehen Sie das Kind aus und lassen Sie es seine Appartements nicht verlassen, das Kind ist krank.«

Sie hatte alles mit sich machen lassen, war sie doch wie ohne Besinnung gewesen; die Kammerfrau hatte ihr Torten und Zuckerwerk gebracht, sie hatte nichts berührt. Erst als Olga in Reisekleidern gekommen war, um Abschied von ihr zu nehmen, hatten ihre Thränen zu fließen angefangen, und beide Schwestern hatten sich eine lange Zeit umarmt gehabt und zusammen geweint. Sie hatte Olga seit jenem Tage nicht wiedergesehen, und Olga lebte?! Sie mußte sie sehen, sie mußte nach Amerika!

Nach Amerika? Noch lange wanderte sie in dem großen Gemache umher, das, wie sie jetzt erst sah, noch mit vergoldeten Ledertapeten bekleidet war, den Gedanken nach Amerika in ihrer Seele ausspinnend.

Entfernt von der Mutter, bei ihrer Schwester in dem Kreise geliebter Menschen, in einer Familie, wie sie hier getroffen, entfernt vom Gewühle der Städte, entfernt vom Hofe und seinen Verderbtheiten leben zu können, das war eine Zukunft. Bisjetzt hatte sie sich eine Stelle in einem protestantischen Kloster, wie es deren im Althannoverischen für Frauen ihres Standes mehrere gab, als ihre Zukunft gedacht.

Jetzt dachte sie sich eine Zukunft im Kreise von Olga und Karl Haus, Agnese und Georg Baumgarten und dem Geheimrath von Kitzow, im freien Amerika.

Ihr Gemüth beruhigte sich, sobald sie zu dem festen Entschlusse gekommen war, nach Amerika zu der Schwester zu reisen, sie legte sich schlafen und schlief ohne zu träumen, bis die Sonne ihr ins Antlitz schien und sie unten die Oberförsterin Tauben und Hühner füttern hörte. Sie stand bald angekleidet, auch Agnese schlüpfte aus ihrem Zimmer und gab ihr den Morgenkuß.

»Weißt du«, sagte sie, »was ich in dieser Nacht für komisches Zeug geträumt habe? Ich träumte, du und ich, Vater und Georg reisten nach Amerika.«

»Das hast du nicht geträumt, liebe Agnese, das hat dir eine unsichtbare Macht als meinen Beschluß und meine Gedanken in dieser Nacht zugetragen. Eine magnetische Seelenübereinstimmung, ein Mesmer'scher Rapport, oder wie wir es nennen wollen, hat zwischen unsern Seelen stattgefunden.«

Agnese verlangte nach Aufklärung, doch unten im Hofe und Garten wurde es immer lauter. Die Kühe waren gemolken und wurden nun ins Holz getrieben, wo sie ihre Weideplätze schon kannten; Oskar schritt mit der Pfeife im Munde, das Messer in der Hand, zwischen den Blumenbeeten auf und ab und schonte die ersten Rosenknospen zu Bouquets für die jungen Damen nicht.

Marianne hatte in der Fliederlaube, in welche die Morgensonne schien, zum Kaffee gedeckt und trug eine große »Klöbe«, die sie am Morgen früh gebacken, in die Laube, ordnete die Kaffeetassen, setzte Butter und Honigscheiben zurecht. Jetzt klopfte auch der Geheimrath an die Thür, um, wie er vermeinte, die jungen Damen zu wecken. Diese traten ihm, Guten Morgen wünschend, aber schon in Toilette entgegen, beide strahlend wie der Junimorgen.

Man saß in der Fliederlaube, und Fliederduft stritt mit Jasminduft um die Wette, der Oberförster legte den jungen Damen Bouquets von Rosen, Reseda und Vergißmeinnicht, die Hermann aus dem Thale vom Bache hatte holen müssen, auf die für sie bestimmten Plätze. Vor dem Platze des Geheimraths lag die Thonpfeife, dieser aber legte sie zurück und bat sich ein Stück von der schönen Stolle aus. Marianne verstand ihn nicht; Heloise mußte ihm zu Hülfe kommen und erklären, daß er die Klöbe meine.

Als man die erste Tasse Kaffee getrunken hatte und das Mädchen kam, die zweite Kanne zu holen, fragte Marianne: »Was hat denn der Bruder geschrieben?«

Heloise erzählte nun in großen Umrissen, daß ihre Schwester Olga, die im Meere bei Neapel ertrunken sein sollte, in Amerika lebe und sich wahrscheinlich schon längst mit dem Geliebten ihrer Jugend, Dr. Karl Haus, vermählt habe, da sie, wie eben der Pastor Heinrich Schulz geschrieben, mit Graf Schlottheim nie vermählt gewesen sei. Die nähern Schicksale derselben seien ihr selbst noch unbekannt. Sie theilte mit, daß sie den Entschluß gefaßt habe, nach Amerika zur Schwester zu gehen, und dabei die Hoffnung hegte, der Geheimrath und Agnese würden sie begleiten.

Herr von Kitzow reichte ihr die Hand über den Tisch und sagte: »Topp, ich begleite Sie.«

Agnese machte ein sehr verlegenes Gesicht. »Nun, du kleines Närrchen, sei nur nicht ängstlich, es versteht sich von selbst, daß wir drei nicht allein reisen – deine alte Tante können wir ja nicht zurücklassen, und dann möchte ich auch mit Erlaubniß des Herrn Oberförsters einen jungen Beschützer mitnehmen.«

»Mich!« rief Hermann, und alle lachten, nur Agnese wurde roth, denn sie verstand die Freundin.

»Du mußt erst etwas lernen und sprichst überhaupt nicht mit, wenn große Leute sprechen«, sagte Oskar.

»Ich gedenke«, fuhr Heloise fort, »den König um gänzliche Begnadigung Georg's zu bitten, wenn die Aeltern erlauben, daß er auf der Reise nach Amerika mein Beschützer und Souslieutenant meiner Freundin Agnese ist.«

»Vortrefflich! Marianne, wollen wir auch mitreisen?« fragte Oskar.

»Hoffentlich«, sagte Heloise und reichte Marianne die Hand, »wird Ihr Herr Bruder Heinrich, wenn es nach meinem Willen geht, vor unserer Abreise in Grünfelde noch eine Hochzeitsarbeit bekommen, denn ich gedenke in Heustedt vorzukehren, um dort einige gewichtige Erklärungen in Sachen der Trauung meiner Schwester, deren Brautjungfer ich war, abzugeben, und bei der Gelegenheit möchte die Kirche in Grünfelde ein ganz passender Ort sein – die Vorhersagungen eines gewissen vorlauten Bürschchens zur – nun wir wollen sagen, zur kirchlichen Wahrheit zu machen.«

Es hatte sich auf den Gesichtern der Anwesenden, mit Ausnahme des in der einen Hand die Kaffeetasse, in der andern das Stück Klöben haltenden Knaben, welcher den Sinn der Rede nur halb verstand und mit einem sein hübsches Gesicht entstellenden, halb klugen, halb dummen Blicke zu der Sprechenden emporsah, eine ernste Stimmung kundgegeben; niemand wußte, wer zuerst das Wort ergreifen sollte.

Endlich sagte Herr von Kitzow: »Wenn ich der Rede dunkeln Sinn richtig verstanden habe, und das Erröthen meines Töchterchens bürgt mir dafür, so sage ich Ja.«

»Und ich sage Amen«, sagte Oskar, »du, Marianne, hältst dein Plappermäulchen.«

»Ich aber bitte, daß angespannt wird«, sagte Heloise.

»Das kann geschehen, – du Hermann, gehe zum Kutscher, er wird mit seinem Frühstück fertig sein, heiße ihn anspannen, setze dich zu ihm auf den Bock und führe ihn den Weg durch den Berlepsch'schen Park. Der Forsthüter wird schon öffnen, wenn er dich sieht. Er soll am Hübenbache halten.

»Sie, meine Herrschaften, geleite ich auf bequemem Fußwege den Berg hinab. Mutter kann uns begleiten, und wir können im Holze den amerikanischen Plan durchsprechen.«

So geschah es.

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