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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Viertes Kapitel.
Die unerwartete Botschaft.

Agnese von Kitzow konnte in der Nacht das Bild des gefangenen, an die Auethorwache abgelieferten Carabinieroffiziers nicht los werden, sie hatte sich am offenen Fenster offenbar erkältet und war am andern Morgen so matt, daß sie das Bett nicht verlassen konnte. Der Vater eilte, da die alte Tante ihm diese Meldung machte, besorgt zu Heloisen hinunter, dieselbe um Beistand zu bitten.

Als Agnese am Busen der Freundin sich ausgeweint und ihr die nächtlichen Ereignisse, keine Visionen mehr, mitgetheilt hatte, sendete Heloise den Jäger der Mutter, Kuno, einen geriebenen Patron, nach der Auethorwache, damit er sich erkundige, was vorgefallen sei in der Nacht, und welchen Offizier man verhaftet habe.

Allein Kuno kam zurück ohne die gewünschte Auskunft ertheilen zu können, die Wache war von polnischen Lanciers, die kein Wort Deutsch sprachen, bezogen, der Offizier war nicht sichtbar geworden.

Es hing noch immer ein schwerer Nebelmantel über der Aue, und der ganze Himmel war von grauen Wolken bedeckt. Plötzlich theilte die Sonne die Wolken, der Himmel trat erst streifenweis, dann in immer größerm Umfange blau hervor; die Sonne lächelte als Siegerin, die Nebeldecke über der Aue sank als Thau zur Erde. Zugleich erschallten vom Frankfurter Thore her lustige Jägerhörner. »Das sind die Hörner der Jäger-Carabiniers«, sagte Agnese in voller Aufregung, »bitte! bitte! öffne die Fenster und sage mir, was du siehst.«

Die Kranke hatte sich nicht getäuscht.

Die Jäger-Carabiniers hatten an dem Gefechte bei der Knallhütte keinen Antheil genommen, man hatte ihnen nicht getraut und sie als Reserve aufgestellt; jetzt bildeten sie die Avantgarde. Vor dem Frankfurter Thore angekommen, begann ihre Musik eine alte Harzweise, der man zu verschiedenen Zeiten die verschiedensten Texte untergelegt hat, zu spielen; damals war eine Hymne für Jérôme darauf gedichtet, als später Georg. IV. sich einmal das Hannoverland ansah, feierte man ihn mit derselben Melodie, und unsere Zeitgenossen haben sie, von Fuhrmannspeitschen-Concerten der Harzfuhrleute unterbrochen, zu Ehren Ernst August's bei dessen Militärjubiläum gehört, und Georg V. ist nebst seinem Kronprinzen durch die treuen Harzer mit ihr angesungen, wie König Wilhelm angesungen werden wird, wenn er einmal die Bergstädte besucht.

Die Jäger-Carabiniers zogen über den Friedrichsplatz, wo sie an der Nordseite vor dem Museum zur Parade aufgestellt wurden.

Bald folgten die Chevauxlegers, die Garde-Jäger, während die Kürassiere den Gefangenentransport um die Stadt dem Holländischen Thore zu in die Altstadt führten..

Auch die in der Residenz gebliebenen Truppen, die theils aus der katholischen Kirche an der Karlsstraße kamen, theils von unten aus der Martinikirche, stellten sich auf dem Friedrichsplatze zur Parade auf. Es erschienen, wie auch sonst sonntäglich, große Mengen von Kindermädchen mit Kindern, Jungen, Lehrjungen, Handlungscommis, Bummlern, Stutzern, geputzten Damen. Die Musik der Garden erscholl. – Genug, der 23. April unterschied sich von andern Sonntagen nicht, nur daß die Zuschauermasse noch größer war, als sie sonst bei Sonnenschein um diese Jahreszeit zu sein pflegte. Die Sonne und die altgewohnte Parademusik übten auf die Nerven Agnesens eine größere Heilkraft, als die stärkste Valeriana-Dosis es vermocht hätte. Sie ließ sich ankleiden, legte sich zu Heloisen in das geöffnete Fenster und lauschte der Musik.

Mittags war große Cour im Schlosse, Hof- , Militär- und Civildienerschaft drängten sich zahlreicher als sonst herbei, um ihre Ergebenheit an den Tag zu legen. Die auswärtigen Minister und Gesandten, der Prinz von Repnin als Vertreter des Kaisers Alexander, Baron von Reinhard als Vertreter Napoleon's, der Vertreter Preußens (Oesterreich war des Krieges wegen nicht vertreten) und anderer kleinerer deutscher Potentaten brachten Jérôme ihre Glückwünsche. Dieser zeigte sich königlicher, als mancher König, der auf eine tausendjährige Dauer seiner Dynastie sich berufen konnte, gethan haben würde.

Er erklärte den ihn umringenden Offizieren: »Es widerstrebt meinen Gefühlen, zu denken, daß ein Soldat ein Verräther werden kann. Dennoch hat der Mann, den ich als Freund zu mir heranzog und mit Wohlthaten überhäufte, bethört wahrscheinlich durch die Tücke jenes Unheil sinnenden Inselvolks, seinen Fahneneid und die Treue gegen mich verletzt. Meine Herren, sollte einer von Ihnen bereuen, sich durch den Eid der Treue an mich gefesselt zu sehen, der mag gehen, der mag sich offen meinen Feinden anschließen. Ich gebe Ihnen mein königliches Wort, daß niemand ihn daran hindern soll. Denn, meine Herren, ich halte es für besser, mit offenen Feinden zu kämpfen, als argwöhnen zu müssen, daß ich von Verräthern umgeben bin.«

Keiner ging, die Offiziere der Garde wie der Linie leisteten vielmehr freiwillig dem Könige von neuem den Eid der Treue.

Nachmittags kam die Gräfin vom Palais zurückgefahren. Die Königin war nach Strasburg. abgereist und wurde erst nach einer Woche zurückerwartet, sie war des Palastdienstes für diese Zeit entbunden. Sie schien in die Vorgänge eingeweiht zu sein, allein sie äußerte sich nur der Tochter gegenüber dahin: »Der Rittmeister von Schlottheim wie der Oberstallmeister von Schlottheim haben wiederum dem Könige einen großen Beweis ihrer Treue und Anhänglichkeit gegeben, während Leute, die Se. Majestät der König aus ihrem Dunkel hervorgezogen und denen er eine Carrière eröffnet, sich als Treulose und Verräther erwiesen hatten.«

Die Gräfin murmelte etwas zwischen den Zähnen und sah so böse auf Heloise, als wenn diese den Verrath an dem Könige begangen hätte. Heloise glaubte wieder die Worte »bürgerliche Canaille« gehört zu haben, war aber bald der Meinung, daß sie sich getäuscht haben müsse.

Am folgenden Tage war Agnese noch so schwach, daß sie das Haus nicht verlassen konnte; aber am 1. Mai war sie selbst es, die zu der Freundin herunterkam und diese daran erinnerte: »Was die Schwäne denken möchten, wenn sie die gewohnten pariser Laiberchen nicht mehr bekämen?«

Ihr war, wie sie selbst erzählte, so fröhlich und leicht zu Sinn, als wenn ihr etwas Gutes an diesem Tage passiren müsse.

Man eilte auf dem gewohnten Wege in die Aue, fütterte die Schwäne, man trank Milch und aß pariser Laiberchen dazu, man promenirte durch den größten Theil der Aue, aber man repetirte keine englischen Vocabeln an diesem schönen Maitage.

Als die Freundinnen gegen neun Uhr morgens wieder in ihre Wohnung kamen, stand beiden zwar eine große Ueberraschung bevor, aber keine erfreuliche.

Agnese fand oben im Zimmer ihres Vaters den Chef der geheimen Polizei, oder officiell den Generalcommissar der hohen Polizei, Herrn von Wolff, und einen Gensdarmeriekapitän, Dudon d'Envals, beschäftigt, die Papiere des Vaters zu durchsuchen. Beide Herren waren äußerst artig gegen das Fräulein von Kitzow, indem sie versicherten, es sei wahrscheinlich nur ein Misverständniß, durch welches eine Verhaftung ihres Herrn Vaters herbeigeführt sei, sowie der Auftrag, die Papiere dieses loyalen und ehrenwerthen Beamten zu durchsuchen. Sehr wahrscheinlich beruhe die höhere Anordnung nur auf einer leider in solchen Tagen des Verraths häufig hervortretenden gehässigen, aus persönlichen Motiven herzuleitenden Denunciation. Sie hätten, wie sie versichern könnten, in den Papieren ihres Vaters nichts irgend Verdächtiges entdeckt, als einen versiegelten Brief an die Adresse des Obersten von Dörnberg, welchen sie mitzunehmen für geboten hielten. Das Fräulein werde sie verpflichten, wenn sie das über den Vorgang aufgenommene Protokoll unterzeichnen wolle; das Frauenzimmer, welches da in der Ecke sitze, sei von Anfang bis zu Ende bei der Procedur gegenwärtig gewesen. Agnese sah erst jetzt, daß die Tante in der durch die Stubenthür, durch die sie eingetreten, verdeckten Ecke der Stube saß, den Kopf in ihre weiße Küchenschürze gehüllt und laut schluchzend. Der Generalcommissar verlas das in französischer Sprache abgefaßte Protokoll, gegen welches Erinnerungen nicht zu machen waren. Es war in derselben wohlwollenden Weise abgefaßt, als sich Herr von Wolff gegen sie geäußert hatte, und Agnese unterzeichnete es.

Sie war über dieses Ereigniß viel weniger erschreckt als über die nächtliche Erscheinung, denn sie wußte aus hundertfachen Aeußerungen ihres Vaters, daß, so sehr er auch Deutscher war und Preuße insbesondere, er sich doch durch den Huldigungs- und Diensteid Hieronymus und dem westfälischen Staate verpflichtet fühlte, und nie zu einer Verschwörung die Hand geboten haben würde.

Eine andere Scene erwartete Heloise. Sie hörte im Empfangszimmer ihrer Mutter eine heftige Baßstimme reden, ohne die Worte, noch weniger die Antwort der Mutter verstehen zu können.

Da donnerte es von neuem los: »Nun denn, Frau Gräfin, so komme das Blut meines Sohnes über Sie!« Die Thür ward aufgerissen, und ein kräftiger Jägersmann mit grauen Haaren überschritt die Schwelle mit zornglühendem Antlitz.

Heloisen überkam eine Ahnung, sie sah zu dem Manne empor und erkannte in ihm Oskar Baumgarten.

Heloise faßte den Zornigen bei der Hand und zog ihn stumm in ihre Appartements, hier sagte sie: »Reden Sie, wenn die Mutter Ihnen nicht helfen will, ich, die Tochter, opfere alles, Ihnen in der Noth zu helfen!«

»Wie, sind Sie Comteß Heloise und Sie kennen mich?«

»Mehr als Sie glauben; darf ich wissen, warum Sie meine Mutter ansprachen?«

»Mein ältester Sohn, Georg, Souslieutenant bei den Garde-Carabiniers, ist vor einigen Nächten verhaftet, weil er das Bataillon bei dem Ausmarsch gegen die Rebellen zum Uebertritt zu diesen haranguirt hat. Das Kriegsgericht hat heute sein Todesurtheil gesprochen oder wird es sprechen, wie ich soeben vom Staatsrath von Berlepsch, meinem Gönner, gehört habe. Ich bat die Gräfin, sich für meinen Sohn, den verführten jungen Mann, direct bei dem Könige zu verwenden, da die Königin abwesend ist. Es muß aber sofort geschehen. Heute schon ist der Lieutenant von Hasserodt auf dem Forst erschossen, schon morgen vielleicht wird das Schicksal meinen Sohn treffen, den Augapfel seiner Mutter, meinen Erstgeborenen.«

»Beruhigen Sie sich, Herr Oberförster, ich selbst werde Ihren Sohn fortan betrachten, als wäre er mein Bruder, verstehen Sie, mein Bruder, und werde alles, alles thun, was möglich ist, ihn zu retten.«

Der Oberförster sah Heloise starr an, eine dunkle Ahnung ging ihm auf, als er in das gleichsam um Vaterliebe bittende Auge schaute, er breitete die Arme aus und seine Tochter stürzte sich in sie, ihn mit Küssen bedeckend.

»Vater«, sagte sie, die heißen Thränen, die ihr von den Wangen liefen, trocknend, »mein Herz sagt mir, ich werde bei dem Könige keine Fehlbitte thun, ich werde den Bruder, ich werde zugleich einer theuern Freundin den Geliebten retten. Ich eile, Toilette zu machen und mich durch meinen Freund, Baron Reinhard, bei dem Könige einführen zu lassen. Erwarten Sie mich zwischen zwölf und ein Uhr bei dem Staatsrath von Berlepsch.«

Als sich Oskar Baumgarten, nachdem er die Tochter noch einmal in seine Arme gezogen, entfernt hatte, kam Agnese herab, der Freundin ihr Unglück mitzutheilen.

»Ich bin im Begriff, zum Könige zu gehen, um mich ihm zu Füßen zu werfen und Gnade zu erbitten – für deinen Geliebten. Es ist der Sohn eines mir aus der Heimat bekannten sehr werthen Mannes, des Oberförsters Baumgarten. Er ist deiner würdig, du darfst ihn lieben und er wird dich lieben. Während ich zum Könige gehe, eile du zu Bercagny und erbitte dir die Erlaubniß, deinen Vater im Castell besuchen zu können, ich hoffe zu Gott, du kannst dann dem Geliebten selbst die Begnadigungsacte überbringen, ich werde dich abholen.

Reinhard versprach, Heloisen in aller Maße gefällig zu sein, er ließ anspannen, fuhr mit ihr im Palais vor und erwirkte Audienz.

Hieronymus konnte niemand etwas abschlagen, am wenigsten aber einer schönen jungen Dame, der Tochter einer Palastdame.

Der König befahl sofort, den Grafen de la Ville sur Illon, der sich schon zur Audienz hatte melden lassen, vorzulassen. Dieser wohnte als Rapporteur du Roi dem Kriegsgerichte bei und wollte eben dem Könige über die Haussuchung bei Kitzow und dessen erstes Verhör rapportiren. Der König ließ sich über dasjenige, was gegen den Souslieutenant Georg Baumgarten vorlag, berichten. Er hatte bekannt, von Dörnberg aufgefordert zu sein, an einer allgemeinen Erhebung gegen die Fremdherrschaft teilzunehmen; dies habe er seinem Chef versprochen, wie er glaube, daß auch andere Offiziere und Unteroffiziere dazu bereit gewesen seien, ohne solche nennen zu können, da Dörnberg nur mit jedem einzeln verhandelt habe. In speciellere Plane sei er nicht eingeweiht, von der Bauerninsurrection habe er nichts gewußt. Es sei ihm unmöglich gewesen, gegen seinen Chef, seinen Wohlthäter, dem er seine Beförderung zum Offizier verdanke, zu Felde zu ziehen, und so habe er in der Nacht vor dem Ausmarsche, von den Ereignissen des Tages hoch erregt, zu den Kameraden gesprochen. Welche Worte er gesprochen, erinnere er sich kaum mehr, er habe aber an die Liebe zu Dörnberg erinnert und sei trostlos gewesen, daß gerade die Jäger-Carabiniers, diese Schöpfung Dörnberg's, hätten ausziehen sollen, ihn zu fahnden und gegen ihn zu kämpfen.

Das Kriegsgericht hatte Georg Baumgarten nicht zum Tode verurtheilt, sondern, in Erwägung seiner Jugend und der Verführung durch einen höhern Offizier, nur auf vier Jahre Festungsarrest erkannt. Jérôme milderte das Erkenntniß sofort auf zwei Jahre Festung und bestimmte Spangenberg als Detentionsort. Auch die Erlaubniß, daß der Vater den Sohn besuchen dürfe, erwirkte die schöne Bittstellerin, wie Bercagny der Freundin die Erlaubniß gegeben, den Vater, dessen Haft nur von kurzer Dauer sein würde, täglich zu besuchen.

Heloise holte diese in Reinhard's Wagen, den er ihr gern zur Verfügung stellte, von Haus, brachte dann Oskar Baumgarten die erfreuliche Nachricht über Urtheil und Begnadigung des Sohnes und fuhr von der Wohnung Berlepsch's mit beiden Glücklichen zum Castell. Major Krupp, Commandant des Castells, hatte die Comtesse Heloise mit eintreten lassen und ließ den Vater Agnesens und den Sohn Oskar's gleichzeitig in die Corridors führen.

Herr von Kitzow umarmte seine Tochter, Oskar Baumgarten stürzte auf seinen Sohn zu und schloß ihn in die Arme; aber Georg schien weniger Augen und Ohren für den Vater als für Agnese zu haben.

Der Oberförster selbst war zu aufgeregt, um dies zu beachten, aber Heloise, die Georg scharf ins Auge faßte, um ihr sogenanntes Ebenbild kennen zu lernen, sah, wie derselbe über die Schulter des Vaters hinweg ganz in Agnesens Anschauung versunken war. Der Souslieutenant war ein schöner Mann, und da sie ein Bewußtsein ihrer eigenen Gesichtszüge hatte, mußte sie sich allerdings sagen, daß er ihr bis auf den schwarzen Schnurrbart ähnlich sah.

Er wurde erst aus seiner halben Erstarrung aufgerüttelt, als sein Vater ihn bei der Hand ergriff, zu Heloisen zog und sagte: »Hier Georg, sage der Gräfin Heloise von Wildhausen, deren Bitte du die Erlassung der Hälfte deiner Strafe verdankst, deinen Dank.« Während dieser, der bisher die Anwesenheit Heloisens nicht bemerkt hatte, derselben eine Verbeugung machte und einige unverständliche Worte des Dankes stammelte, hatte sich auch Agnese aus den Armen des Vaters losgemacht, war auf Heloisen zugegangen und wollte dieser das Papier, das den Gnadenact enthielt, zustecken, damit sie es selbst dem jungen Offizier übergäbe. Diese aber umfaßte sie und zog sie vor. »Fräulein Agnese von Kitzow – sie sollte Ihnen, an dessen Schicksal sie den innigsten Theil genommen seit dem ersten Augenblick Ihrer Verhaftung, die sie aus dem Fenster ansah, den Gnadenact überreichen; ich hoffe, Sie werden denselben aus der jüngern Hand ebenso gern empfangen und in mir für alle Zukunft eine mütterliche Freundin sehen.«

Beide jungen Leute errötheten tief, die Jungfrau übergab das Papier stumm, aber ihre Augen sprachen und Georg's Augen erwiderten diese Sprache, als er den Mund auf die Hand drückte, die ihm die Begnadigungsacte überreichte. Auch beide Väter mußten diese Sprache verstehen.

Die Zeit zum Scheiden kam allzu bald. Der Major Krupp öffnete die Corridorthür, die Gefangenen wurden in ihre Zellen abgeführt, und Heloise fuhr mit dem Oberförster wieder zur Wohnung des Staatsraths Berlepsch, der ihm Aufträge für das Haus Berlepsch mitgeben wollte. Oskar Baumgarten eilte zu Haus, denn seine Frau schwebte in Todesängsten, und sein Sohn Hermann erwarte ihn gewiß schon an der Werrafähre.

Die Freundinnen hatten aber das Versprechen geben müssen, daß, wenn der Vater Agnesens aus der Haft befreit würde, sie Baumgarten auf seinem Jägerhofe besuchen wollten, damit Heloise auch den Dank der Mutter Georg's empfangen und diese, wie ihre Freundin Agnese, die dem Sohne so großes Mitleid geschenkt, sehen könne.

Selten war der Monat Mai für ein junges Herz so beglückend wie für die beiden Freundinnen. Heloise, welche ihre Mutter noch mehr misachtete, seitdem sie ihrem Vater die Mitwirkung zur Befreiung Georg's abgeschlagen, hatte an dem Herzen eines Vaters gelegen, den sie hochachten konnte. Sie fühlte sich nicht mehr so einsam und verlassen in der Welt; sie betrachtete es als ihre Aufgabe, das Lebensglück der Familie ihres Vaters, ihrer Stiefbrüder und Schwestern, die sie näher kennen lernen mußte, zu gründen. Zum ersten male freute sie sich darüber, durch das Vermächtniß einer entfernten Verwandten, ihres Großvaters Schwester, die als Aebtissin in hohem Alter in einem Kloster gestorben war, ein kleines Vermögen zur eigenen Disposition zu haben.

Ihr war außerdem so leicht und froh ums Herz, wie ihr seit Jahren nicht gewesen, sie fühlte sich ordentlich jung. Herr von Kitzow war aus dem Gefängniß entlassen; man hatte keine Schuld an ihm gefunden, da ihm die Briefe an Dörnberg versiegelt neben den Dienstsachen zugeschickt waren, und der eigentliche wissende Vermittler nach dem verunglückten Katt'schen Unternehmen aus Magdeburg entflohen war. Kitzow hatte aber um Pensionirung nachgesucht, und diese war ihm in Gnaden gewährt. Er erwog jetzt, wo er seine Lebenstage zubringen wollte, ob in der Heimat, oder in Kassel, oder, wie Heloise im Scherze vorgeschlagen, ob er, um die Gesundheit des Töchterchens zu kräftigen, nach Spangenberg ziehen wolle.

Die Königin reiste von Strasburg in die Bäder von Spaa, und die Gräfin als erste Palastdame wurde dahin befohlen und war abgereist.

Zu dem allen kam noch der liebliche Mai, der seine Blütenpracht in vollem Maße vor freudigen Augen ausbreitete.

Es war am 30. Mai; Heloise war schon morgens fünf Uhr wach und schlürfte aus ihrem Fenster den Duft der Blüten, welchen ein leichter Ostwind zu ihr heraufwehte. Der hohe Uferabhang der Aue war mit dichtem Fliedergebüsch besetzt, das jetzt in üppigster Blüte prangte. Unten in der Aue standen die Kastanienalleen in weißen und rothen Blüten, ja es war keine Täuschung, der Wind, der zwischen Ost und Nordost spielte, brachte, sobald er sich nur ein wenig nördlich wendete, Orangendüfte aus der Tiefe mit, denn die schlimmen Tage des Pancratius, Liberatius und Servatius waren vorüber, und die Orangeriegebäude hatten alle schon seit Landgraf Karl's Zeiten hier gesammelten Gewächse des Südhimmels aus ihrem warmen Winterkäfig entlassen und sie der lieben Gottessonne selbst ausgesetzt.

Unter den unendlich vielen Straßen in Deutschland, die den Namen Bellevuestraße führen, wird sich schwerlich eine zweite an Lieblichkeit mit der kasseler dieses Namens vergleichen können. Zwar fehlt eine Aussicht auf Berge, wie die Staufen und der Unterberg, die sich hinter Salzburg ebenso viel tausend Fuß hoch erheben als die nächsten Berge bei Kassel hundert, auch ist die Fulda kein Rhein, keine Donau, nicht einmal eine Moldau und Elbe, aber die buchenwaldige Lieblichkeit des Hintergrundes, mit der grünen Aue zu Füßen, ist zu reizend. Heloise wenigstens, die außer dem steifen Park von Herrenhausen und dem Wallmoden-Garten noch nichts gesehen hatte, fand sie entzückend.

Agnesens Schlafzimmer lag gerade oberhalb dem Heloisens, und da hatten die Freundinnen dann einen Drahtzug anbringen lassen, sodaß die zuerst Aufgestandene die andere wecken könnte. Heloise hatte schon zweimal geschellt und den Silberton der angezogenen kleinen Glocke in ihrem Zimmer gehört. Agnese mußte schwer schlafen oder süß träumen, daß sie sich nicht ermannen konnte; sollte doch heute die lange projectirte Reise zum Försterhause jenseit der Werra vor sich gehen. Man hatte verabredet, wenigstens den Schwänen das Frühstück zu bringen, wenn man sich auch des weitern Weges zur Meierei enthalten wollte.

Endlich wurde das Fenster oberhalb Heloisens geöffnet, und das blonde Köpfchen Agnesens schaute daraus hervor und grüßte herunter. Dann brach auch sie in ein »Ach, wie herrlich heute!« aus und eilte zu der Weckerin.

Als die beiden Freundinnen die kleine Thür zur Aue, ihrem Hause gegenüber, geöffnet hatten, blieben sie erst lange auf der Höhe des Ufers, weil hier der Flieder zu süß duftete und auch schon einzelne Jasminsträuche ihre weißen duftenden Blütenkelche entfalteten. An den Uferabhängen, die zur Aue führten, fingen die Rosen schon an Knospen zu treiben, und weiß- und rothblühende Dornenbäumchen bildeten den Uebergang zu den hohen schattigen Kastanienalleen, den weiten Plätzen mit dem feinen sammtenen grünen Grase, den Teichen.

Die Schwäne hatten schon längst ihre Gönnerinnen, beide in so weißen Gewändern wie die Schwäne selbst, in Witterung und kamen in ihren langsamen majestätischen Bewegungen von dem entgegengesetzten Ende des Teiches angerudert, während ein Dutzend ausländischer Enten, für die bei Gelegenheit immer etwas abzufallen pflegte, mit wüstem Geschnatter eine die andere zu überholen suchte.

Da das letzte »Laiberchen« vertheilt war unter Schwäne und Enten, schlug Heloise vor, statt nach Süden, wie sonst, nach Norden, nach dem Marmorbade und den Orangerien zu promeniren, um die süßen Düfte des Südens einzuschlürfen.

Als die Freundinnen so unter den Orangenbäumen wanderten, bemerkten sie, daß das Marmorbad geöffnet sei, um gereinigt und durch Licht und Luft zugänglich gemacht zu werden. Beide hatten oft von diesem Kunsttempel sprechen hören, keine hatte aber bisjetzt das Innere gesehen; neugierig traten sie näher und wurden von dem französischen Conservator der Kunstschätze zum Eintritt eingeladen.

Dieser übernahm dann auch die Erklärung.

Das Marmorbad enthielt außer den Monnol'schen Arbeiten, den Metamorphosen nach Ovid, der schönen Diana, dem Centaur, aus der Zeit des vorigen Jahrhunderts, wo man bemüht war, Bewegung in die Producte der Bildhauerkunst zu bringen, und dazu die passenden Scenen wählte, noch manche antike Sachen, die jetzt in das Museum geschafft sind, so die berühmte Victoria, einen antiken Badediener, den halberhabenen Triumphzug des Bacchus. Der Conservator lenkte die Aufmerksamkeit der Damen, um sie von der zopfig-frivolen Darstellung des vorigen Jahrhunderts abzulenken, auf die vierzehn Büsten der ganzen Napoleon'schen Familie von Canova, auf die Antiken und die vier hocherhabenen Marmorarbeiten von Godefroy. Der Besuch, so flüchtig er war, hatte doch mehr Zeit in Anspruch genommen, als man geglaubt, und zu Hause wartete Herr von Kitzow schon mit dem Frühstücke. Die Chocolade und das feine Biscuit, welches die pariser Bäcker nach Kassel übersiedelt hatten, mundete den Mädchen nach einer solchen Morgenpromenade vortrefflich. Heloise, welche über die Equipage der Mutter frei verfügen konnte, da diese sich der königlichen Equipagen bediente, und welche nach der von Kindheit an gewohnten Sitte des zweiten Lunch nicht entbehren konnte, ordnete an, daß dieser und was die Küche sonst Gutes habe, nebst Flaschenkeller in den Wagen geschafft werde.

So war gegen neun Uhr morgens alles zur Abreise bereit.

Als man sich in den Wagen setzen wollte, brachte der Briefträger einen Brief für die Comteß; er trug das Postzeichen Heustedt, die Handschrift der Adresse war Heloisen unbekannt, und sie sagte zu ihrer Gesellschaft: »Ich bin heute so freudig gestimmt, daß ich mir nicht die Laune durch irgendwelche Nachricht, sei sie angenehm, sei sie widrig, stören lassen will. Sie sollen sehen, mein lieber Geheimrath, daß auch ein Mädchen seine Neugierde zähmen kann«, und so verschwand der Brief in ein feingearbeitetes chinesisches Körbchen, über dem sich ein großer seidener Beutel gleich einem umgekehrten Regenschirme bauschte, sodaß Raum für größere Stickarbeiten und Reisebedürfnisse einer Dame vorhanden war, ein Ding, das man Ridicule oder Indispensable nannte.

Ueber den Friedrichsplatz durfte man den Weg nicht nehmen, man mußte um ihn herumfahren, um auf die Königsstraße und den Königsplatz zu gelangen, über den der alte römische Drususthurm am Rande der untern Stadt hervorragte.

Als man über die Fuldabrücke fuhr und links das Castell vor sich sah, erzählte der Geheimrath, daß es in voriger Nacht den Lieutenants von Girsewalt, Berner und Schmalhaus gelungen sei, die Eisenstäbe ihrer Zellen zu durchsägen, und daß die Gefangenen wahrscheinlich auf einem Kahne entkommen seien; einen solchen habe man wenigstens zertrümmert auf dem Mühlwerder dort – man sah stromabwärts eine Mühle – gefunden; von den Entflohenen sei keine Spur entdeckt.

»Man muß es dem Kriegsgerichte lassen, daß es mit großer Unparteilichkeit und Milde verfährt«, fuhr der Geheimrath fort, »gestern ist der Gardemajor von Münchhausen freigesprochen, ebenso der Pfarrer Koch; die zum Tode Verurtheilten: Forstinspector von Buttlar und Karl von Eschweg, sind begnadigt, Hauptmann von Bothmer ist seinem Oheim, dem Bischof Wendt in Hildesheim, zur Ueberwachung übergeben. Ich glaube gern, daß es Wahrheit ist, wenn der König der ständischen Deputation, die ihm durch General von Schlieffen gratuliren ließ, erwiderte: ›daß es seinem Charakter und den Gefühlen seines Herzens zuwider wäre, wenn er gezwungen sei, ein strenges Beispiel zu geben‹. – Daß er sämmtliche Bauern von vornherein als irregeleitet ansieht und sie amnestirt, ist jedenfalls Zeichen eines guten Herzens und eines gewissen Seelenadels.«

Das Gespräch kam natürlich auf den Obersten von Dörnberg, die Herren von der Malsburg, von Buttlar und von Dalwigk, die entflohen und in contumaciam als Verräther am Vaterlande zum Tode verurtheilt waren, während man gegen Lieutenant von Spiegel, die Gebrüder von Gudenberg, Louis von Trott, Metropolitan Martin, Hauptmann Mensing, Friedensrichter Martin, Kreisinspector Berner und andere gleichfalls Entflohene nur Vermögensconfiscation ausgesprochen hatte.

Agnese hörte dem allen gleichgültig zu, sie dachte nur an die Festung Spangenberg und ihren geliebten Insassen.

Es war beschlossen, die Hinreise über Münden zu machen, da sowol Heloisen, die im Winter durchgereist war, als Agnesen, die über Kaufungen gekommen, die Lieblichkeit des deutschen Tempe, wie es Goethe genannt hatte, unbekannt war. Den Rückweg wollte man über Witzenhausen wählen. Die Gesellschaft hatte das vormals letzte hessische Dorf Sangershausen, dessen Häuser, mit sinnigen und frommen Sprüchen geschmückt, sich von denen des ersten Dorfes im frühern Kurfürstenthum Hannover, Landwehrhagen, so wesentlich unterschieden wie die Stämme der Katten und Niedersachsen, durchfahren und fuhr nun langsam die steile Höhe hinauf, denn die Chaussee schlängelte sich noch nicht so wie heutzutage, sondern ging von Kirchthurm zu Kirchthurm den möglichst geraden Weg, von dem man auf Kassel und das Fuldathal, die Napoleonshöhe und den Habichtswald, dahinter links auf die hohen Basaltklippen von Felsberg einen reizenden Anblick hatte.

Auf der Höhe, der ehemaligen Grenze, wo Löwe und Einhorn sich trotzig entgegensprangen, war Kassel schon dem Anblick entzogen. Im tiefen Thale brauste die Fulda über Steingeröll und an ihrem linken Ufer senkte der Reinhardswald sich zu den letzten Anhöhen bei Wolfsanger herab.

Als die letzte Höhe vor Münden, die vor Lutter am Berge erreicht war, mußte man aussteigen, denn hier fiel die Chaussee so steil nach Münden, daß nur schwergehemmte Wagen die Chaussee passirten. Es hatten auch schon die Passagiere verschiedener Wagen diese verlassen, und ein alter Herr mit weißem Haar, den sein grüner Rock als Forstmann kennzeichnete, verließ eben sein Eingespann. Vor dem Wirthshause hielten drei bis vier Frachtfuhrwerke, die von einigen zwanzig bis dreißig Vorspannpferden in die Höhe geschleppt waren.

Hier, mitten im Walde, war ein sehr bewegtes Leben, eine große Verkehrsstätte, eine Schmiede, der es nie an Arbeit fehlte, und daneben ein Wirths- und Wegegeldhaus; heute ist die Straße verlassen, das Wirthshaus verfallen, der Weg in Zickzack den Berg hinauf geführt. Der Jägersmann grüßte Kitzow, als dieser mit den Damen ausstieg, es war der Forstmeister Kuckuk aus Münden, ein alter Schulkamerad des Geheimraths von Halberstadt her. Das Wiedererkennen war freudig. Der Forstmann führte die Gesellschaft auf schattigen schönen Fußwegen den Berg hinab bis zu einem zur Rechten aus der Felswand sprudelnden Born, wo man sich aus dem Feldbecher des Forstmanns erquickte und die Wagen erwartete, die langsam und vorsichtig den Berg hinabfuhren. Auch hatten die Wagenführer es für nöthig erachtet, auf der Höhe den Pferden einen Eimer Wasser, sich selbst aber eine Stange Bier zu gönnen. Es war eine Eigenthümlichkeit der Gegend, die jetzt verwischt zu sein scheint, daß man von Lutter am Berge bis nach Kassel, und wieder weiter hinaus nach Frankfurt und Fulda zu, damals das Bier in hohen langen Gläsern, aus denen man in Berlin die »Weiße« zu trinken pflegte (von den göttinger Studenten Stangen getauft), dargereicht bekam.

Als die Wagen endlich ankamen, mußte sich der Forstmeister zu seinem alten Schulfreunde setzen, und man fuhr nach seiner Anordnung sogleich durch die Stadt zum Werder-Garten, der dem Wirthe Zur Krone gehörte, wo man das Frühstück einnahm.

Die Krone lieferte prächtigen Schinken, frische schöne Butter und Eier, sodaß die Comtesse nicht dazukam, ihr Mitgebrachtes auspacken zu lassen. Man frühstückte mit doppeltem Appetit als sonst zu Hause und trank guten französischen Wein und alten Portwein, der noch aus hannoverischen Zeiten stammte, aus dem Meyer'schen Keller.

Der Forstmeister, wie alle ältern Beamten mit Leib und Seele am preußischen Staate hängend, in dem er groß geworden, brachte das Gespräch bald auf das Dörnberg'sche Unternehmen.

»Der Grebe« (so hieß der Vorsteher oder Schultheiß hessischer Dörfer) »von Meinbressen, mein Gevattersmann, eingeweiht von Herrn von Malsburg«, erzählte Kuckuk, »ließ mir Winke über Winke zukommen, daß es bald losgehen sollte. Ich stand aber im Jahre 1807 in Eschwege und habe erlebt, was die Excesse der entlassenen Soldaten von 1806 für Folgen hatten. Ich war dabei, als die entlassene Soldateska, reine Landsknechte, die der Landgraf an den verkaufte, der am meisten bot, verlassen von allen ihren Offizieren, sich zu Herren von Allendorf und Eschwege machten und Weihnachten den Hauptmann von Uslar-Gleichen zum › Obersten der Hessen‹ proclamirten. Ich habe die Tag und Nacht zechenden und lärmenden Soldaten, die jedem Bürger eine Plage wurden, vierzehn Tage wirtschaften sehen, bis in Allendorf die Bürger selbst aufstanden und sie entwaffneten; und ich weiß, wie in Eschwege, als ein Commissar des Generalgouverneurs drohte, die Stadt in einen Aschenhaufen zu verwandeln, dort das Gleiche geschah. Ich sah das Executionscommando Barbot's am 4. Januar 1807 in Eschwege einziehen und ein paar Wagen mit Pechkränzen auf dem Markte auffahren und Soldaten mit brennenden Lunten dabeistehen, und hörte, wie die Bürger und Weiber heulten und baten, lieber zu plündern, als die Stadt anzuzünden.

»Der Magistrat schickte einen reitenden Eilboten nach Kassel, ließ eine goldene Dose kaufen und übergab diese, goldgefüllt natürlich, Barbot nebst zweitausend Paar Schuhen und Kleidungsstücken für seine Truppen, zufrieden, wenn nur die Pechkränze aus der Stadt gefahren würden.

»Es ist auch trotz aller Aufforderungen niemand aus dem Werrathale diesmal bei dem Aufstande erschienen, sie denken noch alle an das Jahr 1807, wo sie sich die Finger verbrannten.«

»Und doch«, erwiderte der Geheimrath, »muß man glauben, daß, wenn alle die Verabredungen, die man nach den Berichten des › Moniteur‹ getroffen hatte, irgend nur in Uebereinstimmung und Gleichzeitigkeit ausgeführt wären, wenn Katt und Martin nicht zu früh losgeschlagen, wenn der Räuberhauptmann Schill, wie ihn die Franzosen nennen, nicht früher losgebrochen wäre, bis auch der Herzog von Braunschweig-Oels und der Kurfürst in Franken mindestens bis an die Quellen der Werra vorgerückt waren und die Engländer in Emden, Bremen und an der Elbe gelandet, die Siegesbulletins des › Moniteur‹ aus dem Süden wahrscheinlich anders lauten würden als heute.«

»Ich habe den Engländern mein Leben lang nicht getraut«, sagte Kuckuk, »und traue ihnen erst recht nicht, seitdem sie 1803 Hannover im Stiche ließen. Glauben Sie mir, lieber Geheimrath, erst die leichte Besetzung und Ausbeutung Hannovers hat Napoleon es in den Sinn gebracht, einen Kleinstaat, ein Bisthum, Erzbisthum, Grafenthum, Fürstenthum nach dem andern zu verschlucken, bis er Preußen selbst gedemüthigt hat. Ich sollte glauben, die Engländer hätten viel größere Ursache, sich um Deutschland, namentlich um Hannover zu kümmern, als um Portugal, Spanien, Holland, wo sie mit deutschen Truppen Siege erringen. Ich habe daher meine Grünröcke, soweit sie mir an der Fulda, Weser, Werra bis zur Leine untergeben, ernstlich gewarnt und ihnen gesagt: wenn ihr hört, daß 50000 Engländer an der Nordküste Hannovers gelandet sind, so thut, was ihr nicht lassen könnt, früher aber verbrennt euch nicht die Finger.«

So sprachen die Männer hin und her, Heloise hörte mit Aufmerksamkeit zu, ihre jüngere Freundin hatte sich an die Spitze des Werders begeben, um dort dem ewigen Vermählungsfeste von Fulda und Werra zuzuschauen und von dem Gefangenen in Spangenberg zu träumen.

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