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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Zweites Kapitel.
Vor dem Rathskeller.

Es war acht Tage nach Pfingsten, als die Honoratioren Heustedts an einem schönen Nachmittage sich vor dem Rathskeller zu einem kühlen Trunke alten Rheinweins, wie alltäglich im Sommer, versammelten. Der behäbige, beständig schmunzelnde Wirth, Herr Krummeier, mußte auf einen zahlreichen Besuch rechnen, denn er hatte zu beiden Seiten der Hausthür die großen runden Tische aufgestellt und die mit Leder überschlagenen Stühle mit den geraden langen Lehnen. Für den Forstschreiber Haus, der häufig am Zipperlein litt und keinen Zug ertragen konnte, wenn er zu Hause und misgelaunt war nicht einmal das Aufziehen einer Kommodenschieblade, weil das Zug verursache, war auf der steinernen Bank ein bestimmter Platz reservirt und mit einem abgesessenen Plüschkissen belegt; ein zweites für seinen Rücken hing an der Wand. Es war ein stattlicher Mann, der Herr Forstschreiber, wie er mit langsamem Schritt in einem grünen Frack mit kurzen breiten eingeschlagenen Schößen und breiten Patten auf der Brust, im breiten Ledergurt, der den dicken Bauch statt einer Taille umfaßte, den Hirschfänger an der Seite, einhertrat. Er trug freilich einen dreieckigen Hut, aber keinen Zopf, sein schon grau melirtes braunes Haar fiel ihm in natürlichen Locken um den breiten Hals. Jetzt setzte er sich, zog die Pfeife mit dem gemaserten ulmer Kopfe aus der Tasche, stopfte sie aus einem wildledernen Tabacksbeutel, nahm Stein, Stahl und Schwamm in die Hand und schlug mit dem ersten mal Feuer. »Ja! ja, wer's mit seinen funfzig Jahren noch so kann, wie der Herr Forstschreiber!« schmunzelte der Wirth, indem er ein im Sonnenschein wie Gold funkelndes Glas Wein vor demselben niedersetzte. – Ein Lächeln überzog das Gesicht des Gastes. Sehen wir uns dieses an. Woher kommt es, daß uns, die wir beinahe hundert Jahre später leben, Gesicht und Gestalt so bekannt vorkommen, ja ich möchte sagen anheimeln? Die Gestalt, nun ja, sie erinnert an den tapfersten der Tapfern, unsern lieben Hans Falstaff. Aber das Gesicht? Ja da haben wir es, diese kleinen schlauen lächelnden Augen, dieser breite, aber ironische Mund, diese Nase, die freilich noch keine neue gebiert, aber auf rühmlichst bestandene Kämpfe hinter dem Römer hinweist, erinnern sie uns nicht an das allbekannte Gesicht des Kladderadatsch? Und doch ist er die Seele des Oberforstamtes, ohne die sein Chef, der Oberforstmeister von Teufel, nicht acht Tage als solcher leben und existiren könnte, denn der Herr gehörte nicht zu den klugen Teufeln, wohl aber zu der hannoverischen Aristokratie, von der man sagte, daß sie nichts zu wissen und nicht zu lernen brauche, daß bei ihr der Verstand mit dem Amte komme. Herr von Teufel kannte seinen Oberforstamtsbezirk sehr wenig. Von Forstculturen, haubaren Beständen, von Boden, der mit Eichen, Buchen, Birken oder Kiefern bestellt werden mußte, hatte er keinen Begriff; das Einzige, was er verstand, war, daß er einen Rehbock von einem Kalb unterscheiden, einen Hasen schießen, und wenn es die Noth erforderte, einen Eber abfangen konnte. Am liebsten ging er auf die Schnepfenjagd; – er war ein alter Junggeselle. Aber er war von sehr altem Adel, seine Urahnen hatten große Verdienste um das Fürstenhaus gehabt, man mußte ihn placiren. Die Forstcarrière erforderte kein Genie. Als Oberforstmeister bezog er einen Gehalt von 3000 Thalern. Ihm wurden zwei Wagenpferde und zwei Reitpferde vergütet, damit er seinen großen Bezirk bereisen könnte, nie war er aber über die nächsten Forstreviere hinausgekommen, und Unterförster wie reitender Förster spielten ihm manchen Streich. Alle Arbeit fiel auf den schlecht besoldeten Forstschreiber, einen Lebemann, der viel arbeiten mußte, aber auch viele Bedürfnisse hatte. Herr von Teufel war daneben geizig, von ihm selbst hatte Haus für alle Arbeit, die er für ihn that, nichts, als daß er auf Geschäftsreisen Wagen und Pferde seines Chefs benutzen durfte, während er sich daneben Diäten und Extrapost anrechnete. Außerdem fielen manche kleine Accidentien, namentlich für die Küche ab, dafür, daß er ein Auge zudrückte zu dem, was er sah, und was der Herr Oberforstmeister nicht sah. Das Accidentienwesen, das Leben und Lebenlassen, das ein Auge Zudrücken, damit zur rechten Zeit ein anderes Auge gleichfalls zugedrückt werde, hatte unter dem aristokratischen Regiment im Lande der Welfen, wie in manchen andern, die höchste Stufe erreicht. Die schlecht bezahlten Arbeiter suchten Nebenverdienste, und die gut bezahlten Nichtsthuer begünstigten das in aller Weise, um zufriedene Diener zu haben.

Der Forstschreiber war schon seit funfzehn Jahren verheirathet, er hatte aber erst im zehnten Jahre der Ehe das Glück gehabt, daß ihm ein Sohn geboren wurde, und seitdem auf Andrängen der Ehehälfte verschiedentliche Versuche gemacht, etwas zurückzulegen, was ihm aber nicht gelungen war. »Wer kann bei einem Fixum von 600 Thalern etwas zurücklegen?« pflegte er zu sagen, »mag sich der Junge durch die Welt schlagen, wie ich selbst es gemußt habe.«

Mit hastigem Schritte kam jetzt ein kleiner beweglicher Mann, einen großen Rohrstock mit goldenem Knopfe in der Hand, in seinem braunen Frack mit übergeschlagenen Patten, dreieckigem Hute, schön gepudertem, in zwei Locken gelegtem, hinten zum Zopf zusammengebundenem Haar, weißem glattrasirten Gesicht, weißem Halstuch, dessen Spitzenenden tief auf die große seidene Weste hinabfielen. Er kam mit einer Hast, als wenn er etwas versäumt habe, setzte sich auf einen Stuhl in der Nähe des Forstschreibers, legte den Hut auf den Tisch, wischte sich den Schweiß von der Stirn, zog dann eine große Horndose aus der Tasche, präsentirte sie seinem Nachbar und nahm selbst eine Prise. Haus nieste stark auf. »Prosit, Herr Bruder«, sagte der Kleine, »gut, daß wir unter uns sind. War heute Morgen im Sellinge, zu versuchen, ob mit dem Rietbauer ein Vergleich zu schließen sei. Herr von Teufel will, wie du weißt, die Sache um jeden Preis aus der Luft haben, fürchtet Verweise von Hannover, mag einsehen, daß dem Rietbauer unrecht geschehen ist. Ist aber nicht auf den Kopf gefallen, der Rietbauer, hat heute im Termin an Ort und Stelle den reitenden Förster so zugedeckt mit Spitzen über die vortrefflichen Waldculturen desselben, die verdienten in Hannover zur Nachahmung bekannt zu werden, daß der reitende Förster, der ja eigentlich die Ursache des Streits ist, ganz kleinlaut wurde und mit einem Vergleichsvorschlage herankam, den selbst der Rietbauer und mein College Bardeleben annehmbar fanden. Soll die streitigen zwanzig Morgen Wiesen am Riet haben, dagegen aber am Hämelsberge vierzig Morgen zu Forstculturen abtreten; kennst ja den Sandboden dort. Wird auf dich ankommen, den Vergleich zur Genehmigung bei der Rentkammer zu empfehlen, möchte aber dazu rathen.

»Uebrigens treibt es der Hacke doch zu arg. Bisher waren es nur sechs bis sieben Morgen Weizen, die er im Walde cultivirte, dies Jahr sind es zehn Morgen, und dann an einer zweiten Stelle noch zwei Morgen mit weißem und braunem Kohl. Wie viel Geld wird der Rentkammer für Anpflanzung von Eichheistern auf diesem Terrain berechnet?«

»Amtsadvocat und Bruderherz«, erwiderte Haus und kniff das linke Auge ganz zu, mit dem rechten verschämt lächelnd, »bist heute Morgen wol einige Stunden zu früh aufgestanden, und dein Fuchs ist ein Harttraber, siehst viel zu schwarz. Bin ich doch seit zehn Jahren nicht in Hacke's Revier gewesen, da es das einzige ist, das mein würdiger Chef selbst inspicirt. Ich sehe nichts, was er nicht sieht, ich höre nichts, was er nicht sagt. Hat immer verdammt hübsche Deeren der Hacke, ist ein Blitzkerl, weiß den Alten um den Finger zu wickeln. Neue Methode das, sollen Eichen besser wachsen, wenn das Land erst einige Jahre ordentlich umgearbeitet, bedüngt und mit Früchten bestellt ist. Hat Erlaubniß zum Versuch mit vier Morgen, und wenn der Versuch gelingt, mit noch acht Morgen. Wird nun wol das Ganze in Cultur gesetzt haben, ist eine schwere Arbeit, und wenn schließlich als Resultat herauskommt, daß sich das Land zum Ackerbau besser eignet als zur Forstcultur, hat die Rentkammer noch immer Vortheil. Was den Kohl anlangt, lieber Freund und Bruder, nichts wie eine Hasenfalle. Bedenk, was du sprichst. Hacke hat mir im vorigen Jahre drei Rehböcke, zwei Hirschkeulen, ein Paar Dutzend Rebhühner und Becassinen geschickt, und dann jene Birkhühner, die dir so ansgezeichnet mundeten. Dafür überlasse ich Herrn von Teufel das Hacke'sche Revier zur Revision.«

»Sollte mich sehr irren«, versetzte scheu lächelnd der andere, »wenn nicht auch in die Küche der Frau Liebsten dein so ein Dutzend Langohren und etwas Geflügel und Hochwild Eingang gefunden hätten. Ist ein verständiger Mann der Hacke, brauchst ihm nur anzudeuten, daß seine Hasenfalle im Sellinge ihm wol das Schießen sehr erleichtere, wird's verstehen. Uebrigens soll euer Vergleich bestens empfohlen werden, obgleich das Brot gegen Stein vertauschen heißt.«

Es trat ein neuer Ankömmling an den Tisch, ein langer dünner Mann im silbergrauen Kleide, grauen Kniehosen, weißen Strümpfen und Schnallenschuhen. Sein Zopf war sehr lang und steif, und ebenso steif war sein Rücken.

Der an seiner Seite hängende Galanteriedegen benahm sich sehr störrisch und machte das Niedersitzen des steifen Herrn zu einer Kunst. Das war der Amts- und Kornschreiber Motz. Beinahe gleichzeitig mit ihm erschien der kaiserliche Notarius und Advocat Bardeleben, der im Geruche stand, nach dem Forstschreiber der größte Freigeist und Spötter zu sein, ein echter Voltairianer und Feind »der Schändlichen«. »Seiner Hochwohlgeboren Herr Oberhauptmann von Schlump«, sagte er, »geht, wie ich vor meinem Hause gesehen, tief in Gedanken versunken schon seit einer Stunde auf der Brücke auf und ab, der Schweiß rinnt ihm von der Stirn. Ich wette zehn Buddel gegen einen, daß er darüber nachdenkt, mit welchen Redensarten er morgen die Excellenz begrüßen will, oder daß er die vom Supernumerar Thorschreiber, wollte sagen Amtsschreiber, entworfene Rede einexercirt.« Mau lachte, der Forstschreiber wollte etwas erwidern, in diesem Augenblicke trat aber der Wolf in der Fabel um die Ecke des Rathskellers, grüßte steif und vornehm und nahm den für ihn reservirten Stuhl ein. Von der andern Seite, aus seiner Hausthür, keuchte der Freiherr Kurt von Vogelsang heran, ein noch junger Mann, aber über zweihundert Pfund schwer, seit kurzem von der Provinziallandschaft zum Landrath erwählt. Sein Gesicht verrieth mehr Gutmütigkeit als Intelligenz, seine Körperfülle bei vierunddreißig Jahren mehr Phlegma und Gleichgültigkeit als Energie.

Es kam noch der eine und der andere, der Bürgermeister der Stadt, der Advocat und Gerichtshalter Prinzhorn, der Baron von Bardenfleth, der Forsteleve Oskar Baumgarten. Die jüngern Leute nahmen an dem zweiten Tische jenseit der Thür Platz. Die Unterhaltung bewegte sich zunächst vertraulich zwischen den nächsten Nachbarn. Als indeß der Wirth, der das Bedürfniß eines jeden kannte, diesem ein Glas, dem eine halbe Flasche, dem eine Drittelflasche mit dickem Bauche vorgesetzt, verschiedene neue Thonpfeifen gebracht und einen marmornen Tabackskasten mit Knaster auf den Tisch gesetzt hatte, berührte der Forstschreiber das Thema des Tages, das allen auf dem Herzen und vielen schon auf der Zunge lag. »Wird die gnädige Excellenz morgen schon annehmen?« sagte er. »Sollte es glauben«, entgegnete der Gerichtshalter, »hoffe auch, daß wir morgen schon zum Diner befohlen werden. Wird sehr großartig werden, der Gerichtsdiener hat mir berichtet, daß schon gestern drei kurfürstliche Rüstwagen angekommen, auch Küchenmeister, Mundkoch, Bratenmeister, Gegenküchenschreiber und anderes Volk.«

»Es wird der Aufenthalt der Excellenz wenigstens lange dauern«, verlautete der Forstschreiber, »haben vom Oberjägermeister Befehl erhalten, die gräfliche Tafel acht Wochen mit Wild zu versehen, gestern schon zwei Rehböcke geliefert und ein Dutzend wilde Enten. Nach Herrenhassel Befehl, einen Hirsch zu schießen, Federschützen überall in Thätigkeit gesetzt. Verdammt schlechte Zeit jetzt, werden unsern Wildstand schön ruiniren.« »Möchte, Excellenz wäre wo der Pfeffer wächst«, brummte der Landrath halblaut. Der Supernumerar Amtsschreiber fragte, zum Herrn Oberhauptmann aufsehend: »Ist es denn wahr, daß die gnädige Gräfin hier ihre Wochen abhalten will?«

»Da muß Er den Leibmedicus fragen«, erwiderte der Oberhauptmann von Schlump kalt. »Da kommt er, lupus in fabula«, riefen mehrere. Der Leibmedicus Dr. Ludolph Chappuzzeau, ein kleiner geschniegelter Herr, »wie aus der Lade genommen«, sagte man in Heustedt, hatte die Frage noch vernommen, er begrüßte die Gesellschaft sehr förmlich und hatte die Ehre, wie er sagte, bestätigen zu können, daß Ihre Excellenz die Gräfin von Wildhausen Heustedt die Ehre erzeigen würde, ihr erstes Wochenbett im Schlosse ihrer Ahnen zu halten. Es trat eine Pause in der Unterhaltung ein, da dem Leibmedicus erst ein Stuhl gebracht werden mußte.

»Aber Forstschreiberchen, Forstschreiberchen, schon wieder hinter der Flasche? Ist doch das Zipperlein erst seit drei Wochen vertrieben«, sagte der Arzt.

»Nur gefärbtes Wasser, Herr Leibmedicus, – reine Gottesgabe.«

Im Hause des Oberhauptmanns schien Damengesellschaft zu sein, denn es verging keine Minute, daß nicht ein Damenkopf mit hoher Frisur aus einem der offenen Fenster hervorkam, um nach Osten zu schauen. Jetzt hörte mau in der Ferne das Geräusch eines Wagens, und fünf Köpfe schauten auf einmal aus den Fenstern, und sämmtliche Herrenköpfe, die nach dem Rathskeller zugewendet waren, drehten sich nach Osten. Ein Wagen kam in starkem Trabe die hohe Brücke herab. »Ist nicht!« sagte der Forstschreiber, »ist nur der Oberdeichgräfe.«

Der Wagen kam näher, ein einzelner alter Herr saß darin, der freundlich grüßte und gegrüßt wurde.

»Kennen die Herrschaften denn die neueste Geschichte von meinem Herrn Gevatter?« fragte der Gerichtshalter und fing sogleich zu erzählen an:

»Vorgestern, als die Frau Oberdeichgräfin große Wäsche halten will, fehlen sechs neue Hemden, die sie erst zu Weihnachten ihrem Manne geschenkt. Natürlich großer Lärm. Es wird zu mir geschickt, die Hemden müssen von den Dienstboten gestohlen sein, behauptet die Frau. Ich soll die Koffer der Dienstboten und des Kutschers öffnen lassen, dies geschieht. Es findet sich nichts. Der Kutscher ist erbost, er sagt, ich solle nur einmal den Verschlag in der Kutsche des Herrn öffnen, der käme ihm verdächtiger vor als sein Koffer, der stänke seit acht Tagen schon, als sei eine Kindesleiche darin.

»Ich begebe mich auf das Studirzimmer des alten Herrn, er sitzt in Acten vertieft und schiebt, als ich hineinkomme, die Brille von den Augen auf die Stirn, wo schon zwei Brillen sitzen, in demselben Augenblick fängt er aber auch sofort an, nach einer Brille zu suchen und auf dem Schreibtische herumzutappen. Ich will einen Scherz machen und sage: »Lieber Gevatter, ich komme in einer ernsthaften Criminalangelegenheit. Es ist zur Anzeige gekommen, daß in Ihrem Kutschkasten ein neugeborenes Kind seit länger verborgen sei, das jetzt in Verwesung übergegangen. Ich bitte um den Schlüssel dazu . . .« Der alte Koch wird blaß, er fängt am ganzen Leibe zu zittern an, dann fällt er mir in die Arme und schluchzt: »Ums Himmels willen, Gevatter, daß meine Frau nichts erfährt. Hier ist der Schlüssel, verbergen Sie sofort das Ding unter dem Mist.« »Das Kind?« sage ich. »Ach was Kind«, schreit jener, »den schönen Kalbsbraten, den ich vor vier Wochen in Nienburg bei Spellerberg gekauft, um meine Frau zu überraschen, und in dem verdammten Kutschkasten habe liegen lassen.« Ich halte mir den Bauch vor Lachen; indeß kommt auch schon die Frau wie eine Furie heraufgestürzt: »Was ist das mit dem Wagen? Die ganze Remise stinkt ja wie die Pest, her mit dem Schlüssel!« Ich bemühe mich, die Frau zu besänftigen, den Vorfall aufzuklären, mein Gevatter habe ihr eine Ueberraschung bereiten wollen, bei seiner Rückkunft aber von Geschäften in Empfang genommen, habe er den Kalbsbraten vergessen.

»Nun ging aber der Lärm erst los. Als ich glaube, die Frau habe sich ausgetobt, kommt auf einmal ein neuer Raptus über sie. »Er ist der Dieb«, schreit, sie, »der alte Basel-Peter ist der Dieb! Ich muß ihn selbst untersuchen.« Damit springt sie auf den Mann zu, reißt ihm Schlafrock und Weste auseinander. »Da haben wir's, hat der Basel-Peter wahrhaftig sechs Hemden eins über das andere gezogen bei der Hitze! Mann, Mann, was soll daraus noch werden, du steckst mir in der Baselei noch das Haus über dem Kopfe an.«

»Ich konnte nicht länger bleiben, ich wäre vor verbissenem Lachen erstickt.«

An beiden Tischen lachte man laut, selbst das ernsthafte Gesicht des Amtsschreibers verzog sich zu einem sauern Lächeln.

Wie selbstverständlich, wußte nun jedermann von der Vergeßlichkeit des alten Herrn zu erzählen, und doch war dieser tüchtiger als die meisten, die hier versammelt waren.

Als der Anekdotenvorrath über den Oberdeichgräfen erschöpft war, begann der Hofmedicus sich durch Husten, Schnauben, Räuspern zum Sprechen vorzubereiten. Man kannte seine Manier. Man wußte, daß jetzt etwas Gewichtvolles kommen würde. »Herr Oberhauptmann«, begann er, »werden wol heute Morgen gesehen haben, daß eine Extrapost durchfuhr.« »Jawohl«, nickte Herr von Schlump, und jener fuhr fort: »Der Postmeister hatte seine Pferde auf dem Acker, und während des Umspannens besuchte mich der Insasse des Wagens. Es war der Hofchirurg Ihrer Majestät der Königin Mathilde von Dänemark, der seine in Syke wohnenden Aeltern besuchen wollte. Die Königin ist vor acht Tagen mit ihrem Gefolge in Stade gelandet. Mein College mußte gegenwärtig sein, als man am 27. April Struensee und Brandt enthauptete. Ein schauderhaftes Schauspiel, da der Scharfrichter vier- bis fünfmal zuhieb, ohne Struensee's Kopf vom Rumpfe zu trennen, und diesem Schauspiele sah Juliane Marie, mit dem Tubus in der Hand, vom Schloßthurme der Christiansburg zu.

»Mein College versichert hoch und theuer die Unschuld Mathildens, obgleich dem Struensee durch die Folter das Geständniß abgepreßt wurde, daß er mit ihr ein zärtliches Verhältniß gehabt. Alles sei nur eine schändliche Intrigue der Königin-Witwe, zur Herrschaft zu gelangen.

»Die Königin«, fuhr der Erzähler wichtig fort, »hat sich nach der Göhrde begeben, begleitet von der Oberhofmarschallin von Werpup, der Majorin von Ompteda und der Gesandtin von Steinberg, außer der von Dänemark mitgebrachten Dienerschaft. Graf Platen fungirt als aufwartender Hofjunker. Es würde unsere gnädigste Gräfin, die ja Jugendfreundin der Königin ist, zur Gesellschafterin der höchsten Frau befohlen sein, wenn sie sich nicht in den jetzigen Umständen befände.«

Damit war dem Stoffe der Unterhaltung neue reichliche Nahrung gegeben. Die furchtbare blutige Hofintrigue war in ihren Details sehr wenig bekannt, in ganz Heustedt hielt nur der Oberhauptmann eine Zeitung, die »Berlinischen Nachrichten von Staats- und Gelehrten Sachen«. Er konnte daher mindestens einiges referiren. Diese Relation wurde durch ein Ereigniß unterbrochen, das wir erst im nächsten Kapitel näher erörtern.

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