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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Am 22. April fand auch in Kassel eine Inspection statt, um die Marschbereitschaft der verschiedenen Truppen zu prüfen. Oberst Ducoudras, jetzt Graf von Benterode, hielt sie ab. Dörnberg war in seiner Nähe, es war mittags, und am Abend sollten die Sturmglocken auf allen Dörfern geläutet werden, während der Nacht wollten die Kasselaner dann ihren Putsch versuchen. Da erschien ein Mitverschworener, Hauptmann von der Groben, an Dörnberg's Seite und flüsterte ihm zu, Martin habe schon morgens losgeschlagen, und die Nachricht sei soeben in Kassel angelangt, sämmtliche Truppen würden alarmirt werden. Es erschien auch unmittelbar darauf ein Adjutant des Königs mit der Meldung, es sei im Lande Revolution ausgebrochen. Dörnberg erhielt Befehl, mit zwei Garde-Jägerbataillonen die Napoleonshöhe zu besetzen; die Garde-du-Corps, Garde-Chevauxlegers, beide dem Könige treu ergeben, sollten das Schloß, den Königs und Friedrichsplatz besetzen.

Da Dörnberg's Jäger nur zur Inspection aufmarschirt waren, so waren sie mit scharfen Patronen nicht versehen, und seine Bataillone hielten vor dem Hause des Ministers von Waitz, dem sogenannten Prinzenhause neben dem Opernhause, damit diese herbeigeschafft würden. Dörnberg überlegte eben mit sich, ob es zweckmäßig sei, in diesem Augenblicke die Verwirrung zu benutzen, seine Truppen zu haranguiren und sich offen für die Revolution zu erklären. Es war zu spät, schon schwenkte eine Schwadron der Garde-Chevauxlegers von dem untern Theile des Friedrichsplatzes nach dem Schlosse zu, um die Jäger-Carabiniers, welche an diesem Tage die Wache hatten, abzulösen, eine andere Abtheilung derselben Reiter ritt zum Frankfurter Thore, um dort dasselbe zu thun; am Königsthore hatte Georg Baumgarten das Commando der Wache, dieser mußte nothwendig avertirt werden, ehe er abgelöst wurde.

Als Dörnberg noch überlegte, welchen seiner Leute er am besten zu Georg sende, kam der Lieutenant von Bothmer im schnellen Schritt über den Friedrichsplatz auf Dörnberg zu, der ihm entgegeneilte, und flüsterte ihm zu: »Oberst, fliehen Sie so schnell als möglich! Der König weiß alles und ertheilt wahrscheinlich in diesem Augenblick den Befehl zu Ihrer Verhaftung. Soeben hat in meiner Gegenwart der Rittmeister von Schlottheim dem Könige Ihren Namen genannt, dieser hat ihm einen Befehl an Ducoudras zugeflüstert, den ich nicht gehört, der sich aber auf Sie beziehen muß, und ist ins Conseil gegangen. Unsere Jäger-Carabiniers werden an allen Wachen abgelöst, was allein schon auf Verrath deutet. Ich selbst werde mich bis morgen verborgen halten, um zu sehen, welche Hülfe von Homberg kommt.«

Dörnberg hatte nicht lange Zeit zum Besinnen – er mußte es aufgeben, in Kassel selbst den Aufstand zum Ausbruch zu bringen, mußte dies den Mitverschworenen überlassen und selbst nach Homberg eilen, um von dort mit den übergegangenen Truppen und den Bauern aus Kassel loszumarschiren.

Dörnberg rief Bothmer leise zu: »Benachrichtigen Sie Berner und sagen Sie ihm, daß ich morgen früh vor Kassel zu stehen hoffe. Er soll, sobald er von der Höhe der Knallhütte drei Raketen in die Luft steigen sieht, Sturm läuten lassen in allen umliegenden Dörfern, womöglich in Kassel selbst. Kann er das schwach besetzte Castell nehmen, Oberst Krupp und seine Invaliden werden ihm kein zu großes Hemmniß bereiten; wenn man die Wälle erreichen kann, so soll er das nicht versäumen!«

Dörnberg übergab das Commando dem Hauptmann von Malsburg, indem er diesen anwies, sobald die Patronen vertheilt seien, nach Napoleonshöhe zu marschiren und dort ihn selbst oder weitere Befehle zu erwarten, da er eine neue Ordre des Königs auszuführen habe.

Das schöne jetzige Königsthor oder Wilhelmshöher Thor am Ende der Königsstraße existirte damals noch nicht. Es wurden an demselben die beiden massiven Thorwachen gebaut und der große runde Platz geebnet und mit Akazien bepflanzt, wie die gerade Straße, welche von dort auf das Schloß der Napoleonshöhe und den Hercules darüber hinaus führt, erst in Angriff genommen wurde.

Der Weg nach Napoleonshöhe führte damals noch durch das Weißensteiner Thor, welches Königsthor genannt wurde, jene krumme Allee entlang, die jetzt den Namen Alte Wilhelmshöher Allee führt.

Dörnberg ritt in schlankem Trabe die Königsstraße hinauf durch die jetzt sogenannte Wilhelmshöher Straße, die man damals nur die Fünffensterstraße nannte, weil alle Häuser fünf Etagen hoch gebaut waren; und hielt vor der Thorwache. Als Georg Baumgarten herausgetreten, sagte er diesem: »Ungeschick und Verrath hat unsere heilige Sache in diesem Augenblicke in schlimme Lage gebracht. Martin ist schon gestern losgebrochen und die Nachricht vor kurzem angekommen. Man mistraut Ihren Jägern und wird sie ablösen. Ich eile nach Homberg und werde in der Nacht, spätestens morgen früh mit dem Volksheere vor den Thoren Kassels stehen. Halten Sie, lieber Baumgarten, den Muth der Getreuen inzwischen aufrecht und thun Sie für das Vaterland, wenn die Stunde schlägt, was Sie können. Ich vertraue Ihnen, auf Wiedersehen!«

Und er sprengte dahin auf dem Wege nach Napoleonshöhe, kreuzte die neue Anlage da, wo Jérôme eine mächtige Kaserne bauen ließ, um über Wehlheiden die Chaussee nach Frankfurt zu erreichen und dann später noch weiter zur Linken nach Homberg abzubiegen.

In Felsberg, das er schon ganz im Aufstande fand, nahm Dörnberg ein neues Pferd und gab seinen in Schweiß gebadeten Rappen dem Greben in Versorgung. So traf er erst gegen fünf Uhr abends in Homberg ein. Hier fand er alles in Verwirrung; die Bauern hatten mit den zu ihnen übergegangenen Kürassieren vom Morgen bis zum Abend auf das Wohl des Kurfürsten und Vaterlandes getrunken, recht schlechten hessischen Schnaps getrunken; jeder wollte befehlen, gehorchen niemand. Weder Martin noch die sonstigen Civilisten, nicht einmal sein Vater, der Metropolitan, vermochten sich Ansehen zu verschaffen, namentlich in Bezug auf die Zuzügler. Ohne Dörnberg's Hinzukommen wäre die ganze Geschichte von selbst aufgeflogen. Jetzt sammelten sich die Führer im Stiftsgebäude und beschlossen, den Sturm auf Kassel zu wagen.

Es geschah das in Erwartung nicht nur der Zuzüge aus Oberhessen, sondern man hoffte auch, wenn man von oben her in Kassel ankomme, von unten her, von der Diemel, von Karlshafen, Hofgeismar, Hombrexsen, wie von der andern Seite von Kaufungen, Witzenhausen, Allendorf, Eschwege Tausende vor der untern Stadt zu finden. Auch zweifelte man nicht, daß nicht nur die Jäger-Carabiniers, sondern auch die Garde-Jäger zu dem Volke übergehen würden, sobald sich Dörnberg nur zeige, und glaubte sogar bestimmt, daß die Soldaten der übrigen Regimenter auf das Volk nicht schießen würden. Es wurde noch einer der Acte, die bei einem Volksaufstande nicht fehlen dürfen und die der Sache in der That einen Anstrich von Würde verliehen, der ihr bis dahin gefehlt, in Scene gesetzt. Fräulein Karoline von Baumbach übergab Dörnberg eine rothweiße Fahne mit der Devise: »Sieg oder Tod im Kampfe für das Vaterland«, der Metropolitan Martin sprach ein Gebet, Dörnberg hielt eine kurze Anrede. Er hatte ein neues Pferd bestiegen, da er das seinige gestärkt in Felsberg zu finden hoffte, und gegen acht Uhr abends brach man auf. Eine schwere Dunkelheit hatte sich über die Erde gelagert, sodaß Männer mit Laternen dem Zuge vorangehen mußten. Mit Feuergewehren waren nur wenige bewaffnet, die Menge führte Dreschflegel, Mistforken, alte Spieße und Säbel. Man glaubte ziemlich allgemein, man brauche nur in Kassel einzuziehen und die Franzosenfreunde zu plündern, denn, flüsterte man sich geheimnißvoll zu, der Kurfürst sei in Kassel und Jérôme sitze schon im Castell.

In Kassel hatte man sich indeß von dem ersten Schrecken bald erholt, obwol es der hohen und geheimen Polizei nicht gelingen wollte, die Fäden zu finden. Erst der Oberstallmeister von Schlottheim leitete auf die Spur, spät nachmittags. Denn hatte auch schon der Rittmeister von Schlottheim gegen den König am Morgen den Namen Dörnberg ausgesprochen, so war damit der Oberst nicht gemeint, sondern das Dorf Dörnberg bei Wolfhagen, in dessen Nähe sich Aufrührer versammelt hatten. Das Entfliehen Dörnberg's war ohne Grund geschehen, weder Polizei noch König wußten um seine Betheiligung, als er sein Commando verließ.. Erst diese Flucht führte durch einen jener Zwischenzufälle, die so oft große Dinge vereiteln, zur nähern Entdeckung.

Der Neffe des Oberstallmeisters, Lieutenant Franz von Gayl, war zur Zeit begünstigter Hausfreund bei dem Oberstallmeister Schlottheim. Die Flucht Dörnberg's, die erst nachmittags bekannt wurde, da dieser bei seinem Commando auf Napoleonshöhe nicht eintraf, setzte ihn, den Mitverschworenen, in solche Angst und Verwirrung, daß er gleichfalls zu entfliehen beschloß, vorher aber Abschied von seiner Herzensfreundin Flora nehmen wollte. Bei dieser Gelegenheit benahm er sich so auffallend, daß es Flora leicht wurde, ihm den Grund seiner Angst abzufragen.

Flora erfuhr, daß Dörnberg, Gayl wie verschiedene Offiziere von einem beabsichtigten allgemeinen Aufstande unterrichtet und ihnen das Versprechen abgenommen habe, mit ihren Leuten zur heiligen Sache des Vaterlandes zu stehen. Nun hatte Dörnberg seit Mittag die Flucht ergriffen, die Sache mußte also verrathen, der Aufstand mislungen sein, Gayl fürchtete mit einem Worte, daß sein Antheil an der Sache entdeckt sei, wollte Abschied auf ewig nehmen und entfliehen. Flora wollte aber ihren Herzensfreund nicht missen, sie veranlaßte ihren Gemahl, zum Könige zu gehen und diesem unter der Bedingung, daß Gayl begnadigt werde, mitzutheilen, was Flora diesem entlockt hatte. Das war nun freilich nicht viel. Dörnberg hatte viel von einer Landung der Engländer an der Nordküste und einer allgemeinen Erhebung gesprochen, er hatte bei einer Bowle Gayl und zwei andern jungen Offizieren das Wort abgenommen, der Sache des Vaterlandes gegen die Fremdherrschaft zu dienen, und Gayl kannte eben nur die Theilnehmer, welche damals zugegen gewesen waren. Jérôme sagte Gayl Begnadigung zu und ließ die von ihm verrathenen beiden Kameraden verhaften.

Die Polizei erhielt durch diese Anzeige die erste Kunde, daß es sich nicht nur um einen Bauernaufstand, sondern um Militäraufwiegelung handle, über deren weitere Verbreitung die Kunde fehlte. In der Hauptsache war man aber beruhigt, man hatte aus Paris längst Kunde, daß der Plan einer Landung von den Mündungen der Weser und Elbe an der Hartmäuligkeit Castlereagh's oder vielmehr an der englischen Handelspolitik gescheitert war, der mehr daran lag, die Marineetablissements und Seearsenalmagazine Napoleon's in Antwerpen zu zerstören, als Hannover und Norddeutschland freizumachen. Ebenso war die Kunde von Magdeburg angekommen, daß Katt's Corps zersprengt, er selbst gefangen sei. Von den treu gebliebenen Kürassieren unter von Marschalk, die von Homberg nach Melsungen zurückgekehrt, traf Nachricht ein, der Bauernaufstand sei unbedeutend, und Marschalk zeigte an, daß er im Fuldathale herabreiten und bei Zweeren die Straße nach Frankfurt erreichen würde, wo er gegen Morgen ankommen werde. Er rieth zugleich, die auf Kassel heranrückenden Bauern auf den Höhen des Habichtswaldes zu empfangen.

Man war nur darüber ungewiß, inwiefern der Geist des Aufruhrs unter den Truppen um sich gegriffen und wie viele Offiziere und Unteroffiziere von Dörnberg verführt seien. Der Nachfolger Dörnberg's im Commando der Jäger-Carabiniers wurde zum Commandeur der Garde-Jäger befördert, an seine Stelle trat der Prinz Ernst von Hessen-Philippsthal, Jérôme treu ergeben. Morgens vier Uhr wurden die Jäger-Carabiniers, die aus Mangel an Kasernen bei den Bürgern im Quartier lagen, durch Alarmhörnersignale zum Sammelplatz beordert, die in den Kasernen liegenden Truppen waren schon am Abend consignirt.

Vor dem Friedrichsthore der Karlsaue brannten in eisernen, an Stangen vor der Wache erhöhten Körben Pechfackeln und Pech, ebenso vor dem Residenzpalais und dem Museum, und warfen in die Dunkelheit der Nacht ihr schmuziges rothes Licht und verbreiteten einen widerlichen Qualm über den Platz.

Die Jäger-Carabiniers hatten ihren Sammelplatz zwischen dem Auethore und der Bellevuestraße. Einer der ersten, der dort eintraf, war Georg Baumgarten, da sein Quartier in der nahen Frankfurter Straße lag und er selbst während der Nacht nicht im Bette gewesen war. Am Abend des vorhergehenden Tages war die ganze geheime und öffentliche Polizei in Thätigkeit gewesen, eine Zusammenkunft der Eingeweihten hatte nicht stattfinden können, er hatte vergeblich versucht, Berner oder einen der sonstigen Führer zu sprechen. In allen öffentlichen Localen sah man die verdächtigen bekannten Gesichter der Polizeispione. Die kasseler Bürger waren einem Aufstande nicht geneigt, nur in den untern Theilen der Stadt, in den engen, steilen, schmuzigen Gassen der Altstadt vom Markte bis an die Fulda herunter, und jenseit der Fulda in der untern Neustadt hatte Berner in den niedrigsten Volksklassen Anhänger für den Aufstand gefunden. Dörnberg und die Höherstehenden waren über die eigentliche Stimmung der Residenz im vollkommensten Irrthume befangen, Enthusiasmus für eine Erhebung fand sich höchstens bei einigen jungen Leuten, Gymnasiasten, die große Mehrzahl des Volks war zufrieden. Selbst die sonst zu Aufständen leicht geneigten Maurergesellen und Lehrlinge sowie die Schneider hatten reichliche Arbeit und guten Verdienst, erwuchsen doch Prachtbauten über Prachtbauten und wurde großer Kleiderluxus getrieben.

Georg hatte mehrere ihm befreundete Unteroffiziere besucht und von dem Anzuge eines Volksheers unter Dörnberg's Führung gesprochen, aber nirgends großes Vertrauen zu einem Erfolge gefunden. In Besorgniß, verhaftet zu werden, war er viele Stunden in der Nacht von der Bellevuestraße bis zum Bellevueschlosse spazieren gegangen, jedesmal den Kopf zu den Fenstern hinauswendend, aus dem ihm das Glück seines Lebens lachte, wenn er das Haus, in welchem Heloise und Agnese wohnten, passirte. Dort oben aber war alles dunkel. Endlich, nach Mitternacht, als in den Straßen alles still blieb, und die ganze obere Neustadt zu schlafen schien, war er in sein Quartier gegangen und hatte sich niedergesetzt, um einen Abschieds- und Liebesbrief an Fräulein von Kitzow zu schreiben. Er wohnte bei dem Bäcker, von dem die pariser Laiberchen geholt wurden, die die Freundinnen mit den Schwänen theilten, er zweifelte nicht an dem guten Herzen seiner Hauswirthin, welche das Weißbrot verkaufte, daß sie den Brief in das Körbchen prakticiren würde, in welchem der Bediente der Palastdame jeden Tag früh morgens das frische Backwerk holte.

Aber wie schwer war ein solcher Brief zu schreiben! Zehn Anfänge wurden verworfen, und als endlich ein glücklicher Anfang gefunden war, erschallten die Signalhörner, die ihn zu seinen Jägern, vielleicht zum Kampfe gegen seine Landsleute, gegen seinen väterlichen Freund und Gönner riefen.

So erschien denn der Souslieutenant der erste auf dem Alarmplatze, nach und nach sammelten sich alle Kameraden von den Unteroffizieren und von den frühern »gelernten Jägern« um ihn. Von Offizieren war außer Georg noch niemand anwesend; daß zwei derselben, von Gayl verrathen, am Abend verhaftet seien, wußte niemand. Georg hielt die Gelegenheit für günstig, seine Freunde zu haranguiren. Er sprach von dem großen Ziele der Befreiung des ganzen Deutschlands, von der Franzosenherrschaft, der unerträglichen, von den ungeheuern Rüstungen Oesterreichs, von der Hülfe Englands, der Erhebung des ganzen Nordens vom Meere bis zum Harz und dem Brocken der Hessen, dem Meißner – er sprach von der Gesinnung des preußischen Heeres, das bereit sei, gegen den Willen des Königs aufzubrechen, vom Kurfürsten, der aus Prag schon auf dem Wege nach Kassel, endlich von den Zusicherungen, die man ausdrücklich oder stillschweigend dem geliebten Chef gegeben habe. Der junge Mann redete sich immer mehr ins Feuer, der Kreis, der sich um ihn gesammelt, vermehrte sich, einige aufmunternde Stimmen ließen sich vernehmen, da erscholl durch die Stille der Nacht plötzlich die laute Stimme des unbemerkt unter die Versammelten Getretenen, er donnerte: »Bataillon, Achtung! richt't euch!« und die Menge gehorchte mechanisch. »Feldwebel, zählen Sie die Leute.«

Dann befahl Prinz Ernst von Hessen-Philippsthal – weiter:

»Lieutenant Fischer, lassen Sie vier Mann vortreten.«

Als dies geschehen war, donnerte der Prinz von neuem los: »Lieutenant Fischer, verhaften Sie sofort im Namen des Königs den Verräther, Souslieutenant Baumgarten, und führen Sie denselben zu der Auethorwache.« Georg mußte seinen Degen abgeben und wurde zu der nahen Wache geführt, die von dem Wachtposten schon herausgerufen war. Als der Gefangene abgeliefert und Fischer mit seinen Leuten zurückgekehrt war und sich in Reihe und Glied gestellt hatte, hieß der Commandant den Hauptmann La Croix Marschcolonnen formiren und das Bataillon vor das Frankfurter Thor führen.

Es war indeß ein Pferd für den Prinzen gebracht, das er bestieg, um sich mit den Commandeurs der andern Truppen, die inzwischen auf dem Friedrichsplatze aufmarschirt oder aufgeritten waren, zu verständigen.

Die Jäger-Carabiniers gehorchten lautlos, keine Bewegung verrieth, was sich vielleicht in den Herzen der einzelnen regte, weil jetzt jeder einzelne als solcher gleichsam zu existiren aufgehört hatte, und nur noch das Ganze als eine Menschenmaschine dastand.

Vor dem Frankfurter Thore harrte schon eine Batterie reitender Artillerie, oder vielmehr nur eine halbe Batterie, da die eine Hälfte schon am Nachmittage mit einer Schwadron Chevauxlegers und einigen Linientruppen unter General d'Albignac nach Wolfhagen aufgebrochen war.

Die Artillerie fuhr voraus, dann mußten die Garde-Jäger, die Jäger-Carabiniers unter dem Prinzen von Hessen folgen; Garde-Chevauxlegers und endlich eine Schwadron polnischer Ulanen bildeten den Schluß.

Am Hofe herrschte aber namentlich im Kreise der Hofleute, der Schranzen und Zofen eine ungemeine Angst, man drang in die Königin, drang in den König, Kassel auf einige Zeit zu verlassen und in die Feste Magdeburg zu ziehen. Allein Jérôme erwies sich muthiger als seine Umgebung, er erklärte, er werde sich lieber unter den Trümmern seines Palastes begraben lassen, ehe er Kassel verließe. Sein Muth belebte den seiner Umgebung, und auch die Königin gab die schon beschlossene Nachtreise nach Strasburg auf, um solche am folgenden Morgen anzutreten.

Die Insurgentenschar Dörnberg's hatte sich zwar auf dem Nachtmarsche gelichtet, die meisten von denjenigen, die am Morgen zu laut geschrien und zu viel getrunken hatten, waren als krank und marode in den Dörfern, die man durchzog, liegen geblieben, allein es kamen auch frische Massen hinzu. Die Felsberger marschirten schon nach Guntershausen voran, dort hoffte man auch die Insurgirten aus dem Fuldathale, mindestens von Rotenburg her, zu treffen.

Die letzte Höhe auf dem Wege nach Kassel war erstiegen; wenn es Tag gewesen wäre, so würde man das Fuldathal sich nach rechts im tiefen Waldgrunde haben hinziehen sehen, zu den Füßen Kassel, zur Linken die Napoleonshöhe mit dem Hercules. Aber die Aprilsonne war noch nicht aufgegangen, es war etwa gegen 3½ Uhr, als der Vortrab auf der Höhe bei dem Gasthause zur Knallhütte (aus der die Frachtfuhrleute den Vorspann mit ihren Peitschen herauszuknallen pflegten) ankam. Hier wurde Rast gemacht, hier konnte man einen frischen Trunk haben; hier sollten die zahlreichen Nachzügler und der Zuzug aus dem Fuldathale erwartet werden.

Dörnberg selbst bedurfte einiger Ruhe. Die Aufständischen waren jetzt beinahe sieben Stunden marschirt, viele der eifrigsten waren beinahe achtundvierzig Stunden auf den Beinen.

Während die Ermüdeten Ruhe und Erquickung auf Heuböden, in Ställen und überall suchten, wo sie Raum fanden, sprachen die andern dem Schnapse und Biere zu, das sich hier in guter Qualität vorfand.

Die ersten Ankömmlinge wurden inzwischen von den Nachfolgenden verdrängt, und Dörnberg sah die Nothwendigkeit, jetzt, wo der Tag nahte, einige militärische Ordnung in die Sache zu bringen, und gab dazu die Befehle. Die übergegangene Cavalerie, die Kürassiere, sollten als Avantgarde vorgehen; ein zuverlässiger althessischer Wachtmeister führte sie.

Dann sollten die Felsberger und alle, welche aus der nähern Umgebung Kassels waren, folgen, voran die mit Feuergewehr Bewaffneten. Die Gewehre sollten geladen werden. Das Centrum bildete die Schar der Homberger mit der gestern übergebenen Fahne, ihnen sollten die sehnlichst Erwarteten aus dem Fuldathale und von Wolfhagen sich anschließen.

Während man so die wüsten Massen in der Dunkelheit zu ordnen suchte, war General Reubel mit den aus Kassel ausgerückten Truppen schon über Zweeren hinaus vorgedrungen und rückte den Berg hinauf zur Knallhütte.

Etwa zwanzig Chevauxlegers bildeten seinen Vortrab, dann folgten zwei Compagnien Garde-Jäger, dann zwei mit Kartätschen geladene Kanonen.

Ob die Sonne schon aufgegangen war, wußte man nicht, ein dichter schwerer Nebel, der nicht gestattete, sechs Schritt weit zu sehen, lagerte auf Thal wie Höhen, als die beiden Vortrupps aufeinanderstießen, beiden unerwartet. Es wurden einige Pistolenschüsse gewechselt, und beide Vortrabreiter zogen sich zurück.

Die Nachricht, daß Truppen, in welcher Stärke wußte man nicht, heranrückten, verbreitete unter dem Insurgentenheere einen ungemeinen Schrecken und eine kaum zu bewältigende Verwirrung. Alle schon getroffenen Anordnungen fielen über den Haufen und es würde schon jetzt die Flucht eine allgemeine geworden sein, wenn Martin und die Führer nicht bemüht gewesen wären, der Masse dadurch Muth einzusprechen, daß man sagte: man wisse ja noch gar nicht, ob die Soldaten als Freunde oder als Feinde kämen, und wenn auch vorläufig unter dem Commando feindlich gesinnter Offiziere, ob sie nicht zu dem Volke übergingen.

Dörnberg rief Freiwillige vor, und als sich ein paar hundert Förster, alter Soldaten, junger Leute, mit Feuergewehren bewaffnet, vorangestellt hatten, sammelte sich der Schweif wieder hinter denselben.

Reubel hatte indessen eine Compagnie Garde-Jäger vorgehen lassen mit dem Befehle, wenn mau auf die Rebellen stoße, ein blindes Pelotonfeuer abzugeben, damit kein Blut vergossen würde. Dörnberg hatte seiner Stellung durch die Gebäulichkeit der Knallhütte und durch einige vorgefahrene Fracht- und Mistwagen einige Sicherheit zu geben versucht.

Als nun die Garde-Jäger heranrückten, und er die Leute erblickte, die er vor vierundzwanzig Stunden noch befehligt hatte, ritt er vor und winkte mit seinem Tuche wie mit den Armen, die Leute zum Uebertritt symbolisch ermahnend. Die Antwort war ein Pelotonfeuer. Als aber niemand getroffen war, glaubte das Volksheer, die Garde-Jäger wollten absichtlich auf das Volk nicht schießen.

Da ritt General Reubel vor und forderte die Insurgenten auf, sich zu ergeben. Sofern sie ihre Anführer auslieferten, wurde ihnen Begnadigung zugesagt.

Kaum war der General, der keine Antwort erhielt, zurückgeritten, als eine Salve von seiten der Aufständischen erfolgte. Die vorgegangene Jägercompagnie antwortete diesmal scharf, schwenkte zu beiden Seiten der Chaussee ab, und die beiden Kanonen protzten einen Kartätschenhagel unter die Menge.

Es hatte sich ein Morgenwind erhoben, der den Nebel von den Höhen in die Thalebene trieb, man sah sich gegenseitig, und die Aufständischen sahen nicht nur wohlgeordnete Massen von Infanterie und Cavalerie auf der Chaussee den Berg heraufrücken, sondern, was ihnen noch gefährlicher erschien, von der Seite, von der sie Zufluß erwartet, vom Fuldathale her, rückten die treu gebliebenen Marschalk'schen Kürassiere, ihre Commandeurs an der Spitze, halb in der Flanke, halb im Rücken der Insurgenten, mit gezogenem Säbel den Berg hinauf.

Nun war kein Halten mehr. Ehe die Kanonen zum zweiten mal abprotzten, zerstieb das Volksheer nach allen Seiten. Man ließ Todte und Verwundete liegen, wo sie lagen, man warf die Waffen fort und suchte in Bergablaufen nach Süden und in Erreichung des Waldes nach Westen Schutz.

Dörnberg und die Führer überzeugten sich, daß auch ihre Rettung nur in der Flucht bestehe.

Im Hause der Gräfin Melusine war am 22. April Festtag, d. h. die Gräfin hatte die Nacht vorher, den ganzen Tag bis nach dem Souper, also bis nach Mitternacht Palastdienst, und Heloise und Agnese waren »unter sich Maderchens«, wie man in Kassel zu sagen pflegt, dazu Leseabend bei Reinhards, wo dieser die ersten vier Bogen eines noch nicht erschienenen Goethe'schen Werkes, das auch noch keinen Titel habe (Wahlverwandtschaften?) vorzulesen versprochen hatte.

Die jungen Damen waren bis zum Nachmittage äußerst vergnügt, man hatte den Anfang gemacht, »Romeo und Julie« in der Ursprache zu lesen, und die Mangelhaftigkeit Agnesens nicht blos in der Aussprache, sondern auch im Uebersetzen und im Verstehen des Sinnes gab zu manchem fröhlichen Lachen Veranlassung.

Heloise nahm ihr Mittagsmahl an diesem Tage bei Kitzows ein, wo der Bureaustunden wegen schon um ein Uhr auf einfach bürgerliche Weise gespeist wurde. Nach Tisch, als der Geheimrath ein Pfeifchen schmauchte, Kaffee trank und in westfälischen und pariser Zeitungen blätterte, die Siegesnachrichten aus dem Süden brachten, gingen die jungen Damen in den Salon Melusinens, um Federball zu spielen.

Das militärische Schauspiel am Morgen auf dem Friedrichsplatze hatte die Neugierde derselben nicht erweckt, es war das etwas beinahe Alltägliches, Agnese wußte außerdem, daß die Jäger-Carabiniers die Wache hatten, und außer diesen waren ihr alle Uniformen gleichgültig, man lebte so isolirt durch die Lage, daß man von weitern Bewegungen nichts sah und hörte. Da brachte gegen Abend die Kammerzofe die Meldung. daß der Ministerresident bedauere, durch dringende Berufsgeschäfte behindert, den Leseabend für heute aussetzen zu müssen.

Die Kammerzofe blieb, nachdem sie ihre Bestellung ausgerichtet, im Salon stehen, wie jemand, der noch einen Auftrag erwartet oder etwas zu sagen hat.

»Nun, Julie«, sagte Heloise, »was hast du auf dem Herzen, heraus damit!«

»Ach, gnädigste Comtesse, es laufen dunkle Gerüchte in der Stadt, daß oben im Lande Wolfhagen, Felsberg, Homberg, ein Aufstand ausgebrochen sei, daß der Oberst von Dörnberg zu den Anführern gehöre und entflohen sei, sowie, daß man zwei Offiziere von den Jäger-Carabiniers verhaftet habe und noch viele Offiziere und Unteroffiziere in dieser Nacht verhaften werde.«

Agnese war einer Ohnmacht nahe und brach, als die Zofe das Zimmer verlassen hatte, in Thränen aus.

»Es lag mir seit Mittag schwer auf dem Herzen, als sei ein Unglück passirt«, seufzte sie. »Jetzt weiß ich gewiß, daß solches geschehen ist. War Dörnberg nicht bis vor kurzem Commandant der Jäger-Carabiniers? Ich glaube erst ganz vor kurzem seine Ernennung zum Commandeur der Garde-Jäger gelesen zu haben, denn erst seit kurzem haben militärische Ereignisse ein Interesse für mich.

»Nun, mein unbekannter Romeo ist Souslieutenant bei den Jäger-Carabiniers, und das erste mal, als ich ihn bei dem Vater traf, bestellte er Empfehlungen von seinem Obersten von Dörnberg und brachte Briefe, die der Vater nach Magdeburg einschließen sollte. Wenn Dörnberg in die Insurrection verwickelt ist, so, liebe Heloise, Ahnung sagt mir's, ist auch dein Ebenbild darin verwickelt.«

»Dann werde ich mein Ebenbild daraus herauswickeln«, entgegnete diese, »und es dir als Puppe in die Arme legen, denn dein Romeo ist und bleibt nichts als eine große Puppe deiner Phantasie. Ich werde dir am Abend etwas Lustiges vorlesen, ›Minna von Barnhelm‹, damit du lebendige Menschen in dein Köpfchen kriegst und die Gespenster und Phantasien vertrieben werden.«

Auch die Gräfin Melusine schickte einen Hoflakai und ließ sagen, daß sie während der Nacht im Palais bliebe. Am Abend las Heloise das Lessing'sche Schauspiel, allein die Gedanken der Freundin waren nicht dabei, ihr kamen die Alten-Fritze'schen Soldaten steifleinen vor, und Tellheim war ihr Souslieutenant.

Sie fand im Bett keine Ruhe, zu verschiedenen malen mußte sie aufstehen, an das Fenster gehen, dasselbe öffnen und ihren Blick nach Osten schweifen lassen. Sie konnte bis zu dem erst 1811 abgebrannten alten Schlosse, das da stand, wo heute die Ruinen der Kattenburg ein Denkmal für Wollen und Nichtkönnen eines geizigen Fürsten sind, sehen, und sah vor dem Schlosse wie vor dem Auethore die unheimlichen Pechfeuer. Es war ihr auch, als ginge unten am Auestaket ein Mann hin und her und sehe zu ihr herauf. Es war aber zu dunkel, um etwas da unten zu sehen, dagegen hallte der Schall von Schritten in ihr Ohr und das war genug, ihrer Phantasie das Bild Georg's hervorzuzaubern, ein Phantasiebild, das diesmal mit der Wirklichkeit stimmte.

Erst spät nach Mitternacht sank sie in einen unruhigen Schlummer – sie träumte von Dörnberg, träumte von ihrem Unbekannten, sah, wie dieser über die Fulda hinaus an jenen unheimlichen Ort, den Exercirplatz der Artillerie, Forst genannt, geführt wurde, wie er niederkniete und erschossen wurde. Sie hörte die Schüsse! Nein, was sie hörte, waren die Alarmhörner der Jäger-Carabiniers, sie täuschte sich nicht, seit Wochen hatte sie auf alle Signale gehört und sich von Kuno, dem gräflichen Jäger, der früher gleichfalls unter den »gelernten Jägern« gedient, dieselben erklären lassen. Nein, sie täuschte sich nicht, denn jetzt wurde dicht unter ihren Fenstern das Signal geblasen, und ein Echo vom Schlosse trug das Signal zurück. Sie sprang aus dem Bette, hüllte sich in einen Mantel und legte sich ins Fenster, von wo sie den Sammelplatz der Jäger-Carabiniers übersehen konnte.

Die Pechfeuer vor der Auethorwache wurden von neuem angeschürt, aus der rothen Flamme schlug einige Augenblicke eine helleuchtende, gelbe Flamme hervor, welche den Zwischenraum bis zur Straße, in der sie wohnte, erhellte – sie sah ganz deutlich einen Offizier der Jäger-Carabiniers, sah, daß es ihr Unbekannter war, sie sah, wie sich um ihn nach und nach Unteroffiziere und Gemeine sammelten, jetzt war das nur ein Knäuel, sie glaubte aber seine Stimme zu vernehmen, und in der That schallten die Worte Vaterland und Schmach der Fremdherrschaft mehrmals zu ihr herauf. Da trat aber auch ein höherer Offizier zu dem Kreise und hörte zu, was der Redende sagte. Aber daß er commandirte: »Bataillon, Achtung! richt't euch!« das hörte sie, sah, wie der Kreis auseinanderfiel und sich in Colonnen formirte.

Auch das sah sie deutlich, wie ihr Unbekannter hervortrat, den Degen abgab und nach der Auethorwache abgeführt wurde. Diese war herausgetreten, man hatte die Pechflammen abermals mit neuem Stoff versehen und zur größern Helligkeit aufgestachelt, sie irrte sich nicht, sie träumte nicht, Heloisens Ebenbild war Gefangener.

Agnese that einen lauten Schrei und sank ohnmächtig auf das nahestehende Bett, nach dem sie halb bewußtlos schon mit der Hand gegriffen hatte. Zum Glück hatte die Tante, die nebenan nach hinten in einer Kammer schlief, einen leisen Schlaf. Sie hörte den Schrei, indeß dauerte es in damaliger Zeit immer noch etwas lange, ehe mit Stahl und Stein Feuer geschlagen und ein Schwefelfaden angezündet wurde. Die Tante schloß das offen stehen gebliebene Fenster, brachte Agnese in das Bett und setzte sich daneben, um die Kranke, welche im Fieber phantasirte, zu bewachen.

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