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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Zweites Kapitel.
Kassel.

Kaiser Napoleon hatte durch Decret vom 18. August 1807 das Königreich Westfalen geschaffen und es seinem Bruder Jérôme, dem Commis aus Baltimore, geschenkt, als dieser vierundzwanzig Jahre alt geworden. Ein Jahr westfälischer Herrlichkeit war schon vergangen, und Kassel stand sich nicht schlecht dabei. Hieronymus hatte sich mit allem Flitter und Tand, der einen Königsthron zu umgeben pflegt, in Kassel und auf Napoleonshöhe förmlich überladen. Er besaß einen Hofstaat nach brüderlich kaiserlichem Muster, aus französischem und deutschem Adel bestehend, führte eine deutsche Fürstentochter als Frau heim, war er doch von der Amerikanerin Mary Patterson geschieden, er ließ Soldaten und Garden in glänzenden Uniformen, freilich, was den Althessen und Hannoveranern sehr misfiel, ohne Zopf, mithin ohne Ansehen und Würde, auf dem Friedrichsplatze Parade machen und die Wache beziehen. Er hatte für sein aus zwanzig Fürstenthümern und Herrschaften zusammengewürfeltes Reich aber etwas, das andern deutschen Staaten damals noch fehlte, Reichsstände, Deputirte des Grundbesitzes, des Handelsstandes, der Industrie, Deputirte sogar der Wissenschaft.

Es hatte kaum zwei Jahre gedauert, da war das aus den heterogensten Elementen zusammengefügte neue Königreich ein wirklich einheitliches Reich. Zwar nur ein Appendix des französischen Kaiserreichs, in welchem Napoleon als oberster Herrscher befahl. Sein Augenwinken in Paris wurde in Kassel wohl verstanden und, soweit es sich nicht um die Interessen und Leidenschaften der höchsten Person selbst handelte, streng befolgt.

Frankreichs Maß, Gewicht und Münzen waren eingeführt, und das hielt jedermann für ein Glück, denn die zwanzigerlei Albus, Mariengroschen, Gute Groschen, Kreuzer, Pfennige, Heller und andere Geldwirthschaft, die in den Ländern existirte, die jetzt das Königreich bildeten, waren erschrecklich gewesen. Der Code Napoléon war zum Gesetze erhoben und öffentliches mündliches Verfahren im Civil- und Criminalproceß an die Stelle des alten schriftlichen Schlendrianprocesses getreten, was Leuten, wie dem nun glücklicherweise in England weilenden Geheimen Cabinetsrath Rudloff, gegen den Executionen niemals zu vollziehen gewesen, freilich ein Greuel war. An die Stelle der altpatriarchalischen Aemterwirthschaft mit Domanialpachtungen war ein strenges, geordnetes polizeiliches Präfecten- und Mairethum getreten; die Domänen bekamen freilich französische Generale als Dotationen, aber die Leibeigenschaft wurde aufgehoben, Feudallasten und andere auf den Bauern lastende Beschwerungen verschwanden, der Bauer konnte, trotz der Grundsteuer, die an die Stelle der Contribution trat, und anderer neuen Steuern, freier aufathmen. Das Hypothekenwesen wurde neu geordnet und versprach für Realcredit eine gute Stütze zu werden, die Zünfte waren aufgehoben, die Nichtmeistersöhne brauchten nicht erst grau zu werden, ehe sie sich selbständig setzen konnten. Handel und Gewerbe begannen, trotz der Continentalsperre und der hohen Preise von Colonialproducten Leben zu gewinnen. In Kassel wenigstens verdienten Kaufleute und Krämer, Handwerker und Künstler reiches Geld. Die Stadt Hannover freilich begann, seitdem Mortier am Geburtstage Georg's III., am 4. Juni 1803, eingerückt und die Minister mit dem Staatsschatze, allerlei Kostbarkeiten und Trödel aus Hannover entflohen waren, unter Zurücklassung von sämmtlichem Kriegsgeräth, aus einer Residenz zu einer unglücklichen Provinzialstadt zurückzusinken. Aller Adel hatte sich aus dem Staube gemacht, die Geheimräthe mit einem Theile der Wirklich Geheimen Cabinetsräthe und Secretäre flüchteten nach England. Aller übriger Adel, der sonst den Scheinhof zu Hannover repräsentirt hatte, lebte auf den Gütern, nur wenige Adeliche blieben im Landesdeputationscollegium, um die Dürbach'schen Anforderungen, die nicht kleinen, auf die Landschaften zu vertheilen. Diejenigen Adelichen, welche keine Güter hatten und nicht etwa im Staatsdienste standen, oder mit der aufgelösten Armee nach England hinübergingen, waren am übelsten daran. Sie suchten Zuflucht bei den Vettern.

Melusine von Wildhausen hatte sich zeitig vor dem Einrücken der Franzosen nach Heustedt zurückgezogen mit ihrer Tochter und drei güterlosen Vettern, zweien von väterlicher Seite, einem von seiten ihres weiland Gemahls. Sie bedurfte eines solchen Gefolges, theils weil sie überhaupt ohne Unterhaltung nicht leben konnte, theils um zwischen ihr und Heloisen zu vermitteln. Seitdem die Nachricht gekommen war, daß Graf Schlottheim sich in Wien mit der uns wohlbekannten Flora von B. vermählt habe, war das seit Jahren schon gespannte Verhältniß zwischen Mutter und Tochter zu wahrer Feindschaft ausgeartet. Die Tochter hatte die Mutter Mörderin der verkuppelten Anna wie ihrer Schwester Olga genannt, und diese, aus ihrer gewöhnlichen vornehmen Ruhe und Gleichmüthigkeit aufgerüttelt, murmelte leise, aber voll Grimm, natürlich französisch: Man merke es ihr doch an, daß sie das Blut einer bürgerlichen Canaille in sich trage; aber die Tochter hörte die Worte doch.

Heloise, die damals gerade volljährig geworden war, durchschaute, von eigenen Beobachtungen und Rückerinnerungen an die Kindheit geleitet, die sie von andern erhalten, das Leben der Mutter hinreichend. Sie gab dieser eine wahre, kurze, aber so scharfe und dolchartig zugespitzte Erwiderung, wie sie nur zwei Worte in französischer Sprache ausdrücken können. Die Antwort traf, die gnädigste Gräfin sank in Ohnmacht.

Die Tochter schellte der Kammerfrau der Gräfin und entfernte sich mit stolz emporgehobenem Kopfe. Sie war also, wie sie das schon seit Jahren geahnt hatte, die Tochter eines Bürgerlichen, sie trug den stolzen Namen Comteß Heloise von Wildhausen mit Unrecht, aber ohne eigenes Verschulden, durch eine Sünde ihrer Mutter. Wer aber war ihr Vater?

Sollte es jener Mann sein, der zur Zeit ihrer Geburt als Obergestütmeister nach Kirnberg gekommen war, und den sie schon als Kind niemals hatte leiden können? Sie erinnerte sich aus der Zeit, als Olga's Hochzeit gewesen, ein Gespräch von Dienstboten belauscht zu haben, in welchem der Gestütmeister ein abgedankter Liebhaber ihrer Mutter genannt war. Derselbe galt aber, das hatte sie nach kurzem Aufenthalte in Heustedt schon erfahren, allgemein als Mörder seiner Frau, ihrer lieben, lieben, immer lustigen Anna, der Milchschwester ihrer Olga, die sie wie die Schwester selbst geliebt hatte. Das war ein gräßlicher Gedanke, der sie Tag und Nacht peinigte. Der Obergestütmeister, welcher in Heustedt von der guten Gesellschaft ausgeschlossen war, der sich nur noch mit rüden Gesellen, Roßkämmen, Lieferanten an die französische Armee herumtrieb, hatte es gewagt, neulich der Mutter seine Aufwartung machen zu wollen, allein er war nicht angenommen, sondern zum zweiten und dritten mal abgewiesen. Das hatte der Tochter wieder Hoffnung gegeben, nicht das Kind dieses Mannes zu sein. War es auch möglich, daß die Natur einem Kinde Abscheu gegen seinen Erzeuger einflößen konnte? Und Widerwillen und Abscheu hatte sie gegen Claasing gehegt, soweit sie sich seiner erinnerte, namentlich in der Zeit, der sie sich vollkommen bewußt war, wo derselbe ihrer Schwester und Anna Reitunterricht gab und ihr selbst oft auf das Pferd helfen wollte. Sie sann und sann, wie sie sich Gewißheit verschaffen könne, wer ihr Vater sei, ob er noch lebe, ob sie ihn lieben könne. Allein es wollte ihr kein Mittel einfallen, die Wahrheit, die ja nur die Mutter selbst wissen konnte, zu erfahren. Mit der Mutter hatte sie seit jener Scene kein Wort gesprochen. Sie nahm ihr erstes und regelmäßig auch ihr zweites Frühstück in ihren Zimmern ein, denselben, die einst Olga und Anna bewohnt hatten, und erschien nur beim Diner, zu dem außer den Vettern regelmäßig der Adel und einige der Honoratioren der Stadt eingeladen waren, denn die Gräfin fühlte das Bedürfniß, ihre Autorität, welche durch die Zeitereignisse und die geschwundene Ehrfurcht und Unterthänigkeit vor dem Adel bedeutend erschüttert war, wiederherzustellen, und sie wußte, welche Wirkungen ihre Diners früher ausgeübt hatten. Hier wurde Heloise dann wol »ma fille« angeredet, und sie antwortete, wie es sich geziemte. Sonst fanden Beziehungen nicht statt. Von der Mutter konnte sie unter solchen Verhältnissen nicht hoffen, die Wahrheit zu erfahren. Tante Hulda war todt und hatte ihr zwei Steppdecken aus seidenen Flicken als Erbe hinterlassen. Sie war auch zu unbefangen dumm, als daß sie hätte Auskunft geben können. Die alten Diener, die sie als Kind auf den Armen getragen, sie lagen alle begraben auf dem Kirchhofe der Schloßkirche, es waren während der Zeit, die sie in Hannover zugebracht hatte, lauter neue, ihr unbekannte Gesichter in Dienst getreten. Ja der alte Haushofmeister mit den seidenen weißen Strümpfen, schwarzen sammtenen Kniehosen und großen Schnallenschuhen, der seinen Zopf immer so schön gebunden trug, und dessen gepuderte Locken wie der Schnee schauten, der ihr als Kind die Menuet vorgetanzt und sie wie sein eigenes Kind geliebt hatte, ein alter französischer Kammerdiener des Grafen von Alvensleben, ihres Großvaters, der wäre der einzige von der Dienerschaft gewesen, zu dem sie Zutrauen gehabt hätte; aber in einem so delicaten Punkte hätte sie sich auch nicht an ihn wenden können. Er war lange Jahre todt. Der alte Rentmeister mit grauen Haaren, Rock und Beinkleidern, den wir im Anfange unserer Erzählung kennen lernten, war schon vor ihrer Geburt gestorben, sein Nachfolger und Sohn war eine ebenso hagere, schlanke Figur, als sein Vater krumm gewesen, auch an ihm war alles grau, selbst die Augen, er konnte sich, wie es schien, überhaupt nicht bücken, nahte er sich aber der Gräfin, so bückte er sich tief. Er war der Vertraute derselben in allen Geldverlegenheiten und hatte sie häufig aus eigenen Mitteln, die aber für Mittel von Moses Hirsch oder seinem Sohne galten, gegen gute Provision und Wucherzinsen aus Schwierigkeiten gerettet. Heloise mochte ihn nicht, wenn er auch Wissenschaft gehabt hätte, sie hätte ihn niemals, selbst nicht über eine weniger persönliche Sache, in das Vertrauen ziehen können, sie mistraute ihm.

Nur Einer Familie erinnerte sich Heloise aus ihrer Kindheit noch mit Liebe und Zutrauen, das war die Familie des Schlagtmeisters Schulz, die vor dem Schloßhofe an der Weserstraße wohnte. Sie hatte von den Spielgenossen der Schwester, den beiden Schulz'schen Knaben Heinrich und Friedrich, nur eine dunkle Erinnerung, desto lebhafter tauchte die Erinnerung an Karl Haus auf, den von der Schwester Geliebten, den sie einst, kurz vor der Hochzeit der Schwester, bekränzt hatte. Sie mußte von dem Schicksal desselben Näheres erfahren, die Schwester hatte in der letzten Zeit so zufrieden, so glücklich von Neapel geschrieben, daß sie vermuthete, nur die Liebe könne solche Aenderung hervorgebracht haben. Die Erzählung von dem Tode der Schwester bei einer Lustfahrt auf dem Meere war ihr mehrfach unwahrscheinlich vorgekommen, immer zu allgemein und unbestimmt gehalten; erst die Wiederverheirathung Schlottheim's hatte sie an den Tod der so sehr geliebten Schwester glauben gemacht. Sie ging, sobald sie es ermöglichen konnte, zu dem Schlagtmeister. Die Wohnung war die alte, aber sie war wohnlicher und traulicher eingerichtet seit Jahren. In einem großen Lehnstuhle saß Georg Schulz, den Haaren nach ein Greis, aber bei seinen 65 Jahren noch kräftiger, strammer Haltung; vor ihm stand ein wunderschönes neun- bis zehnjähriges Mädchen und zeigte dem Großpapa Bilder von Städten aus einer alten Chronik, die auf dem Tische lag. Die Mutter saß im Sofa und strickte, ihr Haar war noch schwarz wie in ihrer Jugend, die Augen noch so groß und schön wie zu der Zeit, wo sie bei der Bardenfleth Putz machte.

Man erkannte und bewillkommnete die gnädige Comtesse Heloise, und diese mußte sich zur Frau Schlagtmeisterin ins Sofa setzen, welche sofort auf Nachfrage Heloisens nach ihrer Familie in Frauenart zu erzählen anfing. Natürlich boten zunächst die Lebensschicksale ihres Lieblings Heinrich, des Pastors zu Grünfelde, des glücklich Verheirateten, des Lieblings seiner Gemeinde, die ihm das Pfarrhaus vom Hügel auf den südlichen Abhang des Eichensünders gebaut, den reichsten Stoff. Sie erzählte, wie ihr Sohn sie in den Lehren der evangelischen Religion unterrichtet habe, wie sie convertirt sei und sich glücklich fühle, wenn ihr der Sohn das Abendmahl reiche.

Mit dem Lebenslaufe des zweiten Sohnes war Frau Schulz schon weniger zufrieden, er war Soldat geworden, war beim Ausfall in Menin verwundet, hatte dann lange an der Demarcationslinie gestanden und war nach der Capitulation von Artlenburg und Auflösung der Armee nach England gegangen, wo er in einer großen Maschinenbauerei Vorsteher irgendeiner Abtheilung war, welche die Mutter selbst nicht näher bezeichnen konnte.

Die Lieblingstochter war Klara, die Frau des Küsters Cruella, deren Tochter Veronika dem Großvater die Bilderchronik explicirte, sie hatte eine vorzügliche Stimme und mußte der gnädigsten Comtesse, die sie zu sich ins Schloß einlud, eine Bravourarie ohne Noten und ohne Klavier vorsingen.

Die jüngste Tochter Marianne, die Frau Oskar Baumgarten's, hatte Maria Schulz lange nicht gesehen, sie war am Ende des vorigen Jahrhunderts einmal mit ihren zwei Knaben und einem Mädchen die Werra und Weser herabgekommen. Ihr Mann war Oberförster geworden, ob er aber jetzt, wo das alles dort oben westfälisch geworden, seinen Dienst noch bekleide, wußte sie nicht. Heloise erinnerte sich des großen hübschen Jägersmanns noch recht gut, er hatte sie als kleines Kind, so oft er sie im Park traf, aufgenommen und abgeküßt, einmal war es ihr sogar vorgekommen, als habe er Thränen dabei vergossen. Sie ließ die gute alte Frau so lange reden, als dieser der Stoff nicht ausging, als aber das Thema von den eigenen Kindern erschöpft war und Frau Schulz nun wieder von neuem von ihrem Sohne, dem Pastor in Grünfelde, und seinen Kindern zu erzählen anfangen wollte, unterbrach sie dieselbe mit der Frage: »Aber liebe Frau Schulz, was ist denn aus dem Jugendfreunde Ihrer Söhne, dem Dr. Karl Haus geworden, der hier Advocat war und, als Schwester Olga heirathete, Heustedt verließ?«

»Ja, liebe Comteß, das weiß man nicht recht, darüber schwebt ein Geheimniß. Er soll in Hispanien oder wo er sonst mit dem Grafen Münster sich aufhielt, ein Verhältniß mit einer vornehmen Dame gehabt haben. Da erzählten nun die einen, er habe die Dame treulos verlassen und sei nach England oder Amerika gegangen, die andern sagen, der Ehemann der Dame habe ihn erst gefangen nehmen, dann als Franzosenfreund erschießen lassen. Ich glaube indeß, daß er noch lebt. Die alte Magd der Mutter desselben, welche auf der hintern Straße wohnte, hat mir vor ein oder zwei Jahren erzählt, der Kaufmann Bollmann in Hoya habe im Auftrage des in Amerika lebenden Dr. Haus dessen Bücher und Sachen abfordern lassen, um dieselben nachzusenden. Die Möbeln habe er ihr geschenkt. Die alte Magd ist vor kurzem gestorben, aber mein Sohn, der Pfarrer in Grünfelde, wird gewiß mehr von der Sache wissen, und wenn Sie es irgend wünschen, so laufe ich trotz meiner alten Beine noch heute nach Grünfelde. Ich thue das jeden Sonntag.«

»Nein, liebe Frau, ich werde selbst den Herrn Pfarrer besuchen und meine Bekanntschaft aus der Kinderzeit erneuern.«

Schon am nächsten Tage fuhr Heloise nach Grünfelde und fand die Familie des Pfarrers so liebenswürdig, daß sie recht häufig dort verweilen zu können wünschte. Heinrich Schulz konnte ihr aber genauere Auskunft über Karl Haus nicht geben; das Wenige, was er wußte, klang abenteuerlich, und er kannte nicht einmal die Quelle seiner Wissenschaft. Karl, hatte er gehört, war seit etwa dem Anfange des Jahrhunderts in Amerika als Redacteur einer deutschen Zeitung beschäftigt und harrte vergeblich der Ankunft seiner Braut, die mit einem Freunde sich direct von Neapel durch die Meerenge von Gibraltar hatte einschiffen wollen, während seine Geschäfte ihn zwangen, erst nach England zu reisen. Nach einigen Jahren erst habe er erfahren, daß das amerikanische Schiff, auf welchem sein Freund und seine Braut sich in Sicilien eingeschifft, von tunesischen Seeräubern gekapert sei und beide in Sklaverei schmachteten. Er habe sich deshalb einer Expedition, welche die nordamerikanischen Freistaaten gegen die Barbaresken ausrüsteten, angeschlossen, und seitdem habe man nichts von ihm gehört. – Der Pfarrer versprach indeß, nach Hoya zu reisen, um sich bei Bollmanns zu erkundigen, die in steter Correspondenz mit den Söhnen in Amerika ständen.

Diese Erzählung bereitete Heloisen mehr als eine schlaflose Nacht. Wer war die Braut Karl's? War er der Schwester untreu geworden, oder war die Schwester diese Braut und jetzt Sklavin in Tunis? Sie quälte sich Tag und Nacht mit dieser Frage, ohne eine Antwort zu finden. – Die Gnädigste hatte es für nöthig erachtet, gegen Frau von Vogelsang und Frau von Bardenfleth die frühere Vornehmthuerei und Eifersucht fallen zu lassen. Die Zeiten waren sehr schlimm für die großen adelichen Grundbesitzer, denn man lebte im Jahre 1808, und außer den an das Königreich Westfalen angeschlossenen Provinzen Göttingen, Grubenhagen, Hohnstein und Osnabrück waren die übrigen Provinzen des Kurfürstenthums noch immer in französischem Kriegsbesitze und wurden durch General Lasalcelle und von Grossiveau als receveur général des contributions du pays d'Hanovre, wie durch den kaiserlichen Generalintendanten Belleville gouvernirt, neben denen eine aus neun Mitgliedern der frühern Provinziallandschaft octroyirte Executivcommission bestand, welche die Kriegscontributionen und Naturallieferungen für das bunte Gemisch von Truppen aller Nationalitäten, die man in das Land warf, Spanier, Baiern, Cavalerie des Großherzogs von Berg, Franzosen unter Marschall Brune und Herzog von Auerstädt, von den Landschaften einzogen und auf diese vertheilten.

Der Adel und die bürgerliche Bureaukratie Heustedts schienen sich damals zum ersten mal mit der Gnädigsten auszusöhnen, der eine suchte einen Halt an dem andern. Die Familie des Landraths wie des Barons wurden fleißig zu der Gräfin eingeladen, auch der Amtmann und die Amtsschreiber, und man erörterte dann ganz beiläufig, wie man die Last der Einquartierung von den Gütern weg, die ja nach altem Rechte, das die Franzosen nicht anerkannten, exempt waren, auf die Bauern wälze.

Dieser wiedereröffnete Umgang war am heilsamsten für Heloise, welche hier in den Familien des Landraths und bei der Baronin einige Erheiterung und Zerstreuung fand.

Die Gräfin selbst wurde dann von vielen Sorgen belästigt, mehr als sie erwartet hatte. Sie gewann erst jetzt einen vollen Ueberblick über die Schuldenmasse, welche sie nach und nach auf ihre Güter contrahirt hatte. Als ihr Vater starb, hatte sie ein jährliches Reineinkommen von 20000 Thalern, in den letzten Jahren, die freilich durch Kriegsläufe, Remissionen u. s. w. schwerer waren als andere, hatte sie nach Zahlung der Zinsen nur je 12000 Thaler übrigbehalten. Mochte der Werth des Grundeigenthums sich im Laufe der Zeit und bei Frieden, denn es konnte ja nicht ewig Krieg bleiben, heben, wie viel Meierbauern und Eigenbehörige hatten sich freigekauft, wie viel Zehnten waren an die Pflichtigen selbst veräußert! Diese Dinge kamen nie wieder und die aufgenommenen Hypotheken blieben. – Aber sie hatte nur noch eine Tochter, und eine solche, die sie haßte, für sie reichte ihr Vermögen aus, mochte Heloise sehen, wie sie fertig würde, hatte sie doch das Ihrige gethan, ihr Versorgung und Ansehen durch eine Heirath zu verschaffen.

So kamen Herbst und Winter des Jahres 1808.

Da eines Tages ließen sich bei der Gräfin melden Frau Katharina Dummeier und Sohn und Anna Schlottheim.

Katharina Dummeier? Die Gräfin wußte nicht, wer die Person sei. Sie konnte gehört haben, daß Hans Dummeier nach dem Tode der Anne Marie wieder geheirathet hatte, hatte es vielleicht auch nicht gehört, jedenfalls war es ihr zu gleichgültig gewesen, darauf zu achten. Wer war Katharine Dummeier? Doch das war Bagatelle, wer wagte es, den Namen Schlottheim zu führen, wer wurde Anna Schlottheim genannt?

Sie befahl, die Leute eintreten zu lassen.

Die Scene, welche jetzt begann, war das Resultat des Kriegsplans gegen die Gräfin, welchen Jochen auf der Ofenbank ausgeheckt hatte. Katharina sowol als Jochen erschienen in ihrem Sonntagsputze, und Anna trug die ihr geschenkte Sammtmantille und das schwarzseidene Kleid, was ihr wunderschön stand.

Das Gespräch wurde von seiten Katharinens und ihres Sohnes in Plattdeutsch geführt. Die Gräfin wie Anna sprachen Hochdeutsch.

Katharine eröffnete den Feldzug sofort mit dem groben Geschütze; wir übersetzen, was sie sagte:

»Gnädige Gräfin, wir kommen, die Frage an Sie zu richten, wie Sie es wagen konnten, gegen Gesetz und Recht, gegen das Sucessionsedict des durchlauchtigsten Fürsten und Herrn Georg Ludwig mit Uebergehung meines Sohnes Jochen der Tochter meines Mannes Hans Dummeier die Vollmeierstelle in Eckernhausen zu verleihen?«

Das klang in plattdeutscher Sprache nun noch viel gröber. »Wagen?« sagte die Gräfin erstaunt aufblickend auf die Sprecherin, dann sah sie in den Spiegel, gleichsam als wolle sie sich überzeugen, ob sie noch sie selbst wäre. Katharinas Rede war eingeübt, allein sie sollte nach der Verabredung mit dem Advocaten höflicher, mehr bittweise gehalten sein.

Selbst Jochen fühlte, daß sich die Mutter wieder von der gewohnten Heftigkeit und der Sucht zu befehlen hatte hinreißen lassen. Er schnitt ihr daher die Antwort auf das »Wagen?« der Gräfin ab, befürchtend, daß diese Antwort noch derber und ungeschickter ausfallen mochte. »Nehmen's nicht vor ungut, Gnaden«, sagte er, »die Mutter wird immer leicht hitzig, wenn sie auf das uns widerfahrene Unrecht zu reden kommt, besonders seitdem wir seit dreizehn Jahren bei den Gerichten vergebens nach Recht gesucht haben. Der Proceß hat uns zu Bettlern gemacht, wir sind von Haus und Hof verjagt. Advocat Bardeleben sagt, daß Ew. Gnaden ganz gewiß der Anna und dem Claasing die Stelle nicht gegeben hätten, wenn Ew. Gnaden gewußt hätten, daß ich, ein Sohn, am Leben sei. Anna Dummeier, meine Stiefschwester, ist todt, die Leute sagen, der dänische Spitzbube habe sie umgebracht. Der Däne hat sich noch einen Siebenmeierhof und einen Vollmeierhof in Grünfelde erheirathet, dazu hat er auch noch den Hof, der mir von Gottes und Rechts wegen gebührt! Unser Advocat sagt, wenn die gnädigste Gutsherrschaft bescheinigen wollten, daß sie zu der Abgabe des Hofes an die Tochter und ihren Bräutigam ihre Zustimmung nur gegeben haben, weil sie nicht gewußt, daß Hans Dummeier aus zweiter Ehe noch ein Sohn geboren sei, so müßten wir den Proceß gewinnen.«

Jochen griff Anna bei der Hand und führte sie der Gräfin vor, auf welche das schöne Mädchen, das bis auf die schwarzen Haare und Augenbrauen dem jüngern Grafen von Schlottheim sehr ähnlich sah, einen tiefen Eindruck machte. »Dies ist die Tochter Martha's und Ew. Gnaden Schwiegersohns, des Grafen von Schlottheim, sie ist auf seinen Namen in das städtische Kirchenbuch eingetragen. Ich möchte sie heirathen, die Mutter hält das unter meinem Stande, aber sie will ihre Einwilligung geben, wenn Ew. Gnaden dadurch, daß Sie die gewünschte Bescheinigung ausstellen, mir zu meinem Rechte verhelfen. Ew. Gnaden sühnen dadurch ein schreiendes Unrecht, das Ihr Schwiegersohn an der Mutter meiner Braut verübt, Ew. Gnaden machen zwei liebende Herzen glücklich, ich werde den Segen des Himmels auf Ew. Gnaden erflehen, wenn Sie meine Bitte erhören.«

Auch diese Rede war vorbereitet, Bardeleben junior hatte sie entworfen, Jochen sie auswendig gelernt und gut behalten. Anna kniete nun vor der Gräfin nieder und sagte einfach: »Gnädigste Gräfin, meine Mutter hat siebzehn Jahre in Noth und Sorge, Kummer und Betrübniß gelebt, der Sünden meines Vaters willen – es wird Ihnen so leicht, gut zu machen, was mein Vater verschuldet, thun Sie es meinetwegen, ich flehe auf meinen Knien darum.«

Die Gräfin stand lange, viel zu lange unschlüssig, es regte sich in ihr ein besseres Gefühl, sie war einen Augenblick geneigt, der Bitte zu willfahren, sei es auch nur aus Haß gegen Claasing.

Katharina war ungeduldig, der Zorn funkelte aus ihren Augen, sie trat einen Schritt vor, erhob den rechten Fuß, um nach Bauermanier dem, was sie jetzt sagen wollte, durch derbes Niederstoßen des Fußes mehr Gewicht zu geben. Die Gräfin sah Katharina an und erschrak über die Züge derselben, sie erschien ihr wie ein Fischweib von Paris, das auf der Pike den blutigen Kopf eines Adelichen trug; das Gefühl, daß man sich von unterthänigem, eigenbehörigem oder meierpflichtigem Bauerpack so etwas im eigenen Schlosse nicht gefallen lassen dürfe, wolle man nicht um allen Respect kommen, überwog bei ihr. Sie faßte Anna bei der Hand, hob sie in die Höhe, sprang zum Glockenzuge und schellte heftig. Der Kammerdiener und der Jäger traten in die Thür.

»Hinaus mit der unverschämten bäuerlichen Canaille, treibt sie aus dem Schlosse, und ihr, ich rathe euch, nie den Schloßhof wieder zu betreten.«

Nun brach die langverhaltene Furie in Katharina los, sie stampfte mit dem Fuße auf den Boden, daß alle Gläser, Nippes, Tische und Stühle in der Stube erbebten: »Was? bäuerliche Canaille? selbst adeliche Canaille!« und nun folgte eine Flut von Schimpfworten. Als der Kammerdiener Katharina bei dem Arme nahm, um sie aus der Thür zu schieben, faßte sie ihn mit beiden Armen um den Leib, hob ihn hoch in die Höhe und setzte ihn dann zu Boden mit einer Vehemenz, daß der arme Mann glaubte, es sei ihm keine Rippe heil geblieben. Die Gräfin schrie: »Mörder und Diebe!« Das ganze Haus lief zusammen, doch wußte sich Jochen, der kein Wort sagte, nur seine Fäuste zeigte, in der Rechten sein geöffnetes »Kniep« haltend, unbelästigten Rückzug durch das Schloß und den Schloßhof zu bahnen.

Melusine von Wildhausen war außer sich. Was war das für eine Zeit? In Hannover wagt es ein geputztes Judenweib, sich in ihre Loge zu drängen, und in Heustedt wird sie in ihrem eigenen Schlosse von Bauerpack zur Rede gestellt?

Ein Brief Claasing's, der ihr auf silbernem Präsentirteller gebracht wurde, goß noch Oel in das Feuer. Er schrieb:

»Gnädigste Gräfin!

Nachdem ich dreimal vergeblich um die Ehre gebeten, Ihnen meine untertänigste Aufwartung machen zu dürfen, erlaube ich mir, Sie von einer Thatsache in Kenntniß zu setzen, die zweifelsohne hinter dero Rücken geschieht. In dem gräflichen Hirtenhause zu Eckernhausen hat man seit Jahren die sogenannte Filler-Martha und ihr Kind aufgenommen. Jetzt hat diese Person ohne Autorisation Ew. Gnaden die schlechteste Menschenrasse in Eckernhausen, eine Diebes- und Wilddiebsbande, Schmuggler, Mordbrenner, die mir zehnmal schon mit dem rothen Hahn gedroht, liederliches Bettelvolk, Jochen Dummeier und seine Mutter, aufzunehmen gewagt, nachdem sie mit Schimpf und Schande vom eigenen Hofe Schulden halber vertrieben sind. Die gnädigste Gräfin würde sich ein großes Verdienst um Eckernhausen erwerben, wenn sie diese Vagabundenbande sobald wie möglich aus dem Hirtenhause jagen ließe. Ich bin gern erbötig, dasselbe sofort nach Taxwerth zu kaufen.

Dero u. s. w.«

Melusine befahl sofort den Rentmeister und frug diesen mit einiger Barschheit, wie er sich habe erlauben können, der Martha und ihrem H––kinde die Hirtenwohnung in Eckernhausen als Wohnung zu geben?

»Gnädigste Gräfin scheinen vergessen zu haben, daß dies auf dero Befehl geschah, wenigstens wurde meinem Vater selig die Weisung, für das Unterkommen und Fortkommen der Marthe zu sorgen, damit der Skandal nicht größer werde, als er in der Kirche schon war. Mein weiland Vater glaubte diesem Auftrage am entsprechendsten nachkommen zu können, wenn er das unvermietbare Hirtenhaus in Eckernhausen zur Wohnung anwies. Andere Unterstützung hat Marthe nie begehrt und nie erhalten.«

Die Gräfin biß sich auf die Lippen und richtete sich stolz in die Höhe:

»Die Umstände haben sich verändert, die Person hat meine Gnade misbraucht und ohne Ihre Erlaubniß hoffentlich jenes nichtsnutzige Vagabundenvolk, Jochen Dummeier, den Schmuggler und Wilddieb, nebst Mutter in das Haus aufgenommen, die mich heute in meiner eigenen Wohnung turbirt und gröblich beleidigt haben.

»Das Pöbelpack soll spätestens morgen aus dem Hause geworfen werden, das bis übermorgen an den Obergestütmeister Claasing verkauft werden soll. Ueber den Preis mögen Sie einig werden, brauchen nicht zu knausern.«

Der lange Rentmeister bückte sich tief, seine kleinen grauen Augen schienen vor Devotion und Gehorsam noch nichtssagender zu werden, als sie schon für gewöhnlich aussahen, er sagte: »Zu Befehl, gnädigste Gräfin.«

Am andern Tage, obgleich es ein kalter Decembertag war, wurden Marthe und Anna, die Gehülfin und die Magd, Katharine und Jochen aus dem Hirtenhause getrieben, das am Morgen dieses Tages an Claasing gerichtlich verkauft war. In der Vertreibung der Bewohner durch gerichtliche Hülfe lag der Act der Besitzergreifung für ihn.

Marthe und Anna mit ihren Sachen fanden vorläufig bereitwillige Aufnahme auf Reckmeier's Vollmeierhofe – Katharina und Jochen mußten aus Eckernhausen fortwandern; sie zogen eine Stunde westlicher, wo ein als Schafdieb verschriener Verwandter ihnen Aufnahme auf seiner Stelle gewährte, die den Namen »Die Wüstenei« führte und die wir später näher kennen lernen.

Marthe und Anna hatten schon öfter von Junker die Einladung bekommen, ihren Wohnsitz in Bremen aufzuschlagen. Anna mußte an Junker schreiben, daß und warum man jetzt im Winter von der Einladung Gebrauch mache. Der Kaufherr wurde gebeten, dem expressen Boten, der den Brief überbrachte, Nachricht zurückzugeben, ob die Wohnung, von der Junker geschrieben, noch zu haben sei. Sie stand durch Zufall noch leer.

Nach einer Woche führte ein großer Ackerwagen die ganze Familie nebst Magd und Kuh nach Bremen, wo man in der Vorstadt zur Neustadt eine angemessene und bequeme Wohnung bezog. In der Weihnachtsnacht, als alles in Heustedt in ruhigem Schlafe lag, erschreckte Feuerruf die Stadt. Bald wurde von beiden Thürmen Sturm geläutet; die sämmtlichen Wirtschaftsgebäude des neuen Schlosses brannten, die Flammen waren an drei verschiedenen Seiten aus den Dächern geschlagen, und es war kein Zweifel, daß das Feuer angelegt war. Reiche Vorräthe von Früchten, Heu, Geräthen verbrannten, unversichert in damaliger Zeit, das Vieh wurde gerettet. Es war kaum ein Zweifel, daß nach dem, was vorgegangen, Jochen der Thäter war, es wurde deshalb auf ihn gefahndet, allein Dummeier war aus der Gegend verschwunden.

War der Aufenthalt in Heustedt schon lange der Gräfin unangenehm gewesen, so gab dieses Ereigniß den Ausschlag zu einem Entschlusse, mit welchem sie länger umgegangen.

Gras Schlottheim, der Majoratsherr, dessen Gesandtschaftsdienst in Berlin schon vor der Katastrophe von Sulingen aufgehört hatte – man war in London unzufrieden mit seiner Wirksamkeit, obgleich man Münster in Petersburg beauftragt hatte, gerade das zu verhindern, was Schlottheim jetzt, da die Noth näher kam, bewirken sollte: die Besetzung Hannovers durch Preußen – hatte sich unzufrieden auf seine Güter in Westfalen zurückgezogen. Nach Errichtung des Königreichs Westfalen war es Schlottheim, der reichste Gutsbesitzer im Osnabrückischen, dem die Huld des Königs Jérôme zuerst lächelte. Er wurde an den Hof berufen, wo er später eine einflußreiche Stellung im Staatsrathe erhielt, dann einen Gesandtschaftsposten im Auslande. Sein einziger Sohn und Erbe war wider Erwarten noch zu einem kräftigen Jünglinge emporgewachsen und diente als Rittmeister bei den westfälischen Gardekürassieren.

Der Majoratsherr hatte seinen Bruder, der in Wien müßig lebte, herangezogen und ihm eine Sinecure als Oberstallmeister in Kassel verschafft. Die Gemahlin desselben glänzte am Hofe und zählte den König selbst zu ihren Liebhabern. Da Jérôme von derselben Begierde brannte, sich mit altem Adel zu umgeben, wie sein Bruder in Paris, so hatte man durch Schlottheim der Gräfin Melusine den Antrag machen lassen, als Staatsdame oder Palastdame, wie man in Kassel sagte, bei der Königin einzutreten. Melusine, welche sich ihrer intimen Beziehungen zu der Dynastie der Könige von England, ihrer Erziehung bei der Prinzessin von Wales, der Gunst, in der ihr Gemahl bei Georg III. gestanden, erinnerte, schwankte eine Zeit lang. Der Brand bestimmte sie, die gebotene Stellung anzunehmen.

Heloise aber weigerte sich entschieden, nach Kassel überzusiedeln, sie wollte im Schlosse zu Heustedt bleiben, oder wenn die Mutter ihr diesen Aufenthalt nicht gestatte, eine Zuflucht bei Landraths suchen.

Mutter und Tochter verhandelten die Sache schriftlich; die Mutter berief sich auf ihre Autorität und die gänzliche Mittellosigkeit Heloisens, deutete zum ersten mal an, daß ihr Vermögen durch mancherlei Unglücksfälle zerrüttet sei, daß Heloise nur durch eine günstige Verheirathung eine Aussicht für die Zukunft habe.

Das waren keine Gründe, Heloisens Entschluß umzustoßen, zumal sie selbst über ein kleines Kapital frei verfügen konnte. Allein es fiel ihr ein, hier ein Mittel gefunden zu haben, von der Mutter selbst die Wahrheit über den Gegenstand, der sie so entsetzlich quälte, zu erfahren. Sie schrieb also der Mutter, sie werde ihr nach Kassel folgen, sobald die Mutter ihr offenbare, wer ihr Vater sei.

Nach einer Stunde erhielt Heloise einen Brief der Mutter, in welchem ein zweiter eingeschlossen war, oder vielmehr, die Mutter schickte, ohne selbst ein Wort zu schreiben, nur einen alten an sie nach Hannover adressirten, in Heustedt zur Post gegebenen Brief des Inhalts:

 

Heustedt, 20. November 1788.

Hochgeehrte Frau Gräfin!

So oft Sie mich, gnädige Frau Gräfin, versichert haben, daß ich bei Ihnen nie eine Fehlbitte thun würde, wenn die Erfüllung meines Wunsches von Ihnen abhänge, so werden Sie doch noch nie eine Bitte aus meinem Munde gehört haben. Jahrelang konnte ich von Ihrer Huld schwelgen, ohne einen andern Wunsch in mir auftauchen zu sehen, als Sie ganz, Sie für immer zu besitzen. Diesen Wunsch konnten Sie nicht erfüllen, ja Sie vergaßen mich ganz. Aber ein Band verbindet uns noch, wenn auch nicht vor der Welt, es ist dies nach Ihrer Versicherung mein süßes Kind Heloise. Nun denn, bei ihrem Namen bitte ich Sie, zu bewirken, daß ich sobald wie möglich von hier versetzt werde, so weit weg wie möglich.

Seitdem Sie mich, gnädigste Gräfin, verstoßen, habe ich Trost und Vergessen gesucht in den Armen eines lieben Weibes. Aber das, was sich hier erste Gesellschaft zu nennen wagt, hat meine theuere Marianne, hat mich tödlich beleidigt. Ich muß fort von hier. Ich rechne nicht mehr auf Fortrücken in der höhern Carriere, verwenden Sie, gnädige Gräfin, sich bei dem Oberforst- und Jagddepartement, daß ich im Harz oder Sollinge oder im Göttingenschen recht tief im grünen Walde leben und mich auch zuweilen vergangener Zeiten zurückerinnern darf.

Ew. gräflichen Gnaden ergebenster           
Oskar Baumgarten, Forstschreiber.

 

Heloise schrieb der Mutter:

»Ich folge nach Kassel. Der Brief Baumgarten's hat mir eine große Last von der Seele genommen.«

Im Anfang Januar 1809 zog Melusine in Kassel ein. Der Graf Schlottheim hatte ihr in der damals erbauten Neustadt, jetzt die französische benannt, eine prächtige Wohnung in der Bellevue mit der Aussicht über die Aue nach dem Niederkaufunger Walde und dem Meißner zu gemiethet.

Heloise wurde am Hofe des lustigen Königs von Westfalen von deutschen und französischen Herren sehr bald die Cour gemacht, aber sie blieb kalt und unnahbar.

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