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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Viertes Buch.
Fremdherrschaft.

Erstes Kapitel.
Alte Bekannte.

Es ist Zeit, daß wir uns einmal nach unsern Freunden und Bekannten in Heustedt und Umgegend umsehen.

Fangen wir bei dem Rathskeller an, welcher doch immer der Mittelpunkt des Orts blieb, so war Frau Krummeier ihrem Gatten in das unbekannte Jenseits gefolgt, oder, wie es auf ihrem Leichensteine hieß: »Sie ist in dem Herrn entschlafen zur Wiedervereinigung mit dem theuern Gatten am Tage der Auferstehung.« Ihre schielende Nichte Angelika war Universalerbin geworden und hatte den Oberkellner, den von den Stammgästen sogenannten Unterweseroberseelöwen, Herrn Harry Knickmeyer, geheirathet, der in die Kellerpacht eingetreten war. Sonst war alles beim alten geblieben, nur daß dem Kellerwirthe aufgebürdet war, für den Herrenclub außer dem »Hamburgischen Correspondenten« und dem »Hannoverschen Magazin« auch noch das »Frankfurter Journal« zu halten.

Dem Rathskeller gegenüber im Hause des Landraths von Vogelsang hatte sich ein Großes ereignet. Zum ersten mal hatte es einer der Söhne desselben dahin gebracht, der älteste, ein Staatsexamen zu bestehen, Auditor und Amtsschreiber geworden zu sein. Ohne die Repetitorien und sonstigen Beistand, den der Schwiegersohn, Drost von Berlepsch, gewährt hatte, würde das schwer geworden sein, denn seit länger als einem Jahrhunderte waren Gutmüthigkeit, Gleichmuth, aber auch ein gewisser Stumpfsinn charakteristische Eigenthümlichkeiten der Familie. Der Landrath hatte sich den neuen Zuständen gefügt, er pflegte bei jeder Gelegenheit zu wiederholen: »Wäre man dem Rathe meines Freundes, des Hofrichters und Schatzraths Berlepsch, gefolgt, hätten die Landschaften Frieden geschlossen mit der französischen Nation, als es noch Zeit war, so würden wir unsere Selbständigkeit bewahrt haben. Wer kann die jetzigen Zustände ändern? wer wird so thöricht sein, daran rütteln zu wollen oder sich darüber zu ärgern?«

Daß er selbst sich nicht ärgerte, das sah man seinem Bauche an wie seinem vollen blühenden Gesichte. Die Frau Landräthin hatte sich vortrefflich conservirt, war eher etwas magerer als stärker geworden, war noch immer glatt und ohne Falten im Gesicht und wohl zufrieden, daß der Himmel sie von ihrer Leibadvocatin befreit hatte. Die zweite Tochter Adelheid war unverheirathet geblieben, obgleich sie guten Herzens und ansehnlicher Gestalt war. Der zweite Sohn stand in preußischen Diensten als Offizier, der dritte studirte in Göttingen, ein vierter, Otto, ging noch in die Rectorschule.

Anders sah es auf dem zweiten Burghofe aus. Baron von Bardenfleth war zu einem dürren Männchen zusammengeschrumpft, das voll Gift und Galle auf das Franzosenthum war, das den Namen Erster Consul, später Kaiser, nie aussprach ohne Fluch oder Beiwort, das voll Sehnsucht nach der Vergangenheit dem Tode zuging. Die Frau Baronin dagegen war in die Breite gegangen; sie bewegte sich schwerfällig vom Sofa in den Lehnstuhl am Fenster und von da zurück. Sie liebte noch immer, geputzt zu sein, und ging nach der neuesten Mode mit hoher Taille, welche für die Büste kaum den nöthigen Raum ließ. Nach einer guten Mahlzeit und einem Schläfchen hinterher liebte sie eine Partie Whist leidenschaftlich.

Die Tochter Mimona war an einen Landjunker in der Nähe verheirathet, der Bräutigam der zweiten, Adele, war in Spanien als Offizier der Deutsch-Englischen Legion gefallen, die dritte Tochter, Rosa, war verlobt mit dem Amtsschreiber von Vogelsang, dem Sohne ihres Nachbars. Nach dem Tode der Leibadvocatinnen hatten sich die Eifersüchteleien zwischen den Nachbarsfamilien gelegt, nur zwischen Adelheid und Adele bestand noch einige Eifersucht, da letztere nur zu oft zu verstehen gab: es gebe doch einen Vorzug, einen fürs Vaterland gestorbenen Bräutigam besessen zu haben, als gar keinen. Adelheid Vogelsang ließ sich das lange ruhig gefallen, bis sie endlich zornig wurde und sagte: »Was Vaterland! ist denn Spanien unser Vaterland? Als Söldling im fremden Dienste ist dein Schatz gefallen!« – Der Amtmann Steinbart war nicht mehr der Neufranke von 1792, der Enthusiasmus für die große Nation und gloriose Revolution war verschwunden, nachdem der Militärdespotismus des Kaiserthums aus der Puppe der Republik ausgeflogen war.

Die sonstigen Honoratioren, die wir früher an Sommernachmittagen vor dem Rathskeller, im Winter im Herrenclub versammelt fanden, waren sämmtlich gestorben oder versetzt, ihre Nachfolger aber, wie auch ihr Name immer sein mochte, waren so ziemlich in ihre Fußstapfen getreten, das Leben derselben bewegte sich trotz der großen Revolution, welche die Welt umgestaltet hatte, noch ziemlich in denselben alltäglichen Gleisen. Zwar waren einige neue Ideen in die Gesprächsstoffe geworfen, die Fragen nach dem spanischen Kriege waren in Ermangelung anderer Kriege in den Vordergrund getreten, man hörte auch wol ein Wort über die neuen preußischen Organisationen in Westfalen; das Hauptgespräch drehte sich aber, wenn man unter sich war, immer wieder um die Ungewißheit, was aus den nördlichen hannoverischen Provinzen werden solle, wenn England keinen Frieden schließe. Jahrelang in solcher Ungewißheit zu sitzen, die wir Epigonen nur wenige Wochen gefühlt haben, ist ein ganz abscheulicher Zustand. Waren Frauen unter sich, so sprachen sie nur über die Theuerniß aller Colonial- und englischen Waaren, ohne die man einmal nicht leben konnte. Vorbei!

Verändert hatte sich in der Ost- wie Weststadt in baulicher Hinsicht wenig. Nur neben dem neuen Hause des alten Moses Hirsch war ein Neubau angebracht, ein ziemlich stattliches Haus war an die Stelle zweier abgerissenen Reihehäuser getreten. Es wurde bewohnt von dem jüngern Sohne des Moses Hirsch, dem Bankier Hirschsohn, während im Hause nebenan das große Getreide- und Wollgeschäft von Hirsch Moses blühte. Beide Söhne waren feine Leute, sprachen Französisch wie Platt. Hirschsohn hatte das Bankgeschäft bei Simon in Hannover und in Berlin erlernt, Hirsch Moses zog auf die Messen von Braunschweig und Leipzig, sein Name hatte guten Klang an der Börse in Amsterdam, Bremen und Hamburg, war sogar in England nicht unbekannt, wohin er regelmäßig Wolle lieferte, wenn sich ein Schiff nach Helgoland fand.

Gehen wir weiter nach Westen, so finden wir in Eckernhausen Claasing auf dem Dummeier'schen Vollmeierhofe. Das Gestüt in Kirnberg war aufgehoben, Hengste, Stuten und Füllen waren nach Frankreich entführt, man hatte ihm seinen Titel belassen und von Landesdeputations wegen eine mäßige Pension gegeben.

Aber was frug Claasing nach dieser Pension? Er war ein reicher Mann und wurde täglich reicher. Schon im Anfange des Jahrhunderts mußte er seine Gelder in Hannover anzulegen suchen und machte so die Bekanntschaft des Commissionsraths Crelinger. Als dieser und der Oekonomierath Meyer auf Koldingen und Amtsschreiber Hartmann zu Kalenberg das Lieferungs- und Verpflegungsgeschäft erst wegen der im Lauenburgischen befindlichen hannoverischen Truppen überkommen hatten, zog man Claasing als einen Mann, der über viel baares Geld verfügen konnte, bei, und als nun gar Meyer Generalcommissarius und Hartmann Commissarius für die Lieferungen an die Franzosen wurden, da blühte der Weizen für Leute wie Claasing und Heise, den sogenannten Verpflegungscommissar, erst recht.

Der Obergestütmeister galt für einen gemachten Mann, den Hirschsohn schon im Jahre 1806 auf mehr als 100000 Thaler schätzte, die Grundbesitzungen abgerechnet, und der Sohn von Hirsch Moses hatte einen scharfen Blick. Trotzdem war derselbe aus der Gesellschaft in Heustedt so gut wie ausgestoßen. Seit dem Duell mit Motz galt er allgemein als Mörder seiner ersten Frau, und über seine Herkunft und sein Leben in Dänemark hatten sich allerlei wenn auch nicht wahre, doch an Wahrheit anstreifende Gerüchte verbreitet.

Die zweite Frau mußte die Eitelkeit büßen, die sie aus einer Siebenmeierswitwe zur Frau Obergestütmeisterin gemacht hatte. Sie war getrennt von ihren Töchtern erster Ehe, denn so nahe Grünfelde auch lag, so gab es jedesmal Zank und rauhe Worte, wenn die Mutter ihre Tochter und den Schwiegersohn einmal besuchte. Agnes, die zweite Tochter, hatte während ihres Aufenthalts bei Baumgartens die Bekanntschaft eines hessischen Collegen von Oskar gemacht, der sich in sie verliebte und ihre Gegenliebe gewann. Da sie nicht die geringste Sehnsucht hatte, nach Eckernhausen zurückzukehren, so verzichtete sie mit Einwilligung des ihr pro forma gesetzten Vormundes gegen eine Abfindung von 2000 Thalern Gold und eine Naturalaussteuer, wie sie sich einer Siebenmeierstochter gebühre, Leinen und Drell in großen Mengen, Pferde und Wagen, Kühe und Rinder und Betten und Hausgeräth, Koffer und Lade, Schub- und Putzschrank, drei Wagen voll, auf alle Ansprüche an das väterliche und mütterliche Vermögen. Die Hochzeit wurde in Grünhagen auf dem Meierhofe gefeiert. Heinrich Schulz traute die Schwägerin, man lebte drei Tage herrlich und in Freuden, der Stiefvater zeigte sich als der liebenswürdigste Mensch, denn er hatte seinen Plan erreicht, sein Sohn war nun Erbe der Omeyer'schen und Emeyer'schen wie Dummeier'schen Güter.

Es waren das aber auch die letzten Tage, an welchen die Obergestütmeisterin Claasing vergnügt gewesen war, an denen sie ihre seidenen Kleider, ihre goldenen Ketten und Schmucksachen hatte glänzen lassen können.

Nach Heustedt wurde sie schon lange nicht mehr eingeladen; ihr Mann war freiwillig aus dem Herrenclub ausgetreten und wagte kaum noch, sich im Wirthszimmer des Rathskellers zu zeigen. Er hatte nur mit Roßkämmen, Juden, Lieferanten, Viehkäufern und Viehtreibern im Schwarzen Bären Verkehr, war wochenlang auswärts, um bald in dieser bald in jener Provinz die durchziehenden Franzosen, Spanier, Baiern mit Vieh, Speck, Getreide zu versorgen. War er einmal zu Hause, so war er roh und rüde gegen die Frau und den eigenen Sohn, einen schwächlichen verzogenen Knaben von etwa zehn Jahren, und schonte auch nicht einmal die Frau, als sie ihm einen zweiten Sohn gebar.

Niemand haßte diesen Menschen so sehr als Katharina Dummeier. Kaum war der Körper ihres Mannes, den man bei Nienburg aufgefischt hatte, zur Erde bestattet, als sie nach Heustedt eilte, um einen Advocaten anzunehmen, der gegen den dänischen Spitzbuben wegen Herausgabe des Dummeier'schen Vollmeierhofes an ihren Sohn, dessen Vormünderin sie geworden war, Klage erheben sollte. Sie hatte hübsch beiseitegescharrt und nahm einen großen Beutel feiner Kassengulden mit, als Vorschuß für den jungen Bardeleben, den sie sich als Advocaten ersehen. Der Vater desselben hatte ihr vor Jahren schon explicirt, was hoyaisches Anerbenrecht sei. Der Vater, obgleich er seine Praxis niedergelegt, sollte dem Sohne Rath und Anleitung geben.

Der Proceß hatte den Wortlaut des Gesetzes für sich; wollte Hans Dummeier sich von der Wirthschaft abthun, so kam dem Sohne zweiter Ehe der Vorzug zu vor der Tochter erster Ehe. Allein dieser Sohn war damals noch minderjährig und untüchtig, dem Hofe vorzustehen. Das Gesetz erkannte aber nur für tüchtige Söhne den Vorzug an. Dazu kam das Recht der Gutsherrschaft, der damals noch ein unbestrittenes Obereigenthum zugestanden wurde. Da saßen die Haken des materiellen Rechts, die gegen die Klage eingeschlagen werden konnten; aber wie viel Haken des formalen Rechts gab es außerdem! Ueber wie viele sogenannte verzögerliche Einreden wurde in drei Instanzen gestritten, ehe es zu einer Entscheidung über die Sache selbst kam! Zehn Jahre hatte man über Formalien gestritten, jetzt im dreizehnten Jahre kam die erste Entscheidung der unterrichterlichen Instanz des Amts Hoya über das Recht selbst; die Klage wurde in angebrachter Maße zurückgewiesen.

Aber welche Geldmassen hatte diese Klage bis dahin verschlungen? Das Uebergesparte Katharinens hatte kaum für zwei Jahre ausgereicht, dann fing man an, mit obrigkeitlicher Erlaubniß und gutsherrlichem Consense Geld auf Hypotheken auf die Jochen Dummeier zugefallene Brinksitzerstelle zu leihen. Man fand lange bereitwillig einen Juden als Herleiher, der aber, sobald die Obligation in seinen Händen war, an Claasing weiter cedirte. Ehe Jochen noch volljährig war, wurde seiner Vormundschaft angezeigt, daß die Forderungen an den Gestütmeister und von diesem an Herrn Commerzienrath Crelinger cedirt seien, welcher letztere das Geld kündigte. Nun war die hypothekarische Schuld schon so groß, daß in den begonnenen Kriegszeiten das Geld nicht anzuschaffen war.

Der Proceß nahm freilich seinen Fortgang; Jochen Dummeier erhielt das Armenrecht, und Advocat Bardeleben, der viele Hunderte von Thalern verdient hatte, führte den Proceß weiter, aber nicht mehr mit der alten Energie. Während er bisher niemals zu Fristgesuchen seine Zuflucht genommen hatte, wetteiferte er jetzt mit Claasing's Advocaten in dieser Branche.

Jochen hatte vom Vater wie von der Mutter ein angeborenes Selbstbewußtsein und eine eigene Festigkeit, welche durch die schlechte Erziehung, die ihm von der Mutter geworden war, in Eigensinn, Trotz, Widerspenstigkeit ausgeartet waren. Er konnte nicht gehorchen, konnte sich nicht unterordnen, das schien ihm unmännlich. Hatte er doch von seiner Confirmation an mit der Mutter nur in Einem Streite gelebt, in welchem er Sieger geblieben war. Katharina, die den männlichen Hans Dummeier überwunden, mußte sich vor dem eigenen Sohne beugen, ihm seinen Willen lassen. Die Versuche, denselben in Eckernhausen oder sonst als Knecht unterzubringen, an Ordnung und Gehorsam zu gewöhnen, waren sämmtlich fehlgeschlagen, nach wenig Wochen war er überall fortgejagt. Beim Spiel und Tanz, auf Hochzeiten und Kirmessen spielte er aber den Anführer, und wo eine Schlägerei in Eckernhausen und der Umgegend war, da konnte man sich darauf verlassen, Jochen hatte nicht gefehlt; war scharf geschlagen, so sagten alle Jungen: »Dat hett Jochen dahn, hei harre sin Kniep glick ut der Böxentasche.«

Jochen wäre ein guter Soldat geworden; wie es eigentlich kam, daß er es nicht wurde, ist uns noch immer ein Räthsel. Der Zufall spielte sein Spiel. Dagegen war er schon von Jugend an Wildschütz. Die großen herrschaftlichen Holzungen, die sich an den Sandhügeln des linken Weserufers, den Mooren und Brüchen hinzogen, bargen für die zahlreichen Wildschützen Rothwild wie Schwarzwild, wilde Enten, Becassinen, Birkhühner, Rebhühner und Hasen.

Um die Wirtschaft bekümmerte sich Jochen nur zur Zeit der Bestellung und der Ernte, er pflügte seine paar Morgen Land, bestellte es, fuhr die Saat ein, drosch sie mit der Mutter gemeinsam aus, für alles übrige mußte diese sorgen. Für Taschengeld sorgte die Wilddieberei und seine Ueberlegenheit im Kartenspiel. Nur in Einem Punkte war sein Leben lobenswerth, fand aber gerade den Tadel seiner Mutter: er war dem Mädchen seiner Liebe treu. Dieses Mädchen war freilich auch die schönste Erscheinung weit und breit in der Umgegend von Heustedt, es war die Tochter der Filler-Martha und des Grafen Otto von Schlottheim.

Der Filler, der auf seine Ehre mehr hielt als manche adeliche Familie damals auf die ihrige, hatte seine Tochter verstoßen, sein Wesen, das ihm erbeigen gehörte, verkauft und war aus der Gegend verschwunden. Martha war im Armenhause niedergekommen und befand sich in der bittersten Noth. Die Gräfin Melusine hatte ihren Rentmeister beauftragt, für die »Wahnsinnige«, wenn sie etwa aus dem Gefängnisse entlassen werde, zu sorgen. Nun hatte das Schloß früher in der Feldmark Eckernhausen große Weiden gehabt, die, als der Graf Wildhausen sein Gestüt anlegte, mit herrschaftlichen Weiden an der Weser vertauscht wurden. Ein Hirtenhaus, bewohnbar auch im Winter, mit einigen Himptsaat Land und einigem Graslande, genug, eine Kuh durchzuwintern, stand etwas entfernt vom Dorfe leer. Der Rentmeister hatte es noch niemals verheuern können, weil die eckernhäuser Bauern sich verabredet hatten, einem etwa dahin ziehenden Häuslinge weder Arbeit zu geben noch Land zu verpachten, ohne welches eine Familie nicht leben konnte. Der Rentmeister wies nun dieses Haus der Filler-Martha als unentgeltlichen Wohnsitz an, stattete sie mit einem Bette und den notdürftigsten Möbeln ans, schenkte ihr aus eigenen Mitteln eine Ziege und schützte sie bei dem Amte gegen die eckernhäuser Bauern, welche ihre Aufnahme weigerten. Das Amt nahm sich ihrer an, es entschied, das Hirtenhaus gehöre nicht zur Gemeinde, sei adelich exempt und werde daher die Martha niemals der Gemeinde, sondern nur dem neuen Schlosse zur Last fallen. Martha's Stolz und Trotz war durch die Ereignisse niedergebeugt; daß ihr Vater sie verstoßen hatte, schmetterte sie nieder, sie ließ alles mit sich machen, und der Amtmann Steinbart, der sich ihrer von Anfang angenommen hatte, überredete sie leicht, das Gebotene nicht zu verschmähen.

So lebte Martha schon seit sechzehn bis siebzehn Jahren still und zurückgezogen in ihrem Hause. Sie war sehr geschickt im Korbflechten. Sie flocht aber nicht nur jene gewöhnlichen Körbe von grünen Weiden zum Gebrauche für das Haus und die Ackerwirthschaft, sondern wußte auch kleine zierliche Handkörbchen für Damen anzufertigen, und ernährte sich und ihre von Heinrich Schulz in Grünfelde als Anna getaufte Tochter ehrlich und gut.

Anna Schlottheim, so war die Tochter nach dem im Kirchenbuche angegebenen Namen des Vaters getauft, mußte ihren Confirmationsunterricht in Grünfelde nehmen. Auf dem Wege dahin wurde sie häufig von Jochen Dummeier, dem vierzehn Jahre ältern Jungen, begleitet, der sich ihr durchaus gefällig und dienstbar erwies, sie über Schmuz und Pfützen, an denen es auf dem Wege nicht mangelte, hinwegtrug, böse Dorfhunde verjagte, sie gegen die unartigen Buben in Eckernhausen schützte. Ich muß nämlich, nicht gerade zum Lobe der Eckernhäuser, gestehen, daß ein siebzehnjähriges untadelhaftes Leben nicht vermocht hatte, den Widerwillen der Bauernschaft gegen die Niederlassung Martha's in diesem Orte zu heben, sie wurde im Dorfe nie anders als Filler-Martha genannt, ihre Anna fand keine Spielgenossen, wurde vielmehr von den Kindern verhöhnt und das Grafenkind genannt. Das Leben in diesen Jahren war ein Leben voller Qual, und die Verlassene wäre Menschenfeindin geworden, wenn nicht zwei Dinge sie hochgehalten hätten: die Liebe zu ihrem Kinde und die Tröstungen der Religion, welche sie vom Ideale ihrer Kindheit, dem Pfarrer in Grünfelde, empfing. Sie ging sonntäglich zur Kirche nach Grünfelde, und als Anna sieben Jahre alt geworden, mußte diese sie begleiten. Nach der Confirmation des Mädchens stellte sich Jochen Dummeier erst wie zufällig, dann öfter, später als regelmäßiger Begleiter bis vor die Kirchthür ein. Die Mutter, welche von Anna gehört hatte, wie Jochen in ihrer Kindheit der einzige gewesen, der sie beschützt habe, die Verstoßene, welche in der ganzen Woche mit niemand sprach als den Männern, die ihr Weiden verkauften oder Mehl, Kartoffeln und Gemüse brachten, war auch ihr die Begleitung nicht unangenehm. Das hübsche Kind hatte schon früher den Verkauf der feinen Korbwaaren in Heustedt besorgt. Sie war eine so eigentümliche, liebliche Erscheinung, daß jeder gern kaufte, wenn sie Körbe anbot, selbst die Damen. Schlank und schön gewachsen, mit kleinen aristokratischen Füßen und Händen, den schwarzen, in langen Flechten herabhängenden Haaren der Mutter, hatte sie vom Vater den zartesten weißen Teint und schöne blaue Augen. Auf einem dieser Kirchwege nach Grünfelde trat Jochen mit dem Vorschlage hervor, sie möge ihn manchmal nach Bremen begleiten, um dort Korbwaaren abzusetzen, was ihr gewiß leicht gelingen werde. Er fahre alle vierzehn Tage dahin mit leerem Wagen, um Waaren dorther zu holen, und wie er im Vertrauen gestehen wolle, für seine Genossen Colonialwaaren, verbotenen Kaffee und Zucker einzukaufen, die von diesen eingeschmuggelt würden. Die Waaren, welche er auf seinem Wagen zurückbringe, würden aber versteuert.

Jochen wußte der Mutter so viel von dem Reichthum in Bremen zu erzählen, und wie leicht es Anna dort werden würde, einen ganzen Wagen voll seiner Korbsachen alle drei bis vier Wochen zu verkaufen, daß diese sich zu einem Versuche entschloß. Sie wollte selbst mitgehen, allein Jochen wußte ihr das auszureden, und die Sorge für ihre Kuh – sie hatte sich zu einer solchen emporgearbeitet, die sie doch drei oder vier Tage nicht ohne Pflege und ungemelkt lassen konnte –, überwog endlich.

So zog man denn auf unwegsamen sandigen Wegen, Chausseen gab es noch nicht, eines Tages über Mardfeld, Schwarme mit einem Einspänner nach Bremen zu. Auf dem Leiterwagen war für Anna Schlottheim ein Vorsitz angebracht, Jochen ging meistens zu Fuß neben dem Pferde her, und wenn man auf eine glatte Lehmheide kam, setzte er sich neben Anna und ließ den Schimmel austraben. Man kam spät nachmittags in Bremen an. Diese Stadt hatte sich, seitdem wir sie nicht gesehen, äußerlich wie innerlich sehr verändert. Zunächst war sie durch den Reichsdeputationshauptschluß von 1803 die hannoverische Intendantur, die Hoheit des Kurfürsten in der Stadt selbst, los geworden, sie war erst jetzt eine freie Stadt, abgesehen von der französischen Herrschaft, die sich schon seit dem Napoleonischen Decret vom 21. November 1806, welches England für blokirt, alle englischen Waaren für confiscirt erklärte, bedeutend fühlbar machte. Aber auch äußerlich war Bremen ein anderes geworden, man hatte angefangen, den Reifrock der Festungswälle mit der Mode, die von Reifröcken nichts mehr wissen wollte, zu entfernen. Auf dem Osterthorwalle war ein neues Schauspielhaus seit 1792 errichtet, die »Braut« war abgetragen, von allen Seiten drang mehr Licht und Luft in die Stadt. Perrüken, Zopf und frisirte Köpfe begannen eine Seltenheit zu werden, alles, was fein und nobel war, trug schwarzen Frack und weiße Piquéweste, oder blauen Frack mit goldenen Knöpfen, gelbe Weste und Stulpenstiefel.

Jochen Dummeier pflegte seine Einkäufe bei dem uns wohlbekannten Hause Johann Karl Junker und Compagnie zu machen. Auch da war eine große Umwälzung geschehen. Der Rath hatte die Intendantur, das alte Palatium, für 27769 Thaler 30 Grote erkauft und abbrechen lassen, das Museum war an dieser Stelle im Bau begriffen und Junker's Haus war von der einen Seite bloßgelegt und von Baugerüsten und Bausteinen verbarrikadirt, sodaß Jochen mit seinem Wagen nach der Straße fahren mußte, in die das Hinterhaus mündete. Jochen frug auf dem Comptoir an, ob er bis morgen eine Partie seiner Korbwaaren in den Lagerräumen niedersetzen dürfe. Man wies ihm einen Platz dazu im Vorderhause an. Während hier Anna die Körbe ordnete, die Jochen herzuholte, kam Johann Karl Junker junior, der künftige Senator nach dem Willen der Mutter, zur Zeit siebzehn- oder achtzehnjähriger Student in Heidelberg, und sah der Thätigkeit des schönen Mädchens zu, welches selbst den Zuschauer nicht bemerkte.

»Aber schönes Kind«, redete er die aufschreckende Anna an, »sage mir, was soll denn das? soviel mir bekannt, handelt die Firma Johann Karl Junker und Compagnie nicht mit Korbwaaren.«

»Aber ich«, entgegnete diese keck und sah ihn mit ihren großen blauen Augen an.

»Nun so zeig' mir deine schönsten Stücke«, entgegnete der Studiosus.

»Dieser da ist der theuerste, den hab' ich selber gearbeitet, er kostet 2 Thaler, und dieser, den die Mutter gemacht, ist der schönste, der kostet 1 Thaler 60 Grote.«

»Warum kostet denn dein Korb mehr?«

»Weil ich noch einmal solange daran gearbeitet habe als die Mutter.«

»Hier, schönes Kind, ist ein Louisdor, ich behalte beide Körbe, aber einen Kuß bekomme ich zu.«

Der Student versuchte, Anna, die ihm die Körbe hinreichte und das Goldstück in Empfang nahm, zu umarmen, sie entzog sich ihm aber gewandt und wollte zu der offenen Thür hinausschlüpfen. Vor dieser stand aber der stille Compagnon, welcher, die Hände über dem Kopfe zusammenschlagend, ein halb heulendes Geschrei ausstieß: »Karl! Karl, Unglückskind, was muß ich von dir erleben! Das Geld, das deine Aeltern im Schweiße ihres Angesichts zusammensparen, das wirfst du mit Händen zum Fenster hinaus, oder was noch schlimmer ist, das schenkst du einer Zigeunerin!«

Ehe noch Johann Karl junior antworten konnte, trat Jochen mit einer neuen Last Körbe beladen und hinter ihm der Inhaber des Geschäfts selbst in den Raum, wo die Körbe gelagert wurden. Er hatte den schwarzen Frack an, trug seinen Zopf und seine gepuderten Löckchen noch, wie im Jahre 1788, nur ging er viel gebückter.

»Sieh da Papa«, sagte der Studiosus, der in dem Vater eine unvermuthete, aber erfreuliche Hülfe zu erblicken schien, und hielt ihm die gekauften Körbe entgegen, »ich wollte der Mama und der Cousine Breuer eine Ueberraschung bereiten. Da die Firma Junker einen neuen Geschäftszweig zu ergreifen scheint und zwar mit einem so niedlichen Kinde, denn es ist ein Kind, Vater, sieh sie nur an, so glaubte ich für die Ehre der Firma auch etwas thun zu müssen, indem ich der erste Käufer war. Ich glaubte das unserm Hause schuldig zu sein, denn nicht wahr, Papa: alles für die Firma, nichts über die Firma! Und nun denke dir, schreit Mama, ich schmisse das sauer erworbene Geld mit Händen zum Fenster hinaus und verschenkte es an Zigeunerinnen! – Und du, Mama, hast du schon Zigeunerinnen mit blauen Augen gesehen? Sieh, dieses schöne Körbchen hat das weiße Kind dort gearbeitet, und dir schenke ich es, dies andere ist für Cousine Meta.«

Karl Johann Junker senior, welcher Anna mit Wohlgefallen betrachtet und, da sie schüchtern zu Boden sah, sie unter das Kinn faßte und ihren Kopf in die Höhe hob, sagte: »Hast recht, mein Sohn, alles für die Firma und nichts über die Firma.«

Damit war der Sturm, der über den kühnen Studiosus hereinzubrechen drohte, beschwichtigt. Anna bedankte sich, versprach, morgen die Körbe abzuholen, und entfernte sich mit Jochen, der ihr Bremen und die Häuser zeigen wollte, wo sie wahrscheinlich auf Absatz rechnen könnte. Jochen wußte in Bremen genau Bescheid. Am andern Tage hatte Anna ihren ganzen Korbvorrath noch vor Mittag verkauft und trug in ihrem Beutel so viel Geld, als sie noch niemals beisammen gesehen hatte.

Jochen hatte Continentalwaaren auf seinem Wagen, die verbotene Colonial- und englische Waare, die er erstanden, ging bei Nacht und Nebel die Weser hinauf. Auf der Heimfahrt, als das junge Mädchen unschuldigerweise erzählte, der junge Herr, der ihr die beiden Körbe für den Louisdor abgekauft, habe einen Kuß in den Kauf haben wollen, wurde Jochen ganz zornig und sagte, dann nehme er sie nicht mehr mit nach Bremen, und dem Laffen wolle er eins versetzen, daß ihm das Küssen vergehen sollte. Die wahre, rohe Bauernnatur, die Anna noch nie in der Weise gesehen hatte, denn gegen sie war Jochen immer wie ein Lamm, brach los und erschreckte sie sehr.

Martha war höchlich erfreut über das Resultat der bremer Reise, Mutter und Tochter gingen mit frischem Eifer an die Arbeit und versuchten, sich in Erfindungen neuer Muster zu übertreffen.

Einen schlimmern Stand hatte Jochen zu Hause, seiner Mutter war der Umgang Jochen's mit den »Fillers Frauenzimmern« nicht entgangen, sie hatte dem Sohne schon hundertmal untersagt, in das Hirtenhaus zu gehen. Sie war Tochter eines Vollmeiers und Frau eines solchen gewesen und bildete sich darauf nicht wenig ein. Ihr ganzes Dichten und Trachten ging dahin, ihren Sohn wieder zum Vollmeier zu machen, und die Fillerstochter stand viel weiter unter ihr, als sie unter der Gräfin Melusine zu stehen glaubte. Daß Jochen Körbe bei der Martha aufgeladen und die Anna nach Bremen gefahren hatte, war dem ganzen Dorfe bekannt und blieb Katharina nicht verborgen; als daher der Sohn am Abend nach Hause kam, gab es eine Scene, die man bei dem dritten Nachbar hören konnte und die damit endete, daß Jochen alles Küchengeschirr, dessen er habhaft werden konnte, der Mutter in der Stube vor die Füße warf, tobend und fluchend gegen Mitternacht die Wohnung verließ, um nach einem zwischen Eckernhausen und Heustedt gelegenen Wirthshause zu gehen, wo er gewiß war, Kumpane zu treffen. Theils aus Eifersucht, theils um ähnlicher Auftritte überhoben zu sein, verschwieg er seine nächste Reise; die Frauen im Hirtenhause hatten noch nicht genug Vorrath gearbeitet, als daß sie hätten drängen sollen. Als er sich aber überzeugt hatte, daß der junge Laffe, wie er ihn nannte, Bremen wieder verlassen habe und auf der Universität sei, nahm er keinen Anstand, zur nächsten Reise Anna und ihre Körbe wieder mitzunehmen, nur war er vorsichtiger; er fuhr nach Mitternacht ab, als seine Mutter im festen Schlafe lag und das geschwätzige Dorf desgleichen. Man kam gegen Mittag in Bremen an, und Anna lagerte ihre Waaren wieder im Junker'schen Hause; der Studiosus war nicht mehr da, aber Senior selbst kam, sich die niedlichen Sächelchen zu besehen und einiges davon zu kaufen, das er heimlich ins Comptoir bringen ließ, einen geheiligten Ort, den der stille Compagnon nur betrat, wenn ein Fest nahte und das Scheuern erlaubt wurde. Er streichelte dabei Anna wieder das Kinn, hob ihr den Kopf in die Höhe, sah sie mit seinen kleinen Augen lange an und drückte ihr einen väterlichen Kuß auf die Stirn. Dann erkundigte er sich des längern und breitern über ihre Verhältnisse und schloß damit, es solle das letzte mal sein, daß sie mit den Körben selbst hausiren gehe, er wolle für einen Kaufmann sorgen, der die Waare in Commission nähme, und er selbst wolle es mit einer Quantität Körbe auf eigenes Risico nach Amerika versuchen. Zugleich zeigte er ihr einige größere mit amerikanischen Binsen und Reisstroh umflochtene Flaschen und frug, ob sie oder ihre Mutter dieselben wol ebenso fein umflechten könnten; sie sollten mit scharfem Essig aus der Brauerei von Bollmann in Hoya nach Südamerika geschickt werden. Anna versprach, einen Versuch zu machen. »Wenn der Versuch gelingt, mein Kind«, sagte der Inhaber der Firma Johann Karl Junker und Compagnie, »so wird die Firma dir sehr dankbar sein und euch hinreichend beschäftigen. Für amerikanische Binsen und Reisstroh werde ich dann in Zukunft sorgen; jetzt versuchet es mit dem Zeuge, welches ihr habt.«

Anna verkaufte auch diesmal ihre Körbe recht bald, nur war es ihr lieb, daß es das letzte mal sein solle, denn sie war bei dem Hausirverkaufe schlimmern Zudringlichkeiten von jungen und alten Herren ausgesetzt als bei dem ersten Verkaufe im Junker'schen Hause. Aus dem Comptoir wurde, als Jochen und Anna fortfuhren, ein großer Korb mit Probeflaschen herausgetragen und Jochen ein Kronthaler eingehändigt, damit er den Korb und seinen Inhalt versteuern könne, was ihm von einem der Comptoirgehülfen auf die Seele gebunden wurde.

Anna erzählte Jochen, daß der alte Herr nicht wolle, daß sie ferner mit Körben hausiren gehe, und daß er der Mutter reichlichen Auftrag geben würde, Flaschen wie die in dem Korbe befindlichen zu umflechten. Als man aber nach Dreye kam an die Mauth und den Korb öffnen mußte, da fanden sich nicht nur die zwei Flaschen in demselben, sondern noch ein schwarzseidenes Kleid und eine sammtene Mantille, freilich nicht neu, und deshalb auch nicht steuerpflichtig, aber sehr wohl erhalten. Ein Zettelchen auf dem Packet enthielt die Worte: »Meta Breuer der schönen Korbflechterin.«

Nun ging es im Hirtenhause an das Versuchen. Es wurde zunächst das Ende der Umspinnungen der Probeflasche gesucht, und als solches gefunden, gelöst, und die Umspinnung mit großer Sorgfalt abgenommen, wobei Anna jede einmalige Umwindung, jede Drehung, jeden besondern Knoten auf Papier notiren mußte.

Dann begannen Mutter und Tochter die Nachahmung, die freilich erst nach einer Menge von Versuchen vollkommen gelang. – Die Proben, nach Bremen geschickt, fanden Beifall, und nun kam oben aus dem Lande eine ganze Schiffsladung solcher Flaschen und ein Wagen mit amerikanischen Binsen von Bremen, sodaß Martha mit ihrer Tochter gut bezahlte Arbeit für mehr als ein Jahr hatte. Waren ein paar Dutzend umflochten, so wurden sie zur Weser nach Hoya geschickt und wanderten dann mit starkem Weinessig gefüllt wieder nach Bremen.

Der Wohlstand im Hirtenhause mehrte sich von Tage zu Tage, man hielt eine Magd, hatte eine Gehülfin angenommen zum Flechten der gröbern Körbe, die noch immer in Eckernhausen und Heustedt verlangt wurden. Selbst die größern Bauern fingen an, da sie den Erfolg sahen, ohne welchen es ihnen bei allen Dingen an Glauben fehlt, die Respectabilität von Martha und ihrer Tochter zu loben, und tadelten nicht, daß die letztere in dem geschenkten Seidenkleide und der Sammtmantille zur Kirche ging. »Se hatt sek dat sülbenst verdeent, un watt ener verdeent, da kann he Staat met maken«, sagten die Verständigen. Es würde fortan der Mutter nicht schwer geworden sein, unter den bessern Bauern Umgang zu finden, allein daß Jochen der Anna nachging, das gereichte jetzt allein den Bewohnern des Hirtenhauses zum Tadel. Jochen war im ganzen Orte verrufen, er hatte in ganz Eckernhausen keinen Freund und keine Freundin.

Seit Anna's Confirmation waren etwa zwei bis drei Jahre vergangen, als über Katharina und ihren Sohn das Unglück hereinbrach, dessen wir oben schon erwähnten; das zur Bestreitung von Proceßkosten nach und nach angeliehene Kapital war gekündigt und konnte nicht. angeschafft werden. Die Brinksitzerstelle kam zur Execution, nachdem vorher Feld, Haus, Viehinventar verkauft waren. Die bisherigen Besitzer wurden ermittirt. Dies konnte in Bezug auf Katharina, der ja ein gesetzliches Leibzuchtsrecht an dem von ihrem Manne hinterlassenen Vollmeierhofe, an dessen Stelle die Brinksitzerstelle getreten war, zustand, nur deshalb geschehen, weil sie, die als Vormünderin die Kapitalien angeliehen hatte, sich zugleich für deren Sicherheit verbürgt hatte. Eine Wohnung war für die Ausgetriebenen in Eckernhausen nicht zu finden, da erbarmte sich Martha derselben und nahm sie in das Hirtenhaus zu sich. Jochen hatte einiges von seinem Vermögen gerettet, indem er, als er merkte, daß die Dinge schief gingen, theils einige Sachen beiseitebrachte, andere, namentlich Wagen und Pferd, durch Scheinkauf dem Wirthe zur Moorbrücke verkaufte, in dessen Interesse und Oberleitung der ganze Schmuggel betrieben wurde. Mit den wenigen Kleidungsstücken und Betten, welche nach der Executionsordnung jedem Schuldner gelassen werben mußten, zogen Mutter und Sohn ins Hirtenhaus zur Filler-Martha. Jochen wollte jetzt um Anna's Hand anhalten, allein die Mutter verweigerte ihre unumgängliche Zustimmung: »Solange unser Proceß nicht in letzter Instanz unwiederbringlich verloren ist, solange noch der schwächste Hoffnungsschimmer ist, daß wir den dänischen Spitzbuben von dem geraubten Gute vertreiben, so lange erhältst du meine Einwilligung nie.«

Jochen hatte es auf den Kirchgängen nach Grünfelde oft zum Gegenstande des Gesprächs gemacht, wie er auch von der Gräfin Melusine sein Recht und das Recht Anna's, der Tochter ihres Schwiegersohns, erstreiten wolle.

Es war Herbst, als Katharina und ihr Sohn exmittirt wurden, der November mit Wind und Regen kam. Während Anna und ihre Mutter und die Gehülfin am Fenster saßen, um bei dem trüben Tageslicht an ihren feinen Flechtwerken zu arbeiten, Katharina bei dem Spinnrade oder in der Küche mit der Bereitung des Essens für die ganze Hausgenossenschaft beschäftigt war, rekelte Jochen, wenn er nicht in seinen Handels- und Schmuggelgeschäften nach Bremen war, sich auf der Bank hinter dem Ofen, die in keiner niedersächsischen Dönze derzeit wie heute fehlte. Hier pflegen die Bauern im Winter ihre Schlachtplane auszuhecken, Kniffe, wie sie ihrem Nachbar, wenn sie mit ihm erzürnt sind, oder einem sonstigen Feinde einen Proceß an den Hals werfen können; hier werden Ränke des Eigennutzes und der Selbstsucht geschmiedet. Statt die Stunden, welche schwere Dresch- und andere Arbeit nicht in Anspruch nahmen, an Weiterbildung zu denken, Nützliches oder auch nur Erheiterndes zu lesen, brütete der niedersächsische Bauer, wenigstens zu der Zeit, von der wir reden, Kriegsgedanken eines Privaten gegen einen andern Privaten. So dachte Jochen Tage und Wochen darüber nach, wie er die Gräfin Melusine zu einer Erklärung veranlassen könne, von der Advocat Bardeleben gesagt hatte, daß sie seinem Processe eine günstigere Wendung geben würde, und wie er zugleich die Einwilligung der Mutter zur Verheiratung mit Anna Schlottheim erzwingen könne.

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