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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Zehntes Kapitel.
Gefangenschaft.

Wir haben Karl Haus und seinen Freund, den Maler, in den Kasemattengefängnissen des Castello dell' Uovo verlassen. Das Gerücht von ihrer Verhaftung drang zuerst zu Eleonore durch die Dienerschaft, die immer mehr von den persönlichen Beziehungen der Herrschaft zu wissen pflegt, als diese vermuthet. Olga fuhr sofort zu Lady Harrington, welche bei dem englischen Gesandten, bei dem Grafen Münster und dem Graf-Bischof die nöthigen Schritte zur Befreiung zu thun versprach und wirklich that. Karl Haus stand unter dem Schutze der englischen Gesandtschaft, und Graf Münster erklärte, daß die Verhaftung seines Privatsecretärs nur auf einem Irrthum beruhen könne, und daß er dessen Freigebung sofort verlange.

Derselbe wurde denn auch schon nach vierundzwanzig Stunden aus dem Castello dell' Uovo entlassen, während es den gemeinsamen Bestrebungen des Lords Harrington und des Graf-Bischofs erst am folgenden Tage gelang, auch den deutschen Maler zu befreien, denn Deutsche fanden im Auslande noch selten Schutz. Karl sagte dem Grafen Münster für seine Befreiung Dank und erklärte seine Verhaftung durch den Umstand, daß einige italienische Maler, mit denen Hellung, sein Freund, bekannt geworden, sie in eine angeblich nur humanistische Gesellschaft, die der Pythagoräer, ohne daß sie selbst Veranlassung dazu gegeben und irgendeinen politischen Charakter geahnt, eingeführt hätten. Kurz nach ihrem Eintritt in die Taverne des heiligen Januarius habe auch schon die Verhaftung stattgefunden.

Der Graf sagte artig: »Sie werden begreifen, daß meine Stellung mir nicht erlaubt, einen Mann in meinen Diensten zu haben, auf dem auch nur entfernt der Verdacht ruht, mit der französischen Propaganda, die sich hier stark zu rühren anfängt, in der leisesten Verbindung zu stehen. Ich hege nicht den geringsten Verdacht, daß dies der Fall ist, muß indeß selbst den Schatten eines Scheins meiden. Mein Aufenthalt wird außerdem hier von der kürzesten Dauer sein, denn die Fortschritte der Republikaner in Oberitalien und Rom lassen das Schlimmste befürchten. Sie werden eine Depesche von mir nach London bringen, und ich hoffe, daß sich in der deutschen Kanzlei eine Ihren Talenten angemessene Stellung finden wird. Ich habe deshalb an Excellenz Lenthe geschrieben, wie Sie selbst diesen Brief dem Geheimen Hofrath Best übergeben werden, der Sr. Majestät am nächsten steht.«

Karl hatte mehrmals den Grafen unterbrechen wollen, um zu erwidern, daß dieser seinen eigenen Wünschen nur zuvorkomme, da er nach Nordamerika überzusiedeln gedenke, allein die Art und Weise, wie sich Münster seiner Person zu entledigen suchte, war so nobel und des Wesens eines Edelmanns würdig, daß er nur seinen Dank für die Güte herausbringen konnte.

»In Syrakus«, fuhr der Graf fort, »liegt eine Fregatte segelfertig nach England, ein neapolitanisches Schiff wird Sie dahin führen, machen Sie sich bereit, übermorgen abreisen zu können.«

Karl war entlassen.

Jetzt galt es, rasche Entschlüsse zu fassen. Er eilte zu Lady Harrington, um auch ihr seinen Dank abzustatten für das, was sie für seine Befreiung gethan. Er fand dieselbe in der übelsten Laune. Mylord hatte seit ihrer Verheirathung zum ersten mal gewagt, den Mann und Herrn zu zeigen. Sie hatte in ihrer Angst um Karl und seinen Freund, die sie zu protegiren sich capricirt, den Gemahl nicht nur angegangen, bei seinem Jagd- und Fischcumpan, dem Könige, directe Schritte zur Befreiung der beiden Deutschen zu thun, sondern war unvorsichtigerweise ohne Vorbereitung mit dem Adoptionsplan hervorgetreten.

Da aber zeigte Mylord ganz den Earl, den Peer, den Engländer. Seine Verachtung gegen alles, was nicht englisch war, namentlich gegen Deutsche, und nun gar gegen einen Hannoveraner war so eingefleischt, daß sich seine sämmtlichen Nervenfasern, die ihn sonst jahrelang nicht incommodirten, in Empörung gegen den Gedanken regten, den Secretär eines Grafen Münster zu adoptiren. Er erlaubte sich nicht nur, Karl einen französischen Revolutionär und Sansculotten zu nennen, sondern an dem gesunden Verstande Myladys selbst zu zweifeln.

Es fand eine Ehestandsscene statt wie noch niemals; die beinahe fünfundzwanzigjährige Herrschaft der Lady war auf einmal gebrochen, das wilde Thier, das eigentlich in dem Lord wie in jedem der berechtigten Zehntausend steckt, und nur durch Blasirtheit und Langeweile zur Ruhe gelangt war, sprang in seiner ganzen ungezähmten Wildheit aus ihm heraus.

Die Lady war nur froh, daß sie nicht auch von Olga und ihrer Verbindung mit Karl gesprochen, wie es ihr, um den Gedanken der Adoptirung Karl's durch den Lord näher zu motiviren, auf der Zunge gelegen hatte.

Karl Haus befreite sie durch die Nachricht, daß er als Kurier des Grafen Münster in drei Tagen nach England reisen müsse, aus der peinlichen Situation, in der sie sich nach so viel Redens über die Adoption befand. Er bat, auch während seiner Abwesenheit die Patronschaft über Olga und seine Liebe zu ihr zu führen, und sobald es möglich sei, dieselbe auf einem amerikanischen oder englischen Schiffe nach Amerika überzuschiffen, und den Plan, welchen er in der Nacht ausgedacht habe, zu unterstützen.

Dieser Plan war einfach folgender: Hellung sollte in der Gegend von Sorrent oder Meta für sich und Olga nebst Eleonore eine einsame Villa miethen, dahin sollte die Gräfin heimlich die nöthigsten Kleidungsstücke und Sachen schaffen, dann sollten Olga, Eleonore und Hellung eine Lustfahrt nach Capri unternehmen und an dem Felsen vor Capri scheitern und umkommen. Eine Barke von Sorrent sollte sie in einiger Entfernung von Capri auf dem Meere in Empfang nehmen und nach Sorrent bringen, während der Schiffer seine Barke, die ihm zum Doppelten des Werthes bezahlt werde, an den Klippen von Capri scheitern lassen, sich selbst durch Schwimmen retten und in Capri wie später in Neapel verbreiten sollte, die Gräfin und ihre englische Gesellschafterin wie der deutsche Maler mit dem langen Barte und den langen Locken seien verunglückt.

Der Lady gefiel dieser Plan außerordentlich; er war romantisch, und sie liebte alles Romantische, sie versprach Karl für den Abend ein Rendezvous mit Olga, und dieser eilte zu dem aus den Kasematten entlassenen Freunde, um sich mit ihm zu besprechen und denselben anzuspornen, nach Sorrent zu eilen und in dessen Nähe eine einsame Villa mit Dienerschaft zu miethen.

Er selbst bereitete dann seine Reise vor, packte, lief nach den Hauptspediteuren Neapels, um zu erkunden, ob in der nächsten Zeit ein amerikanisches Schiff in den Hafen einlaufen würde. Man gab ihm den Trost, daß in Messina ein Amerikaner liege, der in Neapel Ladung nehmen wolle, sich aber wegen einiger französischer Kreuzer noch nicht aus dem Schutze englischer Kanonen herauszubegeben gewagt habe.

Als man am Abend bei der Lady zusammentraf, hatte der Maler eine Villa gemiethet, Olga war mit allem, was Karl vorschlug, einverstanden. Sie bestand aber darauf, daß er den größern Theil ihrer Diamanten und sonstigen Schmuck, namentlich die seit drei Generationen vererbten Perlen mit nach England nehme und dort verkaufe. Den kleinern Theil, Ohrringe, Broschen und einige einzelne kostbare Perlen, habe Eleonore schon in den Unterkleidern vernäht.

Man unterhielt sich von der Zukunft. Die Lady Harrington versprach, ihren Bären von Gemahl im nächsten Jahre spätestens zum Fischen an den Potomac zu führen, dann wolle man miteinander die Wasserfälle des Niagara besuchen, kurz es wurden verschiedene phantastische Plane für die Zukunft entworfen.

Am dritten Tage früh morgens segelte Karl Haus ab. Die Trennung von Olga war ihm unendlich schwer geworden, tausend Schwüre und Küsse waren gewechselt und die Lady Harrington selbst hatte die Liebenden trennen müssen.

Vor dem Ausgange des Golfes begegnete ihm eine nach Neapel eilende englische Fregatte. Sie brachte die Botschaft von der Vernichtung der französischen Flotte bei Abukir. Die königliche Familie in Neapel, ja der größere Theil des neapolitanischen Volkes fühlten sich aus der Klaue des Löwen gerettet, denn der französische Gesandte in Neapel, Bürger Gerrat, hatte, wie Lord Hamilton an das englische Ministerium geschrieben, schon eine Sprache geführt wie ein Straßenräuber. Aus allen Gesichtern, die der wenigen Carbonari, Pythagoräer und anderer Verschworenen, die nicht im Kerker schmachteten, ausgenommen, lachte Frohsinn; man gab sich den ausgelassensten Freudenbezeigungen hin, unter die Lazzaroni wurde Geld vertheilt, und sie zogen durch die Straßen, jeden des Liberalismus nur halb Verdächtigen mit dem Tode bedrohend.

»O tapferer Nelson, Gott schütze und segne dich, wackerer Befreier, o Sieger, o Retter!« schrie, sang, jauchzte man auf den Straßen. Improvisatoren sangen die Vernichtung der französischen Flotte und sagten den Untergang der fluchwürdigen Republik, den Tod aller Königsmörder durch die Rache des Himmels vorher.

Diesen Tag des Schwindels benutzte der Maler, Olga zu entführen. Der Plan glückte in ausgedachter Weise.

Während man in Neapel die Gräfin Olga von Schlottheim als verunglückt betrauerte, während die Lady Harrington Trauerkleider anlegte und großes Geschrei erhob ob des Unglücksfalles, lebten diese und Eleonore mit Hellung in einer reizenden Villa in Sorrent unter fremden Namen. Der Graf Schlottheim tröstete sich leicht über den Tod seiner Gemahlin, oder vielmehr es wurde ihm dadurch eine Last abgenommen. Er ließ die Aussagen des Schiffers über den Untergang des Schiffes von einer neapolitanischen Behörde zu Protokoll nehmen, von Lord Hamilton beglaubigen und schickte mit dem nächsten Gesandtschaftsberichte die Urkunde über London an die Gräfin Melusine und bemerkte dabei, daß die zweite Rate seines Heirathsguts, das ihm vertragsmäßig auch nach dem Tode Olga's ausbezahlt werden mußte, fällig sei, und er solche durch Anweisungen auf die Gräfin einziehen lassen werde.

Nelson wurde gedrängt, nach Neapel zu kommen, wo man am 1. October seinen Geburtstag feierlich begehen wollte. Eine Ahnung warnte ihn; sein Ruf wäre unbefleckter geblieben, wenn er derselben gehorcht hätte. Allein eine aus London erhaltene Depesche, noch abgegangen vor der Ankunft der Siegesnachricht von Abukir, befahl ihm den speciellen Schutz der königlichen Familie in Neapel und zugleich, dem Prinzen August und Grafen Münster ein Kriegsschiff zur Ueberfahrt nach England zur Disposition zu stellen sowie eine Depesche dem letztern persönlich zu überreichen. So fuhr Nelson seinem Verderben zu, das dem Sieger in der reizenden Gestalt von Emma Hamilton sich in Gegenwart des Gatten, des Königs und der Königin in die Arme stürzte. – Die Königin Karoline bedurfte der Anreizungen, welche geheime Depeschen an den englischen Gesandten brachten, und der Anreizung durch ihre Busenfreundin Emma nicht, um zu einer neuen Coalition gegen die gottverdammten Königsmörder die Hand zu bieten. Neapel versprach achtzigtausend Mann zu rüsten, und Oesterreich schickte Mack als Feldherrn dieser Armee.

Die Vorbereitungen zu dem neuen Feldzuge waren in Sicilien kein Geheimniß geblieben, und der in Messina liegende amerikanische Schoner zog es, obgleich das ganze Meer von französischen Kreuzern rein gefegt war, vor, seine Ladung in Neapel im Stiche zu lassen, in Messina und Syrakus Südfrüchte einzunehmen und die Straße von Gibraltar zu suchen, damit er vielleicht auf der Rückfahrt ein französisches Handelsschiff kapern könne. Sämmtliche amerikanische Handelsschiffe waren damals nämlich zur eigenen Sicherheit gegen algierische, tunesische und tripolitanische wie französische Kaper stark gerüstet, hatten zu gleicher Zeit aber in Gemäßheit des Gesetzes vom 9. Juli 1798 Kaperbriefe vom Präsidenten, wonach die gemachten Prisen für ihr Eigenthum erklärt wurden. Der Kapitän, ein echter Yankee, calculirte nun, daß im Atlantischen Ocean französische Kauffahrer infolge der Vernichtung der französischen Flotte ziemlich schutzlos wären, und daß es leicht sein würde, eine Prise mit lyoner Seide oder andern kostbaren französischen Waaren in den Hafen von Neuyork mitzubringen, daß dies jedenfalls vorteilhafter sei als eine Fracht aus Neapel.

Inzwischen schürten Nelson und Lady Emma in Neapel das Kriegsfeuer, England versprach Geld, denn dies fehlte sehr in den Kassen, Thugut schickte wenigstens einen General, den besten, den Oesterreich außer seinen Erzherzogen habe. Man rüstete ziemlich offen, sodaß der französische Gesandte endlich am 21. November Erklärungen über diese Rüstungen forderte. Am folgenden Tage erließ Ferdinand IV. ein Kriegsmanifest, und Mack rückte mit dreißigtausend Mann der schönsten Truppen, die es in Europa gab, wie er selbst sagte, gegen den Kirchenstaat. Sein rechter Flügel wurde zwar von den Abruzzen zurückgeworfen, allein er selbst zog Anfang December in Rom siegreich ein, Championnet hatte Rom aber freiwillig geräumt, hielt nur die Engelsburg besetzt und zog seine Streitkräfte zwischen Civita-Castellana und Civita-Ducall hinter Rom am Ufer der Tiber zusammen. Als Mack aber angreift, wird er geschlagen und flieht ohne Rast bis unter die Mauern von Capua. Am 11. December ist von dem schönsten Heere der Erde nicht viel mehr übrig. Der König ist in Caserta eingetroffen, der Hof und die Königin halten sich in Neapel nicht mehr sicher. Angst und Schrecken überall am Hofe, alles in Verwirrung, Acton hat den Kopf verloren, die Königin ist in innerster Seele beängstigt, dem Könige ist der letzte Schein königlichen Anstandes abhanden gekommen, nur Lady Emma hatte den Kopf oben behalten. Sie veranstaltet, daß man den König in ein Zimmer einschließt, ihm reichlich zu essen und zu trinken und Netze zu flechten gibt. Dabei vergißt er seine Sorgen. Lady Emma leitet die Flucht, ihr Gemahl, hauptsächlich besorgt um seine noch nicht in Sicherheit gebrachten Sammlungen, seine Antiken, Vasen, Torsos, geschnittenen Steine, Gemmen, hatte solche schon einpacken und auf englische Schiffe bringen lassen, als der Krieg zu drohen anfing. Sie gingen Ende September mit demselben Schiffe ab, das Prinz Augustus und Münster nach England brachte.

Jetzt wurden die königlichen Schätze, das baare Geld, die schönsten Kunstwerke der Museen, die Kronjuwelen, Dinge, deren Werth Nelson auf 60 Millionen Francs schätzte, des Nachts in die Wohnung Hamilton's geschafft, dort am Tage unter Emma's Aufsicht verpackt, als wären es die Sammlungen ihres Gemahls, und auf das Linienschiff Vanguard gebracht.

In Neapel herrschte der Pöbel. Das Gerücht, der König wolle mit seiner Familie entfliehen, hatte sich verbreitet. Volkshaufen mit Waffen aller Art lagerten auf dem Schloßplatze, man wollte keinen Verkehr zwischen dem Schlosse und dem englischen Schiffe mehr dulden. Ein Cabinetskurier, der dennoch an Bord des Vanguard gehen wollte, wurde am Hafendamme ermordet und an den Füßen vor die Fenster des Balkons geschleppt, wo man glaubte, daß der König sich aufhalte. Lady Emma holt den König aus seinem Verschlusse und bringt ihn auf den Balkon. Hier schwört er dem Volke, Neapel nicht zu verlassen, und bittet es, auseinanderzugehen. Die Lazzaroni glauben dem Schwure. Allein der König benutzt einen unterirdischen Weg zum Hafendamme, und am 21. December abends erreichen er und seine Familie, Lord Hamilton und seine Emma, Graf Schlottheim und alles, was vom Hofe in die Flucht eingeweiht war, den Vanguard, den Samniter oder den Archimedeus. Die Flotte Nelson's konnte wegen Sturmes aus dem Golf nicht vor dem 23. December auslaufen. Am ersten Weihnachtstage starb der junge Sohn der Königin, Prinz Albert, in den Armen der Lady Emma; am 26. ankerte man vor Palermo, wo das Volk den König mit großem Jubel empfing. Nelson ließ indeß drei neapolitanische Linienschiffe, eine Fregatte und einige Corvetten in Brand stecken, damit sie den Franzosen nicht in die Hände fielen. Bis auf einige Kanonenboote gab es eine neapolitanische Kriegsflotte nicht mehr.

Der zum Stellvertreter des Königs ernannte Fürst Francisco Pignatelli übergab Capua am 10. Januar 1799 den Truppen Championnet's und entfloh. Neapel wurde von diesen vor der Wuth seines eigenen Pöbels gerettet, wobei die in den Castellen sitzenden Gefangenen den Franzosen zu Hülfe kamen.

Der französische General fand das Mittel, das Blut des heiligen Januarius fließend zu machen, und seitdem begann das abergläubische Volk an sich selbst zu glauben; die Parthenopeische Republik war verkündigt. Alle Wohlhabenden waren aus Selbsterhaltungstrieb Republikaner, denn die Lazzaroni und der sonstige Pöbel verlangten nach ihren Gütern; die meisten Nobili waren es aus Princip; man schuf ein Directorium, eine Nationalgarde, bildete aus den Kanonierschalupen eine Art Marine, deren Commando Fürst Caracciolo übernahm, suchte ein freiwilliges Cavaleriecorps und einige Infanterieregimenter zu bilden. Alle Neapolitaner von Bildung thaten das Möglichste, das Dasein der jungen Republik, die in dem Landvolke und den niedrigsten Klassen des Volkes allein ihre Feinde hatte, zu stärken.

Das war denn keine gute Zeit für unsere Flüchtlinge, in Sorrent die Ankunft eines englischen oder amerikanischen Schiffes zu erwarten.

Die Villa, welche Hellung gemiethet hatte, lag nicht an dem steilen Felsen der Stadt, an der sich die Geburtsstätte Tasso's aus dem Meere aufbaut, sondern am Ende des Piano, da, wo dieses sich nach dem Monte San-Angelo erhebt und durch eine Reihe von Villen beinahe mit Meta verbindet. Sie lag ziemlich hoch und gewährte eine der schönsten Aussichten der Welt. Die Villa war Eigenthum seines Lehrers, des Malers Hackert, der sie für sich selbst zur Villeggiatura erbaut hatte, aber wenig nutzte und namentlich zu der Zeit, wo er mit Bestellungen des Königs über das Parademanöver »der herrlichsten Armee der Welt« überhäuft war, schon gegen seinen Schüler den Wunsch ausgesprochen hatte, dieselbe an einen Engländer zu vermiethen. Der Maler, welcher sich auf den Namen eines Mr. Bott nebst Gemahlin und Gesellschafterin einen englischen Paß zu verschaffen wußte, hatte für diesen Mr. Bott die Villa auf ein halbes Jahr gepachtet und im voraus bezahlt. Eine frühere italienische Köchin Hackert's nebst Tochter und Sohn hielten dort Villa und Garten in Ordnung, sorgten auch für Speise und Trank. Die Villa war lange nicht so prächtig wie Hunderte, die heute in jener Gegend stehen, aber sie war äußerst zweckmäßig eingerichtet, sie hatte sogar zwei Zimmer mit Kaminen und in der ersten Etage fand man einen bedielten Fußboden, während nur zu ebener Erde Estrich war, mit Teppichen belegt. Dieselbe hatte nach Nordosten eine von Epheu und wildem Wein umrankte Loggia mit der Aussicht auf einen Orangenwald, über den hinweg man Castellamare, Torre dell' Annunciata, den Vesuv und die Tausende von Landhäusern vom letzten Orte bis Portici am Golf von Neapel sah.

Gegen Nordwesten war ein Balkon der Insel Procida und Ischia zugerichtet, sodaß man nicht nur den ganzen Meerbusen von Neapel, die unzählige Häusermenge dieser Stadt, sondern auch den Busen von Bajä übersah, ja neben dem Vesuv hinweg im fernen Hintergrunde die schneebedeckten Abruzzen erblickte.

Gegen Osten erhob sich der Monte San-Angelo mit seinen zerklüfteten Felsenpartien. Im Süden war der Eingang zur Villa, hier lehnten sich breitästige, grünlaubige Orangenbäume an die Villa und reichten ihre goldenen Früchte zu den Fenstern der ersten Etage hinauf. Hier war auch der Garten mit einigen hohen schlanken Palmen und schattengebenden Bananen geziert. Der Garten war von einer hohen Myrtenhecke eingezäunt und Granatbäume, die jetzt freilich nicht blühten, wie Lorber und krummästige Feigenbäume, fand man überall. Obgleich es jetzt am Ende December war, blühten die Rosen in schönster Pracht, überhaupt sah man dem Garten an, daß hier ein Deutscher und ein Künstler die Anlagen gemacht hatte.

Dem Garten vorüber führte eine Straße von Westen nach Osten dem Monte San-Angelo zu. Von der Höhe aus Südosten strömte ein Bach nach Nordwesten, der unfern der Villa von einer hohen Brücke mit sehr schmalen Bogen in schiefer Form überbaut war. Der Waldbach stürzte cascadenartig unter dieser Brücke hervor, er hatte sich hier wie weiter hinauf ein tiefes schluchtartiges Bett gegraben, und erst weiter nach Nordwesten nahm er im breitern Bett einen ruhigern Lauf an. Diese Brücke, mit Schlinggewächs, Epheu und wildem Wein von unten bis oben überzogen, gewährte einen malerischen Anblick, zumal sich rechts die Anhöhe in Felszerklüftungen emporzog, links davon eine reizende Villa lag, die ihre Balkonseite dem Garten der Hackert'schen Villa zuwendete. Aus den Felsenritzen nach Osten schossen zahllose junge Palmen mit ihren zitternden Blätterbüscheln empor neben steifen stacheligen hohen Aloës und rauhen Cactus. Wo man bei uns am Wege Disteln und Nesseln sieht, schossen Myrte und Buchsbaum, Rosmarin und Lorber hervor. Gleich wenn man die Brücke überschritt, quoll aus dem Felsen ein Born mit antikem Schmuck, einer mosaikumfaßten Nische, und sprudelte in eine große Marmormuschel. Alle Esel- und Ochsentreiber, die von Osten oder von der Stadt kamen, hielten hier an dem Brunnen, um ihre Thiere zu tränken, selten ging ein Wanderer vorüber, ohne auf der Marmorbank neben dem Brunnen, von einem Kastanienbaume beschattet, auszuruhen, und aus dem Blechgefäß, welches an einer Kette in der Nische hing, zu trinken.

So bot die Passage über die Schlucht immer ein belebtes Bild.

Die schöne Villa jenseit der Brücke war das Eigenthum des berühmten neapolitanischen Arztes Crilli, der einen großen Theil derselben der kranken Frau eines amerikanischen Schiffskapitäns, die ihm von einem Freunde aus Rom dringend empfohlen war, vermiethet hatte. Der Winzer und seine Frau wohnten in einem Nebenhäuschen und besorgten die Aufwartung der Fremden. Die Amerikanerin war eine kleine blasse Dame, die mit ihrem vierjährigen Knaben beinahe den ganzen Tag auf dem Balkon der Villa sitzend las. Sie hatte zwei Schwarze zu ihrer Bedienung, dem Anschein nach Mann und Frau, die ihre Herrin sehr zu lieben schienen. Die Hackert'sche Dienerschaft wohnte gleichfalls neben der Villa in einem kleinen Häuschen nebst Ziegenstall, wie es für eine italienische Familie hinreicht. Die Mutter war eine Frau von fünfzig und einigen Jahren, berühmt durch ihre Kunst, einen Steinbutt zu braten, überall Fischgerichte zuzubereiten und Oelgebackenes zu fertigen. Ihre Tochter Maria Rosalia war eine siebzehnjährige Schönheit, mit langen schwarzen Haarflechten, schwarzen feurigen Augen und gebräuntem Gesichte. Sie saß vom Morgen bis zum Abend vor der Thür des kleinen Hauses, die Spindel hoch zum Dache hinaufschleudernd und wieder auffangend, um sie von neuem in die Höhe zu werfen. Sie sprach, eine Ausnahme bei Südländern, sehr wenig, sang aber reizende melancholische Volkslieder. Ihr Bruder Filippo, ein funfzehn- bis sechzehnjähriger Knabe, wollte Marinajo werden, er war mehr auf dem Meere als zu Hause, und war er dort, so kauerte er zu den Füßen seiner Schwester, flickte oder strickte Netze. Der Vater beider Kinder war vor einigen Jahren bei einem Streite mit einem Kameraden von diesem erstochen worden. Das Leben, welches auf dieser Villa für Olga begann, war ein gänzlich neues und ungewohntes. Sie galt hier als Mrs. Bott, Frau eines englischen Malers, die Gräfin war todt, obgleich die zungenfertigen Italiener sie noch immer mit der Eccellenza überschütteten. Trat auch die Arbeit noch nicht an sie heran, brauchte sie sich nicht als Hausfrau um Küche und Haus zu bekümmern, brauchte sie nicht Strümpfe zu stricken, oder irgendeine grobe Arbeit zu verrichten, drängte sich auch die Sorge noch nicht zu ihr, denn sie hatte der Ducati noch in großer Menge, so war doch das Wegfallen einer zahlreichen Dienerschaft, das Angewiesensein auf sich selbst und die nächste Umgebung, diese Einsamkeit gegen das Geräusch Neapels, in dem sie beinahe drei Jahre gelebt hatte, ein solcher Wechsel, daß sie darauf anfing, über sich selbst mehr nachzudenken, als sie es bisher gethan hatte. Die Trennung von dem Geliebten und wahren Gatten, die Sehnsucht nach ihm, das bange und doch wonnige Gefühl, bald Mutter zu werden, das alles stimmte sie ernst und melancholisch, wenigstens in den ersten Wochen ihres Aufenthalts in der sorrentinischen Villa. Aber es ist beinahe unmöglich, in diesem Paradiese sich unglücklich zu fühlen. Sobald die Gräfin nur gelernt hatte, sich zu beschäftigen, und sie mußte es lernen, war sie wieder lebensmuthig. Sie lernte unter Eleonorens Anweisung nähen, und nähte kleine Hemdchen, Röckchen, Jäckchen für den zukünftigen Weltbürger. Sie nahm ihre Pastellstifte, die jahrelang geruht hatten, wieder hervor; nach Gegenständen, welche der Abbildung würdig, brauchte sie nicht lange zu suchen. Sie ging auch häufig in die Küche, um zu sehen, wie die Sorrentinerin ein Gericht Maccaroni zubereitete, einen Fisch kochte oder buk, ein paar junge Täubchen briet, oder Kartoffeln kochte. Alles, was sie von der gesammten Kochkunst bisher verstand, war, daß sie Thee aufgießen konnte und wußte, wann das Wasser kochte; wie man Kartoffeln koche, sah sie hier zum ersten mal. Sie glaubte jetzt, als künftige Frau eines Bürgers sich in etwas um die Küche bekümmern zu müssen, wenn sie auch die Handschuhe noch nicht auszog und sich fürchtete, ein Kochgeschirr anzufassen, weil es schmuzte.

Neben diesen nützlichen Beschäftigungen gab es noch zwei Spielereien, die zu ihrem Zeitvertreib dienten; Hellung hatte einen großen schwarzen Hund, Nero genannt, der nach seinem Herrn Olga am meisten liebte, ihr Begleiter auf Spaziergängen war, in der Loggia zu ihren Füßen lag, ihr, was sie wünschte, apportirte, der ihr keinen Bettler, und an ihnen fehlt es in Italien nirgends, nahe kommen ließ. Daneben machte sie aber die Entdeckung, daß sie eine außerordentliche Katzenfreundin sei. Seit ihrer Kindheit hatte es ihr an Gelegenheit gefehlt, ein Kätzchen liebzuhaben, es streicheln und hätscheln zu können, weil es in den Schlössern und Palästen, die sie zu bewohnen pflegte, keine Katzen gab. Hier hielt aber Mutter Doralice eine reizende schwarzgrau getigerte Katze, die sehr bald erkennen lernte, daß es in der Villa bessere Speisen gab als in dem Nebenhäuschen. Sie fühlte aber das Bedürfniß, gut und viel zu fressen, denn sie trug eine noch unbestimmte Anzahl Junge bei sich. Vor Nero zeigte sie keine Furcht, hatte vielmehr bald Freundschaft mit ihm geschlossen. Der Würdige fühlte seine Bestimmung als Schützer und Wächter des Hauses und Gartens, und so stand auch Mieschen als zum Hause gehörig unter seinem Schutze. War er auch zu ernsthaft, um auf die Spielereien, die Mieschen mit ihm beginnen wollte, einzugehen, so ließ er sich doch ihre Neckereien ruhig gefallen und ging zuweilen selbst darauf ein, indem er sie anbellte und sie oft in Schrecken setzte, daß sie auf Olga's Schos sprang.

Was gab das aber erst für eine Wonne, als eines Tages Mieschen ihre Jungen, die sie drei Wochen wohl versteckt gehabt hatte, eins nach dem andern aus dem Verstecke hervorholte und zu Olga's und Nero's Füßen legte, ein silbergraues, ein ganz schwarzes und ein schwarzweißes Kätzchen, die so allerliebst aus den runden klaren Aeuglein schauten und solche reizende rothweiße Mäulchen hatten, daß Olga nicht umhin konnte, sie abzuküssen, und selbst Nero die Kätzchen zu lecken begann. Nachdem die Kleinen mit Menschen und Hund bekannter geworden, dauerte die Spielerei vom Morgen bis zum Abend, wenn Eleonore die Katzen nicht etwa einsperrte, damit die Menschen Ruhe vor ihnen hätten.

Der Maler hatte sich vorgenommen, recht fleißig. zu sein, um das, was er in einem dreijährigen Bummelleben versäumt hatte, möglichst nachzuholen. Hackert's Atelier lag oben neben dem Balkonzimmer, nach Norden über der Loggia. Daneben war sein Schlafcabinet und ein Raum für Malergeräthschaften, Modelle und dergleichen, noch gefüllt mit Dingen, die Hackert eigenthümlich gehörten. Er stand zeitig am Morgen auf und brauchte einige Zeit, sich zu rasiren. Er hatte vor der Flucht aus Neapel seinen urwäldlichen Bart zum ersten mal abgeschoren bis auf einen kleinen Schnurrbart, um den Mr. Bott besser spielen zu können; jetzt sich um Kinn und Wange glatt zu erhalten, machte ihm täglich Mühe. War diese schwierige Operation abgethan, so wurde die lange Türkenpfeife angesteckt und eine halbe Stunde auf dem Balkon hin- und hergegangen. Man hätte hier Stunden und Tage zubringen können, so himmlisch war die Aussicht, und es kostete Hellung oft Mühe, sich loszureißen; aber wenn der letzte Zug des türkischen Krauts verraucht war, eilte er zur Staffelei.

Wenn er an dieser anderthalb bis zwei Stunden gesessen, wurde es auf dem Balkon lebhaft, Nero wollte aus dem Atelier, die Hausgenossen bereiteten auf dem Balkon das Frühstück, Thee, Butterbrot, Eier und mitunter ein Stück Braten. Das zweite Frühstück fiel hinweg, man aß statt dessen gegen zwei Uhr zu Mittag, einfach, wie es die Verhältnisse mit sich brachten. Eine Bouillon oder Fleischsuppe war eine Seltenheit, da in Sorrento nur jeden Freitag ein Ochse geschlachtet zu werden schien, aber Filippo brachte täglich frischen lebenden Fisch aus dem Meere, er brachte Muscheln und Austern, fing Wachteln und Täubchen. Die goldigen Orangen pflückte man sich selbst, Doralice verstand es vortrefflich, Pinienkerne auszurösten, Datteln gab es in Menge.

Das Mittagsessen wurde selbstverständlich in der Loggia eingenommen, dann erhielt der Besitzer eine Tasse afrikanisch zubereiteten Mokka und die Erlaubniß, seine türkische Pfeife zu holen oder durch Nero holen zu lassen, und die Gräfin, weil sie in Voß' »Luise« es als eine bewunderte Tugend der deutschen Hausfrau hatte preisen hören, ließ es sich nicht nehmen, den braunen goldberandeten Kopf mit dem feingeschnittenen duftigen Kraute zu füllen. Dieses Dolce far niente mit der Aussicht auf den Vesuv und die Marmorstädte, die sich meilenlang an seinem Fuße hinziehen, bis zu dem unübersehbaren Häusermeere von Neapel, ward oft ganz schweigend genossen, jeder dachte Verschiedenes.

Olga's Gedanken beschäftigten sich mit Karl und der Frage, ob er glücklich durch die Meerenge von Gibraltar gekommen, ohne von französischen Kreuzern oder Korsaren belästigt zu sein. Der Maler versetzte sich in der Phantasie nach seinem bescheidenen Paradiese bei Jena und der bescheidenern Gärtnerwohnung, die sein Liebchen barg. Eleonore, die keine Vergangenheit hatte, an die sie mit Freude hätte zurückdenken können, genoß allein ganz und ungetrübt die schöne Wirklichkeit, die sie umgab.

Während Hellung dann noch einmal zu seinem Atelier hinausging, um einige Stunden zu arbeiten, suchten die Frauen nebst Nero Schutz gegen die Decembersonne im Orangenwäldchen oder am Ufer des Baches, wo dieser aus seiner Schlucht heraus mehr in die Ebene trat und selbst den Charakter des Piano mehr annahm.

Der Maler streifte auch wol, je nach seiner Laune, einen Tag in den Schluchten des Monte San-Angelo oder stieg ganz über das Gebirge hinüber zu Pasitano und dem Meerbusen von Salerno. Daß man gegen Abend eine Promenade am Meeresstrande machte, oder daß Filippo und der Maler die Damen selbst in das Meer hineinruderten und dann dem Fischfange Filippo's zusahen oder die Sterne betrachteten, ohne den Kopf zu heben, da sie im spiegelglatten Wasser so deutlich wahrzunehmen waren wie am Himmel, oder daß man die Dampfsäule des Vesuvs bewunderte, war selbstverständlich, der Trieb nach Abwechselung bedingte das.

So war das letzte Jahr des Jahrhunderts gekommen; an schattigen Hängen blühten die Veilchen, die Rosen dufteten, wie bei uns im Juni, der Weinstock fing an Spine zu bekommen. Hellung hatte ausgefunden, daß die Partie vor dem Garten, der Waldbach mit seiner Schlucht und die Brücke darüber, dahinter rechts der antike Felsbrunnen, links die von Palmen und Platanen überschattete Crilli'sche Villa mit ihrem schönen Balkon, darüber hinaus im Hintergrunde der mächtige Monte San-Angelo sich vortrefflich zu einem Landschaftsbilde eignen und daher beschlossen, ein solches anzufertigen, es nach Deutschland erst zur Ausstellung in der dresdener Akademie, dann seiner Braut zum Andenken zu senden.

Eleonore hatte Hellung beigestimmt, Olga aber behauptete, es würde ein vorzügliches Bild geben, wenn man sich oberhalb der Brücke am linken Bachufer aufstelle und die Villa zur Rechten, dagegen dann den Vesuv als Hintergrund habe. Nachdem man eines Morgens während des Frühstücks über den Fall gestritten, machten sich alle drei daran, das Landschaftsbild zu fixiren. Der Maler selbst nahm seinen Standpunkt auf einer Erhöhung im Garten der Hackert'schen Villa selbst, sodaß er den schiefen Bogen der Brücke und den Weg zu derselben als Vordergrund hatte; Eleonore hatte denselben Standpunkt gewählt, aber näher der Brücke, weil sie für ihre Silberstiftzeichnung des größern Details bedurfte. Die Gräfin hatte sich ein Bild, halb Wahrheit, halb Phantasie ausgedacht, sie wollte deshalb den Vesuv als Hintergrund, um einen Vesuvausbruch, wie ihn die Pastellblätter und Aquarellen, die in Neapel unzählig feilgeboten werden, zu haben pflegen, bei Mondscheinbeleuchtung anbringen zu können. Hellung saß im Schatten eines Orangenbaumes, die Engländerin hatte sich einen silbergrünen Oelbaum als Standpunkt ausgesucht, Olga einen großen Malerschirm aus Hackert's Malerkammer aufgespannt. Hund Nero wußte nicht, was diese Trennung der sonst Verbundenen bedeute, er ging von seinem Herrn zu Eleonore, von dieser zu Olga, von dieser wieder zu seinem Herrn, gleich als wolle er den Vermittler unter drei Erzürnten spielen.

Im Garten der Villa Crilli spielte indeß der vierjährige Robert, oder Bob genannt, mit dem schwarzen Cäsar Verstecken und Kriegen, und seine Mutter mit der Frau Cäsar's, Dido, saß auf dem Balkon und schaute auf den Golf, und freuten sich der muntern Spiele des Knaben mit dem Schwarzen. Der Garten von der Villa Crilli fiel bis zu der Schlucht etwas abwärts, wie auch auf der andern Seite von Hackert's Villa bis zum Bache der Boden sich senkte. Der Garten war durch ein Fenz von Myrten und Buchsbaum gegen die Bachseite abgeschlossen, während nach der Straßenseite ein eisernes Geländer den Eintritt wehrte. Das Spiel des Knaben mit dem Neger hatte sich von selbst immer mehr der Fenz zugezogen. Als nun Cäsar sich wieder umdrehte, um nicht zu sehen, »wo Bob sich verstecken«, blieb diesem für sich eigentlich gar kein Platz zum Verstecken mehr übrig, als die Buchsbaum- und Myrtenhecke selbst, die undicht und wohl geeignet zum Verbergen waren. Als Bob aber in der Hecke war, oder halb hinter, halb in derselben, sah er zugleich ein neues Gebiet vor sich, das er in dieser Weise nicht kannte, er hörte den Bach durch den Brückenbogen rauschen oder cascadenartig fallen; er sah die Schlucht vor sich. Das Ufer derselben war oben mit Cactus und Aloë bewachsen, dann fiel es auf dieser Seite noch steiler herunter als auf der andern. Bob näherte sich dem Ufer, um auch das Wasser, das er rauschen hörte, zu sehen, und hatte nicht Ohr, wenn Cäsar auf englisch rief: »Bob, wo bist du? Wo ist mein Böbchen, ich finde ihn nicht, Bob, Bob.«

Cäsar hatte schon immer so gerufen, auch wenn er recht wohl wußte, hinter welchem Busche oder Baume Bob zu finden war. Auch diesmal rief er zuerst mechanisch noch halb im Umdrehen begriffen, als er aber Bob nicht sah, ergriff ihn Schrecken, er ahnte, daß der Knabe die Fenz durchkrochen hatte, und er kannte die Gefahr. Er drang durch die Hecke, in demselben Augenblicke stürzte aber Bob den Rand der Schlucht hinab, und der unglückliche Cäsar sah sich außer Stande, irgendwie zu helfen. Die Schlucht war hier mindestens sechzehn Fuß tief bis zu dem schäumenden Wasserspiegel und etwa sechs bis acht Fuß breit. Man konnte von oben nicht einmal in die Tiefe hineinsehen, wenn man sich nicht überbeugte. Cäsar lief, »Jesus! Jesus!« schreiend, neben dem Ufer und der Hecke her, und es fehlte nicht viel, so wäre er selbst hinabgestürzt. Die zeichnenden Frauen hatten den Unfall deutlich bemerkt und schrien gleichzeitig laut auf, wodurch auch der Maler veranlaßt wurde, die Palette hinwegzuwerfen und zum Gartenthore dem Ufer des Baches zuzuspringen. Die Gräfin ermannte sich zuerst, sie rief dem Hunde zu: »Nero such!« und dieser stürzte das Ufer entlang, die Brücke und Eleonore vorbei an die Schlucht, dahin, wo er den Knaben hatte herunterfallen hören. Nero stürzte sich in die Schlucht, doch sprang er nicht gerade herunter, sondern etwa die Hälfte der Schlucht auf das jenseitige Ufer herab, wo ein hervorstehender Felsblock wenigstens einen augenblicklichen Halt gab, von hier erst ließ er sich, mit allen Füßen an die Epheu- und Schlinggewächse der Felswand sich anklammernd, in den Strom selbst fallen. Dieser war nur etwa zwei Fuß tief und machte viel mehr Lärm und Geräusch, als er Wasser hatte. Die Tiefe reichte aber hin, einem Knaben wie Bob den Tod zu geben, denn die Macht des abtreibenden Wassers bewies sich zu groß. Bob war auch schon einige Fuß den Bach hinuntergetrieben, als ihn Nero im Nacken bei den Kleidern faßte und mit dem Kopf über dem Wasser emporhielt, sich selbst mit seiner Beute von dem Wasser nach unten forttreiben lassend. Hellung, als er eine Ahnung von dem erhalten, was vorgegangen war, eilte dem untern Theile der Schlucht zu, wo diese gleichsam ausmündete und der Orangenwald begann, und trat in den Bach, Nero entgegengehend und ihn durch Pfiff und Zuruf ermunternd. Er hatte den Hund erreicht und ihm seine Beute abgenommen, als auch Cäsar schon in die hier nur noch wenig Fuß hohe Schlucht sprang und seinen Bob in Empfang nehmen wollte. Dieser, noch immer ohne Besinnung, aber nicht leblos, war an Händen und Armen wie im Gesicht geschunden, da er sich bei dem Falle an dem scharfen Gestein zu halten gesucht hatte. Dadurch kam er aber nicht mit dem Kopfe zuerst ins Wasser, sondern mit den Beinen auf den steinigen Boden zu stehen. Nur durch einige über ihn hinwegsprudelnde Sturzwellen hatte der Knabe mehr Wasser geschluckt, als ihm zuträglich.

Als die Mutter und die heulende Dido hinzukamen, hatte Bob schon wieder die Augen aufgeschlagen und lächelte seine Mutter an, und am andern Tage war er der alte muntere Bob, nur mit einigen Schrammen, blauen und rothen Flecken.

Durch dieses Ereigniß bildeten sich in kurzer Zeit vertrauliche Beziehungen der beiden Villenbewohner, welche für unsere Freunde von größter Bedeutung wurden.

Die Nordamerikanerin, Frau Decatur, war nämlich Gattin des Kapitäns eines amerikanischen Kauffahrteischiffes, die ihren Gemahl auf einer Reise nach Livorno und der Levante hatte begleiten wollen, getrieben von einer unwiderstehlichen Sehnsucht, Italien zu sehen.

Es war damals die Zeit, wo die junge nordamerikanische Republik anfing eine Marine zu begründen, um ihrem Handel Schutz gegen afrikanische und europäische Piraten zu gewähren. Unter den gebildeten Ständen wurde der Drang zum Seedienste beinahe Manie. Die ganze Familie des Kapitäns war auf der See thätig, sein ältester Bruder Lieutenant in der Marine, zwei andere Seecadetten, seine Frau die Schwester eines Kapitäns. Trotz der damit verbundenen Gefahr (Nordamerika befand sich im Kriege mit Frankreich), gehörte eine Seereise wenigstens zum guten Tone, und auch die Frauen drängten dazu. So hatte Decatur, da sein Handelsschiff zugleich neun Kanonen führte und mit einem Kaperbriefe versehen war, sich bewogen gesehen, seinen vierjährigen Sohn und sein muthiges Weib mit auf Reisen zu nehmen. Ohne jedes Hinderniß kam er nach Livorno, das damals mehr den Charakter einer englischen als einer toscanischen Stadt trug. Das Handelshaus, mit dem Decatur in Verbindung stand, hatte schon vorher zu einer Reise nach Rom französische Pässe erwirkt, sodaß der Amerikaner und seine Frau nicht nur Florenz mit seinen Kunstschätzen, sondern auch die Ewige Roma besehen konnten. Da man aber nur vierzehn Tage Zeit hatte, so hetzte man sich auf der Reise ab. Arabella, die Frau Decatur's, hatte sich erkältet und wurde in Rom sehr elend an einem Fieber, das dort epidemisch herrschte. Der Arzt empfahl Seeluft und rieth zu einem Aufenthalt in Sorrent, wo er die Villa Crilli's, seines Freundes, der ihm selbst solche zur Verfügung gestellt hatte, empfahl, oder vielmehr der kranken Frau seine Rechte daran abtrat. Der Kapitän hatte sein Schiff an die toscanisch-römische Grenze beschieden, man eilte, das Meer zu erreichen, und schiffte sich in Porto de Stefano ein. Decatur brachte seine Frau nach Sorrent in die Villa Crilli, da deren Besitzer in Neapel viel zu eifrig mit Politik beschäftigt war, als daß er an eine Villeggiatur hätte denken können.

Das Jonische wie das Adriatische Meer, geschützt von der vereinigten türkisch-adriatischen Flotte, war damals, nach der Schlacht von Abukir, frei von französischen Piraten. Decatur hatte in Triest und den Jonischen Inseln Ladungen abzugeben, er fuhr dahin ab und wollte nach zweimonatlicher Abwesenheit zurückkehren. Seine Frau und seinen Sohn ließ er unter dem Schule zweier Haussklaven, die er zur Bedienung mitgenommen, treuer, anhänglicher Seelen, die schon vor der Geburt seiner Frau in deren Familie gewesen waren.

Arabella erwartete Ende Januar bis Mitte Februar die Rückkehr ihres Gemahls. Sie sehnte sich nach Hause, sie fühlte sich zu einsam hier. Der Zufall, welcher sie die Bekanntschaft in Hackert's Villa machen ließ, verscheuchte diese Sehnsucht und gab ihr die geistige Freudigkeit zurück, deren sie bis dahin entbehrt hatte. Denn da sie nur englisch sprach, die Dienerschaft in Crilli's Villa nur italienisch, so hatte sie über zwei Monate nur mit ihrem Bob und mit den beiden Schwarzen sprechen können. Den Bewohnern der Hackert'schen Villa war es gleichfalls lieb, diese Bekanntschaft gemacht zu haben, da dieselbe Aussicht auf sichere Schiffsgelegenheit und angenehme Reisegesellschaft bot.

Das amerikanische Schiff blieb aber länger aus, als man erwartet hatte. Hellung rüstete indeß alles zu seiner Abreise, er brachte das fertige Bild von der Villa Crilli, das seiner Braut bestimmt war, nach Neapel, und da seine Freunde, die Pythagoräer und andere Geheimbündler, damals die Herrschaft in der Parthenopeischen Republik innehatten, war es ihm leicht, sich neben seinem englischen auch noch einen französischen Paß zu verschaffen auf den Namen Bontemps, Citoyen de Paris; es war das eine Vorsicht französischer Piraten wegen.

Als so alles vorbereitet war, steigerte sich die Ungeduld nach Ankunft des Amerikaners auf beiden Villen von Tag zu Tag, denn es fing an auch in diesen friedlichen Thälern unruhig zu werden.

Cardinal Ruffo, Generalvicar des Reichs, brachte die Calabresen zum Aufstande; das Kreuz in der einen Hand, das Schwert in der andern, kündigte er einen neuen Kreuzzug an gegen die Ungläubigen, die Franzosen und ihre Anhänger, und bildete ein sogenanntes Christenheer aus Banditen und abergläubischen Landleuten, mit denen er in die Ebene zog und Neapel zu belagern drohte. Alles räuberische Volk, an dem es im Reiche Neapel, dank der Fürsorge der Mönche und Pfaffen aller Art sowie der bourbonisch-spanischen Dynasten, niemals gefehlt hat, ließ sich eine so gute Gelegenheit, das Räuberhandwerk unter dem Titel der Legitimität, des Patriotismus und der Religion zu betreiben, nicht entgehen. Die Oper »Fra Diavolo«, die jedermann kennt, spielt in jenen Zeiten. Auch in dem Piano von Sorrent ließen sich Räuberbanden, wenn auch nur nächtlich, sehen und beunruhigten namentlich alle von Engländern, Franzosen, Deutschen bewohnten Villen, sodaß man schon auf der Villa Hackert sowol als der Villa Crilli bewaffnete junge Leute von den Marinari, die durch Filippo geworben waren, wachen ließ. Von beiden Villen beobachtete man den Meerbusen, ob sich nicht ein Schiff, das dem Decatur's ähnlich sähe, auf der See zeige.

So ging der prächtige Frühlingsmonat Februar und Anfang März in Angst und Sorgen vorüber, in Sorgen namentlich für Olga, die täglich mehr ein zweites Leben in sich erwachen fühlte.

Endlich, beinahe Ende März, sah man ein Schiff in den Golf von Sorrent steuern, das Arabella sofort für das ihres Gemahls erkannte und zu dessen Begrüßung sie auf der Villa Crilli das amerikanische Sternenbanner an der hoch am Dache befestigten Stange wehen ließ. Es war das eine Verabredung. Man hatte sehr bald auf dem Amerikaner die Flagge, nach welcher der Kapitän ausgelugt hatte, bemerkt, und es erfolgten Salutschüsse vom Schiffe aus. Nun wurde alles in Bewegung gesetzt, um Gepäck und Menschen hinab nach der Stadt und dem Meeresstrande zu schaffen. Filippo und seine Kameraden, die treuen Wächter, reich belohnt, und Ochsen- und Eseltreiber thaten das Ihrige. Als man am Strande ankam, wurde die Situation noch erfreulicher. Eine englische Fregatte kreuzte vor dem Golfe, man war also vor französischen Ueberfällen sicher.

Der Abschied von dem Paradiese, das man verließ, war nicht so schmerzlich, als er zu jeder andern Zeit gewesen sein würde, denn die Angst der letzten Tage war groß gewesen, da eine nur eine Stunde nach Meta zu belegene Villa, von der kranken Familie eines französischen Offiziers bewohnt, ausgeraubt und sämmtliche Franzosen, meist Frauen und Kinder, getödtet waren.

Decatur nahm selbstverständlich Mr. Bott nebst der hochschwangern Gattin und Gesellschafterin, die ihrem Sohne das Leben gerettet, zuvorkommend auf. Nachdem er alles, was geschehen, in allen Einzelheiten erfahren, war es indeß Nero, welcher auf dem Schiffe das meiste Ansehen nach dem Kapitän selbst genoß. Gehätschelt von Bob, geliebkost von Arabella, beinahe vergöttert von den beiden Schwarzen, die aus der Schiffsküche stahlen, was sie konnten, es dem Lieblinge zu bringen, geliebt auch von allen Matrosen, die ihrem Kapitän und dem vierjährigen jungen Republikaner zugethan waren, hatte Nero ein Hundeleben, glücklicher wahrscheinlich, als es sein kaiserlicher Namensvetter einst in Rom, Capua, namentlich in Bajä und Capri geführt hatte.

Der Commandant der englischen Fregatte war ein Freund des Kapitäns Decatur, der ihm früher in Amerika das Leben gerettet; er hatte versprochen, das amerikanische Schiff sicher in den Hafen von Palermo zu bringen, ja wenn Nelson es gestatte, bis Minorca oder Gibraltar zu geleiten.

Die wenigen Tage, deren man bei gutem Winde und günstigem Wetter nach Palermo bedurfte, waren für alle auf dem Schiffe Befindlichen höchst selige.

Man nahm in Palermo frisches Wasser und verschiedene Südfrüchte ein. Arabella schrieb ein Danksagungsschreiben an den Arzt in Rom, die Wiedervereinigung hatte mehr gewirkt als Seeluft und schönes Klima. Olga war sehr traurig, daß sie niemand auf der Welt hatte, an den sie schreiben konnte, für Mutter und Schwester war sie todt, wo der Geliebte weilte, wußte sie nicht, sie war voll banger Ahnungen und unbestimmter Befürchtungen vor einem bevorstehenden Unglücke, und weinte an Eleonorens Busen heiße Thränen. Nelson konnte die Fregatte nicht entbehren, er hatte seine ganze Aufmerksamkeit um diese Zeit nicht dem Feinde gewidmet, sondern er beobachtete mit der Eifersucht eines Engländers das Thun eines Freundes und Bundesgenossen, der Russen nämlich.

»Diese Leute«, schrieb er dem Ministerium, »scheinen mir mehr damit beschäftigt, Häfen am Mittelmeere zu gewinnen, als Bonaparte's Armee zu vernichten. Wenn sie sich jemals in Korfu festsetzen, hat die Pforte dort einen argen Dorn im Fuße. Merkt denn der gute Türke diese Gefahr nicht einmal?«

Nelson war von England aus aufgegeben, die Belagerung von Malta so lebhaft wie möglich zu betreiben, denn Paul I. von Rußland hatte als Nachfolger des letzten Großmeisters der Johanniter, Barons von Hompesch, den Titel eines Großmeisters angenommen, und machte neuerdings an diese Insel Ansprüche, welche England indeß nicht anerkannte. Denn als Kaiser Karl V. die Verwaltung der Inseln Goppo und Malta an den Johanniterorden abtrat, geschah dies unter der Bedingung, daß die Inseln in demselben Augenblicke, wo der Orden aus irgendeinem Grunde aufgehoben werde, an die Krone und den König von Sicilien, als ihren frühern Lehnsherrn, zurückfallen sollten.

So erklärte denn Nelson König Ferdinand IV. für den rechtmäßigen Herrscher und befahl, die neapolitanische Fahne da aufzupflanzen, wo die Engländer die Franzosen vertrieben. König Ferdinand war davon sehr wenig erbaut, was nützte ihm, dessen Flotte erst durch die Engländer verbrannt war, die Festung auf dem kahlen Felsen?

Sie legte ihm nur die Last auf, dieselbe, wenn sie den Franzosen abgenommen, zu besetzen. Der russische Gesandte kannte die Abneigung gegen das aufgedrungene Geschenk; er veranlaßte den Kaiser, Lady Emma zum Ritter des Malteserordens zu ernennen, um so durch sie auf Nelson einzuwirken. Allein Nelson blieb diesmal gegen die Bitten und Schmeicheleien der Geliebten standhaft. »Ich hasse die Russen«, sagte er seiner Emma, »ihre Plane sind weitgreifend, Malta ist der Schlüssel zum Schwarzen Meere und ihren Zukunftsidealen, zur Eroberung Konstantinopels behufs ihres Vordringens nach Indien. Will König Ferdinand Malta nicht, so mag er es an England abtreten, eine russische Fahne wird dort mit meinem Willen nie aufgepflanzt.«

Und als Emma schon zu schmollen anfing, zog er einen kostbaren Diamantring, ein Geschenk der Königin, vom Finger, steckte ihn an den Finger der Kleopatra und sagte: »Sei klug, Kind, es muß so sein, der König hat deinem Gemahl schon versprochen, ohne die Einwilligung Englands die Inseln an niemand abzutreten. Die Wiedereroberung Neapels wird ein würdiger Kaufpreis sein, und für dich, mein Kind, fällt dann der Schmuck, der zu diesem Ringe gehört und jetzt noch im Besitze der Königin ist, ab. Verbirg den Ring bis dahin.« Lady Emma Hamilton war solchen mit Thaten begleiteten Worten zugänglich.

So wurden die Geschicke Hannovers in weiter Ferne von politischen Gedanken und politischen Weltcombinationen im Kopfe eines Engländers und seiner Maitresse bestimmt, denn wir haben gesehen, daß die Besetzung Hannovers Folge der Nichterfüllung des Friedens von Amiens, der Nichtherausgabe Maltas war.

Decatur fuhr in Begleitung der englischen Fregatte nur bis Marsala, wo jene östlich, er selbst westlich weiter segelte. Der Wind war ungünstiger geworden, man mußte laviren und der Nordküste von Afrika sich näher halten, als es dem Kapitän lieb war. Indeß hatte man die Höhe von Sardinien passirt und war der Höhe von Minorca nahe, als man ein verdächtiges Segel bemerkte. Das Schiff, dem Anscheine nach eine große Schebecke, näherte sich mit einer kleinen Brise von Nordwesten, welche dem Amerikaner gerade entgegenstand. Eine Umkehr war nicht möglich, Marsala war der nächste Hafen, wo man Sicherheit finden konnte, denn alle englischen Schiffe lagen entweder in Palermo, oder in Syrakus, oder waren bei der Belagerung Maltas beschäftigt. Als das Segel näher kam, glaubte Decatur, der es durch gute Gläser beobachtete, dasselbe als ein afrikanisches Kauffahrteischiff betrachten zu müssen, es zeigten sich nirgends Kanonenluken, nur auf dem Verdeck bemerkte man zwei sehr lange Kanonen. Diese pflegte aber mindestens jedes Handelsschiff damals zu führen. Man hatte selbst neun Carronaden, einundzwanzig Mann Matrosen, den Steuermann, Kapitän und Mr. Bott, wie er in die Schiffslisten eingetragen war. Decatur ließ indeß alle nöthigen Vorsichtsmaßregeln treffen, er schickte die Damen, den Sohn, die beiden Schwarzen nebst dem Hunde Nero in seine eigene Kajüte, ließ Waffen vertheilen, die Carronaden laden, und machte auf dem Verdeck alles zum Kampfe bereit. Die ohnehin schlaff herabhängenden Segel wurden eingerefft bis auf den großen Mars, und in ängstlicher Spannung harrte man der Annäherung des fremden Segels. Decatur hatte das Sternenbanner aufgezogen, das von Westen kommende Schiff zeigte keine Flagge, man sah darauf keine Bewegung und hielt es für ein Handelsschiff. Als man auf Kanonenschußweite sich genähert hatte, öffnete das feindliche Schiff aus seiner Breitseite plötzlich neun Kanonenluken, der Halbmond wurde aufgezogen, und das Verdeck des Schiffes begann plötzlich von Schwarzen und von Turbanen zu wimmeln.

Der Amerikaner war von einer an Geschütz und Menschen überlegenen Macht angegriffen. Die beiden langen Kanonen auf dem Verdeck des Korsaren begannen das Feuer. Decatur ließ den Briggschoner des Ungläubigen, als welcher er sich jetzt in der Nähe herausstellte, noch etwas näher kommen, bis er das Verdeck mit seinen Kanonen bestrich und arge Verwüstung unter den Schwarzen anrichtete. Allein die Türken ließen sich nicht irremachen, sie drangen auf den Amerikaner ein, bald fielen die Enterhaken in das Schiff, und der Anführer der Korsaren sprang, ein Pistol in der einen Hand, ein Enterbeil in der andern, auf den Amerikaner. Decatur stellte sich ihm gegenüber, erhielt aber, als er im Begriffe stand, dem Korsaren das Haupt zu spalten, einen Schuß in die Brust, der ihn kampfunfähig machte. Der Maler schoß den zweiten Türken, der in das Schiff sprang, nieder und griff zur Pike, um den nächstüberspringenden zu spießen. Allein schon wimmelte es auf dem Amerikaner von Schwarzen. Im Einzelkampfe wurden die Amerikaner bald besiegt, auch Hellung erhielt eine scharfe Hiebwunde in die linke Schulter von einem sarazenischen Degen.

Während oben auf dem Verdeck so der Kampf wüthete, hatte sich einer der Korsaren zu der Kajüte des Kapitäns geschlichen, um dort zu rauben. Hier hatte sich indeß eine andere Scene begeben. Olga war von einer Frühgeburt überrascht, allein sie hatte leicht und schnell ein lebendiges Mädchen geboren. Die Gattin des Kapitäns und die Engländerin waren um die Gebärende beschäftigt, Cäsar hatte sich, Bob auf dem Schose haltend, in einen Winkel verkrochen; seine Frau lief geschäftig ab und zu, um dieses und jenes zu holen, so war die Thür zu der Kajüte offen geblieben; aber vor ihr lag Nero, der, als ob er verstände, was über ihm vorginge, mit funkelnden Augen die Thür bewachte.

Als nun der diebische Mohr eintrat, sprang er ihm mit solcher Wuth nach dem Halse, daß dieser sofort zu Boden sank und seinen Säbel fallen ließ. Kaum sah dies Cäsar, als sein Muth erwachte; er setzte Bob zu Boden, sprang auf den Sarazenen zu und gab ihm mit dem eigenen Dolche den Tod.

Da trat der Anführer der Türken in die Kajüte, der Anblick der in Ohnmacht gesunkenen Olga, des nackten, eben geborenen Kindes, der Leiche, auf der Nero als seiner Beute ruhte, erschütterte sein rauhes Herz. Er befahl, das Frauen- und Dienstpersonal in des Kapitäns Kajüte nebst dem Hunde ungestört zu lassen und nur die Leiche des Mohren zu entfernen. Das war leichter gesagt als gethan; denn Nero wollte nicht von seiner Beute lassen, nicht dulden, daß die Leiche des Türken unter seinen eingeklammerten Krallen hinweggezogen würde.

Sein Herr, dem er unbedingt gehorchte, war gefangen und auf das Korsarenschiff gebracht, Olga, der er gleichfalls gehorchte, lag im bewußtlosen Zustande, endlich war es Bob, der ihn zu sich lockte. Der kluge Hund schien zu begreifen, daß es seine Pflicht sei, den Knaben, dem er das Leben gerettet, auch zu schützen.

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