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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Achtes Kapitel.
Olga.

Als Olga die nächtliche Reise am Hochzeitsabende antrat und Eleonore, der Engländerin, gegenüber in die Wagenecke gedrückt saß, fühlte sie sich am ganzen Körper wie z, und in ihrer Seele wogte ein Sturm von Gedanken des Hasses, des Abscheus und Widerwillens gegen den aufgezwungenen Gemahl. Wie sollte sie, das zwanzigjährige Mädchen, das von der Welt nicht mehr kannte als Schloß und Park in Heustedt, sich aus den Banden, in welche Mutter und Vormund sie geschmiedet, befreien? Sie wußte freilich, daß sie dem Hassenswürdigen nicht angetraut war, sie hatte ihren entgegengesetzten Willen so laut und entschieden ausgesprochen, als ihr körperlicher Zustand zuließ. Aber der Prediger hatte ihr Nein nicht gehört oder nicht hören wollen, der Trauungsact war äußerlich vollzogen. Zwar hatte sie noch in der Kirche den Trauring wieder vom Finger gestreift, er mochte zertreten sein von der Menge; allein würde die Welt, würden die geistlichen Oberbehörden ihr oder dem Prediger Glauben schenken?

Der Prediger sagte, ihr seid vor Gott und den Menschen zusammengegeben, seid Mann und Weib; er hatte vielleicht schon in diesem Augenblicke ein Zeugniß der geschehenen Trauung niedergeschrieben und ein Kirchensiegel dabeigedrückt.

Sie sah, daß sie vor der Welt des Grafen Gattin war und bleiben, wenigstens so scheinen müßte, bis sich die Umstände günstiger gestalteten. Von der Mutter wie von dem Vormunde, von ihnen hatte sie weder Hülfe noch Trost zu erwarten, sie selbst aber, so schrieb der Jurist, bei dem sie Hülfe suchte, hatte nicht einmal das Recht, vor Gericht aufzutreten, sie war ja minderjährig.

Aber er wußte, daß sie Nein gesagt hatte, er mußte es gehört haben, ihm gegenüber wollte sie ihre Mädchenehre hochhalten und ihm nur Verachtung und Haß zeigen.

Eins tröstete sie: daß sie wenigstens nicht in eine Wohnung des Grafen zu ziehen brauchte, daß sie in dem eigenen mütterlichen Palais einen Flügel eingeräumt bekommen hatte. Sie kam jetzt einen, mindestens zwei Tage früher als Gemahl und Mutter nach Hannover, und sie nahm sich vor, ihre Gemächer so zu scheiden, daß sie seine Nähe zu jeder Zeit vermeiden könne.

Aber wo wollte sie die Kraft hernehmen, das zu ertragen, was ihr bevorstand? Die Mutter, die Schwägerin, der Majoratsherr wie ihr Vormund hatten ihr in den letzten Tagen genug vorgesprochen von den Festivitäten, die in Hannover ihrer warteten, wenn sie dem Hofe erst vorgestellt sei.

An der Seite des Verhaßten sollte sie bei allen Geheimräthen und Excellenzen, die nicht etwa schon bei der Hochzeit zugegen gewesen waren, Visite fahren, sich als Gräfin Schlottheim vorstellen und beglückwünschen lassen, den Tod im Herzen ein freundliches Gesicht machen, und ahnen, wie in jedem Flüstern zweier Personen in einer Gesellschaft die Scene mit der Filler-Martha zum Gesprächstoffe diene. Sie, der jede Heuchelei verhaßt war als die schlimmste aller Sünden, sie sollte verdammt sein, wer weiß wie viele Jahre lang, vor aller Welt eine Lüge durchzuspielen?

War es nicht besser, gleich zu sterben, als sich unter solchen Verhältnissen durch das Leben zu lügen? Ja, sie wollte sterben, sie wollte sich ins Wasser stürzen. Sobald der Wagen der Weser nur wieder näher käme, wollte sie in die Weser springen.

Der Wagen hatte indeß längst die Geest erreicht und knirschte im hohen Sande zwischen Föhren und verkrüppelten Eichen auf unwegsamen Bahnen zwischen den Dörfern Eistrup und Gandesbergen der Stadt Nienburg zu. Es war dunkel geworden, der Wind peitschte schwere Regenwolken vor dem Monde her. Man kam durch ein düsteres, in einen Eichsünder gebautes Dorf, in den Häusern schimmerten trübe Lampen, Menschen sah man nicht. Kurz hinter dem Dorfe fuhr man aber bergab und dicht an den Ufern eines Wassers her, in dem der Mond sich spiegelte. Olga hatte wol eine Viertelstunde, wie betäubt, mit geschlossenen Augen in der Ecke des Wagens gelegen, sorgsam beobachtet von der schweigsamen Engländerin; das Kammermädchen saß oben bei dem Kutscher auf dem Bocke. Ein Stoß des Wagens rüttelte sie aus ihrer Betäubung auf, sie hatte in der letzten Viertelstunde an den Tod gedacht, sie hatte aber auch an den Geliebten gedacht, dem sie Liebe und Treue gelobt. Was sollte aus ihm werden, wenn sie ihm auf diese Weise Wort hielt? Sie hatte an den Augenblick gedacht, da sie von Karl schied, und sein Bild hatte den ersten Sonnenstrahl in die Trübniß ihres Herzens zurückgeworfen. Jetzt blinzte ihr, die wie aus einem Traume erwachte, der Mond auf einmal so lachend aus der dunkeln Flut empor. Der Todesgedanke gewann neue Stärke, sie sprang auf, den Wagenschlag nach der Seite des Wassers zu öffnen, das freilich nicht die Weser selbst war, sondern nur ein alter Weserarm, oft sehr seicht, heuer aber angeschwollen durch den regnichten Sommer. Aber Eleonore hatte sie überwacht und zog sie in ihre Arme. Sie sagte, zum ersten mal das Ceremoniell, das sie sonst auf das strengste beobachtete, verlassend und sich der deutschen Sprache bedienend.. »Ich will dir, liebe Olga, mütterliche Freundin sein, du arme, arme Waise, die du nie eine Mutter gehabt«, und sie küßte Olga zärtlich, setzte sich zu ihr in den Rücksitz des Wagens und nahm sie wie ein Kind auf ihren Schos.

Olga schlang ihre Arme um Eleonorens Hals, brach in heftiges Weinen aus und rief unter Hunderten von Küssen, die sie auf den schmalen, blassen Mund der Gouvernante drückte: »Versprich mir, nein, schwöre mir, daß du mich nie im Leben verlassen willst und nie allein lassen mit ihm, den ich verachte und hasse, schwöre mir, mich zu schützen, wenn er es wagen sollte, je in meine Gemächer zu dringen.«

»Ich schwöre es«, sagte Eleonore.

Olga's Haupt sank an ihre Brust, sie athmete leichter.

»Glauben Sie nicht, gnädige Gräfin«, fuhr Eleonore in ihrer Muttersprache fort, »daß in dieser dürren Brust kein Herz schlüge. Auch ich habe geliebt, liebe vielleicht noch; ich glaubte wiedergeliebt zu werden, wurde aber schnöde betrogen.« Und sie erzählte nun eine lange Liebes- und Leidensgeschichte, deren Wiederholung uns zu weit abführen würde.

Sie erreichte aber ihren Zweck. Die in etwas getröstete junge Gräfin machte sie zur Vertrauten ihrer Liebe zu dem Jugendfreunde, die jener kein Geheimniß mehr war. Wer weiß, was es heißt, in jungen Jahren sein Herz an dem Busen einer Freundin ausschütten zu können, welche Erleichterung das schafft in Trübsal, welche Steigerung der Freude in freudigen Tagen, der wird glauben, daß, als der Wagen in Nienburg vor der Post hielt, und Eleonore nach englischer Art Thee bereitete und Weißbrot röstete, während Johanna, das Kammermädchen, die Eier schälte, der Neuvermählten, welche seit dem Lunch keine Nahrung zu sich genommen, Thee und Sandwichs vortrefflich schmeckten. Die eigenen Pferde wanderten von hier nach Heustedt zurück, Extrapostpferde wurden vorgespannt, der Jäger mußte sich vom Hintersitze neben den Postillon setzen, Johanna bekam einen Platz im Wagen und wußte nun Hunderte von kleinen Anekdoten zu erzählen, die vor und während der Hochzeit im Kreise der Dienerschaft gespielt hatten.

In Neustadt am Rübenberge, wo man spät nachts, oder vielmehr früh morgens kurz vor Aufgang der Sonne ankam, konnte man keine Pferde bekommen. Die Gräfin legte sich auf Eleonorens Bitten in ein ungewohntes Federbett zur Ruhe, während diese und das Kammermädchen sich im Vorzimmer auf dem sogenannten Kanapee und Stühlen niederlegten. Die Natur forderte ihr Recht. Bald schlief die Abgemattete und Geängstigte unter der Last eines ungeheuern Federbettes so süß und sanft, wie sie seit Wochen nicht geschlafen, und schlief, bis es hoch Mittag war und Eleonore mit der Chocolade vor ihr Bett trat.

Man gelangte erst gegen Abend nach Hannover, und Olga fand, daß schon die gnädige Mama für eine solche Absonderung der Gemächer des jungen Ehepaars gesorgt hatte, daß ihr in dieser Hinsicht nichts zu wünschen übrigblieb. Die Einrichtung war auf das modernste und geschmackvollste nach englischem Comfort und Mode. Nichts fehlte. Zwei Schlafzimmer, nur durch eine schwere Portière von rothem Sammt geschieden, wurden von der jungen Frau und ihrer Gesellschafterin eingenommen, in einem Vorgemache war Johanna postirt und ihr anbefohlen, bei Strafe sofortiger Entlassung, dem Gemahl nie ohne besondere Erlaubniß der Gräfin die Thür zu öffnen.

Am dritten Tage kamen die Mutter, die drei Grafen Schlottheim und sonstige Räthe und Geheimräthe von Heustedt zurück. Nun begann die peinliche Zeit der Besuche und Vorstellungen, dann die der Festivitäten. Die Familie der Schlottheims begann mit einer Reihe von Diners, Soupers, Bällen, andere Excellenzen folgten, die Berathungen über die Anzüge nahmen kein Ende.

Man gewöhnt sich an alles. So hatte sich auch Olga daran gewöhnt, neben ihrem Gemahl in dem Wagen zu sitzen, Visite zu machen, zu empfangen, sie hatte sogar einmal mit ihm tanzen müssen auf Befehl der Mutter.

Als aber an diesem Abend der Gatte sie um die Erlaubniß bat, ihr nach dem Balle in ihren Appartements Gute Nacht wünschen zu dürfen, erklärte sie mit fester Stimme:

»Meine Zimmer sind abends und nachts dem Liebhaber der Filler-Martha auf immer verschlossen.«

Graf Schlottheim machte dann den Versuch, Johanna durch Geschenke und durch Zärtlichkeiten zu gewinnen. Aber diese hatte der guten unglücklichen jungen Frau im Innern ihres Herzens Treue geschworen, sie haßte den Grafen, der ihr schon in Heustedt nachgestellt und einen ernstlichen Zwist zwischen ihr und dem Geliebten, dem Jäger Kuno der jungen Gräfin, hervorgerufen hatte. Außerdem würde die Wachsamkeit Eleonorens und die Eifersucht Kuno's auch jeden Versuch, den Befehlen ihrer Herrschaft zuwiderzuhandeln, vereitelt haben.

Otto von Schlottheim selbst aber, so dreist und keck er andern Frauen gegenüber war, die Gemahlin hatte ihm zu imponiren gewußt, die stolze feste Stellung, die sie gegen ihn beobachtete, ohne auch nur ein Haar breit von dem abzuweichen, was der äußere Anstand und die Schicklichkeit erforderte, hatten ihn nebst seinem Schuldbewußtsein in die Stellung eines von der Gattin Abhängigen gebracht.

Der eigene Vater sah in solcher Stellung nur Heil für die Ausschweifungen des Sohnes. Die eigentliche Herrschaft über den übermüthigen Grafen führte aber die Schwiegermutter. Sie war durch die »fatale Affaire« viel schmerzlicher berührt, als sie gestand, sie war an ihrer empfindlichen Seite getroffen, sie wußte aber auch den Grafen selbst an der empfindlichsten Seite zu treffen, das war der Geldpunkt.

Am Tage nach der Hochzeit eröffnete sie ihm, wie sein Betragen ihr bewiesen habe, daß er noch nicht einmal verstehe, vor der Welt den Anstand zu bewahren, die erste Tugend jedes Cavaliers. Unter solchen Umständen werde sie den stipulirten Beitrag zu den Ehelasten in die Hände ihrer Tochter gelangen lassen, um dieser eine Gewähr zu geben, nicht etwa seiner Treue, an der derselben hoffentlich nicht viel liege, sondern sich so zu betragen, wie es eine Gräfin von Wildhausen verlangen könne.

Da nun aber die Gnädigste vorläufig sämmtliche Ausgaben für den Lebensunterhalt des jungen Ehepaars bestreiten mußte, so kam der verschwenderische und leichtsinnige Schwiegersohn dadurch in die demüthigende Lage, monatlich von seiner Gemahlin gleichsam sein Taschengeld zu empfangen, seine Diener von seiner Gemahlin besolden zu lassen, den Haushofmeister von der jungen Frau die Gelder zur Bestreitung des gesammten Hauswesens empfangen zu lassen.

Das gab dieser denn einen Rückhalt, ein solches Uebergewicht über den gehaßten Gemahl, daß sie eine gewisse Befriedigung nicht verbergen konnte.

Sie drückte der Mutter ihre Dankbarkeit für diese Anordnungen herzlicher aus, als sie seit lange sich ihr gegenüber geäußert, und sprach dabei die Bitte aus, die Mutter möge ihr die Schwester Heloise senden, sie entbehre Anna und Heloise so sehr, daß alle Geschenke, alle Festivitäten ihr nichts seien gegen die Anwesenheit Heloisens. Die Gräfin-Mutter schlug das aber kurz und fest ab: »Du hast deinen Mann und Cavaliere, die dir den Hof machen, Heloise ist ein Kind.«

Der leichtsinnige Ehemann wurde durch diese Maßnahmen aber nicht gebessert, wozu auch der Umstand beitrug, daß er über ein Vierteljahr lang das lächerlichste Glück im Spiel hatte, wie er selbst es bezeichnete. Seine Kasse war nie leer, er brauchte der Gemahlin nicht zu kommen, und wenn ihn diese aus ihren Appartements zurückwies, so wußte er, wo er gern gesehen war.

Da der Campagne in Frankreich wegen der Hof in Blankenburg und Wolfenbüttel öde war, so hatte ein Trupp französischer Komödianten und Sänger Erlaubniß erhalten, im kurfürstlichen Opernhause spielen zu dürfen. Die erste Liebhaberin, Demoiselle Pauline, wußte Otto's Eroberung zu machen, und wenn er spät nachts vom Spieltische aufbrach und die Taschen voll Gold klimperten, dann fand er weiche Arme, in denen er seinen Rausch ausschlief.

Das Wetter fuhr fort abscheulich zu sein, und als der Monat kam, der ein Recht hat zu stürmen, Regen und Schnee zu ergießen, als alle Welt darüber klagte, fing auch Otto von Schlottheim über Unwohlsein zu klagen an, und die Krankheit nahm schnell zu und fesselte ihn an das Haus. Einer der damals berühmtesten Aerzte Europas, der sich selbst mindestens für den berühmtesten hielt, der Geheime Hof und Medicinalrath Ritter Zimmermann, behandelte den Kranken und erklärte, als im Monat Januar des Jahres 1793 die schlimmste Krisis überstanden war, daß nur ein Aufenthalt im südlichen Frankreich oder Savoyen die Gesundheit des Genesenden auf die Dauer herstellen könne.

Seine Angetraute freute sich dieses Ausspruchs, sie hoffte auf diese Weise einige Jahre von dem verhaßten Gatten getrennt zu leben. Allein die Mutter hatte es anders beschlossen. »Man darf«, sagte sie, »dem Skandal, welchen die Trauung erregte und den die Krankheit Schlottheim's fortsetzt, die Krone nicht aufsetzen, wie es durch eine solche Trennung geschehen würde. Wir haben für deinen Gemahl, nachdem seine Gesundheit durch einen ein- oder zweijährigen Aufenthalt in Nizza gestärkt sein wird, die Stellung eines Attaché bei der englischen Gesandtschaft in Neapel erwirkt. Dir wird ein stiller Aufenthalt in dem milden Klima Nizzas wohlthun, und du kannst mit dem Gedanken dich in der Einsamkeit trösten, demnächst in der schönsten Stadt der Welt, an dem lebenslustigsten Hofe, wo es einer Schönheit wie du nie an standeswürdigen Anbetern fehlen wird, zu leben. Glaube mir, das Leben mit seinen Reizen wird sich dort dir erschließen, und du wirst die Bagatellen des Lebens verachten, die Katechismusvorurtheile abwerfen lernen. Das scheinst du freilich schon früher gelernt zu haben, als ich es ahnte, das Joujou, das ich im chinesischen Pavillon fand, sagt es mir.

»Sei klug, meine Tochter, lerne den Schein bewahren, darin besteht die ganze Lebenskunst. Es ist besser für dich, wenn du Hannover verläßt, es ist zu klein, zu klatschsüchtig. Schlottheim ist zu unvorsichtig und jugendlich unbesonnen. Er hat dir dadurch aber so große Vortheile über sich eingeräumt, daß er auf immer dein Sklave ist. Ich werde dich pecuniär unabhängig stellen. Italien wird dir Gelegenheit bieten, dein Leben zu genießen.«

Was sollte die Tochter antworten? Sollte sie sich gegen die Anschuldigungen der Mutter, die sie erst heute zu verstehen anfing, vertheidigen?

Der Schein war gegen sie, und der Schein regierte ja die Welt in den Augen der Menschen wie ihrer Mutter; den äußern Anstand aufrecht erhalten, war Tugend; Religion nur des gemeinen Volkes willen erfunden. Eine Liebe, wie sie sie für Karl hegte, wäre ihrer Mutter höchstens lächerlich gewesen, warum sollte sie das Einzige, was ihr eigen geblieben war, vor so profanen Ohren, wie die der Mutter, entheiligen?

Aber sie hatte den Muth, noch allerlei Bedingungen zu stellen, sie verlangte, auf der Reise schon ganz getrennt zu fahren. Eleonore wie Johanna und ihr Jäger Kuno sollten in ihrem Gefolge bleiben, sie wollten geschieden leben, soweit es der Anstand irgend erlaubte.

Es wurde ihr noch mehr zugestanden, als sie verlangte, weil die Krankheit des Grafen eine Trennung bedingte, wovon jene indeß keine Ahnung hatte.

Im südlichen Frankreich war es nicht geheuer; die Engländer hatten Toulon genommen, und Royalisten und Republikaner stritten in Aix und Avignon um zeitweise Herrschaft; dagegen war das italienische Land diesseit der Seealpen von Frankreich erobert und schon beruhigt.

Eine Reise aus Norddeutschland nach Nizza war damals mit ganz andern Schwierigkeiten verbunden als in unsern Tagen, und dauerte Monate; man mußte den vollen Frühling abwarten, um den Uebergang über den Mont-Cenis eis- und schneefrei zu haben; der Graf konnte lange Touren nicht ertragen, so kam man erst nach Ostern in jenes blaue Ländchen des ewigen Frühlings. Olga, die auf dieser Reise eigentlich die ersten Berge kennen lernte, war voll Entzückens, als sie die Alpenkette zuerst erblickte; sie wurde voll Staunen und Furcht die Bergpässe hinangetragen, und sie jauchzte auf wie ein Kind, als ihr jenseits das blaue Meer und die Kette der Seealpen entgegenstrahlten.

In der mittlern Vorstadt – die untere bildete damals noch nicht jene Chiaja Nizzas, die sich meilenweit nach Nordwesten hinzieht – fand man bald eine geräumige Villa nicht allzu weit vom Meeresstrande und doch inmitten reizender Gartenanlagen und schattiger Olivenhaine.

Graf und Gräfin Schlottheim richteten sich hier in gewohnter getrennter Weise ein, ein italienischer Koch und einige untergeordnete Dienerschaft wurden zu den mitgebrachten Dienstleuten engagirt, ein Arzt consultirt, und die Cur des Grafen begann.

Die Villa lehnte an einem Felsen, der Graf bewohnte die untern Räume, seine Gemahlin die mit einem breiten Balkon versehenen obern Räume, aus denen sie sofort zu einer Gartenterrasse gelangte, die in vier übereinanderliegenden Plateaux zu Gartenanlagen ausgebaut war.

Das Leben, welches die jungfräuliche Frau hier bis zum Winter führte, war das stillste und einfachste, das man sich denken konnte. Sie bestieg das Plateau hinter ihrer Villa, um hier unter dem Schatten von tausendjährigen Olivenbäumen, umgeben von hohen blühenden Myrten und Geranien, Pfirsich- und Mandelbäumen, Riesencactus und Aloës, die sich an den Felsen hinaufarbeiteten, von Citronen und Orangen, zu träumen. Man konnte da stundenlang sitzen im Nichtsthun, die Stadt links zu Füßen, das Meer vor sich so klar und weit, daß man die Küsten der Provence zu schauen glaubte, die immer glänzende goldige Sonne am wolkenlosen Himmel.

Sie dachte an ihre Kinderjahre zurück, dachte der Milchschwester Anna, die schon im kühlen Grabe auf dem feuchten Kirchhofe zu Eckernhausen neben ihrer treuen Anne Marie schlummerte, dachte an ihre liebe Schwester Heloise, an ihren Karl. Es waren Mädchenträume, die vor ihrer Seele vorüberschwebten. Abends ging sie mit Eleonore an den Ufern des Meeres spazieren. Eleonore hatte einige ihrer englischen Lieblingsdichter, namentlich Milton, Olga selbst einige Lieblingsstücke von Lessing, Goethe und Schiller mitgenommen; allein man kam seltener zur Lektüre, als man glauben sollte, nur Goethe's »Tasso« schien Olga zu der Naturstimmung zu passen, sie fand darin so manche Beziehungen, die ihr die eigene Lage gleichsam erläuterten.

Von ihrem Gemahl sah sie wenig, er pflegte lange zu schlafen, nach dem ersten Frühstück ging er fischen oder spielte mit französischen Offizieren in der Stadt Billard, gegen Abend badete er und setzte sich dann zum Spiel. Er sah blaß und krankhaft aus, und die Medicinflaschen drängten eine die andere, ohne daß die Medicin oder das köstliche Klima Hülfe zu bringen schien.

So war das Jahr zu Ende gegangen, drüben in Deutschland und gar in der nordischen Heimat an der Weser war es Winter geworden, sie merkte davon nichts. Die Sonne und die Tauben, welche sich mit größter Genauigkeit um die Frühstückszeiten und zur Mittagszeit vor der Villa einzustellen pflegten, um ihr Futter zu erhalten, waren das Einzige, was Olga an die Veränderung der Zeit erinnerte.

Nach Neujahr 1794 änderte sich dieses Leben plötzlich. Eine der benachbarten Villen, welche im Sommer und Herbst leer gestanden, wurde von einer englischen Familie bezogen, die viel Leben um sich verbreitete und sich schon dem Aeußern nach als Originalfamilie ankündigte. Lord Harrington war eine langaufgeschossene vertrocknete Gestalt, der ohne sein Jahreseinkommen von 40000 Pfund schwerlich irgendwo in der Welt eine Rolle gespielt haben würde. Aber 40000 Pfund jährlich, die konnten in Nizza kaum verbraucht werden, zumal der Lord selbst sehr wenig brauchte; er trug das ganze Jahr denselben Rock, denselben Haarbeutel, und that nichts als fischen, vom Mittage bis in die Nacht bei Fackelschein. Seine Gattin Miß Karoline war ihrerzeit um die Mitte des Jahrhunderts eine Löwin gewesen, die den Löwinnen aus der ersten Hälfte, der Lady Petersham, Elisabeth Rochefort und andern nachgeeifert hatte in galantem Leben und Abenteuern.

Lord Harrington, ein excentrischer Sonderling, hatte Miß Karoline nur darum geheirathet, weil Casanova in einem vertrauten Kreise junger Wüstlinge in Paris von ihr gerühmt hatte, er habe die süßesten Augenblicke in ganz England an ihrer Seite verlebt, und sie sei die einzige Engländerin, die würdig sei, in Venedig geboren zu sein, sie sei Venetianerin. Die Lady war jetzt Methodistin, nachdem sie ihre Tochter Katy zur Löwin herangezogen und im Glanze der Triumphe derselben noch einmal jung geworden war. Miß Katy hatte viel gelebt, viel geliebt, viel getanzt. Da sie aber von schwächlicher Gesundheit war, hatte sie sich die Schwindsucht ertanzt und sollte jetzt, kaum zwanzig Jahre alt, an südlichen Lüften die kranken Lungen stärken.

Miß Katy hatte mit ihrem scharfen Glase Olga und Eleonore auf der Terrasse sitzen sehen, die von der eigenen Terrasse nur durch eine Schlucht, in die jetzt das sparsame Wasser eines Baches herabfiel, getrennt war. Sie erklärte der Mutter, sie müsse die Bekanntschaft dieser reizenden Dame machen. Obgleich es nun im Hause des Lords keinen Willen gab, der mehr auf Befriedigung seiner Wünsche rechnen durfte als den der kranken Tochter, wurden doch die ersten Regeln englischen Lebens nicht außer Augen gesetzt, man erkundigte sich zuerst genau nach Stand und Abstammung der Deutschen. Als aber Miß Karoline, welche die hannoverischen Stammbäume beinahe so genau kannte als die der englischen Peers, erfuhr, daß Otto der Sohn eines Geheimraths und Grafen, Olga die Tochter jener Melusine von Alvensleben sei, die am Hofe des Prinzen von Wales groß geworden, da mußte der Lord dem Grafen seine Aufwartung machen und die Karten der Gemahlin und Tochter mit einer Einladung überbringen.

Die Bekanntschaft war gemacht, und bei der Vereinsamung der drei Damen schlossen sich diese enger aneinander, als das sonst bei Engländern und Norddeutschen der Fall gewesen sein würde. Die Lady hatte, wie alle englischen Damen ihres Kreises, eine gründliche literarische Bildung, und sie pflegte eine halbe Bibliothek mit sich herumzuführen, von methodistischen Gesangs- und Betbüchern bis hinauf und wieder herab zu französischen oder englischen Moderomanen. Sie griff heimlich gern noch einmal zu den Romanen, die sie in ihrer Jugend entzückt hatten, wenn auch die Bibel, oder vielmehr eine Prachtausgabe des Neuen Testaments, immer auf ihrem Schreibtische lag. Ueberhaupt lebte und webte sie noch gern in der Zeit, wo die Journale täglich die eine oder andere Tollheit von ihr zu erzählen wußten und Dutzende von Anbetern zu ihren Füßen schmachteten, die gegenwärtige Frömmigkeit war mehr Modesache.

Katy, die blasse kranke Schönheit mit den Schwindsuchtsrosen auf den Wangen, schmiegte sich an Olga wie eine Rebe um den Weinstock, sie machte sie zur Vertrauten ihrer Liebe zu dem blonden Lord Camalford und dem wilden Marquis von Waterford, die sie noch immer mit gleicher Leidenschaft liebte. Sie, die Miß, weihte die Freundin, die jungfräuliche Frau, erst ein in die Geheimnisse des Frauenthums.

Die Gräfin, welche das Leben bisher nur aus Dichtungen kannte, die nie einen frivolen Roman in Händen gehabt hatte, und der das Verständniß für viele Dinge, welche Katy von früher Jugend kein Geheimniß gewesen, noch gänzlich fehlte, wurde hier zur vornehmen Dame nach damaligen Begriffen erzogen, sie empfing die Lehren, welche die Großen als ihr Privilegium ansahen. Die Methodistin predigte die Gleichberechtigung der Frauen oder richtiger ihren Beruf, die Männer zu beherrschen; sie wollte Olga glauben machen, daß Treue eine Chimäre sei, kein Mann sei treu, sei die Frau es, so sei das nur Dummheit.

Ohne daß diese ihr Verhältniß zu dem Gemahl jedem Fremden offenbart hatte, ahnten es die erfahrenen Engländerinnen, oder sie wußten sogar noch mehr als die unerfahrene Frau selbst. Wäre es nach dem Willen der Lady gegangen, so hätte sich Olga, um sich an Schlottheim zu rächen, in den ersten besten hübschen französischen Offizier verlieben müssen, der in Nizza, Piazza Vittoria, oder Piazza Reala und dem Corso oder am Strande herumspazierte, denn sie war nicht nur berechtigt, ihren Gemahl zu hassen, sondern verpflichtet, ihn zu strafen. Alle diese guten Lehren waren aber nicht im Stande, aus dem Herzen Olga's die Dreieinigkeit: Glaube, Liebe, Hoffnung, die sich an den Namen Karl knüpften, zu verdrängen, es mußte die bäuerliche Milch der Mutter Anne Marie sein, welche den vornehmen Lehren keinen Raum in Olga's Kopfe und Sinnen gaben, während vielleicht die Milch der Mutter der dahingeschiedenen Milchschwester das leichtlebige Blut gegeben hatte. Olga sah den wirklich schönen polnischen Offizier, der täglich zweimal sein Roß vor ihrer Villa vorbeilenkte, mit vollkommen gleichgültigen Augen, sie fütterte die aufgeschreckten Täubchen ruhig weiter, wenn er vorüber war, und dachte an den Nachmittag, wo Karl auf Wunsch ihrer Schwester vor ihr kniete und sie den Epheukranz um seine Stirn schlang.

So brachte sie beinahe zwei Jahre zu. Sie entwickelte sich hier zu jener üppigen des Aufspringens reifen Rosenknospe, die nur eines einzigen Sonnenstrahls aus lieben Augen bedurfte, um sich zu erschließen.

Der, welcher für ihren Gemahl galt, war endlich wiederhergestellt. Er sollte auf Rath seiner Aerzte als Nachcur die warmen Bäder des Nero gebrauchen. So kam Olga nach Bajä, und die meerentsprungene Aphrodite führte sie dort dem Manne ihrer Liebe in die Arme.

Der Gesandtschaftsattaché meldete dem Ritter Hamilton seine nahe Ankunft, und dieser hatte für denselben eine Wohnung unmittelbar neben der des Prinzen Augustus und des Grafen Münster miethen lassen. Die Gärten waren nur durch eine niedere Mauer getrennt.

Die schöne deutsche Gräfin wurde bei Hofe vorgestellt, wo ihre Erscheinung Epoche machte und den Neid der Lady Emma erweckte, die kurz zuvor es durchgesetzt hatte, der Königin vorgestellt zu werden. Selbst der jagdlustige König machte dem Attaché Grafen Schlottheim Complimente über die Schönheit seiner Gemahlin, und ein alter Herr, der wegen seiner Freimüthigkeit und seines Witzes so gefürchtete Graf von Bristol, Bischof von Derry, erklärte sich sofort zu ihrem Ritter. Lady Emma Hamilton war damals schon Directrice der großen und kleinen Vergnügungen am Hofe. Während der König in Begleitung des Ritters Hamilton auf Fischfang oder zur Wachteljagd nach Capri ausfuhr, ergötzten sich die Königin und ihre Damen mit Spiel und Tanz. Lady Emma wußte täglich neuen Wechsel in diese Vergnügungen zu bringen, durch ihre eigenen mimisch-plastischen Darstellungen wie durch die tollen Einfälle ihrer lebhaften Phantasie. Das Haus ihres gastfreien Gemahls machte dem Hofe selbst den Glanz seiner Festlichkeiten im Palast von Caserta streitig. Graf Schlottheim verliebte sich am ersten Tage in die Lady, und sie verstand ihn, beide waren Geistesgenossen, die sich bald fanden und verstanden, wie die unverstandenen Genossen Heinrich Heine's. Lady Emma war außerdem für den Augenblick frei. Sie war der Hofmacherei des Prinzen August längst überdrüßig, dieser jetzt auch wieder seiner Gemahlin zugewendet, die voll Eifersucht die Mutter verlassen hatte und nach Neapel geeilt war. Lady Emma's alter Bewunderer, der Graf-Bischof, wie man ihn nannte, hatte sich der neuen Sonne Olga zugewendet. Nun kam aber noch gar eine zweite norddeutsche Nebenbuhlerin hinzu und machte ihr Concurrenz auf Gebieten, die sie seit lange als unbeschränkte Herrin besaß. Und diese Nebenbuhlerin mußte sie schonen. Es war das die vielbenannte Gräfin von Lichtenau aus Berlin. Lord Hamilton, den die unsinnige Verschwendung seiner Gemahlin schon zum Verkaufe seiner ersten Vasensammlung an das Britische Museum gezwungen, für 7000 Pfund freilich, hatte dem Könige von Preußen jetzt durch die Lichtenau seine zweite Vasensammlung zum Verkaufe anbieten lassen, und die Lichtenau befürwortete diesen Ankauf, natürlich nur im Interesse der berliner Porzellanmanufactur.

Wenn sich Olga den größern Hofcirkeln und Festlichkeiten nicht entziehen konnte, so wurde sie doch nicht zu den kleinern vertrautern Cirkeln, die von der Königin, Lady Emma und der Gräfin Lichtenau arrangirt wurden, eingeladen, theils weil sie zu jung und schön war, theils weil zu denselben, mitunter wenigstens, Graf Schlottheim zugezogen wurde. Sie wurde dadurch Herrin ihrer Zeit und benutzte diese, um mit Eleonore die Kunstschätze Neapels zu studiren, wobei sich natürlich Karl und sein Freund Hellung, der Maler, regelmäßig als Führer und Erklärer fanden. Man wagte bald kleinere, dann größere Ausflüge zu machen, erst auf das Meer hinaus, dann nach Pompeji, nach dem Pausilipp und selbst nach Bajä. Die Liebenden mußten ja den Myrtenhain und die Grotte, wo sie sich gefunden, noch einmal besuchen. Der Maler fand in Eleonore wenn nicht eine Kunstgenossin, doch jedenfalls eine eifrige Schülerin, und während das Liebespaar koste und tändelte, tauschten diese ihre Ansichten über Landschaftsschönheiten und Kunstwerke.

So verflog die Zeit; aus Monden wurden Jahre.

Der Maler wurde mit einigen jungen Nobili bekannt, die in geheimen Logenverbindungen den Grundsätzen der Französischen Revolution huldigten; man trug sich mit der Hoffnung, daß Frankreich bald ganz Italien befreien werde. Niemand theilte diese Hoffnung mehr als der Privatsecretär des Grafen Münster, denn es knüpfte sich daran ein freilich noch ganz nebelhafter Traum, daß sich bei diesem Act eine Gelegenheit finden müsse, ihn aus seiner abhängigen Stellung zu seinem Principal frei, ihn selbständig zu machen und das Scheinband, das Olga an Schlottheim knüpfte, zu zerreißen. Allein sobald sein Verstand sich mit der Frage seiner künftigen Existenz zu beschäftigen begann, schwanden die Nebelbilder. Denn wie sehr er auch denken und sinnen mochte, eine Beschäftigung, womit er die Existenz einer Familie in Italien oder Deutschland gründen und erhalten würde, konnte er nicht ersinnen.

Die Geliebte wollte von solchen Gedanken freilich nichts wissen, sie war so glücklich in der Gegenwart, daß sie an keine Aenderung oder Zukunft denken mochte, daß das: »Mit dir auch in der kleinsten Hütte«, der Anfang und das Ende jeder Unterhaltung wurde, die diesen Punkt berührte.

Da warf die Nachricht, daß Justus Erich Bollmann nach Amerika übergesiedelt sei, den ersten Lichtblick einer Zukunft mit der Geliebten als seinem Weibe ihm in die Seele, und seit der Zeit dachte und träumte er von Amerika, namentlich wenn Hoffeste oder kleine Ausflüge, welche die Gräfin in Gesellschaft ihres Ritters, des Graf-Bischof, machen mußte, dieselbe auf einige Tage von ihm fern hielten. Er wollte Kaufmann, wollte Farmer werden; Olga, der er die Sache mittheilte, war ganz entzückt bei dem Gedanken an die amerikanischen Urwälder und ein idyllisches Farmerleben, sie bot sogleich einen von der Großmutter mütterlicherseits ererbten Familienschmuck, der bei der jedesmaligen Hochzeit der ältesten Tochter dieser übergeben war, als Mittel zur Flucht und des Ankaufs. Allein es kam doch ein Aber nach, das Karl bedenklich wurde und ihm schwerwiegend erschien: »Aber meine Eleonore muß dabei sein und Johanna würde ich auch schwer vermissen.« Es schwebte unserm Freunde auf der Zunge zu fragen: »und Kuno?« Da trat also die Gräfin wieder hervor. In dieser Stimmung, zweifelnd, ob diese und Amerika zusammen passen würden, zweifelnd an sich selbst, schrieb er an Bollmann. Der Brief ist im Nachlasse desselben leider verloren gegangen, aber aus der Antwort im vorigen Kapitel können wir auf den Inhalt schließen. Obgleich die Briefe durch den Gesandtschaftskurier nach England befördert wurden, von wo der Verkehr mit Amerika ein sehr lebhafter war, so verging doch eine sehr geraume Zeit, ehe Karl auf Antwort rechnen konnte.

Das war eine Zeit der Unruhe und Ungewißheit für ihn, in welcher er nach Beschäftigung gleichsam haschte.

Es war aber zugleich eine Zeit, in der sich in Neapel große Dinge vorbereiteten. Der französische Einfluß war seit dem Frieden von 1796 immer mächtiger geworden in Italien. Ueberall hatte sich die Zahl der Republikaner vermehrt, und in Neapel hatte der Druck und die Grausamkeiten, mit denen die Königin und Acton seit vier Jahren alle verfolgt, die nur den Schein einer Zuneigung zu neufränkischen Ideen auf sich luden, die Gemüther der gebildeten Stände durchweg erbittert.

Trotz aller Einkerkerungen entstanden täglich neue Geheimbünde und Logen, denen beinahe die gesammte gebildete Jugend angehörte. Die Siege Napoleon's in Oberitalien, die Belagerung Mantuas, der kühne Zug nach Bologna und Toscana wurden hier gefeiert und die Capitulation Wurmser's begrüßte man als den Anfang der Befreiung Süditaliens. Unsere Freunde wurden in diese Dinge beinahe wider Willen hineingezogen. Die Taverne Zum heiligen Januarius, in der sie mit Künstlern, Aerzten, Advocaten und jungen unbeschäftigten Nobili zu verkehren pflegten, war, ohne daß sie es ahnten, eine Art Loge. Als Protestanten hegten beide einen angeborenen Haß gegen das Regiment des Jesuitismus, wie es in Neapel in üppigster Blüte stand und durch den Beichtstuhl die Frauenwelt, durch diese wieder die Männer beherrschte; sie hatten sich häufig genug in solchem Sinne abgesprochen, sodaß sie sogar von den Italienern wegen ihrer Unvorsichtigkeit gewarnt waren. Nun bewegten sich mindestens die untern Grade der geheimen Bündnisse mehr in einem politischen Dilettantenthume, man erörterte die Grundprincipien politischer und religiöser Freiheit, schwärmte für Payne's Menschenrechte. Die Italiener bedurften vor allem der Form, und so hatte man, nach dem Vorbilde freimaurerischer Bündnisse, namentlich einen Bund der Pythagoräer gegründet mit so allgemeinen, nicht wohl greifbaren, auf allgemeines Menschenwohl, Selbstbildung, Erziehung zur Freiheit, Haß gegen die Tyrannei, Untergang des Jesuitismus gerichteten Bestrebungen, daß die philosophisch gebildeten Deutschen da nichts mehr lernen, sondern höchstens als Lehrer und Muster dienen konnten. In diesen Bund nun wurden die Freunde ohne ihr Zuthun aufgenommen. Man trug ihnen den Eintritt in einer Art und Weise an, die Ablehnung unmöglich machte. Die schon erwähnte Taverne lehnte an einem Felsen des Pausilipp; eines Abends, als die Deutschen im hintern Gemache, dessen Wand der Fels selbst bildete, zusammensaßen mit mehrern Bekannten, wurden die Lichter ausgelöscht – der Fels spaltete sich und zeigte einen hellerleuchteten Saal, in den man die Freunde einführte. Der größte Theil der Gäste trat mit ihnen ein, einige blieben in dem alten Zimmer, vor dem sich der Fels wieder zusammenschob, als Wächter. Nun wurde denselben eröffnet, daß man sie als würdig befunden, an dem großen Werke mitzuarbeiten, es wurde ihnen ein feierlicher Schwur abgenommen, die Formen und Symbole des Bundes wurden ihnen mitgetheilt, ebenso die Zeit der regelmäßigen Zusammenkünfte.

Das Spielen mit Formen und Symbolen verfehlte seinen Reiz nicht, und Karl wie Hellung wurden recht eifrige Pythagoräer, voll Sehnsucht, in den höhern Graden, auf die man hinwies, tiefer in die Geheimnisse eingeweiht zu werden.

Um diese Zeit, im Anfange des Jahres 1798, kam Lord Harrington und seine Gemahlin nach Neapel. Die Tochter Katy war ihrem Brustleiden erlegen, und Lady Karoline fand es langweilig, Methodistin zu sein. Das lustige Leben am Hofe zu Neapel machte so viel von sich reden, daß die alte Löwin sich sehnte, es kennen zu lernen, auch sprach eine gewisse Sehnsucht nach Olga, die sie sehr liebgewonnen, mit. Dem Lord war es einerlei, wo er sich aufhielt, wenn er nur einen Angelplatz fand. Er war nebst Gattin bald nach seiner Ankunft am Hofe vorgestellt und nun der Dritte im Bunde bei den Jagden und Fischereien des Königs.

Die Lady war zu alt für die wilden Vergnügungen der Königin, auch stieß sie das ganze Wesen der Lady Emma ab, es war ihr zu roh und nicht ladylike. So schloß sie sich wiederum ganz an die schöne Gräfin und war förmlich entzückt, als sie wahrnahm, daß diese die Lehren, die sie ihr in Nizza gegeben, praktisch befolgte. Daneben wollte sie aber Kunst und Altertümer studiren, und da hatte ihr durch günstigen Zufall Graf Münster seinen Secretär als Cicerone empfohlen und gegen diesen den Wunsch ausgesprochen, daß er der Lady seine Aufwartung mache und seine Dienste anbiete.. Karl, der gerade in einer sehr gedrückten Stimmung sich befand, stand im Begriff, die Gelegenheit zu benutzen, um seine Verhältnisse zu dem Grafen abzubrechen, war auf dem Punkte zu erklären, daß er sich nicht zum Cicerone für jede englische Lordschaft, die nach Neapel komme, verdungen habe, als ihm einfiel, den Namen Harrington aus dem Munde der Geliebten vernommen zu haben, und sich die Möglichkeit dachte, daß dies die Freundin aus Nizza sei, von der Olga so oft erzählte.

Als er nach einigen Tagen bei der Lady angenommen war, fand er Olga dort, die ihn als ihren Jugendfreund vorstellte.. Lady Caroline versicherte, das Patronat dieser Freundschaft mit Freuden zu übernehmen. Sie wollte ihre liebe kleine schwärmerische Freundin glücklich machen. Als ob das Olga nicht schon längst gewesen wäre?

Man fing nun von neuem die Kunststudien im Museo Borbonico an, zu denen selbstverständlich der Maler hinzugezogen wurde. Unter dem Schutze der Lady konnten Olga und Eleonore das Atelier desselben besuchen. Die Lady kaufte und bestellte Landschaften, und auch Olga wünschte ein Bild der Bucht von Bajä, und zu diesem Zwecke wurde von neuem eine gemeinsame Fahrt dahin verabredet und gemacht.

Monate verflogen wie im Traume, die Lady machte ihrer Patronessenschaft Ehre, sie wußte Olga und Karl in jeder Woche ein paarmal ein ungestörtes Rendezvous zu verschaffen, und bei Ausflügen in die Umgegend war sie es, welche die Aufmerksamkeit Hellung's und Eleonorens von dem Liebespaare ablenkte.

In diesen Himmel voll Wonne schlug nun der Brief Bollmann's mit seinen prosaischen ernüchternden Betrachtungen und Bezeichnungen wie ein kalter Blitz ein. Das Ehrgefühl Karls, das durch Klima und seine Umgebung in Schlummer gelullt war, wurde wach gerufen, der volle Ernst der Situation trat vor seine Seele, alle Romantik, alle Phantasiegebilde schwanden. Er beschloß in einer schlaflosen Nacht, nicht länger blos Geliebter der Gräfin von Wildhausen sein zu wollen. Liebe Olga ihn, wie er sie liebe, so müsse sie ihm als Gattin nach Amerika folgen, sie müsse die Gräfin in Europa zurücklassen und nicht anstehen, die Frau eines Journalisten zu werden. Der Freund, dem er seine Gedanken mittheilte, billigte diesen Entschluß.

»Was soll dabei herauskommen, wenn das so fortgeht?« sagte er. »Hier meine Hand, dein Freund Bollmann ist ein Prachtmensch, den ich kennen lernen muß. Ich kann meine Studien am Potomac ebenso gut fortsetzen als hier, ich begleite euch, und wenn es mir dort gefällt, so hole ich mir meine Caroline aus dem Paradiese nach.«

Man hatte einen Ausflug nach Capri verabredet. Lord Harrington hatte dort einen Adler oder Lämmergeier geschossen, der im Begriff war, ein Ziegenböcklein, die einzige Habe eines armen Weinbauers, von dem Felsen, worauf die Hütte desselben als ein Nest klebte, in die Lüfte zu führen, während die halbnackten Kinder desselben der Entführung des Spielgenossen voll von Thränen und Geschrei zusahen. Die Lady wußte den Lord zu bewegen, die Situation durch ein Gemälde für seine Galerie in Harringtonhall verewigen zu lassen, und Hellung hatte schon eine Skizze nach Anweisung des Lords entworfen. Um die Farbenskizze zu machen, sollten Lady, Olga, Eleonore und Karl den Maler begleiten. Auf dieser Fahrt wollte Karl seine Zukunft von Olga entschieden wissen.

Da in Capri ein Nachtquartier nicht zu haben war, brach man mit Aufgang der Sonne auf und erreichte die Felseninsel so zeitig, daß man, nachdem eine kleine niedere Bucht das Schiff in ihrem Hafen aufgenommen, die steilen Felsen mühsam hinaufkletterte, ehe die Augustsonne ihre Strahlen zu glühend herabsendete.

Der Maler begann sofort seine Arbeit, und auch Eleonore entwarf nach eigenem Plane eine Bleistiftskizze von der wie ein Nest auf dem Felsen klebenden Hütte. Die Lady unterhielt sich mit der Winzerin und entschädigte die Kinder derselben, zwei schwarzäugige Buben mit langem schwarzen Haare, reichlich für das Böcklein, welches bei dem Fall aus den Lüften das Leben eingebüßt hatte und längst verzehrt war. Die Liebenden saßen im Schatten einer Weinlaube neben dem Ziegenstalle auf niedrigen Holzbänken. Karl trug Olga kurz den Inhalt des Bollmann'schen Briefes vor und fragte, ob sie ihm als Weib nach Amerika folgen und an der Seite eines Journalisten ein einfaches bürgerliches Leben führen wollte.

»Wenn ich nicht wollte, wie ich will, so müßte ich. Dein Freund hat ahnungsvoll den Punkt genannt, der mich zwingen würde«, und sie senkte ihren Kopf tiefer herab und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr.

Karl hob sie in die Höhe, drückte sie in seine Arme und rief laut: »Mein Weib! mein Weib, nun soll uns nichts mehr trennen!«

Die Lady kam herbeigestürzt. Um der Geliebten jeden Rücktritt abzuschneiden, theilte Karl sofort der Lady mit, um was es sich handle.

Diese aber erwiderte: »Daraus wird nichts, meine Kinder. Ich habe selbst schon über euere Zukunft nachgedacht. Wozu hätte ich, wozu hätte der Lord so viel Geld. Ich adoptire dich, liebe Olga, denn Katy, die süße, ist todt, der Lord muß Karl adoptiren. Wir reisen zurück, an der Grenze Schottlands wohnt ein Schmied, der schon glückliche Paare zu Tausenden getraut hat. Dann lebt ihr mit uns in Harringtonhall, oder in London, oder in Paris.«

»Von der Gnade fremder Leute zu leben, ziemt keinem Mann, der etwas von sich hält, und dann müßte auch Mylord wollen«, erwiderte Karl.

»Sprechen wir nicht weiter davon«, sagte die Lady, »als bis ihr in Gretna-Green getraut seid und Harringtonhall gesehen habt; ob Ihr dann noch eine geborene Gräfin von Alvensleben zu einem gemein bürgerlichen Leben in Amerika herabwürdigen wollt, und meine Katy, so werde ich mein Adoptivkind nennen, ihre Mutter verlassen will, um einem tyrannischen Manne zu folgen, das wollen wir abwarten. Das Leben, mein junger Freund, glauben Sie mir das, ist mächtiger als Ihre moralischen Grundsätze von Ehre und Manneswürde.«

Während dies auf dem höchsten Punkte des Felsens, woran die Winzerhütte klebte, verhandelt wurde, war der Maler mit Eleonore auf der andern Seite herabgestiegen, um in einiger Entfernung einen Standpunkt zu gewinnen, der Perspective erlaubte und zugleich Aussicht auf das Meer böte. Er faßte den Felsblock mit seinem Winzerneste gleichsam aus dem Profil, während Eleonore die Frontansicht, wonach der Ort nur der höchstbelegene Theil eines armen Dorfes war, das seine Hütten wie Nester auf jedem kleinen ebenen Terrain angebaut hatte, mit dem Silberstifte zu fixiren suchte. Beide saßen unfern voneinander im Schatten zweier Oelbäume. Ersterer hatte in seinem Malerapparat den Brief und die Tagebuchsblätter Bollmann's mitgebracht, er zog sie jetzt hervor und übergab sie Eleonoren: »Lesen Sie zu Hause, wie ein unbefangener Mensch das Verhältniß meines Freundes zu Ihrer Gräfin beurtheilt. So kann das nicht bleiben. Kann die Gräfin Stand, Geburt, Rang vergessen, will sie in kleinen bürgerlichen Verhältnissen als Gattin an Karl's Seite leben, so ist Amerika der einzige Ort, wo dies geschehen kann. Wollen Sie der Gräfin mehr als Freundin denn als Dienerin dahin folgen, so wird Karl Sie gern in seinem Hause aufnehmen. Es ist das ein großes Opfer, das Karl von der Gräfin verlangt, aber er muß es verlangen, seiner Ehre wegen. Wenn die Gräfin meinen Freund wirklich liebt, so wird ihr das Opfer leicht werden, sie wird durch Karl's Liebe für allen Tand, den sie ins Meer versenken muß, reichlich entschädigt werden.«

»Glauben Sie denn, daß ich dies Verhältniß billige?« entgegnete Eleonore. »Zwar weiß ich, daß meine Schutzbefohlene dem Grafen Schlottheim nicht angetraut ist, daß schändlicher Misbrauch getrieben wurde mit Gottes Wort und durch einen Priester, um sie als Schlottheim's Gattin erscheinen zu lassen. Ich selbst habe sie gehindert, die lästige Bürde mit dem Leben los zu werden, ich weiß besser als irgendjemand, wie rein Olga's Seele war, als sie dieses Land betrat. Aber die Lady ist ihr böser Engel, sie hat die Phantasie meiner Herrin aufgeregt und vergiftet, sie, die heuchlerische Methodistin, ohne Glauben an Gott und an Tugend, hat die Lehren, die ich selbst der Gräfin seit früher Kindheit eingeprägt, zunichte gemacht. Ich selbst bin vielleicht von Anfang an weniger streng und aufmerksam gewesen, als ich es hätte sein sollen. Aber konnte ich anders?

»Ich betrachte den Vorschlag, nach Amerika zu fliehen, als ein Gnadengeschenk Gottes. Aus diesem Sodom und Gomorrha je bälder je lieber zu entkommen, ist schon lange mein sehnlichster Wunsch gewesen. Doch habe ich meiner Gräfin geschworen, sie nie zu verlassen, ich werde ihr nach Amerika, ja durch die ganze Welt folgen, und werde alles aufbieten, sie zu bewegen, daß sie den Weg einschlage, den die Vorsehung selbst zeigt, um aus diesem Labyrinth herauszukommen.«

Ehe noch der Maler und Eleonore ihre Skizzen vollendet hatten, kam die Lady mit den übrigen zu ihnen herabgestiegen und trieb, das zweite Frühstück einzunehmen, das die Dienerschaft inzwischen in dem das königliche Jagdschloß umgebenden, jedem Besucher geöffneten Garten in einer kühlen Grotte bereitet hatte.

Man speiste frische Austern, von kurz vorher gefangenen Fischen Cefalo und Lepole, Oelgebackenes aus der Taverne nebst Capriwein. Das compacte Eis, wie es in Neapel in jeder Straße zu kaufen war, fehlte freilich, nicht aber Eiswasser und natürliches Eis selbst, dem feurigen Felsweine die richtige Kühlung zu geben.

Lady Harrington sprach mehr, als sie sonst zu thun pflegte, von den Schönheiten Englands, von Harringtonhall, seinem Parke, seinen Fischteichen, seiner Bildergalerie und Bibliothek, sie allein trug die Kosten der Unterhaltung.

Wie der König und seine Jagdgenossen hier öffentlich vor den Bauern zu speisen pflegten, und ein großer Theil der Einwohner sich um die Tafel sammelte, um die reichlich abfallenden Brosamen, die Reste von Geflügel und Wild, Wein und Eis zu erschnappen – der König liebte es, dann und wann eine gebratene Wachtel unter die Menge zu schleudern und diese sich darum balgen zu lassen – so hatten sich auch um die Grotte, in der unsere Gesellschaft speiste, einige Dutzend zerlumpte, halb oder ganz nackte Kinder, ebenso viel junge Mädchen, Frauen und alte Weiber, wie ein halbes Dutzend männlicher Tagediebe und Jungen versammelt. Die Lady ließ den Kindern und ältern Frauen reichlich von den Ueberbleibseln der Tafel auftragen, sendete ihnen Eiswasser und Wein, Fisch und Oelgebackenes. Die Vertheilung ging nicht ab ohne Streit und Gezänk, und mancher Bube riß der Mutter das Lepole, mancher Mann der Frau das Gefäß mit Wein aus der Hand. Es war auch nothwendig, daß diese Umgebung die Aufmerksamkeit der Gesellschaft in der Grotte von sich selbst ablenkte, denn sonst würde man gefunden haben, daß eigentlich nur die Lady sprach, alle übrigen in eigene Gedanken versunken schienen.

Plötzlich sah man unter der Menge, welche die Grotte umstand, eine sich mit jedem Augenblicke steigernde Aufregung. Einige Knaben waren hinzugekommen, die im unverständlichsten Jargon und mit den lebhaftesten Geberden zu erzählen anfingen, und bald war die ganze Menge in wilder Bewegung, wie von einer Tarantel gestochen. Nachdem zuerst einige Knaben in vollem Laufe davongerannt, folgten die Männer, die Weiber, bis auf die Kinder. In der Grotte fing man an ängstlich zu werden, man glaubte, es sei in der Nähe Feuer. Aber mochten zehn oder zwanzig der elenden Hütten abbrennen, die Lady war so wohl gelaunt, daß sie heute die Abgebrannten reichlicher entschädigt hätte, als die armseligen Wohnungen mit ihrem Inhalte werth waren. Sie erzählte eben aus ihrer Jugend und wie viele ihrer Genossinnen aus der vornehmen Welt mit den Geliebten nach Schottland entflohen wären, um sich bei dem Schmied trauen zu lassen.

Da donnerten zwei Kanonenschüsse, und der Widerhall an den Felsen von Capri zeigte, daß dieselben in großer Nähe abgefeuert waren. Die Gesellschaft flog empor und eilte aus dem Parke auf die nächste Höhe, von der man das Meer überschauen konnte. Hier standen schon Hunderte von Menschen, schreiend, mit Händen, Armen, Füßen gesticulirend, Flüche ausstoßend und sich wie Unsinnige geberdend. Die jüngern Frauen waren vorangeeilt, Karl und der Maler hatten die Lady zwischen sich genommen und trugen sie den Felsen hinan, denn ihre Glieder waren wie erstarrt. Oben angekommen, sah man ein eigentümliches Schauspiel, ein kleines aber mit Kanonen wohlgespicktes Kriegsschiff, auf dessen Verdeck es von Turbanen und schwarzen Gestalten wimmelte, verfolgte ein neapolitanisches Handelsschiff. Letzteres steuerte offenbar dem Hafen von Sorrent zu und hatte alle Segel aufgehißt, dem Seeräuber zu entfliehen. Allein dieser war ihm auf den Fersen. Zwei oder drei neue Kanonenschüsse zerrissen die Segel des Neapolitaners und schmetterten den Hauptmast nieder. Bald hatte der Korsar das Schiff, das sich in sein Schicksal zu ergeben schien, erreicht, und unter den Felsen Capris, im Angesicht Neapels könnte man sagen, enterte der Korsar das Schiff und zog bald darauf mit seiner Beute südwestlich weiter.

Das war vor siebzig Jahren etwa, wo die größten christlichen Staaten dem Dei von Algier und den Beis von Tunis und Tripolis Tribut bezahlten, um vor Seeräubereien geschützt zu sein. Das scheint uns heute unglaublich, und doch war es so.

Noch vor zehn Jahren hätte sich der König von Neapel nicht nach Capri gewagt, um dort Wachteln zu schießen, ohne die Begleitung von zwei Galeren, welche die Insel umschifften, um zu hindern, daß ein kühner Seeräuber den König selbst einmal kapere. Seitdem waren mit Algier und Tunis Verträge geschlossen, und Neapel bezahlte ein sogenanntes jährliches Geschenk, um vor der Raubflotte beider Staaten gesichert zu sein.

Allein dem Bei von Tunis schien dieser Tribut, der nach gewissen monatlichen Raten bezahlt wurde zu gering geworden, er forderte die Zahlung nach den kürzern mohammedanischen Mondjahren und für die Vergangenheit beträchtliche Nachzahlungen. Als man sich in Neapel besinnen wollte, kündigte er den Vertrag; und die Seeräubereien begannen mit diesem kühnen Attentat vor Capri, wahrscheinlich, um auf den König selbst den gehörigen Eindruck zu machen.

Da die englische Flotte im Mittelmeere kreuzte, um die französische Expedition nach Aegypten zu schädigen, hatte man sich in Neapel vor Korsaren sicher gehalten. Diese That beurkundete indeß nicht allein die alte Unsicherheit des Meeres, sondern der Inseln und Küstenstriche selbst, von denen sich die Seeräuber Beute wie Sklaven zu holen pflegten.

Die Einwohner von Capri, obgleich man ihnen kaum etwas anderes nehmen konnte als ihr Leben oder sie selbst, waren doch sehr erschrocken, sie verwünschten den Geiz des Königs, der den geforderten Tribut nicht voll bezahlen wolle.

Auch der alte neapolitanische Schiffer und sein Sohn, welcher die Gesellschaft herübergefahren, zeigten Furcht und Besorgniß und trieben zur zeitigen Abfahrt. Dieser stand nichts im Wege. Die Heimfahrt war minder belebt als die Hinfahrt. Man hatte sich im Schiffe auf feine Teppiche und Kissen, deren die Lady immer in Menge bei sich führte, hingestreckt, allein es wollte lange kein anderes Gespräch in Gang kommen als von den Seeräubereien der Barbaresken. Der alte Schiffer am Ruder erzählte von furchtbaren Grausamkeiten, welche die Seeräuber in frühern Zeiten ausgeübt hatten, wie keine Stadt und kein Dorf an der Küste Calabriens vor Ueberfällen sicher gewesen sei.

Erst als man dem Golf von Neapel näher kam, als Tausende von Villen am Fuße des Vesuvs erglänzten im Abendsonnenscheine, und als der Rauch des Vesuvs in ihrem Rücken sich röther zu färben anfing, schien noch einmal der Geist des Frohsinns aufzutauchen.

Ein Diener der Gräfin langte das Dessert, das man der Unterbrechung wegen noch nicht einmal aus den Eisbehältern des Schiffes ans Land gebracht hatte, hervor, Kuchen und Südfrüchte wurden vertheilt, und der Maler entkorkte den in Eis gelagerten Champagner, den man aus Trinkschalen von pompejanischen Formen schlürfte.

Der Schiffer und sein Sohn stimmten eine Barcarole an, und als man bei der Riviera de Chiaja anlegte, war die Seeräuberangst verschwunden. Der Wagen der Lady wartete hier. Allein man wollte nicht scheiden, ohne zuvor einen Becher jenes vortrefflichen Eises genossen zu haben, das man nur in Neapel bereitet, so compact, daß es knirscht und dampft, wenn man mit dem Löffel eindringt, oder einen Becher Spumes, jenes gefrorenen Champagnerschaums.

Man wünschte sich Gute Nacht, die Damen wollten Toilette machen und dann im Theater San-Carlo eine neue Sängerin hören. Die Herren versprachen, im Parterre zu sein. Als die Freunde durch das Getümmel des Molo ihrer Wohnung zueilten, wurden sie von einem Unbekannten durch das Geheimzeichen der Pythagoräer angehalten und ihnen der Befehl der geheimen Obern mitgetheilt, abends zehn Uhr am geheimen Versammlungsorte zu erscheinen; beide hätten den Abend viel lieber im Theater zugebracht als in den Kellerräumen der Pythagoräer, allein die Gesetze der letztern waren äußerst streng.

Olga und Eleonore strengten aus ihren Logen vergeblich Augen und Gläser an, um den Geliebten unter der Menge im Parterre zu finden. Sie hatte eine sehr unruhige schlaflose Nacht. Ihr Verstand sagte ihr, daß ihr Glück nur als bürgerliche Gattin Karl's in Amerika blühe, ihre Phantasie malte ihr aber Bilder von Harringtonhall und Karl als Herrn desselben, Karl als Redner und Glanz des Unterhauses aus, und wenn sie in Schlummer sank, dann spannen sich diese Phantasien in langen Träumen weiter.

Am andern Morgen verbreitete sich durch ganz Neapel die Nachricht, man habe in der Taverne Zum heiligen Januarius in der Nacht funfzig Verschwörer, Pythagoräer, darunter zwei Hauptbösewichte, zwei Deutsche, gefangen und in die Kasematten des Castello dell' Uovo abgeführt.

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