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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Sechstes Kapitel.
Zum ewigen Frieden.

Wer das Pfarrhaus zu Grünfelde erbaut hatte, mußte ein Freund von Wind und Zug, oder, wie der sechzigjährige Pfarrer Weber sagte, ein großer Esel gewesen sein. Das Haus war auf einer Sanddüne, welche die Weser vor vielen tausend Jahren bei Bildung ihres jetzigen Bettes ausgeworfen haben mochte, gleich der sich ähnliche meilenlang am westlichen Weserufer hinzogen, nachdem bei der Porta die letzten Berge Abschied genommen, erbaut und dem West- wie Nord-, dem Ost- wie Südwinde ausgesetzt. Am südlichen Abhange des Hügels befand sich ein kleiner zur Pfarre gehöriger Eichsünder mit einhundertfunfzig bis zweihundert guten alten Stämmen. Hätte man von diesen einige dreißig geopfert und die Pfarre an das südliche Ende des Eichkamps gebaut, so wäre sie gegen West-, Nord- und Ostwind geschützt gewesen und hätte der Kirche bedeutend näher gestanden.

Der Pfarrer Weber hatte über dreißig Jahre in dem Hause gewohnt, aber er wie seine Frau fühlten auch den Rheumatismus in allen Gliedern. Der Pfarrer, sonst rüstig an Geist und Körper, hätte wahrlich keines Pfarrcollaborators bedurft, wäre das Haus nicht unter Leitung eines kurfürstlich hannoverischen Baucommissars und mit Genehmigung des hohen Consistoriums vom grünen Tische her dort oben erbaut worden. Die Gemeinde hatte vergeblich protestirt. So aber hatte Weber schon vor zwei Jahren um einen jüngern Gehülfen nachsuchen müssen, und seit einem Jahre etwa war Heinrich Schulz als solcher ihm zugeordnet. Der Pfarrer wohnte mit seiner Frau zur Erde, weil da die Küche lag und die Zimmer nach Süden belegen waren, also mindestens Sonne hatten. Der Pfarrcollaborator war oben einquartiert, sein Arbeitszimmer lag nach Westen, sein Empfangszimmer nach Norden.

Es war nachmittags des 10. Novembers 1795, aber so finster, daß Heinrich seine einfache zinnerne Oellampe hatte anzünden müssen, um sehen zu können – der Regen schlug in dicken Tropfen an die Fenster seines Studirzimmers, und der Wind wehte durch die schlecht anschließenden Fenster und Thüren. Zwar war der große Kachelofen mit Torf wohl geheizt, aber Heinrich mußte eine wollene Decke um den Körper schlagen, um den Zug im Zimmer weniger zu fühlen.

Er saß da und arbeitete an einer Predigt zum nächsten Sonntage, und um diese Predigt anzufertigen, hatte er am Morgen ein kleines Buch studirt, das noch offen auf seinem Schreibtische lag und das erst vor kurzer Zeit erschienen war. Der Titel lautete: »Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf von Immanuel Kant.«

Kant verwahrt sich in der Vorrede gegen böswillige Auslegung; er sagt, um im Sinne unserer Tage zu reden: »Die Realpolitiker sehen mit großer Selbstgefälligkeit auf den Theoretiker als Schulweisen herab, sie glauben, daß seine fachleeren Ideen dem Staat, welcher von Erfahrungsgrundsätzen ausgehen müsse, keine Gefahr bringen können; nun so lasse man mich auch einmal meine elf Kegel auf einmal werfen, ohne daß die weltkundigen Staatsmänner darin Gefahr für den Staat wittern.«

Es hat nach ihm Fichte in noch methodischerer Weise die neun Kegel auf einmal umgeworfen, und in einer Zeit, wo man längst durch Napoleon gelernt hatte, daß die Ideologen doch so ungefährlich nicht waren, haben Arnold Ruge und andere versucht, den König aus der Mitte zu treffen. Die Realpolitiker haben aber immer den Sieg davongetragen und in dem Augenblicke, wo wir dies schreiben, am Tage, wo das Telegramm die Nachricht bringt, daß heute in Nikolsburg die Friedenspräliminarien zwischen Oesterreich und Preußen unterzeichnet sind, beweist der größte Realpolitiker unserer Zeit, der Mann, der Deutschland durch Blut und Eisen zur Einheit führen will, daß das alles leere Hirngespinste eines Philosophen waren. Es steht freilich dahin, auf wie lange Zeit seine Beweisstützen halten werden, und wie Südwestdeutschland diese Einheit ansieht.

Und doch müssen wir uns die Präliminarartikel zum ewigen Frieden einmal ansehen, um zu begreifen, wie der angehende Pastor einen ganzen Tag über denselben grübeln konnte. Wir geben die Artikel ohne die Kant'schen Randglossen dazu, die eigentlich das sind, was die Sauce zum Braten, indem wir hoffen, diejenigen unserer Leser, die sich für die Sache interessiren und die mit uns nicht ohne die Hoffnung sind, der Friedenscongreß werde schließlich durchdringen, auch einsehen werden, daß dann die Kant'schen Präliminarartikel ihre Berücksichtigung gefunden haben müssen. Diese aber lauten:

»I. Es soll kein Friedensschluß für einen solchen gelten, der mit dem geheimen Vorbehalte des Stoffs zu einem künftigen Kriege gemacht worden.

II. Es soll kein für sich bestehender Staat (klein oder groß, das gilt hier gleichviel) von einem andern Staate durch Erbung, Tausch, Kauf oder Schenkung erworben werden können.

III. Stehende Heere sollen mit der Zeit ganz aufhören.

IV. Es sollen keine Staatsschulden in Beziehung auf äußere Staatshändel gemacht werden.

V. Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines andern Staats gewaltthätig einmischen.

VI. Es soll kein Staat im Kriege mit einem andern solche Feindseligkeiten sich erlauben, welche das wechselseitige Zutrauen im künftigen Frieden unmöglich machen müssen: als da sind, Anstellung der Meuchelmörder (percussores), Giftmischer (venefici), Brechung der Capitulationen, Anstiftung des Verraths (perduellio) in dem bekriegten Staate.«

Diese Präliminarartikel waren leicht verständlich, sie konnten auch dem Volke verständlich gemacht werden, denn dieses war des Kriegs über und über müde und freute sich, daß Preußen den Frieden von Basel im Frühjahre geschlossen hatte, und daß es hinter der Demarkationslinie ruhig sitzen konnte. Freilich unverständlich erschien es, daß Georg III. sich um so inniger an Oesterreich anschloß und mit diesem den Krieg gegen Frankreich fortsetzte, welches seit einem Monate, wo der siebenundzwanzigjährige Napoleon den Aufruhr der Sectionen von Paris niedergeschmettert und diese entwaffnet hatte, einer neuen Phase entgegenging.

Schwieriger schien es ihm, die Definitivartikel zur Sprache zu bringen; denn obgleich ihm selbst durch Kant's Erörterung der erste dieser Artikel: »Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate soll republikanisch sein«, klar war und vernünftig schien, so viel sah er ein, daß er denselben nicht auf die Kanzel bringen dürfe.

Heinrich wollte am nächsten Sonntage in besonderer persönlicher Veranlassung vom ewigen Frieden sprechen, das heißt von dem im Grabe; er liebte es aber, neben den christlich-theologischen Gedanken auch philosophische, wenn der gewöhnliche Verstand sie fassen konnte, namentlich humane, zu entwickeln. Der Gedanke eines ewigen Friedens, einer Fortentwickelung der Menschheit ohne Gewalt, ohne in ein System, Krieg genannt, gebrachten Mord und Todtschlag und hinterher Raub, hatte ihn so ergriffen, daß er beide Gedanken miteinander verweben wollte. Dazu hatte er das Kant'sche »Essay« von neuem heute studirt. Aber schon vom Morgen saß er auf seiner Stube, machte Dispositionen zur Predigt und verwarf sie wieder, schrieb einzelne gute Gedanken nieder, konnte aber doch keine Klarheit über den Gang gewinnen, den er zu nehmen hatte.

Es traten auch zu viele störende Rückerinnerungen dazwischen; es war am 10. November 1791 gewesen, als Anna Dummeier sich mit Claasing verlobt hatte; in derselben Nacht im nächsten Jahre war sie so urplötzlich zum ewigen Frieden eingegangen. Darauf im folgenden Jahre, wenn nicht auf denselben Tag, doch wenige Tage später, hatte sich der Obergestütmeister Claasing mit der Mutter seiner Schülerinnen verlobt und diese eitle Frau im Anfange des vorigen Jahres geheirathet.

Die Trennung von seinen Zöglingen war Heinrich schwer geworden. Therese hatte sich zur blühendsten Jungfrau entwickelt, sie hatte ihre Zuneigung Heinrich bewahrt, obgleich sie zurückhaltender geworden war. Sie hatte eben dadurch aber das liebedürftige Herz desselben erst recht in Flammen gesetzt, die zu dämpfen der ganze Apparat der Religion und Moral, den er pflichtschuldig in sich trug, nicht mächtig genug war. Wäre sie die zweite Tochter und nicht die Anerbin gewesen, er würde eine Erklärung nicht zurückgehalten haben. Aber um die Anerbin zweier Höfe zu werben, das war von seiten eines armen Candidaten zu viel, das hätte geheißen gegen Anstand und Sitte verstoßen, das würde ihm einen Korb von der Mutter, seine Entlassung als Hauslehrer, Schimpf und Schande in Grünfelde und Heustedt eingetragen haben.

Seine ältere Schülerin, obgleich sie noch nie einen Roman gelesen hatte und nie weiter in die Welt gekommen war als nach Heustedt, hatte längst bemerkt, daß ihre Liebe Gegenliebe gefunden habe. Wie hätte es auch anders sein können? Ihr war eine naive Koketterie angeboren und sie begann den armen Candidaten zu necken. Hatte er seine Aeltern in Heustedt besucht, so sollte er Rechenschaft ablegen, ob er die Tochter des Rectors nicht getroffen habe bei seiner Schwester, der Cantorin Cruella. Hatte er auf Ersuchen des Superintendenten für diesen gepredigt und dort zu Mittag gegessen, so war Superintendentens Malchen eine Woche hindurch das Stichblatt ihrer Ergüsse, deren allgemeine Melodie immer darauf hinauslief, so ein dummes Bauermädel wie sie und ihre Schwester, das sei für einen Candidaten der Gottesgelahrtheit zu schlecht, der müsse sich eine Stadtdame als Pfarrerin für Grünfelde aussuchen.

Es war vielfach im Dorfe die Rede davon gewesen, daß der Pfarrer Weber emeritirt zu werden wünsche, und daß die Bauerschaft dann Heinrich als Pastor, mindestens als Collaborator haben wolle.

Die Verlobung ihrer Mutter hatte die beiden Schwestern zwar sehr ernst gestimmt, es war ihnen die Mutter, an der sie mit größter kindlicher Liebe hingen, dadurch um so mehr entfremdet, als eine unwillkürliche Abneigung gegen Claasing sich der Schwestern bemächtigt hatte vom ersten Augenblicke, da sie denselben gesehen. Die Entschuldigung der Mutter: sie habe den Schritt nur gethan, um das Glück ihrer Töchter zu fördern, sie in die vornehme Welt zu bringen und ihnen Aussicht auf glänzendere Partien zu eröffnen, als die gewesen, wozu sie selbst vom eigenen Vater gezwungen, stimmte gar nicht mit den Neigungen der Töchter überein. Therese wollte gar keine glänzende Partie machen, sie hätte alle ihre Reichthümer gern dem armen Heinrich zu Füßen gelegt, und hatte ihrer Vertrauten, der Schwester, schon längst den Gedanken offenbart, sie werde zu Gunsten derselben auf ihr Anerbenrecht verzichten, sobald sie volljährig geworden sei, denn sie wisse, nur dieses unglückliche Anerbenthum stehe zwischen ihr und Heinrich.

Dieser mußte jetzt trösten, alle Neckereien hatten aufgehört; was die Zukunft brachte, war ungewiß geworden. Bekam die Mutter noch Kinder, etwa einen Sohn, so war es nach damaliger Rechtsansicht mit dem Anerbenrechte von selbst vorbei. Wie sollte man überhaupt in einer Familie leben können, deren Haupt man nicht lieben konnte, gegen das man einen instinctmäßigen Abscheu fühlte!? Heinrich hatte vorgeschlagen, er wolle die Mutter zu bereden suchen, die Schwestern nach Verden oder nach Nienburg zu einem Prediger oder Lehrer zu senden. Davon wollte aber Therese nichts wissen, und Agnes hatte keinen andern Willen als den ihrer Schwester.

Indeß war das Consistorium den Bitten des Pastors Weber nachgekommen, es hatte ihm den Candidaten zum Gehülfen gegeben. Der Pastor wollte von der Gemeinde Abschied nehmen, am folgenden Tage sollte Heinrich den Siebenmeierhof verlassen und in das Pfarrhaus einziehen. Er begleitete die Schwestern zur Kirche, in welcher der Siebenmeierhof seine bevorzugte, reich mit Holzschneidereien versehene Prieche hatte. Auf dem Wege dahin sagte Therese:

»Lieber Herr Schulz, Sie wollen uns morgen verlassen, ich habe eine sehr große Bitte. Tauschen Sie mit mir das Gesangbuch, dann habe ich ein Andenken von Ihnen, Sie eins von mir und ich weiß dann, daß Sie wenigstens zweimal die Woche an Ihre arme verlassene Schülerin denken.«

Dieser willigte voll Freuden ein, die Bücher wurden getauscht. Als er aber in der Kirche das Gesangbuch aufschlug, fand er auf der ersten Seite die Worte: »Ich bleibe dir treu bis in den Tod. Therese Emeyer.« Das konnte eine religiöse Ergießung sein, vielleicht ein dem Herrn gewidmeter Confirmationsgedanke, oder vielmehr nicht einmal ein eigener Gedanke, sondern die Worte des Neuen Testaments selbst. Man pflegte wol bei der Confirmation, wo man das erste Gesangbuch erhielt, einen Bibelspruch oder einen Gesangbuchsvers, der eine besondere Bedeutung für die Stimmung der Confirmanden hatte, auf das Blatt vor dem Titel zu schreiben.

Der Candidat war, nachdem er die Zeilen gelesen, so gedankenlos und zerstreut, daß er kaum hörte, wie der Prediger seiner rühmend gedachte als seines Helfers und Nachfolgers, – hatte er doch blos den Einen Gedanken: »Hat Therese die Worte erst jetzt geschrieben oder schon vor Jahren?«

Das junge Mädchen war um so andächtiger, sie erröthete für Heinrich bei dessen Lobeserhebung von öffentlicher Kanzel, sie dachte sich an der Stelle sitzend, wo jetzt ihre Pathe, die Pfarrerin, saß, im Pastorenstuhle mit dem Engel über dem Gitterwerke, andächtig hinaufschauend zu dem eigenen Manne, der von oben das Wort Gottes verkündigte.

Als am andern Tage Heinrich's geringes Eigenthum, seine Bibliothek, ein Schreibtisch, ein Koffer und Schrank, Kleidungsstücke und Wäsche, endlich sein Reiseränzel in das Pfarrhaus geschafft war, und er von Mutter und Töchtern Abschied nahm, umarmte ihn die Wittwe, mütterlicherweise ihn küssend. Heinrich faßte den Muth, dieses Privilegium auch für sich in Beziehung auf die Töchter in Anspruch zu nehmen, aber der Kuß, den er auf Theresens Lippen drückte, sagte dieser: »Ich habe dich verstanden, wir sind Eins bis an den Tod.«

Kurze Zeit darauf hatte der Pfarrer selbst die Trauhandlung bei der Witwe des Siebenmeiers und dem Obergestütmeister vollzogen. Sie hatte gewünscht, von Weber, der sie confirmirt, der sie zum ersten mal getraut hatte, auch zum zweiten mal getraut zu werden. Für Heinrich war das eine große Erleichterung, er hätte die heilige Handlung mit schwerem Herzen vollzogen, er haßte den Bräutigam so viel, als es sich irgend mit seinem Christenthume zu vertragen schien, Claasing schien ihm das Princip des Bösen zu vertreten, und da durfte er ja hassen. Er ging der Trauung und Hochzeit, einer großartigen, wenn auch etwas bäuerisch aufgeputzten und überladenen in Essen und Getränk, aus dem Wege, indem er seinem alten Lehrer in Verden einen Besuch abstattete.

Als er zurückkam, fand er die Stätte seiner Sehnsucht leer – der Gestütmeister hatte Frau und Stieftöchter nach Eckernhausen mitgenommen. Sämmtliche Ländereien der beiden Höfe, mit Ausnahme der Wiesen, waren verpachtet. Auch das Haus- und Feldinventar war bis auf einige Lieblingskühe, die Frau Emeyer nicht missen mochte, auf einige gute Pferde und Füllen, die dem Kenner gefielen, verkauft. Nur auf dem Siebenmeierhofe selbst, zu dem sich ein Pachter nicht gefunden, war einiges Hausgeräth und einige Betten geblieben, damit die Familie jederzeit ein Unterkommen in Grünfelde hatte. In Eckernhausen hatte die Frau Obergestütmeisterin Claasing, ein Name, der doch besser klang als Frau Siebenmeier Emeyer, mit ihrem Gemahl die untern Räume bezogen, sie war und blieb Bäuerin und Wirthschafterin, und zwar eine gute. Sie mußte die Knechte und Mägde unter Aufsicht haben können, sie kochte selbst, kurz sie war des Alltags eine ganz vortreffliche Frau, die ihre Kinder, ihr Hauswesen, ihr Vieh liebte und dafür sorgte. Nur wenn sie im Sonntagsstaate war, oder wenn sie an Seite ihres Gemahls in der eleganten Kalesche, welche ihr der Mann zum Hochzeitsgeschenke gemacht hatte, nach Heustedt fuhr, saß der Hochmuthsteufel in ihr, dann dachte sie nur an sich und die neidischen Weiber in Heustedt, die ihre Kleidung, ihre Pferde und Wagen, ihren Reichthum und den stattlichen Mann selbst ihr beneideten, dann schwelgte sie in dem Gedanken, wie hoch sie sich über ihre »Freundschaft« erhoben, dann war sie ohne Liebe zu ihren Töchtern, ohne Liebe zu ihrem Hause, zu ihrem Vieh, ohne Liebe zu ihrem Manne.

Zu diesem hatte sie Liebe eigentlich nie gehegt. Sie hatte ihn nicht aus Liebe, sondern aus purer Eitelkeit geheirathet. Claasing hatte zufällig ihre Bekanntschaft gemacht, als er genöthigt war, der Misernte von 1792 wegen Heu für das Gestüt zu kaufen; sie hatte sich von ihm in der ersten Stunde durchschauen lassen, als sie vor ihm alle ihre Reichthümer auskramte, ihm ihre Weiden, ihre Felder, ihre Kühe und Pferde zeigte. Der Obergestütmeister war geldgierig, ihm fiel es sofort in den Sinn, diese Reichthümer zu erheirathen. Die Mädchen ließen sich ja beseitigen. Man verheirathe sie so früh wie möglich, gebe ihnen ein paar tausend Thaler Aussteuer und lasse sie auf das Anerbenrecht zu Gunsten des Stiefvaters verzichten, wenn ein Anerbe nicht geboren werde. Er schmeichelte der Witwe, schmeichelte plump, denn seine Schmeicheleien würde sie nicht verstanden haben; er sagte ihr, daß sie berufen sei, in der Gesellschaft eine Rolle zu spielen, auf den Bällen in Heustedt neben der Frau von Bardenfleth und der Landräthin von Vogelsang zu glänzen, er faßte sie an ihrer schwächsten Stelle. Sie wurde sein Weib, sie hatte sogar einwilligen müssen, ihr liebes Vaterhaus zu verlassen, das liebliche Grünfelde mit dem düstern Eckernhausen zu vertauschen, was ihr sehr schwer wurde.

Die Töchter wurden oben in die Zimmer einquartiert, die für Anne Marie geschaffen, von dieser nie und von Claasing's Frau nur kurze Zeit bewohnt waren. Vor der Hochzeit waren diese Räume, die selten betretenen, ausgeräumt bis auf die Möbeln.

Der Hausherr hatte das Bett, den Putzschrank seiner ersten Frau, die Lade mit allem Drell und Leinenschätzen von Anne Marie stammend und manches andere auf eine Vorratskammer über der Reuterkammer bringen lassen; die Gold- und Silbersachen, die Schmucksachen seiner Frau und deren Mutter nahm er zu sich. Um Bücher, Harfe, Kleidungsstücke hatte er sich nicht bekümmert, die Diensten hatten diese auf eine Polterkammer gebracht, wo sie wüst herumlagen.

Alle diese Sachen mußten der nicht minder reichen Ausstattung der Witwe und den schon gesammelten Aussteuern ihrer Töchter Platz machen. Jede der Töchter hatte schon seit der Confirmation ihre eigene Lade und ihren Schap, in denen die künftige Aussteuer angesammelt wurde. War das Leinen und Drell auch nicht sämmtlich selbst gesponnen, wie es sonst üblich war, so hatte es doch die Mutter gesponnen.

Der Pfarrcollaborator machte den schuldigen Hochzeitsbesuch in Eckernhausen, er wurde von der Frau Obergestütmeisterin freundlich, von ihrem Gemahl kühl aufgenommen. Hätte dieser eine Ahnung davon gehabt, daß Heinrich Therese auch ohne Abfindung heirathen würde, und daß Therese seinethalben gern auf ihr Anerbenrecht verzichtet haben würde, so wäre er freundlicher gewesen. Genug, Heinrich nahm sich vor, daß dieser erste Besuch auch der letzte sein solle, er glaubte auf die Länge der Zeit Theresens Anblick nicht aushalten zu können. Der Abschiedskuß brannte noch immer in seiner Seele.

Nicht so dachte das Mädchen. Sie wollte ihren Geliebten, das einzige Labsal ihres Herzens, recht oft sehen. Dazu bot die Art und Weise der Kanzelberedsamkeit des Pastors von Eckernhausen die beste Gelegenheit.

Er war orthodox, unduldsam gegen Andersgläubige, wortgläubig bis zum Unverstand, er konnte keine Predigt halten, ohne mit den gemeinsten Worten die Sünden seiner Gemeinde oder einzelner Gemeindemitglieder zu züchtigen. Mit dem Gestütmeister lebte er in gedoppelter Feindschaft, einmal weil dieser die Kirche und das heilige Abendmahl gar nicht besuchte, sodann aber, weil derselbe sich geweigert hatte, Schinken und Schultern, wie es in frühern Zeiten geschehen war, in natura zu liefern, nur bereit, das dafür gewohnheitsmäßig an die Stelle getretene Aequivalent von 20 Mariengroschen zu zahlen, und andere Vollmeier aufgewiegelt hatte, dasselbe zu thun. Die junge Frau und ihre Töchter waren gewohnt, sonntäglich zur Kirche zu gehen. Hier aber empfing sie der Prediger mit so anzüglichen Reden in Beziehung auf den abwesenden Mann, den er Sohn des Beelzebub nannte, und dessen Lebenswandel er schlimmer schilderte, als in Sodom und Gomorrha gelebt sei, spielte dann aus die pfauenhafte Putzsucht der gegenwärtigen Damen an, sodaß alle Kopfe in der Kirche sich nach dem Kirchstuhle richteten, den die neue Familie einnahm.

Dieser Umstand gab Theresen Gelegenheit zu erklären, sie werde nie und nimmer die Kirche in Eckernhausen besuchen, solange dieser Zelot dort Prediger sei – sie gehe mit Agnes lieber nach Grünfelde.

»Wenn ihr beim Teufel denn einmal in die Kirche laufen müßt, so lauft wohin ihr wollt, ich hoffe, Mutter wird bei mir bleiben«, sagte der Stiefvater bei Tisch, wo die Sache erörtert wurde.

So waren denn die Geschwister, wenn ein besonderes Hinderniß nicht dazwischenkam, jeden Sonntag nach Grünfelde zur Kirche gegangen, und Heinrich predigte mit größerer Wärme und Beredsamkeit, wenn ihm die Augen der Geliebten, die gläubigen, entgegenstrahlten. Die Schwestern sprachen nach der Kirche regelmäßig bei dem Pfarrer Weber ein und ließen sich von ihm dann und wann auch nöthigen, zu Tisch zu bleiben, wenn die Frau Pfarrerin versichert hatte, sie habe einen größern Braten gekauft in der Voraussicht, daß die jungen Damen ihre Gäste bleiben würden, auch sei das Lieblingsessen der Agnes, rothe Grütze, da.

Der Pfarrer holte bei solchen außerordentlichen Gelegenheiten dann für die Damen eine Flasche süßen Weins, Malaga, den man damals noch unverfälscht bekam, für sich und den Candidaten eine Flasche Kirchenweins, das heißt eines solchen alten Franzweins, den er für sich neben dem Abendmahlsweine bezog, der wie dieser dadurch steuerfrei wurde und in der Regel auch durch Fürsorge des Weinhändlers für die geistliche Kundschaft noch um einige Procente besser war als dieser.

Das war ein gemüthliches Mittagsmahl, die Pfarrerin, welche mit klugem Weibertakte die gegenseitige Zuneigung der jungen Leute herausgefühlt, verfehlte nie, den Collaborator zwischen die beiden Schwestern zu setzen und bei dem Dessert, wenn der Wein die Zungen offener gemacht hatte, zu fragen:

»Papa, wäre das nicht ein schönes Paar, das du gern zuletzt in deinem Leben trautest, hier unser Hausgenosse und Therese Emeyer?«

Die Verliebten errötheten dann, und Therese pflegte zu sagen:

»Wenn die Frau Pastorin noch einmal solche Reden mache, so äße sie hier nie wieder.«

Agnes wollte aber bemerkt haben, und warf abends beim Zubettgehen dies der Schwester vor, daß gerade bei solcher Rede der Pfarrcollaborator ihr unter dem Tische die Hand gedrückt habe, und daß sie dies anscheinend recht gern geduldet.

So verschwanden Sommer und Herbst. Die Mädchen hatten den vernachlässigten Blumengarten mit Hülfe eines Gärtners wieder in Stand gesetzt und weilten manche Stunde in der Jelängerjelieberlaube, der süßduftenden, oder gingen im Schatten der saftiggrünen Eichen des Sünders spazieren. Als aber der November kam, sie seltener und seltener nach Grünfelde zur Kirche gehen konnten, weil der Regen die Wege durch die Marsch unwegsam machte, die Mutter die Spinnräder auf die Zimmer der jungen Mädchen schaffte und ihnen aufgab, wie viel sie am Abend bei der trüb brennenden Lampe zu verspinnen hätten; – während sie selbst mit dem Gemahl nach Heustedt zu Gesellschaften und Bällen fuhr, da war in den jungen Herzen in Grünfelde und Eckernhausen Trübsal und Unlust. Die Mädchen konnten walzen und hopsen, auch langenglisch und eine Klappecossaise tanzen, und hatten das auf Schützenhöfen und Erntefesten mit Lust gethan. Die Mutter sagte aber, sie wären noch zu jung, sie sollten erst im Frühjahre, wenn der Tanzlehrer aus Bremen nach Heustedt komme, Tanzunterricht haben, damit sie Ehre mit ihnen einlege. Der wahre Grund war aber wol der, die Eitle wollte so erwachsene Töchter nicht produciren, sie tanzte lieber selbst noch, obgleich mit weniger Grazie und Geschick als ihre Töchter. Diese grämten sich sehr wenig, nachdem sie einen Schatz entdeckt hatten, an dem sie sich mehr labten als auf allen Bällen in Heustedt. Die Jüngere, die ziemlich neugierig war, pflegte, wenn die Aeltern zur Stadt waren, das Haus zu durchstöbern. So hatte sie die Polterkammer entdeckt, und die Mädchen hatten die Harfe wie die Bücher der Frühverstorbenen in ihr Zimmer getragen und letztere neben den eigenen Schulbüchern aufgestellt, die Harfe war in das Zimmer für die »Freundschaft« gebracht, die aber nicht kam, um Besuche abzustatten.

Das war ein Fund! Die beiden Mädchen hatten noch gar nichts erlebt, sie hatten auch noch wenig gelesen, denn ihr Lehrer hatte mehr auf die Ausbildung des Verstandes und Wissens als auf Ausbildung der Phantasie und schönen Künste seinen Unterricht gelenkt. Das sei etwas für das Selbstudium.

Außer Sprachübungen war Geographie und Geschichte – Literaturgeschichte gab es damals noch nicht zum Glück für die Jugend – der hauptsächlichste Gegenstand seines Unterrichts gewesen. Auch die unzähligen Auswahlen, Sammlungen aus den besten unserer Dichter, diese Perlen und Blüten, und wie sie sonst heißen, womit die kleinen Mädchen in den höhern Töchterschulen von früh an überschüttet werden, gab es nicht. Heinrich pflegte zweimal wöchentlich Gedichte zum Niederschreiben zu dictiren. So hatten die Mädchen freilich sich selbst eine Perlenschnur der Lieblingsdichtungen ihres Lehrers aufgereiht, aber ein zusammenhängendes Dichterwerk kannten sie nicht. Die »Messiade«, die sie hier fanden, war ihnen freilich unverständlich, desto verständlicher die »Luise« von Voß. Bisher mußten die Erinnerungen an ihre Lehrstunden, das Gespräch über den frühern Lehrer oder Klagen über den Stiefvater Stoff zu ihrer Unterhaltung geben, so mußte jetzt am Tage wie am Abend eine der Schwestern vorlesen, während die andere strickte, nähte, spann. Man war nicht so verwöhnt wie heute, man konnte dasselbe Gedicht vielemal lesen und gewann erst durch dieses öftere Lesen das richtige Verständniß.

Die ältere liebte vor allem die Bücher, welche Heinrich in frühern Zeiten Anna geschenkt hatte, und wenn gar ein Gedicht angestrichen oder mit einer Randbemerkung versehen war, ein Zeichen, daß Heinrich es der Erstgeliebten hatte empfehlen wollen, so ruhte sie nicht, bis sie es auswendig wußte. Ein Buch mit verschlossenen Siegeln blieb den Schwestern freilich die »Unsichtbare Loge« von Jean Paul, obgleich einzelne Stellen die jungen Mädchenherzen entzückten.

So war der Winter vergangen, das Frühjahr herangetreten, mit Wind und Regen freilich. Aber es eröffnete die Aussicht zu häufigern Kirchgängen nach Grünfelde.

Wenn es zu dunkeln begann und ehe die Lampe angesteckt werden durfte – was nach einer gewissen Hausordnung geschah – pflegte Therese die Harfe aus dem Fremdenzimmer zu holen, um ihr Accorde zu entlocken. Nach unzähligen Versuchen war das geglückt und es ihr sogar gelungen, das einzige weltliche Lied, was die Schwestern singen konnten: »Guter Mond, du gehst so stille«, zu begleiten. Obwol der Stiefvater die Gemächer der Schwestern noch nie betreten hatte, wurden solche musikalische Versuche doch nie angestellt, als wenn sie wußten, daß derselbe ausgeritten oder ausgefahren war. Dieser »Vater«, so mußten sie auf Geheiß der Mutter sagen, war eigentlich das einzige, was das ruhig-harmonische Leben der jungen Mädchen störte, das Wort Vater war ihnen verhaßt, sie hatten nur mit Mühe sich daran gewöhnen müssen.

Um diese Zeit beriethen der Hausherr und seine Ehefrau eine Haupt- und Staatsaction. Sie waren nach heustedter Sitte nach und nach von sämmtlichen bürgerlichen Honoratioren zum Diner oder Souper, zum Kaffee oder Thee, zu einer Partie oder zum Balle eingeladen worden, man mußte sich revanchiren. Lud man nach Eckernhausen ein, so konnte man nur eine geringe Zahl Personen einladen. Es war deshalb beschlossen, bei Frau Krummeier ein Diner zu bestellen, zu dem alle, denen man das schuldig war, und selbst die, denen man es nicht schuldig war, Landraths und Bardenfleths, geladen wurden. Es sollte nichts gespart werden. Von der Einladung ausgeschlossen waren nur wenige Mitglieder des Herrenclubs und Casinos, der Supernumerar-Amtsschreiber Motz, mit dem Claasing seit jenem Spielabende nie mehr ein Wort gewechselt, Lübrecht und der Superintendent, welcher in die Streitigkeiten des Gestütmeisters mit dem eckernhäuser Pastor sich eingemischt hatte.

Man war sehr vergnügt gewesen bei der Tafel und hatte bis gegen Abend am Tische gesessen. Als Kaffee präsentirt wurde, fand es die Mehrzahl der Herren angemessener, eine Pfeife zu rauchen und sich deshalb in das Billardzimmer zurückzuziehen, um eine Boule zu spielen.

Das Billard war Eigenthum des Herrenclubs und die beiden Nichteingeladenen, Lübrecht und Motz, hatten sich seit einer guten Stunde schon Langeweile und Aerger vertrieben mit einer Fuchspartie. Nach den Clubgesetzen, und sämmtliche Anwesende waren zugleich Clubmitglieder, ging jedes Gesellschaftsspiel dem Einzelspiel voraus, und Claasing als Gastgeber kündigte daher den beiden Spielern an, die Gesellschaft wünsche Boule zu spielen.

»Das Billard steht zur Ihren Diensten bereit, sobald die Partie beendet ist«, sagte Motz und gab Lübrecht einen Wink mit den Augen – »deux à sept«, zählte er, und sagte: »Dieses Triplé wird dir nicht gelingen.«

Da sämmtliche Dienerschaft bei dem Diner beschäftigt war, so hatten die Billardspieler selbst markiren müssen.

»Warum Triplé?« sagte ein dritter zu Lübrecht gewendet, »der Ball läßt sich ja vortrefflich schneiden und ebenso gut doubliren?«

»Weil wir eine Triplépartie spielen«, fiel Motz in die Rede.

»Eine Triplépartie?« sagte Claasing in verwundertem Tone. »Wer spielt denn Triplépartien hier? – namentlich wenn man so schlecht spielt wie gewisse Leute, da müssen wir ja eine Stunde warten?«

»Vielleicht noch länger«, erwiderte der Amtsschreiber, »denn ich kann weder so glücklich Mariage spielen wie Sie, noch so gut Billard wie Sie.«

»Was wir spielen, kann Ihnen überall gleichgültig sein, wir spielen wenigstens nicht mit Frauenherzen«, mischte sich Lübrecht ein.

»Deshalb werden uns auch die Frauen nicht zur rechten Zeit sterben wie gewissen Leuten«, setzte Motz hinzu und versuchte ein Triplé zu machen.

Der Gestütmeister hatte bei Tisch reichlich getrunken. Das wurde ihm zu viel, er ging auf Motz zu und flüsterte ihm ins Ohr: »Sie sind ein Schuft.«

Dieser schlug ihn ins Gesicht.

Es würde zu einer Prügelei gekommen sein, wären die vernünftigen Gäste nicht dazwischengetreten; so kam es nur zu einer Pistolenforderung.

Am andern Tage schoß man sich im Kiefernholze hinter Kirnberg, und Claasing sank, von einem Schusse ins Schulterblatt getroffen, nieder. Er wurde auf einer Bahre nach Eckernhausen gebracht, wo es den Bemühungen zweier Aerzte schwer gelang, die Kugel herauszuziehen. Ein heftiges Wundfieber stellte sich ein. Frau Claasing war rathlos, sie rannte aus einem Zimmer ins andere und that immer das Entgegengesetzte von dem, was sie thun wollte, endlich wurde sie selbst ohnmächtig und mußte ins Bett gebracht werden.

Theresen fiel die Nachtwache bei dem Vater zu, Agnes wachte bei der Mutter. Jener litt große Schmerzen, er fluchte und tobte, endlich, längst nach Mitternacht, fielen ihm die Augen zu, er sank in einen Halbschlaf und fing an zu phantasiren. Therese verstand anfangs nichts von dem, was er sagte, dann hörte sie eifrig zu, es schien ihr Methode in diesen Phantasien zu sein, die sich wiederholten und von vorn anfingen, wenn Anna, die selige Frau, darin vorgekommen war.

Endlich holte sie Feder und Papier, um aufzuschreiben, was der Stiefvater sagte, es war ihr unverständlich, vielleicht konnte Heinrich ihr Auskunft geben.

»Liebe Eyben!« sagte der Phantasirende im Tone eines zärtlich Verliebten, »hast du die Asche in den Corridor gestreut? Du kannst deine Königin nicht verrathen? Sie würde dich jeden Augenblick verrathen, glaube mir, sie ist falsch und hintertückisch wie ihr ganzes Geschlecht. Sieh diesen rothen Streifen über meinen Backen, die Reitgerte der Königin schlug sie deinem Geliebten ins Gesicht. Willst du nicht? Nun, Anna Petersen wird nicht so dumm sein, sie hat mit ihren schwarzen Augen mir so oft zugeblinzelt; wäre ich dir nicht treu, Süßeste, ich würde durch sie längst erlangt haben, was ich wünsche. Also du willst, nimm diesen Kuß.

»Majestät, ist es genug, wenn die Eyben beschwört, daß sie Asche in den Corridor gestreut und am andern Tage Fußtritte darin gefunden, gleich dieser Zeichnung? und wenn die Petersen beschwört, daß sie Papierstreifen, welche sie abends zwischen die verschlossene Thür zum Corridor steckte, am Morgen zum Theil im Corridor, zum Theil im Schlafcabinet der Königin fand, daß sie auch im Bette der Königin Beweise fand?

»Ha, die Dukaten! wie sie glänzen! Aber die Würfel? Was der Hieb im Gesichte schmerzt! Aber das Beil, das den Nacken des Doctors dreimal traf, ehe es den Kopf vom Rumpfe trennte, mußte noch mehr schmerzen. Der arme Struensee! wie oft hat er mir Geld geborgt. Aber Julianens Dukaten, ich hatte sie nöthig.

»Küsse es nicht, Karoline Mathilde, küsse es nicht, das Bild deiner Kinder, es ist vergiftet! Die Königin-Mutter will dich todt wissen! Du thust es doch, nun werde eine Leiche!«

Der Kranke stöhnte, wie von Schmerz geplagt, laut auf, dann fuhr er wie im Zorne fort: »Weib! Deine letzte Stunde hat geschlagen, gestehe, hast du dich dem Grafen Schlottheim hingegeben? Du sagst: ›Ja, Othello‹, nun fahre zur Hölle.«

Therese hatte Gelegenheit genommen, diese Aufzeichnung an Heinrich zu senden, damit dieser vielleicht Licht schaffe, ob in den Worten ein Ereigniß verborgen liege, wie sie ahne, oder ob es bloße Fieberphantasien seien. Heinrich konnte das Räthsel nicht lösen, es waren zwanzig und mehr Jahre hingegangen seit der Enthauptung Struensee's und die Ereignisse der Französischen Revolution hatten die Sache in den Hintergrund gedrängt. Er erinnerte sich dunkel, daß der Graf von Hardenberg auf Haus Berlepsch etwas von Claasing und Struensee gesagt hatte, und beschloß, in Heustedt nähere Erkundigungen einzuziehen. Aber auch da kam er nicht zu der richtigen Quelle.

Claasing's kräftige Natur trug über das Wundfieber und die Wunde den Sieg davon. Er konnte nach einigen Wochen das Lager verlassen und wieder umhergehen, wenn ihm das Reiten auch noch nicht möglich war. Das Duell hatte großes Aufsehen gemacht, und der Supernumerar-Amtsschreiber war in eine entferntere Provinz versetzt, Lübrecht um Versetzung freiwillig eingekommen. Als Claasing zum ersten mal wieder nach Heustedt fuhr zum Herrenclub, fand er, daß seine L'Hombrepartie sich durch den neuen Amtsschreiber ergänzt hatte, auch kam es ihm vor, als sei eine merkliche Erkältung der Gesellschaft gegen ihn eingetreten. Und so war es in der That. Es hatten sich förmlich zwei Parteien gebildet, von denen die eine es mit Motz und Lübrecht hielt, von dem Bauernhochmuth der Frau Claasing und von seiner brutalen Geberdung sprach, die andere ihn vertheidigte und Motz verdammte. Der plötzliche Tod Anna's und daß man gar keine Todesursache kenne, hatte in den Kaffeecirkeln der Frauen jetzt, nach Jahren, abermals länger als acht Tage den Gegenstand der Klatscherei abgegeben, bis etwas Neues in den Gang kam.

Wenn der Obergestütmeister im Herrenclub keine Partie finden konnte, kam er mürrisch nach Hause, zankte mit der Frau, obgleich deren Zustand der Schonung bedurfte, war grob gegen die Töchter und zankte mit den Knechten.

Alle diese Dinge gingen in Rückerinnerung vor der Seele des Candidaten vorüber, als es ihm nicht gelingen wollte, die Disposition zu seiner Predigt zum ewigen Frieden zu finden. Er war aufgestanden und in der Stube auf- und abgeschritten. Es war ihm nicht hell genug, er holte zwei Reste eines dicken Kirchenwachslichts, die er vom Küster gekauft hatte, dem die Reste der Kirchenlichter als Accidenz zufielen, und zündete dieselben an, um weiter arbeiten zu können. Da wurde an die Thür gepocht, die Botenfrau aus Heustedt brachte einen Brief und ein Packet.

Der in seinen Arbeiten und Gedanken unangenehm Unterbrochene betrachtete zuerst den Brief von allen Seiten, das war die Handschrift seines Bruders, die er seit Jahr und Tag nicht gesehen hatte, das Postzeichen war von Bentheim. Er öffnete.

»Lieber Heinrich«, schrieb der Bruder, »wenn ihr mich für todt gehalten habt, so habt ihr nicht unrecht gethan. Zwar lebe ich im gewöhnlichen Sinne des Worts, aber ich fühle mich todt; ich fühle, daß ich schon wieder nicht auf dem rechten Flecke stehe, das Kriegshandwerk hat seinen Reiz für mich verloren. Ich möchte, die Kugel, die mir durch die linke Seite geschossen, wäre einige Zoll weiter nach rechts gekommen.

»Ja, wenn es immer Kampf gäbe, immer Aufregung wie bei unserm Ausfall aus Menin. Der wird einzig dastehen in der Weltgeschichte, und wie unser alter Rector uns mit Thränen in den Augen von der Verteidigung der Thermopylenpässe erzählte, so wird man in hannoverischen Schulen unsern Kindern von Menin erzählen.

»Wir, zweitausend etwa, entmuthigt seit lange durch so viele verlorene Schlachten, Hondschotten war fürchterlich, vorn eingeschlossen in jenem schlechtbefestigten, halb niedergeschossenen, halb brennenden Neste Menin, eingeschlossen von zwanzigtausend Republikanern unter Führung des klugen Generals Moreau und des kühnen Vandamme.

»Ein Drittel der Leute sagte, zwei Drittel dachten, wir müssen uns ergeben. O! wir Hannoveraner, die vierzig Hessen und sechzehn kaiserlich-österreichische Artilleristen, wir hätten auch gute Capitulationsbedingungen bekommen, aber wir hatten ein Bataillon Loyal-Emigrants bei uns, vierhundert Mann, beinahe sämmtlich emigrirte Offiziere, deshalb auch Loyal-Emigrés genannt. Die wollte man behalten, die wollte man zur Guillotine schleppen. Da sagte unser Alter: ›Ich capitulire nich‹, und zu meinem Kapitän sagte er: ›Scharnhorst, wir wollen uns durchschlagen, entwerfe Er die Disposition.‹

»Wir hatten vier Tage und vier Nächte keinen Schlaf gehabt, aber ich habe eine halbe Nacht bei meinem Kapitän gesessen, gezeichnet und geschrieben.

»Als er fertig war und ich die Disposition zum alten Hammerstein brachte, da wurden die Commandeure der Bataillone, der Artillerie und der sechzig Mann Cavalerie in ein Haus am Brügger Thore beschieden. Wir hatten, als Ordonnanz meines Kapitäns war ich mit im Zimmer, kein anderes Licht, als welches die ringsumher flammenden Häuser in das Zimmer warfen, und die Bomben fielen auf die Gebäude um uns und in das, worin wir waren, und crepirten vor unsern Feuern, im Garten. Der Alte war vollkommen gefaßt.

»Als er rief: ›Meine Herren‹, rafften sich einige Adjutanten, die auf der platten Erde lagen und trotz der einschlagenden Bomben geschlafen hatten, empor. ›Meine Herren, ich habe Sie nicht zu einem Kriegsrathe versammelt, ich will mich mit der Garnison durchschlagen, lieber im freien Felde sterben, als capituliren.

»›Das Bataillon Loyal-Emigrants geht aus dem Courtrayer Thor, läßt die Ueberschwemmung links und fällt von der Seite in die vom Feinde besetzte Vorstadt Brügge.

»›Zu gleicher Zeit öffnet eine Compagnie des Grenadierbataillons das Brügger Thor, gefolgt vom ersten Bataillon des vierzehnten Regiments, dann die Artillerie, dann die drei letzten Compagnien des ersten Grenadierbataillons, dann die übrigen vierzig Mann Cavalerie.

»›Zweihundert Mann von allen Bataillonen, außer den Loyal-Emigrants, bleiben unter Oberstlieutenant von Spangenberg im Orte und verteidigen ihn wo möglich bis morgen früh neun Uhr.‹

»Doch, wozu Dir, dem Theologen, solche Dispositionen? Genug, wir zogen nachts ein Uhr aus, also am 30. April v. J., sämmtlich hoch aufgeregt und glücklich, aus der Gefangenschaft in den Wällen befreit zu werden. Die Emigrants, welche nicht aus dem Thore, das gänzlich verbarrikadirt war, herauskonnten, mußten sich einen Weg über den Wall durch die Palissaden bahnen, sie griffen die Halbbrigade des Generals Vandamme an und stießen sie nieder, das Grenadierbataillon kam ihnen zu Hülfe. Aber Vandamme ermannte die Seinen und drängte die Emigrants ab, auch das erste Bataillon des vierzehnten Regiments konnte, von lebhaftem Feuer der Republikaner empfangen, nicht in Gemäßheit der Disposition vorgehen, es zog sich in Unordnung zurück. Eine Bastion mit drei Geschützen that ihre Schuldigkeit nicht, alles schien verloren. Der Commandeur der Artillerie war nicht an der Tête, auch unsere Leute kamen in Unordnung, da keiner der Offiziere die Disposition kannte, außer meinem Kapitän und mir.

»Da sprengte Scharnhorst an die Spitze, er stellte Ordnung her, er ließ mit Kartätschen auf den anrückenden Feind schießen, brachte die Geschütze, die noch in der Barriere waren, heran. Allein die Republikaner rückten stark vor zwischen Festung und Vorstadt und drängten uns in einen Winkel. Die Geschütze konnten nicht über den gestauten Geluwebach, da die Brücken theils abgebrochen, theils überschwemmt waren. Mein Geschütz saß auf so einer verdammten Brücke fest und sperrte allen den Weg. Da fiel mir ein, daß nahe bei dem Courtrayer Thore noch eine Brücke sich befinde, welche auf die Chaussee nach Courtray führe. Sie hatte abgebrochen werden sollen auf Befehl des Alten, deshalb war dahin nicht der Ausweg geleitet. Ich sprengte zur Stelle und fand den Befehl Hammerstein's zum Glück nicht vollzogen.

»Nun führte ich die bedrängten drei Geschütze, einige Cavalerie und einige funfzig Mann Infanterie auf die Chaussee. Dann habe ich mit einer Kanone, zu deren Commandanten ich mich aufgeworfen, unterstützt von zwanzig Mann Cavalerie und eben erst eingestellten Landwehrleuten aus Hoya, dreimal eine Schwadron feindlicher Husaren, die sich aus der Vorstadt Brügge auf uns werfen wollte, zurückgetrieben.

»Wenn ich einmal wieder nach Heustedt kommen sollte, so will ich Dir das ausführlicher erzählen und eine Zeichnung vorlegen, die ich hier in Mußestunden entworfen. Genug, die Garnison war gerettet, mit Verlust von sechs Offizieren, einhundertzweiundzwanzig Unteroffizieren und Gemeinen, außer Vermißten und Verwundeten. Wir kamen glücklich nach Brügge, wo wir uns aber beinahe mit Gewalt den Eingang erzwingen mußten. Man schnitt mir hier eine Kugel aus der linken Seite zwischen den Rippen heraus.

»Und diese Kugel ist alles, was ich von der ganzen Affaire gehabt habe und behalten werde. Was hilft in unserm Lande alle persönliche Tapferkeit, alle Klugheit, alles Genie, wenn man nicht adelich geboren ist? Meinen Kapitän haben sie zwar zum Major gemacht und glauben wunder was gethan zu haben, aber sein Verdienst, das haben sie ihm vor der Nase weggestohlen.. Ein lumpiger Emigré, der als Ingenieur bei den Engländern dient, Saint-Paul, der nichts gethan als das Verkehrteste: Menin von der Seite zu befestigen, wo es durch Ueberschwemmung fest war, den preisen sie jetzt in den Zeitungen ob der trefflichen Vertheidigungsanstalten, die, sofern sie gut, lediglich aus Scharnhorst's Kopfe entsprungen waren. Der französische Lump maßt sich sogar das Verdienst der Disposition des Ausfalles an, und Herzog von York, Feldzeugmeister Clayrfait, vielleicht der Kaiser selbst, sagen ihm ihren Dank. Das ist abscheulich! Ohne Scharnhorst und den Muth unsers Alten waren wir elendiglich abgefangen und die Loyal-Emigrants auf den Richtplatz geschleppt. Von mir will ich nicht reden, obgleich ich ein tüchtig Stück Arbeit mitgethan habe. Ich weiß, mein Kapitän hat mich dringend zum Offizier empfohlen, er hat mich öffentlich belobt, und wenn es von dem Alten abhinge, so hätte ich längst Epaulettes. Aber ich bleibe, was ich bin, Oberfeuerwerker Schulz II. Dieser plebejische Name! Wie kann ein Schulz, sogar ein Schulz II. ein Held sein? Wir haben bei unserer Batterie drei Schulze, und nun gar erst bei der Infanterie, da gibt es bei jeder Compagnie ein halbes Dutzend. Einen Lieutenant, einen Hauptmann, einen General Schulz wird es nie geben!

»Und hätte ich noch das Bewußtsein, für das Vaterland mich geschlagen zu haben. Uns Hannoveranern haben aber die Franzosen nichts gethan, ihnen auch nichts thun wollen, wir Hannoveraner führen keinen Krieg mit Frankreich, wir haben kein Reichscontingent gestellt, ich habe gekämpft und bin verwundet als ein elender englischer Söldner, den unser Kurfürst an England verkauft hat, ebenso wie die Hessen, die mit uns fechten, von ihrem Landgrafen verkauft waren.

»Mir hat die Republik nichts gethan, ich liebe die Republik, ich liebe Freiheit und Gleichheit.

»Solange ich Scharnhorst als Chef hatte, habe ich alles ertragen, das Hin- und Herschleppen im vorigen Jahre mit der Wunde in der Seite, unglaubliche Strapazen. Jetzt commandirt ein adelicher Junge, hätte ich beinahe gesagt, der kaum die ersten Begriffe von Mathematik hat, und der eine Kanone nicht zu richten weiß, und wir stehen hier, müßig auf der Demarcationslinie an der holländischen Grenze. Wie oft habe ich verwünscht, von meinem Handwerk fortgelaufen zu sein. Ich habe erst in Holland und Belgien gesehen, was ein Handwerker sein kann. Aber dazu gehört wieder Geld.

»Was ist es doch für eine Lumpenwelt, wenn man ohne Namen und ohne Geld geboren wird. Das bischen Verstand, das Gott einem solchen Proletarier mitgegeben, der es nicht weiter bringen kann, drückt nur noch mehr.

»Und nun ein Soldat im Frieden, eine bloße Maschine, ein Mensch ohne Willen, folgend dem Willen oder der Willkür eines Laffen und Dummkopfes!

»Hinderte mich nicht ein gewisses Ehrgefühl, ich wäre schon längst desertirt, ich wäre nach England gegangen und Maschinenbauer geworden; aber so gemein der Name Schulz ist, ich mag nicht wortbrüchig werden, ich will meine Capitulationszeit aushalten.

»Nun aber zu euch, ihr Lieben! Was macht die gute Mutter und der brave Vater? Haben sie sich um den verlorenen Sohn stark gegrämt? Sage ihnen, Unkraut und Schulzens vergehen nie. Was machen die Schwestern? Wo steckt Karl Haus? Hat Comteß Olga noch nicht geheirathet? Und die blonde Anna, wie ist's mit der? Du warst als Junge stark vernarrt in die Kleine, bist Du es noch?

»Grüße sie alle, schreibe hierher, wir werden wol eine Zeit lang an der holländischen Grenze liegen bleiben müssen, und da haben wir hier in Bentheim wenigstens den bessern Theil.

Dein Friedrich.«

Der Arme, sagte Heinrich zu sich, er ist unzufrieden mit sich, mit Gott und der ganzen Welt. Das macht der Ehrgeiz. Wer arm ist, muß demüthig sein, sagte meine Großmutter immer. Er verfiel in tiefes Sinnen.

Da raffte er sich empor und griff zu dem Packete, es zu öffnen. Was war das? Das Porträt Anna's im Hochzeitskleide auf Elfenbein en miniature gemalt. Dazu ein Brief Theresens:


Herzgeliebter.

Das bist Du mir und bleibst Du mir und ich Dir, wenn auch Dein Mund es mir noch nicht gesagt hat, Dein Auge hat es mir tausendmal verrathen. Seele meiner Seele! nichts trennt uns mehr. Auch das Andenken an die Todte, deren Bild ich Dir sende, soll uns nicht trennen, nein, nein, es soll uns inniger verbinden.

Heute Morgen hat die Mutter Claasing einen Sohn geboren, mit meinem Anerbenthume ist es also vorbei, ich bin damit ein armes Mädchen geworden, viel ärmer, als Du glaubst. Auf unsern Höfen ruhen von dem Neubau nach dem Siebenjährigen Kriege her noch immer einige Schulden, sie sind nicht bedeutend, aber sie werden von dem Allodialvermögen, von dem ich allein noch erbe, zu einem Drittel erbe, zunächst abgesetzt. Wo ist aber das Allodialvermögen? Außer den Gebäuden auf den Höfen ist nichts da; das Inventar ist verkauft, die Früchte beider Güter ernten Pächter, die Scheunen auf dem Siebenmeierhofe stehen leer, das dafür aufgenommene Geld hat Claasing an sich genommen. Ich werde es für eine Gnade zu betrachten haben, wenn Claasing mir 1000 oder 2000 Thaler als Abfindung gibt, aber ich sehe es für eine viel größere Gnade Gottes an, daß er die Fesseln, die mit dem Worte Anerbin mir angeschmiedet waren, abgestreift hat. Ich bin jetzt frei, Dein Mund darf sprechen, die Gründe, die ihn schweigen hießen, sind nicht mehr; ich bin ein armes Mädchen, das sich glücklich schätzen muß, wenn ein Dorfpastor ihr die Hand anbietet.

Aber Du mußt mich sofort befreien, ich muß fort von hier und auch meine Schwester muß fort, Du hast mir so oft von Deiner Schwester Marianne erzählt, könnte sie uns nicht eine Zufluchtsstätte gewähren?

Ich muß fort, denn es läßt mir keine Ruhe unter dem Dache eines Mörders. Ja ich zweifle nicht mehr, Claasing ist der Mörder Deiner Anna. Schon seine Fieberphantasien ließen mich so etwas ahnen, jetzt weiß ich es gewiß.

Als die Mutter gestern Abend bei Abwesenheit Claasing's ganz plötzlich heftige Wehen bekam, ein Knecht nach Kirnberg, ein anderer nach der Stadt, den Arzt zu holen, geschickt war, die Großmagd bei der Mutter war, die Schwester zur Hebamme gelaufen, da schritt ich voll Unruhe und Angst auf der Hausflur auf und ab. Aus der Dienstenkammer hörte ich laut schluchzen und klagen und dann die Lisbeth, die Jungmagd, deutlich beten: »O barmherziger Gott, sei ein gnädiger Gott mit dem Sünder und den Seinen!«

Ich trat in die Kammer, Lisbeth lag auf den Knien und hatte die Hände zum Gebet emporgestreckt.

»Was bedeutet das, Lisbeth? Wer ist der Sünder, für den du betest?« sagte ich.

Sie wollte im Anfang nicht mit der Sprache heraus, dann aber sagte sie:

»Es muß doch einmal offenbart werden, ich habe nicht eher Ruhe, und da sage ich es Ihnen lieber als irgendeinem andern Menschen. Es werden morgen drei Jahre, es was Martinstag, da starb die selige Frau. Ich habe noch mit keiner Menschenseele über das gesprochen, was ich da erlebte, es überläuft mich immer ein Grausen, wenn ich nur daran denke, und der Gedanke, daß da eine Unthat geschehen, läßt mich nicht. Es war des Nachts schon sehr spät, als der Herr nach Hause kam, das Wetter war grausig. Der Herr schien sehr zornig, vielleicht etwas angetrunken, er mußte sehr schnell geritten sein, denn Johann sagte mir, das Pferd sei ganz in Schweiß gebadet gewesen, auch lahmte es später. Der Herr ging erst in die Dönze, nach einiger Zeit ging er nach oben. Die junge Frau hatte sich eingeschlossen, wie sie das jeden Abend that. Der Herr muß die Thür mit einem Fußtritt geöffnet haben, das Geräusch erschreckte mich, ich stieg aus der Koje, öffnete leise die Kammer und schlich mich zur Treppe. Da hörte ich oben laut und heftig reden, die Stimme des Herrn war überlaut, doch verstand ich nicht, was er sagte. Ich fürchtete, er möge zurückkommen, und schlich mich in die Kammer, ließ aber die Thür offen stehen. Etwa fünf Minuten später hörte ich ein neues Geräusch und sah, als ich den Kopf durch die Thür steckte, den Herrn oben auf der Galerie vor der Thür seiner Frau stehen. Das Talglicht der Frau, das sie vor ihrem Bette zu brennen pflegte, ehe sie schlief, um zu lesen, hatte er auf den Fußboden gesetzt und schlug mit einer Axt den Krampen des Thürschlosses wieder in die Thürpfosten. Er sah sehr blaß aus und schlug mit großer Gewalt. Dann schlug er die Thür zu. Ich dachte, wie kann er der armen kranken Frau, der jedes Geräusch zuwider ist, in der Nacht solchen Lärm machen? Am andern Morgen war die arme schöne Frau todt und ich habe mir später oft gedacht, sie ist schon todt gewesen, als der Herr die Krampe in die Thür schlug, und der Herr hat sie todt gemacht. Jetzt bete ich für Ihre gute Mutter und das Kind, das sie gebären will, beinahe am Tage der That.«

»Schweige auch ferner gegen jedermann«, erwiderte ich, »lassen wir Gott die Rache wie das Erbarmen.«

Aber ich beschloß, meinen Stiefvater auf die Probe zu stellen. Die Schwester hatte nämlich in der Polterkammer, aus der wir schon Anna's Harfe und Bibliothek, auch Deine Geschenke an sie, gerettet, ein Etui mit dem Bildnisse Anna's gefunden, das ich Dir sende. Ich holte das Etui. Als nun Claasing endlich angekommen, als die Mutter in die Stube an der Dönze gebracht war, und Arzt, Hebamme und andere um sie waren, Claasing mit großen Schritten im Zimmer auf- und abging, Agnes sich hinter den Ofen gesetzt hatte und weinte, ging ich zu ihm und sagte, indem ich das Etui öffnete und das Bild vorhielt: »Vater, ich habe etwas gefunden und bitte sehr, schenken Sie mir das Bild, es ist ein zu reizendes Gesicht.«

Dieser hatte kaum einen Blick auf das Bild geworfen, als er aschgrau im Gesichte wurde, mich mit stieren Augen ansah und wie geistesabwesend antwortete: »In das Feuer damit, in das Feuer, es ist vergiftet, die Schlange Juliane hat es vergiftet!«

Ich lief davon, Agnes folgte mir, wir schlossen uns ein und durchwachten im Bette, enge aneinandergekauert, eine schlaflose Nacht.

Er ist der Mörder, es ist kein Zweifel, und hier ist noch ein zweites Verbrechen begangen. Wer ist die Juliane?

Rette mich, rette mich! Ich kann in keinem Zimmer länger weilen, in welchem Deine Anna ermordet ist. Schreibe noch heute an meine Mutter, schreibe ihr, nachdem sie einen Sohn und Anerben geboren, wagtest Du erst, ihr Deine Liebe zu mir zu gestehen, die, wie Du glaubtest, erwidert werde, und um meine Hand anzuhalten. Lasse einfließen, Du sähest nicht auf Geld und wärest mit jeder Abfindung zufrieden. Claasing wird den Brief öffnen, er ist geizig und geldgierig, er wird unsere Plane befördern. Mache aber gleichsam zur Bedingung oder sprich Deinen Wunsch aus, daß ich und die Schwester, bis Du eine Pfarre hättest, zu weiterer Ausbildung von Haus müßten, sage, daß Deine Schwester und Dein Schwager in Mollenfelde uns gegen ein mäßiges Kostgeld aufnehmen würden. Handle rasch. Der Doctor nimmt diesen Brief und das Etui mit nach Heustedt, damit beides noch heute in Deine Hände gelangt.

Eckernhausen, 10. November 1795.

Deine
ewig Dich liebende Therese.


Heinrich war einer der Menschen, die zu einer Energieentwickelung eines äußern Anstoßes bedurften, die aber, wenn sie diesen empfangen, nicht eher ruhen und rasten, als bis sie den Gedanken ausgeführt, ihr Ziel erreicht haben. Therese war immer aus sich heraus selbstthätig, aber durchaus praktisch, sie kannte die schüchterne Natur des Geliebten, sollte er praktisch handeln, so mußte ihm vorgeschrieben werden, was er thun solle, sonst schoß er im blinden Eifer oft über das Ziel hinaus.

Der Pfarrgehülfe schrieb an Theresens Mutter und schloß einige hochglühende Zeilen an seine Geliebt selbst ein. Dann eilte er zum »Kruge«, wo die Botenfrau eine Stunde auf Rückantworten und Briefe zur Stadt zu warten pflegte, um ihr selbst den Brief zu bringen und ihr auf die Seele zu binden, morgen früh denselben durch expressen Gang, den er gut bezahlte, nach Eckernhausen zu schaffen.

Nachdem er dann mit seiner Pastorenfamilie ein frugales Abendbrot eingenommen hatte, ging er wieder auf sein Stübchen, das bei Abend viel traulicher war als an einem so dunkeln Novembertage. Lange, sehr lange betrachtete er Anna's Bildniß, dann küßte er es und hing es über seinem Schreibtische auf; sie war erst jetzt eine Todte für ihn.

Das Gefühl eines seligen Friedens überkam ihn. Die bescheidenen Wünsche seines Lebens, sie standen ihrer Verwirklichung nahe: ein geliebtes und liebendes, schönes, kluges, thatkräftiges Weib, eine Pfarre mit auskömmlichen Einnahmen, eine gute Gemeinde, der er ein treuer Hirt und Führer zu einem gottgefälligen Leben zu sein sich gelobte, was wollte er mehr?

Er dachte abermals an das Thema seiner Predigt, die Gedanken flossen ihm reichlicher. Um zum ewigen Völkerfrieden, wie um zum Frieden mit uns selbst zu kommen, da bedurfte es vor allem der Mäßigung und des Maßhaltens. Der Egoismus des Einzelnen, die Herrschlust, Eroberungslust, Vergrößerungslust der Völker, sie mußten aus der Welt. Aber wo waren die zum Kriege treibenden Leidenschaften? Sie waren nicht im Volke, sie waren bei den Großen dieser Erde, diesen Generationen hindurch anerzogen und endlich angeboren. Dem Volke war es angeboren, jedem das Seine zu lassen, jedem Menschen die Bedingnisse des Lebens, des geistigen wie körperlichen Wohlseins zu gewähren und zu gönnen. Nur die Bevorzugten dieser Erde, calculirte er, deren Vorfahren sich durch Kriege und Eroberungen, Heirathen, Misbrauch der Amtsgewalt, Treulosigkeit gegen Kaiser und Reich in Besitz eines Theils dieser Erde gesetzt, sich zu Herren über Unterthanen gemacht haben, sind es, welche das gleiche Recht aller nicht anerkennen, die für sich ein bevorzugtes Recht von Gottes Gnaden beanspruchen. Sie wollen nicht, daß ein Volksstaat sich bilde, sie wollen nichts von einer Weltrepublik wissen, sie widersetzen sich der Staatsbildung, das heißt der Rechtsbildung, sie wollen zwischen sich und andern Herrschern keine richtende Gewalt anerkennen, nicht Gotteswort, nicht Moral, nur die Gewalt. Wie kann man da zum ewigen Frieden kommen?

So brütete er bis tief in die Nacht, bis ihn der Schlaf überwältigte, er ahnte nicht, daß schon eine neue Gottesgeisel auf der Weltbühne stand, die diejenigen, welche bis dahin als mächtig gegolten, in den Staub trat, zu seinen Sklaven machte, und von einer Weltmonarchie träumte.

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