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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Erstes Buch.
Vor hundert Jahren.

Erstes Kapitel.
Der geheimnißvolle Pavillon.

Jede alte Stadt, habe ich irgendwo gelesen, hat ein Gebäude, oder doch ein altes mit irgendeinem Geheimniß umgebenes Gemäuer, an das sich romantische Gemüther anklammern, das den Stoff zur Unterhaltung hergibt, wenn dieser verbraucht ist, und das sogar sonst schweigsame Zungen beredt zu machen weiß.

Warum sollte Heustedt, die Stadt oder Stätte des Heues, das sich eines höhern Alters rühmte als das Geschlecht der (deutschen) Welfen, da es sich schon städtischer Privilegien von Kaiser Ludwig dem Frommen her rühmte, leer ausgegangen sein?

Freilich war das Gebäude, welches in Heustedt mit romantischem Nimbus umgeben war, nicht so alt als die von Adalbert von Bremen erbaute byzantinische Stadtkirche, nicht einmal so alt wie das Schloß mit seinem Burgverlies, sondern erst mit dem neuen Schlosse erbaut, ein chinesischer Pavillon nämlich, in dem dazugehörigen Parke.

Wo liegt denn aber Heustedt? höre ich eine ungeduldige Leserin fragen. Verzeihung. Aller Anfang ist schwer, aber der einer mehrbändigen Erzählung erst recht schwer; man kann es unmöglich allen recht machen, der eine will dies, der andere jenes wissen, und der Autor kann doch nur eins nach dem andern erzählen. Also, Heustedt, der Ort, von dem unsere Erzählung ausgeht und zu dem sie öfter zurückkehren wird, war zur Zeit, von der wir reden, ein kleines kurfürstlich hannoverisches Städtchen, unterhalb der Porta Westphalica und oberhalb Bremens, das man indeß auf der Landkarte schwerlich finden wird. Es hatte seine Weststadt am linken, seine Oststadt am rechten Weserufer. Das linke Weserufer war bedeicht, das rechte war unbedeicht und der Frühjahrsüberschwemmung ausgesetzt. Heustedt hatte zwei Kirchen und zwei Schlösser, aber nicht mehr als ein halbes Dutzend Straßen in jedem Stadttheile.

Wenn man über die hölzerne Brücke von der Weststadt zur Oststadt kam, sah man, daß die Weser hier einen großen Bogen machte. Die Oststadt lag auf einer Art Halbinsel in grünem Marschboden, der sich beinahe eine Stunde lang ins Land streckte, bis ein mit Föhren und Eichen bestandener Bergrücken die Weser, welche hier kaum eine Viertelstunde zwischen oben und unten auseinanderlag, obgleich der Bogen, den sie beschrieb, sechsmal so groß war, sich nordwestlich zu wenden zwang. Die Weser passirte hier die letzte Enge zwischen zwei Sanddünen, Paß Hengstenberg genannt, und hinter diesem Paß begann die Geest, der Lehmsandboden, dahinter Moor und Heide.

Das alte Schloß lag auf einem Hügel und war mit hohen dicken Mauern umgeben, die mit Schießscharten versehen, aber stark im Verfall begriffen waren. Ein altertümlicher Thurm und verschiedene alte hohe Dächer ragten über die Mauer empor, ebenso ein neuer Ziegelbau mit eisenvergitterten kleinen Fenstern.

Man sah, das Schloß mußte in alten Zeiten stark befestigt gewesen sein, nicht nur durch sein Mauerwerk, sondern auch durch Wasser, denn auf südlicher Seite zog sich aus der Weser ein breiter Graben um Schloß und Garten, der erst unterhalb des neuen Schlosses wieder in die Weser einmündete. Der Graben führte den einfachen Namen »die Graft« und bewirkte, daß die Oststadt eine eirunde Insel war, auf der einen Seite von der Weser, auf der andern von der Graft umflossen.

Das alte Schloß war Stammsitz eines am Ende des sechzehnten Jahrhunderts ausgestorbenen Dynastengeschlechts, der Grafen von Heustedt, deren Erbschaft dem Hause der brannschweig-lüneburgischen Herzoge zugefallen und unter verschiedenen Linien dieses Hauses vertheilt war.

Zur Zeit, von der wir reden, es war im Jahre 1772, diente das Schloß als Amtssitz, aber das Amt hatte schon die Bedeutung verloren, die ihm die alte noch in Gültigkeit befindliche Amtsordnung anwies. Heute verlangte man von dem Amtmann und dem Amtsschreiber nicht mehr, danach zu sehen, daß gut gebuttert werde, daß der Käse gehörig umgewendet werde, daß das Korn nicht zum größten Theile im Stroh bleibe. Jetzt braucht der Amtsschreiber nicht mehr die Vorwerke zu bereiten, um auf Knechte und Mägde zu sehen und die aufgemessene Anzahl Geschäfte auf das Kerbholz zu schneiden. Aus dem gutsherrlichen Verhältnisse des vorigen Jahrhunderts hatte man einen großen Schritt in den Staat, wenn vorläufig auch nur in den alles beaufsichtigenden und mechanisch ordnenden Polizeistaat gethan. Der Amtmann, oder wenn derselbe von Adel war, Amtshauptmann oder Drost, der Amtsschreiber, der Kornschreiber bis auf den Supernumerar-Amtsschreiber fühlten schon so etwas als Staatsdiener in sich, empfingen sie doch nicht mehr Gesindelohn, nicht mehr Entschädigung für Sommer- und Winterkleidung und einige Mariengroschen zum Weihnachtsgeschenk. Das Bewußtsein, Gesinde des Kurfürsten zu sein, hatte sich um so eher verloren, als die Kurfürsten schon seit sechzig Jahren im Lande nicht mehr weilten, und die Monarchie nur noch dem Namen nach existirte; in Wirklichkeit wurde das Land von einer Adelsaristokratie beherrscht.

Aber dem Volke war seine alte Selbstverwaltung genommen, seit funfzig Jahren etwa hatte die Rechtsprechung des Volks in Vor- und Gohgerichten aufgehört, gelehrte Richter sprachen jetzt sein Recht, Hofgerichte und Justizkanzleien entschieden in höherer Instanz, und im Oberappellationsgericht in Celle war das erste Zeichen der über die sieben oder acht Fürstenthümer, Herzogthümer, Grafenthümer hereinziehenden Einheit.

Vom alten Schlosse herab wurde jetzt durch einen Amtshauptmann, einen ordentlichen Amtsschreiber, einen Kornschreiber, einen Supernumerar-Amtsschreiber und einen Auditor regiert; gutsherrliche, gerichtsherrliche, oberlandespolizeimäßige Ge- und Verbote erlassen, decretirt und sportulirt, und daneben Recht gesprochen.

An das alte Schlosse, das die Gerichts- und großen Amtsstuben, die neuerbauten Gefängnisse auf der einen Seite, Registraturen, Ställe und Kornböden darüber auf der andern Seite des Hofes enthielt, stieß ein großer im Osten von der Graft umflossener Garten, nach Westen und Norden mit einer steinernen Mauer umfaßt. Nach Norden in demselben lag das neuerbaute vom Oberhauptmann von Schlump bewohnte Amtshaus, und die Straße, die vor demselben herlief, nannte man deshalb die Amtsstraße. Sie führte zu einer steinernen Brücke, die Hohe Brücke genannt, über die Graft. Hohe Brücke hieß sie wol deshalb, weil sich sofort hinter ihr und der Graft das Geestterrain, auf dem die eigentliche Stadt lag, um mehrere Fuß zur Marsch senkte.

Von der Amtsstraße lief von Süden nach Norden eine ziemlich lange wohlgebaute Straße, die Schloßstraße, in deren Hintergrunde das neue Schloß aus einer theils künstlichen, theils natürlichen Erhöhung sich um so mehr hervorhob, weil die Straße sich bis zum Anfang des Parkes senkte und von da erst wieder stieg. Das Schloß wurde aber außerdem durch seine Hinter- und Nebengründe, hohe mächtige Kastanienbäume, Platanen, deutsche Pappeln und den Halbbogen einer mächtigen Buchenallee gehoben, welche die Wirthschaftsgebäude, die rechts zur Seite lagen, vor den Blicken versteckte.

Die Schloßstraße würde eine Fortsetzung der Kastanienallee vom alten bis zum neuen Schlosse gebildet haben, wenn sich nicht, offenbar zu einer Zeit, wo das neue Schloß noch nicht existirte, ein Haus über die Hälfte vor den andern Häusern der Schloßstraße vorgedrängt hätte, das alte Rathhaus, jetzt der Rathskeller genannt.

Es stand isolirt und vornehm vor den Reihehäusern der Schloßstraße, und man sah es schon der Keckheit dieses Hervortretens an, daß es etwas anderes sein wolle als die übrigen Häuser. Es war am Ende des vierzehnten Jahrhunderts erbaut, in der gegen Osten gekehrten Vorderseite schmal, aber hochgegiebelt, stufenartig. Auf den zwei ersten Stufen des Giebels standen zwei Bären, auf den folgenden waren Zierathen damaligen Stils, auf der obersten stand ein Roland als Sinnbild, daß Heustedt sich hier sein Recht selbst spreche. Auf der Ostseite des Rathskellers befand sich der Eingang von reicher Steinhauerarbeit, sechs Stufen führten zu demselben hinauf. Ueber dem Eingang war eine die ganze Front einnehmende Laube erbaut, allwo Gerichts- und Rathszimmer sich befanden. Ueber diesen Zimmern befanden sich Mansardenwohnungen mit niedrigen Fenstern, darüber große Böden. Auf der Längenseite des Hauses, die dem alten Schlosse und dem Süden zugerichtet war, hatte der Rathskeller sieben kleinere hohe Giebel, die zu der Mitte des sehr hohen Daches reichten, und nur eine Etage, welche den großen Rathhaussaal bildete. Die ersten Fenster in den Giebeln entsprachen der niedrigern zweiten Etage der Frontseite.

Der Rathhausbau, unternommen in der Blütezeit Heustedts, wo dasselbe Mitglied der mächtigen Hansa war, und der Graf, den Uebermuth des Städtchens zu strafen, sich ein paar Stunden oberhalb der Weser die Neue Burg baute und seine Residenz dahin verlegte, hatte das Kapitalvermögen der Stadt verzehrt, das geringe Grundvermögen mit Hypotheken belastet, und als der Dreißigjährige, und dann der Siebenjährige Krieg hinzugekommen waren und nun auch noch die einzelnen reichen Bürger ihres Vermögens beraubt hatten, war Heustedt immer mehr gesunken, bis es zu einem Centralpunkt der Provinzialbehörden gemacht war.

Vor dem Rathskeller befanden sich drei Linden, welche den Platz unter der Laube beschatteten, der Lieblingsaufenthaltsort der heustedter Herren an sonnigen Sommernachmittagen. Trat man vor diese Linden, so sah man die Schloßstraße hinunter und zum neuen Schloß hinauf.

Die linke Seite der Schloßstraße bestand aus einer langen Reihe meist gleichartig nach einem Brande im Siebenjährigen Kriege auferbauter Bürgerhäuser, sämmtlich mit den Giebeln nach der Straße, und endete kurz vor dem gräflichen Park in der Weserstraße, einer kurzen zur Weser herabführenden Straße von wenig Häusern. Nach dem Schlosse und an die Schloßmauer gelehnt stand sogar nur ein Häuschen.

Auf der andern Seite der Schloßstraße, dem Rathskeller gegenüber, befanden sich die großen Wirthschaftsgebäude der Burgmannswohnung, eines Herrn von Vogelsang. Das Wohnhaus desselben stand in einem schönen Blumengarten dem Amtshause gegenüber, hinter diesem Garten war eine hohe weiße Mauer gezogen, welche Garten und Park des neuen Schlosses von den Burgmannswohnungen sowie von den übrigen Stadtwohnungen trennte.

An die Nebengebäude des Vogelsang'schen »castrum«, wie es in der Kunstsprache hieß, grenzte in der Schloßstraße die zweite Burgmannswohnung, das castrum nobile des Herrn Barons von Bardenfleth. Das war ein bis an die Straße vorgedrungener Neubau, ein bloßes Herrenhaus ohne andere Wirthschaftsgebäude als Stallung, weil ohne größern Grundbesitz. Hinter dem Hause war ein Garten, der sich an die Parkmauer lehnte. Dann kam, durch einen Garten von der vorigen getrennt, die dritte Burgmannswohnung, sie war in bürgerliche Hände übergegangen, und aus dem alten castrum waren drei Häuser erbaut, von denen das, auf dem die Landtagsstimme ruhen geblieben, seine Front gegen die Schloßstraße, die beiden Häuser solche aber gegen Norden, einen Kirchplatz mit der Schloßkirche erstreckten.

Am Kirchplatze vorbei führte ein Weg in den Park, schlechthin der Heuweg genannt, weil das Heu aus den gräflichen Weiden hinter dem Park auf diesem Wege eingefahren wurde.

Hinter der Kirche lagen die Pfarrwohnung, das Küsterhaus und die Schule. Dann begannen schon eine ganze Reihe weitläufiger zum Schloß gehörender Wirtschaftsgebäude, namentlich ein sehr großer Marstall.

Das neue Schloß war bis vor nicht langer Zeit im Besitz des Grafen von Alvensleben, dessen Vorfahren damit dotirt waren, weil sich einer derselben große Verdienste erworben hatte, die Erbverbrüderung zwischen dem braunschweig-lüneburgischen Hause und dem Grafen von Heustedt zu Stande zu bringen. Das ganze Gelände, vom alten bis zum neuen Schlosse, das sich hinter den Burgmannshöfen und der Schloßstraße bis zur Weser hinwegzog, die kostbaren Weideländereien dahinter, daneben viele Meierbauern, Eigengehörige, Zehnten und andere gutsherrliche Gefälle waren dem Burgmann Alvensleben geschenkt. Sein Enkel, der sich eine Zeit lang neben dem um die Kurwürde für Hannover ambirenden Kanzler Grote in Wien aufhielt, wußte sich dort den kaiserlichen Reichsgrafentitel für Geld und gute Worte zu verschaffen. Der Sohn dieses ersten Grafen folgte Georg I. als Hausminister nach England, er war es, der das neue Schloß erbaut hatte.

Am Ende der Schloßstraße war ein großes, mächtiges, aus Granitquadern erbautes Thor, mit zwei Nebenpforten für Fußgänger. Auf den Quadern standen zwei Bären, welche dem Eintretenden das Wappen der ausgestorbenen Dynastie, die Bärenklaue im goldenen Felde, als einen Schild entgegenstreckten. Der Kaiser hatte dem neuen Reichsgrafen dieses Wappen verliehen.

Seit kurzer Zeit war jedoch der Schild des Bären zur Linken verändert, statt der Bärenklauen sah man einen vom Spieße durchstochenen Mohrenkopf, das Wappen der Grafen von Wildhausen.

Das Geschlecht des Grafen von Alvensleben war nämlich seit kurzem bis auf eine Erbtochter ausgestorben, und diese, Melusine, hatte sich mit dem Grafen von Wildhausen, Geheimem Rath und Oberstallmeister Sr. Majestät des Königs Georg III. von England, Kurfürsten von Hannover u. s. w., vermählt.

Eine etwa 150 Schritt lange Lindenallee führte nach der Einfahrt ins Schloß rechts und links um ein Rasenrondeau, durch das sich Fußwege in Form einer 8 zu der Höhe des Schlosses schlängelten. Hier war in einem Gebüsch von Myrten und Rosen, die aus dem Gewächshause erneuert wurden, die Statue des Amor und der Psyche, nach antikem Muster von geschickter Hand in Marmor gehauen, aufgestellt, während in der Mitte des Rondeau eine Fontaine ihre Strahlen in ein marmornes Becken warf.

Das Schloß zeigte ein auf dorischen Säulen ruhendes Portal, das oben als Balkon, zur Erde als Unterfahrt diente, und das sich vor der ganzen Front des Hauptgebäudes herzog. Dieses hatte neben der großen Balkonthür vier hohe Fenster und nur ein Stockwerk. An das Hauptgebäude schlossen sich aber zwei Seitenflügel, welche mit demselben eine Front bildeten, aber von vorn die Aussicht zweier Thürme hatten, da sie thurmartig gegiebelt und eine Etage höher waren als das Mittelgebäude. Ein Thurm selbst befand sich am nördlichen Ende des linken Flügels, er enthielt in seiner obern Etage die Wasserbehälter für die Fontaine. Von Norden sah man in ein großes längliches Viereck als Hofraum.

Im rechten Flügel des Schlosses befand sich zu ebener Erde der Gartensalon und Wintergarten, vor demselben eine Veranda, von der im Sommer Orangenblüten ihre köstlichen Düfte aushauchten und zu deren Fuße Granatbäume, Oleander und andere Pflanzen eines wärmern Klimas vergessen ließen, daß man sich in einem Winkel des nordwestlichen Deutschlands befand.

Der Park war durch den Heuweg dem Publikum zugänglich, nur in der nächsten durch ein eisernes Staket abgeschlossenen Nähe des Schlosses duldete man dasselbe nicht, auch war der nordöstliche Theil des Parks auf ähnliche Weise für die gnädigste Herrschaft reservirt. Das ganze Volk nannte das den Geheimpark.

Diese topographisch historische Abschweifung verdankt der Leser jener neugierigen Frage einer Mitleserin, und da ich aus den Mienen ihres freundlichen Antlitzes lese, daß sie vorläufig zufrieden gestellt ist, so kann ich nunmehr getrost fortfahren.

Der mit geheimnißvollem Schleier umhüllte Ort war ein achteckiger Pavillon im reservirten Park, von dem Erbauer des neuen Schlosses bei Umgestaltung des Parks nach englischer Manier aufgeführt.

Oskar Baumgarten, der achtzehnjährige Forsteleve, war seit sechs Wochen bei dem Oberforstamte in Heustedt angestellt und wohnte bei seinem nächsten Vorgesetzten, dem Forstschreiber Haus, der eins der kleinen Häuser, welche vom dritten Burgmannshofe abgetrennt waren und am Heuwege nahe dem Eingange in den Park lagen, bewohnte. Er hatte in der kurzen Zeit seiner Anwesenheit in Heustedt schon mehrfach die Erfahrung gemacht, daß, wenn das Gespräch stockte und nur irgendjemand ein Wort vom Pavillon fallen ließ, etwa sagte: »unsere Magd will heute beim Melken bemerkt haben, daß die eisernen Jalousien des Pavillons geöffnet waren«, Hans und Kunz, die Leibmedicussin und die Kornschreiberin, beredt wurden, daß einige Damen, wie Frau von Bardenfleth, und Adele, genannt das Kind, die Tochter des Oberhauptmanns, errötheten und noch viel zimperlicher als sonst thaten. War aber das Gespräch einmal im Gange, so blieb niemand zurück, ohne eine Conjectur vorgebracht zu haben. Nach den Versicherungen der einen Dame, die es von ihrem Vater wußte, der selbst im Pavillon gewesen, enthielt dieser nichts als ein chinesisches Zimmer mit japanesischen und chinesischen Spielereien. Die Frau Superintendentin meinte dagegen, in Erfahrung gebracht zu haben, der Pavillon enthalte nur einen Betsaal, in welchem der Großvater der jetzigen Gräfin seine Jugendsünden abgebüßt habe. Ein dritter wollte wissen, der Pavillon habe ursprünglich zwei Gemächer gehabt, von denen der Erbauer aber noch bei seinen Lebzeiten das hintere habe wieder vermauern lassen. Aber wozu denn diese Geheimnißkrämerei, fragte ein vierter, wenn die Sache so unschuldiger Natur ist? Der dicke Forstschreiber Haus pflegte dann wol zu sagen: »Meine Damen und Herren, zerbrechen Sie sich den Kopf nicht, was war, ist nicht mehr. Der höchstselige Graf war in seiner Jugend ein arger Heide, und da hatte er denn einer griechischen Göttin, ich habe den Namen vergessen, in den hintern Räumen Opfer gebracht. Nachdem er sich später aber zum Christenthume bekehrt, hat er die Räume vermauern lassen.«

Nach wenig Tagen nun glaubte der Forsteleve den Geheimnissen des Pavillons auf der Spur zu sein.

Er hatte den vielbesprochenen Pavillon noch nicht einmal von außen gesehen, denn derselbe lag auf der Ostseite des Parks, und hier hatte niemand etwas zu suchen. Es befand sich hier das gräfliche Hochwiehe, eine große Weide, welche zum Privatgebrauch der gnädigen Herrschaft diente. Da, wo dasselbe im Süden an den öffentlichen Heerweg stieß, war es bis über das Heuthor des Parks hinaus zum Graswuchs bestimmt. Dann kam eine zweite durch Hackelwerk abgesonderte Abtheilung, die zur Weide für die Pferde, Stuten, Füllen des gräflichen Marstalls diente. Die dritte Abtheilung nach Norden, durch die Weser begrenzt, diente dem gräflichen Rindvieh als Weide und Tränke.

Zwar lag hinter dem Hochwiehe das Tiefwiehe, das an die Einwohner verpachtet war und täglich von hundert Melkerinnen, den Eimer auf dem Kopf oder gar zwei, das Strickzeug in der Hand, morgens, mittags und abends betreten wurde, aber dort sah man vom Pavillon nichts, denn die um einige Fuß niedriger liegende Weide war gegen das Hochwiehe durch einen hohen, sechs Fuß breiten Knick und einen ebenso breiten Graben »wehrbar gemacht«, gegen das Weidevieh nämlich. Nur wenn die Melkerinnen auf dem Wege nach Hause einen Theil des Hochwiehes, den sogenannten Milchweg, der auf die öffentliche Straße führte, passirten, sahen sie den Pavillon, der ihre Neugierde aber nicht in dem hohen Maße fesselte, als dies bei der Gesellschaft der Fall war.

Oskar Baumgarten hatte sich bei den Leuten des Schlosses, mit Ausnahme des alten unzugänglichen Haushofmeisters, schnell beliebt zu machen gewußt, und ihm war infolge dessen eine Freiheit gestattet, die andern versagt war, er durfte über den Schloßhof und die Schlutbrücke den nächsten Weg zum Badeplatze an der Weser nehmen. Hinter dem Schlosse, am westlichen Eingange in den Geheimpark, wo dieser in einen spitzen Winkel nahe dem Weserufer auslief, mündete die Graft durch eine Sieleinrichtung in die Weser. Die Graft mußte bei Hochwasser sowol bei Ausgang wie Eingang verschlossen werden, und nannte man die Vorrichtung »das große Slut«. Hier war eine eiserne Brücke über die Graft, und der Weg am weidenbebuschten Weserufer führte zu der kleinen Slut, wo der Graben, der Hochwiehe von Tiefwiehe schied, in die Weser mündete, gleichfalls verschließbar. Hier in der Nähe der Tränke der Bürgerkühe war die einzige gute Badestelle, mit grandigem Untergrunde und gehöriger Tiefe ohne zu starke Strömung. Man konnte diese Stelle nur auf einem großen und nicht ungefährlichen Umwege, durch das Tiefwiehe mit dem bürgerlichen Milchviehe, erreichen oder mußte mit einem Kahn die Weser herabfahren, wo dann die Auffahrt beschwerlich war.

Oskar hatte sich in den Fluten der Weser erfrischt und ging in Gedanken versunken zum Schlosse zurück, als er sich erinnerte, daß man auf dem Rathskeller viel von zwei kostbaren Füllen gesprochen hatte, die der Graf in England erworben habe. Er war der Pferdeweide nahe, er brauchte nur links abzubiegen und das Hackelwerk zu übersteigen, welches sie von der Kühweide trennte. Schon sah er von fern, wie die muthigen Dreijährigen im wilden, aber schönen Trabe am Hackelwerk entlang ihm entgegensprangen, als wären sie neugierig, hier einmal einen Menschen zu sehen. Es waren überhaupt ausgezeichnete Thiere, die hier weideten, und der Jüngling konnte es nicht unterlassen, das ganze Weiderevier hindurchzugehen. So kam er dem Park näher und sah hier den chinesischen Pavillon vor sich. Er ging der Graft entlang, diese hatte nur einige Fuß tief Wasser, das man leicht hätte durchwaten können, auch hätte man auf den hier und da durch die Graft geschlagenen Palissaden, die oben durch ein Querholz zusammengehalten wurden und sehr breit auseinanderstanden, um den Wasserabzug nicht zu erschweren, trockenen Fußes herüberkommen können; aber drüben starrten dicht aneinandergereihte eichene, oben spitz zugeschnittene neun Fuß hohe Palissaden und dahinter eine Schwarzdornhecke, welche noch über jene hervorragte, dem Eindringling entgegen. Von der Graftseite konnte man nicht in den reservirten Park gelangen, und doch war darauf Oskar's ganzes Streben gerichtet, denn er bemerkte, daß Thür und Jalousien des Pavillons weit geöffnet waren, um dem Sonnenschein Einlaß zu verschaffen.

Oskar mußte sich dem Ausflusse der Graft zu bewegen, um über die Slutbrücke in den Geheimpark zu kommen. Kurz vor dem Pavillon entdeckte er auf beiden Seiten der Graft einen Vorbau von Sandsteinen, der den Zwischenraum auf etwa zwölf Fuß ermäßigte. Mit einer Stange wäre es ihm ein Leichtes gewesen hinüberzuspringen. Aber obwol an der Parkseite die Palissaden und die Hecke auf etwa sechs Fuß fehlten, war an ihre Stelle eine Art eiserne Laube noch einmal so hoch als die Palissaden getreten, welche offenbar niedergelassen werden konnte und dann als Brücke eine directe Verbindung zwischen Geheimpark und Hochwiehe herstellte.

Es blieb für den Forsteleven daher nichts anderes übrig, als durch den öffentlichen Park auf einem Wege, den er sich schon früher ausgedacht, in den Geheimpark zu steigen. Allein das Glück begünstigte ihn, der alte Haushofmeister hatte die Thür zum Geheimpark zu verschließen vergessen und sich bei der Mittagshitze zu einem Schläfchen im Schatten einer mächtigen Platane ausgestreckt.

Es gab aber Wege genug, zum Pavillon zu gelangen, ohne an dem Schläfer vorübergehen zu müssen. Der Forstmann schlich sich vorsichtig durch das Gebüsch dem Pavillon zu. Dieser stand auf einer Höhe, welche an ihrem Fuße ringsum durch dichtes, wildes, unzugängliches Gesträuch und nach Westen von einem in der That undurchdringlichen Nadelholzbestande umgeben war.

Oskar umkreiste den Platz und fand endlich zwei Hängeeschen mit zur Erde reichenden Aesten, davor einen wilden Rosenbusch. Letztern umgehend, und unter die Eschen kriechend, fand er einen schmalen Fußweg, den man gebückt bis auf die andere südöstliche Seite umschreiten mußte, wo Stufen zu dem Plateau der Erhöhung emporführten. – Klopfenden Herzens stand er oben.

Aber er ist enttäuscht, er sieht sich in einem chinesischen Zimmer mit zwei Fenstern, einer geraden Giebelwand und zwei schrägen Wänden. An diesen stehen zwei Sofas vom feinsten Strohgeflecht, vor denselben zwei Tischchen von japanischer Arbeit mit Blumen und Vögeln der buntesten Farben in Perlmutter ausgelegt. An den Fensterseiten stehen vier Stühle, fein aus Stroh geflochten, gewiß chinesische Arbeit. Auf der Hinterseite, der Thür gegenüber, befinden sich chinesische Gemälde mit Korkschnitzereien. In der Mitte der Wand unter Glas und Rahmen hängt ein großer Hühnerhof mit vielem Geflügel von allerlei Aussehen, in der Mitte der große Pfau, alles aus den Federn gar künstlich gearbeitet. Daneben hängen auf Seide gestickte Gemälde, darüber schöne Korkschnitzereien, nach oben zu folgen auf die Wand selbst gemalte Charakterfiguren im chinesischen Stil. Es ist ein sechseckiges Gemach, in dem Oskar sich befindet. In allen sechs Ecken befinden sich chinesische Hängebörte mit zahlreichen chinesischen Nippes von Elfenbein, Porzellan und Bronze. Auf einem der Borte befinden sich auch ein Paar chinesische Kinder und ein Paar Damenschuhe. Der Forsteleve hält beide für Puppenschuhe. Außerdem befindet sich allda ein aus Bambus angefertigtes Instrument, dessen Gebrauch er nicht errathen kann. Wir wollen verrathen, daß es ein Kopfhalter für chinesische Damen ist, ein Kopfbänkchen, das die Chinesinnen so wenig entbehren können als unsere Damen die Fußbänke. Oskar sieht alle diese Herrlichkeiten nur flüchtig an, er besorgt, durch den Haushofmeister überrascht zu werden. Er mißt jetzt die Größe des Zimmers und die Entfernungen der Wände und Winkel, mißt den Umfang des Tempels und notirt sich die Zahlen. So viel ist ihm unzweifelhaft, es muß hinter dem chinesischen Zimmer noch ein Raum sein, beinahe noch einmal so groß als das Zimmer selbst.

Er kehrt zurück und untersucht die Hinterwand, um womöglich eine Tapetenthür zu finden oder etwas Aehnliches.

Allein soviel er pocht mit der Hand wie mit dem Griff des Hirschfängers, den er bei sich führt, nirgends ein hohler Ton. Bis auf das in der Mitte hängende Bild lassen sich alle Bilder abnehmen und verschieben, dieses scheint in der Wand selbst befestigt zu sein. Nirgends die Spur einer Ritze, einer Spalte, nirgends ein Klang von Holz.

Der Neugierige untersucht nun auch den Fußboden, nachdem er die feinen von Bast geflochtenen Decken gelüftet; er ist parketirt, nirgends eine Spur von Maschinerie, oder was darauf hindeutete, daß der hintere Raum zugänglich sei. Was kann in diesem Raum überhaupt sein, da er kein Fenster hat, keine Luft zuläßt? Oskar läuft nochmals um den Tempel, untersucht jede Wand, alles ist Stein, bis auf das unter dem kupfernen Dache herlaufende Gesims von Stuccaturarbeit.

Die Sorge, überrascht zu werden, läßt ihn nicht länger weilen. Er eilt durch den Park, ohne für diesen Augen zu haben; der Haushofmeister schläft auf seiner Moosbank noch den Schlaf des Gerechten, und der junge Mann athmet erst frei, als er im öffentlichen Park ist. Zu Hause angekommen, vergißt er, daß es Zeit ist, das Mittagsmahl auf dem Rathskeller einzunehmen. Er zeichnet einen Grundriß des Tempels nach den von ihm aufgenommenen Messungen, zeichnet das chinesische Zimmer hinein und findet nun, daß der unbekannte Raum dahinter ein Zehneck bildet.

Der Forsteleve glaubte wunder welche Entdeckung gemacht zu haben und freute sich auf den Abend, wo er zum Forstschreiber Haus zu einer kleinen Spielpartie eingeladen war. Er tafelte allein nach, spazierte dann in den Park, darüber nachdenkend, wo wol ein Eingang in das Zehneck zu finden sei, denn er war entschlossen, den noch übrigen Theil des geheimnißvollen Verstecks zu enträthseln.

Als man am Abend nach beendigtem Spiele hinter dem Becher saß, verfehlte er nicht, seine Entdeckung vorzutragen, seine Zeichnung hervorzuziehen und zu erläutern; aber ihn traf das Schicksal vieler Propheten im eigenen Vaterlande, niemand schenkte ihm Glauben, ja man lachte ihn aus – jeder dachte bei sich, ich weiß besser, was in dem Tempel ist.

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