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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Fünftes Kapitel.
Bajä.

Unser junger Freund fühlte, daß diese schnelle Abreise ein Glück für ihn sei, die beiden italienischen Weiber hätten ihn verrückt, ihn sich selbst und Olga untreu gemacht. Konnte er doch die ganze Nacht hindurch auf der Reise ihre Bilder nicht los werden und brannten ihn ihre Küsse bis in das Mark, als er neben dem stummen englischen Kammerdiener des Prinzen durch die staubgepuderte Campagna den langen Rücken des Albanergebirges hinanfuhr.

Am dritten Tage erst fuhr man, von Aversa her, gegen Abend in Neapel ein. Ein Wald von hohen Bäumen, deren Wipfel mit Weinguirlanden sich vermählen, beschattet die Einfahrt, und Neapel entzog dieses selbst so lange dem Blicke, bis die Reisenden sich im Gewühle der Straßen befanden.

Eine wahrhafte Ueberfülle von neuen Eindrücken und Erscheinungen stürmte auf Karl ein und verscheuchte die Gedanken an Rom, Angelina und Fulvia.

Es war für den Prinzen und seinen Begleiter ein sehr großes Palais in Santa Lucia gemiethet, ein englischer Haushofmeister und zahlreiche Dienerschaft, eine sehr elegante, von London herübergebrachte Chaise, ein leichter Jagdwagen, Reitpferde, alles war vorbereitet, galt es doch, dem Prinzen das Leben in Neapel so angenehm als möglich zu machen und die Rückkehr nach Rom zu der Gemahlin solange als möglich zu verzögern. Lord Hamilton, englischer Gesandter in Neapel, war von Georg III. deshalb mit eigenhändigen langen Instructionen versehen, und auch auf den westfälischen Mentor warteten Briefe des Königs mit geheimen Befehlen.

Das Palais, das man bezog, hatte nach der Seite des Molo zwei Thürme, plattgedacht, in deren Mitte ein Frontispize im Renaissancestil sich hervorhob. Der eine dieser Thürme war in seiner obern Etage Karl zur Wohnung angewiesen. Er hatte viel Marmorstufen zu steigen, ehe er zu seinen Gemächern gelangte, aber wie belohnend, als er aus seinem Thürfenster auf den Balkon hinaustrat und den ganzen Golf vor sich liegen sah. Rechts und links die Häusermassen der Stadt, amphitheatralisch aufeinandergetürmt, vor ihm der Kai mit seinem hundertfältig bewegten Leben, das Meer überdeckt mit Schiffen und buntbewimpelten Barken, voll geputzter, singender, jubelnder Menschen. Nach links über den Hafen hinweg, hinter dem noch ein Theil der Stadt hervorsieht, erhebt sich in stiller Würde und Majestät der Vesuv in seinen einfach großen, mächtigen Formen, violette Abendschatten auf seinem doppelten Gipfel. Aus der einen Spitze desselben kräuselt sich eine leichte, weiße Rauchsäule empor. Sein Fuß ist meilenweit bedeckt mit einer ununterbrochenen Linie von Dörfern, Klöstern und Villen. Eine prächtige Bergkette, die, weit ins Meer laufend, den Golf von Salerno von dem Neapels trennt, zieht sich der Monte Sant-Angelo mit seinen imposanten Schluchten, gewaltigen Abhängen und Spitzen, seinen Thälern und Flächen in ihrer Mitte, mit ihren Schlössern, Villen und Kirchen, in wunderbar schönen Contouren nach Osten bis zum Cap Campanella, wo er plötzlich schroff ins Meer sinkt und verschwindet, um noch einmal als Felseneiland Capri am unbegrenzten Horizont aus blauer Flut emporzutauchen.

In die tiefblaue Meeresfläche vor ihm, mit einem Himmel von glühend strahlendem Blau, von weichem, röthlich-goldenem Abendlichte umgossen, schiebt sich nach rechts wieder ein mächtig kahler Fels vor, begrenzt aber von dem Pausilipp, diesem Stück zur Erde gefallenen Himmels, dem Orte, wo Schmerz und Sorge aufhört. Auf seinem grünen Kranze, der sich bis Neapel hinzieht und hier auf der höchsten Spitze mit dem schönen alten Castel Sant-Elmo geschmückt ist, erglänzen Tausende von Villen, Kirchen, Häusern. Der Deutsche hatte noch nie etwas Entzückenderes gesehen und saß bis tief in die Nacht auf dem Balkon, bald zur Rechten, bald zur Linken, bald geradeaus blickend.

Graf Münster hatte am andern Morgen keine weitern »Wünsche«, er befahl nie, als daß Karl die Reisebibliothek in seinem Zimmer ordnete, sich mit Land und Leuten, Sitten und Gebräuchen, Kunst und Wissenschaft bekannt mache, und. wenn er Zeit übrighabe, das Antikencabinet des Prinzen ordne. Man werde wol einige Jahre in Neapel bleiben und wolle sich da häuslich einrichten und allen Comfort haben, den man für Geld haben könne.

»Ich verzichte«, sagte der Graf, »in den ersten vier Wochen auf jeden Vortrag. Sie werden mindestens so lange Zeit brauchen, um die neuen Eindrücke zu überwinden, um sich an den Lärm, den diese Neapolitaner machen, zu gewöhnen, um unbefangen und objectiv zu fühlen und zu sehen. Mir ist es bei meinem ersten Besuche Neapels nicht besser ergangen.«

Die Herrschaften machten Besuch bei dem englischen Gesandten, wurden vorgestellt am Hofe, empfingen Gegenbesuche und Einladungen. Es herrschte damals über Neapel Ferdinand IV., ein Bourbon, oder vielmehr er schoß Wachteln und fing Fische, und es herrschte seine ehrgeizige Frau Karoline, die Tochter Maria Theresia's und Schwester Maria Antoinette's, mitsammt ihrem Buhlen, dem Polizeiminister Acton. Die Königin war von dem glühendsten Hasse gegen die Französische Revolution erfüllt, wie sie jede Neuerung verfolgte, Feindin jeder Bildung war. Schon hatten unter ihrem Regiment die Verfolgungen begonnen, denn das Unerhörte war geschehen, das Buch des Amerikaners Payne über die Menschenrechte war ins Italienische übersetzt und heimlich in Neapel verbreitet. Die Anwesenheit von vierzehn französischen Kriegsschiffen im Golf von Neapel führte zu lebhaftem Verkehre französischer Offiziere und Soldaten mit der Stadt, und es lag in der Natur der Franzosen, vielleicht auch in den Instructionen des Admirals Latouche, daß man Propaganda zu machen suchte für die Ideen der Freiheit und Gleichheit, welche die französische Republik auf ihren Münzen, wie in ihren Fahnen, an ihren öffentlichen Gebäuden anbrachte, obgleich sich in Paris schon wieder eine goldene Jugend zur exclusiven Aristokratie bildete. Acton hatte die Kerker von Neapel füllen lassen, denn unter den jungen Nobili hatte sich mancher Ideologe gefunden, der für diese Ideen schwärmte, und wer von den ältern, gebildeten Leuten nicht in Genußsucht und Egoismus verkommen war, der mußte neapolitanischen Zuständen gegenüber Freund der französischen Ideen sein. Und so waren denn in der That alle Gelehrte, Aerzte, Richter, Advocaten, viele junge Adeliche und Offiziere heimliche Republikaner, und mannichfache Versuche, die Gleichgesinnten in geheimen Gesellschaften zu organisiren, fanden statt. Unvorsichtige Aeußerungen jugendlicher Feuerköpfe, Verbreitung verbotener Schriften führten indeß, nachdem der französische Admiral Latouche vor der englischen Flotte sich nicht mehr sicher glaubte im Golf Neapels, zur Einsetzung eines Specialgerichtshofs gegen den Jakobinismus, und die Kerker füllten sich mit Verdächtigen und Unschuldigen.

Der König, gleichgültig gegen alle Staatsgeschäfte, träge, nur das Essen, die Jagd und Fischerei liebend, daneben von großer Roheit, überließ alles, was ihm Mühe machen konnte, gern seiner Gemahlin. Diese herrschte mit um so größerer Neigung, beeinflußt von Jesuiten und ihrem Acton. Der englische Prinz fand am Hofe die glänzendste Aufnahme, das größere Glück aber machte der hochaufgeschossene, blonde, blauäugige Graf Münster; die Königin zeichnete ihn bald in derselben Weise aus, wie ihn die Herzogin von Braunschweig ausgezeichnet hatte, wenigstens erwachte in Acton starke Eifersucht, und er fühlte sich mehr als einmal versucht, einem der zahlreichen Banditen seiner Bekanntschaft einen Wink zu geben, den blonden Deutschen die neapolitanische Klinge kosten zu lassen. Wäre er weniger beschäftigt gewesen, als er es war, wäre Karoline, die schon das vierzigste Jahr zurückgelegt, jünger gewesen, oder hätte sich Münster auch nur im geringsten um Staatsangelegenheiten bekümmert, das Land der Welfen hätte nie einen Erblandmarschall gesehen.

Den Prinzen August zog ein anderer Magnet an, der damals noch nicht für hoffähig oder gar für würdig erachtet wurde, das Bett der Königin zu theilen. Das war Lady Emma Lione Hamilton. Ein neuerer deutscher Dichter nennt sie das schönste Weib des Jahrhunderts; das ist jedenfalls übertrieben. Wir haben in unsern Tagen aus dem Tagebuche der Mutter des Dechanten von Westminster eine ziemlich unbefangene Beschreibung der Dame.

»Lady Emma Lione«, schreibt sie, »ist kolossal, jedoch wohlgebaut, bis auf die großen Füße. Ihre Büste gleicht der Ariadne. Ihre Züge sind schön und gebildet, wie auch die Form des Kopfes, namentlich zeichnen sich ihre kleinen Ohren aus. Dunkle Augenbrauen, dunkles Haar, dagegen hellblaue Augen mit einem braunen Fleck auf dem einen Auge geben dem Gesichte einen interessanten Ausdruck; dieses ist lebhaft, veränderlich.«

Aber auch die prüde englische Dame gesteht, daß Lady Hamilton zum Entzücken schön war, wenn sie in einfachem Nachtkleide von Calicot, sehr losen weiten Aermeln bis zum Handknöchel, mit Hülfe einiger indischen Shawls, eines Stuhls, eines Kranzes von Rosen, eines Tamburin und einiger Kinder, wenn solche bei der Hand waren, Statuen und Gemälde copirte. Und sie hatte vor dem Prinzen August Statuen copirt, die sie sonst nur dem alten Gemahl dargestellt, sie hatte selbst die Göttin der Liebe copirt, und der Prinz August vergaß seine Augusta und seine Schwüre, dieses Weibes wegen. Lady Emma war damals etwa dreißig Jahre alt und begehrlicher noch als zu der Zeit, da sie sich den gefeiertsten Seehelden zum Sklaven und die Königin zur Busenfreundin und – Bettgenossin machte. Sie, die Tochter eines verführten Dorfmädchens, hatte in den Tavernen von London, in Matrosenkneipen Gin credenzt, sie stand Modell als Aphrodite und Kleopatra, Leda und Diana, sie stellte in Dr. Graham's goldenem Bette die Göttin Hygieia dar und wußte den Lord Charles Granville, aus der Familie der Königsmacher, der Warwicks, einen Vetter der Prinzessin Augusta, so zu entzücken, daß er sie dem Doctor abkaufte und zu seiner Gattin erheben wollte. Die Familie bereitete Schwierigkeiten, und ein Leben voller Luxus stürzte den Lord in Schulden, ja es drohte ihm das Schuldgefängniß. Aber ihm lebt ein alter steinreicher Onkel, der kunstsinnige Ritter Hamilton, Gesandter am Hofe zu Neapel; er soll mit Geld helfen, er soll die Hindernisse zur Heirath aus dem Wege räumen, Emma soll ihm das abschmeicheln; sie reiste nach Neapel. Die Schulden des Neffen wurden nun wol bezahlt und er vor dem Schuldgefängnisse gerettet, aber die schöne Miß Emma Harte wurde Gemahlin des sechzigjährigen Ritters Hamilton, des feinen Kunstkenners, der es fortan vorzog, die Reize schöner Formen an seiner schönen Frau, der vollendeten Künstlerin, zu bewundern, als wie bisher an Gemmen, Sculpturen und Büsten die Schönheit zu studiren, der entzückt war, wenn auch andere hingerissen wurden von Emma Kleopatra, doppelt beglückt, wenn es ein Prinz, ein englischer, war, der seine Frau bewunderte. Und Emma, sie ist wie alle Künstlerinnen des Lobes und der Bewunderung bedürftig, sie, die bisher vereinsamt an der Seite eines Greises, hat ihren Antonius gefunden und umschlingt ihn mit ihren schönen Armen und hält ihn fern von Rom und seiner Gemahlin, der er schwur, ewig treu zu sein.

Dem Grafen Münster kam dieses Verhältniß, das sich ganz von selbst entsponnen, so gelegen, wie es nur sein konnte, denn sein Auftrag war eben der, den Prinzen der Prinzessin Augusta zu entfremden, die künftige Trennung vorzubereiten. Der Graf war durch andere Bande gefesselt, ihm imponirte die Tochter Marie Theresiens, und wie er sich von jeher hingezogen fühlte zu den Mächtigen dieser Erde, mit denen er, der uralte, westfälische, freie Ritter, sich vollkommen ebenbürtig betrachtete, so hatte die Liebe einer Königin einen besondern Reiz für ihn.

So gewann denn der Privatsecretär Zeit, das neapolitanische Leben nach allen Seiten zu studiren, sich mit dem reichen Inhalt des Museo Borbonico vertraut zu machen, Vergleiche anzustellen zwischen Rom und Neapel. Er war bei Tage, noch mehr bei Nacht in den Straßen, auf dem Kai, auf dem Meere. Der Zufall ließ ihn in Neapel auch bald einen Landsmann kennen lernen, einen Sachsen, Friedrich Hellung, der ihm bald ein Freund wurde. Dieser, der Sohn eines wohlhabenden Gutsbesitzers, hatte in Leipzig und Jena Jurisprudenz studirt, allein die Liebe zur Kunst trieb ihn nach Dresden, wo er sein Talent zum Malen durch ernste Studien ausgebildet, dann, nach kurzem Aufenthalte in Oberitalien, nach Neapel gereist war, um sich hier, unter Philipp Hacker's Leitung, in Landschaftsmalerei weiter zu fördern. Er war ein durch und durch wissenschaftlich gebildeter Mann, der Kant mit Eifer und Verstand studirt und in Jena zu Fichte's Füßen gesessen hatte. Es fanden sich leicht geistige Bezüge, und das Verhältniß wurde bald sehr innig, sodaß unser Freund dem neuen Bekannten sein Herz aufschloß, seine Jugendgeschichte erzählte und seine Liebe zu Olga nicht verschwieg. Dieser war auch nicht ohne Liebe, aber seine Neigung war einem Wesen zugewendet, das in bürgerlicher Stellung unter ihm stand, der Tochter eines Gärtners in Jena, die er beim Tanze im Paradiese kennen gelernt hatte. Sie war sehr schön; das bewies ein von dem Anbeter selbst gemaltes Miniaturporträt, das er beständig bei sich führte, sie war gut und gläubig an den Geliebten. Wenn, in die kühlsten Zimmer des Palastes zurückgezogen, die beiden jungen Leute ihr Eiswasser schlürften und heimlich eine Pfeife rauchten (der Graf rauchte nicht und sah es ungern, wenn Karl rauchte oder auch nur etwas von Rauch duftete, daher dieser nur in einem hintern Zimmer und in einem Costüm, dessen er sich sofort entledigte und das seinen besondern Aufbewahrungsort hatte, dieser studentischen Neigung fröhnte), dann pflegten sie von Olga und Karoline, so hieß die Gärtnerstochter, zu sprechen und einzelne Scenen aus ihrem frühern Leben auszumalen.

Es war einer jener unbeschreiblich schönen Abende, als die Freunde in den Golf sich fahren ließen, um in den blauen, ruhigen, kühlen Fluten zu baden und zu schwimmen. Man fuhr so weit in den Golf hinaus, bis man hinter dem Vorgebirge des Pausilipp die schöne Insel Ischia mit ihrem majestätisch aufsteigenden Epomeo aus der goldenen Glut des Abendhimmels und des feuchtflimmernden Meeres hervortreten sah.

Als die Sonne am Horizont des Meeres stand, im Begriff, in dessen feuchte Arme zu tauchen, stürzten die Jünglinge sich in die wonnigen Wellen und kehrten dann zurück. Die Berge lagen schon dunkel und duftig da, nur hin und wieder lagerte sich noch ein Abendschimmer, wie von der ins Meer gesunkenen Sonne zurückgeblieben, auf den höchsten Spitzen derselben.

Je dunkler der Himmel wurde, je heller wurde das Meer, das wirklich ein kristallener Pokal zu sein schien, gefüllt mit dem goldenen Wein des Abendroths, welches an tausend Stellen hindurchfunkelte und wunderbar sich mischte mit dem tiefdunkeln Grün, bis es immer matter und dunkler wurde und wie eine urschwarze glatte Fläche vor ihnen lag. Je näher man der Stadt kam, die in ihrer ganzen ungeheuern Ausdehnung sich an die Pausilipprücken hinaufbaute und über der, von den vielen tausend Lichtern, die aus den Häusern und den Straßen, die den Berg hinauflaufen, glänzten, ein golden schwirrender, funkelnder, zitternder Dunstkreis sich ausbreitete, desto lebhafter wurde es auch auf dem Meere. Rund um den Rand des Golfs kamen Hunderte von Fischernachen mit großen Fackeln zum Vorschein. Die Fischer hatten angezündete Späne oder Fackeln an einer Stange über den Bord des Schiffs hinaushängen, um das Meer zu beleuchten, sie lagen mit dem halben Körper über den Bord hinaus, einen Dreizack, einer Mistforke ähnlich, in der Hand, und stachen in die Tiefe hinab, wo sie bei der Klarheit des Wassers den vom Lichte geblendeten Fisch, den fetten Cefalo, die hochrothe Gernale, leicht erblickten und mit sicherm Stoße spießend heraufzogen. Dann wurden die Späne im eisernen Korbe erneuert und der Fang begann von neuem. Hier und da tönte Gesang aus der Barke. Plötzlich aber beginnt zur Rechten ein dumpfes Grollen, der Vesuv, dessen schwarze Rauchsäule die Nacht verschlungen hat, der aber wie ein düsterer Riese am Horizont aus dem Meere steigt, wirft einen feurigen Glutstrahl in die Höhe, der minutenlang sich wie eine Fontaine in den Himmel erhebt und dann wieder verschwindet; abermals lodert die Flamme hoch aus dem Aschenkegel heraus und spiegelt sich im nächtlichen Meere. Die Freunde hießen die Schiffer halten, um das Schauspiel, auf der einen Seite den Kranz der erleuchteten Stadt, auf der andern den speienden Berg, der, wenn er seine Feuerrakete in die Luft schleuderte, alle Lichtlein in Neapel erlöschen machte, die aber sofort wieder leuchteten, wenn der Strahl wieder erlosch, mit Muße zu betrachten.

Es war schon Nacht, als die Freunde dem Molo sich nahten, aber das Getöse und Leben war noch dasselbe wie am Tage, nur noch lärmender und greller, weil bei Laternen- und Fackelschein. Da zanken die halbnackten dunkelbraunen Garköche an ihren auf Flammen stehenden Töpfen und rundum mit Fackeln bepflanzten Tischen, mit einer Menge wilder Kerle mit dunkeln, schwarzen Schlangenlocken und funkelnden Augen, die um den Tisch stehen und mit Gier ihre Schüssel Maccaroni mit Liebesäpfeln verschlingen. Winselnde Bettler sprechen um eine Gabe an; da liegt ein halbes Dutzend Lazzaroni an den Häusern und schläft bei dem Höllenlärm den Schlaf des Gerechten; zerlumpte, halbnackte Jungen, Fischhändler, Limonadenhändler, Austernhändler und Muschelverkäufer, alles wogt durcheinander. Aufgeputzte, zweideutige Damen, Mönche jeder Gattung, Esel, Pferde, Wagen, wandernde Buch- und Bilderhändler drängen sich. Blumenverkäufer, Eiswasserverkäufer stehen hinter buntbemalten, auf offener Straße aufgestellten Büffets und preisen ihre Waaren an. Alles, was nicht schläft, schreit und lärmt. Der ganze Molo ist wie eine Teufelsküche, und es gehören starke Nerven dazu, hier eine Stunde zu weilen. Die Männer sind kräftig und schön, die Frauen unschön, sogar häßlich, ungraziös, in den niedern Ständen schmuzig dazu. Die Nacht war zu schön und nicht geschaffen, sie zu verschlafen, der Maler stieg mit Karl zu dessen Balkon hinauf, um den Vesuv noch weiter arbeiten zu sehen.

»Ein glückliches Volk«, sagte der Maler, »diese vollständige Bedürfnißlosigkeit, niemals geplagt zu werden von Hunger und Kälte. Die paar Grani für Maccaroni oder Muscheln können auf hundertfache Weise verdient werden, eine Stunde Arbeit, zehn Stunden Schlaf und dreizehn Stunden Vergnügen, und sei es auch nur das Schreien!«

»Du sprichst doch im Spaß«, erwiderte Karl, »ich finde diese Bedürfnißlosigkeit aber schrecklich, denn was unterscheidet die Massen von einer Bande Affen? Nur daß sie sprechen, schreien, zanken; von Geist, von Denken kaum eine Spur. Kann man diesen Heiligendienst noch eine Religion nennen? Glauben von diesen 400000 Menschen nicht 390000 an den Hokuspokus des Flüssigwerdens des Bluts des heiligen Januarius und der Milch der Jungfrau Maria? Sollte es möglich sein, in diesem schmuzigen, lumpigen, leblosen Gesindel auch nur eine Idee anzuregen, den Gedanken an das Vaterland oder den Gedanken an die Freiheit? Nein, glaube mir, die Bedürfnisse sind es allein, die zur Cultur treiben, die Bedürfnisse allein regieren die Welt.«

»Hat Masaniello in diesem Haufen nicht die Gedanken der Freiheit wach zu rufen gewußt?« erwiderte der Maler. »Siehe dort rechts die Gruppe hinter dem Zelte des Maccaronikochs; auf der steinernen Brüstung des Molo siehst du einen alten Schiffer mit einem Wachstuchhute auf dem Kopfe, die Jacke über die Schulter gehängt, um ihn herum lagert und kauert, steht und sitzt eine Anzahl verschiedener Leute, Frauen und Kinder, Matrosen und Soldaten, Handwerker und Bettler. Du siehst nur, wie der alte Mann, der uns den Rücken zukehrt, mit den Händen gesticulirt. Weißt du, was er thut? Er improvisirt, er singt den andächtigen Zuhörenden vielleicht von Masaniello oder von der Liebe, oder vom Meere im Sturm und Kampf, vielleicht eine Strophe aus Tasso oder einen Gesang aus Dante. Zeige mir in Deutschland einen solchen Volksdichter, sammle dort das Volk, um Elegien anzuhören! Um elende Marionettenbuden wirst du es stehen sehen, aber mit solcher Andacht einer Dichtung lauschend, niemals.«

»Nun sieh du einmal hier gerade hinunter«, entgegnete der andere, »da wirst du auf der untersten Marmorstufe unserer Freitreppe zwei Kerle in ihre Mäntel gehüllt liegen sehen. Du glaubst, es sind Lazzaroni. Mitnichten, es sind Vapos, Männer, wohlbewaffnet, von anerkanntem Muth und Leibeskräften, die schon manchen ihrer Freunde, Banditen, die eigene Klinge zu kosten gegeben. Siehe, die Königin dieser Lande, die hohes Interesse nimmt an meinem Grafen, hat sie gedungen, diesen vor den Dolchstichen von Banditen zu schützen, die, wie sie glaubt, ihr früherer Geliebter, der Minister Acton, auf den Grafen senden würde. Anfangs war der Graf in großer Besorgniß, wenn er sah, wie diese Menschen ihn wie sein Schatten bei Tag und Nacht verfolgten, er fürchtete einen Anschlag auf sich selbst. Der Vermiether dieses Palastes hat mir erklärt, daß es Vapos sind und mein Graf in ihren Schutz gegeben ist. Sind das Zustände?«

Man disputirte noch lange, ohne sich einigen zu können. Karl mochte ein halbes Jahr in Neapel gelebt haben, ohne von seinem Grafen zu irgendeiner Dienstleistung herangezogen zu sein, als er eines Tages von Münster den Auftrag erhielt, nach Bajä zu fahren, dort die Gegend zu erkundigen und nachzuforschen, ob sich dort ein deutscher Graf aufhalte.

Karl gewann den Maler leicht als Reisegefährten, und man fuhr an einem herrlich frischen Morgen die lange Chiaja hinab, dem Pausilipp zu und durch dessen Tunnel, eine alte Römerarbeit, in den Golf von Bajä ein. Es hat der Tunnel etwa die Länge von eintausend Schritt, dagegen nur eine Breite von etwa zwanzig Fuß und vierzig Fuß Höhe. Sobald man aus dem Dunkel wieder ins Freie kam, hatte man eine neue Landschaft vor sich, von Neapel und seinem Golf war nichts zu sehen, selbst nicht der Vesuv, dagegen ragt eine schmale Landspitze, die eine Meeresspalte in sich schließt, noch südlicher als der Pausilipp hervor, das Cap Miseno mit den westlich dahinterliegenden schloßgekrönten Inseln Procida und Ischia. Statt des stets zerrissenen schroffen Meeresufers, an dem man bisher gefahren war, thut sich eine weite Bucht mit üppig bewachsenem, sanftwelligem Lande auf. Zur linken auf der gegenüberliegenden Landzunge glänzen oben auf der Höhe die röthlichen Mauern des Castells von Bajä, diesem gegenüber liegt an der rechten Seite das freundliche Städtchen Puzzuoli. Der Golf schneidet sich zwischen beiden Orten nordwestlich in Form eines Dreiecks in das Land und man sieht den Monte-Nuovo, einen nackten aschenkegeligen Berg, welcher erst 1538 sich in einer Nacht emporhob und den fischreichen Lucrinersee zu einem Sumpf machte, links davon den Avernus, der den Freunden aber nicht so furchtbar vorkam, als ihn Virgil beschreibt.

In Puzzuoli wurde Rast gehalten; ein Schwarm Verkäufer von Münzen, Conchylien und andern anständigen und unanständigen Dingen, Ciceroni, Fackelträger, Bettler umdrängten den Wagen unserer Freunde am Thor des stillen Städtchens und folgte ihnen bis zur Osteria am Molo, da, wo Caligula seine berüchtigte Brücke über den Golf nach Bajä gebaut haben soll; weder Scheltworte, noch Spott, noch Schweigen vermochte sie zu vertreiben, das Wort des Wirths allein vermochte es. Die kleinen salzigen Austern von Bajä geben dem prächtigen Wein von Ischia die schönste Folie. In einer Weinlaube, mit dem Blick auf Bajä, hielt man Mittagsmahl und später Siesta.

»Siehe da, dieses Fischerdorf, diesen armseligen Ort«, sagte der Maler, das Perspectiv, mit dem er über den Golf hinüberblickte, an Karl reichend, »ich erblicke in dem oder vielmehr über dem ganzen Malarianeste nur eine bewohnbare Villa, rechts vom Castell. Sollte man glauben, daß hier fünfhundert Jahre lang das erste Luxusbad der Alten Welt war, mit so großartigen Anstalten für Cur und Vergnügungen, wie kein Bad in der Welt seitdem existirte?«

»Ich weiß aus den Alten«, erwiderte Karl, »daß Tausende von Villen die waldigen Höhen gleich einer Perlenschnur säumten und Abertausende den Strand bedeckten, ja bis tief in das ruhige Meer hineingebaut waren, daß eine große Anzahl kaiserlicher Paläste die Stadt schmückten, daß die Thermen mit denen von Rom wetteiferten, die Tempel der Venus Genetrix, des Mercur und der Diana weit berühmt waren.«

»Und ich erinnere mich auch Ovid's ›Kunst zu lieben‹«, fuhr der Freund, der seine classische Bildung zeigen wollte, fort, »daß er jungen Männern, die Liebesverhältnisse anknüpfen wollen, die Appische Heerstraße, diesen schönsten aller Wege empfiehlt, gefüllt von wallfahrtenden Frauen, die dieser oder jener Göttin ein Gelübde erfüllen wollten, namentlich der Venus zu Bajä, Kränze in den Haaren und Fackeln in den Händen, oder in prächtigen Wagen die theuer erkauften Ponies selbst lenkend.«

»Ja, so vergänglich ist Menschenwerk«, ergänzte der andere, gleichsam als wolle er hinter dem Freunde nicht zurückbleiben in Kunde des Alterthums, »was dem Luxus und der Wollust fröhnte! Da, wo vor siebzehnhundert Jahren sich vierzigtausend Badegäste herumtummelten, wo dieser Golf auf beiden Seiten vom Morgen bis zum Abend von Gesang und rauschender Musik erschallte, wo rosenbekränzte Gesellschaften in den Myrtenhainen am Strande, auf Gondeln und Barken festliche Gelage hielten, zärtliche Paare die Einsamkeit suchten in dichten Myrtenhainen, zahlreiche bunte Barken und Gondeln sich in Wettfahrten maßen, oder zu einer kaiserlichen Prachtgalere, oder zu den Kriegsschiffen da drüben im Mare Morte segelten, die Badegäste vor den Serenaden nicht einschlafen konnten, die hier dieser, dort jener Schönheit gebracht wurden, alle Welt darüber einstimmig war, daß dieser Golf die schönste Gegend auf der ganzen Erde sei, ist heute ein verödeter Strand, von Fiebern heimgesucht und armen Fischern zur Wohnstätte dienend.«

»Aber, Bruder!« rief der Maler, das Glas mit dem Ischiawein emporhaltend, »vergessen wir nicht, was der Dichter sagt:

Einst war das Wasser in Bajä kalt,
Venus ließ Amor darin schwimmen,
Ein Funke seiner Fackel fiel hinein und entzündete es,
Seitdem verfällt, wer dort badet, in Liebe.

Wir beide sind in Liebe schon verfallen, aber unsere Lieben sind fern, eilen wir nach Bajä, um uns in der Liebe zu den Geliebten zu stärken im kühlen Meeresbade!«

»Und du willst den Dianentempel, das Amphitheater, den Jupitertempel ungesehen lassen?«

»Wir haben dazu auf der Rückfahrt Zeit, mich treibt es mit unerklärlichem Drange nach Bajä.«

Der Golf wurde umfahren, weder der Avernersee, noch die spärlichen Ueberreste des alten Cumä, auch nicht die Elyseischen Gefilde wurden besucht, unser Freund trieb, nach Bajä zu kommen. Dieses umfaßte nur wenige ärmliche Hütten, und in einer kleinen, schmuzigen Osteria fand sich kaum für die Pferde ein Aufenthalt; doch war die rebenumflochtene Veranda kühl, der Wein trinkbar, die Maccaroni zu genießen. Nach kurzer Zeit trieb es die Freunde ins Meer, das spiegelglatte. Das Bad erquickte und stärkte.

Nach der Rückkehr erfuhr Karl auf Befragen, daß allerdings seit drei Wochen ein deutscher Herr mit Frau und Dienerschaft die Villa neben dem Castell bewohne, um hier die Bäder des Nero zu gebrauchen. Die Frau, eine Engländerin, sei reizend schön und sei vor kurzem in Begleitung ihrer langaufgeschossenen blassen Begleiterin der Grotte der Sibylla zugegangen.

Wie kam Karl unwillkürlich der Gedanke an Olga? Sein Gefährte drängte, die Tempelruinen zu sehen, und setzte sich sofort, diese zu skizziren, als man dahin gelangt war. Der Führer, welcher sich ihnen angeboten, erbot sich, Karl indeß in die Grotte der Sibylla zu führen. Ein in den Felsen gehauener Gang, der unzweifelhaft einst Bajä mit Cumä verband, sollte eben betreten werden, als aus dem Innern zwei Fraueugestalten heraustraten.

Karl schrie laut auf, denn seine Jugendgeliebte, gefolgt von ihrer frühern englischen Gouvernante, stand vor ihm.

Die Gräfin hatte sich zu einer vollendeten Schönheit entwickelt, alles Eckige, Spitze, Scharfe, was ihre Züge in Heustedt noch an sich trugen, war einer anmuthigen Fülle gewichen, alles aber deutete noch die verschlossene Rosenknospe an; es war die jungfräuliche Olga, die vor ihm stand, nicht die Gräfin Schlottheim.

Diese, von der Helligkeit des Tages geblendet, hatte den Geliebten im Anfang nicht erkannt und war erst durch seinen Schrei aufmerksam geworden, sie ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand, die er mit heißen Küssen bedeckte. Er schickte den Führer zurück, dem Zeichner zu melden, daß er ihn am Strande erwarte.

Die Jugendgenossen gingen am Strande, der von den Trümmern der Paläste und Thermen eingenommen ist, die der übermüthige Luxus eines Hortensius, Lucullus, Marcus Piso, Nero hier erbaute und aus deren zerfallenen Gewölben bettelnd Hände sich überall den Wandernden entgegendrängten. Sie hatten sich so viel zu sagen, daß dieses Anbetteln sie in hohem Grade belästigte. Die hier schon bekannte Olga schlug daher auf dem Wege zu dem Dorfe Bauli einen Nebenweg ein, der den Berg hinan in einen Myrtenhain führte. Die Engländerin blieb zurück, um eine umgefallene Säule eines alten Palastes zu skizziren. Man stieg beinahe zum Gipfel des Berges hinan, wo eine der unzähligen Grotten, mit denen die Felsen des Cap Misenum bedeckt sind, zur Ruhe einlud. Es war ein Ort, wie die Dichter ihn lieben für ein liebendes Paar. Die Gräfin hatte ihre bisherigen Lebensschicksale kurz erzählt, jetzt erzählte auch der Geliebte, aber er faßte sich kurz, denn er führte Olga's Hand, die er in der seinigen hielt, wiederholt zu den Lippen und sah zu ihr mit immer wärmern Blicken empor.

Olga erhob sich: »Wir müssen für heute Abschied nehmen, aber ich hoffe, dich bald in Neapel zu sehen, einzig Herzgeliebter«, sagte sie und reichte ihm die Hand. »Dein Weg führt da hinunter, ich muß hinter dem Castell zu meiner Villa.«

Karl ergriff ihre Hand und zog sie an sich, sie auf den Mund küssend mit dem Feuer, das Angelina ihm eingeküßt.

Von Westen, vom Tyrrhenischen Meere, brauste der Wind und schüttelte die Myrtenblüten zur Erde. Olga hatte die glühenden Küsse des Geliebten mit einer Art geistiger Bewußtlosigkeit empfangen; als dieser aber kühner zu werden begann, kam ihr das Bewußtsein wieder, sie riß sich mit Heftigkeit aus seinen Armen und floh aus der Grotte, dem Erstaunten und Erschreckten zurufend: »Auf Wiedersehen in Neapel!«

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