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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Drittes Kapitel.
Olmütz.

Bollmann kam Anfang September nach Rheinsberg, wo der Bruder Friedrich's des Großen, Prinz Heinrich, seinen Hof hielt. Es war ein halbes Jahrhundert und länger vergangen, seitdem Friedrich, umgeben von französischen Gelehrten, hier als Kronprinz gelebt, geliebt und gedacht hatte, er, der Repräsentant der Neuzeit, der mehr denn einer die Baue des Mittelalters zertrümmerte und mittelalterlichen Schutt hinwegräumte. Daß ein titelloser Bürgerlicher, ein Doctor der Arzneiwissenschaft, schlechthin am prinzlichen Hofe so aufgenommen war, wie es mit Bollmann geschah, lieferte den Beweis, daß hier ein Geist wie Friedrich vorgearbeitet. Kaum hatte Bollmann seine Empfehlungsbriefe abgegeben, als er zu einer Audienz beschieden war, eine Einladung zur Oper und abends zum Thee beim Prinzen erhielt. Der persönliche Eindruck, den Bollmann durch seine Erzählungen von Paris und London auf den Prinzen machte, war für ihn wie für seine Mission der günstigste. Die Denkschrift Lally-Tolendal's überzeugte den Prinzen von der völkerrechtswidrigen Verhaftung Lafayette's, wie Bollmann's Rede davon, daß dieselbe mindestens eine ganz unpolitische sei und daß Hunderte von Gründen für Freigebung sprächen.

Alle die Dinge, die man nicht schreiben, wohl aber gewandt in der Rede ausdrücken konnte, wurden von dem Abgesandten Tolendal's hervorgehoben, um den politischen Motiven einer Freigebung aus Magdeburg die gehörige Folie zu geben. Der Inhalt jener der Denkschrift Tolendal's beigefügten Originalcorrespondenz zwischen Lafayette und Ludwig XVI. aus den Monaten Juli und August des vorigen Jahres ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, daß nicht die Royalisten, sondern viel eher die Demokraten Ursache hatten, Lafayette's Gefangennehmung gutzuheißen, aber diese Originalcorrespondenz gerade (durch Forster's Schuld zu früh veröffentlicht) mußte den damaligen Gewalthabern Frankreichs verborgen bleiben, da sie neben Lafayette auch andere compromittirte.

Prinz Heinrich versprach, sich bei dem Könige eifrig für die Freilassung des Gefangenen zu bemühen, und gab Bollmann Empfehlungsbriefe ins Lager. Dieser war Anfang October dahin unterwegs und schon in Frankfurt angekommen, als ihm mit Kurierpferden der König begegnete, dem plötzlich der Gedanke gekommen war, er müsse nach Polen gehen, um die Gemüther der neuen Unterthanen zu gewinnen.

Bollmann wartete die Rückkehr des Königs nach Berlin in Hamburg ab, wo er in den Familien Sieveking und Reimarus herzliche Aufnahme fand, dort eingeführt durch den Kapellmeister Reichardt, den er von Strasburg her kannte. Er wurde durch diesen Kreis wieder mehr demokratischen Ansichten und Grundsätzen zugeführt. Sein Umgang mit der zweiten Emigration in London, der Geistesaristokratie, die sich um die Staël sammelte, die hier gewonnene Einsicht in das Intriguenspiel der Revolution, in die Jagd um die Macht, der Eigennutz, den er fand, wo er Größe erwartete, seine Verhandlungen mit englischen Staatsmännern hatten nicht wenig dazu beigetragen, die Schärfe seiner demokratischen Grundsätze abzustumpfen, dazu kamen nun noch Briefe voll Klagen und Jammer, die er von seinem Freunde in Paris erhielt, welcher hier von seinem Enthusiasmus für die Französische Revolution durch die Greuel, die er unter seinen Augen sah, bald zurückgekommen war. Forster klagte, daß Egoismus da sein Spiel treibe, wo er reine Aufopferung zu finden gehofft, und daß Uneigennützigkeit, Freiheit, Gleichheit bloße Worte, Kinderklappern seien, um die Menge zu bethören, daß die ganze große Nation sich vielmehr nur in Betrüger und Betrogene theilte. Das alles hatte Bollmann zu einem Aristokraten gemacht.

Hier in der Republik Hamburg war es die liebenswürdige und geistreiche Tochter Reimarus', die Schwägerin Sieveking's, eine Republikanerin mit Leib und Seele, die ihn der Demokratie wiedergewann. Bollmann betrachtete seit diesem sechswöchigen Aufenthalte in Hamburg die Gegenwart nur als ein Thor, durch welches die Menschheit aus finsterer Vergangenheit in eine helle Zukunft gelange. Er eignete sich den damals wie heute vielfach gehörten Spruch an, daß Freiheit nur durch Despotismus begründet werden könne, obgleich es eine ewige Wahrheit ist und bleibt, daß aus Bösem nichts Gutes, aus Gewalt keine Freiheit, aus Unrecht an sich kein Recht entstehen kann.

Friedrich Wilhelm II., als er von der Lally-Tolendal'schen Denkschrift durch seinen Onkel Kunde erhalten hatte, erklärte, er wolle nicht, daß die Gehässigkeit der Gefangenschaft Lafayette's länger auf ihm ruhe, allein Bollmann's diplomatische Mission war doch gescheitert. Oesterreich hatte Lafayette reclamirt, weil er zuerst österreichischen Vorposten sich übergeben, und er saß nicht mehr in Magdeburg, sondern war nach Olmütz geschleppt, und auf die österreichischen Staatsmänner diplomatisch einzuwirken, das hielt man selbst in England, wohin Bollmann zurückkehrte, für unmöglich. Aber dieser ließ ein Ziel, das er verfolgte, so leicht nicht aus den Augen; er entwarf einen Plan, Lafayette aus Olmütz mit Gewalt zu befreien. Die Freunde Lafayette's in Frankreich und England, vor allen der amerikanische Gesandte in London, billigten den kühnen Plan und versahen Bollmann mit allen Mitteln, Pässen, Wechseln, Empfehlungsschreiben. Erich Justus ging im Sommer 1794 als reisender Naturforscher nach Schlesien, er machte dort Bekanntschaften und schloß Freundschaften, er besuchte die Bergwerke von Tarnowitz und begab sich dann über Ratibor nach Olmütz.

Olmütz galt für eine Festung ersten Ranges, Sternberg hatte hier 1241 die Ungarn geschlagen, und vor sechsunddreißig Jahren hatte Friedrich der Große nach siebenwöchentlicher Belagerung, ärmer durch die von Laudon bei Domstadt weggenommenen Geld und Munitionswagen, mit leerer Hand abziehen müssen.

In Olmütz verwahrte Oesterreich damals seine Staatsgefangenen, und aus Olmütz zu entkommen galt für unmöglich, denn diese Festung hatte, da sie in einem Thale lag, ihre Außenwerke über eine Stunde außerhalb der Wälle erstreckt. Unser unternehmender Hoyaer hatte die Pläne von Olmütz schon in England studirt und abgezeichnet, danach seinen Entwurf gemacht, der einfach darin bestand, die Oesterreicher sollten den Gefangenen selbst durch alle diese Festungswerke ins Freie bringen, dort wollte er für das Weitere sorgen.

Justus Erich brachte aus England, aus Breslau, aus Ratibor und Wien Empfehlungen mit an die angesehensten Aerzte in Olmütz, unter denen er bald auch den herausfand, der die im Jesuitencollegium bewachten Franzosen behandelte. Nach eingeleiteter Bekanntschaft vermittelte dieser Arzt, eines physiologischen Experiments wegen, ein Blatt Papier, das Bollmann aus seinem Tagebuche riß und mit einem englischen Verse beschrieb, an die Nummer des Gefangenen, die man für Lafayette hielt. Das weiße Blatt war aber schon vorher mit symbolischer Tinte beschrieben. Der Versuch glückte, das Blatt kam an seine namenlose Adresse, denn die Gefangenen in Olmütz hörten auf, Namen zu führen, sie waren nur Nummern. Lafayette wußte außer dem Verse aber auch den auf das Papier geschriebenen Rettungsplan zu lesen und gab durch eine allgemein gehaltene Antwort sein Verständniß zu erkennen, wie er sich später zu seinen Antworten des Citronensaftes bediente.

Bollmann's Plan erforderte längere Vorbereitung von seiten Lafayette's, es genügte vorderhand, daß mit diesem die Möglichkeit einer Verständigung angeknüpft war; er reiste nach Wien, um hier das Nähere abzuwarten und sich einen Genossen zu suchen. Diesen fand er bald in einem jungen Amerikaner aus Südamerika, Huger, einem Jünglinge voll Eifer und Muth, einem glühenden Anhänger Lafayette's.

Bollmann, der seinem Glücksstern traute, hatte an einem und demselben Tage eine doppelte Bekanntschaft gemacht, die ihm von großem Nutzen sein sollte. Er trat in Wien auf als Naturforscher und Arzt mit den bloßen Empfehlungen an Gelehrte, Professoren und Bankiers. Wien war damals noch nicht in der innigen Verbindung mit seinen Vorstädten wie heutzutage, es war Festung mit hohen Basteien, über die man erst in einiger Entfernung die schöne Pyramide des Sanct-Stephan emporsteigen sah; die vierunddreißig Vorstädte waren auch noch nicht so nahe an das Glacis herangebaut, sie waren, wie man sagte, noch 1684 Dörfer. Das hatte keine Einheit, wie die jetzigen sieben Vorstädte, sondern mußte erst zusammenwachsen. Wo damals schöne Gärten oder Fruchtfelder sich befanden, sieht man heute geradlinige, breite Straßen.

In der engen, hohen, von betäubendem Wagengerassel wie Straßenlärm staubdurchwogten Altstadt konnte Bollmann sich nicht wohl fühlen. Er hatte sich nahe der Mariahilfer Hauptstraße, zwischen dieser und der Wien, nahe bei dem fürstlich Esterhazy'schen Palais in der Berggasse eine Wohnung mit Remise, Pferdestall wie Garten gemiethet, Wagen und zwei Reitpferde angeschafft, einen Reitknecht, der zugleich den Kutscher spielen mußte, gedungen, einen Ungarn, gewandt und kräftig.

Justus Erich war einer der Menschen, die wenig Schlaf bedürfen, er schlief aber desto intensiver. Seit lange gewohnt, mit der Sonne aufzustehen, that er dies auch, wenn er spät nachts zu Bett gegangen. Jeden Morgen fünf Uhr ritt er mit seinem Reitknecht die Wien entlang nach Hietzing zu, auch wol nach Sanct-Veit oder weiter nach Lanz und Speising hinauf. Auf dem Rückwege wurden regelmäßig die Pferde in Hietzing in einem Kaffeegarten eingestellt, der seit etwa sechs Jahren den Namen Zur Neuen Welt bekommen. Dann wurde ein Spaziergang im schönbrunner Park gemacht und zwar regelmäßig in derselben Richtung, zunächst nach jener Grotte mit der schönen Nymphe, aus deren Arm der Schönborn fließt. Hier zog er seinen beständigen Begleiter, einen ledernen, in England gekauften Becher aus der Tasche und genoß als erstes Frühstück jenes prächtige Wasser, welches Joseph II. so unentbehrlich geworden war, daß er es sich auf Reisen nachsenden ließ. Von da wandte er sich meistens der Gloriette zu, diesem Prachtbau Joseph's, der seiner Mutter zeigen wollte, wohin sie Schönbrunn hätte bauen sollen. Nicht selten bestieg er die Plattform, um sich das Häusermeer Wiens und seiner Vorstädte anzusehen. Dasselbe nahm zwar keine solche Ausdehnung ein wie London von Sanct-Paul aus gesehen, aber welche Fülle von Naturschönheiten bei klarem, blauem Himmel gegen jenen Nebel und Steinkohlendunst! Nach Norden wurde der Horizont durch den Kahlenberg und das Klosterneuburg begrenzt, nordöstlich lag die Stadt mit ihren ungeheuern Vorstädten, dahinter die Donauinseln in dem verschlungenen Gewirr der Donauarme; östlich sah man über die große Insel Lobau in die weite Marchebene, südlich das Hügelland bis Baden mit den Steirischen Alpen im Hintergrunde. Das war wol ein Platz, um stundenlang zu träumen, und Bollmann hatte keine Beschäftigung; seine Besuche von Hörsälen, von Spitälern waren nur Schein, das Studium der Medicin lag für immer hinter ihm.

Es war aber noch etwas anderes, was ihn hierher zog. Während in den weiten Parkgängen nur Gärtnerburschen in dieser frühen Morgenzeit zu erblicken waren, war er auf der Gloriette zweimal einer Frauengestalt von so wunderbarer Schönheit begegnet, wie er sie nie gesehen zu haben sich erinnerte. Bollmann trug damals freilich »das Bild« des klügsten, edelsten deutschen Mädchens, wie er es Karl gegenüber bezeichnet hatte, im Herzen, wahrscheinlich das der Tochter Reimarus'. Er hatte sich aber nie gegen sie erklärt, er kam sich zu sehr als Abenteurer vor, um einer Familie wie der Reimarus-Sieveking sich als Schwiegersohn anbieten zu können; er liebte sie vielleicht mehr ihrer geistigen Bildung wegen, als um ihrer körperlichen Schönheit willen; wir wissen wenigstens nicht, ob sie schön war wie ihre Mutter, die Hennings. Aber Erich Justus wurde von Geist wie von Schönheit leicht erregt; die Dame, die er früh morgens in einfachem, aber feinem Négligé auf der Gloriette getroffen, fing an seine Phantasie in Bewegung zu setzen; er fragte die Gärtnerburschen, er fragte die Thierwärter nach ihrem Namen, konnte aber nur erfahren, daß sie im Schlosse wohne. Also eine Dame aus der Umgebung der Kaiserin. Die Phantasie brachte ihm die reizende Gestalt der Dame am Tage und in der Nacht, sobald er zu denken und zu arbeiten aufhörte.

Wenn er morgens sich auf sein Pferd setzte, so saß die Dame in seinem Kopfe. Es war gegen Ende August, als er eines Morgens später als gewöhnlich vor der Gloriette ankam und rechts abbiegen wollte, um sie zu ersteigen, da sah er auf der Plattform seine Schönheit stehen, nach Nordosten auf die Stadt blickend und sich gegen die Sonnenstrahlen durch einen Sonnenschirm schützend. Erich sah hinauf, in diesem Augenblicke hörte er ein »Mon dieu!« und sah, wie ein Windstoß den Sonnenschirm entführte und zu seinen Füßen niederlegte. Er beeilte sich, der herabeilenden Dame entgegenzugehen, und überreichte ihr den Schirm mit einer leichten französischen Redensart über den treulosen Flüchtling. Sie antwortete in gleicher Sprache, wenn auch nicht mit der fertigen pariser Zunge, in der jener sich ausdrückte.

»Ich bin erst einige Monate hier, bei einer Tante, der Gräfin von S., Staatsdame bei der Kaiserin, und kann mich schwer finden in das Ceremoniell des Hofes, in die vielen Formen, die beobachtet werden müssen, wenn Kaiser und Kaiserin, einer der vielen Erzherzoge oder Erzherzoginnen oder sonstige fremde Prinzen und Herren zugegen sind, und meine Tante ist sehr streng. Ich habe, glaube ich, Heimweh, es drängt mich jeden Morgen, die einzige Zeit, wo ich mir selbst angehöre, hier oben hinauf, um über die Stadt hinweg, weit an der March hinauf, mich in die Heimat nach Olmütz und mein Kloster zu träumen. So auch heute, da sah ich plötzlich –« sie zögerte und erröthete bis in den weißen Nacken hinein – »da kam ein böser Zephyr und entwandte mir den Schirm.«

So plauderte sie naiv und unbefangen weiter, als wenn sie den Doctor schon lange Zeit gekannt hätte. Man ging durch eine der schönen breiten Lindenalleen, die zum Schlosse führten. Als Bollmann den Namen Olmütz hörte, nahm er dies als glückliche Vorbedeutung, lenkte das Gespräch sogleich auf Olmütz, indem er sich über Stadt und Umgegend als ihm bekannt ausließ. Die Dame, welcher das Französischsprechen einige Schwierigkeit zu machen schien, war in das rechte Fahrwasser gekommen, sie fing an, im echten wiener Dialekt, der in schöner Frauen Munde so reizend klingt, über die liebe Vaterstadt und ihre Jugend zu erzählen, daß ihre Aeltern so früh gestorben, daß sie dieselben nicht mehr gekannt, daß ihr Oheim, der Bischof von Olmütz, sich ihrer Erziehung angenommen und sie solche bisher in einem Kloster daselbst genossen habe; sie erzählte in der unbefangensten Weise ihre ganze Jugendgeschichte und nannte auf Eindringen des Begleiters auch ihren Vornamen: Marie.

Man war so bis an den Theil der Gärten gekommen, den der Kaiser für sich reservirt, eine Schildwache am Eingange des Weges und ein eisernes Staket erinnerten daran; Marie drehte sich unbefangen um und sagte: »Ich habe noch Zeit, die Tante steht vor elf Uhr nicht auf, ich begleite Sie bis zum Ausgange.«

Man ging die große Allee jetzt hinauf, welche durch die sogenannte Menagerie in den Hietzing Eingang führte. Der junge Mann stellte sich selbst als Arzt und Naturforscher vor, nannte seinen Namen und erzählte von Paris und London, von Berlin und Hamburg, Leipzig und dem Rhein, lauter neue Dinge für die Nichte des Bischofs von Olmütz.

Als man an das Parkthor kam, reichte Marie die Hand zum Kuß, eine kleine, zarte, weiße, und fragte: »Sehe ich Ew. Gnaden wieder?«

»Jeden Morgen!« erwiderte der Beglückte, und man traf sich bis zu der Zeit, wo die That in Olmütz unsern Freund abrief, jeden Morgen, ohne daß wir sagen können, ob das naiv-brüderlich-schwesterliche Wesen, das sich am ersten Tage gemacht, einen zärtlichen Charakter annahm.

Als Bollmann in das Kaffeehaus in Hietzing zurücktrat, wo die Pferde standen, war er auffallend zerstreut und schlürfte den Kaffee mit dem zarten, weißen Kipfel dazu gedankenlos hinunter; oder war es lediglich Gedankenfülle, die ihn nicht bemerken ließ, daß in der offenen Reitbahn, die zwischen Hofplatz und Garten sich befand, sein Reitknecht sich herumtummelte auf seinem schwarzen Rappen, den Hausmann aus dem Wirthshause hinter sich, und daß Knechte und Stubenmadel und Kaffeeköchin über das komische Schauspiel laut auflachten?

Er kam erst zur Auffassung der Umgebung, als der Hausmann vom Pferde gefallen, der Reitknecht heruntergesprungen war und dem Hausmann die Zügel zugeworfen hatte und nun zu ihm trat, mit der Frage: »Ew. Gnaden schaffen's halter heut zu üben?«

Bollmann hatte nämlich gerade dieses Kaffeehaus zu seinem Morgenritte gewählt, weil hier zwischen Hof und Garten ein offener, runder Reitcircus war, der von Kunstreitern und Seiltänzern zu öffentlichen Vorstellungen gebraucht wurde. Er wollte seinem Rappen die Kunst beibringen, zwei Männer zu tragen und mit ihnen im Galop zu jagen.

»Hat halter n'en Sparrn«, dachte Anton, der Reitknecht. Jeden Morgen, wenn er aus dem Park von Schönbrunn nach Hietzing zurückkam und seinen Kaffee genossen hatte, setzte er sich hinter Anton auf den Rappen und dann ging's im Trab und Galop in der Reitbahn herum, bis der Rappe matt war. Da heute der Herr länger ausblieb als gewöhnlich, hatte Anton den Hausmann genöthigt, hinter ihm zu sitzen. Justus Erich hatte keine Lust zu Uebungen, er nahm das Pferd Anton's und hieß diesen, den Rappen langsam nach Hause reiten.

Der mit Lafayette's Befreiung Beschäftigte pflegte des Morgens, wenn er von seinem Spazierritte zurückkam, in die Stadt zu gehen, dort, wie es üblich, warm zu frühstücken und dann das eine oder andere Colleg in der Universität zu hören, eine Augenklinik zu besuchen oder die Militärisch-Chirurgische Akademie und das Militärspital in der Wehringer Vorstadt, um dem angenommenen Charakter einigen Schein zu geben, dann aber eine Stunde am Graben oder auf dem Kohlmarkte zu flaniren oder Kunstsammlungen zu besuchen. Mittagsbrot wurde bald hier, bald dort eingenommen, im Kaffeehause eine Schwarze getrunken und die wenigen Zeitungen gelesen, die damals erschienen, dazu wurde aus türkischer Pfeife Taback geraucht. Der Nachmittag und Abend aber ward dann an einem der unzähligen Vergnügungsorte in und um Wien oder im Theater zugebracht. Ein abwechselndes lustiges Leben das. Heute hatte Justus Erich aber zu alledem keine Lust, er mußte und mußte um jeden Preis Näheres erfahren über die junge Schöne, die sein leicht entzündbares Herz im Fluge erobert hatte. Es fiel ihm ein, daß er noch einen unabgegebenen Empfehlungsbrief und Wechsel auf ein österreichisches Bankierhaus habe, welches mit der kaiserlichen Burg in näherer Verbindung stand. Er machte Toilette und fuhr in die Leopoldstadt zum Comptoir des Barons. Dieser war äußerst freundlich und überhäufte den Besucher mit Titeln und Würden, die dieser ablehnte. Zum einfachen »Herr Doctor« war der Baron nicht zu bringen, er mußte den ihm aus England von einem Earl Empfohlenen mindestens baronisiren.

Bollmann, der sich schon an das »Ew. Gnaden &c. &c.« gewöhnt hatte, ließ sich das gefallen und kam, im Gespräche mit dem Bankier, endlich seinem Ziele näher.

»Schauen's Ew. Gnaden, ist's eben die Nicht' des Herrn Bischof von Olmütz – und so a Nicht' kann sein eine Tochter, kann sein eine Amata – wer kann's wissen? Glaub's freilich nit, daß es a Schazerl ist vom Bischof, ist wol zu alt dazu. Aber die Frau von S. sollten's halter kennen, ist ja die rechte Hand der Frau Kaiserin, und ihr Gemahl der Graf Franz von S. ist halter Vicepräsident der geheimen Polizei und Hofkammerpräsident und gilt mehr als der alte Graf Anton von Perger, der nur den Namen hergibt als Präsident. O! der Graf von S. ist mächtiger als selbst der Thugut Excellenz, eben durch den Einfluß der Gemahlin auf die Kaiserin.«

Bollmann wußte nun, was er wissen wollte, aber so leichten Kaufs sollte er nicht abkommen, der Baron bestand darauf, ihn seiner Frau und zwei Töchtern vorzustellen, und ließ nicht nach, bis Bollmann eine Einladung zum Diner annahm. Einen so großen Gelehrten und weitgereisten Mann, der in Paris und London gewesen, der, wie in dem Empfehlungsbriefe erwähnt war, Narbonne befreit hatte, den mußte man nicht nur bei Tisch haben, den mußte man auch im Prater sehen lassen, und war heute nicht Annentag und großes Feuerwerk?

Das Diner war prächtig; das »Gemischte« des Nachtisches mit seinen griechischen und syrakuser Weinen brauchte die Töchter des Hauses nicht mehr gesprächig zu machen, sie waren es von Anfang an gewesen, aber es machte, daß Bollmann, der zugeknöpfter geworden war, je mehr der Gastgeber und die weiblichen Familienglieder sich gehen ließen, mittheilsamer wurde, von Paris während des 10. August und von dem Kreise der Frau von Staël erzählte, die schon darum hochgeehrt wurde, weil sie Tochter eines Financiers wie Necker war. Der einzige Gast, der außer ihm geladen war, Attaché bei der russischen Gesandtschaft, kannte das Paris vor der Revolution genau, das Paris der Revolution war ihm unverständlich, er fragte und forschte und wußte auf diese Weise unsern Freund zu immer neuen Mittheilungen anzuregen. So nahte der Abend; da fuhren zwei elegante Equipagen vor, der Gast bekam den Sitz bei den jungen Damen, der Attaché hatte die Ehre, bei der Baronin und ihrem Gemahl zu sitzen. Man fuhr die Alleen des Praters, die von Wagen und schaulustiger Menge gefüllten, in gewohnter Weise bis zum Rondeau am Heustedtwasser. Die Damen verfehlten nicht, ihre Bekanntschaft mit der vornehmen Welt durch Erörterung der Familienverhältnisse der Insassen einer jeden ihnen begegnenden Equipage zu zeigen, wobei auf das ungenirteste bei den meisten Damen der Name des Hausfreundes, bei unverheirateten die Liebhaber genannt und kritisirt wurden. Man wußte, wen jeder der Herren, die auf schönen Pferden einherritten, suchen würde, in welches Theater diese oder jene Herrschaft noch fahre, und wem dort ein Rendezvous gegeben würde. Bollmann erwähnte beiläufig einmal der Nichte des Bischofs von Olmütz, allein die war seinen Begleiterinnen offenbar unbekannt, dagegen lernte er von den Liebesgeheimnissen der vornehmen und schönen Welt Wiens an einem Abende mehr kennen als in den Wochen, die er dort gewesen war. Man war wieder in der Gegend des Wurstprater angekommen und mußte nun die unzähligen Buden mit ihren thierischen und menschlichen Künstlern, Sängern, Musikbanden, Bären und Affen, Marionetten und Würfelbuden durchwandern, angerufen von dieser und jener Seite: »A herrlich Pletzerl, Ihr Gnaden! Schauen's a gut Zischerl. Schaffen's Gefrornes?«

Ja, Gefrorenes wollte man genießen, aber nicht in diesem Massengewühl. Der Baron mit der Frau voran, gefolgt von Bollmann mit der ältesten, dem Attaché mit der jüngsten Tochter, drängte man sich durch die vielen Tausende von geputzten Menschen, durch die Kindermadel mit den freundlich lächelnden, herausfordernden Augen, durch geschminkte und ungeschminkte Schönheiten. Justus Erich mußte gestehen, daß die Champs Elysées sich nicht mit dem Prater messen können, Hydepark und Kensington zwar an schönen Equipagen, noch mehr an guten Reitern den Prater überträfen, daß aber dieses bunte, lustige Leben und Treiben des Volkes dort fehle.

Man hatte endlich nordöstlich ein außerhalb des wüsten Getreibes liegendes aristokratisches Kaffeehaus gefunden, wo man Platz fand, um Gefrorenes zu nehmen.

»Schauen's den allerliebsten jungen Mann mit dem wunderschönen Hunde«, sagte Justus Erich's Begleiterin, auf einen noch jungen Mann mit dem Finger weisend, der vor einem der nächsten Tische saß und eine Landkarte studirte, während ein großer prächtiger Neufundländer zu seinen Füßen saß und sein schönes Haupt mit den treuen, klugen Augen auf die Knie seines Herrn gelegt hatte, zu ihm emporschauend. »O cher papa« sagte Flora aufspringend, zum Vater, »den Hund mußt du mir kaufen, den Hund muß ich haben«, und dann sagte sie zu Bollmann: »Ew. Gnaden müssen den hübschen jungen Mann fragen, ob er den Hund nicht verkaufen will, ich möchte denselben so gern haben.«

Bollmann wußte nicht, war das façon de parler, um die Bekanntschaft des »allerliebsten jungen Mannes« zu machen, oder war wirklich die Leidenschaft für den Hund so groß. Er sah sich den jungen Mann scharf an, derselbe hatte in seiner Physiognomie und seinem ganzen Wesen etwas Fremdes, das er nicht unterzubringen wußte, etwas Ritterliches, sodaß er unwillkürlich bei sich dachte: »das wäre ein Mann, wie du ihn brauchst«.

Er trat auf den Fremden zu, entschuldigte sich und sagte, das Fräulein, welches er begleite, finde den Hund so schön, daß sie vor Verlangen brenne, ihn zu besitzen, und gern erbötig sei, jeden Preis zu zahlen, der gefordert werde.

Der Fremde war durch die Anrede offenbar überrascht und schien dieselbe nicht vollkommen zu verstehen. Er erwiderte auf englisch: »Pluto nicht verkauft wird.«

Als Bollmann darauf in geläufigem Englisch seine Frage nochmals entschuldigte, überzog ein Freudenstrahl das Gesicht des jungen Mannes, fand er hier unter Tausenden von Menschen doch zuerst einen solchen, mit dem er sich in seiner Muttersprache unterhalten konnte.

Der junge Mann hieß Franz Huger, war aus Südcarolina gebürtig und bereiste Europa, um sich auszubilden. Er war erst am zweiten Tage in Wien, und Bollmann erbot sich sofort, ihn schon am nächsten Morgen herumzuführen und ihm das Sehenswertheste zu zeigen, sowie ihn der Familie des Bankiers vorzustellen, in welcher er sich befinde, wenigstens den Damen, die sich so sehr für seinen Hund und – bei der Liebenswürdigkeit aller Wienerinnen wisse man nicht – vielleicht auch für seine Person interessiren.

Huger lehnte die Vorstellung ab, wenigstens für heute; Erich versprach, ihn morgen früh sieben Uhr aus seinem Gasthause, dem Goldenen Lamm in der Leopoldvorstadt, abzuholen.

Ein Kanonenschuß verkündete, daß in einer halben Stunde der weltberühmte Stuver sein Feuerwerk beginnen werde. Alles eilte nördlich über den Praterstern hinaus, dem stehenden Feuerwerksplatze zu, wo ein Amphitheater für die Haute-Volée reservirt war. Wien war damals weltberühmt wegen seiner Feuerwerke und nahm nach den Chinesen und Japanesen den ersten Rang in dieser Beziehung ein. Der Name Anna oder Nannerl, wie die Wiener ihn umgewandelt, kam denn auch heute an ihrem Namensfeste in Brillantfeuer in rothem, blauem, gelbem Lichte, in Raketenform, neben vielen andern schönen Sachen mehrfach zum Vorschein.

Der Abend war so schön, daß, nachdem das Feuerwerk beendet und man mit Mühe und Noth sich zu den Wagen durchgedrängt hatte, Flora den Vorschlag machte, Bollmann nach seiner Wohnung zu fahren. So geschah es, und die schöne Baronesse erkundigte sich sehr eifrig nach dem prächtigen Neufundländer und dem Namen seines Herrn und nahm ihrem Nachbar das Versprechen ab, den Amerikaner in ihr Haus einzuführen, natürlich nur, weil sie hoffte, er werde sich erweichen lassen, ihr den Hund zu verkaufen.

Unser Freund, obgleich er von morgens fünf Uhr bis abends nach elf Uhr in beständiger Thätigkeit und Aufregung gewesen, konnte Ruhe nicht finden. Er schlief keinen gewohnten Schlaf, sondern träumte und phantasirte von der Nichte des Bischofs von Olmütz, und wie er mit ihrer Hülfe Lafayette auf leichtere Weise aus dem Kerker befreien könne, als die seit Monaten ausgedachte.

Sein Plan war einfach. Lafayette sollte sich krank stellen und immer kränker werden, sodaß Spazierfahrten ins Freie, wonach er dann und wann gegen den Arzt Sehnsucht äußern sollte, von diesem empfohlen würden. Dann sollten längere Zeit diese Fahrten statthaben, sich möglichst weit aus dem großen Festungsrayon ausdehnen und die Begleiter zur Sorglosigkeit und Nachlässigkeit hingeführt werden. Auf offener Straße wollte Bollmann dann Lafayette aus den Händen seiner Wächter herausreißen und über die schlesische und polnische Grenze nach Danzig entführen. In Ratibor und Tarnowitz waren Mittel zur weitern Flucht bereit. Bollmann bedurfte aber noch eines Gehülfen, und er träumte von einer Gehülfin, einer schönen, anbetungswürdigen, der Nichte des Erzbischofs von Olmütz; er hatte Thümmel's »Reisen im südlichen Frankreich« gelesen, und die Naivetät der heiligen Klara von Avignon spielte ihm einen fatalen Streich im Traume.

Am frühen Morgen war unser Freund aber in Schönbrunn auf der Gloriette; er schaute auf das Schloß, wovon er aber nur einen Theil der innern Hofräume übersehen konnte; er hätte gar zu gern das Zimmer gewußt, wo die Schöne geschlafen, um sie zuerst durch sein Glas zu sehen, wenn sie das Fenster öffnete. Seine Ungeduld stieg immer höher, er verwandte keinen Blick von dem Eingange aus dem Schlosse und dem Wege, auf dem Marie erscheinen mußte. Diese aber hatte auch sehr unruhig geschlafen, sie hatte sich früher wie gewöhnlich erhoben und schon einen kleinen Spaziergang höher in die Berge hinauf zur Einsiedelei gemacht. Sie war dann mit leichtem Schritt die Gloriette hinaufgehüpft und stand jetzt hinter Bollmann, während dieser nach Schönbrunn sah. Als Bollmann ihr »Bon jour« hörte, ihr in die hellen, reinen Augen blickte, da bat er ihr innerlich tausendmal ab, daß er im Traume diese Naivetät für eine gemachte gehalten. Zwei Stunden gingen im Plaudern wie wenige Minuten vorüber, und Bollmann, der sich erinnerte, daß er seinem Amerikaner um sieben Uhr ein Rendezvous versprochen, mußte aufbrechen.

In Huger fand Bollmann, was er suchte, einen Jüngling voll Muth, der, als er nur den Namen Lafayette hörte, den glühendsten Enthusiasmus äußerte, sodaß jener ihm in der ersten Stunde seine Plane offenbaren konnte und der Südcaroliner gern bereit war, sein Leben zu wagen und damit eine Schuld seines Vaterlandes, das Lafayette nach Washington hauptsächlich seine Freiheit verdankte, abzuzahlen. Der Antheil, den der Amerikaner an der Sache nahm, war so groß, daß er gedämpft werden mußte, was denn die schöne Baroneß Flora übernahm, welche den Südcaroliner auf Wienerisch in die Kunst zu lieben einweihte.

Bollmann selbst war sehr ungeduldig, daß aus Olmütz noch immer das verabredete Zeichen, daß mit den Spazierfahrten der Anfang gemacht sei, nicht kam. Die Zusammenkünfte mit der Nichte des Bischofs wurden mit jedem Tage, der Witterung wegen, kürzer, sie mußten aus dem Freien in die Orangerie verlegt werden, und als nun gar October herannahte, zog der Hof in die Burg, und hätte nicht Bollmann einen Plan förmlich ausgearbeitet gehabt, nach welchem man sich in den verschiedenen Bildergalerien und Kunstsammlungen der Großen, in den Kaunitz'schen, Liechtenstein'schen, Friesischen, Schönborn'schen, Lemberg'schen zu bestimmt verabredeten Stunden traf, so wären Zusammenkünfte ganz unmöglich gewesen. Hier aber, wo die Seelenreinheit Marie's sich in zweifelloser Weise zeigte, wo ihre Bildungsbedürftigkeit und Bildungssehnsucht in vollem Maße hervortrat, wo der in allen Fächern Gewandte Mythologie und Geschichte, Geographie und Naturgeschichte, Dinge, von denen man in ihrem Kloster keine Ahnung, und von denen auch Tante Staatsdame keinen Begriff hatte, gelegentlich der Gemälde, Statuetten, Gemmen erklären mußte, waren die glückseligsten Stunden des Ungeduldigen, denn was gibt es Schöneres, als ein junges, reizendes Mädchen in Kunst, Wissenschaften und der Liebe zu unterrichten, das Leben und Weben des Alterthums in seinen schönsten, wenn auch nackten Kunstwerken vor einer wißbegierigen Mädchenseele auszubreiten!

Indeß war die Nachricht gekommen, Lafayette müsse wegen erheblicher Krankheitssymptome täglich Spazierfahrten machen, und man rüstete zum Aufbruch. Bollmann war mit seinem neuen Freunde übereingekommen, daß sie das Wagniß zu zweien bestehen wollten, um ihren Plan in größter Einfachheit zu halten. Ob diesem die Trennung von seiner schönen Lehrmeisterin so schwer wurde als seinem Genossen die von seiner schönen Schülerin, mag dahinstehen; beiden Damen wurde sie schwer und Marie wurde nur in etwas durch den Gedanken getröstet, daß Bollmann zuerst nach Olmütz reise, dort das Kloster, in dem sie erzogen, besuchen wolle, daß er versprochen hatte, sie werde jedenfalls von ihm hören, vielleicht habe er sogar ihre Hülfe und Verwendung bei dem Oheim in Anspruch zu nehmen.

Pässe nach Mähren und Schlesien waren visirt und Ende October verließen beide Wien; sie führten ihren Wagen mit Postpferden mit sich; der Reitknecht ging mit den Pferden voraus, während sie gemächlich im offenen Wagen saßen. Es war die schöne Zeit der Weinernte und die prächtigsten Trauben und das schönste Obst in ganz Mähren in beinahe jedem Dorfe zu haben. Als naturforschende Engländer durchstreiften sie einen großen Theil Mährens, selbst hinter Olmütz, um aller Wege und Stege kundig zu sein. Am 7. November trafen sie in dieser Stadt selbst ein und benachrichtigten Lafayette, daß sie den nächsten Tag schon die Befreiung versuchen würden. Der Reitknecht wurde am 8. morgens mit dem Wagen fünf Meilen nach Hof vorausgeschickt, um dort Postpferde bereit zu halten. Der Neufundländer war der alleinige Insasse des Wagens, er hätte geniren können bei der That.

Nachmittags zwei Uhr pflegte Lafayette auf der Straße nach Sternberg spazieren zu fahren. Seine Befreier ritten eine halbe Stunde früher aus dem Thore. Bald kam ihnen auch ein bedeckter Wagen nach, in welchem Lafayette saß, ihm zur Seite ein Stabsprofoß, auf dem Bock saß der Kutscher, ein unbewaffneter Soldat, ein mit einem Seitengewehr bewaffneter stand hinten auf dem Wagen.

Der Wagen fuhr vorbei; die Reiter ritten schneller nach. Etwa eine halbe Stunde hinter dem letzten Festungswerke machte der Wagen kehrt. Jetzt waren aber die Reiter daneben und geboten dem Kutscher halt. Dieser hielt auch in halber Wendung. Die Reiter stiegen ab, der Amerikaner nahm die Pferde an sich, während Bollmann dem Kutschenschlage zueilte, den Lafayette schon aufgestoßen hatte, um herauszuspringen. Aber der Stabsprofoß hing sich an ihn und fiel mit ihm aus dem Wagen auf die Chaussee. Huger, die Pferde an der linken Hand, in der rechten das gespannte Pistol, trieb den hinten aufstehenden Soldaten zur Flucht ins Feld. Bollmann befreite Lafayette von dem mit ihm am Boden ringenden Gegner, entwaffnete denselben und hielt ihn mit starker Hand niedergedrückt. Der Soldat auf dem Bocke jagte, sobald er sich unbeachtet sah, zur Stadt zurück.

So stand Lafayette denn frei da, Bollmann hatte den entwaffneten Gegner losgelassen, der nicht säumte, dem Wagen nachzueilen.

Aber ein Unglück anderer Art setzte der Flucht ein unvorhergesehenes Hinderniß in den Weg. Als der Soldat die Flucht ins Feld ergriffen hatte, wollte Huger Bollmann, der mit dem Profoß rang und ihn zu entwaffnen suchte, zu Hülfe eilen, er hatte das Pistol zur Erde geworfen, um die rechte Hand frei zu bekommen, das Pistol entlud sich, die Pferde scheuten und eins derselben riß sich los und lief nun im Felde umher. Zeit war nicht zu verlieren, in Olmütz mußte bald Lärm werden, an Eifer und Mitteln zum Nachsetzen konnte es dort nicht fehlen. Lafayette's Rettung war Bollmann's einziges Augenmerk; er gab ihm kurze mündliche Anweisung über das Nächstnöthige, einen vorher geschriebenen Zettel mit ausführlichen schriftlichen Angaben, eine Börse mit Gold und beschwor ihn, das eine noch so vorhandene Pferd zu besteigen und allein fortzureiten nach Hof; dort sollte er eine halbe Stunde warten, und seien dann er und Huger nicht da, mit dem Wagen weiter fahren nach Ratibor. Nach einigem Widerstreben ritt Lafayette mit dem Rappen spornstreichs davon.

Inzwischen hatten Bauern auf dem Felde das entlaufene Pferd eingefangen und gaben es für ein Trinkgeld zurück. Allein das unbändige Pferd wollte durchaus keinen zweiten Reiter aufsitzen lassen, den hierzu abgerichteten Rappen hatte Lafayette bekommen, ohne daß man daran gedacht, daß er den zweiten Mann tragen müsse. Kein Zwang, keine Kunst half. Da rief Huger: »Ich allein verschulde das Unglück mit den Pferden, ich bin auch nicht weiter nöthig für die Sache, du Bollmann aber bist unentbehrlich, ich selbst will schon zu Fuß durchkommen«, und ohne auf des Freundes Widerspruch zu achten, eilte er dem Walde zu.

Bollmann spornte sein Pferd und kam ohne Aufenthalt nach Sternberg. Nur zehn Minuten vor ihm war ein anderer Reiter durchgekommen. In großer Hast folgte er. Als er aber nach Hof kam, fand er Lafayette nicht, derselbe mußte einen andern Weg eingeschlagen haben. Zurückgehen konnte er nicht, er hoffte ihn in Schlesien zu treffen und fuhr mit dem Wagen in Begleitung des treuen Pluto, der nach dem Verbleibe seines Herrn zu fragen schien, der Grenze zu; um ein Uhr nachts war er in Ratibor und in Sicherheit.

Aber er dachte nicht an sich, er dachte nur an Lafayette. Nach vergeblichem Harren suchte er in Begleitung Pluto's die verschiedenen Plätze, die zunächst der schlesischen Grenze als Zufluchtsorte Lafayette schriftlich bezeichnet waren, ab; vergeblich. Er kehrte nach Ratibor zurück, verkaufte seinen Wagen und war im Begriff, nach Waldenburg an der Grenze Böhmens und Schlesiens hinabzuschleichen, in der Hoffnung, daß Lafayette an einem nördlichern Punkte als Troppau die Grenze erreicht habe. Er wurde in dieser Meinung noch bestärkt, als er in Ratibor einen Brief von Huger aus Krakau erhielt. Dieser hatte in der Gegend von Pleß die Grenze erreicht und sich östlich nach Krakau gewendet, um von da über Warschau nach Berlin zurückzureisen. Ein Schreiben an Flora von E. lag ein und er bat Bollmann, dieser das Schreiben nebst Hund Pluto zu übermachen. Bollmann lohnte Anton ab, versah ihn mit Reisegeld und sandte ihn mit dem Hunde über Brünn nach Wien. Anton hatte einen alten ungarischen Paß; er war aber bei dem Ueberfall nicht gegenwärtig gewesen, man wußte kaum von seiner Existenz. Bollmann wendete sich dann zu seinem Unglück über Jägerndorf nach Mittelwalde, um Lafayette aufzusuchen.

Dieser hatte Sternberg glücklich erreicht, hier aber war er auf einen falschen Weg gekommen, indem er einem ihm begegnenden Husarenregiment auswich. Sein durch starken Ritt erschöpftes Pferd war zusammengesunken, er hatte ein neues gekauft und war auf Braunseifen, zu weit links, gekommen. Man hatte ihn als Landstreicher festgenommen, war aber schon im Begriff, ihn freizugeben, als ein Ladendiener ihn erkannte. Nun setzte man ihn fest, aber erst drei Tage später führte ihn ein Commando nach Olmütz ab. Sein Befreier hatte nicht bedacht, daß die ganze Grenze von Olmütz aus durch seine kühne That alarmirt war. Er wurde bei erster Ueberschreitung derselben gefangen, nach Olmütz abgeführt, wo man ihn in Ketten legte, ohne Luft, ohne Bett und ohne Buch ließ.

»Wahrlich«, schrieb Bollmann später aus Karlsruhe, »man behandelt in Preußen einen Straßenräuber besser, als man mich in Olmütz behandelte. Aber ich blieb gesund, ja heiter. Man leidet mehr von Uebeln, die man fürchtet, als die man erfährt. Meine Gefangenschaft war von Anfang bis zu Ende ein Triumph der Freundschaft; sonst verliert man Freunde im Unglück, ich habe neue erworben.«

Bollmann's That machte ungemeines Aufsehen, namentlich in Wien, überall wurde sie besprochen, gerühmt, bewundert, selbst in der Hofburg geschah dies. Marie bekannte ihrer Tante offen, daß und wie sie Bollmann's Bekanntschaft gemacht habe, und flehte zu den Füßen des Grafen von S. um seine Begnadigung. Sie drang mit Entschiedenheit darauf, nach Olmütz zu reisen, und setzte ihren Willen durch. Als Anton mit Pluto in Wien glücklich angekommen war und den Brief Huger's übergeben hatte, bildeten Flora und der Hund in der Haute-Volée financière die Löwen des Tages. Bollmann hatte bei den ersten Verhören sofort durch ein freiwilliges, offenes Geständniß sowie durch die glänzende, begeisterte Rede, in der er das an Lafayette geschehene Unrecht hervorhob, einen höchst vorteilhaften Eindruck auf die Militärcommission gemacht, welche ihn vernahm.

Eines Tages, er wußte kaum, ob es Nacht oder Tag sei, wurde er in ein vom Tageslicht erhelltes Gefängniß geführt und erhielt dort sein Mittagsmahl. In der Suppe fand er ein fettgetränktes Papier mit den Worten: »Freund, fasse Muth, man wird dich nach Wien vor gerechtere Richter bringen. M.« Also Marie sorgte für ihn. Auch aus Hamburg erhielt er durch Vermittlung Sieveking's einen ersten Brief von dem Wesen, das ihm über alles theuer und sein Ideal war.

In Wien wurde die öffentliche Meinung zu Gunsten Bollmann's so laut, wie es die Censur nur irgend erlaubte; die Freimaurer, die seit Joseph II. in Wien starke Wurzeln geschlagen, nahmen sich seiner als des Sohnes eines Freimaurers auf Verwendung des Herzogs Ferdinand von Braunschweig an, vor allen aber wirkte die Nichte des Bischofs von Olmütz. Sie hatte freilich geloben müssen, den Ketzer nicht wiederzusehen, und sah ihn erst wieder unter ganz andern Verhältnissen, beinahe nach zwanzig Jahren, wo sie selbst Fürstin war.

Während Lafayette noch drei Jahre im Kerker gehalten wurde, erlangte Bollmann nach sieben Monaten, Ende Juni 1795, seine Freiheit; man gab ihm auf, die österreichischen Staaten sofort zu verlassen und künftighin zu meiden.

Er konnte dies nicht thun, ohne von der schönen Nymphe im Garten zu Schönbrunn und von der Gloriette Abschied genommen zu haben, und Flora entließ ihn nicht aus Wien, ohne daß ihm zu Ehren auf der Villa ihres Vaters bei Dornbach ein Souper gegeben wäre, wobei sie den Helden von Olmütz allen Freundinnen vorstellte und dann so zärtlich Abschied von ihm nahm unter vier Augen, daß der Südcaroliner gewiß eifersüchtig geworden wäre, wenn er zugegen gewesen.

Unser Freund ging zunächst nach Hoya, um dort seinen alten Vater, seinen ältern Freund Hüpeden, seinen Onkel Hoppe in Vilsen vor seiner Abreise nach Amerika zu sehen und von ihnen Abschied zu nehmen. Sein Ideal in Hamburg hatte, da die Umstände, eine Stellung in England im Cabinet zu bekommen, für Bollmann nicht günstig gewesen, geglaubt, »sich ihrer Pflicht opfern zu müssen«, sie war Frau des französischen Ministerresidenten Reinhard geworden. »Man kann das ja nicht tadeln«, schrieb Justus, aber es schien, als ob damit die Illusionen dahin wären, als ob er schon vor seiner Ankunft in Amerika ein Realpolitiker, wie man heutzutage sagen würde, geworden wäre. Ein jüngerer Bruder war schon nach Amerika voraus, Justus Erich folgte ihm. Sein Vater hatte ihn nach Kräften mit Mitteln ausgestattet, die Freunde Lafayette's in London machten ihm ein sehr ansehnliches Geschenk, sodaß er seinen Brüdern reiche Geldmittel mitbrachte, um ein gemeinsames Handelsgeschäft zu begründen.

An Karl Haus schrieb Bollmann bei Uebersendung eines gedruckten Empfehlungsbriefes: »Wundere Dich nicht, Lieber, wenn Du meinen Namen in einer Kaufmannsfirma erblickst. Ich habe so viel wenigstens, seitdem wir Göttingen verließen, gelernt, daß das spirituellste Metier, selbst das eines Professors, seinen guten Antheil von Tagelöhnerarbeit hat, und weiß, daß jeder, der nicht zu den Zehntausend gehört, die in England regieren, nur fruges consumere nati sind, arbeiten muß. Ich weiß auch, daß Arbeit Geist und Körper erhält. Preisverzeichnis studiren, Proben sammeln, Interessen berechnen, Briefe schreiben, Käufe und Verkäufe machen, das muß mit Dichterlesen, Aufsätzeschreiben, Politikstudiren, den Fortschritt der Menschheit, wo es nur möglich ist, fördern helfen, Hand in Hand gehen können, oder der Teufel möchte dieses ganze Leben holen. Sei übrigens unbesorgt, der Vetter Junker in Bremen oder vielmehr sein Weib ist mir ein abschreckendes Beispiel geblieben; keine Spur von niedrigem Eigennutz soll jemals auf meinem Charakter haften.

»Und dann vergiß nicht, die Großen sind undankbar, ich habe es erfahren, kannst Du es nicht mehr aushalten bei Deinem Herrn, um offen zu sprechen, so komm nach Amerika und werde ein freier Mann.«

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