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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Zweites Kapitel.
In Eckernhausen.

Es war kein gewöhnliches Weiberschmollen, das sich in Anna's Busen regte, als sie am Hochzeitstage aus der Mitte des Bankets von dem Gatten weggeholt und in den einsamen Wagen mehr hineingehoben und geschoben wurde, als sie hineinstieg. Claasing fluchte auf die Bedienten und gräflichen Kammerdiener, welche den Schmuckkasten, der die reichen Geschenke der Gräfin, der Excellenz von Schlottheim, der Milchschwester Olga's und anderer Hochzeitsgäste barg, noch immer nicht herbeibrachten. Er achtete nicht auf den Zustand seiner Frau, die noch immer im Brautkleide, dem zarten Linnen, dabei den leichten Turban von Musselin auf dem Kopfe, fröstelnd in die Wagenecke sich gekauert hatte. Bei der Hast, mit der er die Abreise betrieben, hatte er an das Notwendigste, an warme Bekleidung für Anna, an eine Mantille oder dergleichen, nicht gedacht. Der leichte weißseidene Shawl, den sie um den Nacken geschlagen hatte, konnte sie vor Kälte nicht schützen, und es war gegen Abend recht unheimlich kalt geworden, wovon die vom Wein und Tanz erhitzten Hochzeitsgäste wenig gemerkt hatten..

Der Wind, am Tage aus Osten kommend, hatte blauen Himmel und Sonnenschein, eine seltene Erscheinung in diesem Regenjahre, gebracht, jetzt seit Abend blies ein rauher, kalter Nordwestwind schwere schwarze Wolken vor der bleichen Halbmondscheibe einher. Als endlich der Schmuckkasten gebracht war, der Obergestütmeister denselben dem Kutscher empfohlen hatte und er nun in den Wagen stieg, sah er die bleiche, vor Frost zitternde junge Frau, die Augen voll Thränen in dem Wagen sitzen, und er sprang abermals fluchend aus dem Wagen, ließ sich ein paar Pferdedecken reichen und hüllte die zitternde junge Gattin, einige Worte der Entschuldigung murmelnd, in dieselben und befahl, im Galop nach Eckernhausen zu fahren.

Es war kein Schmollen, daß Anna die mehrmaligen Versuche ihres Gefährten, ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen, stumm zurückwies und sich ernsthaft zur Wehr setzte, als jener den Versuch machte, sie zu umarmen und sie zu erwärmen, wie er sagte.

Der ganze Ernst der Situation hatte sich plötzlich vor ihren Augen aufgethan, alle kindischen Träume, alle Gaukelbilder von der Freiheit, die sie als Frau genießen würde, von der Art und Weise, wie sie den Mann am kleinen Finger lenken wolle, waren auf einmal verschwunden. Sie fühlte am Hochzeitsabend, daß sie in Claasing keinen sie liebenden Mann geheirathet, daß sie einen Herrn bekommen, der in ihr eine Sklavin sehe. Die Roheit, mit der er sie in den Wagen geschoben, die Rücksichtslosigkeit, mit der er ihr selbst verweigert, in ihre Stube zu gehen, sich umzukleiden und das Nöthigste von Kleidern und Nachtzeug (die eigentliche, noch von Anne Marie beschaffte Aussteuer und sonstiges Eigenthum Anna's war längst nach Eckernhausen geschafft) zu sich zu nehmen, schreckten sie, sein nach dem Pferdestalle schmeckendes Fluchen widerte sie an. Vor allem verdroß es sie, daß, nachdem sie seine Umarmung zurückgewiesen, er ruhig die beständige Begleiterin, die Tabackspfeife, aus der Wagentasche nahm, Stahl und Stein und Schwamm benutzend seine Pfeife anzündete, ohne sich weiter um sie zu kümmern. Das konnte ihm die Neuvermählte nicht verzeihen. Hätte er sie mit Bitten und Flehen, süßen Worten und Schmeicheleien so lange bestürmt, bis ihr gutwilliges Herz vielleicht verziehen hätte, bis sie geduldet, daß er ihr einen Kuß raubte, daß er sie, die noch immer vor Frost Zitternde, in seinen Armen erwärmt hätte, es wäre wahrscheinlich ein großes Verbrechen erspart worden.

Aber der Jüte, der so oft von Weibern beherrscht war, den Karoline Mathilde mit der Reitpeitsche tractirt, den Juliane zum Mordgenossen gemacht und zu ihrem Sklaven, dem die Gräfin Melusine und andere befohlen, er wollte seiner jungen Frau gegenüber zeigen, daß er Mann, daß er Herr sei, er wollte Zärtlichkeiten von ihrer Seite erzwingen und ertrotzen.

»Sie soll mir schon kommen«, dachte er, »sie wird sich schmiegen und nachgeben, ich will doch einmal sehen, ob sie mir nicht zuerst gute Worte geben muß.«

So kam man in Eckernhausen an, sich fremder und einander abgewendeter als je.

Das neue Haus auf dem Vollmeierhofe war nach niedersächsischer Art gebaut, einstöckig. Vieh- und Menschenwohnungen unter Einem Dache. Vorn fuhr man durch ein mächtiges Hofthor auf einen großen, durch Dornhecken eingefriedigten, gepflasterten Hof, in dessen Mitte das große sogenannte neue Haus, das nun auch schon vierzehn Jahre alt geworden, mit langer Tenne, auf der zu beiden Seiten die Stallung für das Rindvieh war, sich befand. Das Haus unterschied sich aber von den alten Vollmeierhäusern im Dorfe doch wesentlich. Diese hatten den Herd am Ende der Diele, da, wo diese von der Tenne in der Regel durch Pflasterung mit kleinen Kieselsteinen geschieden war, und der Herd hatte keinen Schornstein, der Rauch zog oben durch das Strohdach. Hier war eine Küche mit Schornstein angebracht und auf der andern Seite ein zweiter Schornstein, in den die Kamine von drei um denselben herumliegenden Stuben ihren Rauch entleerten. Die Wohnräume unten bestanden aus drei Stuben für die Herrschaft und zwei daranstoßenden Schlafkammern, einer Gesindestube, einer Mädchenkammer mit vier Schlafkojen, einer Reuterkammer gegenüber für die Einquartierung, einem Speise- und Milchkeller, endlich einer Geschirrkammer mit Rademacherwerkstätte. Die Knechte schliefen im Pferdestalle. Der Giebelausbau nach hinten war mit einem Kniestock versehen.

Hier hatte der Schwiegervater, zuerst vielleicht in der Umgegend auf viele Meilen weit, für seine Anne Marie ein Prachtzimmer einrichten wollen, wo sie alle die Porzellan-, Silber- und Goldsachen, die sie im Laufe der Jahre in der gräflichen Familie zum Geschenk erhalten, sowie sämmtliche Möbeln, welche sie im Schlosse benutzt hatte und die ihr bei ihrer Abreise nachgeschickt waren, zum Beschauen für Vettern und Basen ausstellen könne. Links vom Prachtzimmer war ein kleines Schlafcabinet, in welchem das von Anne Marie eingebrachte Bett stand, rechts an dasselbe schloß sich die Linnenkammer mit einem von der Mutter eingebrachten alten, reich mit Holzschneidereien verzierten eichenen Schranke und einer mit Schnitzereien versehenen sogenannten Lade, in Form etwa eines Sarges, auf der die Hochzeit der Esther und der Tod Haman's dargestellt war, beide von oben bis unten mit Leinwand und Drell angefüllt. Auch waren große Vorräthe von ungebleichtem Garn und feinem Flachs angehäuft, daneben war eine Fremdenstube und Kammer.

Hans Dummeier hielt diese Räume heilig; hatte der Fuß seiner verstorbenen Frau sie nie betreten, so sollte doch auch Katharinas Fuß nie die Schwelle berühren, er hielt die Räume seit länger als vierzehn Jahren streng verschlossen und betrachtete sie als eine der noch immer geliebten Hingeschiedenen geweihte Stätte, die er nie betrat, ohne Reue zu empfinden, selbst wenn dies nur aus dem Grunde geschah, um zu lüften.

Nachdem die Tochter sich verlobt, brachte er den Schlüssel zu diesen Räumen dieser, die dann von Zeit zu Zeit selbst nach Eckernhausen ging oder fuhr und es sich schon ganz wohnlich in diesen Räumen eingerichtet hatte. Hinter den Wohnräumen war beim Neubau der Eichsünder etwas gelichtet, um einen Blumengarten zu schaffen. Katharina hatte während ihrer Wirthschaft nichts von einem solchen wissen wollen, sie hatte die Rosen- und Nelkenstöcke ausroden lassen und Erbsen, Bohnen, Rüben, Suppenkräuter, Kohl und Salat da gepflanzt. Als aber die Heirath beschlossen war, vermittelte der Bräutigam, daß der gräfliche Gärtner selbst den Blumengarten, so gut das in einem Jahre ging, wieder einrichtete.

Das Gehöft selbst befand sich sonst ringsum in einem Eichsünder, man sah ein benachbartes Haus überall nicht, denn der Weg weiter ins Dorf war gleichfalls auf der andern Seite mit Eichen bestanden, welche dem Nachbar Claus gehörten, und so ging es fort, bis, näher der Kirche, Köthner-, Brinsitzer- und Anbauerstellen ohne Holzung kamen.

Sämmtliche Vollmeierhöfe waren dazumal noch von Eichwaldungen umgeben, von denen heute viele Reste auf dem Grunde des Meeres in allen Himmelszonen der langsamen Vermoderung entgegengehen, andere noch auf dem Meere schwimmen.

Als das junge Ehepaar im Hofe ankam, tönten ihnen die schrillenden Töne einer Fidel und Clarinette entgegen, nach denen die Dienstboten auf der Tenne tanzten. Der Altvater hatte ihnen zum Auszuge und zu Ehren der Hochzeit der Tochter eine große Tonne Bier und ein kleines Faß mit Branntwein geschenkt und den Tanz erlaubt. Knechte und Mägde von den benachbarten ebenbürtigen Höfen waren eingeladen. Man hatte das junge Ehepaar so früh nicht erwartet, und der Großknecht war ganz außer Stande, den mühsam erlernten Willkommsspruch herzusagen.

Die Hauptthür war mit einer Art Ehrenpforte von grünem Laube, Astern und Sonnenblumen geziert, wovon man freilich bei Abend nichts sah; aber die Stuben, selbst die sogenannte Dönze, waren kalt und frostig. Das Hoch, mit dem das Ehepaar begrüßt wurde, klang in den Ohren der jungen Frau widerlich, sie wand sich mühsam aus ihren Pferdedecken und eilte, nicht blos unter dem Vorwande des Unwohlseins, in die obern Zimmer, wo die Großmagd schnell heizen mußte, und in denen sie sich dann verschloß.

Der Eheherr braute sich ein Glas schwedischen Grog, ein zweites und ein drittes, machte einige derbe Scherze mit den Dirnen von den Nachbarhöfen und legte sich halbberauscht in der untern Schlafkammer nieder, um bald einzuschlafen.

Anna schlief nicht. Sie lag fiebernd im Bette im Nachtzeuge ihrer Mutter, an die sie seit langen Jahren niemals so lebhaft gedacht als heute. Das Fideln und Tanzen, das Juchherufen und Schreien von der Tenne drang zu ihr hinauf und störte sie auf, wenn sie aus körperlicher Ermattung in den Schlaf gesunken war. Ihr Gewissen, das bisher nichts von sich hatte hören lassen, war wach und nicht zu beruhigen. Sie überblickte zum ersten mal mit Ernst und Scham ihr Leben in der letzten Zeit. War sie nicht ganz aus freien Stücken in die Ehe mit Claasing hineingesprungen? Hatte sie nicht die treue Liebe, die ihr Heinrich Schulz schon von Kindheit an gewidmet, sein treues Herz mit dem guten frommen Blick, schnöde von sich gewiesen? Hatte sie dem Bräutigam der Milchschwester nicht ihre Neigung zugewendet, sich ihm hingegeben, ihm, der auch die Liebe der Filler-Martha nicht verschmäht hatte? Und sie hatte sich auch nur einen Augenblick einbilden können, der Graf liebe sie so, daß er sie heirathen würde? Sie war entehrt durch eigene Schuld.

Am Morgen konnte sie kaum das Bett verlassen, sie fühlte sich krank und schwach, der Kopf that ihr weh, sie fühlte sich so einsam und verlassen. Ihr Mann war schon früh am Morgen nach Heustedt geritten, Knechte und Mägde waren vom Hofmeier in die gewohnte Beschäftigung getrieben, es stand noch Weizen im Felde, den man wegen der nassen Jahreszeit nicht hatte einscheuern können, und schon drohte es wieder mit Regen. Nur eine Jungmagd war ihr geblieben, mit deren Hülfe sie sich Thee zum Frühstück bereitete. Anna schickte die Jungmagd zum Vater, um ihn zu bitten, zu ihr zu kommen. Allein der Vater hatte noch so viel Interesse für die eigene Aussaat, daß er den Weizen nicht verkommen lassen wollte, er half den Knechten beim Aufladen und Einbringen. Gegen Mittag kam die Großmagd nach Hause, um Buttermilch, Brot, Butter und Speck für eine schnelle Mittagsmahlzeit der Knechte und Mägde zurechtzumachen und zu fragen: was die Frau Obergestütmeisterin zu essen befehle? Ach, der Armen war alle Lust zu essen und zu trinken, ja alle Lebenslust vergangen, sie wünschte nichts lieber als zu sterben.

Der Vater kam erst am Abend, nachdem auch Claasing mit einem gräflichen Wagen und allen Sachen, welche Anna noch im Schlosse ihre eigenen nannte, sich eingefunden hatte. Die Tochter hätte den Vater gern allein gesprochen, um sich ihm, dem sie eigentlich seit dem Tode ihrer Mutter entfremdet war, wieder näher anzuschließen; sie bedurfte einer Stütze, bedurfte des Trostes; wer war ihr näher als der Vater? Was hätte sie darum gegeben, wenn sie sich an seinem Halse auch nur eine Stunde hätte ausweinen können. Freilich war der Vater ernst und machte ein Gesicht wie das Wetter, denn der Regen war nicht ausgeblieben und eine große Anzahl Hocken stand noch im Felde.

Claasing brachte aus dem Wagen einen sehr großen schwarzen Kasten mit, der in die Wohnstube getragen wurde. Es war das Reisebüffet der Gräfin. Diese schickte der jungen Frau, damit sie in den ersten Tagen der Flitterwochen sich nicht allzu sehr um die Küche bekümmern müsse, Geflügel, junge Hähnchen, Rebhühner und Fasanen, einen Rehziemer, eine Hirschkeule, eine Wildpretpastete, alles auf das beste zubereitet, daneben Torten und Näschereien, Biscuits und Makronen, Chocolade und Thee, mit einem Flaschenkorbe edler Getränke, feurige und süße Weine, des Champagners nicht zu vergessen.

Claasing war hocherfreut über dieses Geschenk, er behauptete, halb verhungert zu sein, und befahl der Frau mehr, als er bat, den Tisch decken zu lassen und für den Vater einen Stuhl zu setzen. Anna gehorchte. Man setzte sich zu Tisch, und während die Männer aßen wie Leute, die den ganzen Tag im Freien gearbeitet haben, konnte die Neuvermählte kaum einige Bissen Geflügel hinunterbringen, und sie nippte nur von dem Champagner, den ihr Gemahl und der Vater in vollen Zügen tranken.

»Wir wollen heute Nachhochzeit feiern, mein gutes Püppchen«, sagte der Gestütmeister, und wollte mit Anna anstoßen.

»Ich habe weder Hochzeit gehalten, noch werde ich Nachhochzeit feiern«, erwiderte diese, »ich bin krank und werde mich nach oben zurückziehen; ich wünsche gesegnete Mahlzeit«, und damit ging sie nach oben und schloß sich ein.

So war der Augenblick, wo sich Vater und Tochter ans Herz sinken, ihr gegenseitiges Herzeleid klagen und beieinander Trost finden konnten, vorüber, unwiederbringlich. Der Vater verstand die Tochter nicht, er hielt sie für eine verzärtelte Stadtdame, die selbst nicht wisse, was sie wolle, und redete dem Schwiegersohne zu, sie Mores zu lehren. Die Tochter wußte nicht, was den Vater drücke, daß er seit Jahren unglücklich war, wußte nicht, daß er, solange er in dem Leibzuchthause zubrachte, seit etwa vierzehn Tagen, noch keine ruhige und glückliche Stunde gehabt hatte.

Sich auf den Altentheil setzen, ist ganz gut für geistig oder körperlich schwache Personen, für Bauern, die den ganzen Tag auf der Bank neben dem Ofen sitzen können, die sich der Wärme freuen und Regen, Wind und Frost da draußen fürchten, die wenig denken oder nur ans Essen denken. Aber Dummeier war ein kräftiger Mann, obgleich ein Sechziger. Er war Winter wie Sommer mit den Knechten um vier Uhr morgens aufgestanden, hatte so lange gedroschen, bis Pferde und Kühe abgefüttert waren, dann hatte er nach den Pferden gesehen, ging in die Geschirrkammer. Im Sommer, Frühjahr und Herbst beaufsichtigte er im Felde das Thun und Lassen der Knechte und legte, wo es erforderlich war, selbst mit Hand an. Er war nie ein Ofenhocker. Machte Katharina zu viel Lärm, hatte sie ihr böses Schauer, – und sie hatte es oft, – prügelte sie ihren Jochen, den jetzt vierzehnjährigen, oder zankte sie sich mit den Mägden, dann sattelte er sich seinen Fuchs und ritt nach Heustedt, um in Gesellschaft immer durstiger Gesellen im Schwarzen Bären seinen Aerger zu vertrinken.

Auch Katharina wirtschaftete von früh des Morgens bis spät am Abend tüchtig, ihr Molkenwesen war berühmt, ihre Butter und ihr Käse von den Herrschaften in Heustedt gesucht und immer um einen Mariengroschen theuerer verkauft als die von andern Höfen. Es gehörte schon eine kräftige Dirne dazu, um dreimal in der Woche, den schweren Korb mit Butter auf dem Kopfe, nach Heustedt zu der Kundschaft zu wandern. Aber da alles, was die Milchwirtschaft abwarf, in ihre Hände fiel, hatte sie sich schon ein hübsches Sümmchen zurückgelegt, das, in Strümpfen geborgen, im Keller versteckt lag.

Diese beiden Leute sollten nun auf dem Altentheile sitzen, auf der Ofenbank herumlungern, nichts mehr zu beherrschen und zu befehlen haben als eine Jungmagd, nur zwei Kühe im Stalle haben und einige Schweine, statt der frühern zwanzig Kühe und mehr. Sie hatten außer dem Graslande zwar einige Himtsaat Gartenland bei der Stelle und einige Morgen Ackerland, aber wer aus dem Vollen und in das Volle zu wirtschaften gewohnt war, fühlt sich in kleinern Verhältnissen immer unglücklich.

Der Altentheiler konnte sich noch helfen, er machte sich dem Schwiegersohne nützlich und war von den Knechten gern gesehen. Da er sich den Gebrauch eines Pferdes jederzeit reservirt, trabte er mit Claasing nach Kirnberg, besah das Gestüt, oder ritt mit ihm zu den Weiden nach Heustedt, und dann kehrte man bei der jungen freundlichen Bärenwirthin ein und setzte abends bei dem Schwiegersohne das Grogtrinken fort.

Katharine setzte keinen Schritt auf den Hof, den, wie sie sagte, der dänische Spitzbube und Räuber ihrem Sohne, dem rechtmäßigen Anerben, gestohlen habe. Anders als Spitzbube und Räuber benannte sie jenen nicht, und ihren Mann nannte sie den Compagnon und Gehülfen des Räubers, welcher sein eigenes Kind, seinen rechtmäßigen Erben beraubt habe. Im Hause hatte Hans keinen Augenblick Ruhe und Frieden, vom frühen Morgen bis zum späten Abend wurde ein und dasselbe Thema variirt. Aber der Rabenvater, so drohte die Zankende nicht selten, soll nur erst die Augen zugedrückt haben, dann will ich dem dänischen Halunken schon zeigen, was hoyaisches Anerbenrecht ist.

Niemand als ihrem Sohne komme der Hof zu, erzählte sie jedem, der es hören wollte, denn der »Afkat« habe ihr das Gesetz aus einem dicken Buche vorgelesen und das besage: »So ordnen und wollen wir, daß, wenn künftig ein Colonus in dem Hofe versterben oder sonst der Wirtschaft abthun, oder mehrere Kinder nachlassen oder haben würde, sodann die Söhne vor den Töchtern den Vorzug haben sollen, solchergestalt, daß allemal der älteste, wenn er dazu tüchtig und dem Hofe nützlich vorstehen kann, zum Wirthe genommen und ihm der Hof eingethan werden soll.« Das habe der Herzog Georg Wilhelm zu Celle angeordnet im Jahre 1702 und sein Nachfolger als König von England bestätigt 1720. Sie habe es schwarz auf weiß bei sich, der Advocat hätte es ihr abschreiben lassen müssen aus den lüneburgischen Constitutionen.

Nun wollte das Schicksal, wie wir aus Goethe's Tagebuch über die Campagne von 1792 wissen, daß es regnete im Juli und August, September, October und November. Der Landmann konnte sein Korn nicht hereinbringen, das Nachgras verfaulte, die Kartoffeln mußten aus Dreck und Schlamm ausgesucht werden, das Vieh mußte von den Weiden weg in die Ställe getrieben werden, weil es draußen erkrankte. Die Menschen waren auf ihre Häuser angewiesen, man heizte schon im August, aber der Torf war naß, die Oefen rauchten, der Wind schlug die dicken Regentropfen gegen die schmuzigen Fensterscheiben. In solchem Wetter nun wochenlang mit einem bösen, zankenden Weibe in den vier Wänden zu sitzen, das hielt der Leibzüchter nicht aus. Er ließ eines Morgens, gegen Ende October, sein Pferd satteln, sagte seiner Frau, daß er seine Freundschaft im Amte Nienburg und Stolzenau besuchen wollte, und ritt auf den Hof, um von Schwiegersohn und Tochter Abschied zu nehmen.

Die arme junge Frau, sie saß so einsam in ihrer Putzstube, sie, die gewohnt war, eine Gräfin als theilnehmende liebe Milchschwester vom Morgen bis zur Nacht um sich zu haben, die eine Schar von Zofen und Bedienten umschwärmt hatte, die es liebte, den ganzen Tag zu spaßen, zu necken und geneckt zu werden, sie war allein; sie, die von allen bisher geliebte, hier ungeliebt. Nichts interessirte sie, weder die schönen Hochzeitsgeschenke, noch die schönen Kleider, noch die Leinen- und Drellvorräthe der Mutter, sie wollte nicht einmal lesen. Als Geschenk von Heinrich hatte sie einst zum Geburtstage eine ganze Reihe jener kleinen »Göttinger Musen-Almanache« erhalten, die trotz ihres Duodezformats den Anfang einer neuen Literaturperiode schafften; sie hatte von ihm auch Gellert's »Gedichte«, Klopstock's »Messiade« und Voß' »Luise« erhalten. Karl hatte ihr zu Geburtstagen »Cabale und Liebe«, »Don Carlos«, Goethe's »Iphigenie« geschenkt und zur Hochzeit von Hannover her »Die unsichtbare Loge« von Jean Paul, ein ganz neues Buch, geschickt. Sie versuchte darin zu lesen, allein ihre Stimmung, das Wetter, die Umgebung des einsamen Eichsünders paßten so wenig zu der Stimmung des Buches, daß sie es beiseitelegte. Das Einzige, was sie einigermaßen beruhigte, war, wenn sie ihrer Harfe weiche Accorde entlocken und dazu recht herzlich weinen konnte.

So kam der November, das junge Ehepaar war sich noch keinen Schritt näher getreten, vielmehr eher entfremdet. Der Obergestütmeister fand reiche Beschäftigung mit dem Gestüt. Auch die Pferde und Füllen fingen an, auf den Weiden, auf denen sie sonst bis November bei Tag wie bei Nacht blieben, zu erkranken; es war eine Art bösartiger Druse unter ihnen ausgebrochen und sie mußten in die Ställe und separirt werden. Das Nachgras war zum Theil gänzlich verloren gegangen, zum Theil schlecht eingekommen. Der Thierazt von Heustedt war täglich in Kirnberg und manches schöne Füllen, manch prächtige Stute erlag der Seuche. Wenn das Fluchen etwas hätte helfen können, so wäre der Sache leicht abgeholfen gewesen, denn der Jüte fluchte den ganzen Tag, wenn er nicht etwa beim Glase Wein oder Grog saß, aber auch dann kam es vor.

Ende October, als in Heustedt der Herrenclub das erste Casino mit einem Balle eröffnete, war selbstverständlich an das junge Ehepaar eine Einladung ergangen. Anna sagte, ihr sei nicht »ballig« zu Muthe; auch der Mann blieb nun zu Hause, nicht ohne innern Unwillen, daß ihm die Gelegenheit entzogen wurde, seinen Engel, wie er Anna in Heustedt zu nennen pflegte, zu präsentiren, wie er ein geschultes Pferd Kennern producirt haben würde im Circus, wie auf dem Markte.

Es kam der 10. November, da aß man im Herrenclub herkömmlich eine Martinsgans und machte vorher ein kleines, nach Tisch in der Regel ein großes, d. h. ein reines Hasardspiel, Faro, oder Landsknecht oder Lüttje elf. Dabei fehlte denn der Obergestütmeister nie; denn hatte er zwar von seiner Spielleidenschaft als Spieler gelassen, so war das Bankauflegen mit seinem nothwendigen Gewinn erst recht seine Sache geworden. So eilte derselbe auch heute zum Rathskeller. Ehe wir jedoch erzählen, was sich an diesem Tage ereignete, müssen wir auf einige Tage vor der Hochzeit des Doppelpaares zurückblicken.

Wir erinnern uns, daß Graf Otto von Schlottheim eines Abends in der Tracht eines Fillerknechts mit der schwarzen Marthe zu unterhandeln suchte; sie hatte darauf gedrungen, daß ihr Schatz sie heirathe; er kehrte sehr mißvergnügt nach Haus, nachdem er in einer jüdischen Kneipe in Klein-Paris, in der er ein Zimmer gemiethet, sich umgekleidet hatte. Verdrießlich und misgestimmt suchte er nach Genossen zu einer attischen Nacht. Im Rathskeller fand er noch den stutzerhaften Deichgräfen Lübrecht, den jungen Motz, der den Beinamen »der Freche« führte, die beiden Studiosen von Vogelsang und von Bardenfleth beim Billardspiel. Der Graf lud sie zu einem Glase Wein ein und hieß die Frau Krummeier vom Besten heraufzuholen. Man trank sich vor, man stürzte sich in Gemäßheit des Biercomments, man brüllte schmuzige Studentenlieder, man erzählte schlüpfrige Anekdoten und kam dann auf eigene Liebesgeschichten zu sprechen. Jeder gab seinen Theil ohne Rückhalt zum besten, ob Wahrheit, ob Dichtung oder nur ausgeschmückt, kam auf die Charaktere an. Der junge Bardenfleth äußerte einmal, er wolle er wisse nicht was darum geben, wenn er einmal die reizende Milchschwester der Braut des Grafen umarmen könne.

»Wenn Sie gescheit sind und bis nach der Hochzeit warten, so wird sich das wol machen«, meinte dieser leichtfertig.

»Sie trauen mir doch nicht zu«, fuhr er fort, »daß ich einen so delicaten Bissen einem so alten Sünder, wie dem Obergestütmeister, vorsetzen lasse, ohne ihn gekostet zu haben?« Und er lachte unbändig.

»Die junge Dame hat viel Temperament, und ihr Zukünftiger viel geliebt und gelebt. Bliebe ich hier, so bliebe sie mir, aber ich gönne guten Freunden auch etwas, trinken Sie mit mir auf die Götteraugenblicke, die ich in ihren Armen genossen.«

Man trank und lachte; der Stutzer, der es nicht dulden konnte, daß andere etwas vor ihm voraushatten, machte eine vieldeutige Bemerkung: »Wenn ich sprechen wollte, so könnte ich euch etwas erzählen, ich erinnere mich aber des Liedes:

Es waren mal drei Gesellen,
Die thaten sich was verzellen u. s. w.

und namentlich des Verses:

Da war auch einer drunter,
Der nichts verschweigen kunnte,

und des Schlusses:

So geh nun wieder hin,
Wo du gewesen hast,
Und binde deinen Gaul
An einen andern Ast.«

Das war ein altes Volkslied, man konnte dabei viel Böses denken, es lag namentlich der Gedanke nahe, daß Anna auch Adonis Lübrecht ihre Gunst geschenkt. So deutete wenigstens der junge Motz der Rede Sinn, und doch hatte der Deichgräfe Anna bei seiner Schiffahrt nach Hengstenberg zum ersten und letzten mal gesprochen. So war der gute Ruf einer jungen Frau noch vor ihrer Hochzeit auf immer untergraben, und am Hochzeitstage sprach man im Kreise der jungen Leute davon, daß der Ehemann dem Schicksale des Aktäon nicht entfliehen werde.

Viele regnerische Wochen gingen hinweg seit dieser attischen Nacht. Am 10. November wurde im Herrenclub gut gegessen und getrunken, die ältern soliden Leute zogen sich nach dem Essen in das Clubzimmer zurück, um ihre Partie Whist oder L'Hombre fortzusetzen; die jüngern, die Trinker und Spieler blieben im Speisesaale, wo die erstern sich um die Flaschen setzten, letztere um einen großen runden Tisch, vor welchem Claasing saß und Karten mischte.

In der Mitte von vier Lichtern lagen noch sechs unangebrochene neue Kartenspiele und ein großer Haufen älterer und neuerer Zweidrittel- und Zwölfmarien-Groschenstücke, wie aufgestapelte einfache und doppelte Louisdor; der Kellner präsentirte den Spielenden alte Karten mit vielen Biegungen und Knicken, von unglücklich abgeschlagenen sixlevas und septlevas herrührend, und bald erscholl das eintönige »roi, dame, dix« u. s. w.

Die Bank war glücklich, der Silberhaufen mehrte sich zusehends, es spielten sämmtliche Spieler mit Verlust, aber im größten Unglücke saß Motz, ihm wurde jede Karte abgeschlagen, und Pique-Dame verlor viermal hintereinander. Das Silbergeld des jungen Amtschreibers war zu Ende.

»Attention«, unterbrach Motz den Bankhalter, »einen Augenblick, noch viel taille

»Ueber ein halb«, erwiderte dieser.

»Louis! He! Oberkellner! Frau Krummeier soll mir 100 Gulden borgen«, und ein anderes Spiel ergreifend, suchte er Coeur-Dame, warf die Pique-Dame mit einem Schimpfworte, das man in guter Gesellschaft nicht hört, zu Boden, suchte aus dem schlaffen Geldbeutel einen in Papier gewickelten Doppellouisdor, einen wirklichen Mutterpfennig, den er erst gestern erhalten, und sagte, das Geld auf die Coeur-Dame setzend: »Versuchen wir es mit der Herzensdame, sie sieht dem schönen Weibe unsers Bankhalters, der süßen Anna, so ähnlich, daß ich glaube, er wird sie aus Liebe zu der vielgeliebten und liebebedürftigen nicht schlagen!«

Der Bankhalter warf dem Sprechenden einen drohenden Blick zu und fing an abzuschlagen. »Dame, l'as

»Verdammt! Wer den Weibern traut, hat auf Sand gebaut, sie sind alle –«, sagte der Freche und schob den Doppellouisdor heftig in den Goldhaufen des Bankhalters.

Dieser zog die Brauen finster zusammen und sah den Sprechenden einen Augenblick starr an; er wurde kreideweiß im Gesicht. Inzwischen brachte der Kellner von der Frau Krummeier 70 Zweidrittel und bestellte ein Compliment von der Wirthin, und das wäre alles Geld, was sie hätte.

Der erregte Spieler nahm eine Hand voll Kassengulden und setzte sie ungezählt auf die Coeur-Dame, indem er sagte: »Will doch einmal sehen, ob sie mich nicht auch so freundlich anlächelt als den Grafen Schlottheim schon vor der Hochzeit!«

Claasing wurde jetzt feuerroth; wer auf seine Hände gesehen hätte, der würde gesehen haben, daß sie zitterten, er schlug ab: »Dame, valet

»Verdammtes Mensch!« schrie Motz und sprang vom Tische auf, wendete sich zu den Trinkenden am andern Ende des Saals und fragte dort laut: »Wie war es doch, lieber Lübrecht, was erzählte doch Graf Schlottheim von der Rose, die er nicht unaufgeküßt den Händen des sonstigen Buben überliefern wollte? Ja, diese Grafen und Herren üben noch das Jus primae noctis, und die Buben haben das Nachsehen.«

Lübrecht schenkte dem Tobenden ein Glas Wein ein und sang, mit dem Finger drohend:

»Da war auch einer drunter
Der nichts verschweigen kunnte.

Laß gut sein, Motz, stoß an, Unglück im Spiel, Glück in der Liebe; die Bewußte, sie lebe hoch. Hoch! Abermals hoch!« und Motz stieß an, daß das Glas zersprang.

»Trinken Sie lieber ein Glas Brausepulver«, sagte der Apotheker, ein alter Mann mit rother Nase, der das Präsidium am Tische führte und immer der letzte war, der aufbrach.

»Nein, ich will weiter spielen«, sagte Motz, »ich will mein Glück dem Valet anvertrauen, Buben und Schurken haben immer Glück«; so eilte er zum Spieltische zurück und schob den Rest seines Geldes, es mochten etwas mehr als 50 Zweidrittel sein, auf den Buben, sagte zu dem an den Spieltisch herangetretenen Deichgräfen, er möge, wenn der Bube gewinne, immer auf vollen Gewinst weiter biegen, er wolle ins Clubzimmer gehen, sich eine Pfeife holen und stopfen. Er ging. Die Taille hatte eben begonnen, jetzt sagte der Bankhalter mit zitternden Händen und tonloser Stimme: »roi, valet

Der Stellvertreter nahm den Platz seines Vorgängers und bog in den Buben ein Ohr, nach einigen Abzügen, die dem Bankhalter Gewinn von andern Spielenden brachten, erscholl es wieder: »deux, valet«; das zweite Ohr ward gebogen, dann kam schnell hintereinander der Bube noch dreimal als Gewinner. Die übrigen Spieler starrten über dieses enorme Glück, und einer der Vorsichtigen, der sich an das Sprichwort hielt: »Der Krug geht so lange zu Wasser bis er bricht«, und glaubte, er müsse Motz rathen, seinen sichern Gewinn, der den frühern Verlust reichlich deckte, einzuziehen, bat den Bankhalter, einen Augenblick innezuhalten, damit er Motz frage, ob er einziehen wolle.

Claasing hatte das Gefühl, daß er verlieren müsse, er hätte gern die Karten, die er noch in der Hand hatte, einmal durchgestochen, aber aller Augen waren auf ihn gerichtet.

Motz, im Nebenzimmer beim Stopfen seiner Pfeife beschäftigt, fuhr den Dienstfertigen an: »Was, fort, weiter gebogen, bis in die aschgraue Pechhütte, ich will den Schurken sprengen.«

Und so kam es. Die dreimal, welche der Bube noch in der Taille war, fielen gegen den Bankier, und merkwürdigerweise war in allen Fällen die Dame die für den Bankhalter fallende Karte.

Als der letzte Gewinn kam, hatten sämmtliche Spieler schon zu setzen aufgehört, alles war gespannt auf den Abzug. Der Gewinner trat rauchend in den Saal, als es hieß: »dame, valet.« Claasing sprach das mit beinahe tonloser Stimme.

»Zähle das Geld vor dem Buben, lieber Lübrecht«, sagte Motz sehr ruhig. Es waren 55 Gulden; der Supernumerär Amtsschreiber ohne Gehalt hatte 3520 Gulden gewonnen. Man zählte die Bank aus, sie reichte nicht hin.

»Ich werde den fehlenden Rest von der Krummeier heraufholen«, sagte der Bankhalter; »sie wird für mich noch Geld haben, wenn sie auch früher keins für Sie hatte.«

»Thun Sie, was Sie wollen, übrigens haben Sie bis morgen Credit bei mir. He, Kellner. Hier die 70 Gulden für Madame, da etwas für dich, und nun bringe mir einen leinenen Geldbeutel, um das Silber zu fassen, und ein Dutzend Champagner«, sagte der glückliche Spieler, während er das Gold in die eigene leere Börse schob und die Westentasche damit füllte.

»Meine Herren, Sie sind meine Gäste, aber wir müssen den Dänen, der uns so oft ausgezogen, weidlich ärgern, wir müssen ihn fühlen lassen, daß wir alle wissen, was an seiner Frau ist; du, Lübrecht, fragst mich, nachdem ich ihm eingehetzt, woher die Redensart kommt, jemand Hörner aufsetzen!«

Der Obergestütmeister kam zurück und zählte das Geld auf. »Sie werden doch ein Glas Schaum mit uns trinken?« sagte der Gewinner und bat den Zahlenden, an der Tafel Platz zu nehmen; dieser dankte, er müsse noch nach Eckernhausen und es sei eine stürmische Nacht; allein da einer aus der Gesellschaft hinwarf, man könne es dem Bankhalter nicht verdenken, daß er sich nicht von seinem eigenen Gelde tractiren lassen wolle, blieb er. Die Flaschen waren entkorkt, Claasing schüttete einige Gläser Champagner hinunter, Motz schlürfte nur den Schaum ab und goß den Wein selbst zur Erde.

»Wissen Sie, Herr Obergestütmeister«, sagte er dann, »daß Sie uns sämmtlich tief gekränkt und bitter böse gemacht haben? Alle unsere jungen Männer hatten sich gefreut, Ihre schöne Frau auf dem Casinoball zu sehen, um ihr die Huldigungen der ganzen heustedter Jugend zu Füßen zu legen, und Sie böser Mann lassen das arme Weibchen in dem düstern Eckernhausen? Geben Sie uns Rechenschaft, weshalb das geschah!«

»Weshalb das geschah?« lachte Lübrecht, »weißt du nicht, daß der Herr, der in Weibersachen Erfahrung hat, eifersüchtiger ist wie der Mohr von Venedig?«

»Eifersüchtig?« rief Motz, »auf wen? Graf Schlottheim ist ja nicht hier, er ist krank. Frau Gemahlin ist doch nicht auch krank?«

So ging es eine Zeit lang fort. Claasing nahm sich zusammen, er hätte aufspringen und seinen Gegner erdolchen mögen. Aber er mußte ruhig bleiben; er durfte sich nicht merken lassen, daß er der dunkeln Rede Sinn verstände; sobald er verstand, war die Beleidigung tödlich. Er reimte das beim Spiel von Motz Gesagte mit dem, was jetzt gesprochen wurde, jetzt zusammen. Sollte es möglich sein, sollte seine Anna, die ihm bisjetzt noch jeden Kuß versagt, von dem Grafen verführt sein? Dem Wüstling Otto war alles zuzutrauen, aber auch der unschuldigen Frau?

Er nahm sich noch mehr zusammen und sagte entschuldigeud, seine Frau sei ernstlich unwohl. Einige Späße über das so frühe Unwohlsein der jungen Frau folgten und es trat jetzt eine von den Pausen im Gespräche ein, von denen man sagt, ein Engel fliege durchs Zimmer. Es mußte aber ein gefallener Engel sein, der durch den Saal flog.

»Woher kommt denn eigentlich die Redensart, jemand Hörner aufsetzen?« unterbrach Lübrecht die Stille.

»Es war einmal ein König«, sagte Motz, »der hatte einen Förster im einsamen Walde, und der hatte eine schöne Frau. Der König ritt oft in den Wald, und merkwürdig war es, daß er es immer so traf, daß sein Förster nicht zu Hause war. Als nach einem Jahre die Försterin einen Knaben gebar, da machte er den Förster zum Oberförster und ließ dem zu Ehren das Geweih eines Sechzehnenders über der Thür der Försterei anschlagen, was für eine Ehrenauszeichnung galt. Bei Hofe sagte man aber einfacher, der König habe dem Förster Hörner aufgesetzt.«

»Schlecht erklärt.« sagte der Deichgräfe, »es sind die Hörner des Mondes, welche schon die Götter kannten; Gottvater Jupiter wußte als Goldregen, Stier und Schwan Hörner zu setzen, wie jedermann bekannt sein sollte, der lateinische Schulen besucht, was zwar nicht jedermann gethan. Sie, lieber Obergestütmeister, haben uns, als sie noch unverheiratet waren, manches erzählt, was darauf schließen läßt, daß Sie in der königlichen Kunst zu lieben auch wohl erfahren sind, und das Gerücht sagt sogar, Sie hätten sich so hoch verstiegen, selbst einem gekrönten Haupte die Zierden des Endymion zu sonstigen hinzuzufügen. Wissen Sie auch, wie einem solchen Gekrönten wol zu Muthe ist? Und haben Sie Männer gekannt, die den Stirnschmuck schon trugen vor der Hochzeit?«

»Nein«, erwiderte dieser, dem die Stirnader anschwoll, kurz und barsch und stand auf. »Ich aber kenne ein solches Menschenkind«, sagte Motz; »meine Herren, lassen Sie uns die Gläser füllen und das Wohl der Gehörnten trinken.«

Der Obergestütmeister, der fühlte, man stichele auf ihn, stürzte aus dem Saal in den Stall, sattelte selbst sein Pferd und jagte, vor Wuth schnaubend und tausend Flüche in die Nacht schleudernd, von dannen.

Anna schlief mit beängstigenden Träumen. Sie war Desdemona, und ihr Mann stand als Mohr vor ihrem Bette, sie zu erdolchen. Da weckte sie ein lautes Gerufe vom Hofthor her; der Gemahl begehrte mit Fluchen und Schelten, daß das Hofthor geöffnet werde. Ein schlaftrunkener Knecht mit einer trüben Laterne öffnete. Claasing stieg von dem schweißtriefenden Hengst und warf dem Knecht die Zügel zu mit dem Befehle, das Pferd ordentlich abzureiben. Die Kleinmagd, welche den Herrn erwartete, öffnete die Hausthür, setzte dem Herrn das Licht in die Dönze und ging in die Mägdekammer, sich in ihre Koje zu legen. Dieser kleidete sich um, denn trotz des greulichen Wetters war er in Schweiß gebadet. Aerger über den ungewohnten Spielverlust, Wuth über die erlittene Verhöhnung, Rachegedanken gegen das Weib, welches ihn verrathen und der öffentlichen Verhöhnung preisgegeben, kochten in seiner Brust, er ging hinauf zu dem Zimmer seiner Frau. Dieses war verschlossen; ein Tritt, und die Krampen der Thür wichen der Gewalt. Die Jungmagd war wieder aufgestanden; sie wollte sehen, woher der Lärm stamme, ob eine Kuh sich losgerissen, oder was sonst passirt sei. Sie hörte den Hausherrn im Zimmer der jungen Frau heftig reden, sie verstand nicht was, und ging wieder zu Bett. Bald darauf hörte sie etwas hämmern und die obere Thür zuschlagen; der junge Ehemann ging zu ihrer Verwunderung wieder die Treppe hinab in die Dönze.

Am andern Morgen fand man Anna als Leiche im Bette, ein Schlagfluß mußte sie getödtet haben. Der herbeigerufene Arzt fand keine Verletzung an dem Körper, aber auch keinen Grund für einen Erstickungstod; Rettung war unmöglich.

Ein reitender Bote ward die Weser hinaufgeschickt, um Hans Dummeier, der bei einem Vetter in Leseringen weilte, von dem plötzlichen Tode seiner Tochter zu benachrichtigen. Der Bote kam zurück, aber ohne Hans Dummeier; dieser hatte sich, um auf dem linken Weserufer schneller nach Eckernhausen zu gelangen, bei Leseringen übersetzen lassen wollen, und da der Fährmann nicht gleich zur Hand war, dieses selbst zu thun beschlossen. Die Weser war infolge des andauernden Regens hoch angeschwollen, der Strom übermächtig; das Pferd wurde unruhig. Der Alte glaubte, mit der einen Hand allein die Fähre vor der Leine halten zu können, während er mit der andern Hand den Zügel des Pferdes hielt, allein der Strom hatte mehr Kraft, er ward abgeschleudert, die Fähre stieß gegen einen Haken, warf um und Roß und Reiter ertranken.

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