Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Oppermann >

Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
Schließen

Navigation:

Drittes Buch.
Justus Erich Bollmann.

Erstes Kapitel.
Wiederfinden.

Wer den letzten Brief Bollmann's aus Paris gelesen, der weiß, daß das nicht mehr derselbe Mann war, der in der Französischen Revolution den verheißenen Messias der Juden sah, der voll Glut und Hingebung das Evangelium der Freiheit und Gleichheit der ganzen Welt predigte, der mit Forster und seiner Therese, mit Huber und den andern Demokraten in Mainz auch eine volle Erlösung der Menschheit von aller Knechtung, von Unwissenheit und Schlechtigkeit durch die Freiheit hoffte. Wir wissen aus den von Varnhagen von Ense im ersten Bande seiner »Denkwürdigkeiten« veröffentlichten Briefen Bollmann's an die Staatsräthin Brauer und aus den in unserm Besitze befindlichen Briefen an den Vater und die Freunde aber auch ziemlich genau, wie diese Wandlung vor sich gegangen war.

Bollmann war gegen Mitte Januar 1792 nach Strasburg gekommen, wo er in der Familie des Herrn von Türkheim und seiner Gemahlin (Goethe's Lili) seine aristokratische Formen, junge Frauenzimmer, von denen er nicht wußte, ob sie mehr schön oder witzig waren, warme, freundliche Aufnahme und thätige Unterstützung in bedrängten, pecuniären Verhältnissen fand. Den Vater mochte er nicht angehen, der Onkel aus Birmingham, der schon im Januar nach Paris hatte kommen wollen, ließ nichts von sich hören, so kam ihm das freundliche Anerbieten des reichen Bankiers gelegen, und er war nicht blöde, das gebotene Darlehn anzunehmen, trug er doch das Bewußtsein in der Brust, daß die Zeit kommen würde, wo er zurückzahlen könne mit den durch eigene Kräfte verdienten Mitteln.

Unser Freund aus Hoya trat in Strasburg zum ersten mal dem politischen Parteigetriebe näher, aber es stieß ihn ab. Die Demokraten im deutschen Club, denen er sich zugesellte, waren wie heute und immer gänzlich uneinig, man gerieth öfter so heftig aneinander, daß die Wache Ruhe stiften mußte. Menschen, die nichts zu verlieren, die nicht einmal etwas zu geben hatten, da sie arm an Gedanken, desto reicher aber an Phrasen waren, drängten sich vor und die Menge fiel ihnen zu. Der Norddeutsche konnte sich kaum Gehör verschaffen, noch viel weniger sich zum Führer emporschwingen, sah die Führerschaft vielmehr in den Händen der unbedeutendsten Menschen. Er sah die Trägheit und Unwissenheit der Masse, er bemerkte als praktischer Mann früh den Fehler, den die Nationalversammlung begangen hatte, indem sie sich mit ihren eigenen Erfahrungen von der legislativen Versammlung ausschloß. Daß von 8000 activen Bürgern in Strasburg im Februar 1792 nur 400 zur Wahlurne gingen, in Paris von 60000 nur 10000, empörte ihn; er sah, wie die Erbitterung zwischen den mit 15 Sous täglich besoldeten undisciplinirten Nationalgarden und den mit 8 Sous täglich besoldeten Linientruppen letztere nothwendig dahin führen mußte, die Constitution und alle Neuerungen zu hassen und eine Stütze des Adels und Königthums zu werden. Justus Erich zog sich zurück. Nun kam auch Anfang März ein Brief vom Onkel mit sparsamem Reisegelde und dem dictatorischen Befehl, sofort in Paris zu erscheinen. Dieser Bruder seines Vaters, ein vierzigjähriger mürrischer Hagestolz, geizig, alles nur nach englischem Krämersinn auffassend, nur mit einer Leidenschaft, gut zu essen und zu trinken begabt, tyrannisirte ihn drei Wochen in Paris auf das schrecklichste. Er predigte dem mit ihm in demselben Zimmer wohnenden Neffen unaufhörlich vom frühen Morgen bis an den späten Abend, daß die ganze Aufgabe der Menschen nur darin bestehe, reich zu werden. Nur wer reich sei, sei auch frei und unabhängig, alles übrige sei Schwindel. Als er abreiste und den jungen Arzt freigab, hinterließ er ihm eine so geringe Summe, daß dieser davon nur wenige Monate leben konnte, selbst wenn er sich weiter nichts gönnte als mittags ein mageres Essen von 30 Sous, abends Endiviensalat und morgens Butterbrot mit Rettich. Justus wollte sich, wie wir aus seinem Briefe an Karl Haus wissen, selbständig machen vom Onkel: er ließ sich als Doctor für Augen- und Hautkrankheiten für nothleidende Arme in öffentlichen Blättern ankündigen, er suchte freilich reiche Patienten. Wirklich fand er sieben oder acht arme, aber nur einen zahlungsfähigen Patienten, einen Abbé, der sich die kleine Zehe am Fuße, die gebrochen war und ihn am Gehen hinderte, für 100 Livres wegoperiren lassen wollte. Aber der arme Mann fiel in Ohnmacht, als Justus sein Messer aus der Verbindtasche nahm, beschwor ihn auf den Knien, von der Operation abzustehen, und zahlte auch natürlich nicht.

Die Praxis brachte nichts ein; vergeblich suchte er sich den Buchhändlern in Paris und Karlsruhe als Uebersetzer aus dem Deutschen für die Franzosen, aus dem Französischen für die Deutschen anzubieten. Er hätte verhungern müssen, hätte nicht ein guter Freund strasburgischer Bekanntschaft, ein Handlungscommis, sein Einkommen mit ihm getheilt.

Da, in der größten Noth, hatte der Zufall die Blicke der Tochter Necker's, der Frau des schwedischen Gesandten Staël, die damals schon durch ihr Buch über Rousseau sich einen Namen verschafft hatte, auf die Bollmann'sche Reclame gelenkt, die ihr durch ihre Eigenthümlichkeit auffiel. Sie war damals schwanger und von einer unangenehmen Hautkrankheit befallen, sie suchte deshalb die Hülfe eines deutschen Arztes und sandte zu Bollmann.

Der Geist dieser Frau zog Justus in so hohem Grade an, daß er in wenig Tagen ihr eifrigster Verehrer war, obgleich sie nichts weniger als hübsch, sondern schon damals kupferroth im Gesicht war, und daß er ihren Liebhaber, den er noch in seinem letzten Briefe an Karl Haus verdammt hatte, für den liebenswürdigsten Menschen erklärte. Er schreibt an seine Base, nachdem er den Geist und die überwiegenden Fähigkeiten der Frau von Staël gerühmt: »Aber von ihrem Herzen würde ich mich umsonst bemühen, Ihnen einen würdigen Begriff zu machen. Diese Frau hat nur einen Freund, den Narbonne, ehemaligen Kriegsminister, und dieser Narbonne ist einer der liebenswürdigsten Männer, die ich jemals gesehen habe. Bei einer sehr ausgebreiteten Menschen-, Welt- und Literaturkenntniß, bei einem unerschöpflichen Fonds von Heiterkeit und Laune, bei einem Geiste, der unablässig durchblitzt in allem, was er sagt und thut, zeigt er gänzliche Verleugnung seiner selbst, die anspruchsloseste Hingebung an die Umgebung und eine in diesen Tagen so seltene altritterliche Offenheit.«

Justus wußte aristokratische Vorzüge zu schätzen; im Hause der Staël mit zuvorkommendem französischen Wesen empfangen, noch ehe er eigentliche Hülfe geleistet, reich honorirt, von Narbonne und seinen Freunden als völlig Gleichgestellter und Gleichberechtigter anerkannt: wie hätte das einem dreiundzwanzigjährigen jungen Mann nicht schmeicheln sollen? Arzt der Frau Staël zu sein, umhüllte sein jugendliches Haupt mit einem Glorienschein, der ihm als Arzt die bedeutendste Zukunft in Paris verhieß. Dazu kam nun aber noch, daß er an den Empfangsabenden der Staël zusammentraf mit der Crême der aus der Schule Voltaire's, Rousseau's und Diderot's hervorgegangenen Aristokratie des Geistes, mit Lally-Tolendal, Clermont Tonnerre, Matthieu de Montmorency, welche im Ballhause schon dem Volke geschworen hatten, Lafayette, dem Bischofe von Autun, mit Prinzessinnen und Gräfinnen, alle übereinstimmend mit Friedrich dem Großen, ein Etwas schlechthin als infam zu bezeichnen, das sich seitdem wieder zu wenigstens äußerm Anschein emporgehoben hat, sodaß es gewagt wäre, dasselbe auch nur andeutungsweise näher zu bezeichnen.

Das war ein ganz anderer Kreis von Menschen, als mit dem er bisher zu thun gehabt hatte, selbst in Mainz. Da sprudelten an einem Abend mehr Geistesfunken und wurden mehr Witzpfeile verschossen als in einem deutschen Hofraths- und Professorenkreise in einem Jahre; da wurden die höchsten Interessen der Menschheit erörtert, freilich oft in sehr frivoler Weise; da wurden die Schäden des Staats und noch mehr die Schwächen der Staatslenker offen dargelegt, Anekdoten der pikantesten Art aus den höchsten Kreisen erzählt und die Jakobiner verspottet. Justus Erich hatte Gefallen an aristokratischen Formen, sein erster Jugendaufenthalt im Hause des Staatsraths Brauer hatte ihn hochgehoben über das kleinbürgerliche Wesen, das ihm von dem Vaterhause und Hoya angeklebt. Er aß lieber Fasanen und Puter, Wild und Austern als Endiviensalat und Rettich, trank Malvasier, Capwein und Champagner lieber als Wasser, und das alles hatte er im Hause der Staël, wo er gern gesehener Gast war, täglich. Wenn er an die drei Wochen zurückdachte, die er mit dem pedantischen, spleenhaften, kleinlichen Onkel zusammen gelebt, so fühlte er sich in dieser Gesellschaft wie im Himmel.

So kann es nicht überraschen, daß er nach und nach gänzlich die Gesinnungen seiner Umgebung annahm; der rohe Demokratenrock aus Mainz machte der feinsten modischen Toilette Platz, der Standpunkt Forster's war ihm bald ein überwundener, er war constitutioneller Aristokrat und Royalist. Nun kam der Schlag vom 10. August, und als man am 15. August Bericht erstattet hatte über die in dem eisernen Schranke Louis Capet's gefundenen Briefe, welche die Verschwörung des Königs und seiner emigrirten Brüder mit dem Auslande gegen das französische Volk klar erwiesen, ging die Hetze auf die Adelichen los. Lafayette sah sich bei dem eigenen Heere nicht mehr sicher, er floh und wurde in schmähliche Gefangenschaft gesetzt, sein Freund, der Kriegsminister Narbonne, versteckte sich bei seiner Geliebten. Bollmann, leicht enthusiasmirt, versprach Narbonne zu retten. Er verschaffte sich vom englischen Gesandten als Hannoveraner zwei Pässe nach England, tauschte diese bei Lebrun gegen französische um, ließ solche von Pétion unterschreiben.. Die Jakobiner hatten Teufelsanstalten getroffen, damit ihnen keins ihrer Schlachtopfer entwische; Paris war nur ein großes Riesengefängniß, in dem man alle reichen Leute eingesperrt hielt; wie schwer das Entkommen war, wissen wir aus der Beschreibung Alfieri's, des gräflichen Freiheitsdichters. Bollmann's Kaltblütigkeit und Muth ließen aber das Wagniß glücken.

»An allen Orten, wo wir die Pässe vorzeigen mußten, auf den Wachtstuben, bei den Municipalitäten, an den Thoren«, schrieb er, » suchte ich die Aufmerksamkeit durch frappante Neuigkeiten aus Paris abzulenken, während sich Narbonne, nur englisch sprechend, schläfrig, träge und spleenhaft im Hintergrunde und in meinem Schatten hielt. Ich vertiefte auf jeder Station die Polizeischergen durch zum Theil erdichtete politische Wunderdinge; erzählte, daß man Narbonne gefangen habe, ihm den Proceß machen werde, morgen, und das war wahr, auf dem Carrouselplatze den ersten Versuch machen wolle mit der neuerfundenen Maschine, welche die Köpfe schmerzlos vom Rumpfe trenne, und der Dinge mehr.«

Man erreichte England. Narbonne übte seinen Zauber auf den Deutschen. »Er ist unerschöpflich an Witz und an Ideenreichthum«, schrieb Justus Erich, »vollendet in allen gesellschaftlichen Tugenden, er verbreitet Anmuth über das Dürrste.«

Die Staël war außer sich vor Freude, sie schrieb an unsern Freund: »Sie haben mir das Leben und mehr als das Leben gerettet. Setzen Sie einigen Werth in das Gefühl, das von meinem Dasein unzertrennlich ist, und nehmen Sie bei jedem Vorgange in Ihrem Leben die Rechte eines Freundes, eines Bruders und eines Wohlthäters in Anspruch.«

Nicht minder überhäufte Narbonne unsern Justus mit Freundschafts- und Dankbarkeitsversicherungen, aber der Strom schöner Worte, die er an seinen Retter richtete, machte, daß sich dieser anfangs mehr zurückzog.

Man logirte sich in Kensington bei einer schönen Französin, der Madame de la Châtre ein, um die sich in kurzem zwanzig bis dreißig Flüchtlinge sammelten, an deren Spitze Talleyrand glänzte. In seinem Hause wurde Bollmann untergebracht, da es bei der Châtre anfing überfüllt zu werden. Narbonne hatte außer mit Worten seine Dankbarkeit auch dadurch gegen Bollmann zu erkennen gegeben, daß er ihm ein Document überreichte, welches eine lebenslängliche Rente von 50 Guineen für seinen Retter aussetzte.

Auch hier wurde unsers Freundes ärztliche Thätigkeit wieder in Anspruch genommen durch die Madame de la Châtre, welche bei der Nachricht, daß ihr Geliebter, das frühere Mitglied der Nationalversammlung, Jancours, gefangen genommen und in die Abbaye geschleppt sei, beinahe wahnsinnig wurde und in fürchterliche Krämpfe fiel. Jancours wurde auf die Fürsprache der Frau von Staël bei Manuel am Abend vor dem Gemorde vom 2. September gerettet. So sammelten sich die alten Kreise bald in Kensington an der Tafel der Châtre. Die Lage Bollmann's war interessant und genugthuend für ihn, er studirte Voltaire und Rousseau und die Menschen, in deren Umgebung er lebte, Menschen, welche sehr liebens- und lobenswürdig ihr Vermögen und ihren Rang dem Staate geopfert, weil sie die Notwendigkeit einsahen. Die Männer, die sich hier als Flüchtlinge zusammengefunden, waren es gewesen, die in der Augustnacht von 1789 auf Noailles' Vorschlag dem Feudalwesen und den Privilegien ein Ende gemacht hatten. Wie kam es nun aber, daß Bollmann, je länger er in diesen aristokratischen Kreisen lebte, wieder demokratischer wurde, daß er einsah, wie diese Männer keine Stützen des Staats und keine Retter desselben sein noch jemals werden könnten?

Justus Erich erkannte bald, daß diese feingebildeten, die Freiheit liebenden Männer durch Ueppigkeit und Vergnügungen verdorben waren, daß ihnen die Redlichkeit und Aufopferungsfähigkeit des Herzens und die Männlichkeit des Thuns fehlten. Man lebte und webte in Witz und opferte einem guten Witz das heiligste Gefühl für das Vaterland.

»Man spricht«, schreibt er an seinen Vater und an Karl Haus, »von den Staatsangelegenheiten, um sich über diese oder jene Persönlichkeit lustig zu machen, oder um zu zeigen, wie verständig man sei, wie man Montesquieu studirt habe. Man kommt im Disputiren bald außer sich, aber das Herz bleibt kalt; man fühlt, daß nur Eitelkeit und Selbstliebe die Streitenden in Wallung bringt. Zuletzt kommen ein paar Herren und Damen überein miteinander, setzen sich vor den Kamin und machen einen Plan zur Errettung des Staats, den sie morgen oder übermorgen betreiben wollen, nachdem diese oder jene Lustbarkeit vorbei ist. Es ist unglaublich, wie fein, wie richtig ein guter französischer Kopf selbst über die verwickeltsten Dinge urtheilt, aber man darf nicht lange von demselben Gegenstande sprechen, sonst wird die Unterhaltung den Leuten zuwider. Und statt schließlich selbst etwas zu thun, Hand anzulegen an die Verwirklichung eines guten Gedankens, geht man lieber in die Komödie.«

Bollmann war froh, als sich der Kreis in Kensington trennte, und er statt bei dem gewesenen Bischofe von Autun mit seinem Freunde Heisch in London Coffeehouse von Ludgate-Hill wohnte.

Es war Ende Mai 1793, als Vollmann im allgemeinen Gastzimmer des ebengenannten Kaffeehauses auf seinen Freund Heisch wartete, um mit ihm eine gemeinsame Spazierfahrt zu machen, und einmal etwas Grünes zu sehen zu bekommen, wonach sich der Deutsche immer sehnt; man wollte nach Windsor fahren, und Heisch war gegangen, einen Wagen zu miethen. Als Justus nun so an dem Fenster stand und die vorbeiwogende Menge betrachtete, fiel ihm eine Gestalt auf, die auf das Kaffeehaus zuschritt, in den Saal trat, eine Bestellung machte und nach der Zeitung griff. Der Ton der Stimme überwand den letzten Zweifel bei Justus, er stürzte dem Angekommenen in die Arme, es war Karl Haus, mit dem ihn der Zufall zusammenführte.

Der Jugendfreund mußte erzählen, das war leicht gethan. Er war Privatsecretär des Grafen von Münster; dieser hatte von Georg III. im Anfang des Monats Befehl erhalten, unverzüglich in London zu erscheinen, und hier erhielt er von dem Könige einen höchst delikaten Auftrag. Prinz August, später Herzog von Sussex, hatte sich im vorigen Monat zu Rom mit der ebenbürtigen Tochter des John Murray, Grafen von Dunmore, der schönen Lady Auguste Murray, verheirathet, ohne Einwilligung ihres Vaters, daher nach der Royal marriage act von 1772 ungültig vermählt. Graf Münster sollte den Herzog, der seine Gattin außerordentlich liebte, bewegen, diese zu verlassen und nach London zu kommen. Man wollte gegen die Lady inzwischen bei dem erzbischöflichen Gerichte in London einen Proceß anstrengen. In wenig Tagen sollte Münster über die Alpen nach Rom reisen, und Karl sollte ihn begleiten. Dieser fühlte sich in seinem neuen Verhältnisse wenn nicht durchaus befriedigt – der Adelstolz des Grafen machte sich bei aller Freundlichkeit, mit der er den Privatsecretär behandelte, doch zuweilen, wenn auch selten, geltend – dennoch zufrieden. Das Bildniß Olga's war in seinem Herzen festgewurzelt, aber er dachte ohne großen Schmerz an sie, hatte er doch das Geständniß ihrer Gegenliebe. Er haßte den Grafen Schlottheim von innerstem Herzen und träumte von einer Möglichkeit, die Geliebte dem Wüstlinge noch einmal abzuringen, und sollte es mit der Pistole in der Hand sein.

Indeß kam Heisch mit dem Wagen, und da Münster an jenem Tage bei dem Könige in Kent war, konnte Karl an der Ausfahrt theilnehmen. Als man das Geräusch der Weltstadt hinter sich hatte, mußte Bollmann erzählen. Wir kennen seine Schicksale bis Mitte October, wo er sich von Talleyrand trennte und mit Heisch in das Kaffeehaus von Ludgate-Hill zog, hören wir selbst, was er weiter erzählt:

»Die Staël verließ England, um ihren Vater in Genf zu besuchen, Narbonne ließ nichts von sich hören, er, der mir tausendmal die Versicherung gegeben, daß er durch seine Connexionen mich in die Bureaux von Pitt oder Grenville bringen würde, um mir eine politische Laufbahn zu eröffnen, zu der ich wie geschaffen sei. Denn aufrichtig, lieber Karl, mein Stand als Arzt ist mir zuwider geworden. Ich bin zu der Ueberzeugung gelangt, daß man, um in der Laufbahn eines Arztes glücklich zu sein, entweder keinen Verstand haben, oder seinen Verstand gefangen nehmen und gläubig an ein System werden, oder roh genug sein muß, um von Vorurtheilen der Leute Nutzen zu ziehen, das Geld in die Tasche zu streichen und ins Fäustchen lachen zu können. In der Arzneikunst ist bis auf ein paar unwidersprechliche Wahrheiten fast alles Charlatanerie. Wer eine gute Constitution hat, wird bei vernünftiger Diät ohne uns gesund, wer siech ist, den halten wir hin, aber was hilft das Leichenmarschirenlassen? wie Rousseau sagt. Wir haben eine ungeheuere Menge von Wahrnehmungen und Erfahrungen, aber wir begreifen fast keine einzige davon, und gegen die Behandlung eines Kranken, von der sich unser Verstand Rechenschaft ablegen kann, müssen wir Hunderte behandeln, wo wir nur geschäftig scheinen, um die Leute zu befriedigen. Von Hippokrates bis heute lassen sich zuverlässig funfzig Curmethoden aufzählen, die einander offenbar entgegengesetzt sind, und in jeder Methode zählt man große, berühmte, glückliche Aerzte. Ich kann kein Charlatan sein, kann mich nicht verstellen, und würde darum kein gesuchter Arzt werden. Raum und Feld für mich gibt nur die auf Menschen und Geschichtskenntniß beruhende politische Thätigkeit. Die Menschheit ist in Fluß gerathen, wer die Kraft in sich fühlt, muß jetzt helfen, am Staat zu bauen. Auf dem untergeordnetsten Posten in Pitt's Bureau würde ich mich glücklicher fühlen wie als Arzt. Aber Narbonne hat mich vergessen, seine Freundschaftsversicherungen waren leere Worte, ich habe demselben deshalb auch das Document mit der Rentenversicherung zurückgeschickt, und er hat's angenommen. Ich war dazu sofort entschlossen, nachdem einer seiner Freunde gesagt, ich sei ja gut bezahlt. Der Schwede Ericson, ein sehr reicher Mann, mit dem ich im November nach Paris reiste, tadelte mich zwar und sagte: ›Die Großen taugen nichts, ihr Geld ist besser als sie selbst; Narbonne würde sich freuen, sein Papier wiederzuhaben, und Sie obendrein auslachen; behalten Sie, was Sie haben, und begehen Sie keine Thorheit aus falscher Delicatesse . . .‹«

»Habe ich nicht dasselbe hundertmal wiederholt?« unterbrach ihn Heisch, »wenn ich zugegen gewesen, würde es nie geschehen sein, aber die großen schwarzen, nie stummen Augen der Madame Rilliot, des Engels, der die Reise nach Paris versüßte und der eine ganze Novembernacht, von Dover nach Calais, eingehüllt in deinen Mantel und deinen Rock auf deinem Schose lag, um vor Seekrankheit geschützt zu werden, während du selbst hemdsärmlich und vor Frost mit den Zähnen klappernd auf dem Deck saßest, tragen allein die Schuld deiner übel angebrachten Großmuth. Dein Brief, der mir bei Todesstrafe beinahe befahl, die Obligation einem Schreiben an Narbonne beizufügen, war ganz voll von dieser schönsten aller Reisen, die du je im Leben gemacht. Dein Brief an Narbonne war gut stilisirt: du seiest nicht gewohnt, mit derartigen Handlungen zu wuchern, du sendetest das Papier zurück, um dich von einer Sache zu befreien, die dich nicht weniger drücke als entehre. War das aber nicht simpelhafte deutsche Sentimentalität? Du verlangst die Freundschaft eines Großen, weil du ihm das Leben gerettet. Narbonne, ich möchte sagen, sämmtliche Franzosen, kennen das Wort Freundschaft nicht, sie kennen Dienstleistungen und Belohnungen, du hattest die Rente verdient, du hättest sie behalten sollen, weil sie dir die Mittel gewährte, in dieser theuern Stadt den Uebergang von einem zum andern Berufe zu erleichtern.«

Heisch mußte seinen Gefühlen Luft machen, er wußte, daß Justus von Freunden Opfer bereitwillig annahm, hatte er selbst doch mit ihm getheilt, und theilte heute wiederum seinen guten Verdienst, nachdem er in einem Bankierhause eine Stelle gefunden hatte. Er wußte, daß Justus von Herrn von Türkheim Darlehne empfangen hatte, wie früher von Huber, und sah in der Zurückgabe der Obligation nur Bollmann's Eitelkeit hervortreten, der sich einbildete, Narbonne dadurch zu imponiren, während dieser lachend sagte: »Vous l'avez voulu, George Dandin!«

»Zanke nicht, zanke nicht«, sagte der Freund, »von Freunden kann man große wie kleine Dienstleistungen empfangen, ja fordern, die Freundschaft rechnet nicht. Ist aber die Freundschaft weg und steht man die Dienstleistungen kaufmännisch tractirt, so muß man eine kostbare Waare lieber wegschenken, als sie unter dem Preise weggeben, man entehrt sonst die gute Sache und sich selbst. Schlagen wir das Faß zu, ich weiß, es hat mir mein Handeln nichts eingebracht als von der Staël die Worte: ›Sie sind empfindlich, wie Jean Jacques Rousseau‹, und erneuerte Freundschaftsversicherungen, und von Narbonne, dem leichtsinnigen, ehrgeizigen, verschwenderisch großmüthigen Manne das Gefühl, daß er nicht erfüllen konnte, was er mir in Aussicht gestellt.

»Aber was schadet's denn, ich verlasse mich auf mein Glück; das Glück und ich, wir haben uns bisher vortrefflich miteinander gestanden, warum sollte es mich plötzlich fliehen? Ist es nicht ein Glück, daß ich unter dieser Million Würmer, die hier in London herumkriechen, sogleich meinen lieben Karl herausfinde, und auf einer Bahn sehe, die ich zu betreten mich anschicke? Wir wollen in Windsor meine letzte Guinee auf das Wohl der politischen Carrière vertrinken!«

»Darf ich von deinen Zukunftsplanen sprechen, offen, warnend?« fragte Heisch.

»Nein, ich will es selbst thun«, sprach Justus, »Ich weiß, Karl wird schweigsam sein, und nicht die Kaufmannselle anlegen an große Handlungen, wie du es zu thun pflegst. Ich habe bei der Staël den Grafen de Lally-Tolendal kennen gelernt, der durch seine Anhänglichkeit an die Constitution wie an den König so berühmt, seine › Mémoires à mes commettants‹ müssen jedem Gebildeten bekannt sein; auch habe ich dort die Bekanntschaft der Prinzessin d'Henin gemacht, einer Dame von vierzig Jahren, einer Verwandten und vertrauten Freundin von Lafayette. Dieser schmachtet jetzt in den Kasematten von Magdeburg, durch Trenck hinreichend bekannt.

»Tolendal beschäftigt sich mit einer Denkschrift, welche die Unschuld des schändlich gefangen Genommenen beweist, und der die eigenhändigen Briefe, welche zwischen ihm und dem Könige noch in den ersten Tagen des August vorigen Jahres gewechselt, beigefügt werden sollen. Meine diplomatische Laufbahn wird nun damit beginnen, daß ich diese Denkschrift in geschickter Weise direct in die Hände des Königs von Preußen schaffe, was bei dessen zweifelhafter Umgebung seine Schwierigkeiten hat. Ich werde mich zunächst nach Rheinsberg begeben zu dem Prinzen Heinrich, mit Empfehlungen von Witt und Grenville; ist mir das Glück günstig, bewirke ich die Freilassung Lafayette's, so ist meine Zukunft gesichert, so habe ich meine Brauchbarkeit abermals bewährt, und was mir Narbonne nicht schaffen konnte, das wird mir dann ohne seinen Beistand nicht entgehen. Narbonne hatte mir versprochen, mich Georg III. vorstellen zu lassen, den ich um eine Stellung in der deutschen Kanzlei angehen wollte; Zimmermann in Hannover versprach meine Bitte zu unterstützen, ich bin aber nicht vorgestellt. Jetzt hat Lally-Tolendal den König, der Lafayette von Amerika her nicht sehr liebt, zu überzeugen gewußt, daß dieser nicht zu der Rotte der Jakobiner gehörte, sondern ein guter Royalist war. Sein Interesse für die Befreiung Lafayette's ist geweckt, und hat Georg III. erst einmal für etwas Interesse, so verfolgt er das mit deutscher Zähigkeit. Ich habe die Bekanntschaft des Hofraths Georg Best gemacht, der hier als Wirklicher Geheimer Secretär fungirt und mir durch den hannoverschen Kurier die Briefe an den Vater zu besorgen pflegt; er hat mir versprochen, wenn keiner der Großen, so werde er mich dem Könige vorstellen, und er hat mich versichert, daß er mich gern neben sich arbeiten sehe. Denke dir, wenn es mir gelänge, von hier aus Hannover regieren zu helfen, denn der Großvogt ist eine Null, es geschieht bisjetzt in Hannover nur, was Georg selbst will und was Best will; die Excellenzen in Hannover berichten zwar, aber auf den Vortrag kommt es an.«

Karl erzählte, daß sein Graf hoch stehe in der Gnade des Königs, daß dieser ihm schon freiwillig die Zusicherung gegeben habe, wenn die Angelegenheit mit dem Prinzen August nach Wunsch geordnet sei, er Münster zum Nachfolger des Großvogts von Alvensleben ernennen werde.

Der Name Alvensleben rief Erinnerungen an Heustedt und die Kinderjahre zurück, in denen die Freunde noch schwelgten, als man in Windsor ankam.

Es ist nicht unsere Absicht, ausführlich zu beschreiben, wie die Freunde den Nachmittag und Abend zubrachten. Schon am andern Tage reiste Karl mit dem Grafen von Münster über Deutschland nach Italien, während ein Kriegsschiff durch die Meerenge von Gibraltar segelte, um den Prinzen und Münster in Livorno aufzunehmen und zur See zurückführen.

 << Kapitel 24  Kapitel 26 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.