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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Sechstes Kapitel.
Der 10. August.

Unser junger Freund hatte nach der Pavillonscene keine Ruhe finden können; vergeblich hatte er sich aus seiner Werther-Stimmung durch Studium des »Faust« in ein bischen mephistophelische Laune zu schwingen gesucht; sein Lieblingsbuch konnte ihn nicht fesseln, er las nicht, er träumte nur, selbst wenn er laut las. Er wanderte die Nacht bald in seiner Stube, bald trotz Regen und Kühle im Park herum, brütend über das Ziel, das ihm die Geliebte gesteckt, sie, die er bisher als eine olympische Göttin geliebt, jetzt zugleich als Heilige anbetete. Er sollte einen größern Wirkungskreis suchen; er sollte in die Räder der Weltgeschichte eingreifen.

Das war leichter gesagt als gethan; zwar glaubte man damals in Deutschland ziemlich allgemein, jeder, der etwas Großes wirken und schaffen wolle, müsse Jurist sein, und wer Jurist sei, der stehe ganz von selbst mit auf der Leiter, an der die Ehrgeizigen emporkletterten. Er war Jurist, er hatte viel gelernt, hatte sich mit Staats- und Völkerrecht, mit Geschichte und Statistik beschäftigt; er wußte viel mehr als seine Collegen in Heustedt, und war doch ein schlechter Advocat; das fühlte er selbst. Was nützte ihm sein Wissen, da es ihm am Können fehlte, da ihm die Fähigkeit mangelte, dieses Wissen aller Welt verständlich zu machen, in das Leben überzuführen, den Bedrängten und Rechtsuchenden Recht zu schaffen, den Reichen, den Bedrängern, den Geldmachern, dem zu Recht gewordenen Unrechte, den Schlauköpfen und Chicaneuren gegenüber! Um ein tüchtiger Advocat zu sein, mußte er alle kleinern Künste und Schleichwege, wodurch ein Scheinbild des Rechts aufgestellt wurde, dem guten und wahren Rechte gegenüber entlarven können, den Richter gleichsam moralisch zwingen können, das Recht zu finden und zu sprechen. Das konnte er aber nicht.

Was half es ihm, auf der untersten Sprosse der Leiter zu stehen, auf der man emporklimmen konnte? Die Leiter reichte nicht mehr bis oben hinauf, wie zur Zeit des ersten Kurfürsten, wo ein Grote die Geschicke des Landes in der Hand gehabt; sie war nicht eine, sie war eine dreifache. Die, auf deren Stufen er stand, reichte nur sehr mäßig in die Höhe, und oben angekommen, war für einen kühnen Springer wol die Möglichkeit vorhanden, auf die zweite Leiter, auf der das Staatsdienerthum bis zum Wirklich Geheimen Secretär oder Geheimen Justizrathe, höchstens bis zum Oberappellationsrathe emporstieg, zu gelangen, aber der Sprung war mit Lebensgefahr verbunden und es bedurfte immer einiger freundlichen Hände, den Kühnen dort zu empfangen und ihm Platz zu machen.

Die dritte Leiter, die zum Olymp selbst reichte, war von der zweiten aber so weit entfernt, daß auch Harras, der Springer, nicht gewagt haben würde, seine Geschicklichkeit zu versuchen; zudem fand sich unter den sich auf dieser Leiter hinaufbewegenden Geheim- und Kammerräthen, Gesandten, Generalen und Feldmarschällen keine einzige helfende Hand, sondern nur abwehrende. Wer diese Leiter besteigen wollte, mußte adelich geboren oder mindestens Bastard aus fürstlichem Blute sein.

Zum Staate konnte der heustedter Advocat in nähere Beziehung nicht treten, wenn von solch einem Dinge überhaupt geredet werden konnte, da die Staatseinheit der acht und mehr verschiedenen Fürstenthümer und Grafschaften lediglich in der Personeneinheit des Regenten, der zugleich der König des mächtigsten aller europäischen Reiche war, bestand. Das Dienerthum bildete eine eigene Art beinahe erblicher Genossenschaft, in die das Eindringen ohne die bedeutendste Connexion unmöglich war. Eine Volksvertretung gab es nicht; die Vertreter in den einzelnen Provinziallandschaften waren geborene Vertreter, mindestens war jede Vertretung an einen wenn auch noch so geringen adelichen Grundbesitz mit castrum (d. h. mit einem irgend bewohnbaren Gebäude) oder an das Amt eines Bürgermeisters gebunden. Und was konnte selbst der tüchtigste Ritter in einer solchen Provinziallandschaft wirken? Was der Bürgermeister einer kleinen Stadt oder eines Fleckens?

Karl konnte nur in Einer Art im Sinne Olga's wirken und schaffen: er mußte Schriftsteller werden oder Stellung an einer Universität suchen. Aber über welchen Gegenstand sollte er schreiben, damit er berühmt werde? War nicht alles, was er wußte, Stückwerk? Fanden sich nicht in jeder Branche Leute, die ihn weit überragten? Und während er ein Buch schrieb, wovon sollte er leben? Journalisten, im heutigen Sinne des Worts, die wie Pilze aus der Erde wuchern und über alles mitsprechen, ohne von dem Wenigsten nur wenig zu verstehen, gab es damals in Deutschland noch nicht, und die Anfänge eines solchen Journalistenthums, wie »Das graue Gespenst« und andere Schriften von Rebmann und Genossen, waren nicht sehr ermuthigend.

Sollte er nach Paris gehen, um dort sein Glück zu versuchen? Er hätte die Mittel, um sich ein Jahr dort aufzuhalten, durch Verkauf seiner Bibliothek und der von der Mutter ererbten Mobilien wol zusammenbringen können; aber so viel Zeit gebrauchte er mindestens, um mit den französischen Verhältnissen überhaupt vertraut zu werden, und was sollte er dort in Zeiten der größten Aufregung mit seinem in Göttingen erlernten Wissen?

Ach, er hatte niemals erfahren wie in dieser Nacht, wie leicht es sei, sich in Denken, Gefühlen und schönen Empfindungen über die Menge emporzuheben, wie schwer aber eine äußere Stellung über der Menge sich zu erobern, wie schwer auf die Menge einzuwirken, sie zu erziehen, zu bessern, zu belehren. Ermüdet und ermattet und doch ohne Schlaf klopfte er trotz unfreundlichen Wetters früh vor Sonnenaufgang den Schlagtmeister Georg Schulz wach und bat, ihn die Weser hinabzufahren. Hinter dem Schloßgarten und der Deichmühle entkleidete er sich und schwamm in Begleitung des Kahns nach Hengstenberg hinunter und kehrte mit der aufgehenden Sonne erfrischt nach Hause zurück.

Im Wasser wurde ihm klar, daß er nicht wie bisjetzt sich mit dem Strome treiben lassen dürfe, wollte er Olga' s würdig bleiben, daß er vor allem Heustedt verlassen und um jeden Preis dahin streben müsse, in der Hauptstadt eine seinen Kenntnissen entsprechende Stellung zu bekommen. Voll Hast wurde nun mit Hülfe des Schreibers begonnen, die unerledigten Acten zu ordnen und eine Menge auf die Ruhe der Ferien verschobener Arbeiten zu erledigen, alle Dinge zu einem gewissen Abschlusse zu bringen, sodaß er zu jeder Zeit zur Abreise gerüstet wäre.

Auch Olga brachte den größten Theil der Nacht schlaflos zu; sie hatte resignirt. Sie, die noch niemals gegen die Mutter Opposition gemacht, vielmehr gewohnt war, deren Willen zu folgen, sie wußte, daß ein Widerstreben zu nichts anderm führen würde, als Eclat zu erregen, den sie nach englisch-aristokratischem Sinne über alles haßte; aber sie wollte dem Grafen Schlottheim morgen offen erklären, daß sie ihn nie lieben, daß sie nur äußerlich seine Gattin sein, ihm aber stets fremd bleiben werde; wolle er sie unter dieser Bedingung zum Altar führen, so werde sie eine gehorsame Tochter sein und niemals weder den Namen Wildhausen noch Schlottheim mit einem Titelchen Schande bedecken.

Anna nahm die Sache am leichtesten; sie hatte sich seit Tagen schon die Situation in ihrem Köpfchen so zurechtgelegt, daß sie als ein Opfer erschien. Sie beruhigte ihr Gewissen damit, daß sie Karl und Olga beglückt habe, wenn auch nur für kurze Zeit; Claasing gegenüber war sie sich keines Vergehens bewußt. Er, der Herzoginnen und Königinnen geliebt hatte, wie hätte er von ihr fordern können, daß er ihre erste und einzige Liebe sei? Er war, das hatte sie in den letzten Tagen erst recht empfunden, ein alter Mann gegen sie, und die Ehe, so hatte die Gräfin ihr ja versprochen, sollte ihr erst die volle Freiheit schaffen. Sie träumte davon, wie sie Claasing am kleinen Finger lenken werde; träumte von einem Leben voller Wonne und Vergnügen.

Melusine von Wildhausen war aus dem Pavillon mit goldleerer Chatoulle heimgekehrt, aber nicht mit leerer: das Joujou ihrer Tochter und der Schiller'sche Kalender für Damen nahmen die Stelle der Goldrollen ein. Der Marquis hatte sich von ihr zugleich beurlaubt, er könne die Hochzeitfeier nicht mehr mitmachen; sein königlicher Herr, Graf von Artois, rufe ihn. Melusine hielt die Tochter natürlich für schuldig, wie konnte sie anders? Alle Umstände sprachen gegen dieselbe. Die Sache an und für sich fand sie mehr entschuldbar als verdammungswürdig; empört war sie nur darüber, daß die Tochter das Geheimniß des Pavillons entdeckt habe, besorgt nur darüber, daß Graf Schlottheim vor der Hochzeit von dem Verhältnisse derselben zu dem Advocaten eine Ahnung bekomme, besorgt vor irgendeinem Eclat. Es mußte jener sofort entfernt werden. Da kam ihr plötzlich ein glücklicher Gedanke; sie schrieb die halbe Nacht verschiedene Briefe, von denen der eine noch durch den Marquis selbst an den Grafen von Münster, der sich derzeit am Hofe von Blankenburg aufhielt, besorgt werden sollte. Dann legte sie sich ruhig schlafen und schlief bis tief in den Morgen den Schlaf des Gerechten.

Der verzweifelte Advocat hatte bis Mittag geordnet, geschrieben, der Schreiber Rechnungen extrahirt, diese sollten der Wirthin Krummeier und andern Gläubigern des erstern cedirt werden, um die Forderungen statt seiner einzucassiren und sich damit bezahlt zu machen, als ein Bedienter aus dem Schlosse bei ihm eintrat, ihm Schillers Kalender für Damen, eine feine Rolle mit Gold und einen Brief der Gräfin Melusine brachte. Letztere schrieb:

»Herr Doctor!

Der Ort, wo ich den anbei zurückgesendeten Kalender gefunden habe, hat mich überzeugt, daß Sie mein Vertrauen auf das höchste misbraucht haben, und daß es mir unmöglich ist, Sie wieder in meiner Wohnung zu sehen. Auch die gnädige Comteß Olga kann ein Wiedersehen nicht wünschen. Ich mache Ihnen keine Vorwürfe, Sie haben mein Leben gerettet, früher das Leben meines Kindes retten helfen, aber wir sind quitt.

Ich wünsche, daß es Ihnen künftig wohlergehen möge und daß Sie aus den engen Lebenssphären eines so kleinen Orts herausgerissen werden. Dazu bietet sich eine günstige Gelegenheit. Mein Freund, der Hof- und Kanzleirath Graf von Münster, hat mich unlängst beauftragt, ihm einen tüchtigen Mann als Privatsecretär zu engagiren. Ich hatte auf die Empfehlung Sr. Excellenz des Geheimraths von Schlottheim Sie empfohlen und erhalte heute die Einwilligung des Grafen. Sie werden neben freier Station ein Gehalt von hundert Louisdor jährlich beziehen und werden diese um vierzig Louisdor vermehrt, sobald der Herr Graf eine ihm zugedachte Mission ins Ausland übernimmt. Sie werden England und, wenn Paris den Rebellen und Aufrührern entrissen wird, Frankreich und Paris, sonst vielleicht Spanien oder Rußland mit dem Grafen besuchen und Ihre Carriere wird gesichert sein. Empfangen Sie hierneben das erste Jahresgehalt und halten Sie sich bereit, heute Abend, wo eine Equipage von mir nach Hannover fährt, abreisen zu können. Bis zur Rückkehr des Herrn Grafen von Münster aus Blankenburg wollen Sie in Ahles' Schenke Quartier nehmen. Keinen Dank; Sie werden allein durch schweigende Annahme der von mir gemachten Offerte und prompte Ausführung meiner Wünsche vergessen machen können, was Sie verschuldet.

Melusine, Comteß de Wildhausen,
geb. von Alvensleben


Karl wußte nicht, was er sollte. Sein erster Gedanke war, der Gräfin zu schreiben, sich gegen den Verdacht, den sie ungerechterweise gegen ihn hegte, zu vertheidigen, das Sachverhältniß aufzuklären, die Offerte und das Geld zurückzusenden. Schnell war ein Brief angefangen und zur Hälfte vollendet, die Phrasen von ungerechtem Verdachte u. s. w. waren mit Leichtigkeit und Gewandtheit im Stile, wie Don Carlos und Marquis Posa sprechen, auf das Papier niedergeworfen, allein wie er mehr zu der Sache selbst kam, wollten die Worte nicht mehr fließen. Wie sollte er, ohne Anna zu verrathen, seine Anwesenheit in dem Innern des chinesischen Pavillons erklären? Was warf ihm die Gräfin überhaupt vor? Misbrauch des Vertrauens; war es aber solches nicht, daß er, der Bürgerliche, gewagt hatte, der jungen Gräfin seine Liebe zu erklären, daß er das Geständniß der Gegenliebe entgegengenommen und die Versicherung ewiger Treue; daß sie an etwas anderes gedacht hätte, daß sie Schlimmeres vorausgesetzt, als vorgekommen, ließ sich nicht mit Gewißheit aus den Zeilen folgern. War das, was er gethan, nicht schon genug, um von Misbrauch des Vertrauens reden zu dürfen?

Der Brief ward zerrissen, um mit weniger Pathos und weniger übersprudelnder Empfindsamkeit von neuem angefangen zu werden; aber auch dem zweiten Briefe wollte es nicht glücken, den Beifall des Schreibers zu finden. Voll Verzweiflung sprang Karl auf und schleuderte den Damenkalender, den er für den Urquell seines Unglücks hielt, in die Ecke, dann nahm er die in feines Papier gefaßte Goldrolle und warf sie in das Zimmer, daß sie auseinandersprang und die Goldstücke nach allen Seiten in der Stube herumrollten. Diese That, so unbedeutend, wie ohne Ueberlegung, im halben Zornesrausche gethan, entschied über seinen Entschluß und sein Schicksal. Als Karl die Goldstücke zusammensuchte und das zerrissene Röllchen von der Erde aufnahm, sah er, daß dies mit dem gräflich von Alvensleben'schen Wappen gesiegelt war. Er kannte das Siegel wohl, die Gräfin trug dazu den Ring an der eigenen Hand, und es war ein sicheres Zeichen, daß sie selbst die Rolle verpackt und gesiegelt hatte. Konnte er ihr eine eröffnete Rolle, eine anders gesiegelte zurückschicken? Auf welche Gedanken hätte das die Gräfin führen können? Das Bücken und Suchen nach den in alle Winkel der Stube zerstreuten Goldstücken wirkte ernüchternd auf ihn. Als er endlich, nach beinahe halbstündiger Bemühung, hundert Stück Louisdor wieder in ein Packet zusammenrollen konnte, kam ihm der Gedanke, daß er so viel Geld noch nie auf einmal besessen habe, und damit der andere, daß ihn das Schicksal hier gleichsam auf den Weg, den er zur Gründung einer andern Existenz die ganze Nacht vergeblich gesucht, hinstoße. Er hatte den Namen Münster in jüngster Zeit oft nennen hören, als im Juni der Reichsvicar Karl Theodor, Kurfürst von Pfalzbaiern, das uredle Geschlecht der Freien von Münster in den Grafenstand erhob. Die Gräfin gedachte bei den Soupers und nach dem L'Hombre des jungen Herbert öfter als eines Mannes mit der größten Aussicht, eines Mannes, der eine so eigensinnige, herrschsüchtige Dame, wie ihre Jugendfreundin, die Herzogin Auguste von Braunschweig, Schwester unserer Karoline Mathilde, zu bezaubern und zu fesseln und am Schnürchen zu führen wisse, der als Hof- und Kanzleirath in Hannover den braunschweig-blankenburger Hof ganz regiere: eine Stelle im Geheimrathscollegio werde dem nie fehlen. Die Gräfin lobte Münster namentlich in Gegenwart ihres zukünftigen Schwiegersohns, um diesen anzuspornen, auf denjenigen Bahnen, die Münster betreten, sich ebenso leicht, gewandt und mit Umsicht und Schonung zu bewegen; denn beinahe alle Eigenschaften, die sie an Münster lobte, fehlten dem nur wenige Jahre jüngern Schlottheim.

Als Privatsecretär eines solchen Mannes, eines künftigen Ministers, stand Karl schon von selbst auf der nicht mehr niedrigsten Stufe jener zweiten Leiter, zu der ihm in der Nacht der Sprung noch unmöglich war. Aber nicht diese Aussicht, Carriere zu machen, emporklettern zu können, war es, die ihn schließlich bewog, den Vorschlag der Gräfin als einen glücklichen für seine Lebensschicksale zu betrachten, sondern der Gedanke, daß die ausführende Hand eines mächtigen Mannes nicht blos Hand sei, wenn Geist hinter ihr stecke, daß er von seiner unscheinbaren Stellung aus vielleicht mehr für das Wohl seines Vaterlandes und des Ziels, das ihm Olga als Lebensaufgabe gesteckt, thun könne, als wenn er titulirter kurfürstlicher Diener sei.

Dazu kam eine andere Erwägung. Die von der Mutter hinterlassenen Mobilien verkaufen zu müssen, um den Versuch zu machen, an einem andern Orte eine neue Existenz zu begründen, seine Gläubiger mit Anweisungen auf seine Clienten decken zu müssen, das war ihm immer ein Stein des Anstoßes gewesen.

Namentlich hatte er eine förmliche Furcht vor der »leegen Zunge« (ein Beiname, den die Frau Krummeier im ganzen Orte führte); er schuldete ihr für Mittagsessen und Wein, freilich erst seit Neujahr, aber doch über 150 Thaler, und sie hatte ihn unter allerlei Stichelreden von gräflichen Bekanntschaften und Freundschaften und den schlechten Gewohnheiten der Vornehmen, Bürgerliche schlecht zu bezahlen und von einem Zeitpunkt zum andern hinzuhalten, schon mehrmals gemahnt. Er sah schon dem Augenblick mit Furcht entgegen, wo er, statt mit baarem Gelde, seine Schuld mit Zessionen von Advocaturforderungen an Hans und Kunz zu zahlen versuchen müßte. Wie frei stand er da, wenn er das alte, ihm widrige Weib bis auf den letzten Pfennig mit blanken Goldstücken bezahlen und der Bedienung im Rathskeller einen Louisdor extra zukommen lassen konnte?!

Das alles wirkte dazu, daß er die Verfügung, welche die Gräfin eigenmächtig über seine Person getroffen hatte, sich gefallen ließ, sie als eine Schicksalsfügung ansah und seine Einrichtungen danach traf, am Abend abzureisen.

Er übertrug einem seiner Collegen die nicht große Praxis, übergab die von der Mutter ererbten Sachen, den größten Theil seiner Bücher und Collegienhefte der alten treuen Magd seiner Mutter in Verwahrung, bezahlte nicht ohne befriedigte Eitelkeit die Frau Krummeier mit Goldfüchsen, bewirthete seine bisherigen Tischgenossen mit Wein und fuhr am Abend mit der gräflichen Equipage, ohne Abschied von den jungen Damen genommen zu haben, nach Hannover.

Zu der Zeit, als Karl am andern Tage gegen Mittag etwa in Hannover ankam, fand im Sommersalon des Parks die Begegnung Olga's mit dem jungen Grafen Schlottheim statt. Der Graf schien ein böses Gewissen zu haben; er mochte glauben, die Milchschwester habe der Braut gestanden, was gestern zwischen ihnen vorgefallen war, oder dieselbe habe gar Kunde erhalten von seinem abendlichen und nächtlichen Schwärmen in der Nähe von Klein-Paris. Daß Olga auf ihn zutrat und um eine Unterredung bat, erschreckte ihn augenblicklich; das blasse Gesicht mit den großen, sich zürnend auf ihn wendenden Augen machten ihn beben. Als sie nun mit ernster, tiefer Stimme dem Grafen sagte, was sie sich vorgenommen in der Nacht, fühlte er sich erleichtert; die angeborene Frivolität gewann in ihm schnell die Ueberhand. »Gnädigste«, sagte er und machte den Versuch, Olga's Hand zu ergreifen und zu küssen, der ihm mislang, da sie ihm diese mit Heftigkeit entzog, »Ihre üble Laune spricht zwar ein Todesurtheil über mich aus, ich unterwerfe mich mit demüthigem Gehorsam, aber in der Hoffnung, daß in der Ehe Ihre Migräne schwinden und Sie den zu Ihren Füßen schmachtenden Ehemann an Ihre schönen Lippen freiwillig heraufziehen werden. Seien Sie frei und Herrin über sich selbst, wie ich mich für frei halten werde; sobald Sie über mich befehlen, bin ich Ihr Sklave.«

»Das wird nie geschehen, bei Gott, nie!« rief Olga leidenschaftlich und wandte ihm den Rücken zu.

Ueber das Gesicht des Grafen zuckte ein höhnisches Lächeln; da kehrte sich Olga um, ihr Gesicht hatte das Tragische verloren; es sah gleichgültig und stumpf aus und so war auch ihre Sprache: »Apropos, noch eine Geschäftssache; ich verliere die Schwester und Gespielin meiner Jugend; ich wünsche außer meiner Kammerjungfer meine frühere englische Gouvernante als Vorleserin und Gesellschafterin bei mir zu haben, die mein Schlafzimmer, an welchem Orte wir uns auch immer aufhalten mögen, theilen soll.«

»Ganz nach Befehl, meine Gnädigste«, erwiderte der Graf, und man trennte sich.

Anna war gegen Claasing heute auffallend zärtlich; sie versuchte ihn an dem Finger zu lenken, wie sie die Nacht geträumt; sie gab ihm hundert verschiedene Aufträge, die sich zum Theil widersprachen.

Nachmittags beim Diner entschuldigte die Gräfin Karl bei den Anwesenden, daß er ohne Abschied abgereist, um eine Stellung bei dem Grafen Münster einzunehmen.

»Ich habe demselben«, fügte sie gegen Olga gewendet hinzu, »den Schiller'schen Damenkalender nachgesandt, dein Joujou liegt in meinem Zimmer, wo es die Kammerjungfer in Empfang nehmen kann.«

Olga, die das Joujou noch gar nicht vermißt hatte, am wenigsten daran dachte, wo es geblieben, die gar nicht wußte, daß Karl den Damenkalender mit in das verborgene Gemach des chinesischen Pavillons genommen und dort vergessen hatte, sah die Mutter groß an, ohne sie zu verstehen. Anna aber ahnte den Zusammenhang und wurde roth von der Stirn bis zur Brust. Der Graf machte einen schlechten französischen Witz, und die Sache wurde nicht weiter erörtert.

Abends kamen der Vater des Bräutigams und der ältere Bruder des letztern, der künftige Majoratsherr von Schlottheim-Rabensburg, mit seiner Gemahlin, einer ältlichen, aber ahnenreichen und begüterten Dame, und einem etwa zehnjährigen Sohne, dem einzigen Kinde.

Der künftige Majoratsherr, zur Zeit Gesandter am berliner Hofe, kannte die Braut des Bruders noch nicht; er that nicht nur äußerst entzückt über ihre Schönheit, sondern er war es auch. Kaum vierundzwanzig Stunden nach seiner Ankunft flammte seine bisher noch nie eifersüchtig gewordene edle Gemahlin voll von Eifersucht und sah in ihrer künftigen Schwägerin eine Todfeindin, obgleich diese an dem ältern Bruder mit seinen süßlich frommen Manieren womöglich noch weniger Gefallen fand als an dem eigenen Bräutigam.

Der Majoratserbe, Alexander Emanuel von Schlottheim-Rabensburg, war, kaum zweiundzwanzig Jahre alt, mit seiner funfzehn Jahre ältern Gemahlin nach dem Willen der beiderseitigen Aeltern verheirathet, als er kaum ein Jahr die Universität, die er als Knabe bezogen, verlassen hatte. Unreif an Körper und Geist, war er einem Geheimen Kriegsrathe, der als Kreisdirectorialgesandter bei dem niedersächsischen Kreise attachirt war, als Gehülfe oder Lehrling – wir würden heute sagen als Legationssecretär, beigegeben. Schon bei der Thronbesteigung Friedrich Wilhelm's II., 1786, war er aber als außerordentlicher Abgesandter in Berlin thätig. Seine Gemahlin hatte ihre ansehnlichsten Güter in Preußen und am Hofe selbst zahlreiche Verwandte. Man glaubte in Hannover und London sich nicht besser vertreten lassen zu können, und in der That alle die zahlreichen Skandale und Hofgeklatsche gelangten in der ausführlichsten Beschreibung nach Hannover und, wenn man es dort für angemessen hielt, nach London. Die Hofcirkel, in denen Mystik, Scheinfrömmigkeit, Intriguen aller Art neben crasser Liederlichkeit die Herrschaft behaupteten; ein König, der von einer Sultanin zur andern eilte, erst dem Fräulein von Voß (Gräfin Ingenheim), dann Mademoiselle Henke, alias Madame Rietz und Gräfin – Lichtenau seine Neigung und, trotz seines Geizes, seine Verschwendung zuwendete, ein Wüstling, den letztere durch dieselben Mittel zu fesseln wußte, welche die Marquise Pompadour in ihren alten Tagen bei Louis XV. angewandt; ein König, der zu allem andern, nur nicht zur Arbeit Lust hatte, konnten keine gesunde Umgebung vertragen.

Der Majoratserbe war nur kurze Zeit Liebling der Prinzessin F. gewesen, ohne die Eifersucht seiner Frau zu erregen; jetzt war er ein fromm-lüsterner Greis von einigen dreißig Jahren. Man verbrauchte seine Kräfte leicht an diesem Hofe; die Herzoge von Mecklenburg und Weimar wußten davon nachzusagen.

Die Situation im Schlosse, wo Alexander Emanuel durch die übertriebenste Aufmerksamkeit, die er Olga zutheil werden ließ, gut zu machen suchte, was der Bruder durch zu Tage gelegte Nachlässigkeit gegen die Braut verschuldet, würde noch schlimmer geworden sein, wenn nicht in den nächsten Tagen eine immer größere Anzahl Verwandte, namentlich Frauenzimmer aus der Familie des Bräutigams, angekommen wären. Das Schloß war bis zu den Mansardenzimmern, aus denen man selbst die Bibliothek, welche die Wonne der Kinder gewesen war, auf den Boden gebracht hatte, von Herrschaften, noch mehr von Dienerschaften gefüllt. Alle irgend überflüssigen Betten waren aus den Wohnungen von Hannover nach Heustedt geschafft; selbst der Geheimrath hatte seine Fremdenbetten geschickt. Leibdiener, Jäger, Friseure, Stallbediente mußten trotzdem in den Nebengebäuden auf Stroh schlafen. In den Corridors des Schlosses rannten sich Kammerfrauen und Kammerzofen, Friseure und sonstiges Dienstpersonal beinahe um. Es hatte eine eigene Art Feldküche für das Dienstpersonal gebaut werden müssen, worin dieses zu nicht geringem eigenen Amusement speiste, sich über die Schwachheiten der Herrschaften unterhielt, Liebeshändel anknüpfte und mancherlei Unfug trieb. Als nun gar am Tage vor der Hochzeit die Herrn Collegen des Geheimraths ankamen, war Ordnung kaum aufrecht zu erhalten, und der alte Haushofmeister nahe daran, sich aus Verzweiflung in die Weser zu stürzen. Alle gräflichen Bedienten, vom Rentmeister bis zum Küchenjungen, waren erbittert gegen die fremden Diensten, denen sie zum Theil hatten ihre Wohnungen einräumen müssen, und die sich gegen Frauen und Töchter, namentlich aber gegen andere geliebte weibliche Persönlichkeiten die unverschämtesten Freiheiten herausnahmen. Es waren nicht mehr die Diener der Gräfin Herren, die fremden befahlen überall mit Ausnahme der Küche, wo die königlich-kurfürstlichen Köche mit ihren weißen Jacken, Schürzen und Mützen die Herrschaft zu behaupten wußten.

Das Hochzeitsfest sollte nach einem lange gehegten und gepflegten Plane nicht nur Familienfest sein; es sollte eine Verbrüderung und Verkettung des niedersächsischen Adels gegen die immer mehr überhandnehmende Revolution bilden; es sollte den durch Neid, Eifersucht, Privat- und Familienzwiste u. s. w. mehrfach zerklüfteten Adel zu einer persönlichen Besprechung und Versöhnung führen, vor allem die Wohlhabenden anstacheln, die Sache der Emigranten mit Geld zu unterstützen. Es waren dieserhalb Ritter aus Westfalen und Mecklenburg, Cavaliere vom braunschweiger Hofe, Emigranten von Köln, Koblenz und Blankenburg erschienen, selbst der junge Berlepsch war geladen.

Ein Banket sollte nach der kirchlichen Feier die Hochzeit beschließen.

So sah man denn schon am Tage vor der Hochzeit, sobald nur etwas Sonnenschein durch die beständigen Regenwolken lächelte, im Park Gruppen von Cavalieren herumwandern, im eifrigen Gespräche begriffen; im Billardzimmer discutirte man, die Queues in der Hand, die häkeligsten Staatsfragen, während die Damen nicht minder eifrig die Toilettenfragen tractirten oder auf Eroberungen ausgingen.

Es war der Tag der Hochzeit, der 10. August, gekommen. Der Himmel schien zu Ehren der beiden lieblichen Bräute das Seinige thun zu wollen, er war zum ersten mal seit Wochen heiter und wolkenlos, warm und sommerlich. Am Morgen, gegen elf Uhr, nachdem von den Einzelnen oder den Zusammenwohnenden das erste Frühstück etwas eher auf den eigenen Zimmern eingenommen war, – es wurde derzeit mehr Chocolade als Kaffee getrunken – versammelte man sich im Saale zu einem patriarchalischen Acte. Hans Dummeier übergab vor der Menge und einem Gerichtshalter der Gräfin dem Schwiegersohn Claasing und seiner Tochter Anna seinen von der Gräfin Melusine relevirenden Meierhof – so war er in der vorher angefertigten Urkunde ausdrücklich benannt – sammt allem Zubehör, namentlich dem adelich freien Lande, welches seine Frau für ihre Dienste von der Gräfin erhalten hatte, sich eine Leibzucht für sich und seine Frau und eine Abfindung für den Sohn zweiter Ehe reservirend. Diese Leibzucht sollte nach einem Vertrage mit dem präsentirten Bräutigam der Tochter nicht aus dem Hofe selbst, sondern auf der Brinksitzerstelle des Claasing gegeben werden, und wurde dem Claasing vorbehalten, dem Sohne Dummeier's bei seiner demnächstigen Verheiratung entweder diese Brinksitzerstelle oder aber 2500 Thaler in Gold als Abfindung zu geben.

Die Gutsherrschaft acceptirte den ihr präsentirten Bräutigam als meiertüchtig, genehmigte Altentheils- und Abfindungsverschreibung und händigte darauf dem neuen Hofwirthe und dessen Ehefrau eine zweite Urkunde aus, in welcher dieselben von seiten der gnädigen Gräfin wegen der Verdienste, so sich Anne Marie Dummeier um die gräfliche Familie erworben, als frei von allem gutsherrlichen Verbande, Gefällen und Diensten erklärt wurden. Während man das junge Brautpaar und den Brautvater beglückwünschte, erschien der Haushofmeister und lud zur Einnahme des großen Frühstücks, welches im Park unter dem Zelte von 1772, worin man am Abend das Banket abhalten wollte, eingenommen werden sollte. Der Park war an diesem Tage von allen Seiten geschlossen, sodaß niemand denselben betreten konnte; an den Seiten, wo derselbe von außen möglicherweise zugänglich gehalten wurde, hatte man Wächter angestellt – der chinesische Pavillon war schon seit längern Tagen gänzlich geschlossen, wie wir ihn 1772 sahen. – Während die Menge zum großen Zelte zog, begab sich die Crême der Gesellschaft in den kleinen Salon, wo die Ehepacten zwischen Graf Otto von Schlottheim und Olga, Gräfin von Wildhausen, förmlichst durch einen von Hannover berufenen Hofrath, der zugleich römisch-kaiserlicher Notar war, vollzogen wurden, worauf auch dieser Theil der Gesellschaft sich in den Park nach dem Zelte begab. Die ganze Gesellschaft, die sich im Park versammelt hatte, um die Ankunft der Gräfin und des gräflichen Brautpaares nebst Angehörigen zu erwarten, ehe man das Zelt betrat, war mit Ausnahme von Claasing, Anna und ihrem Vater adelicher Geburt. Nachdem auch das adeliche Brautpaar üblich beglückwünscht war, führte der Geheimrath von Schlottheim Olga, sein Sohn, der Majoratsherr, Anna zu den reservirten Ehrensitzen. Die Gräfin wurde vom Grafen Platen geführt; der Bräutigam bot der Schwägerin den Arm, Claasing selbst einer Schwester Schlottheim's. Außerdem waren Heloise und der Sohn des Majoratsherrn, Hans Dummeier und Tante Hulda die Gäste des Ehrentisches.

Man tafelte bis nach zwei Uhr nachmittags, und wenn das Banket dem Frühstück entsprach, so konnte manche fürstliche Tafel sich schwerlich mit dem messen, was hier geboten wurde. Der Wein löste die Zungen, und bald war man an allen Tischen laut und geschwätzig, man scherzte und lachte, nur nicht am Ehrentische. Hier saß alles frostig und stumm, jeder genirt durch den einen oder andern; dazu kam ein eigenthümliches unheimliches Gefühl, das sich aus verschiedenen Gründen in der Brust der einzelnen Tischnachbarn entwickelte. Graf Schlottheim, wenn er die marmorbleiche Schönheit Olga's neben sich anschaute, machte sich Vorwürfe, seine schöne reine Pupillin einem Wüstling, als welchen er seinen Sohn kannte, geopfert zu haben; er befürchtete, daß die Ehe eine sehr unglückliche werden würde. Aber sollte sein Sohn Carriere machen, so waren die Hülfsmittel der Gräfin nöthig; den größten Theil der Majoratsaufkünfte hatte er dem ältesten Sohne bei dessen Verheirathung überwiesen, und er allein konnte den zweiten Sohn unmöglich während einer diplomatischen Carriere ohne Gehalt im Auslande unterhalten.

Der gräflichen Braut hatte sich ein dumpfer Schmerz bemächtigt; sie ängstigte sich vor der bevorstehenden Ceremonie und wünschte sich den Tod. Die Gräfin war verstimmt und unzufrieden, ohne sich eigentlich einen speciellen Grund dafür angeben zu können. Die Abreise des Marquis Bontemps, der Fund im chinesischen Pavillon, Briefe über die wachsende Macht der Jakobiner in Paris und die zunehmende Ratlosigkeit und Schwäche des Königs mochten das Ihrige dazu beitragen; ferner der Schwall der Gäste und die ihre Voraussetzungen noch übersteigenden Ausgaben, die das Fest machte.

Anna dachte an den Unterschied, aus dem Meierhofe in Eckernhausen in der directen Umgebung des Eichenholzes an Claasing's Seite zu leben, und hier im Schlosse, wo alle Cavaliere wetteiferten, ihre Schönheit zu preisen und ihre Gunstbezeigung zu erlangen.

Claasing hatte eine sehr schlechte Nacht gehabt; er hatte geträumt mit großer Lebendigkeit von jenem Tage, als die Königin Karoline Mathilde im Schlosse zu Celle in das Gewölbe ging, wo ihr todter Lieblingspage niedergesetzt war, wo er sich vor ihr auf die Knie niedergelassen und ihr das verräterische Geschenk der Königin Juliane überreicht hatte und Karoline Mathilde dann ohnmächtig in seine Arme gesunken war.

Der Bräutigam Otto von Schlottheim hatte am Abend vorher in Verkleidung eines Fillerknechts noch ein Abschiedsrendezvous am Ende der Weststadt gehabt; allein es war ihm nicht geglückt, das Liebchen, das seiner dort geharrt, mit Geld oder guten Worten zu beschwichtigen; sie verlangte auf das stürmischste, er solle endlich Anstalt machen und bei dem Vater, dem Halbmeister, um sie anhalten und sie nach seiner angeblichen Heimat, nach Thedinghausen, führen. Die Entschiedenheit des Frauenzimmers imponirte ihm; er gewann nur drei Tage Zeit; das war die letzte Frist, welche die schwarze Marthe dem Fillerknecht aus Thedinghausen gesetzt hatte, seine Schwüre zu halten.

Der Majoratserbe schlief auch schlecht, er träumte vom König Saul, der ihn in den Armen der Prinzessin – nein, nur der Gräfin Rietz – fand und ihn nun zu etwas machen lassen wolle, was er eigentlich schon war.

Seine Gemahlin ärgerte die Schönheit der Bräute, neben denen sie trotz alles Schmucks der Diamanten ein Bild der Häßlichkeit blieb.

Tante Hulda war erzürnt, einen Bauer als Tischnachbar zu haben, der nichts von Versailles wußte und nichts von Paris hören wollte. Hans Dummeier aber fühlte sich durchaus unwöhnlich und unheimisch in der Gesellschaft. Nur die beiden Kinderseelen waren unbefangen. Heloise schwärmte in dem Gedanken, wie schön die Schwester und Anna in ihren Brautkleidern, der türkischen Robe, aussehen würden, der jüngere Graf schwelgte in dem Genusse, der ihm an Speisen und Getränken noch bevorzustehen schien, nach dem Schwelgen des Augenblicks.

Endlich war das Frühstück zu Ende, und man begab sich in die Zimmer, um Toilette zu machen, zu der man nur zwei Stunden Zeit hatte. Nun begann es wieder in den Gängen des Schlosses zu rennen und zu laufen von Kammerfrauen und Kammerzofen, Kammerdienern und Bedienten, für alle Fächer gerecht, Friseuren und sonstigen dienstbaren Geistern.

Zur Schloßkirche führte neben der Sakristei ein Eingang vom Park her. Der Weg dahin war nur kurz; dennoch hielten ein Dutzend Kutschen mit prächtig costümirten Kutschern vom Schloßthore bis zur Auffahrt vor dem Portale an, um Hochzeitsgäste und Brautleute durch den Park nach der Kirche zu fahren.

Der vor dem Altare in der Schloßkirche befindliche Raum, auf dem auch zu beiden Seiten die Priechen der Gräfin standen, war etwa drei Fuß höher als das Schiff der Kirche; man hatte ihn von diesem für heute durch eine Barrière abgesperrt, da die Hochzeiter von der Parkseite in diesen Raum gelangten. Der Boden war mit feinen Teppichen belegt und das Gewächshaus aller Granatbäume und Orangen, der Garten und Gartensalon der blühenden Oleander und Rosenbäume beraubt, um hier ein grünes Paradies vor dem Altar zu bilden.

Zwischen diese Blüten- und Blätterpracht waren für die Hochzeitsgäste Stühle gesetzt. Nachdem diese angekommen, fuhren auch die Aeltern der Brautpaare und diese selbst vor; Olga, geführt von dem Schwager, Anna von dem Chef ihres Gemahls, dem Oberstallmeister Freiherrn von Schagk. Als Brautführerinnen figurirten Heloise und noch einige junge Mädchen aus der Familie. Die Kirche war von der Thür bis zur Barriere dicht gedrängt voll Zuschauer und Zuschauerinnen, namentlich Frauen und Kinder, von den Honoratioren herab bis auf den Bettler in Klein-Paris. Man wollte die beiden Bräute in ihrem Brautschmucke sehen, von dem so viel geredet war, man wollte die Kleiderpracht der vornehmen Welt aus der Hauptstadt sehen. Die Honoratiorenfrauen und Töchter, welche auf der Emporkirche Priechen und Plätze besaßen, hatten schon seit einer Stunde in diesen gesessen, um sie später nicht von unbefugten Eindringlingen zurückerobern zu müssen. Es war schon viel Streit um die Plätze gewesen, und sehr große Unruhe herrschte in der Kirche, da der eine oder andere Knabe, der einen unsichern Stand auf einem der Plätze nach hinten gefunden, von andern, die gleichfalls emporsteigen wollten, wieder herabgezogen wurde. Endlich hatten die Brautpaare vor dem Altar Platz genommen und im Augenblick erschien der in der Sakristei schon harrende Priester. Es wurde etwas stiller in der Kirche.

Der Prediger begann die doppelte Ceremonie mit einem Lobe auf die beiden uralten Grafengeschlechter, die sich hier nach göttlichem Gebote und löblicher Gewohnheit unserer Kirchen in den Stand der heiligen Ehe begeben wollten; nach göttlichen, natürlichen und ordentlich beschriebenen Rechten.

Er sprang dann über auf den Bauernstand, um Anna und Dummeier einige zweideutige Schmeicheleien und dem königlich-kurfürstlichen Obergestütmeister Claasing ein gänzlich unverdientes Lob in das Gesicht zu sagen.

Alles das, was wir in wenigen Zeilen referiren, dauerte bei der salbungsvollen, langsamen, mit unendlich vielen Bei- und Schmuckworten gewürzten Rede des Predigers beinahe eine Viertelstunde.

Die beiden Bräute standen nebeneinander, zwischen ihnen Heloise, die von der Schwester die linke, von Anna die rechte Hand gefaßt hatte. Die Gräfin Melusine stand zur Seite nahe dem Prediger; ihr gegenüber Graf Schlottheim, Brautführer und Brautjungfern unmittelbar hinter den Brautpaaren. Beide Bräute hatten ihr Gesicht durch den vom Turban fallenden Schleier verhüllt und der neugierigen Menge auf der Emporkirche hinter dem Altar, die von den sogenannten Honoratiorendamen besetzt war, entzogen. Graf Otto von Schlottheim stand gesenkten Kopfes und mit zu Boden geschlagenem Blicke, während Claasing keck nach der Emporkirche vor sich und neben sieh herumschaute.

Nachdem der Prediger eine Pause gemacht und in ein weißes Batisttuch gehustet hatte, fuhr er in Gemäßheit der Lüneburgischen Kirchenordnung fort:

»Geliebte in Christo, beide Braut und Bräutigam, damit ihr in euerm bestätigten Ehestande also leben möget, daß es Gott gefällig, euch und männiglich besser sein möge, so sollt ihr aus Gottes Wort vier Stücke hören, so Eheleuten zu wissen von nöthen sein.

Zum ersten:

Wer den Ehestand eingesetzt und verordnet habe, nämlich Gott selbst; denn also schreibt Moses in seinem ersten Buche, am zweiten Kapitel: Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, ich will ihm eine Gehülfin machen, die um ihn sei. Da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen und er entschlief. Und nahm seiner Rippen eine und schloß die Stätte zu mit Fleisch. Und Gott der Herr baute ein Weib aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin heißen darum, daß sie vom Manne genommen ist. Darum wird ein Mann seinen Vater und Mutter verlassen und an seinem Weibe hangen, und sie werden sein Ein Fleisch.

Zum andern:

Hört und lernt, wie sich eins gegen den andern nach Gottes Willen soll halten.

So spricht Sanct Paulus: Ihr Männer liebt euere Weiber, gleichwie Christus geliebt hat die Gemeine und hat sich selbst für sie gegeben, auf daß er sie heiligt, und hat sie gereinigt durch das Wasserbad im Wort, auf daß er sie ihm selbst zurichtet, eine Gemeinde, die herrlich sei, die nicht habe einen Flecken oder Runzel, oder des etwas, sondern daß sie herrlich sei und unsträflich.

Also sollen auch die Männer ihre Weiber lieben als ihre eigenen Leiber. Wer sein Weib liebt, der liebt sich selbst, denn niemand hat jemals sein eigen Fleisch gehasset, sondern er nährt es und pflegt sein, gleichwie auch der Herr die Gemeine.

Die Weiber seien unterthan ihren Männern, als dem Herrn, denn der Mann ist des Weibes Haupt, gleichwie auch Christus das Haupt ist der Gemeine, und er ist seines Leibes Heiland. Aber wie nun die Gemeine Christus ist unterthan, also auch die Weiber ihren Männern, in allen Dingen.

Zum dritten:

Hört auch das Kreuz, so Gott auf diesen Stand gelegt hat.

So sprach Gott zum Weibe: Ich will dir viel Schmerzen schaffen, wenn du schwanger wirst, du sollst mit Schmerzen Kinder gebären, und dein Wille soll deinem Manne unterworfen sein, und er soll dein Herr sein.

Und zum Manne sprach Gott: Dieweil du hast gehorcht der Stimme deines Weibes und gegessen von dem Baum, davon ich dir gebot und sprach: du sollst nicht davon essen; verflucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Lebelang; Dornen und Disteln soll er dir tragen und sollst das Kraut aus dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis daß du wieder zur Erde wirst, wovon du genommen bist: denn du bist Erde und sollst zur Erde werden.

Zum vierten:

So ist das euer Trost, daß ihr wißt und glaubt, wie euer Stand vor Gott angenehm und gesegnet ist.

Denn also steht geschrieben: Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn, und er schuf sie, ein Männlein und Fräulein, und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch, und erfüllet die Erde, und macht sie euch unterthan, und herrschet über Fische im Meer, und über Vögel unter dem Himmel, und über alles Thier, das auf Erden kriecht. Und Gott sahe an alles, was er gemacht hatte, und siehe da, es war sehr gut. Darum spricht auch Salomon: Wer eine Ehefrau findet, der findet was Gutes, und kann guter Dinge sein in dem Herrn.«

Jetzt schien auch dem Grafen Otto die Geduld auszugehen. Er erhob den Kopf und sah zuerst seine künftige Schwiegermutter seitwärts vor sich stehen, gleich ihm vor Ungeduld nervös zitternd. Er sah dann höher hinauf zu der Emporkirche, in der rechts und links, theils neben, theils hinter der Kanzel, hinter den holzgeschnitzten bevorzugten Kirchenstühlen der Burgmannshöfe Frau Landräthin von Vogelsang zur rechten und Baronin von Bardenfleth zur linken mit ihren Töchtern und einem reichlichen Anhange anderer Damen neugierig hinunterschauten. Er konnte es nicht lassen, der schönen Ida von Bardenfleth mit den Augen zuzublinkern und auch mit der Mutter derselben eine kleine Augensprache zu halten. Dann, als der Prediger an sein »Zum vierten« kam, wendete er auch den Kopf nach links und rechts, soweit es mit einer bloßen Halsbewegung möglich war; die Halsmuskeln und Sehnen mußten gelenkig sein, denn er konnte das Gesicht beinahe rückwärts bis zur Orgel wenden, zum Unglück für ihn.

Als er so hinter sich blickte, war der Prediger mit dem ihm nach der Kirchenordnung vorgeschriebenen Formular zu Ende und fragte nun: »ob jemand Einrede und gute Ursache hätte, sie fürzubringen, damit diese beiden Ehen nicht möchten vor sich gehen, daß der bei zeiten spreche, aber hernachmals schweige.« Das »Schweige« des Predigers erstarb aber schon unter einem lauten, die ganze Kirche durchdringenden Schrei von der rechten Seite der Emporkirche in der Nähe der Orgel und einem auffälligen Geräusche, als wenn dort, im Rücken der Brautpaare, etwas vorfiele, wie die Ohnmacht eines Frauenzimmers etwa, welches von dem Blumendunste und dem Gedränge betäubt wäre, und dem man nun zu Hülfe eilte.

Alle Augen, außer denen der beiden Brautpaare und des Predigers, der sich eben die Trauringe von den Brautpaaren geben ließ, wendeten sich der Seite der Emporkirche zu, woher der Schrei gekommen war und wo noch immer eine beträchtliche Unruhe und Aufregung zu herrschen schien, deren Grund man aber nicht entdecken konnte, da er sich hinter den Galerien verbarg.

Der Prediger hatte den Bräutigam eben angeredet:

»Herr Graf Schlottheim, Ihr steht allhier und begehrt gegenwärtiges Fräulein, Comteß Olga von Wildhausen, zu nehmen zu Euerer Hochehelichen Frau und Euch nicht zu scheiden, es sei denn, daß Euch der Tod scheide. Ist solches noch Euers Herzens Wille und Meinung? so bekennt es vor Gottes Angesicht und in Gegenwart dieser Gemeinde und sagt: Ja.«

Der Graf Otto von Schlottheim antwortete mit einem vernehmlichen »Ja«.

Dieselbe Frage wurde dann an Claasing gerichtet. Ehe dieser aber antworten konnte, erhob sich von neuem Tumult. Es stürzte jemand die Treppe von der Orgel in wilder Hast herab; jetzt entstand unten im Seitenschiffe der Kirche Weiber- und Kindergeschrei. Ein Frauenzimmer mit langen fliegenden schwarzen Haaren und glühend schwarzen Augen, die aus einem nicht unschönen, aber von Wuth entstellten Antlitz hervorschauten, bahnte sich mit Gewalt einen Weg durch die dichtgedrängte Menge der im Seitenschiffe versammelten Frauen und Kinder, riß die Barrière, welche zwischen den Zuschauern und Hochzeitsgästen befindlich, nieder, warf mehrere Oleander und Granatbäume, welche ihr im Wege standen, um, drang direct auf den Grafen Schlottheim ein und faßte denselben beim Arme.

Dem Prediger, der die Frage an Olga im Munde hatte, erstarrte die Rede, die beiden Schwestern traten erschreckt zur Seite auf Anna zu; die Gräfin ahnte allein den Zusammenhang, denn sie sah in die bleichen, schuldbewußten Züge des Schwiegersohns.

»Dieser da«, ruft Marthe, denn es ist unsere alte Bekannte aus der Zeit her, wo der Eisschlitten ausgebaut war – »ist vor Gott mein Mann; er hat mir die Ehe feierlichst gelobt, und ich trage sein Kind unter meinem Busen.«

»Eine Wahnsinnige!« schreit die Gräfin. »Die Filler-Marthe!« »Die Filler-Marthe!« rufen eine Menge Weiber- und Kinderstimmen im Schiffe der Kirche. Die Hochzeitsgäste sind stumm und starr, nur weichen sie immer mehr aus der Nähe des Grafen Bräutigam. Claasing aber winkt einem Gestütsknechte, der unter den Leuten der Gräfin vor der Sakristeithür stand; dieser sprang auf Marthe zu und riß sie vom Grafen los. Die gräfliche Dienerschaft leistete ihm Hülfe gegen die wie unsinnig sich Geberdende, man zerrte dieselbe der Sakristei zu. Der Bürgermeister drängte sich heran. »Ins Loch mit der liederlichen Dirne!« sagte er, »schafft sie in das alte Schloßgefängniß.«

»Und nun thun Sie Ihre Schuldigkeit, Herr Pfarrer«, sagte die Gräfin und zog ihre Tochter, die sich an Anna's Brust gelehnt, empor und neben den Grafen, der bleich und frostschaudernd dastand. Der Prediger hatte sich gefaßt, ihm kam die andere Formel der Kirchenordnung in den Sinn, und er führte mit großer Salbung die Sätze aus: »Der allmächtige Gott ist ein reiner, heiliger und keuscher Gott, dem alle Unzucht und schändliche Vermischung zuwider ist, und der den straft, welcher sich sündhafter Unzucht hingibt, wie der Herr soeben an einem lebendigen Beispiele gezeigt hat.« Ein unzüchtiger Schandgeist, deducirte er weiter, sei hier vor dem Altare des Herrn erschienen, vom Teufel besessen und vom Teufel verblendet, in dem Grafen, dem reinen und schuldlosen Cavalier, den teuflischen Buhlen zu erblicken und ein heiliges Werk zu stören; denn es sei wissentlich, daß dem Satan, als Feind Gottes, der christliche Ehestand zum höchsten entgegen sei, und daß er nach seinem Schaden und Unglück trachte.

»Zu Ende!« herrschte die Gräfin dem Prediger zu, vorbeitretend und dann sich auf die Seite der Tochter an Heloisens Platz stellend.

»So frage ich die Gräfin Olga von Wildhausen und Sie, Anna Dummeier dann, ist es noch Ihres Herzens Wille und Meinung, daß Ihr gegenwärtige Grafen Otto von Schlottheim und Wilm Claasing zum Ehegatten begehrt?«

Olga schwieg, die Mutter aber sagte an ihrer Statt laut »Ja!« und übertönte das »Nein! und dreimal Nein!« welches aus dem Munde der halb ohnmächtigen, von der Mutter gehaltenen Tochter schwach ertönte. Auch die kleine schwache Stimme Anna's klang unter dem Schleier hervor mehr Nein als Ja. Aber es war sehr laut und unruhig in der Kirche und der Prediger mochte von beiden Bräuten »Ja« verstanden haben. Ein »Nein« hatte er noch nie gehört und dachte gar nicht an die Möglichkeit desselben.

So wechselte er denn die Ringe; die Gräfin streckte den rechten Arm der ohnmächtig an ihrer Brust zusammengesunkenen Tochter dem Prediger entgegen; dieser fügte sie mit der rechten Hand des Grafen Schlottheim zusammen und sagte: »Was Gott zusammenfügt, das soll der Mensch nicht scheiden.« Aber Olga entzog krampfhaft die Hand der Berührung mit der Schlottheim's und schleuderte den Trauring vom Finger.

Als er darauf dieselbe Ceremonie bei dem zweiten Brautpaare vollendet, sagte er feierlich: »So spreche ich euch denn ehelich zusammen, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen!«

Und weiter sprach er, und das klang wie Verhöhnung, wenn man die in den Armen der Mutter leblos zusammengesunkene Gestalt Olga's ansah, aber die Kirchenordnung schrieb es vor: »Wachset und vermehret euch und erfüllet das Erdreich!« Während er dann das Vaterunser betete, verließ die Menge schon mit großem Geräusche die Kirche. Graf Schlottheim und sein Bruder führten die noch immer halb bewußtlose Olga durch die Sakristeithür in den Park, wo sie sich in der frischen Luft nach und nach erholte und in den Wagen gebracht werden konnte.

Das war ein trauriges Banket, das am Abend in dem Zelte gefeiert wurde, obgleich die Tische im Glanze von Hunderten von Wachskerzen auf silbernen Leuchtern, prächtigen silbernen Aufsätzen, kostbaren Porzellanvasen, Weinflaschen und Weinkühlern, Pyramiden von Desserts und prachtvollen Schüsseln schier brechen wollten.

Die Gräfin hatte den Kopf oben behalten – sie bedauerte die Wahnsinnige, die durch die Pracht und den Glanz des Festes erregt, oder sonst aus irgendeinem Grunde übergeschnappt sei. Da das Hochzeitsfest ihrer Tochter möglicherweise Veranlassung zu dem Irrsinn gegeben habe, so wolle sie lebenslänglich für die Unglückliche sorgen. Die Hochzeitsgäste waren sämmtlich zu gut erzogen, als daß sie der Gräfin und den Schlottheims gegenüber nicht in denselben Ton eingestimmt hätten. Kaum aber hatte die Gräfin sich zu andern gewendet, als das Flüstern und Klatschen seinen Anfang nahm.

Zum Banket waren dann noch die Familie des Landraths Baron Bardenfleth und einige wenige bürgerliche, aber zuverlässige Honoratioren geladen. Graf Otto Schlottheim hatte sich durch Burgunder und Champagner Muth getrunken, und als der Tanz begann, schwebte er mit der Baronin Bardenfleth voran, als sei nichts passirt.

Der Wein verbreitete unter einem Theile der Gesellschaft eine heitere Stimmung; der Champagner floß in Strömen, aber schon die Abwesenheit beider jungen Frauen gab dem Banket etwas Düsteres.

Für Olga hatte der Arzt, wie man vorgab, die Reise nach Hannover angeordnet; sie war mit der Schwester Heloise, der englischen Gouvernante als Gesellschafterin und dem Kammermädchen, wie einem Jäger des Grafen in aller Stille abgefahren, ohne den Gemahl zu sehen.

Claasing hatte nach den ersten paar Tänzen ein Eifersuchtsanfall angetrieben, anspannen zu lassen; er holte Anna mitten aus dem Tanzgewühle heraus, um sie gegen ihren Willen in die neue Heimat nach Eckernhausen zu entführen.

Ob es gelang, die Adelskette enger zusammenzuschmieden, ob gemeinsame politische Plane zu Stande kamen? Wir müssen bekennen, wir wissen es nicht.

Jedenfalls kam man damit zu spät, die Sache des französischen Königthums war mit diesem Tage verloren.

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