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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Fünftes Kapitel.
Der chinesische Pavillon.

Die Fußverrenkung der Gräfin zog sich in die Länge, die Hochzeit, welche im Juli sein sollte, wurde bis zum 10. August hinausgeschoben. Die Gräfin war sehr ungeduldig; zum Glück für sie erlaubte es die damalige Sitte, daß Herren ohne Gêne den Damen in ihren Schlafcabineten Besuche machen durften, ja daß die vornehmen Damen die meisten Besuche im Bette empfingen, auch wol in Gegenwart von Herren Toilette machten bis auf den Unterrock. Der Marquis brachte die meiste Zeit vor dem Bette der Gräfin oder vor dem Ruhebette zu, auf dem sie sich zum Diner in den Speisesaal tragen ließ. Mit jeder Post erhielt er, oft durch Kuriere, eine große Anzahl von Briefen aus Trier, Köln, Koblenz und allen Orten, wo sich die Emigranten sammelten, und las die meisten derselben vor, welche über die Hoffnungen und errungenen Erfolge der Emigranten handelten, die im trierischen Gebiete ein mächtiges Heer zusammenzogen und das Anrücken der Preußen mit dem Herzoge von Braunschweig erwarteten, meistens aber darauf drangen, daß der Marquis Gelder schaffen müsse. Die Gräfin dictirte dagegen dem Marquis Briefe an den eben gegraften Freiherrn Münster in Hannover, der die vorzüglichsten Konnexionen am Hofe zu Braunschweig hatte, an die Geheimräthe und befreundeten Adelichen in Mecklenburg, Preußen und Hessen, in denen die Sache des Adels als eine gemeinsame dargestellt und die Empfänger gedrängt wurden, die Geldhülfsmittel unter der Adresse der Gräfin einzusenden.. Sie selbst hatte dem Marquis nachgewiesen, daß sie vergeblich bei Moses Hirsch, der schon als reichster Mann in Heustedt galt, wie bei den Hofagenten in Hannover um ein Darlehn nachgesucht habe. Beide schrieben, das baare Geld sei wie von der Erde verschwunden, das Vertrauen sei so erschüttert, daß man gegen die größte Sicherheit kein Geld bekommen könne.

Nach dem Diner pflegte die Gräfin einige Stunden Siesta zu halten; gegen acht Uhr trank man Thee und spielte L'Hombre, eine Partie, bei der Karl nicht fehlen durfte. Die Gräfin hatte den Muth, mit dem er dem wüthenden auf sie einstürzenden Vieh entgegengegangen, bewundert und nannte ihn wiederholt ihren Lebensretter, dem sie zu ewigem Dank verpflichtet sei.

Graf Schlottheim brachte viele Stunden des Tages im Hause des Barons Bardenfleth zu, in Gegenwart desselben der Tochter die Cour machend, in Abwesenheit aber seiner Frau, die sich denn auch aus Mitleid berufen fühlte, ihn über die Kälte und Sprödigkeit der Braut ohne Herz, wie sie Olga nannte, zu trösten.

Die beiden gräflichen Schwestern verkehrten, während die Gräfin Siesta hielt, die Herren rauchten oder Billard spielten, in gewohnter alter Weise mit Karl; er las vor, sie arbeiteten. Mit Anna war eine Umwandlung vorgegangen, sie war sich bewußt geworden, daß sie Claasing nicht liebe, ohne zu dem Bewußtsein zu kommen, daß sie anfange, den Verlobten der Milchschwester zu lieben. Otto von Schlottheim war nicht der Mann danach, sich durch eine Abweisung, wie er sie im Walde erfahren, zurückschrecken zu lassen; er fuhr fort, sie mit den Augen zu verfolgen; wo er sich unbemerkt glaubte, ihr Kußhändchen zuzuwerfen, ihr kleine Dienste und Gefälligkeiten zu erweisen, sie vor der Braut auszuzeichnen und zu loben in Gegenwart anderer. So sehr nun ihr Gewissen ihr sagte, daß das alles ein Verrath an ihrer Milchschwester sei, so fühlte sie sich doch dadurch geschmeichelt. Otto war ein schöner Mann, viel schöner als Claasing und viel jünger; sie phantasirte oft unwillkürlich mit diesem Bilde und entschuldigte das Denken an den Grafen damit, daß die Comteß, wie sie zu errathen glaubte, ihren Bräutigam nicht liebe, daß sie vielmehr den jungen Advocaten liebe, daß sie durch ihre Zurückhaltung, Kälte und Lieblosigkeit selbst daran schuld sei, wenn die Augen des Grafen auch solche kleine Persönchen berücksichtigten, als sie sei. In allen französischen Romanen, die sie von der Tante Hulda nach und nach entliehen oder in der gräflichen Bibliothek gefunden hatte, war eheliche Treue, besonders wenn der jüngern Dame der ältere Ehemann so aufgedrängt wurde, wie Claasing ihr doch aufgedrängt war, wie sie jetzt meinte, sehr leicht behandelt, und der Liebe ein größeres, heiligeres Recht zugestanden. Die Liebe war ja das rein Menschliche oder Göttliche, die Ehe etwas Gemachtes, konventionelles. Alle Anklagen Jean Jacques Rousseau's gegen die Ehe, von dem sie aber nur »Die neue Heloise« und »Die Bekenntnisse« gelesen, suchte der Verstand sophistisch hervor, die Zuneigung zu dem Grafen vor dem mahnenden Gewissen zu rechtfertigen.

Als Anna in voriger Woche im »Journal des Luxus und der Moden« von 1792 herumgeblättert, fand sie im Intelligenzblatt, Seite LXXVIII, eine Anzeige, die sie laut lachen machte. Der Graf, welcher gegenwärtig war, fragte nach der Ursache, sie zeigte ihm das Journal, und er las: »Laura, oder der Kuß in seinen Wirkungen«, von Adelo Heinrich Geßner. Die akademische Verlagshandlung und Marino'sche Kunsthandlung in Berlin schickten dieses Buch mit folgender Empfehlung in die Welt: »An alle küssende und geküßte Mädchen, Jünglinge, Frauen und Männer! Wie häufig jetzt unter den Menschen geküßt werde und wie es mit jedem Tage zunimmt, möchte Ihnen wol weder neu noch interessant sein; aber von welcher Wichtigkeit und welchen Folgen die Küsse sind, dies hingegen war Absicht des Verfassers, Ihnen lehrreich vorzutragen und die Herren Berger, Chodowiecki und andere Künstler haben dazu erläuternde Kupfer geliefert.«

»Demoiselle haben also Lust, sich durch Herrn Adelo Geßner und nicht durch Herrn Obergestütmeister Claasing über die Wirkungen des Küssens belehren lassen zu wollen«, sagte der Graf, froh, einen Witz auf Kosten Claasing's machen zu können. An einem der folgenden Abende aber fand Anna das Buch in ihrem Zimmer mit goldenem Schnitt uns in grünem Pergament mit aufgedrucktem Amor, der den Pfeil in die blaue Luft abschießt. Das Buch war decenter gehalten, als Otto erwartet hatte.

Inzwischen wurde die Gräfin immer ungeduldiger, theils weil sie ohne Schmerz nicht auf ihren Fuß treten konnte, theils weil das Wetter täglich schlechter wurde, Regen und Kälte im Juli zum Heizen zwangen, endlich weil sie das erwartete Geld noch nicht bekam. Sie hatte dem Marquis 2000 Louisdor versprochen, sie mußte ihrem Schwiegersohne 2000 Louisdor nach den Verabredungen mit dem Geheimrath, seinem Vater, bei der Hochzeit einbringen, damit ein Theil der Schulden desselben bezahlt, der größere Theil aber verwendet werden könne, den jungen Mann zu einer diplomatischen Mission als Legationssecretär auszurüsten; und Moses Hirsch vertröstete ihren Rentmeister von Tage zu Tage, obgleich er die ausgestellte Schuld- und Pfandverschreibung schon längst in Händen hatte. Sie bedurfte auch zur Ausstattung beider Bräute zu der Doppelhochzeit und für eigene kleine Bedürfnisse mindestens 2000 Louisdor.

Die Cartons mit Hochzeitskleidern waren längst angekommen. Als eines Morgens, der ausnahmsweise ohne Regengüsse war, die Gräfin bei dem ersten Frühstück erfuhr, daß ihre Töchter in Begleitung des Marquis und Claasing's ausgeritten seien, kam ihr, während sie ihre Chocolade schlürfte und Piccolo, der auf ihrem Bette lag, mit in die Chocolade getauchtem Biscuit fütterte, der Gedanke, Anna in Olga's Hochzeitsanzuge zu schauen. Zwar war Anna etwas kleiner und runder als die Tochter, allein was schadete das. Die silberne Klingel, die auf dem vergoldeten Marmortischchen vor dem Bette der Gräfin sich befand, rief Kammerfrau und Kammerjungfer, Kammerdiener und Friseur herbei; Lisette, die Kammerjungfer, mußte Demoiselle Anna ersuchen, sich in das Schlafcabinet der Gräfin zu begeben, die Kammerfrau mußte die gestern aus Paris angekommenen Cartons herbeitragen. Der Toilettenspiegel wurde aus dem nebenan befindlichen Ankleidezimmer in die Stube getragen, der Friseur lief nach dem Kohlenbecken, Piccolo bellte jeden in der Thür Erscheinenden an, es war ein Leben und eine Bewegung ohnegleichen.

»Liebe Anna«, sagte die Gräfin, als diese mit Sophie, der Kammerjungfer der jungen Dame, eintrat, » Madame Teillard hat Olga's wie dein Hochzeitskleid geschickt. Ich wünsche, daß du den für Olga bestimmten Kaftan anziehst, um zu sehen, ob er meinem Geschmack entspricht; Jean, frisiren Sie Demoiselle Anna mit plattem Kammstrich nach Stirn und Ohr, drei kleine Locken hinter das Ohr und das Hinterhaar ›en garbe‹.« Diese Frisur ›en garbe, d. h. mit fliegendem hintern Haar, ist uns erst im Sommer 1865 anschaulich geworden, als einige junge Französinnen und eine Engländerin auf der Promenade im Bade Kreuznach so erschienen. Indeß wollte das Publikum solche Frisur nicht sehr kleidsam finden.

Der Carton wurde geöffnet, und aus Hüllen seinen Papiers entfaltete sich ein Habillement à la Turque von weißem Atlas mit Goldstickerei. Obenauf lag eine gedruckte Reclame der Madame Teillard, welche sich die Gräfin reichen ließ und laut las, während man Anna frisirte. Wir würden unsere schönen Leserinnen erzürnen, wollten wir ihnen nicht wenigstens einen Theil dieser vier Seiten langen, elegant gedruckten Reclame mittheilen, damit sie sehen, welche Sommermoden die schönen Aristokratinnen von Paris hatten, die damals noch mit Männerherzen und dem Joujou spielten, während kaum vier Wochen später die Guillotine anfing, mit ihren Köpfen zu spielen.

Die Gräfin las nämlich:

 

Palais-Royal,

Galerie du côté de la rue de Richelieu.

Au Pavillon d'or, No. 41.

Magasin de Vêtemens pour Dames et pour Enfans, dans tous les genres imaginables, tant pour la parure, demi-parure, que le négligé ajusté et pour bal.

Mad. Teillard, Auteur des Robes de Fantaisie, a l'honneur de prévenir les Dames qui ont la bonté de lui donner leur confiance pour les objets de nouveau goût qu'elle a de faits, en toutes sortes de jolies étoffes en soie, pour le Printems et l'Eté, en uni, chinées, rayées, cannelées, veloutées, tactées; Pekins brodés, taffetas unis, rayés et brodés; beaux Crêpes et autres, peints par artistes, en divers sujets d'un genre neuf, sur Gazes, Taffetas et Pekins; belles Gazes Angloises de Turin, de Lyon, rayées et brochées en fortes qualités, faisant des vêtemens charmans; après en avoir usé la fraicheur en plusieurs saisons, elles servent à faire de jolies doublures légères pour les robes ouatées d'Hyver.

Etoffes pour demi-parure et négligé:

Gragrame Africaine, une et peinte, Sirsakas des Indes, Tabarin rayé, Florence rayée et unie, Pekini rayé, satiné, Linons brodés en soie et en coton; toutes sortes de Mousselines, Basin, Linon uni, rayé, et Linon gaze de fil, pour les vêtemens négligés.

Mad. Teillard fait aussi la commission pour tout ce qui concerne la parure des dames, comme Bonnets, Chapeaux, Fleurs, Plumes, Rubans, Dentelles, Linges fins, Gants, Odeurs, Bas, Souliers etc.

 

Die Frisur war fertig, Jean wurde entlassen, und nun begannen die geschäftigen Hände die Toilette. Man trug damals keine Crinolinen und Reifröcke, aber tiefausgeschnittene Kleider, indeß war die Büste selbst durch den dreieckigen Fichu und den Polisson verhüllt. Dies war der erste Gegenstand des Ankleidens. Die Brust war bis an den Hals in einen durchsichtigen Polisson von Milchflor, oben mit Blonde garnirt, gehüllt. Ueber diesen bauschte sich leicht ein Fichu von geblümtem Flor. Ein feines Unterkleid von Musselin festigte diese Verhüllung. Dann wurde der atlassene Rock angelegt, an dem eine mäßig lange Schnepptaille saß, die hinten zugeschnürt wurde. Doppelt goldene Stickerei, dazwischen ein Streifen handbreiter goldener Fransen schmückte Rock und Taille.

Der Kaftan selbst hatte Aehnlichkeit mit den damals modischen, aber häßlichen Herrenfracks, die bis auf die Fersen hinabreichten, nur daß er keinen so häßlich umgeschlagenen Kragen hatte. Vielmehr bedeckte ein kleiner, steifer Kragen, mit schmalen Goldfransen besetzt, nur von der Gegend an, wo hinter dem Ohre die Haarlocken herunterfielen, von einem Ohre zum andern, den Hals. Von diesem Kragen aus war der Kaftan vorn ganz ausgeschnitten, sodaß die ganze schöne, in Flor eingehüllte Büste Anna's frei hervortrat. Unter der Herzgrube trat der Kaftan beinahe zusammen, aber nicht ganz, er wurde vielmehr von zwei goldenen Oliven und Schlingen zusammengehalten. Von hier war derselbe wieder nach rückwärts tief ausgeschnitten bis zu einer langen Schleppe auf der Erde, die aber nicht mehr als höchstens zwei Ellen Breite einnahm.

Der Kopfputz bestand in einem türkischen Bunde von einem langen Stück englischen Flors mit goldenen Fransen garnirt, und geschmackvoll geschlungen und geknüpft. Ein passender Fächer, weiß, mit Gold gestickt, fehlte nicht. In der Mitte desselben befand sich ein reizendes Aquarellgemälde; eine schöne, hochgeschürzte Schäferin, die in verführerisch nachlässiger Stellung an einer Quelle eingeschlafen ist, wird von einem im Rosenbusche verborgenen Amor mit dem Pfeile bedroht, hinter dem Rosenbusch aber schaut ein steiffrisirter und gepuderter, aber schöner Männerkopf hervor.

Der Kaftan stand der schönen Blondine himmlisch, wie Lisette und Sophie hundertmal wiederholten; die Gräfin selbst war anderer Meinung, das Gold müßte zu dem schwarzen Haar Olga's weit besser passen, obwol der rosigweiße Teint der Wangen mit ihrer pfirsichrauhen Mattigkeit gegen den Glanz des Atlas lieblich hervortrat. Aber das rothbräunlich schimmernde Haar, das leicht sich kräuselnd in üppiger Fülle bis über die Taille hinabfiel, contrastirte zu wenig mit dem reichen Goldbesatze. Ueberhaupt bildete der Anzug keine Folie, sondern er verschwand eigentlich hinter dem lieblichen Gesichte, man konnte nur dieses ansehen und vergaß alle Pracht des Anzugs.

Welche andere Erscheinung mußte Olga in dieser Kleidung machen. Das blasse Gesicht mit den großen schwarzen Augenbrauen, mit der feingeschnittenen Nase und dem schmalen Munde, mit dem blauschwarz schimmernden Haar, so dachte die Gräfin.

Inzwischen ließen sich vor dem Portal des Schlosses Huftritte und lautes Sprechen vernehmen, die Cavalcade war zurückgekehrt, und schon stürmte Heloise auf das Schlafcabinet der Mama zu, um ihr bon jour zu sagen. Anna eilte ins Nebenzimmer, man wollte die Angekommenen überraschen, und die Ueberraschung gelang in so großem Maße, daß Otto von Schlottheim eine ganze Zeit die Braut des Obergestütmeisters wie bezaubert anstierte und die ganze Umgebung um sich zu vergessen schien.

Olga bat nun so lange, bis Anna einwilligte, auch das eigene Brautkleid anzulegen. Dies war ein gleiches Kleid, nur von anderm Stoff, von Gaze, Krepp und dem feinsten Linon, mit leichter, weißer Stickerei, mit Zwirnfransen besetzt. Der türkische Bund war von Musselin und garnirt wie der Kaftan. Das Kleid hob Anna's Schönheit unbedingt noch mehr hervor, man machte von allen Seiten Anna und der Gräfin wegen ihres Geschmacks Complimente.

Bei dem zweiten Frühstück, zu dem sich die Gräfin in den Gartensalon tragen ließ, sagte der Marquis: »Excellenz, ein heute empfangener Brief benachrichtigt mich, daß mein Freund, der berühmte Maler Monsieur Pierrot, der das Porträt Marie Antoinette's für Versailles gemalt, in Hannover angekommen ist, émigré natürlich. Sie sollten diese Gelegenheit nicht versäumen, für Ihre Familiengalerie die Porträts der Comteß und ihrer Gespielin aufnehmen zu lassen. Ich schicke heute noch Briefe nach Hannover, soll ich Monsieur Pierrot nach hier beordern?«

Die Gräfin ergriff dieses Mittel zu einer neuen Abwechselung in dem einförmigen Leben, zu dem sie durch das Vertreten des Fußes verdammt war, mit größter Bereitwilligkeit. »Sie liebenswürdigster Marquis«, äußerte sie, »haben immer die charmantesten Einfälle, und wenn Sie gestatten wollen, daß ich auch Ihr eigenes Bild meiner Galerie einverleiben darf, zum Andenken an die Tage, in denen Sie mir meine Leiden in diesem kleinen Neste versüßten, so beeilen Sie die Ankunft Ihres Freundes, soviel es geht, ich werde Befehl geben, Appartements für ihn in Bereitschaft zu halten.«

Nach vier Tagen war der Maler Mr. Pierrot im Schlosse und hatte die reichlichste Beschäftigung, denn es blieb nicht bei der Porträtaufnahme der jüngern Welt für die Galerie und en miniature auf Elfenbein für Olga und Anna selbst, sondern auch die Gräfin hielt sich noch hinreichend schön, dem Marquis als Revanche eine goldene Dose mit ihrem Porträt zu verehren. So schwanden denn die Tage bis Anfang August rasch dahin.

Anna war in den letzten Tagen des Juli noch mehr zerstreut als früher. Sie hatte jüngst, als ausnahmsweise ein Sonnenblick einmal den Aufenthalt im Freien gestattete, ein Gespräch des Malers und des Marquis belauscht, welches sie in hohem Grade aufregte, als sie sinnend in einer dunkeln Fichtenlaube saß, die in dem Bosket, das zum chinesischen Pavillon führte, so versteckt war, daß sie, obgleich unfern von zwei Gängen belegen, doch den meisten Schloßbewohnern unbekannt war.

Seit etwa zehn Jahren war man mit dem chinesischen Pavillon lange nicht mehr so geheimnißvoll als früher; es war ein jedermann sichtbarer Weg durch das Dickicht um denselben herum gebahnt, die Läden waren im Sommer regelmäßig offen und jedermann, der zum Geheimpark Zutritt hatte, hatte auch Zutritt zu dem chinesischen Zimmerchen des Pavillons. Die Gräfin hatte, als sie zuerst dieses Zimmer vor der Familie erschloß, erklärt, der Großvater habe nach einer testamentarischen Bestimmung die hintern Räume des Pavillons vermauern lassen, sodaß nichts übriggeblieben sei als das eckige Zimmerchen. Man glaubte das. Der Aufenthalt in dem chinesischen Zimmer war im Sommer der Lieblingsaufenthalt der jungen Damen gewesen, weil es blos von der Morgensonne berührt wurde, während welcher Zeit die eisernen Vorklappen geschlossen wurden, sodaß es am Nachmittage das kühlste Plätzchen mit der lieblichsten Aussicht auf die weite grüne Aue bot. Mit der Eröffnung des chinesischen Zimmers hatten sich die Gerüchte über den Pavillon, deren wir im Anfange unserer Geschichte erwähnten, verloren.

Monsieur Pierrot kam mit dem Marquis von dem chinesischen Pavillon, den er zum ersten mal sah. »Worauf sinnen Sie, mein Herr?« fragte der Marquis. »Ich denke nach«, entgegnete der Maler, »wo ich diesen Pavillon schon gesehen! Ha, da fällt es mir ein, im Château . . . . . .« Anna verstand den Namen nicht, »des Duc d'Orleans habe ich einen Pavillon gesehen, der diesem so ähnlich sieht als ein Ei dem andern. Derselbe war damals, wie mir der Herzog, er sei verflucht, der Jakobiner, erzählte, von einem Engländer in der Zeit der Regentschaft erbaut. Aehnliche chinesische Spielereien wie hier. Aber der Herzog drückte an einer Feder, die unter einer dieser Spielereien saß, und die Mittelwand senkte sich, eine, des Regenten würdige Wolluststätte that sich auf.«

»Die Zeit der Regentschaft«, erwiderte der Marquis, »mag etwa übereinstimmen mit der Zeit, wo dieser Pavillon gebaut ist, ich werde nachforschen.«

Die neugierige Eckernhäuserin nahm sich das Gleiche vor. Sie hatte drei Tage und drei Nächte darüber nachgedacht, wie sie ungestört auf eine oder einige Stunden in das chinesische Zimmer gelangen könne; denn wenn der Pavillon auch nachmittags nach dem Diner geöffnet war, abends, sobald man Thee trank, ward er verschlossen, und der Haushofmeister verwahrte den Schlüssel in seiner Stube. Anna kam in der Nacht vom 1. auf den 2. August auf den richtigen Gedanken, daß der einsamste Weg der kürzeste sei. Während die Schloßbewohner auch im hohen Sommer selten vor acht bis neun Uhr ihr Bett verließen, stand sie um fünf Uhr auf, machte Morgentoilette und wartete, daß der Haushofmeister, dessen Wohnung zufällig unter der ihrigen lag, sein Fenster öffnete und den Mund ausspülte, sich kurze Zeit darauf aber mit der holländischen Thonpfeife aus dem Fenster legte und den Dampf des feinen Knasters in runden Ringen in die Luft kräuselte.

Sie ging hinunter, nahte sich dem Fenster, grüßte und bat nach kurzem Gegengruß um den Schlüssel zum Pavillon, in welchem sie gestern ein Buch liegen gelassen habe.

Der Haushofmeister reichte ihr diesen bereitwilligst aus dem Fenster, nebst dem Schlüssel zum Geheimpark selbst. Anna verschloß letztern hinter sich, der Vorsicht wegen, obgleich sie wußte, daß kein Schloßbewohner sie in dieser frühen Morgenstunde stören würde. Als sie den Pavillonshügel betrat, war die Sonne schon hoch über dem Horizont und stach dann und wann aus dunstigen Regenwolken brennend hervor. Sie schloß die Thür des Pavillons, nachdem sie die Fenster selbst von ihren eisernen Vorhängen freigemacht hatte; die Morgensonne warf ihr volles Licht durch die Fenster gegen die hintere Wand des Pavillons, und so sah Anna, die diese Wand mit scharfem Auge beobachtete, bald, daß das in der Mitte der Wand unter Glas und Rahmen hängende Bild des Hühnerhofes nach rechts einen kleinen Schatten warf, der nicht von der Einfassung selbst kommen konnte. Sie untersuchte und fand, daß das Glas, welches sie bisher für unverschiebbar gehalten, an der rechten Seite um einen Achtel Zoll hervorstand, und entdeckte bei genauer Betrachtung oben über dem Rahmen des Bildes auch einen sehr versteckten Mechanismus, welcher das Glas von links nach rechts verschob. Nachdem das Glas geöffnet, wird der Hühnerhof mit den Fingern untersucht, und siehe da, der glänzende Schwanz des Pfauen läßt sich drehen. Unter demselben tritt ein kleines silbernes Knöpfchen hervor, nicht größer als eine Erbse. Anna dreht und dreht an demselben, sie versucht es wenigstens. Endlich drückt sie und siehe da, die Wand verschwindet vor ihren Augen in der Tiefe.

Vor sich fand sie eine sammtene rothe Portière, die sie auseinanderschlagen mußte, um in dem dunkeln Raume, der sich vor ihr aufthat, einiges Licht zu bekommen, denn es fielen nur spärliche Sonnenstrahlen durch die Stuccaturarbeit des Tempels. Anna entdeckte aber etwa in der Mitte des nur schwach erhellten Gemachs am Fuße einer noch nicht deutlich hervortretenden plastischen Gruppe das damals allein übliche Feuerzeug, ein Perlmutterkästchen mit Stahl, Stein, Schwamm und Schwefelfäden, daneben Wachskerzen. Nachdem sie letztere angezündet, verwehrte sie der Sonne ihren Schein, verschloß die Fenster und fing an, den ihr unbekannten Raum zu untersuchen.

Sie fand vor sich einen sechseckigen Raum, der dem Raume des chinesischen Pavillons durchaus entsprach. Dagegen waren zur rechten wie linken Seite noch zwei dreieckige, durch Portièren verdeckte Räume, die in spitzen Winkeln gegen die in die Erde versenkte Mittelwand, der Achtecksseite der Außenwand, durch welche die Thür in das sogenannte chinesische Zimmer führte, entsprach, eingeschlossen, sodaß der Pavillon eigentlich vier Räume bildete, zwei sich entsprechende Sechsecke und zwei Dreiecke. Die Wände waren ringsum mit rothen Sammtvorhängen verdeckt. In der Mitte des Zimmers stand eine Art Altar, darauf eine Marmorgruppe, Venus den Mars besiegend. Von der Mitte des Zimmers, das auch kein Oberlicht empfing, sondern nur oben neben der Decke nach allen Seiten kleine Luftöffnungen hatte, die nach außen in der Stuccaturarbeit verborgen gehalten wurden, hing ein vielarmiger Candelaber mit Wachsstöcken herunter. Um besser sehen zu können, zündete Anna die zehn oder zwölf schon angebrannten Wachskerzen an, die den dunkeln Raum hinreichend erleuchteten.

Ein Zug an zwei über der Eingangsportière hängenden Quasten, und die Sammtvorhänge zogen sich von den drei Seitenwänden ab und in den Ecken zusammen und auf hellblauem Seidendamast traten drei große Gemälde in reichgeschmücktem goldenen Rahmen hervor.

Auf der Hinterwand sah man eine gut ausgeführte Copie der Venus von Tizian. Links hing eine von Cignani selbst angefertigte Copie seines Joseph und der Potiphar, rechts eine Diana von Diez.

Drei Ottomanen von rothem Plüsch mit zahlreichen Ruhekissen von gleichem Stoff standen unter den Seitenwänden.

Zog man die Sammtdraperie von dem Dreieck zur Rechten, so fand man in einem eleganten Eckbort eine reiche Bibliothek französischer und englischer lasciver Romane mit und ohne Illustrationen. In dem untern Raume einer Schieblade befanden sich Kupferstiche in großer Menge; aber Anna hatte die Schieblade kaum geöffnet, als sie dieselbe wieder zuschob. Das Dreieck zur Linken verbarg hinter seiner Portière ein reizendes Büffet mit reichem Flaschenkeller, die Etiketten verriethen, daß hier feuriger Syrakuser, gelber Samos, Burgunder, Madeira, Rheinwein von Rüdesheim und Rauenthal und Champagner auf Entkorkung harrten; fein geschliffene Gläser und Krystallschalen, aus denen man die Olympier Ambrosia schlürfend darzustellen pflegt; Bestecke von vergoldeten Löffeln und silbernen Gabeln standen auf den Borten. Eine volle Bisquittorte und zwei andere Torten, ein Teller mit jenen vor kurzem erst in Rom erfundenen Bonbonnières à l'antique angefüllt, stand da; das waren eßbare antike Gemmen; ein olympischer Jupiter, eine Leda, Minerva, Venus in verschiedenen Stellungen, Bacchantinnen, Satyrn und allerlei derbere an Saturnalien erinnernde Scenen waren aus Zucker dargestellt, zum Theil mit süßem Liqueur und Kirschwasser gefüllt. Alles deutete darauf hin, daß man hier in der nächsten Zeit ein Fest feiern wollte neben dem Altar der Venus und des Mars.

Anna wurde es unheimlich im Pavillon, das Blut stieg ihr in den Kopf, Phantasie und Verstand rangen miteinander um die Oberhand. Letzterer siegte. Sie verlöschte die Lichter, zog die sammtnen Vorhänge über die Bilder, löschte endlich das Licht, was sie am Fuße der Marmorgruppe gefunden, und schlüpfte durch die Portière in das chinesische Zimmer, riß die Thür auf und athmete in frischer Luft. Es war ihr wie in jenem Volksliede, sie phantasirte, sie sei der Ritter Tanhäuser und sei aus dem Venusberge entflohen.

Anna fand an der Stelle, wo die eiserne Wand in die Erde gesunken war, einen Knopf hervorstehen, sie trat darauf, und bald erhob sich aus der Erde die Wand mit allen ihren Bildern und fügte sich so anschließend an den Fußboden wie in die Decke, daß man auch nicht die kleinste Ritze wahrnahm. Die eiserne Wand war nach vorn mit dickem dichten Filz gefüttert, sodaß man durch Klopfen u. s. w. den dahinterbefindlichen leeren Raum nicht erkunden konnte. Anna verschloß den Pavillon, brachte den Schlüssel zu dem Haushofmeister, in dessen Stube Moses Hirsch schon seit einer Stunde wartete, um bei der Gräfin vorgelassen zu werden. Die noch immer Aufgeregte versprach dafür zu sorgen, daß dies geschehe, sobald die Gräfin demi parure gemacht. Diese hatte aber, ihre Chocolade im Bett schlürfend, kaum erfahren, daß Moses Hirsch ihr Aufwartung machen wollte, als sie denselben in ihr Schlafcabinet beschied. Moses Hirsch erschien mit einem schweren Beutel unter hundert Verbeugungen und Entschuldigungen, daß er das Geld nicht früher geschafft. Aber die Louisdor seien so rar, so theuer wie noch nie, das Geld sei von der Erde verschwunden, die Furcht vor einem Reichskriege mit Frankreich mache, daß alle Geschäftsleute das Geld zurückhielten. Er legte die Rollen mit je 100 Louisdor auf dem Bette der Gräfin nieder, bis 6000 Louisdor voll waren und die Gräfin die Last des Goldes auf ihrem Körper fühlte. »Ein Goldregen von schmuziger Judenhand«, sagte sie auf französisch, als auf ihren Befehl der Rentmeister erschienen war und das Geld bis auf 2000 Louisdor, die in eine Chatoulle gelegt wurden, mit sich nahm, »aber doch ein Goldregen.«

Sie erhob sich rasch aus dem Bette und fühlte keinen Schmerz mehr im Fuße.

Als man das zweite Frühstück im geheizten Gartensalon zu ebener Erde einnahm, war die Gräfin, die sich genesen fühlte, die endlich ihr Versprechen an den Marquis erfüllen und, woran sie mit Behagen dachte, den Dank dafür empfangen konnte, in vorzüglichster Laune. Sie aß nur einige Toaste mit weichen Eiern und saß auf einem jener geschmacklos steifen viereckigen Lehnstühle, wie man sie heute noch hin und wieder bei Trödlern sieht. Jean hatte ihr in den mächtigen Chignon reichlich falsches Haar hineingeflochten, sie stolzirte mit diesem Haar und kokettirte mit ihrem schönen weißen Arm. Sie hatte den rechten Arm – mit der linken Hand führte sie von Zeit zu Zeit Toaste zum Munde – auf eine der breiten, hochgepolsterten Armlehnen des Stuhls gestützt, die Hand in die Höhe, sodaß die weiten Aermel des gelben Nanking-Négligés bis zum Elnbogen herabfielen und einen schönen weißen Arm sehen ließen. In der Hand ihr Lieblingsjoujou, ein Geschenk der Königin Charlotte von England. Dasselbe war überaus prächtig, nicht größer als anderthalb Zoll im Durchmesser, von Ebenholz sehr elegant gebaut. In der Mitte der beiden äußern Seiten war auf jeder Seite ein ziemlich großer Diamant und um den Rand eine Einfassung von Rubinen, Smaragden, Diamanten und andern Edelsteinen, sodaß das Joujou am Tage wie am Abend funkelnd auf und ab oder in die Luft fuhr, in tausend bunten Farben blitzend und glänzend. An diesem glänzenden Farbenspiele schien sich hauptsächlich Piccolo zu ergötzen, der etwa drei Schritte nach rechts von der Gräfin entfernt auf einem rothen Plüschkissen ruhte. Der Gräfin vis-à-vis saß der Marquis mit dem Maler vor einem Marmortische, beide zum zweiten male Chocolade mit dem Biscuit frühstückend. Die beiden Bräute saßen in einer Fensternische, mit Tapisseriearbeit beschäftigt, Anna den Kopf voll Pavillonsphantasien, Olga zum hundertsten male das Schicksal erwägend, das ihr an der Seite eines rohen ausschweifenden Mannes, den sie nicht liebte, im Gegentheil haßte, bevorstand. Otto von Schlottheim gab sich allein mit ganzer Seele dem Lunch hin; er hatte kaltes Roastbeef, Schinken und Eier zu seinen Sandwichs, wie man die Butterbrote nach englischer Manier titulirte, und von dem Sherryvorrath in weißer Caraffe hatte er die Hälfte schon vertilgt.

Heloise lagerte zu den Füßen der Mutter auf einem Ruhekissen und besah die Modekupfer des »Journals für Luxus und Moden« von Bertuch und Kraus. Es war ziemlich leblos im Salon, da jeder mit sich beschäftigt schien. Deshalb fing denn auch die Gräfin an, dem Piccolo, der das auf- und abgehende Joujou mit starren Blicken beobachtete, dieses in schräger Richtung beinahe bis an seine Nase entgegenzuschleudern. Piccolo fuhr wie wüthend von seinem Plüschkissen auf, aber ehe er zu sich kam, war das Joujou schon wieder in der Hand der Gräfin. Diese setzte die Neckerei gegen den Hund so lange fort, bis das Kläffen desselben die zartbesaiteten Nerven des Marquis angriff und er das Privatgespräch mit dem Maler abbrach und der Gräfin selbst seine Aufmerksamkeit zuwendete.

»Directe Nachrichten vom Hofe«, sagte er, »bestätigen, daß Se. Majestät je länger je mehr des Veto-Königthums überdrüßig wird, was schon längst die Ansicht der erhabenen Königin war. Es stellt sich immer mehr heraus, daß die Majorität der Nationalversammlung auf einen Schattenkönig oder selbst auf Republik hinaus will. Die bessern Kräfte aus der Constituirenden Versammlung, die wenigstens noch ein Königthum wollen, haben sich durch übel angebrachte Großmuth selbst ausgeschlossen. Aber noch sind treue Seelen gewonnen: Narbonne, General Lafayette u. a. haben die loyalsten Versicherungen gegeben; der König bereut die Rücknahme des Vetos gegen das Emigréeedict, er hat die heiligsten Versicherungen gegeben, sein Veto gegen das Priesteredict nicht zurückzunehmen. Das genügt uns vorläufig, denn die eidestreuen Priester sind ein unersetzlicher Schatz; sie fühlen den Raub der Canaille durch den Verkauf der Kirchengüter gleich dem Adel, sie haben alle Dummen, und ihre Anzahl bildet ja immer die Mehrheit, auf ihrer Seite. Erobern wir Paris, so muß, das steht unter allen Umständen fest, der schwache König zu Gunsten seines jüngern Bruders dem Throne entsagen, und an Mitteln, die Canaille zu knebeln, wird es dann nicht fehlen.«

Die Gräfin, der Maler und der Marquis besprachen dieses Thema noch weitläufiger. Man stritt schon darüber, wie Pétion, Manuel, Marat, Robespierre und andere Jakobiner vom Leben zum Tode gebracht werden sollten. Endlich sprang Heloise auf, schmiegte sich an die Mutter und sagte: »Ma chère maman, une grande partie de joujou!« Gnädigste lächelte zustimmend. Heloise sprang zur Schwester und Anna, zum Marquis und dem Maler, der sie selbst in diesen Tagen unterm Pinsel hatte, dieselben zum Aufbruch auffordernd. Nur Otto von Schlottheim forderte sie nicht auf; er schenkte sich selbst den Rest des Sherry ein und folgte den übrigen die Treppen hinauf in den großen, nach Westen gelegenen Speisesaal – der Maler entschuldigte sich, da er die letzten Uebermalungen zu besorgen habe. – Der Saal hatte sechs Fenster mit einer Aussicht auf alte, hohe Eichen und Buchen, welche verhinderten, die Weser, die gegenüberliegenden Deiche derselben und die Deichmühle zu erblicken. Jacques setzte zunächst vor jedes Fenster einen Stuhl, weich gepolstert, belegte, die Fenster öffnend, die norddeutscher Sitte ungewohnt nach innen zurückgeschlagen wurden, die Fensterbänke mit weichen Polstern und präsentirte dann der Gesellschaft einen Korb mit Joujous, die mindestens dreimal größer als das Spielzeug waren, womit die Excellenz bisher gespielt; man kniete auf den Stühlen und lehnte sich aus den Fenstern. Dagegen waren auch an allen diesen Joujous Schnüre von etwa funfzehn Ellen Länge. Die Gräfin wählte das nördlichste Fenster, im nächsten Fenster placirte sich der Marquis, in dem darauffolgenden Olga, dann Heloise, Otto von Schlottheim und Anna. Die Joujous fielen bei den langen Schnüren bis auf den Grandboden unter dem Schlosse, wenn man sie nicht zeitig in die Höhe schnellte; hierauf zu achten, darin bestand eben die höchste, die alleinige Kunst des Spiels. Heloise commandirte, wie ihr französischer Tanzlehrer dies bei der Quadrille und den Contretänzen zu thun pflegte, aber mit andern Commandoworten: »Hoch! Nieder! Halb! Ganz! Schräg! Vorwärts!« Otto von Schlottheim zeichnete sich dadurch aus, daß er sein Joujou nicht mit den Fingern, sondern mit den Zähnen spielte und daher alle Bewegungen durch ein Rücken des Kopfes hervorbringen mußte, was Heloisen zum lautesten Lachen Veranlassung gab.

Dieses Lachen war wieder Ursache, daß Otto sein Joujou zur Erde sinken ließ und es nun mit bloßen Kopfbewegungen nicht wieder in den Gang bringen konnte, was zur großen, allgemeinen Belustigung der ganzen Gesellschaft beitrug. Das sogenannte große Spiel wurde aber dadurch gestört und die Gräfin sagte: »Paar um Paar.« Sofort wendete der Marquis der neben ihm knienden Gräfin das Gesicht, die älteste Tochter dem Marquis den Rücken zu, sich der Schwester zuwendend. Der gräfliche Bräutigam blickte der sich ihm zuwendenden Anna in die Augen. Nun spielte jedes Paar für sich, aber in der That hörte das Spiel auf, abgesehen von den beiden mittlern Fenstern, wo Olga und Heloise ihre Joujous gegeneinanderschleuderten und die eine das Spiel der andern durch einen solchen Gegenstoß zu unterbrechen und zu hemmen suchte, während sie selbst Herr des Joujous blieb.

In den beiden nördlichen Fenstern begann ein Augenspiel zwischen der Gräfin und dem Marquis, während das Fingerspiel mit dem Joujou nur mechanisch betrieben wurde. Der Marquis seufzte und klagte die Gräfin als grausam an, bis sie ihm zuflüsterte, daß sie ihm die versprochenen Gelder für die Sache des Königthums und der Ordnung acht Uhr abends im chinesischen Pavillon behändigen werde.

In den beiden südlichen Fenstern erklärte Graf Schlottheim der ihm gegenüberknienden Braut des Obergestütmeisters, daß er nur sie liebe; er beschwor sie, ihm um fünf Uhr nach dem Diner in der Rosenlaube des Geheimparks eine Zusammenkunft zu gewähren.

Inzwischen war ein Bedienter erschienen, um die Gräfin zu fragen, ob sie erlaube, daß die Tafel gedeckt werde. Das Spiel wurde unterbrochen. Die Gräfin sagte: »Meine Damen, machen Sie Ihre Toilette, die Herren mögen sich im Billardzimmer oder wo sie wollen amusiren.«

Anna schrieb einige Zeilen auf feines Papier und gab den Brief nach Versiegelung einem der Dienerschaft zur schleunigen Besorgung an Doctor Haus.

Das Diner war trotz der vortrefflichen Schüsseln langweilig; die Damen klagten über das ewige Regenwetter, obgleich heute die Sonne die Oberhand behalten hatte, über Schlaffheit und Migräne; die Herren waren in politische Gespräche vertieft, so wenig Geschmack Otto von Schlottheim auch solchen abgewinnen konnte. Der gekühlte Champagner allein hob gegen Schluß der Tafel die Stimmung.

Die Gräfin zog sich zur Siesta zurück, der Maler nahm Heloise an die Hand, die allein munter und aufgeregt geblieben war, um sie in sein Atelier zu führen. Anna flüsterte Olga einige Worte zu, Graf Schlottheim erklärte, eine Pfeife rauchen zu müssen, der Marquis hatte Briefe zu schreiben.

Im Kopfe der aufgeregten Eckernhäuserin hatte sich bei dem dritten Glase Champagner, das Graf Otto ihr aufgenöthigt, ein Plan entsponnen, der abenteuerlich genug aussah. Sie wollte es zwischen der Comteß und dem Doctor zu einer Erklärung bringen; wenn Olga sich der Liebe zu Karl entschieden bewußt war, so brach sie mit dem aufgedrungenen Bräutigam und sagte noch vor dem Altare »Nein«, und wenn Graf Otto sie so glühend liebte, als er es ihr in den letzten Tagen tausendmal versichert, war es so unerhört, daß ein Graf eines Bauers Tochter heirathete?

Sie führte Olga auf dem nächsten Wege nach dem chinesischen Pavillon, wo der Doctor infolge eines Billets von Anna schon seit langer Zeit mit dem Schiller'schen Kalender für Damen in der Hand wartete. Die Comteß spielte mit ihrem Joujou. Während sich beide vor dem Pavillon begrüßten, trat Anna in diesen, setzte die Maschinerie der Wand in Bewegung, zündete die Wachskerzen der Armleuchter an und schlüpfte dann durch die Portière zu dem stummen Liebespaare. »Ihr werdet staunen«, sagte sie, »ich habe das Geheimniß des Pavillons entdeckt, kommt und schaut.« Anna drängte Karl und Olga durch die Portière, dann sagte sie zu den erstaunt sich Umschauenden: »Hier bleibt ihr eingeschlossen, bis ihr euere Herzen gegeneinander ausgetauscht, euch gesagt habt, daß ihr euch liebt«, und damit schlüpfte sie unter der Portière durch, trat auf den Knopf, die Wand senkte sich hinter der Portière, Karl und Olga waren eingeschlossen.

Der Doctor ließ sich auf ein Knie nieder und stammelte: »Olga!« sie bückte sich zu ihm herab, hob ihn empor und senkte den Kopf an sein Brust; zum ersten male berührten seine Lippen die ihrigen. »Setzen wir uns«, sagte die Comteß und legte ihr Joujou aus der Hand; der Damenkalender war längst Karl's Händen entfallen und lag auf dem weichen Teppiche des Fußbodens. »Wir lieben uns«, sagte Olga, »ich habe es seit meiner Kindheit gewußt, wir lieben uns, ohne uns angehören zu können. Ich habe auch das seit lange gewußt, allein wer kann die Macht der Sitte und verrotteter Gewohnheit brechen, ungestraft brechen? Wir müssen resigniren, wir müssen uns in das Schicksal fügen, welches die Kluft des Ranges und Reichthums zwischen uns gelegt hat.«

»Aber Olga, es ist keine göttliche Ordnung, es ist Menschenwerk, und Menschenwerke können wir zerbrechen!«

»Vielleicht könnten wir das, mein mir über alles Teuerer, allein wo ist die Insel Felsenburg, nach der wir uns zurückziehen könnten? Ich habe das Thema oft und reiflich durchdacht, selbst an eine Flucht nach Amerika mit dir gedacht, denn ich fürchte und hasse die Roheit des mir Angedrungenen. Mich schreckt nur Eins zurück, denn die Brücke, welche mit der sogenannten guten Gesellschaft mich verbindet, würde ich leicht hinter mir verbrennen. Wir würden eine Flucht nie bewerkstelligen können, ohne uns durch ein gemeines Verbrechen zu entehren. Ich selbst besitze außer einem Familienschmuck, den die Mutter verwahrt, kein Vermögen, mein Vater starb überschuldet, du, mein Geliebter, bist arm, lieber will ich das Schlimmste erdulden, als der Mutter auch nur einen Groten entwenden.«

Karl sah ihr in die Augen, die schwarzen leuchtenden, und lehnte seinen Kopf an ihre Brust. So saßen sie lange zusammen, still und stumm in gegenseitigem Anschauen versunken.

»Du, Karl«, hob Olga an, »mußt dir einen größern Wirkungskreis suchen, mache es zu deiner Lebensaufgabe, die Vorurtheile, Gesetze und Sitten, die uns trennen, zu bekämpfen, zeige dich als Mann, werde groß, nütze deinem Vaterlande, daß ich mich meiner Liebe zu dir freuen kann, daß ich stolz sein kann, wenn dein Name genannt wird. Ich bleibe dir treu, jener wird mir angetraut, aber nie mein Mann, nie mein Geliebter.«

Während so keusche Liebe sich offenbarte, hatte Graf Otto, überzeugt, daß Anna im Geheimpark sei, diesen betreten, das Thor hinter sich verschlossen und harrte ungeduldig in der Nähe der Rosenlaube.

Endlich sah er Anna eiligen Schritts kommen, verbarg sich hinter einem Jasminbusch, und als Anna vorüberging, umfing er sie von hinten, bedeckte ihren Mund mit feurigen Küssen und führte sie auf eins der verstecktesten Moosbänkchen. Er zog die sich nur schwach Sträubende auf seinen Schos, bedeckte Mund, Hand und Busen mit heißen Küssen und flüsterte ihr ins Ohr: »Sei mein Weib, mein süßes Weib.«

Der Hochaufgeregten schwanden die Sinne, hatte er nicht gesagt, sie sollte sein Weib werden? Sie glaubte sich berechtigt, seine Küsse zu erwidern, doch wie lange dachte sie überall noch. Die Sinne errangen bald die vollkommenste Herrschaft über sie.

Die Gräfin konnte keine Ruhe finden, das Zimmer, obgleich der Sonnenschein des heutigen Tages kaum die wochenlange Kälte zu vertreiben vermocht hatte, kam ihr zu warm vor, Piccolo hörte nicht auf zu kläffen und nach der Thür zu laufen; er wollte offenbar seinen Spaziergang machen, Vögel jagen, in der Graft baden, kurz, nicht mehr im Zimmer bleiben. Die Gräfin that ihm seinen Willen. Sie fand zu ihrem größten Erstaunen die Thür zum reservirten Park verschlossen; aber sie hatte noch einen andern verborgenen, nur ihr bekannten Eingang. Da, wo der Park in einem spitzen Winkel mit der Brücke über das große Slut zusammenhing, war eine kleine Thür im eisernen Gitter, die sich auf den Druck einer Feder öffnete. Sie wollte wissen, was im Park vor sich ging, denn das Verschlossensein war nichts Zufälliges. Um unbemerkt zu kommen, mußte sie sich vor allem des Schweigens ihres Piccolo versichern; sie lockte ihn an sich, nahm ihn auf den Arm, schmeichelte und streichelte ihn und ging die ihr wohlbekannten Wege zu jenen Lauben und Hütten, in denen sie selbst so oft gekost und geliebt hatte.

Sie ging so vorsichtig, daß man ihren leichten Schritt nicht vernahm, und kam dem Liebespaare so nahe, daß die Liebesschwüre, Tröstungen, Küsse, die ihr Schwiegersohn der »Bauerdirne«, der »domestique« gleichsam gab, deutlich vernehmen konnte. Kam sie früh genug, Anna vor Schuld zu bewahren?

Die Gräfin kehrte den Weg, den sie gekommen, wieder zurück, und als sie weit genug entfernt war, um nicht zu überraschen, ließ sie Piccolo vom Arme und nahm ihr Joujou aus der Tasche, auf einem Umwege wieder nach dem Orte des Rendezvous einbiegend. Piccolo eilte springend und bellend dem Orte zu, wo er seine Gönnerin Anna wußte; diese riß sich aus der Umarmung des Grafen mit dem Ausrufe: »O Gott, o Gott, die Gräfin. Halten Sie dieselbe auf, ich beschwöre Sie um des Himmels willen«, und davon stürmte sie in rasender Eile, dem Pavillon zu. Das Halstuch war ihr entfallen, der Milchflor der Brustkrause zerrissen, die Agraffe von geschliffenem Stahl, welche den Chignon in die Höhe hielt, fiel während des Laufens. In wilder Hast stürzte sie den Berg zum Pavillon hinan, öffnete das Glas vor dem Hühnerhofe, drückte die Feder, und die Wand sank in die Tiefe.

Sie riß die Portière auseinander und stürzte halb ohnmächtig in den hintern Theil des Pavillons. »Fort! fort!« rief sie athemlos, »die gnädige Mama, die Excellenz naht!« Olga saß noch wie früher neben Karl und hatte den Kopf an seine Brust gelehnt, ihr schweres Herz durch Thränen erleichternd. Das Paar hatte noch nicht einmal die Marmorgruppe beschaut, viel weniger die Vorhänge vor den Bildern hinweggezogen. Man eilte in das chinesische Zimmer, und Anna ließ die Wand emporsteigen. Olga hatte ihr Joujou liegen lassen, Karl seinen Schiller'schen Damenkalender. Wer konnte bei der Hast, mit der Anna drängte, daran denken?

Erst als man im hellen Zimmer angekommen war, sahen die Eingeschlossenen den wüsten Zustand, in welchem sich Anna's Toilette befand. »Aber Anna, wie siehst du aus, wer hat dein Fichu so zerrissen, wo ist deine Haarapproche, wie glühst du?« Die so Angeredete warf einen Blick in den Toilettenspiegel und erschrak über ihr Aussehen. Mit Hülfe Olga's wurden Haar und Polisson geordnet, dann ging sie, um Halstuch und Agraffe zu suchen, der Gräfin, welche ihr mit Otto von Schlottheim entgegenkam, auf einem Nebenwege ausweichend.

Der Graf verabschiedete sich vor dem Pavillonhügel, die Gräfin stieg diesen nicht hinan, sondern ließ sich gedankenvoll in jener kühlen Fichtenlaube nieder, in welcher Anna vor kurzem das Gespräch des Marquis mit dem Maler belauscht hatte.

Als Karl und Olga in dem chinesischen Zimmer sich allein sahen, schloß Karl die Heißgeliebte noch einmal in seine Arme, küßte sie stürmisch und nahm Abschied, als wolle er auf ewig scheiden. Er selbst wußte nicht, was mit ihm geschehen, seine kühnsten Wünsche waren erfüllt, die hoffnungslos Geliebte hatte ihm ihre Gegenliebe gestanden, zugleich aber mit Klarheit darauf hingewiesen, daß an ein Weiteres nicht zu denken sei; er fühlte sich glücklich und unglücklich zugleich.

Die Sonne neigte sich ihrem Untergange zu, als die Gräfin, gefolgt von einem Diener, welcher die Chatoulle mit den 2000 Louisdor trug, sich dem chinesischen Pavillon näherte. Sie ließ die Fensterladen verschließen und den Bedienten sich entfernen, dann öffnete sie die Wand, um die Vorbereitungen zum Empfange des Marquis zu treffen.

Wie sehr erstaunte sie, auf dem Divan das Joujou Olga's, auf der Erde den Damenkalender von Schiller zu finden. Sie dachte das Schlimmste, denn sie bemaß die Tochter nach sich selbst.

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