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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Viertes Kapitel.
Joujou de Normandie.

Die Gräfin verließ Heustedt, als der Winter begann; im Schlosse ging aber jetzt täglich Claasing ein und aus, er war es, der auf Anlaß seiner Braut den jungen Doctor einlud, die Leseabende in seiner Gegenwart fortzusetzen; Karl konnte und mochte das nicht abschlagen.

Ueber Olga's Wesen war eine schwere Traurigkeit gelagert, aber sie hatte resignirt. Der Jugendfreund hatte einen Glückwunsch zur Verlobung nicht dargebracht, und die widerwillig Verlobte war ihm dankbar dafür. Man las Shakspeare in der Ursprache mit verteilten Rollen. Tante Hulda schlief dabei, da sie englisch nicht verstand; Claasing war gleichfalls etwas aus der Uebung gekommen, aber er arbeitete sich bald hinein; mit Anna's Lesen haperte es am meisten.

Verliebte Tändeleien unter Brautleuten, wie sie heutzutage in der Familie nicht nur, sondern selbst in Gesellschaften vorzukommen pflegen, gehörten damals nicht zum guten Tone der Gesellschaft; der Obergestütmeister conversirte mit der Braut in allen Förmlichkeiten des Menuetenstils; das Höchste, was dem Bräutigam der Sitte nach gewährt werden durfte, war ein Kuß auf die Hand.

Auch die Braut war nachdenklicher geworden, sie neckte weder Karl noch ihren Bräutigam, sie war minder kokett, es schien, als wenn sie jetzt erst bemerkte, daß ihr Verlobter doch sehr viel älter war als sie.

So kam der Frühling, der schöne Mai; Park und Wiesen glänzten und grünten in üppigster Pracht. Es kam mit dem Frühling aber auch die Gräfin, und nicht allein, sondern in Begleitung eines französischen Emigranten, des Marquis de Bontemps und des Bräutigams, Otto von Schlottheim, der bis zur Hochzeit, im Juli, im Schlosse bleiben sollte, damit die jungen Leute sich kennen lernten.

Der Marquis war Cavaliere servente der Gräfin, aber nicht, weil ihn ihre Reize gefesselt, . . . er verstand sehr wohl Kunst von Natur zu unterscheiden . . . sondern weil er ihre Hülfe für seine Partei, die heilige Sache des Königs, der Ordnung, der Religion und Moral, in Anspruch nahm. Die Gräfin, welche die Gefahr wenn auch nicht in vollem Umfange ahnte, die dem Feudalwesen von Frankreich her drohte, nachdem der Adel dort sein Todesurtheil sich selbst gesprochen, hatte nicht unbedeutende Opfer schon gebracht, aber das Leben in Koblenz und Köln verschlang allein große Summen und jetzt galt es eine Eroberung von Paris, wie man sagte.

Der Marquis hoffte, daß es seiner Liebenswürdigkeit gelingen werde, von der Gräfin noch weitere 20000 Livres zu erhalten; war die erste Zahlung der Sache wegen geschehen, so galt es jetzt der Person des Bittenden wegen, der außer seiner eigenen Liebenswürdigkeit als einer der nächsten Freunde des Grafen von Artois in hoher Achtung bei der Gräfin stand. Wo aber ein Franzose ist, da muß Leben und Bewegung, vor allen Dingen Tanz sein. Das Billardspielen, das Joujouspiel, das Pistolenschießen, das Ausreiten, wie das abendliche L'Hombre mit der Gräfin, Schlottheim und Olga genügten dem Marquis so wenig als die steifen Diners und Soupers. Er wußte die Gräfin zu bewegen, einen Ball zu geben, zu dem die Honoratioren von Heustedt und die adeliche Umgebung geladen wurden. Die Zelte von 1772 lagen noch auf den Böden, es brauchten nur die Boskets etwas gelichtet, einige junge Bäume gefällt zu werden, und der ganze Apparat der Kindtaufsfeier stand wieder da. Aber man war diesmal unter sich. Die Bürger Heustedts und die Dienerschaft nahmen an dem Feste selbst keinen Theil.

Auf diesem Ball traf denn Graf Schlottheim zuerst mit seinem Einpauker Karl wieder zusammen. Karl wurde von ihm mit herablassender Freundlichkeit begrüßt, aufgefordert, sich an der Gesellschaft der jungen Leute in Zukunft zu betheiligen. Der Marquis fand Gefallen an Karl, und dadurch stieg der junge Advocat in den Augen der Gräfin um hundert Procent. Auch die dreizehnjährige Heloise, mit der Karl schon öfter verkehrt, da er ihr den ersten Unterricht im Joujouspiel ertheilt, als sie solches zu Weihnachten von Mama in Hannover geschenkt bekam, erwies sich hier als seine Beschützerin und vermittelte eine freundliche Einladung der Gräfin, das Schloß als immer für ihn offen stehend anzusehen.

Olga war kalt und abstoßend gegen den Bräutigam, wie immer, woraus sich dieser aber wenig zu machen schien, indem er wie ein Schmetterling von einer Landschönheit zu einer Stadtschönheit schwärmte, am liebsten aber bei Anna verweilte, der er, sobald nur deren Bräutigam nicht in der Nähe war, mit feurigen Blicken, glatten Reden, Händedrücken und, wo es die Gelegenheit irgend mit sich brachte, Händeküssen die Cour machte.

Seit jenem Balltage war der junge Advocat wiederum täglicher Gast im Schlosse; dort war seine Sonne, sein Lebenselement, auf das sein ganzes Fühlen und Phantasiren, Denken, soweit davon die Rede sein konnte, und Trachten gerichtet war. Bei Tage war er zerstreut, oft wie geistesabwesend, wenn er nicht in ihrer Gesellschaft war, nachts combinirte er alle kleinen Aeußerungen, Blicke, Bewegungen, die Olga seit vorigem Sommer in seiner Gegenwart entfahren, um in diesem Augenblick zu dem Schlusse zu kommen, »sie liebt mich wieder«, im nächsten Augenblick diesen Schluß auf Grund anderer Dinge zu bezweifeln.

Die alltägliche Belästigung war für ihn die höchste Qual, mit Widerwillen und Ekel hielt er Termin auf dem Amte, er versäumte Fristen und Fatalien, und die Collegen wie die Richter waren bald der übereinstimmenden Meinung, daß er ein schlechter Advocat sei, eine Meinung, die recht bald in das Publikum drang und nur zu wohl begründet war.

Geldmangel, Umgang mit Aristokraten voll aristokratischer Gewohnheiten, unglückliche Liebe, oder vielleicht richtiger Liebe zu einem Gegenstande, der einem andern angelobt und durch die Pflicht der Convenienz und des Reichthums von ihm fern gerückt war, während vielleicht die Seelen zusammen schwärmten, trafen zusammen. Zum Glück für ihn waren mit den Vergnügungen, denen man sich im Schlosse hingab, keine andern Kosten als weiße Leibwäsche und Glacéhandschuhe verbunden; im Billardspiel vielmehr gewann er dem Marquis wie dem Grafen Schlottheim manche Partie und manchen Louisdor ab.

Auch im L'Hombre war er glücklich; Graf Schlottheim langweilte dies Spiel, weil es Nachdenken erforderte und weil seine stumme Braut mitspielte. Er entzog sich erst unter allerlei Vorwänden dem Spiele, dann lehnte er jede Abendpartie gänzlich ab. Sobald es abends dunkelte, verschwand er aus dem Schlosse, man wollte ihn verkleidet in der Weststadt, in der Nähe von Klein-Paris gesehen haben. Ging er Abenteuern nach, und dort?

Die Gräfin, auf welche die Dinge in Frankreich einen größern Eindruck zu machen nicht verfehlt hatten, als sie sich selbst bewußt war, war gegen Bürgerliche viel freundlicher und herablassender geworden; es war ihr, die sonst in gewisser menschlicher Beziehung auf die Ungleichheit des Standes nicht geachtet, die Ueberzeugung geworden, man thue gut, die schroffen Formen zu mildern, und so bekam bald der eine, bald der andere Herr eine Einladung zur Ergänzung des L'Hombre und zum Souper, bis man ein für allemal Karl zu der Partie zog. Während dieser nachmittags nach dem Diner den jungen Damen, an die sich Heloise als aufmerksame Zuhörerin anschmiegte, aus Schiller's »Kalender für Damen« die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges vorlas, pflegten die Gräfin wie der Marquis und Graf Schlottheim Siesta zu halten. Erst wenn es kühler wurde, kam man in den Geheimpark, um bei ruhiger Witterung auf dem Rasen des Laubenrandes Reife zu werfen oder Federball zu spielen, welche Spiele durch die Munterkeit Heloisens und Anna's das Steife, was die ganze Mode, Situation, Frisur und Kleidung mit sich brachten, verloren und den Charakter von jenen Schäferspielen aus der Zeit Ludwig's XV. anzunehmen pflegten, die man so häufig abgebildet sieht. Es waren das die einzigen Augenblicke, wo Olga ihren Ernst ablegte und wie die Schwester Heloise kindlich heiter sein konnte, wenn Karl ihr gegenüberstand . . . . Machte es der Zufall, daß bei diesen Spielen regelmäßig der Marquis der Gräfin, Graf Schlottheim Anna, Karl Olga und Heloisen gegenüberstand?

Wenn wir unser Augenmerk nach längerer Zeit wieder einmal der sogenannten Gesellschaft zuwenden, so finden wir die Herren von 1792 wie die von 1772 vor dem Rathskeller versammelt, rauchend, Wein trinkend, oder lesend und discourirend. Der Stoff der Unterhaltung ist indeß nicht mehr der reine kleinstädtische Klatsch, es wird vielmehr politisirt und wie in der halben Welt theilen sich die Männer in offene oder heimliche Freunde oder Feinde der Französischen Revolution, folgen aber nach Vorgang aller Frauen in allem dem, was die pariser Mode mit sich bringt, wenn auch die Reise derselben nach Heustedt langsam ging.

Gab es in dieser Zeit der beginnenden Sündflut aber überhaupt noch pariser Moden? Man überzeuge sich durch die Einblicke in die zahlreichen Modejournale, daß 1792 und 1793 die Weltherrschaft der pariser Moden weder durch das Septembrisiren noch durch den Krieg gebrochen wurde. Auffallender mag es sein, daß man sich in so ernsten Tagen der Mode wegen mit Spielereien abgab, wie sie erwachsenen Leuten kaum würdig. Dahin gehörte vor allem das Spielzeug unserer Kapitelüberschrift.

Um nicht der Uebertreibung beschuldigt zu werden, theilen wir mit, was in einem Modejournal von 1791 aus Paris berichtet wird. »Wie sonst jeder feine Herr seine bilboquets sowol als sein vademecum in der Tasche führte, und jede Dame von gutem Ton ein solches im Arbeitsbeutel hatte, so ist jetzt das joujou de Normandie der unzertrennliche der vornehmen sowol als der gemeinen Welt. Der Prinz bis herunter auf den Handwerksburschen, die Dame vom ersten Range bis herunter auf das Bürgermädchen, der Greis wie der Knabe spielt sein joujou, so oft er Lust und Weile hat, in Gesellschaften, auf Promenaden, im einsamen Zimmer. Die Engländer bezeigen sogar eine besondere Fertigkeit, dasselbe im Reiten zu spielen, nach allen Seiten zu werfen und wieder zu fangen.«

Im März des folgenden Jahres klagte man aus Berlin: »Man habe über das joujou alles vergessen und vernachlässigt, man trage noch Kleider von alter Farbe und altem Schnitt, Cravatten wie vor einem Jahre, und der Hut werde von den Damen ohne Sorgfalt und Geschmack auf den Kopf geworfen, um nur schnell wieder zum joujou greifen zu können.«

In Heustedt hatte man erst im Mai 1792, als das Schloß von der Gnädigsten und ihrer Gesellschaft bevölkert wurde, das Joujou gesehen, allein außerhalb der Kreise des Schlosses war das Spielwerk noch nicht gedrungen, obgleich verschiedene Damen Bestellungen in Hannover und Bremen gemacht hatten. Frau Landräthin von Vogelsang und ihre beiden schönen Töchter, die achtzehnjährige Ida und die sechzehnjährige Adelheid, hätten wer weiß was dafür gegeben, wenn sie früher als die Baronin von Bardenfleth mit ihren Töchtern Mimona und Adele und Rosa in den Besitz eines solchen Joujous gekommen wären. Auch die Amtmännin und Amtsschreiberin, die Forstschreiberin und Bürgermeisterin hatten schon vergebliche Anstalten gemacht, so ein Ding, das sich von selbst in die Höhe bewegte, zu erhalten.

Aus der Gesellschaft, die wir vor zwanzig Jahren hier fanden, waren die meisten ausgeschieden. Krummeier hatte seinen treuesten Kunden, den Forstschreiber, nicht lange überlebt, die Wittib setzte das Geschäft aber mit einigen Kellnern fort; der Amtsadvocat war gestorben, der Bürgermeister ebenfalls, an die Stelle der Amts- und Kornschreiber waren andere Personen gerückt, die Söhne einiger der alten Bekannten waren als Amts- und Kornschreiber aufgerückt. Die Eifersucht zwischen der Landräthin und der Baronin hatte trotz des Todes der Leibadvocatinnen sich auf die Töchter fortgepflanzt, während die Männer, von denen der Landrath unförmlich dick, der Baron sehr hager geworden war, von diesen Eifersüchteleien kaum etwas merkten und gemüthlich ihr Glas Wein miteinander tranken und die Pfeife rauchten.

Das Factotum der Gesellschaft war zur Zeit der Deichgräfe, Kuno Lübrecht, welcher, aus der Residenz an die Weser gesetzt, es sich hier zur Aufgabe gemacht hatte, der Träger aller neuen Moden, der petit maître aller gesellschaftlichen Vergnügungen zu sein.

Er war heute der erste unter den Linden, denn er hatte Großes auf dem Herzen, er wollte die Gesellschaft überraschen, zunächst überraschen durch seinen direct von Hamburg bezogenen, von einem pariser Schneider herrührenden Anzug. Er trug natürliches, in der Mitte des Kopfes, wie es heute Mode ist, schlicht gescheiteltes Haar, das nur sehr wenig gepudert war und hinten in einem nur eine Hand langen, stumpfen, aber breiten Zopfe endete. Auf diesem also gepuderten Kopfe saß . . . unglaublich für alle, die es nicht selbst sahen . . . ein runder Hut, oben etwas breiter als unten, sonst die Cylinderform. Um den Hals war eine für die Jahreszeit reichlich dicke weiße Musselinkravatte geschlungen und darüber hing locker ein seidenes, rothgewürfeltes Tuch, dessen Zipfel neben dem Jabot in das oben weitausgeschnittene Gilet hineingingen und da festgesteckt waren. Das Gilet à la Prince of Wales war von erbsengelbem Kasimir mit windsorblauen Streifen. Dasselbe hatte zwei Reihen seidener Knöpfe, die sehr weit auseinanderstanden, und war vom vierten Knopfe von unten an so weit ausgeschnitten, daß es schon von der Herzgrube an nicht mehr zusammenging, sondern ohne Kragen ganz rund um die Schultern herumlief. Ein schwarzer Frack mit großen fliegenden Reversen, stehendem Kragen, sehr engen Aermeln, der überall von vorn nicht zuknöpfbar war, dazu Beinkleider von weißem Kasimir mit weißen Knöpfen und Knieschleifen, und in diesem Beinkleide nur Eine Uhrtasche und nur Eine Uhr mit breitem schottischen Bande, an dem ein großes goldenes Karneolpetschaft hing, endlich breitgestreifte, violett und weiße Patentstrümpfe, aus den Schuhen kleine, hochviereckige silberne Schnallen, vollendeten den Anzug des Dandy.

Was aber das Sonderbarste war, in der Hand trug dieser heustedter Adonis einen etwa einundeinhalb Fuß langen, unten dicken, oben spitzen Dornknittel, wie man sie in Paris zum Schutz und Trutz gegen Anfälle einzelner aus dem Pöbel von seiten der Aristokraten in die Mode eingeführt hatte. Kuno Lübrecht ging, in der einen Hand den Knittel, in der andern den Hut, im Schatten der Linden hin und her, an den großen Augenblick der Ueberraschung denkend.

Da kam vom Amtshause her der Amtmann Steinbart, ein Mann im kräftigsten Mannesalter, mit strengen Zügen und nachdenklicher, gefurchter Stirn. Ohne auf den Dandy zu achten, setzte er sich nieder und zog ein französisches Zeitungsblatt aus der Tasche. Er war auf besondern Wunsch der Gnädigsten mit der Amtmannsstelle bedacht, und sie glaubte, sich einen treuen Anhänger in ihm geschaffen zu haben. Aber Steinbart hatte gesehen, daß einer seiner Vorgänger, der Drost von Schlump, mehr als das Doppelte an Einnahmen bezogen als er, und daß man ihm selbst eine Domanialstreuparcelle, die sein unmittelbarer Vorgänger noch gegen sehr geringen Pacht in partem salarii innegehabt und um das Vierfache zur Nachweide verpachtete, wenn der erste Schnitt geschehen war, entzogen, um sie dem schon reichbesoldeten Obergestütmeister als Gehalt zuzulegen. Steinbart, der früher in Hannover im Departement der Kammer gearbeitet und die Einkünfte, die durch die Provinziallandschaften eingingen, revidirt hatte, kannte sowol die großen Schäden der Staatsverwaltung als auch diejenigen, an denen die meisten der herrschenden Adelsfamilien im stillen litten. Er war ein heimlicher Anhänger neufränkischer Ideen und hatte in aller Stille den Lieblingswunsch, die Neufranken möchten die gesammten Emigranten und allen deutschen Adel dazu über die Weichsel treiben, damit sie Polen und Rußland mit ihrer Civilisation beglückten. Er hatte ein fühlendes Herz für den hartgedrückten Bauernstand, der damals noch immer nur als Nutzungseigenthümer des Meierhofes betrachtet und erst von dem Gutsherrn, dann von dem Zehntherrn, dann vom Staate und der Gemeinde ausgebeutet wurde. Es mußte ihm, dem von den Unterbedienten alles, was im Orte und Amte geschah, berichtet wurde, eine Kunde geworden sein, die ihn sehr aufregte, denn er brummte, ohne die Gegenwart Kuno's zu beachten, vor sich hin: »Eine schöne Bande, das ganze Pack, buhlt das alte verbuhlte Weib mit dem hergelaufenen Franzosen, der Schwiegersohn mit des Fillers Marthe und sucht die Milchschwester der Braut zu verführen; die Tochter schmachtet nach dem bürgerlichen Jüngling, es fehlt ihr nur der Muth der Mutter . . . und da soll man sich beugen und schön thun.«

Inzwischen kamen der Amtsschreiber, der Amtskornschreiber, der Bürgermeister und andere Honoratioren und nahmen an dem gewöhnlichen Tische Platz. Neben der Thür nach der Schloßstraße saßen wie früher in getrenntem Kreise die Unverheiratheten, unter denen die Söhne des Landraths und des Barons von Bardenfleth, von denen sich der eine in Göttingen, der andere in Jena des Studirens halber aufhielt, das lauteste Wort führten. Kuno Lübrecht war in den Rathskeller getreten, um nicht jedem einzelnen, wie er ankam, Rede und Antwort über seine Tracht geben zu müssen.

Der Ton der Gesellschaft hatte sich seit der Zeit, als wir dieselbe hier versammelt sahen, wesentlich geändert, obgleich noch alle den Zopf nach hinten trugen. Vor zwanzig Jahren hätte man unter gegenwärtigen Verhältnissen von nichts gesprochen als von den bevorstehenden Hochzeitsfeierlichkeiten, von Braut und Bräutigam, von dem Marquis und dem Obergestütmeister und seiner jungen Braut. Jetzt war es anders, man hielt den »Hamburgischen Unparteiischen Correspondenten«, der zwar schon sechsmal in der Woche erschien, aber nur zweimal mit der Post in Heustedt ankam, und fiel bei seiner Ankunft über die Blätter her. Es entspann sich sogleich politischer Streit, denn die Blätter brachten eine höchst bedeutsame Nachricht von Paris. Am 20. Juni hatte eine Demonstration bedeutender Art stattgefunden, dem Könige die Sanction zu dem Beschlusse abzuzwingen, daß den Priestern, welche den Eid auf die Constitution verweigerten, ihre Pension entzogen und sie selbst unter Aufsicht gestellt werden sollten; man hatte Pétion, den ersten Polizeibeamten von Paris, in Verdacht, die Zusammenrottung der 30000 Vorstädter angestiftet zu haben, welche erst durch die Legislative hindurchdefilirten, dann in die Tuilerien rückten, den König bedrohten, ihm die Jakobinermütze aufsetzten und ihn zwangen, Wein mit ihnen zu trinken. Man glaubte, das Ziel der Demonstration sei ein doppeltes, dem Könige jakobinische Minister aufzudrängen und ihn zu zwingen, sein Veto gegen das Priesteredict zurückzunehmen, wie er das Veto gegen das Edict, das den Emigranten bei Todesstrafe und Güterconfiscation Rückkehr anbefahl, zurückgenommen. hatte. Andererseits wollte man aber den Geist und Muth der Pikenträger heben, die Nationalgarde noch mehr entrüstet und muthlos machen, als sie es schon war.

»Diese Halunken!« rief Baron Bardenfleth und schlug mit der dürren Hand auf den Tisch, daß er schmerzhaft zusammenzuckte, »man muß sie niederkartätschen wie tolles Viehzeug. O, hätte eine verruchte Hand den Helden Gustav nicht ermordet, so würde eine Armee von Schweden, von den im Kurfürstenthum Trier und am Rhein gesammelten Emigranten schon längst dieses dreimal verfluchte Paris der Erde gleich gemacht haben.«

»Ja, wenn das so leicht wäre, würde Leopold II. und der alte Kaunitz nicht so stillsitzen«, erwiderte Steinbart, »es läßt sich nicht verkennen, daß die meisten Priester Feinde der französischen Constitution, gefährliche innere Feinde sind, gefährlicher vielleicht als die an den Grenzen sich sammelnden Emigranten. Man befürchtet in Paris eine Coalition des monarchischen Europas und des gesammten Adels in Europa gegen die französische neue Freiheit, daß sich daher die Anhänger dieser neuen Verfassung zu schützen suchen, ist natürlich. Daß man den König und die Königin für Feinde der Verfassung hält, wer kann das den Jakobinern verdenken? Sollten sie es nicht sein?«

»Sie sind es, sie müssen es sein, sie sollen es sein!« rief von Bardenfleth dazwischen. »Jeder ehrliche Mensch muß es sein, nur die Halunken, die Ohnehosen, die spitzbübischen Expriester sind Freunde der Constitution.« »Sachte, sachte«, sagte Steinbart ruhig . . . . »Herr Baron, es bereitet sich in Frankreich etwas vor, was die Weltgeschichte bisher noch nicht gekannt hat, und macht reißend schnelle Fortschritte: Bauernfreiheit, gestützt auf freies Grundeigenthum. Millionen von Bauern fühlen schon gegenwärtig ihren Wohlstand vermehrt durch die Aufhebung der Feudallasten, obgleich so kurze Zeit seitdem verstrichen ist; vielen Tausenden datirt ein neuer Wohlstand seit dem Verkaufe des Kircheneigenthums, der Verkauf des Eigenthums der Emigrirten lockt andere Hunderttausend, alle, die bei der Revolution interessirt sind . . . und wie viele Tausende der edelsten Menschen mögen das sein . . . fühlen sich nur sicher, wenn die Revolution auf der Höhe erhalten wird, und sollte dies nicht anders als durch Beseitigung des Königthums geschehen können.«

Baron Bardenfleth wollte etwas erwidern, er erhob sich, aber Steinbart erhielt unvermuthet Beistand von einer Seite, wo er ihn nicht erwartete. Der Leibmedicus Chappuzzeau, beinahe zu einer Mumie zusammengetrocknet, räusperte sich und sagte dann mit fistelhaft dünner Stimme: »Werden sich schon darein ergeben müssen, Herr Baron, die Republik angewidert kommen zu sehen, man hat in Frankreich, als der König dort zwei Monate gefangen saß, gesehen, daß es sich auch ohne König regieren läßt, das königliche Amt ist nicht vermißt worden, es hat sich als ein unnützer und sehr theuerer Posten erwiesen; meine Freundin, die Guillotine, wird das Gleichmachen schon besorgen helfen« . . . Man sah sich erstaunt an und wußte nicht, ob es Ernst oder Spaß sein sollte. Die weitere Discussion wurde durch Kuno Lübrecht unterbrochen.

Am Tische der jungen Leute trieb man indeß keine Politik, sondern stritt sich darüber, wer schöner sei, Comteß Olga oder die liebliche Anna, flüsterte allerlei Anekdoten über das Leben des jungen Grafen Schlottheim in Göttingen und Hannover, und wollte eben anfangen, über das Verhältniß des jungen Doctors Haus zu der schönen Comteß herzufallen, als dieser selbst um die Ecke trat und am Tische Platz nahm. Diesen Augenblick schien Kuno Lübrecht erwartet zu haben, er kam aus der Rathskellerthür mit einem verdeckten Korbe hervor, den er auf den Tisch stellte.

Ein allgemeines Ah! empfing ihn. »Lassen wir das, nur neueste pariser Mode von meinem Leibschneider«, sagte er nachlässig. »Was aber ist in diesem Korbe?« Man rieth hin und her, vergebens. »Meine Herren, mir ist der große Wurf gelungen, mit meinem Anzuge von Hamburg ein Dutzend der neuesten Façons von Joujous zu erhalten. Mit gnädigster Erlaubniß des Herrn Landraths und Herrn Barons von Bardenfleth werde ich mir die Freiheit nehmen, dero Gemahlinnen ein Exemplar dieses allerliebsten Spielzeugs zu verehren; die übrigen stehen der Gesellschaft zu Gebote, der Preis ist an jedem Stück notirt, von 20 bis 48 Schilling.«

Die Gesellschaft, mit Ausnahme des Amtmannes und Karl Haus, fielen über den Korb her, als wären Goldschätze darin. . . . »Das Joujou«, fuhr Lübrecht mit Wichtigkeit fort, indem er seinen Hut aufsetzte, den Knittel in die linke Hand nahm, den Zeigefinger der rechten Hand in die Schlinge an der Litze eines Joujou steckte und dieses auf und abrollen ließ, was indeß noch einige Ungeübtheit zeigte, »ist eine Erfindung der Normandie, durch die Emigranten in Deutschland verbreitet, weshalb es auch den Namen Emigré führt. Wenn pariser Jakobiner damit spielen, geschieht es nie, ohne daß sie dabei ça ira, ça ira singen.«

»Bitte um Verzeihung«, unterbrach Karl, »das Joujou ist eine ostindische Erfindung, es wurde erfunden, der Tochter des Nabobs Seradscha Daula zu Murschidabad Belustigung zu gewähren; ein vornehmer Offizier brachte es nach England und schenkte es dem Prinzen von Wales, welcher sich, um seine schönen Hände zu zeigen, so sehr in das Spielzeug verliebte, daß er vom Morgen bis zum Abend damit spielte, wenn Mistreß Fitzherbert nicht etwa ein anderes Spiel vorzog. Als er zum ersten mal aus seiner Loge in dem neuerbauten Coventgardentheater sein Joujou in das Orchester hinabspielte, ward die Aufmerksamkeit aller von Hamlet ab und dem Prinzen zugewendet, dem man diese Unverschämtheit als Genialität anrechnete, und das Ding, mit dem er spielte, the Prince of Wale's toy nannte, von dem man am dritten Tage zehntausend Stück in London verkauft hatte. Ein Engländer zeigte mir in Göttingen eine Caricatur . . . ein junger Mann, den man leicht erkannte, lag trunken im Schose der Mistreß Fitzherbert und spielte mit dem Joujou.«

Inzwischen hatten die alten Herren mit ihren dünnen langen Zöpfen und die jüngern Herren mit ihren kurzen dicken Zöpfen sich sämmtlich bis auf Steinbart von ihren Plätzen erhoben und versuchten mehr oder weniger geschickt das Joujou zum Aufsteigen und Fallen zu bringen. Es war ein komischer Anblick. Aller politische Hader war vergessen. Karl selbst hatte von dem Hofmeister des Prinzen Ernst in Göttingen, der des Spiels bald überdrüßig geworden, ein sehr fein gearbeitetes Joujou, in welchem drei Federn künstlich in schwarzes Ebenholz eingelegt worden, zum Geschenk erhalten. Er zog dies jetzt aus seiner Tasche und zeigte sich als Meister in der Kunst, denn er konnte das Joujou nach oben in der Luft sich entrollen lassen, um es vor dem gänzlichen Abrollen nach unten zu drehen und wieder in die Höhe steigen zu lassen.

Einer nach dem andern wurde des Spiels aber überdrüßig; indeß nahm jeder, der ein Joujou bekommen konnte, ein solches zu sich und bezahlte den daran notirten Preis.

Nachdem eine Pause eingetreten war, sagte Kuno Lübrecht: »Meine Herren, ich erlaube mir, Ihnen einen Vorschlag zu machen . . . wir sind der Gräfin Revanche schuldig für den Sommerball . . . wie wäre es, wenn wir eine Wasserpartie nach Hengstenberg machten, dann gegenüber auf Cleve's Gute landeten, im Park ein Pickenick einnähmen und dann im Saale oben tanzten? Cleve, mein Freund, hat mir Park, Haus und Salon zur Disposition gestellt. Ich bekomme nämlich heute, spätestens bis morgen Mittag ein großes Schlagtschauschiff mit schöner Kajüte . . . mag es für die gräfliche Familie bestimmt sein . . . auf dem Verdeck kann die Musik Platz nehmen. Musik von Verden, vom Husarenregiment, habe ich mir, Ihrer Genehmigung gewiß, zu bestellen erlaubt, es handelt sich nur darum, wen wir beauftragen, die Gräfin und ihre Gesellschaft einzuladen auf übermorgen Nachmittag.«

»Wer anders dürfte die Einladung besorgen als Proponent selbst«, meinte Haus, »er, der Liebenswürdigste aller Liebenswürdigen!« »Prächtig. herrlich! zugestimmt!« erscholl es von allen Seiten, nur der Amtmann bedauerte, an der Gesellschaft nicht theilnehmen zu können.

Die Einladung war angenommen, ein Dutzend Schiffer rüsteten große Kähne, die gewöhnlich nur zum Sandtransport benutzt wurden, zum Menschentransport aus; dieselben wurden mit Sitzen von Breterbohlen versehen. Das neue Schlagtschauschiff war angekommen, schön bemalt, beflaggt und hinreichend groß, einige dreißig Personen zu fassen. Es war beschlossen, dasselbe der Gräfin ganz zur Disposition zu stellen, damit sie die Personen einlade, die ihr convenirten. Vom Morgen des Tages der Lustfahrt an wurde auf den verschiedenen Schiffen für die Bequemlichkeit zugerüstet, große Flaschenkörbe, wie Körbe und Kisten mit Kuchen und Brot, Torten, Braten, Geflügel, Schinken und Wurst, Käse mancherlei Art wurden auf die Schiffe geschleppt; mittags durchzog die Musik die Oststadt; sie zog vom Rathskeller nach dem Schlosse und zurück, dann bestieg sie das Deck der Kajüte des Schlagtschauschiffes und dieses fuhr nach dem großen Slut, dem Landungsplatze des gräflichen Parks.

Die übrigen Schiffe nahmen ihre Einquartierung an der Brücke auf, die mit Menschen aus der West- und Oststadt gefüllt war, welche der Einschiffung von dort zusahen. Es war ein heller Julitag, aber ein kühlender Westwind fächelte vielen übererhitzten Damen die ersehnte Kühlung zu. Die Musik auf dem Deck des Schlagtschauschiffes spielte das damals vielgesungene Volkslied »Marlborough s'en va't en guerre«, und auf dem an der linken Seite der Weser sich erhebenden Deiche sammelten sich Landleute, die in den Vordeichslanden Gras mähten.

Hengstenberg gegenüber lag am Fuße eines Sandberges, der größtentheils mit Föhren, an seinem südwestlichen Abhange aber mit mächtigen Eichen und anderm Laubholz bestanden war, ein alter Rittersitz, seit lange nur von einem Gärtner bewohnt, da der Eigentümer, ein unverheirateter Junggeselle, im Kriegsheere diente. Garten und Park waren zwar etwas verwildert, hatten aber eine reizende Lage. Nach Westen sah man über die Weser hinüber in die weite mit Frucht bestellte Ebene, nach Norden und Osten schützte Hügel und Wald, im Südwesten sah man Heustedt im Mittelpunkte der sich um es herumschlängelnden Weser liegen, und südöstlich ragte das beinahe allein rothdachige Grünfelde über die sich von da wieder nach rechts im Kreise drehende Weser her. Von der Höhe des Schloßthurms übersah man die ganze Halbinsel, deren wir im ersten Kapitel erwähnten, und die wir, da sie nicht bedeicht war, später ganz überschwemmt sahen. Zwischen dem Garten und der Weser zog sich eine schöne grüne Wiese hin, die dem hengstenberger Rückstau am meisten ausgesetzt war und daher alljährlich von dem Ueberstau Kraft einsog.

Man lagerte sich am südlichen Abhange, im Schalten dichtbelaubter Eichen und hoher schlanker Buchen; die Dienerschaft der Gräfin hatte für diese am Fuße des Hügels ein kleines Zelt aufschlagen; unter einem andern Zelte, welches noch aus dem Dreißigjährigen Kriege stammte und neben einer kleinen Quelle aufgeschlagen war, lagerten eine Reihe Flaschen mit kostbaren Weinen, um hier nach Beschaffenheit in Quellwasser und Eis gekühlt zu werden. Der Gräfin, obgleich als Gast eingeladen, hatte die Form des Pickenicks auch hier Gelegenheit gegeben, die Wirthin zu spielen und ihren Reichthum und Geschmack glänzen zu lassen. Teppiche und weiße Laken wurden von dieser und jener Familie auf dem Rasen ausgebreitet, und zwei oder drei Familien von näherer Freundschaft gruppirten sich immer zusammen. Man schickte und wechselte die Schüsseln mit den verschiedenen Gerichten und die Flaschen mit den verschiedenen Getränken von Gruppe zu Gruppe; die jungen unverheirateten Leute gingen von einem Lagerplatze zum andern. Alle waren bemüht, dem Zelte der Gräfin die besten Schüsseln zuzutragen; als aber erst aus dem Zelte der Gräfin Eis und Marzipantorten, kühle duftige Weine und Champagner hervorgingen, da blieben die eigenen Weinflaschen meist unentkorkt und Kuchen, Krengel, Topfkuchen, wie andere bürgerliche Delicatessen wurden zurückgeschoben und der Dorfjugend aus Grünfelde und Hengstenberg, die sich zahlreich eingefunden hatte und im Hintergrunde einen Kreis bildete, zugewendet.

Es ging im ganzen ziemlich ungenirt her, theils weil man sich von Anfang an nach Neigung, Rang, Familien oder nach sonstigen Bezügen gesondert, theils weil die Gnädigste in einer so vorzüglich guten Laune war, wie man sie selten gesehen. Sie hatte heute beau jour und war ohne viele Hülfsmittel wieder einmal ein schönes Weib, das trotz seiner zweiundvierzig Jahre Eroberungen machen konnte. Das hatte ihr der Spiegel am Morgen gesagt, das hatte die Kammerjungfer gesagt, wie auch der Friseur, das hatte ihr auf der Fahrt hierher schon manches Compliment vom Marquis und andern eingetragen, das stimmte sie vergnügt und machte sie leutselig; am Arme des Marquis wanderte sie von dem einem Lagerplatze zum andern und unterhielt sich mit Menschen, die sie bisher noch nie eines Wortes gewürdigt; ja es schien, als suche sie alle komischen Personen auf, um sie dem Marquis vorzustellen und mit ihm französisch über dieselben zu spotten. Und der komischen Personen gab es so viele.

Seitdem vorgestern zwölf oder mehrere Joujous in die Gesellschaftskreise gekommen waren, hatte man unsern guten Freund, Georg Schulz, den Schlagtmeister, dessen Drechselkunst man sich erinnerte, auf das furchtbarste bestürmt, Joujous zu schaffen. Jede Dame, die an der Weserfahrt theilnehmen wollte, mußte ein Joujou und zwar ein solches von besonderer Art in Größe oder Farbe haben. So hatte denn Georg Schulz eine halbe Nacht hindurch und nach wenig Schlaf wieder vom frühen Morgen an gedrechselt und gedrechselt, und seine Frau hatte ihm dabei geholfen; sie hatte roth und gelb, blau und orange, grün und schwarz gebeizt, auch oft nur übermalt, polirt, die Schnüre eingezogen und abgepaßt. Um elf Uhr morgens, am Tage der Wasserfahrt, konnte Marie funfzehn Familien, die meisten mit zwei oder drei Joujous beglücken; nun zankten in allen Häusern die verschiedenen Schwestern und Brüder um den Besitz von Joujous, ja man sah, während der Friseur thätig war, oben das Haar zu thurmhohen Coiffuren zu ordnen, oder à l'enfant zu locken und zu kräuseln, alle Frauen wie jungen Mädchen, selbst Amtsschreiber und Bürgermeister sich im Joujouspiel üben. Es war eine wahre Joujoufureur über Heustedt gekommen, man wollte den Damen im Schlosse zeigen, daß man auch Joujou spielen könne.

Nachdem man nun meistens mit bewunderungswürdigem Appetit gegessen und getrunken, fingen in den verschiedenen Gruppen erst die jungen Mädchen, dann die Mütter und Tanten an, das Joujouspiel herauszuziehen und, oft mit großer Ungeschicklichkeit, tanzen zu lassen. Dies anzusehen, daneben die nimmersatten Schlemmer zu beobachten, von welchen es in jeder Lagergesellschaft einige gab, die nur nach den betreßten Dienern der Gräfin mit Biscuit und Torten, spanischen, griechischen und Rheinweinen ausschauten, oder verliebte junge Leute zu beobachten, die unter Aufsicht der Mutter oder Tante sich nicht von dem Familienlager fortbewegen durften, trotz der Sehnsucht nach den benachbarten geliebten Gegenständen, mit denen die eigene Familie im Streite lebte, das machte jedem, der Sinn für Humor hatte, wahrhafte Freude.

Im Zelte der Gräfin war es ziemlich leer. Dort saß Doctor Karl Haus zu Füßen Heloisens, welche es sich nicht nehmen ließ, um das Haupt desselben . . . der dreieckige Tressenhut lag auf der Erde . . . in eigener Person einen Epheukranz zu winden. Er pflegte sich, da er nicht wagte, sich Olga zu nähern, viel und gern mit dem Kinde zu beschäftigen, und dieses war schlau genug, den wahren Grund zu errathen. Es wußte, daß der Doctor ihre Schwester und diese ihn wieder liebhabe, daß aber niemand davon etwas wissen dürfe. Otto von Schlottheim, der Bräutigam der Schwester, hatte sie immer wie ein dummes, vorlautes Kind behandelt, sie ohne Grund ausgezankt, sie fortgeschickt, wenn sie sein Alleinsein mit Anna etwa gestört hatte. Sie hatte ihn nie leiden mögen, sie haßte ihn aber, seitdem sie Augenzeuge davon gewesen, wie er jüngst auf dem Corridor, der zu ihrem Zimmer führte, die Kammerjungfer Lisette umarmt und geküßt hatte. Sie suchte eine Art Vermittlerin zwischen Karl, dem ihr seit der ersten Erinnerung ihrer Kindheit immer freundlichen, und der lieben Schwester Olga zu spielen, und wußte immer Gelegenheit zu schaffen, beide, wenn auch indirect, in Verbindung zu bringen. So auch heute. Sie hatte der Schwester die Epheuranken in die Hand gedrückt, damit Olga diese nicht nur halte, sondern auch ihr die auserlesensten und passendsten Zweige herreiche. So war diese eigentlich selbst mit Kranzwinderin. Die Comteß würde sich zu jeder andern Zeit diesem Geschäft mit stiller Lust hingegeben haben, jetzt stand aber der ihr unausstehliche Adonis von Heustedt, der Deichgräfe Lübrecht vor ihr, sie mit den fadesten Schmeicheleien überhäufend oder durch zudringliche dumme Fragen zur Antworten zwingend. Heloise zankte die Schwester denn auch oft genug aus, daß sie ihr Geschäft nachlässig verrichte, daß sie ihr unpassende Ranken gebe, bald zu lang, bald zu kurz, und wußte immer wieder die Aufmerksamkeit derselben auf das eigene Kunstwerk an Karl's Kopfe und damit auf diesen selbst zu lenken. Nach unsern heutigen ästhetischen Begriffen muß es freilich mehr komisch als schön ausgesehen haben, den Epheukranz geflochten in das gepuderte und zum Zopfe zusammengebundene Haar; allein die Mode beherrscht auch Schönheitsbegriffe.

Claasing hielt es nicht modegemäß, die Braut zu unterhalten, er hatte sich zu dem Platze begeben, wo Landraths und Baron Bardenfleth mit ihren Familien lagerten, als herrsche unter ihnen die vollkommenste Freundschaft, und unterhielt die Baronin mit Médisancen. Anna erklärte, ins nahe Holz gehen zu wollen, um Epheu zu holen und die Musik besser als im Zelte zu hören.

Die Musik hatte sich nämlich vor dem Rittersitze in einiger Entfernung vom Lagerplatze der Gesellschaft aufgestellt, um von hier der Blechmusik einen mildern Ton zu geben.

Otto von Schlottheim folgte Anna erst von fern, dann, nachdem er ihre Richtung im Holze sich gemerkt, auf einem großen Umwege und überraschte sie an einer Buche auf das Moos gesunken, den Kopf gegen den Baum gelehnt, in schweren Thränen. Er warf sich leidenschaftlich zu ihren Füßen nieder, ergriff ihre Hand und machte eine pathetische Liebeserklärung, von dem Schicksal der Herzen, die sich einander zuneigten, von der Grausamkeit der Opfer, die ein hoher Stand erheische, von dem ihn durchdringenden Glauben, daß eine so reine und vollkommene Seele, als die Anna's, einen gemeinen Aventurier, wie Claasing, nicht liebe, sondern durch die Heirath nur die Freiheit der Situation erreichen wolle, die allen schönen Frauen gebühre, in verworrenen schwülstigen Phrasen redend.

Anna erhob sich stolz. »Herr Graf«, sagte sie, »vergessen Sie nie, daß Sie der Verlobte der Comteß Olga, der Reinsten der Reinen sind, und daß ich die verlobte Braut des Gestütmeisters Claasing bin, eines Cavaliers, der meine Ehre zu schützen wissen wird, gegen jedermann.

»Ich verbiete Ihnen, mir zu folgen«, fuhr sie fort, indem sie ging.

In das Zelt der Gräfin war indeß die Nachricht gedrungen, daß die jüngere Gesellschaft sich in den Salon des Rittersitzes zurückziehe, wo der Tanz beginnen sollte, und daß die Gräfin selbst mit dem Marquis dahin aufgebrochen.

Heloise hatte soeben den letzten Zweig in den Kranz um Karl's Haupt geschlungen, sie sprang auf, holte einen Toilettenspiegel, der nirgends fehlte, wo die Gräfin war, vom Tische und hielt ihn Karl vor. – »Schön, wie ein Apollo«, sagte sie und klatschte in die Hände. »Aber nun, lieber Doctor, müssen Sie mir einen großen Gefallen thun, und mir vorher in die Hand versprechen, daß Sie es thun wollen.« Karl versprach es. »Nun, so müssen Sie diesen Kranz heute bis zum Abend aufbehalten und mir und der Schwester zum Andenken aufbewahren, dann aber müssen Sie mit meiner Schwester die erste Menuet tanzen.«

Olga erröthete bis in den Nacken; Karl stand auf und verbeugte sich vor ihr, wie um ihre Zustimmung bittend, Kuno Lübrecht stand verdutzt da. Da ergriff Heloise Olga's Hand, zog sie aus dem Zelte und flüsterte ihr ganz leise ins Ohr: »Du darfst dem Doctor ganz gut sein, er ist dir auch gut, und dein Bräutigam ist ein abscheulicher Mensch, der gestern Abend die Lisette im Corridor geküßt hat.« Die Schwestern gingen voran, die beiden jungen Herren folgten; Karl, chapeau bas, Kuno, innerlich wüthend, daß er selbst so ohne alle Berücksichtigung geblieben.

Es sammelten sich nach kurzer Zeit die sämmtlichen Frauen und die jungen Mädchen wie die jüngern Herren; einige der ältern Herren blieben auf den Lagerplätzen liegen, um zu rauchen, so der Landrath und der Baron.

Otto von Schlottheim gesellte sich zu ihnen, nöthigte sie in das Zelt der Gräfin und ließ von dem kalt gestellten Champagner, den er habe zurücksetzen lassen, weil er für die Canaille zu gut sei, herbeiholen.

Anna war von Kuno Lübrecht zur Menuet geführt, der Marquis ließ es sich nicht nehmen, die Gräfin zum Tanze aufzufordern, welche, ihren rothen Kreppshawl abwerfend, einen so tadellos schönen Nacken zeigte, daß in der Baronin Bardenfleth die alte Eifersucht erwachte und sie der Landräthin zuflüsterte, sie möge einmal sehen, ob die Gräfin sich den Nacken geschminkt oder gepudert habe.

Man hatte Menuet, Quadrille, eine Ecossaise und einige Hopser getanzt und wollte eben zum Walzer antreten, als Graf Schlottheim, der Landrath und der Baron, sämmtlich etwas sehr laut und offenbar weinselig, in den Salon eintraten. Karl hatte Anna aufgefordert und Olga jeden Tanz nach der Menuet abgeschlagen, als der Graf auf das Paar losstürzte, und im Begriff, seinen Arm um Anna's Taille zu schlagen, flüchtig sagte: »Erlauben Sie, mit Ihrer schönen Tänzerin zu hospitiren?« – »Recht gern«, erwiderte Karl, »wenn ich selbst erst getanzt habe, und Sie dann die Dame selbst um Erlaubniß bitten.«

»Hoho!« lachte der Graf hoch auf, »viel Prätensionen auf einmal!« In diesem Augenblick fing aber Anna an, zum Walzer einzuspringen und Karl's linke Hand zu ergreifen, wobei sie den Grafen so von sich stieß, daß er in die Arme des Landraths flog, welcher mit der Baronin Bardenfleth um einen Tanz zu parlamentiren schien. »Nicht so eilig, nicht so hitzig, junger Freund«, sagte dieser lachend, »wenn Sie absolut tanzen wollen: hier meine schöne Nachbarin, welche mit Ihnen lieber herumfliegen wird als mit mir herumzukriechen.« Und in der That, das schien auch die Meinung der Frau Baronin zu sein, sie flammte auf, warf einen feurig schmachtenden Blick auf den Grafen, senkte dann schüchtern jungfräulich das Auge, den Antrag zum Tanze erwartend, der nicht ausblieb.

Otto von Schlottheim brauste mit der Baronin davon, als wolle er alles übertanzen, was ihm im Wege stehe, zog dieselbe dabei immer näher an sich, sodaß es beinahe schien, als wolle sich während des Tanzens Lippe mit Lippe berühren. Olga, die den ganzen Vorgang aus nächster Nähe angesehen hatte, verließ den Saal und ließ durch Heloise, die der Schwester folgte, die gnädige Frau Mutter bitten, nach Hause gehen zu dürfen, da sie seit mehrern Stunden an Migräne leide.

Die Gräfin brach nun auch auf, sie fürchtete von der Roheit des Grafen noch schlimmere Auftritte. Kuno Lübrecht hielt es für seine Pflicht, als Entrepreneur der Partie, der Comteß seinen Arm zu bieten; Heloise eilte zu Karl und bat um seine Begleitung. Claasing führte die Braut. Graf Schlottheim erklärte, er wolle sich noch amusiren, erst in der Kühle habe das Tanzen Interesse. Er machte der Gräfin eine kalte Verbeugung, von der Braut selbst nahm er gar nicht Abschied.

Aber es trat ein übler Umstand ein, an den man nicht gedacht. Die Wagen der Gräfin waren um mindestens eine Stunde später bestellt. Olga bat die Mutter, daß man den nähern Fußweg wählen und zu Fuß gehen möge. Es war ein sehr schöner Abend, die Sonne noch nicht untergegangen, man konnte, wenn man bis zum kleinen Slut an der Weser ging, dann quer auf dem sogenannten Milchwege durch das gräfliche Tief- und Hochwiehe, bequem in einer halben Stunde das Heuthor des Parks erreichen, während der Fahrweg, der sich in umgekehrter Richtung als die Weser selbst nach Grünfelde hinzog, um das Doppelte weiter war. Der Marquis sprach zu, und die Gräfin, die seit Jahren keinen so langen Fußweg gemacht hatte, sagte galant, bei einer so guten Stütze, als der Herr Marquis Bontemps sei, werde sie das Wagniß übernehmen.

Als man aus dem Garten auf eine Brücke, die über einen zur Zeit wasserleeren Graben führte, in die Wiese trat und dem Landungsplatze näher kam, stellte sich ein neuer Begleiter mit dem zärtlichsten Ungestüm ein, von dem man gar nicht wußte, woher er kam. Das war das Lieblingshündchen der Gräfin, ein kleiner, ganz schwarzer Wachtelhund, direct von den Lieblingshunden der Stuarts stammend, Piccolo mit Namen. Piccolo, den man im Schlosse wohlverwahrt glaubte, mußte der Spur der Gräfin nachgelaufen sein, er war naß und schmuzig und konnte nur mit harten Worten abgehalten werden, den rothen Kreppshawl der Gräfin durch Anspringen zu beschmuzen oder gar durch Anfassen zu zerreißen. – Die Karavane wurde durch Claasing und Anna eröffnet, denen folgte der Deichgräfe mit der Comteß Olga, Heloise und Karl, die Gräfin und der Marquis. Man hatte nicht daran gedacht, daß der Weg im Sommer durch Hachelwerk gesperrt war, sonst würden doch wol lieber die Wagen erwartet sein, indessen war Claasing geschickt, die Schwapen auseinanderzuschieben, soweit sie verschiebbar waren – und das war auf der ganzen Strecke der Fall, solange die Weser zur Seite floß, da die Weiden und Wiesen nach Hengstenberg gehörten und die Einwohner dieses Orts den Weg zugleich als Milchweg benutzten. Piccolo durcheilte die Strecke hundertmal, indem er von der ersten im Zuge, Anna, zurück nach der Gräfin und so wieder nach vorn eilte, immer kläffend. Nach zehn Minuten bog man aber in einen öffentlichen Triftweg, der das Eigenthum der Hengstenberger und Heustedter schied, und ging nun auf das gräfliche Tiefwiehe zu.

Hier angekommen, war das Hachelwerk nicht mehr zu schieben. Der öffentliche Weg hörte hier auf, fing an, ein Schleichweg zu werden, da der Milchweg nur von Heustedt her benutzt werden durfte. Nachdem aber Anna flink wie ein Kätzchen mit Hülfe ihres Führers über das fünf bis sechs Fuß hohe Hachelwerk, welches eine Lücke im Knick ausfüllte, gestiegen war, folgten die andern unter Lachen und Scherzen; nur die Ueberkunft der Gräfin selbst machte Schwierigkeiten. Sie verlangte, daß erst sämmtliche Herren bis auf Claasing überstiegen, dann kam ihr von jenseit des Hachelwerks Karl zu Hülfe, während Claasing sie hob und der Marquis sich in eine malerische Positur setzte, um sie in seinen Armen zu empfangen. Man befand sich nun auf einem etwa vierzig bis funfzig Morgen großen Weideterrain, das nach drei Seiten von hohen, fünf bis sechs Fuß breiten Weißdornhecken umgeben war, nach der vierten Seite aber an die Weser grenzte. Es war diese große gräfliche Weide an die Einwohner der Oststadt verpachtet und wurde größtentheils als Viehweide, zum Theil aber auch zum Mähen benutzt. Ziemlich vom Wege entfernt, mehr als tausend Schritt nach Süden, dem Steinwege zu, weideten achtzig bis hundert Kühe; ein Hirt saß am Wasserzuge, der das Hochwiehe von dem Tiefwiehe schied, und flocht grobe Weidenkörbe. Die kleine Gesellschaft zog sorglos weiter nach Westen zu, wo die Sonne hinter den Bäumen des Parks sich zum Untergehen anschickte und den ganzen Himmel mit einer glühenden Farbenpracht bedeckte. Die verschiedenen Paare waren entweder mit sich oder mit Anschauen des Himmels beschäftigt und hatten eine ihnen von Südost drohende Gefahr kaum bemerkt. Piccolo nämlich, der sich früher unter dem Hachelwerk durchgedrängt hatte, ehe nur Anna sich hinübergeschwungen, schien die Procedur des Ueberkletterns gelangweilt zu haben, er hatte eine Excursion nach dem ruhig weidenden Rindvieh gemacht und dieses durch sein beständiges Kläffen und Hin- und Herrennen zu einem Aufstande und einer strategischen Vereinigung in Verfolgung des Hundes gereizt. Die Kühe suchten den armen Piccolo, der die Gefahr nicht zu ahnen schien, in einen Kreis einschließen zu wollen, während er den Anführer, den Bullen neckte, der ihn mit zur Erde gesenktem Kopfe verfolgte. Plötzlich war Piccolo eingeschlossen, aber schnell die Gefahr erkennend, durchbrach er den Kreis an seiner schwächsten Seite, Schutz suchend bei den Menschen, bei seiner Herrin. Nun aber stürzte die ganze Heerde, der wüthende Ochse voran, auf die Fußgänger los, welche erst, durch das Gebrüll und die Ankunft des kläffenden Piccolo aufgeschreckt, die Gefahr sahen, als die Heerde kaum noch hundert Schritt vom Milchwege entfernt war. Der Doctor wie der Obergestütmeister, die lange genug in dieser Gegend gelebt, erkannten die Gefahr, beide waren aber auch neben Anna die einzigen, welche Geistesgegenwart behielten. Die Gefahr aber war sehr groß und bestand in nichts Geringerm, als daß sämmtliche Fußgänger von dem in Wuth entbrannten Viehzeuge niedergerannt und mit den Füßen zertreten wurden. Der Bulle war Piccolo schon dicht auf den Fersen, der nicht wußte, sollte er bei seiner Herrin oder bei seiner Gönnerin Anna Rettung suchen. Plötzlich bemerkte das rasende Thier den hellrothen Kreppshawl der Gräfin, verließ die Spur des Hundes, richtete den Kopf in die Höhe und machte eine Schwenkung nach rechts, wo die Gräfin noch immer die letzte im Zuge bildete.

An Flucht war nicht zu denken; rechts vom Milchwege, in der Entfernung von drei bis vierhundert Schritt floß die Weser. Es war aber dort der Tränkplatz des Viehes, eine sich sanft in die Weser hineinziehende Sandbank, und man sah das Vieh im heißen Mittage hier zu hundert Stück in die Weser waten. Hinter den Fußgängern waren es fünfhundert Schritt bis zum Hachelwerke, über das sie gestiegen; vor ihnen, dem Hochwiehe zu, wären sie freilich geschützt gewesen, wenn sie die Brücke über dem Wasserzug und den Stiegel, der das Hoch- und Tiefwiehe trennte, hätten erreichen können; das war aber gegen tausend Schritt entfernt. Piccolo, den Schwanz zwischen den Beinen, als er den Bullen nach rechts abbiegen sah, lief nach vorn zu Anna, zu ihren Füßen Schutz suchend. »Schnell die Bestie auf den Arm«, herrschte ihr Claasing zu, »und fort damit nach dem Hochwiehe.« Er sprang zurück, um der Gräfin zu Hülfe zu eilen. Indes war ihm Karl schon zuvorgekommen, er hatte dem Adonis Kuno, der noch immer seinen pariser Todtschläger in der Hand trug, diesen aus der Hand gerissen, war zwischen die Gräfin und den Ochsen getreten und gab diesem mit dem Knittel einen solchen Schlag auf das Auge und die Nase, daß derselbe schnaubend und kopfschüttelnd vor Schmerz auf einen Augenblick wenigstens zum Stillstand gebracht wurde. Jetzt eilte auch Claasing hinzu, aber er hatte nichts zum Schutze als eine Reitpeitsche, indeß erinnerte er sich, in seiner Jugend zu Kopenhagen ein Stiergefecht nachgeahmt gesehen zu haben, und ihm kam ein glücklicher Gedanke. Er riß der Gräfin den rothen Shawl ab, faltete denselben mehrmals zusammen und warf ihn dem Bullen geschickt über die Hörner, sodaß er nun vor dem ganzen Gesichte bis zur Erde herunter schleifte. Der Bulle, durch dieses glückliche Manöver vollständig geblendet, machte seinem Unmuthe zunächst in einem durch Mark und Bein dringenden haarsträubenden Gebrüll Luft, raste sodann wie toll in kreisförmigen Bewegungen umher, dabei beständig mit dem Kopfe von einer Seite zur andern schlagend, um womöglich sich dadurch des aufgedrungenen Schleiers zu entledigen; endlich, nach vergeblichen Versuchen zum Stillstande gelangt, fing er an, mit den Vorderfüßen in den festen Angerboden Löcher zu kratzen und dabei als Zeichen des hohen Grades seiner Wuth die gelockerte Erde hinter sich hoch in die Luft zu schleudern. Bei dieser Gelegenheit hatte er auch einen der herunterhängenden Zipfel des Shawls mit gefaßt und diesen in der Mitte zerrissen; jetzt senkte er den Kopf zur Erde, um den Shawl vollends abzustreifen. Wäre ihm dies gelungen, so war es um das Leben der Gräfin und ihrer Helfer wahrscheinlich geschehen. Indeß kam diesen von zwei Seiten Hülfe. Von dem Wasserzuge her hinkte der Hirt, der im Siebenjährigen Kriege ein Bein verloren, auf hölzernem Beine mit möglichster Schnelligkeit herzu; von der andern Seite kam der Schlagtmeister Georg Schulz, ein Ruder in der Hand; er hatte die Schlagten inspicirt und war durch das Geschrei der Gräfin und des nach der Weser zu sich flüchtenden Marquis aus dem Kahne an das Ufer gelockt. Mehr als beide that aber der brave Hund des Hirten, eins jener großen zottigen Exemplare, wie man sie noch heute vielfach neben ihrem Herrn findet, und die sich sowol durch Klugheit und Gehorsam als auch dadurch auszeichnen, daß sie ihren Griff meisterhaft und so vollkommen geschützt vor den Angriffen des Thieres ausführen, und so dasselbe fast gänzlich in ihrer Gewalt haben, jedenfalls es bei einer etwaigen Flucht aber in eine ihnen zusagende Richtung lenken. Er war, als sein Herr das nahende Unglück bemerkte und ihn aufgerufen hatte, wie ein Blitz der Heerde zugelaufen und hatte die im Halbkreise um die Menschengruppe sich drängenden Kühe mit einem Laufe in eine gerade Linie zurückgedrängt, zum Theil schon zur Umkehr bewogen. Jetzt, in dem Augenblicke, als der Führer der Heerde den Shawl abzustreifen bemüht war, biß er ihn in das linke Hinterbein, daß dieser von seinen Bemühungen abstand und sich gegen den neuen Angreifer umdrehte. Dieser aber ließ nicht los und drehte sich mit dem Gefaßten drei bis viermal im Kreise herum, bis von der einen Seite der Hirt, von der andern Georg Schulz herbeikamen und dem Bullen der eine mit seinem Hirtenstab, der andere mit seinem Ruder einen solchen Schlag auf das Hintertheil gaben, daß der Bulle, den der kluge Hund in demselben Augenblicke losließ, auf die Heerde einstürzte. Diese machte kehrt, der Hirtenhund hinterher, um jedem störrischen Rinde oder jungen Bullen zu lehren, was Ordnung sei.

Als Claasing der Gräfin den Shawl abriß, hatte diese, obgleich er ihr zugerufen, nach dem Hochwiehe zu fliehen, noch einen Augenblick dem Kampfe Karl's und Claasing's mit dem Ochsen zugeschaut und sich dann, den übrigen nach, zur Flucht gewendet. Anna hatte, seitdem sie Piccolo auf dem Arm trug, unaufhörlich geschrien: »Mir nach! Mir nach!« Sie hatte athemlos den schmalen Steg über dem Wassergraben überschritten, Piccolo über den Steigel geschleudert und diesen übertreten. Die andern kamen nach, Kuno an der Spitze, nur die Gräfin blieb unterwegs liegen, sie hatte den Fuß verstaucht. Die Gefahr war vorüber, und nun nahte auch der Marquis, der im Weserbusch sich verborgen gehalten hatte. Melusine wurde halb ohnmächtig von Claasing und Karl nach dem Hochwiehe gebracht. Hier waren gräfliche Arbeiter noch mit Heumachen beschäftigt; man holte einen Sessel aus dem Schlosse und trug sie dorthin, während andere Diener in die Stadt geeilt waren, den Arzt zu holen.

So endete der beau jour der Gräfin, die eine schlaflose Nacht zubrachte unter Eisumschlägen, und die das ganze Unglück dem Umstande zuschrieb, daß sie von ihrem Grundsatze abgewichen sei und sich mit der Canaille eingelassen habe.

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