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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Drittes Kapitel.
Briefe.

Karlsruhe, 30. October 1791.

Lieber Karl!

Das Versprechen, Dir und den Freunden öfters Mittheilungen zu machen, war leichter gegeben als gehalten! Das Leben macht der Ansprüche zu viele; die Zeit ist zu kurz, namentlich für den, der viel lebt. Ehe ich nach Paris abreise, will ich eine Nacht daransetzen, Dir Wort zu halten; mein Tagebuch neben mir, will ich Dir die hauptsächlichsten Begebnisse seit meiner Abreise von Hoya schildern. Ich verließ diesen meinen Geburtsort in Begleitung meines Vaters Ende Mai. Vater hielt mir die anderthalb Tage, die wir bis Hannover unterwegs waren, die gewohnten moralischen Vorlesungen, die schnell dahineilende Zeit zur Vervollkommnung und zur Besserung meiner selbst anzuwenden und nicht aus den Augen zu verlieren, daß die hundertundfunfzig Thaler, welche er mir eingehändigt, das letzte seien, was er mir zu meiner Ausbildung gewähren könne; sein Bruder in Birmingham werde, wie er versprochen, die weitern Mittel zu den Reisen in Frankreich, England und Italien leisten müssen. Ich war sehr ernst gestimmt, all mein jugendlicher Leichtsinn verschwand unter den schlechten Wegen und dem knirschenden Sande der eintönigen Heidegegend. Vater ist so gut, was er spricht, geht zum Herzen.

In Hannover trennten wir uns. Bis Göttingen eine zweitägige Fahrt in Gesellschaft eines griesgrämigen Candidaten der Theologie, der durch das Examen gefallen zu sein schien, und eines lustigen Apothekers mit gutgefülltem Flaschenkeller, aber sehr kleinem eigenen Behälter, zum Aerger des Kandidaten. Von Göttingen ging ich zu Fuß nach Kassel, wo ich abends eintraf. Da ich am andern Morgen hörte, daß eine holländische Dame, die mit mir in demselben Gasthofe wohnte, auf ihre Kosten die Wasser des »weißen Steins« springen lassen wollte, miethete ich mir einen Reitgaul, der mich dahin brachte; ich kletterte bis in die Keule des Hercules hinauf und fand, als ich in die Höhle der »Centauren« hinunterstieg, eine allerliebste Damengesellschaft mit nur einem Herrn, der ich mich anschloß, um derselben alle Herrlichkeiten des »weißen Steins«, die wir ja gründlich kennen, zu zeigen. Die dicke Holländerin, welche mit ihrer Dienerschaft erschien, hatte weder für Natur- noch Kunstschönheiten Sinn, wiegte sich aber in dem Bewußtsein, daß die Wasser auf ihre Kosten sprangen; ein glücklicher Abend. Am andern Morgen reisten meine schönen Breslauerinnen nach Osten, ich nach Süden.

In Würzburg hatte ich Empfehlungen von Wrisberg an Siebold; dieser ist ein warmer, feuriger, äußerst geschickter und ebenso zuvorkommender Mann, der gleich nach dem ersten Besuche zu mir sagte, ich möge kommen wann ich wolle, meine Physiognomie gefiele ihm, und da würde er gleich bekannt.

Er zog mich zu den schwierigsten Operationen, ließ mich selbst solche machen und mich zu allen schwierigen Fällen seiner Privatpraxis rufen; und ich habe in der kurzen Zeit viel gelernt.

Würzburg ist ein sehr schöner Ort, mit gutem Wein und herrlichen Mädchengesichtern.

Die Anwesenheit des Kurfürsten von Mainz, oder vielmehr die seines Leibmedicus, Geheimraths Hofmann, in Aschaffenburg, führte mich nach dieser Stadt; Hofmann ist ein wahrer Held, ein gründlicher, durchdringender Scharfkopf, und in seinem sechzigsten Jahre feurig wie ein Jüngling. Seine äußere Erscheinung ist freilich nicht einladend, er schnupft beständig, fürchtet immer, die Hosen zu verlieren, sieht griesgrämig aus, aber aus seinem Munde fließt Weisheit. Er darf den Kurfürsten nie verlassen, hat aber die Erlaubniß, täglich sechs Personen einzuladen, welche von der fürstlichen Tafel gespeist werden. Ich war die ganze Zeit, die ich in Aschaffenburg zubrachte, täglich zu Abend bei ihm eingeladen; niemals wurden weniger als zwölf Schüsseln aufgetragen, und die delicatesten Weine.

Wir setzten uns um acht Uhr abends hin und standen selten vor zwei Uhr morgens auf – welche neuen Ideen über unsere Wissenschaft haben er und der Wein in mir angeregt, und mit welchen großen Zügen faßte er die Französische Revolution und ihre Folgen für die Menschheit auf!

Nachdem ich mich Mitte August endlich losgerissen, um nach Mainz zu gehen, mußte ich befürchten, dort als Fremder ausgewiesen zu werden, nur die Empfehlungen Hofmann's schützten mich.

Der Kurfürst fürchtete die Propaganda, diese Erfindung französischer Emigranten und Generalpächter.

Wahrhafte Propaganda machen nur despotische und thörichte Maßregeln; in Mainz wurde zum Beispiel Messe gelesen für den Untergang der französischen Constitution, es wurden Briefe erbrochen, und überall schlichen Spione herum. Ich bin erst hier ein wahrer Demokrat geworden, der sich freut, in diesen Tagen zu leben, wo die Menschheit nach jahrhundertelangem Schlummer sich so thätig rührt und regt.

Am Tage beschäftigte ich mich hauptsächlich mit dem Studium der Hofmann'schen Schriften, den Abend brachte ich in der Regel in Forster's Hause zu, wo alle gescheiten und interessanten Menschen freien Zutritt haben. Forster's Frau, eine Tochter Heyne's in Göttingen, ist die vorzüglichste aller Frauen, die ich bisher kennen gelernt, und nicht nur nach meinem Urtheile, nach dem Urtheile eines jeden, der näher mit ihr verkehrt, eine Frau von Kopf und Herz. Eine unbegrenzte Fülle von Witz und niemals versagender Laune, mit immer durchschimmernder Güte des Herzens; eine Menge von Kenntnissen, eine unglaubliche Fertigkeit, jeden Gegenstand gleich von einer angenehmen und interessanten Seite zu fassen; liebenswürdige Naivetät in allem, was sie thut und spricht; die vollkommenste Abwesenheit von Prätension und Eitelkeit; die zärtlichste Anhänglichkeit an ihren Mann und ihre Kinder, dies sind die Eigenschaften, die sie charakterisiren. In ihrem Hause wohnt der Legationssecretär Huber, Busenfreund Schiller's, selbst Dichter und Verfasser eines Dramas »Das heimliche Gericht«. Er ist ein Mann von vielem und originellem Witz, ein durchaus männlicher Charakter. Außerdem wohnt eine Madame Forkel aus Göttingen bei Forster, eine Frau, die häufig schief beurtheilt wird, weil niemand sie beurtheilen kann, der sie nicht gekannt, und weil dieses wenigen gelingt.

Wir saßen nach englischer Weise jeden Abend von sieben bis neun Uhr um die Theemaschine; fast täglich machten durchreisende Fremde diesen Cirkel brillanter.

Mein Geld war ausgegangen, Mitte September hatte ich nur noch elf Gulden von den hundertundfunfzig Thalern, die mir mein guter Vater zur Reise gegeben, Briefe an den Onkel in England blieben ohne Antwort. Huber bot mir freiwillig ein Darlehn an, damit ich am 16. October Mainz verlassen konnte. Hier in Karlsruhe wurde ich von meinem lieben Vetter, Staatsrath Brauer, und seiner Frau mit größter Liebe und Freundschaft aufgenommen; ich fand auch vom Onkel eine Banknote von zweihundert Livres, allein kein Mensch wollte sie, selbst nicht mit fünfundzwanzig Procent Verlust.

Es wimmelt hier von französischen Flüchtlingen, sie glauben, überall Hülfsarmeen für sich beanspruchen zu können, und zeigen ebenso viel Unkenntniß der gewöhnlichsten Dinge und Zustände, als sie Meister in der Toilette sind. Bei Lichte besehen sind sie nichts weniger als Helden, obgleich sie mit stürmender Hand in Frankreich einfallen wollen.

Die Klügern sagen, die Contrerevolution werde sich von selbst machen, weil das französische Volk nicht die Stärke des Charakters habe, um eine freie Constitution zu behaupten; aber sollte nicht auch die Constitution auf den Charakter des französischen Volks zurückwirken? Hier wie am Rhein trennen sich die Anhänger und Feinde der Französischen Revolution immer schärfer.

Ich traf auf der Reise hierher in Manheim mit einigen pfälzischen Offizieren zusammen und äußerte nur verloren einiges zum Vortheil der Französischen Revolution; sogleich fing einer der Offiziere Feuer und sagte: Jeder ehrliche Mann müsse Feind derselben sein. Er habe einen Bruder in Paris, der zu den Demokraten gehöre, aber er werde den Augenblick segnen, wo er ihm das Schwert in die Brust stoßen könne! Er würde die französische Constitution noch verfluchen, wenn er auch schon auf der obersten Stufe der Leiter stände und den Strick um den Hals hätte; er hoffe auch, in wenigen Monaten selbst in Paris zu sein, um mit dem Schwert in der Hand die demokratische Canaille zu vertilgen. Ich erwiderte, daß ich dann auch dort zu sein hoffe und bereit, mit der Lanzette in der Hand den übeln Folgen eines zu heftigen échauffement für die gute Sache zuvorzukommen.

Lieber Karl! Ich habe hier meine erste Heldenthat vollbracht, in der That eine Heldenthat! Ein herrliches, liebeglühendes Weib, die Frau eines Bekannten, zeigte eine Leidenschaft zu mir, die mich hinriß, sie legte ihre Reichthümer mir zu Füßen, sie wollte mit mir nach Paris, nach Amerika, nach Indien fliehen, bis ans Ende der Welt mir folgen. Ich habe dem allen widerstanden, ich habe die Frau ihrem Gatten zurückgeführt und sie ihm, in Thränen schwimmend, in die Arme geworfen. Ich habe ein glückliches Paar gemacht; darf ich hoffen, daß Du Deine Leidenschaft für die Comteß Olga auch überwunden?

Als ich vor vierzehn Tagen von hier abreisen wollte, brachte ein Kurier die Nachricht von der Flucht des Königs, man glaubte ihr, und ich blieb; die aufgeregten Wogen der Volksstimmung infolge der Gefangennehmung Ludwig's XVI. wie das Ausbleiben von Mitteln haben mich bis jetzt gehalten.

Denke Dir, unser Freund, der kleine Girtanner, der wüthendste Demokrat und rotheste Republikaner, hat, seitdem er in Paris von einem Demokraten in den Dreck getreten zu werden das Unglück hatte, zwei Bände gegen die neue Constitution geschrieben! So geht es in der Welt! Was macht meine süße Nachtigall, die kleine Klara Schulz? Wenn ich je das Unglück hätte, nach Hoya zurückverschlagen zu werden, so würde sie, und keine andere, mein Weib. Wo stecken ihre beiden Brüder? Bis Neujahr bleibe ich unter allen Umständen hier, Briefe an mich schicke an meinen Vater. Dein treuer

Justus Erich Bollmann.

 

Heustedt, 4. November 1791.

Lieber Justus!

Ich habe sie wiedergesehen, ich sehe sie täglich, ich träume wachend und schlafend von ihr, der Herrin meiner Seele. Als ich von Göttingen als Doctor zurückkam und hier als Advocat beeidigt war, ließ ich mich bei der Tante im Schlosse melden, um ihr und der gnädigen Comteß, wie Anna, meine Aufwartung zu machen; ich ward angenommen, fand aber nur das alte Fräulein, die mir eine Stunde von Paris, Versailles und ihren jungen Tagen am französischen Hofe vorschwatzte; keine der jungen Damen ließ sich sehen, ich saß wie auf Kohlen. Endlich erschien Anna, that, als wenn wir uns erst gestern gesehen, entschuldigte die Comteß mit Migräne und lud mich auf den Abend zum Thee ein. Ich weiß nicht, was ich bis zum Abend gethan, ich ging wie im Traume herum, versäumte den Mittagstisch und fand mich in der Dunkelheit auf meinem Sofa, als die Magd meine Studirlampe brachte; ich machte Toilette, allein kein Gilet, kein Tuch wollte mir zu Danke sitzen; mein neuer Doctorrock mit seinen goldenen Tressen kam mir altmodisch vor; da erst sah ich, daß meine Frisur zerstört war.

Der Friseur mußte gerufen, der Pudermantel über den Doctorrock geschlagen werden; endlich stand ich fertig, der Degen war umgeschnallt, den Hut gedachte ich auf dem Schlosse in der Hand zu tragen, um der Frisur keinen Schaden zu thun, da, denke Dir meinen Schrecken, fängt es mit Macht zu regnen an. Ich war in Verzweiflung; lief treppauf treppab, es regnete immer heftiger, da fährt ein Wagen vor, der Kammerdiener meldete, daß Comteß ihn mir sende! Wie war ich glücklich!

Der Thee wurde in Anna's Zimmer servirt, das so traulich und wohnlich war, mich an die heitern Jahre der Kindheit erinnerte. Die Tante saß bei ihren Flickendecken und nähte wie vor Jahren, nur daß jetzt Heloise zu ihren Füßen saß und die Flicken aussuchte und bestimmte. Ich küßte dem alten Fräulein ehrfurchtsvoll die Hand, als ich darauf Olga's Hand ergriff, fühlte ich, daß sie zitterte, und sah ihr blasses Gesicht bis zur Stirn erröthen. Auch mir stieg das Blut ins Gesicht, und da ich mich von Anna unbeobachtet glaubte, bückte ich mich schnell auf die schmale weiße Hand und drückte einen Kuß darauf. Schon hatte ich den Stuhl ergriffen, um mich niederzulassen, als Anna hervortrat, mir ihre allerliebste kleine, runde, rosige Hand hinhielt und sagte: »Was hat diese Hand verschuldet, Herr Doctor, daß sie nicht auch das Zeichen Ihrer Ehrerbietung empfängt? Freilich ist sie gegen jene Hand«, und mit schelmischem Lächeln deutete sie auf die Comteß, »nur eine dicke Bauerhand.« Als ich die Hand jetzt ergreifen wollte, wurde sie mir entzogen: »Strafe muß sein«, sagte die Schelmin.

Ich mußte von Göttingen, meinen Freunden, der Harz- und Rheinreise erzählen. Daß ich Deiner und Heinrich's mit Liebe gedachte, kannst Du glauben.

Olga hörte mit Aufmerksamkeit zu, während Anna allerlei lustige und scherzhafte Bemerkungen dazwischenwarf, darauf angelegt, mir Verlegenheiten zu bereiten. Endlich sprang sie auf und holte ein Buch.

»Es ist unsere Absicht, daß uns der Doctor die langen Abende durch Vorlesen verkürzen hilft, heute schon wird der Anfang gemacht und jeden Tag fortgefahren.«

Sie überreichte mir »Werther's Leiden«.

Welche Qual, gerade dieses Buch lesen zu müssen, das die eigenen Seelenstimmungen widerspiegelte. Heloise war, den Kopf auf dem Schose der Tante, eingeschlafen, diese nickte schlaftrunken mit dem Kopfe; ich selbst vertiefte mich sehr bald so ganz in die Situation, daß ich meine Umgebung vergaß und wie aus einem Traume auffuhr, wenn Anna zur Theemaschine trat oder mich sonst unterbrach, was sie, meinem Gefühle nach, nur zu oft that. So habe ich drei Wochen zugebracht, jeden Abend, und haben wir alles Herrliche und Schöne, was Goethe und Schiller, Lessing und Wieland uns geschenkt, durchkostet. Ich habe aus »Faust« meine Lieblingsstellen declamirt und ein inniges Verständniß bei Olga gefunden. Anna will nichts davon hören, sie spottet mit den Worten des Dichters selbst:

Mir wird von alledem so dumm!

Für mich existirt nichts vom Tage, als diese Abende, wie schal und ledern sind die Morgen, wo ich um der lumpigsten Bagatellen halber, um einige Thaler Geld, um Wege oder Hecken, oder gar um Injurien zwischen Pack, das sich schlägt und verträgt, nach dem Amte gehen muß, um mit meinen Collegen zu streiten! Wie nichtssagend ist die Unterhaltung bei Tische im Rathskeller, wie albern ist es, daß man überhaupt essen und trinken muß, statt von Luft und Aether zu leben.

Den 8. November.

Die Gräfin ist vorgestern angekommen, die schönen Abende sind vorbei, ich mag mich nicht mehr ins Schloß wagen, da verschiedene Hofcavaliere mitgekommen, unter denen ich mich unheimlich fühlen würde.

Gestern hat mich ein Tischgespräch aufgeregt, der Supernumerar-Amtsschreiber Motz wollte wissen, daß die Gräfin Wildhausen damit umgehe, ihre Tochter zu verheirathen, und mit wem? Denke Dir, mit jenem Wüstling, dem Grafen Schlottheim, dem ich in Göttingen die Anfangsgründe des Rechts in seinen dummen Hirnkasten einzuprägen mich abmühte, und den Bürger an jenem Abend, wo wir »Faust« zuerst lasen, die Treppe herabfallen ließ. Auch wollte der eine oder andere der Tischgenossen wissen, daß ein Obergestütmeister auf dem Gestüt Kirnberg sich um die Hand Anna's bewerbe, daß er von der Gräfin Melusine, deren Anbeter er früher gewesen sei, begünstigt werde, und sich seit längerer Zeit bei dem alten Hofwirthe in Eckernhausen einzuschmeicheln gewußt habe. Der arme Heinrich! Er sitzt in Grünfeld als Hauslehrer und schmiedet wahrscheinlich noch Sonette auf Anna's Locken, Augen, Hände, und sie?

Ich kann es nicht glauben, obgleich mir auch von meiner Hauswirthin bestätigt ist, daß Graf Schlottheim sich auf dem Schlosse befindet.

Den 10. November.

Es ist geschehend! – Gestern hat man auf dem Schlosse die Verlobung Olga's mit dem Grafen Schlottheim und Anna's mit Claasing gefeiert. Werde ich es überleben? Ich schicke diesen Brief an Deinen Vater.

Vale.

Dein Karl.

 

Paris, 14. März 1792.

Lieber. Du bist ein bleichsüchtiger Schwärmer, ein gänzlich unpraktischer Mensch, ein deutsches Mondscheingewächs! Du mußt aus Heustedt heraus! Komm hierher, wo die Seele zwei Drittel des Tags in den Füßen logiren muß, und Du wirst Deine sentimentalen Grillen los werden, wirst Hamlet und Werther abschütteln. Mensch, sei doch vernünftig. Entweder entführe die Comteß, oder verführe sie, oder resignire und heirathe ein bürgerliches Blut, erziehe gesittete Kinder und bleibe ein ruhiger Staatsbürger. Wenn Du acht Tage hier wärst, würdest Du einsehen, daß es nicht Zeit ist, mit »Puppen zu spielen und mit Lippen zu fechten« – und die Pariserinnen? Prächtige Geschöpfe, sage ich Dir, ich glaube, sie würden Dich Deine Comtesse vergessen lehren, Dich lehren, was jener Vers sagen will,. der uns einst zu übersetzen so schwer wurde:

Est bellum bellum bellis bellare puellis!

Ich bin nicht in der rosigsten Laune. Der Onkel aus Birmingham war hier; er ist reich, hat keine Kinder, er ist die Ursache, daß ich hier bin, indem er mir die Mittel zu einer Ausbildungsreise und zum Aufenthalt in Paris, London und Edinburgh zu schenken versprach. Jetzt ist er nach Rouen abgereist, nachdem er mich drei Wochen lang mit seinen beinahe unerträglichen Launen und Eigenheiten gequält hat, mir von morgens früh, während wir noch beide im Bette lagen, bis spät abends Rathschläge ertheilte, wie ich zum reichen Manne werden könne; und als er nun abreiste, ließ mir der Geizhals siebenhundert Livres in Papier zurück, was nach jetzigem Curse etwa sechsundachtzig Thaler macht. Davon habe ich hundertfunfzig Livres für Staarmesser und sonstige chirurgische Instrumente ausgegeben, mir eine Wohnung gemiethet und mich in öffentlichen Blättern als Arzt für Augen- und Hautkrankheiten bekannt gemacht. Ja, ich will Geld verdienen, schon um von diesem Onkel unabhängig zu werden und dem Vater nicht mehr zur Last zu fallen.

Es ist traurig auf dieser Welt, daß alles, alles Interesse beinahe zuletzt auf Geldgewinn zusammenschrumpft! Kommt, kommt Pariser, laßt euch von dem deutschen Arzte den Staar stechen!

Uebrigens ist der Eindruck, den Paris mit einzelnen Ausnahmen auf mich gemacht hat, keineswegs ein großartiger und überwältigender gewesen, als ich erwartet hatte. Er war zum Theil sogar unangenehm; die Straßen sind eng, die Häuser hoch, man glaubt sich in einer Felsspalte. Die Leute sehen in den ersten zwei Stockwerken den Himmel nicht, es sei denn, daß sie rückwärts den Kopf zum Fenster hinausstecken und über sich sehen. Nur eine Gosse geht durch jede Straße, deren Pflaster bis zur Mitte abwärts hängt; ein dicker Koth bedeckt es, Pferde, Kutschen, Karren, Menschen und Esel arbeiten durch denselben, vergebens sucht man einen Fußweg zur Seite. Will man das Ansehen eines reinlichen Menschen behalten, so muß man unter allen nur denkbaren Windungen und Stellungen sich zwischen Savoyarden, Perrükenmachern, Mehlkrämern, Laternenweibern u. s. w. jeden Augenblick hinwegschieben!

Denke Dir den Contrast mit unserm reinlichen Göttingen! Will man inne werden, daß man im großen Mittelpunkte der cultivirten Erde und des Geschmacks sich befindet, so muß man in das Palais-Royal gehen. Hier ist alles zu kaufen, wonach das Herz sich sehnen kann, alle Bedürfnisse des ausschweifendsten Luxus können hier befriedigt werden; und die Menschen, die sich in diesen Räumen drängen und stoßen!? Menschen gibt es hier nicht mehr, es gibt nur Demokraten und Aristokraten, Anhänger der Constitution und Verächter derselben. Das Zanken und Streiten in allen Gesellschaften hört nicht auf, Widerspruch und Spaltung können nicht ausgebreiteter sein. So bleiben kann es nicht, was aber werden wird, läßt sich schwer im voraus bestimmen. – Ein reichgalonirter Bedienter, wie man ihn noch selten jetzt sieht, ruft mich zur Frau des schwedischen Gesandten Staël, der Tochter Necker's, ruft mich als Arzt. Soll ich ihr den Staar stechen? Vielleicht in Beziehung auf ihren Geliebten Narbonne und sein Verhältniß zu Mlle. Contant, die wieder mit dem von Narbonne geraubten Gelde kernhaftere Wüstlinge unterhält, als ihr Unterhalter ist?

Dein Justus.

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