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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Zwölftes Kapitel.
Jugendleben.

Junge Tage, ohne Sorg' und Plage,
Alte Tage, täglich Sorg' und Plage.

Es war Ende Mai des Jahres 1780, als die Gräfin Melusine eines Tages ihren Gemahl in ihr Boudoir bitten ließ. Ein seltenes Ereigniß das. Sie saß an dem mit Papieren und Briefen bedeckten Schreibtische und schien lange Rechnungen studirt zu haben. Als Graf Wildhausen erschien, nöthigte sie ihn wie einen Fremden, auf einem Fauteuil Platz zu nehmen.

»Mein liebwerther Herr Gemahl«, redete sie denselben an – natürlich französisch, denn der deutschen Sprache schämten sich die Deutschen vom Adel damals – »mein Rentmeister schreibt mir, daß seit Jahren schon meine Einkünfte nicht mehr ausgereicht haben, unsere Ausgaben zu decken, es haben von Jahr zu Jahr Hypotheken aufgenommen werden müssen, sodaß die jährlich zu zahlenden Zinsen die Pachterträge des Tiefwiehes verschlingen. Der alte treue Mann jammert über die Kostspieligkeit Ihres Gestüts.«

Der Graf machte Miene sich zu erheben.

»Bitte, bleiben Sie sitzen. Ich stehe erst im Anfange meiner Mittheilungen. Der Mann meint es gut. Er hat einen Plan, mit dem Ihnen und mir geholfen sein wird; es muß aber geholfen werden, denn, Herr Graf, ich freue mich, Ihnen die Mittheilung machen zu können, daß ich die Hoffnung habe, Ihren Lieblingswunsch zu erfüllen und das Geschlecht der Grafen Wildhausen bis an das Ende aller Dinge fortzupflanzen. Wir müssen für den künftigen Stammhalter sparen. Ich weiß, Sie können ohne Ihre Pferde nicht leben, Sie müssen züchten. Das sollen Sie auch in Zukunft wie bisher, ja in noch größerm Umfange, nur nicht auf Ihre Kosten, sondern auf Kosten unsers theuern Landesvaters und natürlich zur Beglückung seiner getreuen Unterthanen.

»Oberhauptmann von Schlump ist gestorben; man kann die Stelle mit einem bürgerlichen Amtmann besetzen, dem man die Vorwerkspacht nicht gibt. Einige Streuparcellen, damit ihm Heu für die Pferde und das Rindvieh nicht fehlt, liegen auch noch da herum, die er benutzen kann. Man nimmt den Heustedtern die Hälfte des Boswiehes, legt das Herrschaftswiehe hinzu und hat einen herrlichen Weideplatz. Das Vorwerk Kirnberg wird zum Gestüt eingerichtet. Claasing wird Obergestütmeister – Sie befehlen und ordnen an, kaufen auf kurfürstlich-königliche Rechnung, verkaufen das eigene Gestüt an Georg III.«

Graf Wildhausen senkte den Kopf, ohne welches Manöver ihm das Denken schwer fiel. Es dauerte lange, ehe er sich in die neue Situation hineindachte. Endlich hatte er sie überschaut. Es war richtig, zwischen einem königlich-kurfürstlichen Gestüt und einem eigenen war nur der Unterschied, daß ersteres dem Könige, letzteres dem Grafen schweres Geld kostete. Sein Verfügungsrecht als Oberstallmeister war dasselbe; ob der König Eigentümer hieß, war der Sache nach gleichgültig; Georg III. war noch nie in Hannover gewesen und mochte schwerlich je hinkommen. Er konnte seinen Lieblingsplan, die hoyaische Rasse zu veredeln, aus dem Staatsseckel viel eher durchführen. Es ließen sich vielleicht sogar Maßregeln gegen das Decken von Bauer- und Privathengsten von Gesetzes wegen treffen. Der Graf erhob den Kopf, küßte der Gemahlin die Hand und sagte: »Ich bin Ihnen dankbar. Sie sind immer klug und vorsorglich. – Ich hoffe, daß der Preis meines Gestüts hinreichen wird, die Schulden zu decken, welche Sie haben contrahiren müssen. Ein Graf Wildhausen soll mindestens Ihre Güter unverschuldet haben, das ist nothwendig, den Glanz der Familie zu erhalten, ich sehe das ein. Vielleicht ist es gut, ein Majorat daraus zu machen. Aber wird der König wollen? Wird das Geheimrathscollegium wollen?«

»Wollen? Der König muß wollen«, erwiderte Melusine. »Sehen Sie, liebenswürdigster aller Gemahle«, fuhr sie fort, »obgleich Georg sein Hannover vernachlässigt, so wird er doch alles thun, was wir wollen, wenn Sie die Errichtung eines Gestütes in Heustedt in Verbindung bringen mit dem Gedanken, der ihn ausschließlich beschäftigt, wie er die Prärogative der Krone ausdehne, die Herrschaft des Parlaments und der Minister einschränke. Sie Geistreicher vermögen das. Ich verlange nicht gerade eine logische Verbindung, es wird genügen, wenn Sie die beiden Dinge in einem Athem aussprechen.

»Denken Sie an den Ruhm, den es Ihnen bei der Nachwelt sichert, wenn es heißt: Sr. Excellenz, dem Grafen Wildhausen ist es nach unermüdlichen Bemühungen gelungen, König Georg III. zur Anlage des berühmten Gestüts in Kirnberg-Heustedt zu bewegen und die Umgestaltung der starkknochigen unedeln Rasse der hoyaischen Pferde in edles Halbblut zu bewerkstelligen.

»Was Claasing anlangt, so war er, wie Sie wissen, der treueste Diener der Schwester des Königs, mit der er von Dänemark herüberkam. Das verdient Belohnung. Sollte wider Erwarten Ihr Wunsch nach Rasseveredlung der hoyaischen Pferde nicht Anklang genug bei dem Könige finden, – er macht sich aber leicht die Ideen anderer zu eigen, – so spielen Sie auf die Summen an, die England Hannover noch aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges schulde, das wird von Nachdruck sein. Sprechen Sie mit allem Enthusiasmus von der Sache, die Ihnen so tief ins Herz gewachsen ist. Lassen Sie sich die Gelder zum Ankaufe englischer Hengste gleich anweisen. Sie haben aus der Reise Zeit, darüber nachzudenken, wie Sie Ihre Worte stellen wollen. Sprechen Sie deutsch mit dem Könige. Richten Sie sich ein, morgen zu reisen, nehmen Sie von niemand hier Abschied und sagen Sie, daß Sie nach Holland gehen. Ich werde Ihre Abwesenheit bei den Collegen entschuldigen. Es ist nothwendig, daß diesen der Plan als ein directer und persönlicher Wunsch Georg's III. dargestellt werde, das wird hier allen Widerstand niederschlagen.«

Der Graf, der noch nie einer Anordnung Melusinens widersprochen, fügte sich auch hier. Er reiste.

Eine Reise von Hannover nach England war damals noch ein langweiliges, ermüdendes Ding, das zehn bis vierzehn Tage in Anspruch nahm, wenn man sich dazu der Extrapost bediente und Nachtquartier machte. Die Reise ging auf zum Theil unwegsamen sandigen Straßen über Osnabrück und Bentheim nach Holland. In Amsterdam schiffte sich der Graf ein und kam am 7. Juni gegen Abend vor London an, indeß erst gegen Nacht am Landungsplatze auf der Surreyseite der Stadt, der Westminsterbrücke gegenüber. Aber was war in London?! Mit Staunen und Verwunderung hatte man vom Schiffe aus in verschiedenen Theilen Londons Feuer aufflackern sehen, welche bei der klaren ruhigen Juninacht die Kirchen und Thürme weithin erleuchteten und über ganz London eine Helligkeit verbreiteten, daß man die ungeheuern Häusermassen besser sah als am Tage. Als man weiter hinauffuhr, sah man das Kings-Bench-Gefängniß in Flammen aufgehen, hörte das Jauchzen wilder Pöbelrotten, das Geschrei von Weibern. Daneben erscholl aber auch von George Fields her und von Mansion House, wie aus der Gegend der Bank Gewehrfeuer.

Was war das? war eine feindliche Armee in London eingedrungen, oder war ganz London in Aufruhr? So war es! Lord Gordon, ein halbverrückter Schotte, jüngerer Sohn des Herzogs Cosmus Georg von Gordon, hatte schon seit zwei Jahren, nachdem die Bill zur Erleichterung der englischen Katholiken durchgegangen war, einen sogenannten Protestantenverein gebildet, der, als durch Beschluß des Parlaments vom 29. Mai 1780 diese Bill auch auf Schottland ausgedehnt werden sollte, bei dem Unterhause eine Petition um Zurücknahme der das Papstthum begünstigenden Bill einzubringen beschlossen. Lord Georg erklärte, daß er die Bittschrift nicht einbringen würde, wenn nicht wenigstens 20000 seiner Mitbürger ihm das Geleit gäben. So geschah es. Eine Menge, die man auf 15000 Mann schätzte, zog am 2. Juni, die Pergamentrolle der Bittschrift vorantragend, nach dem Parlamentshause. Dies wurde in Belagerungszustand versetzt und wilde Gestalten mishandelten Erzbischöfe und Bischöfe, Herzoge und Lords. Es gab wenig unzerzauste Perrüken an diesem Tage im Oberhause, und Fässer voll fauler Orangen wurden auf die Herren geschleudert. Das Unterhaus benahm sich ehrenhaft fest, es verweigerte, auf den Antrag Lord Georg's, die Bittschrift sofort zu berathen, einzugehen. Die Begleiter der Bittschrift, die schon in größern Haufen in das Haus eingedrungen, wurden ausgetrieben, Constabler und Soldaten vertrieben die Massen überhaupt aus der Nähe des Parlaments. Diese rächten sich durch Zerstörung der Kapellen mehrerer katholischer Gesandten und plünderten und zerstörten die Häuser verhaßter Personen.

Am 6. Juni, als das Parlament wegen der Bittschrift zur Tagesordnung übergegangen, stürmte der Pöbel das Newgategefängniß, steckte es in Brand und setzte dreihundert meist gefährliche Verbrecher in Freiheit.

Da der Geheime Rath, an dessen Spitze damals Lord Bathurst stand, nicht wagte, ohne zuvorige Verlesung der Riotact gegen die Aufständischen einzuschreiten, so vermehrte sich der Aufstand. Am Abend, wo Graf Wildhausen auf der Themse vor London ankam, hatte man zunächst die Wohnung Lord Mansfield's geplündert, die Mobilien und die kostbare Bibliothek desselben auf offener Straße verbrannt, dann zündete man die Brennerei des reichen Branntweinbrenners Mr. Longdale an, plünderte dieselbe und berauschte sich in dem stromweise auf die Straße fließenden Branntwein, brannte das Fleetgefängniß nieder und versuchte die Bank zu stürmen. Der frühere berüchtigte Demagoge und Herausgeber des »North-Briton«, Wilkens, jetzt Lord-Mayor, schlug den Angriff auf die Bank zurück, und Georg III. zeigte sich kühner als seine Minister. Er unterzeichnete einen Befehl an den Oberbefehlshaber der Truppen, Lord Amherst, auch ohne Verlesung der Aufruhracte den Pöbel auseinanderzutreiben.

Man hatte 10000 Mann Truppen zusammengezogen, und diesen gelang es, den ohne Plan und Ziel zusammengelaufenen Haufen zu bändigen, der zum größten Theil aus Lehrburschen, liederlichen Dirnen und entsprungenen Verbrechern bestand, und der eine Million Menschen schon acht Tage in Schrecken gesetzt, ihnen die Häuser über dem Kopfe angezündet, das Parlament gezwungen hatte, seine Sitzungen auszusetzen.

Graf Wildhausen fand mit größter Mühe in dieser Nacht ein Unterkommen bei seinem Collegen, dem sogenannten hannoverischen Gesandten, das heißt vortragenden Minister in der deutschen Kanzlei.

Der Aufruhr war rasch gedämpft, aber wie es geht, während man aus dem gemeinen Haufen einige dreißig erhängte, andere dreißig deportirte, ging der Sohn des Herzogs, der Anstifter, frei aus.

Wie ganz London frei aufathmete und eine schwere Last von sich abgewälzt sah, als Lord Georg und einige funfzig Rädelsführer gefangen waren, so befand sich auch der König in einer durchaus freudigen Stimmung. Er hatte dem Aufruhr kühn ins Auge gesehen, und als der Pöbel aus Saint-James losstürmte, das Schießen verhindert und die Menge mit dem Bajonnet zurücktreiben lassen, er hatte den Kopf nicht verloren, als seine Räthe rathlos dastanden.

Als daher nach zwei Tagen Graf Wildhausen zur Audienz nach Buckinghamhouse, der Residenz der Königin, befohlen war, fand er den König voll Wohlwollen und Gnade.

Georg III. war wie alle Georgs eine stattliche Persönlichkeit; trotz eines übertriebenen Bewußtseins der eigenen Würde, zeichnete er sich doch vor seinen Vorgängern und Nachfolgern durch einen menschenfreundlichen und wohlwollenden Charakter aus. Lange Jahre durch seine Mutter und Lord Bute beherrscht, ohne daß er es zu wissen schien, war sein Streben, von der Mutter angestachelt, darauf gerichtet, die Macht der Krone zu mehren, sich unabhängiger zu stellen von den großen Lords, den herrschenden Adelsfamilien, sei es der Tory- oder Whigpartei, und vom Parlament selbst, das zu jener Zeit der Bestechung zugänglicher war als jemals. Hannover war ihm eine Bagatelle, »ein Meierhof«; dort, wo sein unbeschränkter Wille galt, ließ er andere regieren.

Als daher Graf Wildhausen seinen Glückwunsch zur Bekämpfung des Aufstandes dargebracht hatte und daneben die Hoffnung aussprach, es werde der hohen Weisheit Sr. Majestät gelingen, auch den Widerstand des Parlaments zu besiegen, überzog ein selbstzufriedenes Lächeln das breite Gesicht Georg's. Excellenz kam denn, der Vorschrift seiner Gemahlin gemäß, sofort auf das Project des kirnberg-heustedter Gestüts, die prächtigen Weiden der Wesermarsch, als dazu vorzüglich geeignet, empfehlend. Der König, ein Feind jeder Neuerung in politischen Dingen, wie was die Gesetzgebung anbetraf, mochte wol Neuerungen in solchen unschuldigen Dingen. Die Wärme, mit der der Graf von dem Project sprach, die Kühnheit, wie er die Sache der Errichtung der Georgia Augusta gleichstellte, ging auf Georg über, er redete sich ein, seinem Lande eine große Wohlthat zu verschaffen, wenn er Voll- und Halbblut dort schaffe. Als später der vortragende Minister der deutschen Kanzlei kam, trug er diesem den ursprünglichen Plan des gräflich Wildhausen'schen Rentmeisters als seinen eigenen vor und fand natürlich keinen Widerspruch. Ein königlicher Stallmeister wurde beordert, dem Grafen beim Ankauf von Hengsten behülflich zu sein. Der Preis des gräflichen Gestüts sollte durch Sachverständige festgesetzt werden, die Anstellung Claasing's fand Beifall, die Besetzung der Beamtenstelle in Heustedt wurde dem Geheimrathscollegium überlassen.

 

Nachdem die Familie Schulz nach der Oststadt umgesiedelt, begann für die Knaben ein neues herrliches Leben. Unter den Büchern, die den Kindern geschenkt waren, befanden sich auch solche, die zu besitzen sie niemals gehofft hatten, Gellert's Fabeln und Gedichte, Neukirch's »Telemach«, Hagedorn's Gedichte, die ersten zehn Gesänge von Klopstock's »Messiade«. Bisher hatte es ihnen oft an Papier gefehlt, um ihre Lieblingsgedichte aufschreiben zu können, und Karl mußte regelmäßig auch mit solchem aus der Schreibstube des Vaters aushelfen, wenn er ein neues Gedichtbuch aufgefunden. Die Forstschreiberin war nämlich in Göttingen geboren und eine Jugendfreundin des damals berühmten Verlagsbuchhändlers Heinrich Dietrich. Dieser versorgte sie nicht nur alljährlich mit seinen eigenen poetischen Verlagswerken, namentlich dem »Göttinger Musen-Almanach«, sondern sandte ihr auch andere poetische Werke, die Ruhm erlangten, wie Lessing's Schriften, Goethe's »Götz von Berlichingen« und Werther's »Leiden«. Die Forstschreiberin hielt es aber nicht gut für eine Zeit, wo Karl drei fremde Sprachen, griechisch, lateinisch und französisch, erlernte, seine Phantasie auch noch durch Gedichte, Tragödien oder Komödien zu erregen, und hielt ihre Bücher daher unter Schloß und Riegel. Allein Karl hatte ausgekundschaftet, wo der Schlüssel zum Schatze verborgen war, und so wurden denn wenigstens die winzigen Musen-Almanache einer nach dem andern der Bibliothek der Mutter entfremdet und im Park von den Knaben verschlungen, und Karl und Heinrich schrieben ab, was ihnen gefiel.

Jeder der Knaben hatte seine verschiedenen Lieblinge – Heinrich liebte das Schwärmerische, das Elegische, Idyllische, Karl war besessen auf Balladen und Romanzen, die Dinge, die ihn interessiren sollten, mußten einen tatsächlichen Inhalt haben. Friedrich liebte das Bardenmäßige, Kriegerische, die Lobgesänge Gleim's auf seinen großen Namensvetter. Die Schulz'schen Knaben wurden, nachdem der Vater Schlagtmeister geworden, gleichsam als ein Zubehör des Schlosses betrachtet, in dem Karl schon seit Jahren heimisch war. Die Lücke, welche der Abgang und Tod der Mutter Anne Marie verursacht hatte, war für die Kinder schwer zu ersetzen; Tante Hulda fehlte es zu sehr an wirklicher Bildung, die Milchschwestern geistig gehörig zu beschäftigen, sie konnte nicht einmal Märchen erzählen. Als nun nach schönen sonnigen Apriltagen trübe regnerische Maitage kamen, da verlangte Anna die Spielgenossen ins Schloß. In den langen Corridoren, mit allerlei Aufgängen und Durchgängen, war herrlicher Raum zum Versteckenspielen, und alle freien Stunden, die dem Exercitienmachen und Vocabelnlernen von den Knaben entzogen werden konnten, wurden hier verbracht. Bei einer solchen Gelegenheit ging einmal Friedrich ganz verloren, er hatte sich versteckt und wurde nicht wiedergefunden. Man suchte zwei Stunden lang. Endlich kam man auf den obersten Mansardengang. Hier saß Friedrich in einem großen Zimmer, in dem eine Menge alter Bücher ungeordnet herumlagen, in eins derselben vertieft. Man hatte, als Melusinens Vater von England zurückkehrte, um in der Bibliothek Raum für die neu mitgebrachten Bücher zu schaffen, ganze Fächer von des Großvaters Büchern in das Mansardenzimmer gebracht, ohne den Inhalt zu untersuchen.

Das war eine Entdeckung, das war ein Fund. Die Knaben machten sich darüber her, die Bücher zu untersuchen, und ließen die Gespielinnen unbeachtet. Da fand man Folianten mit alten Städtebildern und Schlachten, Chroniken aller Art, einen Orbispictus, Reisebeschreibungen, namentlich Lord Anson's »Reise um die Welt«. Was aber dem Funde die Krone aufsetzte: man entdeckte »Robinson Crusoe« und »Die Insel Felsenburg«.

Karl schlug nun vor, den »Robinson« vorzulesen. Man kauerte auf die Folianten, und Karl begann. Stundenlang saß man still und stumm mit Andacht und der höchsten Spannung, dem Schicksal des Verschlagenen lauschend. Die Knaben beschlossen, von dem Funde zu schweigen; Friedrich, in allerlei Arbeiten geschickt, versprach einen Schlüssel anzufertigen, damit man das Zimmer verschließen könne. Das war das erste Geheimniß, das die Mädchen hatten, und sie freuten sich kindisch darüber.

Als die Witterung wieder besser wurde, als man wieder im Park herumtollen konnte, war es die Comtesse Olga, welche darauf drang, daß man hier »Die Insel Felsenburg« weiter lese und dann Anson's »Reise um die Welt«. Man wählte dazu das geheimste Plätzchen im reservirten Park, den Raum vor dem chinesischen Pavillon. Hier kauerte man am Rande des Hügels unter dichtem Akaziengebüsch. Karl und Heinrich lasen vor, Friedrich flocht kleine Körbe und andere Sachen aus Binsen, die er Olga und Anna verehrte.

Die Kunst, so schöne Geschichten aus Büchern lesen zu können, interessirte Olga so, daß sie gegen Heinrich den Wunsch äußerte, lesen zu lernen, und ihn bat, ihr Unterricht zu ertheilen. Das erregte dann zum ersten mal die Eifersucht Karl's. Er weigerte sich mehrere Tage, weiter vorzulesen, Heini, so nannte man Heinrich, möge es thun, der könne es ja besser. Anna, die bisher nichts vom Lesenlernen wissen wollte, weil sie meinte, dazu sei es noch früh genug, wenn die gefürchteten Gouvernanten kämen, stellte den Frieden her, indem sie Karl umschmeichelte und ihn um Unterricht bat. Jedoch machte sie zur Bedingung, daß sie nicht aus einer dummen Fibel unterrichtet sein, sondern aus der »Insel Felsenburg« selbst das Lesen lernen wolle.

Während Heini nach einer Fibel, die er beim Unterrichte seiner jüngern Geschwister gebrauchte, die Comtesse Olga systematisch unterrichtete, ließ Karl Anna aus der »Insel Felsenburg« erst alle großen, dann alle kleinen A aufsuchen, und so das ganze Alphabet hindurch. Es entspann sich bald unter den beiden Lehrern ein Wettstreit, welcher von beiden seine Schülerin am ersten dahin brächte, eine ganze Seite im »Robinson« oder der»Insel Felsenburg« laut vorlesen zu können. Olga machte bei der Methodik des Unterrichts offenbar schnellere Fortschritte, zumal Anna den Unterricht durch hunderterlei Späße und Neckereien unterbrach. Als erstere schon fertig syllabirte, kannte die andere noch nicht sämmtliche Buchstaben, und versuchte ihr Lehrer das Kunststück, ihrer Phantasie dadurch zu Hülfe zu kommen, daß er den schwer zu erlernenden Buchstaben besondere Namen gab, k war z. B. Kankelbein, a Anfang, b Brot u. s. w. Als nun aber die Comtesse schon anfing, ganze Sätze aus der Fibel zu lesen, während Anna das Syllabiren dadurch erschwert war, daß sie bei dem k nicht an k, sondern an Kankelbein dachte und damit fortsyllabiren wollte, überkam dieselbe ein solcher Neid, daß sie die »Insel Felsenburg« aus der Hand schleuderte, sodaß sie beinahe in die Graft gefallen wäre. Karl wußte sie durch Liebkosungen zu beruhigen, durch Schmeicheleien ihren Ehrgeiz anzustacheln, sodaß, als die ersten Schwierigkeiten überwunden waren, Anna der Comteß bald nachkam, indem sie richtig errieth, was sie nicht wußte.

Der Jüngste machte sich indeß mit hohen Sandhaufen, die zum Zweck der Wegeverbesserung in den Geheimpark gefahren waren, zu schaffen. Er baute nach Plänen, die er sich aus der europäischen Chronik des Mansardenzimmers abgezeichnet hatte, ganze Städte mit Festungswerken, mit Parallelen und Laufgräben davor, und durchlebte einen Theil des Dreißigjährigen Krieges.

Als der Sommer kam, gab es für die Knaben mancherlei Neues. Das Amt des Vaters als Schlagtmeister erforderte eine öftere Inspection der Weserufer des gräflichen Terrains; um rasch von einem Orte nach dem andern kommen zu können, hatte man ein auf dem Kiel erbautes, mit Segel versehenes Schlagtschiff angeschafft.

Die Knaben ruderten nun den Vater, so oft die Schulstunden kein Hinderniß waren, die Weser hinauf und hinunter. Bei günstigem Winde bediente man sich bei der Bergfahrt auch wol des Segels. Beide Schulz waren bald tüchtige Ruderer und geschickte Segler und fanden an ihrem Freunde einen tüchtigen Gehülfen. Die Hauptlust kam abends, dann kam der Adjunct des Forstschreibers, Oskar, und ließ sich durch die Knaben zum Bade, nahe dem kleinen Schlut, fahren. Zur Belohnung ertheilte er diesen doppelten Unterricht, im Schwimmen wie im Pistolenschießen. Friedrich fertigte Scheiben an, die in einem alten hohlen Weidenbaume befestigt wurden. Er war der geschickteste Schütz, Karl bemühte sich, ihm nachzueifern, aber ihm fehlte die Ruhe, Heinrich war und blieb ungeschickt im Laden wie Schießen, diente dagegen als Zielscheibe aller Witze, die bei diesen Uebungen nicht fehlten.

Der Umgang mit den jungen Mädchen im Schlosse litt natürlich unter diesen ritterlichen Uebungen, allein das Mansardenzimmer verlor seinen Reiz nicht, und bei Regentagen vereinte man sich dort nach gewohnter Weise. Als der Herbst kam, wurden regelmäßig die freien Nachmittage des Mittwochs und Sonnabends zur Lektüre im Mansardenzimmer, auf das man in aller Stille Feldsessel aus dem geheimen Park geschafft hatte, benutzt.

Tante Hulda bekümmerte sich um ihre Pflegebefohlenen wenig, sie war froh, wenn sie die Plagegeister einen Nachmittag los war, denn waren sie bei ihr, so gab es ein unaufhörliches Fragen. Sie pflegte dann im Kamin ihrer Stube ein leichtes Kohlenfeuer anzünden zu lassen, sich in den Lehnstuhl zu setzen und einen der alten französischen Romane aus dem Koffer hervorzuholen und sich darin, wie in Rückerinnerungen an ihre Jugend in Versailles, zu vertiefen.

Die jungen Leute wechselten untereinander im Vorlesen, zu welchem der Lesende dann den Stoff selbst wählte. Olga las am liebsten Verse und las mit etwas tragischem Pathos. Anna hielt sich an die »Insel Felsenburg« oder den »Robinson«, konnte es aber nicht lassen, etwas vorzulesen, was gar nicht da stand, und ganze Episoden hinzuzudichten. Da die Knaben aber ihren »Robinson« und die »Insel Felsenburg« auswendig kannten, so ward Anna sofort ertappt. Sie leugnete dann freilich und behauptete, das stände da, und schlug dem, der nach dem Buche griff, um ihr das Gegentheil zu beweisen, auf die Finger.

Wenn solche Unterbrechungen sich wiederholten, war es mit dem Lesen vorbei, und man ging dann auf das Versteckenspielen in den weitläufigen Räumen des Schlosses, oder zum Räubereinfangen im Park über. Bei schlechtem Wetter spielte man auch wol im Eßsalon mit Federbällen oder Reisen.

Die Gräfin war in den Jahren 1778 und 1779 nicht ein einziges mal in Heustedt gewesen, der Sommer 1780 sollte der letzte in froher Kindheit verlebte sein, denn für den Herbst stand die Ankunft der Gräfin, für den Winter sogar die gefürchtete Ankunft zweier Gouvernanten bevor.

Die Ankunft der Gräfin zögerte sich jedoch noch bis Anfang November hin. Nun war es aber auf einmal, als wenn alle im Schlosse andere Leute geworden wären, jede Unbefangenheit schwand, alle Gesichter, die sich bisher menschlich natürlich gegeben, nahmen einen feierlichen Ausdruck an, die alten freundlichen Herren, der Rentmeister, Haushofmeister und Verwalter machten ernste steife Mienen und wehrten jede Zutraulichkeit der kleinen Mädchen ab. Fremde Dienstbotengesichter mit goldbetreßten Livreen und Hedeperrüken erschienen. Die Honoratioren machten Aufwartung und empfingen Einladungen. Auch der Graf kam, allein er hatte so vielerlei anzuordnen, daß ihm für die Kinder keine Zeit blieb. Das Gestüt wurde abgenommen und nach Kirnberg übergesiedelt, die Füllen kamen aus dem gräflichen Hochwiehe am rechten Weserufer auf das den Heustedtern zur Hälfte aus der Pacht entzogene Boswiehe am linken Ufer, wo die adelichen, jetzt sogar königlichen Pferde das bürgerliche Rindvieh, von dem sie nur durch Schwapen getrennt waren, vornehm ignorirten. Claasing siedelte als königlich-kurfürstlicher Obergestütmeister nach Kirnberg über. Fand er dort auch eine große Menge Wohnräume, so doch nur leere Wände, und er verweilte, bis er eingerichtet, im Schlosse. Tante Hulda zog sich in ihre Gemächer zurück, und dahin folgten die Mädchen gern; die Knaben mieden das Schloß.

Als gegen Weihnachten die Gräfin Melusine ihrem Gemahl zum zweiten male eine Tochter gebar, die auf den Namen Heloise getauft war, hätte sie die erstgeborene beinahe verloren. Es war die Weser infolge anhaltenden Regens über ihre Ufer getreten und hatte das gräfliche Hochwiehe wie Tiefwiehe, sogar einen Theil des Parks überschwemmt. Dann trat Frost ein und schaffte auf dem Hochwiehe eine prächtige Schlittschuhbahn. Olga und Anna waren schon im vorigen Winter von den Knaben in die Kunst des Schlittschuhlaufens eingeweiht. Jetzt wurde das Wochenbett der Mutter benutzt, dem Vergnügen nachzugehen. Es war am zweiten Weihnachtstage, als ein Bedienter das Heuthor des Parks öffnete und der Comteß Olga wie der Milchschwester auf dem Hochwiehe die Schlittschuhe anschnallte. Die Knaben kunststückten, mit sehnsüchtigen Blicken nach dem Heuthore, schon auf dem Eise herum und empfingen die Spielgefährtinnen mit Jubel. Man hatte einen weiten Spielraum und tummelte sich nach Herzenslust. Anna, die immer etwas Neues suchte, war von der glatten Ebene des Hochwiehes an das Ufer der Graft gegangen, denn Schlittschuhlaufen konnte man hier nicht, da dieses etwas höhere Ufer mit Windeis bedeckt war. Infolge des Frostes war das Wasser in der Graft gesunken, und das Eis bildete nun eine Curve, sich in der Mitte tief senkend. Oben an beiden Rändern war das Eis aber hohl, ohne Wasser. Anna begann sich hier mit den Schlittschuhen bergunter und bergauf zu lassen, und rief Olga herbei, das Hinunter- und Hinaufsichtreibenlassen zu versuchen. Karl und Friedrich jagten sich in der Richtung nach der Weser zu, Heinrich Schulz war ihnen gefolgt, kehrte aber um, als er die Mädchen vermißte; der Bediente, der zur Aufsicht der Comteß von Tante Hulda mitgeschickt war, hatte es vorgezogen, einer hübschen Viehmagd im Park, da, wo er überschwemmt gewesen und jetzt übergefroren war, Unterricht im SchurrenSchurren ist eben Provinzialismus in Norddeutschland, wo man unter Glitschen schon Schlittschuhlaufen versteht. (Glitschen) zu ertheilen, wobei er sie überzuschurren und zum Fallen zu bringen versuchte. So war niemand da, die unbedachtsamen Mädchen zu warnen. Die Comteß Olga, die sich bei dem Herunterfahren den gehörigen Schwung nicht gegeben hatte, erreichte das hohe Ufer der gegenüberliegenden Seite nicht, wo Anna sich an den Palissaden festzuhalten und sich dann umzudrehen pflegte, sie fuhr, oben noch nicht ganz angekommen, von hinten zurück, verlor, da sie dieses Rückwärtsfahren nicht kannte, das Gleichgewicht, und fiel da, wo das Eis sich wieder in die Höhe hob, aber hohl war – nieder. Das Windeis brach unter dem Falle, und bei dem Versuche, sich emporzuraffen, fiel Olga durch das Eis hindurch in die Graft. Das Hülfegeschrei Anna's rief den schon in der Nähe befindlichen Heinrich herbei und trieb Karl und Friedrich zur Umkehr. Heinrich zermalmte mit eigener Lebensgefahr das Windeis, um nur entdecken zu können, wo Olga war. Zum Glück stieß er hier auf einen der Palissadendurchbaue durch die Graft. Dieser Durchbau hatte gehindert, daß Olga vom Wasser fortgetrieben war, jetzt gab er Gelegenheit, festen Fuß zu fassen und mit Hülfe des herbeigekommenen Bruders und Karl's die leblos scheinende Olga aus dem Wasser hervorzuziehen. Erst im Schlosse, unter den Bemühungen des zufällig anwesenden Arztes, kam Olga wieder zur Besinnung.

Als die Gräfin später von dieser kühnen That Heinrich's durch Anna das Nähere erfuhr, setzte sie ihm ein Stipendium aus, von dem er die Domschule in Verden und später die Universität beziehen konnte.

Nach Neujahr kamen auch die beiden Gouvernanten. Die Engländerin Mistreß Eleonore Tabolt war schlank, lang, blond, blaß, schweigsam, ernst. Schwere Leiden schienen schon früh auf sie eingestürmt zu sein. Mademoiselle Julie, die Französin, war klein, mager, brünett, hatte wundervolle kleine Füße und war äußerst gesprächig und beweglich. Mit einer ihren französischen Ursprung nicht einen Augenblick verleugnenden Lebhaftigkeit versuchte sie im Sturme die Zuneigung und das Vertrauen der beiden jungen Mädchen für sich zu erobern, wobei sie, klug genug, doch ganz besonders Olga, als die eigentliche Herrin und Hauptperson, im Auge behielt. Diese schien auch anfangs Gefallen zu finden an dem sprudelnden Humor, der nimmer versiegenden Unterhaltungsgabe der lustigen Französin; sie ging auf den scherzenden Ton, mit dem dieselbe über alle Vorkommnisse des täglichen Lebens, ernste wie gleichgültige, so tändelnd und graziös hinwegging, ein, und schien den etwas pathetischen Ernst, der ihr ganzes Wesen schon von früh auf charakterisirte und sie oft anders erscheinen ließ, als sie war, ablegen zu wollen.

Die Gräfin hatte ihre Heloise einer Amme übergeben und war nach der Hauptstadt zurückgekehrt; sie konnte ohne Gesellschaft, ohne Intriguen und Beschäftigung mit Staatsdingen nicht leben. Im Schlosse zu Heustedt ging es jetzt lustig zu, denn die Französin beherrschte bald die schwache Tante Hulda und wußte sich Haushofmeister und Rentmeister, Verwalter und Dienstpersonal unterthänig zu machen. Die Knaben, die durch die Rettung Olga's schon bei Anwesenheit der Gräfin als Spielgefährten der Comteß officiellen Zutritt erhalten, brachten alle Zeit, welche die Schule nicht in Anspruch nahm, im Schlosse zu, wo die Französin neue Spiele anordnete, Unterricht im Tanzen ertheilte, und ein bisher gänzlich unbekanntes Leben um sich verbreitete. Von Anna und der Französin dazu angeregt, hatte Olga den Knaben, die sie als ältere Spielgenossen und Lehrer liebte, und für die sie nach ihrer Rettung eine gewisse Verehrung und herzliche Dankbarkeit fühlte, oft recht muthwillige und nicht immer gutmüthige Streiche gespielt, die ihr aber jedes mal bald leidthaten und die sie dann durch verdoppelte Freundlichkeit gern wieder vergessen zu machen suchte. Die ernste Engländerin konnte unter solchen Verhältnissen moralischen Einfluß auf die jungen Mädchen nicht geltend machen, und mußte sich damit begnügen, die festgesetzten englischen Unterrichtsstunden zu ertheilen. Diesen wußte sie aber dadurch einen Reiz zu geben, daß sie die Knaben mit hinzuzog, um dadurch den absoluten Widerwillen, den Anna gegen das Englische wie gegen die Lehrerin desselben äußerte, zu beseitigen.

Der leichtfertige Charakter letzterer, ihr ewig schäkerndes, neckisches, plauderndes, launenhaftes Wesen paßte ganz und gar zu dem Wesen der Französin, an die sie sich daher immer enger anschloß, infolge dessen sie neben französischer Leichtfertigkeit und Oberflächlichkeit sehr bald eine große Gewandtheit und Fertigkeit in der französischen Sprache erlangte, mit der sie ihre ehemaligen Spielkameraden, die es ihr in dieser witzigen und geistreichen Conversation nicht gleichthun konnten, nicht wenig neckte und bespöttelte.

Indeß war es gerade dies, was in Olga einen Umschlag hervorrief. Sie, die selbst sich diese leichte Conversation nicht in gleicher Weise zu eigen gemacht hatte, konnte nicht dulden, daß man die tüchtigen, aber unbeholfenen Knaben, die in ihrer Rectorschule nie Anleitung zu französischer Conversation gehabt hatten, unaufhörlich neckte, sich vor ihnen spreizte und sie, die ältern, als dumme Jungen behandelte. Namentlich hatte sie Mitleid mit ihrem Lebensretter Heinrich, der Anna trotz alles Spottes, den sie über ihn ausschüttete, schwärmerisch verehrte und anbetete. Die junge Gräfin wurde des ungewohnten, lauten, leichtfertigen Treibens bald müde, sie fühlte sich mehr und mehr angezogen von dem ruhigen, sich gleichbleibenden Wesen der Engländerin. Der englische Unterricht wurde ihr lieber als der französische, die Sprache schien ihr leichter. Es kam darob zu manchem Kampfe mit Anna, welche das Englische für eine abscheuliche Sprache erklärte, und zu öfterm Erzürnen. Aber wer konnte der lustigen Anna, namentlich wenn sie sich mit schwesterlicher Zärtlichkeit an Olga anschmiegte, lange zürnen?

Die Tage der glücklichen Kindheit eilten rasch dahin, und plötzlich war die Zeit da, wo auch Friedrich confirmirt war und zur Hauptstadt geschickt wurde, um Schlosser zu werden, während Heinrich und Karl die Domschule in Verden zu besuchen sich anschickten.

Selbst für Anna war die Trennung von den Spielgenossen eine schwere, und Olga trauerte viele Wochen.

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