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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Elftes Kapitel.
Eine Dorfnovelle aus der Wirklichkeit.

Die Bewohner der Oststadt saßen noch acht Tage im Wasser, und aller Verkehr in den Straßen konnte nur durch Kähne bewerkstelligt werden; in der Weststadt war es mit großen Anstrengungen gelungen, den Deichbruch bei Krische's Garten zu stopfen und so die Communication auf der Landstraße herzustellen, wo man vorläufig das Loch, welches das Wasser vor dem Hause der Ertrunkenen in die Straße gerissen hatte, überbrückte.

Der Einriß in die Heerstraße, welcher den Spritzen den Weg nach Eckernhausen versperrt hatte, zeigte sich als unbedeutend, und die Straße wurde bald wieder fahrbar gemacht. Hans Dummeier ward am Morgen nach dem Feuer durch den Deichvogt Herold von seinem Posten abgelöst, wie überall frische Deichmannschaft aus andern Dörfern eintrat. Er betrachtete die Ruinen auf seinem Hofe mit kaltem Blicke; hatte er doch schon seit längerer Zeit den Gedanken mit sich herumgetragen, ein neues zu bauen. Sein Eichensünder trug manchen dreihundertjährigen Baum, zu Grundholz, Ständern und Balken wohlgeeignet, und Tannen wie Föhren waren in dem nahen herrschaftlichen Forst nicht theuer. Die Abfindung seiner jüngsten Schwester war am Hochzeitmorgen baar ausbezahlt, er hatte keine Schulden auf seinem Hofe und besaß neben diesem, dank der Aufopferung seiner geliebten Frau, noch eine adelich freie Wiese.

Das zum Häuslerhause ausgebaute Backhaus stand leer, dasselbe konnte provisorisch als Wohnhaus benutzt werden. Mit diesem Gedanken nahte er sich seinem Besitzthume, wo er Anne Marie thätig fand, mit Hülfe der Nachbarn und Diensten den Schutt fortzuräumen und dem Vieh ein Unterkommen in den Stallungen zu schaffen. Er umarmte sein braves Weib und sagte ihr Dank für den bewiesenen Muth, den er schon in Heustedt rühmen gehört habe.

»Mußt dich vor allem bei der Katharina bedanken«, sagte diese, »ihrer Entschlossenheit und Umsicht allein ist es zu verdanken, daß sämmtliches Rindvieh und die Pferde gerettet sind. Sie hat die schwarzweiße Sterke, die zuhinterst im Hause stand, mit eigener Gefahr ans der Glut gezogen. Sie kann bleiben, wenn sie will.«

Hans ging auf Katharinen zu und sagte: »Du hörst, was Mutter sagt, erhältst zu deinem jetzigen Lohne ein Himptsaat Lein, wenn du bleibst, auch werde ich dich bedenken, wenn du dich verheirathest.«

Die Magd wurde roth und erwiderte: »Ich danke sehr und bleibe gern.«

Hans zog nun seine Frau in das Häuslingshaus, wohin die geretteten Möbeln, die Kasten und Koffer gebracht worden waren, um seine Plane wegen des Neubaues mit ihr zu überlegen.

Auch diese, die den Neubau, wie ihr Mann ihn vorschlug, billigte, hatte in der schlaflosen Nacht einen Plan sich ausgedacht, der ein braves Menschenpaar glücklich machen sollte. Sie wußte durch das Gespräch der Leute genug von Schulzens Schicksal. Die Thätigkeit des Spritzenmeisters bei dem Löschen des Feuers, seine Umsicht, dasselbe von der Scheuer abzuhalten, hatte sie mit Achtung und Dankbarkeit erfüllt, denn sie wußte männliche Tüchtigkeit zu schätzen.

Nun war vor kurzem der gräfliche Schlagtmeister verstorben; die ausgedehnten Besitzungen an der Weser erheischten aber im Sommer und Herbst eine beständige Ausbesserung der Uferwerke (Schlagten). Der Gehalt eines solchen Schlagtmeisters, unter dessen Aufsicht oft viele Arbeiter schaffen mußten, reichte hin, eine Familie zu ernähren. Dazu fand sich eine freie Wohnung. An den gräflichen Park stieß in der Weserstraße ein kleines Haus mit Garten, der bis zum Weserufer reichte. Dasselbe war bis zum Sommer von einer Korbmacherfamilie bewohnt gewesen, die seit einer langen Reihe von Jahren in nächtlichen Stunden den gräflichen Weidenbusch geplündert hatte. Als die Kinder dieser Familie heranwuchsen, blieb es nicht bei den Weiden: Obst, feine Gemüse und andere Gegenstände verschwanden, trotz alles Aufpassens. Da schlug der Rentmeister eine Radicalcur vor, welche die Gräfin genehmigte. Das Haus wurde der Korbmacherfamilie zu einem sehr hohen Preise abgekauft, unter der Bedingung, daß dieselbe nach einer größern Stadt übersiedelte. Bremen ward mit der Familie Knippling beglückt.

Das Haus eignete sich vortrefflich zu einer Dienstwohnung des Schlagtmeisters. Da die Gräfin sich in die Details der Bewirthschaftung nicht einmischte, wahrscheinlich nicht einmal wußte, ob der Schlagtmeister Piepmeier oder Angstmeier hieß, so genügte es, wenn Anne Marie den Haushofmeister und den Rentmeister für ihren Plan gewann, und das sollte ihr nicht schwer werden, hoffte sie.

Als sie wieder im Schlosse eintraf, fand sie die günstigste Stimmung für ihren Plan. Georg's kühne That, zur Rettung Lenchen's auf einer zerbrechlichen Leiter aus dem Dachfenster des Moses Hirsch in das brennende Haus der Feindin zu dringen, unter sich die schäumenden Wasserwogen, über sich das jeden Augenblick den Einsturz drohende Haus, war in aller Munde. Ein förmlicher Umschwung der öffentlichen Meinung war eingetreten. Bisher hatte man des Drechslers und seiner Familie Schicksal höchstens mit einem Achselzucken und gewissen Redensarten als: er hat es ja nicht anders haben wollen, warum führt er solche Processe u. dgl., beurtheilt. Die vornehmen Damen hatten die schöne Mainzerin, seitdem sie nicht mehr Kleider und Putz für sie verfertigte, vergessen, vergessen auch, daß sie selbst zu dem Processe gegen die Schneiderzunft aufgereizt hatten.

Jetzt schien das schreckliche Ende der Brauerstochter, in dem man den Finger Gottes erkennen wollte, die Wahrheit gleichsam erst an den Tag zu bringen. Die Horndrechsler wie die Schneider behaupteten, von Lenchen aufgehetzt zu sein. Der Spritzenmeister war der Held des Tages. Die alte Gönnerin Mariens, die Baronin von Bardenfleth, gab einen Kaffee, zu welchem viele Damen in Kähnen befördert werden mußten. Da wurde denn durch ihre Leibadvocatin, das Fräulein Puvogel, die Unglücksgeschichte der Familie Schulz ausführlich erzählt, sodaß des Mitleids und Bedauerns kein Ende war und das Kind Adele laut zu schluchzen anfing. Die Landräthin von Vogelsang aber war die erste, welche den Ideengang der Gesellschaft auf eine thätige Hülfleistung zu lenken suchte. Hier nun war es die Forstschreiberin, welche das Wort ergriff, der talentvollen Schulz'schen Knaben erwähnte und es als eine Hauptwohlthat, die man den Aeltern erweisen könne, hervorhob, wenn den beiden Knaben Freistellen in der Rectorschule verschafft würden. Sowol die Bürgermeisterin wie die Rectorin, die gegenwärtig waren, versprachen, sofort ihre Männer dahin zu bestimmen, die Oberhauptmännin gab die Versicherung, daß das Amt sich gleichfalls der Sache annehmen werde. Die Landräthin von Vogelsang versprach, durch ihren Mann von der Landschaft eine besondere Prämie dafür auszuwirken, daß Schulz trotz des durch den Deichbruch sich ihm entgegenthürmenden Hindernisses bei dem Feuer in Eckernhausen mit seiner Spritze zuerst zur Stelle gewesen sei, und, setzte Fräulein Bardeleben hinzu mit einem spitzen Blick auf die Oberhauptmännin von Schlump und die Amtsschreiberin Motz, »die Veranlassung gewesen ist, daß die Amtsspritze, welche schon umgekehrt war, sich auch durch das Wasser wagte«.

Jede der Damen sann nun darüber nach, wie der Familie Schulz wieder aufzuhelfen sei, und that das Ihrige, den Glorienschein über das Haupt der bis dahin von allen verlassenen strahlender zu färben.

Indeß war Anne Marie nicht müßig gewesen. Ihre Empfehlungen hatten Gehör gefunden, – der Rentmeister ließ Georg kommen und engagirte ihn nach kurzer Besprechung gegen einen fixen Gehalt von 150 Thalern und freie Wohnung zum Schlagtmeister. Allerlei Reparaturen im Schloß, Park und den Wirthschaftsgebäuden, die derselbe vermöge seiner Kunstfertigkeit sonst beschaffe, namentlich im Winter, sollten ihm besonders vergütet werden.

Nichts hätte diesem erwünschter sein können, denn er haßte seine jetzige Wohnung, die er schlechtweg als Spittelhaus zu bezeichnen pflegte, da er sie mehr für ein Almosen denn für eine Entschädigung für das Amt eines Spritzenmeisters ansah. Das sei allenthalben ein Ehrenamt, sagte er, das durch die Zugabe der Spittelwohnung nur geschändet werde. Er sah die neue Anstellung als Beginn eines neuen Lebens an und lobte den Zufall, der ihn unter Anweisung des Deichvogts Herald schon seit Jahren die Schlagten des Essigbrauers hatte herstellen lassen. Und wie groß war nun erst die Ueberraschung und Freude seiner Frau! Kam sie doch aus dem für die Gesittung der Kinder so gefährlichen Winkel und in die nächste Nähe der Rectorschule. Die beiden Knaben machten hohe Freudensprünge, als sie erfuhren, man ziehe in die Oststadt, dem Freunde Karl ganz nahe. Es war eine Wonne und Seligkeit, in der die Familie schwamm. Nun traf nach wenigen Tagen von dem Magistrat ein Schreiben ein, worin den beiden Schulz'schen Knaben Freistellen in der Rectorschule gewährt wurden, und der Ausschuß der Provinziallandschaft gab eine Belohnung von 50 Thalern für die erste und außerordentliche Hülfe bei dem Feuer.

Das war ein so plötzlicher, so großer Glückswechsel, daß Georg behauptete, er müsse sich erst besinnen, ob denn das alles kein Traum sei. Marie lebte wirklich im Traume, sie war zu glücklich, sie blühte von neuem auf wie eine volle Rose, die im Glase kein frisches Wasser bekommen, wenn sie solches plötzlich erhält. Die Zeit bis zum April, wo man ausziehen konnte, dauerte eine Ewigkeit, und das Spittelhaus wurde der gesammten Familie täglich verhaßter. Nur Eine Person grämte sich, daß Schulzens die Wohnung verließen, und weinte bittere Thränen, das war die schwarze Marthe, die sich in die Oststadt nicht hineinwagte und die ihren blonden Heinrich daher fortan wol wenig zu Gesicht bekam.

Welche neue Ueberraschung stand der von so viel Glück begünstigten Familie nun aber bevor, als man Anfang April bei warmem Sonnenschein auszuziehen anfing, und die Jungen ihren Arbeitstisch, ihre Bücher, Mappen und sonstige ihnen zugehörige Wertsachen, wie die Schlittschuhe, ein Reißbret, früh morgens vorantrugen.

Anne Marie hatte den Eingang des Hauses mit Tannen schmücken lassen und die Wohnung war völlig eingerichtet, alle Stuben mit den nöthigen neuen Möbeln versehen; in einem Erkerzimmer fand sich ein Schreibtisch für die Knaben mit sämmtlichen Büchern, die man in der Rectorschule brauchte. Außerdem waren Vorräthe von Weizen, Korn, Kartoffeln, Hafergrütze in Küche und Keller niedergelegt. Frau Landräthin und Baronin von Bardenfleth hatten dies in ihrem Kreise veranstaltet und zusammengebracht. Im Stalle aber stand eine schwarzweiße Kuh, keine der schlechtesten, die Katharina aus dem Hause Dummeier's gerettet hatte.

Man war wie im Himmel. Die bisherigen Möbel wanderten zum Theil auf den Boden, zum Theil wurden sie verschenkt an arme Nachbarn in Klein-Paris. Nur seine Drechslerwerkstätte schlug Georg wieder auf. Das Putzzimmer der Frau war schöner als das im frühern eigenen Hause, und mitten an der Wand hing ein großer werthvoller Kupferstich, die Sixtinische Madonna von Rafael, ein Beitrag des Fräulein Spitznas, welche den Kunstwerth des Stiches wol kaum kannte.

Die Mainzerin sank, als sie allein war, vor der Gnadenreichen auf die Knie, denn sie war es doch allein, welche das alles beschert, sie hatte es also nicht übel genommen, daß Marie einen Protestanten geheirathet, daß ihre Kinder protestantisch erzogen wurden, sie hatte sie nicht von sich gestoßen und verflucht, sie sah so milde und gütig zu ihr herab. Die beglückte Frau plapperte nicht ein Gebet aus ihrem Gebetbuche, sie sprach Worte des innigsten Dankes und der Verehrung, die ihr tief aus dem Herzen kamen.

Wie schmeckte das erste Mittagsessen! Es war das bekannte rheinische, die langvermißten Kapuzinerklösel, das Marie an dem neuen Herde bereitet; und wie jauchzten die Kinder, es waren ihrer jetzt fünf, auf, als nach beendigter Mahlzeit ein gräflicher Bedienter die Thür öffnete und Comtesse Olga und Anna einen von der Mutter selbst gebackenen Kuchen überbrachten.

Marie, welche die beiden schönen Kinder noch nicht gesehen, konnte sie nicht genug abherzen und küssen, die etwas jüngern eigenen Mädchen zogen sich scheu zurück vor dem reizend gekleideten Paare. Die Comteß selbst war still, sie schaute sich wie verwundert um in dem kleinen Zimmer, sie hatte noch nie ein so kleines Zimmer gesehen, und es fiel ihr auf, daß so viele Menschen in einem so kleinen Hause und Zimmer wohnen konnten.

Anna fing keck und muthig mit Friedrich und Heinrich ein Gespräch an, lud sie ein, in den Park zu kommen und ihre Pferde zu sein.

Das grundverschiedene Wesen der kleinen Mädchen offenbarte sich schon früh in ihrem Aeußern wie Innern. Die Comteß Olga war einen halben Kopf größer als Anna, schlank, eckig, blaß, mit großen dunkelgrauen Augen, langen schwarzen Augenwimpern und langem schwarzem, in einem Goldnetze getragenem Haare. Sie war ernst und still und schien schon als sechsjähriges Kind innerlich zu leben. Anna zeigte runde Formen, ihr Gesicht, von dicken, krausen, goldigen Locken eingerahmt, blühte wie eine Rose, mit allerliebsten Grübchen in beiden Wangen und Kinn. Ihre Augen waren blau und bei weitem kleiner als die Olga's, dagegen strahlten sie beständig Lust, Freude, Freundlichkeit aus. Ein liebliches Lächeln verklärte beim Verkehr mit andern das süße Kindergesicht, sodaß selbst der alte Haushofmeister sein »Wonnepock« nicht an sich vorbeigehen oder vielmehr tanzen lassen konnte, denn sein Gang war ein Tanz, ohne es emporzuheben und zu küssen. Anna war der Liebling des ganzen Schlosses.

Die Comteß Olga hing mit schwärmerischer Liebe und Hingebung an ihrer Amme, liebte sie wie eine Mutter und überhäufte sie mit Zärtlichkeiten; gegen alle übrigen Schloßbewohner war sie zurückhaltend. Anna schien sich weniger aus der Mutter zu machen, die ihr zu viel befahl, zuviel verbot, sie war dagegen freundlich und einschmeichelnd gegen Fremde. Namentlich hatte sie gewußt, sich bei der gnädigsten Gräfin selbst, einer Kinderfeindin, einzuschmeicheln, vor der Olga eine wahre Scheu zu haben schien.

So kamen die Ostertage heran, die gegen Ende April fielen. Hans war öfter in der Stadt, um sich mit Zimmer- und Mauermeister zu besprechen. Während er bisher immer gedrängt hatte, Anne Marie sollte das Schloß verlassen, suchte er sie jetzt zu überzeugen, daß es besser sei, sie warte mit dem Umzuge, bis das neue Haus eingerichtet sei, und halte ihre Wochen in der Ruhe und den behaglichen Einrichtungen des Schlosses, als in den beschränkten und dumpfen Räumen des Leibzuchthauses. »Du bist jetzt bald sechs Jahre vom Hause entfernt und im Schlosse gewesen; hast du das über das Herz bringen können, so kannst du auch noch ein halbes Jahr dort bleiben, bis ich dir eine würdigere Stelle zur Aufnahme vorbereitet, als das Leibzuchthaus ist. Wie willst du, die seit Jahren an Pracht und Glanz und an Bequemlichkeit Gewöhnte, in der dunkeln Stube, der unheizbaren Kammer die Tage zubringen? Wie soll ich dir Pflege und Bequemlichkeit schaffen, da die Schwester mir fehlt? Kann unser Anerbe nicht ebenso gut im Schlosse geboren werden, als in schlechter Leibzuchtswohnung?«

Das alles wurde natürlich platt und daher viel eindringlicher gesprochen, als wir es zu übersetzen vermögen.

Anne Marie beharrte aber bei ihrem Willen. Ein unbestimmtes Gefühl, die Ahnung eines Unglücks quälte sie. »Ich habe keine Ruh' und keine Rast mehr im Schloß, ich bin bei Tage und bei Nacht daheim und müßte ich in der Scheune gebären, ich komme nach Hause, sobald die Base der Gräfin, welche die Aufsicht über die Kinder künftig führen soll, eingetroffen ist.«

Wäre es nicht zweifellos gewesen, daß Anne Marie seit Wochen Eckernhausen nicht gesehen und daß sie auch von dort keinen Besuch empfangen hatte, so hätte man glauben sollen, der alte Eifersuchtsteufel wäre über sie gekommen. Denn allerdings spukten in Eckernhausen seit kurzer Zeit allerlei bedenkliche Gerüchte. Die Katharina, hieß es, bringe die Nacht nur sehr kurze Zeit in der Scheune zu und wisse sich im Leibzuchthause besser zu betten.

Freilich ging das Gerede von einem verschmähten Liebhaber, dem schiefbeinigen Kkeinknecht des Nachbarn Heinrich Niebour, aus, allein unzweifelhaft war, daß dieser schon viele Nächte seit dem Brande in Dummeier's Hofstelle herumschlich und spionirte.

Um bei der Katharina einzusteigen, wie es Landessitte und Gewohnheit war, geschah das nicht, sie hatte ihn, als das alte Haus noch stand und er eines Abends vor das Fenster kam und um Einlaß bat, beim Oeffnen des Fensters so heftig zurückgestoßen, daß er vom Dache des Schweinestalls, auf dem er stand, zur Erde gefallen war.

Die Base der Gräfin blieb länger, als sie sollte, sie kam erst Anfang Mai, als sämmtliche Storchnester in Eckernhausen von ihren Bewohnern schon eingenommen waren. Nur das Storchenpaar, das auf Dummeier's Hause seit länger als zwei Jahrhunderten gehaust, oder die Rechtsnachfolger desselben, hatten ihr altes Nest nicht mehr gefunden und sich nach Heustedt gewandt, um sich hier auf dem Marstalle ein neues Nest zu bauen. Wenigstens glaubte Anne Marie ihren Storch und ihre Störchin zu erkennen, und Hans bestätigte das und erklärte es für einen Fingerzeig Gottes, daß Anne Marie im Schlosse die Niederkunft erwarten solle.

Die Base war eine alte ledig gebliebene Dame aus dem Geschlechte der Meisenburg, die bisher bei rohen Neffen auf einem alten zerfallenen und verschuldeten Rittersitze in Oberhessen ein kümmerliches Dasein gefristet. Sie hatte ihren Beruf als Weib verfehlt, obgleich sie mehr als andere Bedürfniß und Verlangen gefühlt hatte, ihn zu erfüllen. Sie hatte in ihrer Jugend die Welt, d. h. Paris und Versailles gesehen, als sie ihren Vater auf einer Mission nach Frankreich begleitete. Diese Mission hatte aber den Ruin des Vaters und seinen frühen Tod herbeigezogen. Die Lehngüter fielen an einen jüngern verheirateten Bruder des Vaters, das Allod war überschuldet, und so blieb der Jungfrau nur eine dürftige Apanage auf der Meisenburg.

Sie hatte seit Jahren ein Leben ohne andern Inhalt als die Rückerinnerung an Paris und Versailles geführt und sich äußerlich damit beschäftigt, Flickendecken zu nähen und zur Erholung in französischen, zum Theil höchst leichtfertigen Romanen zu lesen, von welchen der Vater selig eine zahlreichere Sammlung hinterlassen hatte als von werthvollern Dingen.

Die Gräfin hatte ihr ein gutes Gehalt und eine lebenslängliche Pension zugesichert und ihr ansehnliches Reisegeld geschickt. Letzteres hatte Tante Hulda, wie die Kinder sie nannten, zum Theil dazu verwendet, einem längstersehnten Ideal Wirklichkeit zu schaffen, wenigstens den Stoff zu künftiger Verwirklichung. Sie hatte sich bisher begnügen müssen, ihre Flickendecken aus Kattunresten zusammenzunähen. Eine seidene Steppdecke war seit Jahren ihr Lieblingstraum, das Ideal, nach welchem sie strebte. Bei der Durchreise durch Kassel hatte sie zwei Tage daran gewendet, bei sämmtlichen Schnittwaarenhändlern seidene Zeugreste aufzukaufen, ja sie hatte Schneiderinnen bis in den vierten Stock aufgesucht, um auch da ihrer Sehnsucht Befriedigung zu verschaffen. Auch während eines mehrtägigen Aufenthalts in Hannover benutzte sie jeden Morgen, während die Excellenz noch schlief, um in den Läden der Stadt nach seidenen Flicken herumzuwandern.

Als die Kammerfrau der Gnädigsten zufällig von dieser Marotte erfuhr, fand sich in den Vorräthen Melusinens noch von England her eine so reiche Beihülfe kostbarer seidener Stoffe, daß Tante Hulda ganz überglücklich nach Heustedt abfuhr, sie hatte jetzt Arbeit für mehrere Jahre.

In Heustedt angekommen, nur mit den nothwendigsten, zum Theil altmodischsten Kleidungsstücken, einem Koffer voll französischer Romane, zwei Säcken voll Seidenresten, wußte sie, an den Mangel des Nothwendigen gewöhnt, sich nicht in den Ueberfluß des Nothwendigen und Nichtnothwendigen zu finden. Sie hatte an eine Kinderstube gedacht, in der sie seidene Steppdecken nähen und Romane lesen könne, nun wußte sie mit drei Zimmern, die ihr zum eigenen Gebrauche angewiesen waren, nichts zu beginnen. Ihr, die sich seit Jahren immer selbst bedient, war eine eigene Magd zur Bedienung gegeben, und auch außerdem hatte sie zahlreichen Dienern zu befehlen. Eins schmerzte sie zwar tief, die Gräfin hatte es zur unumstößlichen Bedingung gemacht, daß sie keinerlei Umgang mit den Bewohnern von Heustedt pflege, keine Einladung zu Kaffee oder Thee, komme sie von wem sie wolle, annehme, keine Visiten mache, auch keine Visiten annehme.

Gegen die Kinder war sie liebevoll, aber unbehülflich und ungeschickt, Anna wußte nach dem ersten Tage ihren Willen ihr gegenüber geltend zu machen, und gegen die Comteß bezeugte sie grenzenlose Ehrerbietung.

Anne Marie erklärte, nur noch so lange bleiben zu wollen, bis die neue Pflegemutter der Kinder in deren Lebensweise und Bedürfnisse eingeweiht sei. Sie hatte kurz nach dem Feuer doch Reue darüber gefühlt, selbst die Veranlassung gewesen zu sein, daß Katharina auf dem Hofe bleibe, während sie doch die Lisette vom Schlosse schon als Großmagd gemiethet hatte. Sie schrieb deshalb dem Manne, er möge ein Opfer nicht scheuen, der Katharina Lohn und Kostgeld bis Michaelis geben und sie entlassen, damit es zwischen ihr und der Lisette keinen Streit gebe. Sie blieb aber ohne Antwort.

Anne Marie fing nun an, ihre Sachen zu packen und theilweise nach Eckernhausen vorauszusenden. Als die erste Sendung dort ankam, gab es eine Scene zwischen Hans und Katharina.

Diese war die fünfte Tochter eines Vollmeiers im benachbarten Dorfe, aber eines stark verschuldeten. Als der Vater sich von der Wirtschaft»abthat«, sich bei lebendigem Leibe für todt erklärte in Beziehung auf sein Vermögen und sich auf die Leibzucht setzte, war ermittelt worden, daß den Geschwistern des Anerben eigentlich gar kein Erbtheil, gar keine Abfindung zukomme, weil die Schulden des Vaters den Werth des sogenannten freien Allodialvermögens überstiegen. Die allergnädigste Gutsherrschaft hatte aber nichts dabei zu erinnern, daß der Anerbe sich freiwillig erbot, den Schwestern je hundert Thaler, ein Bett, eine Kuh und ein Ehrenkleid zum Brautmorgen auszusetzen. So kam es. daß Katharina, obgleich eine berühmte Bauerschönheit, von ihren Standesgenossen doch nicht zum Weibe erkoren wurde. Groß und kräftig, mit einer im Bauernstande seltenen Eigenschaft, einer Taille, welche eine vollendete Büste hervorhob, mit vollem, kräftigem Gesicht, üppigen Lippen, brünettem dichtem Haar, herrlichen Zähnen und feurigen dunkeln Augen, war sie die gesuchteste Tänzerin und hätte der Liebhaber viele haben können, aber ihr stolzer Sinn und ihr strenger Blick scheuchten jeden unebenbürtigen Knecht aus ihrer Nähe. Hatte sie doch selbst dem schönen Johann, dem Wachtmeister bei den Husaren, der ein Köthnersohn aus ihrem Dorfe war, bei der letzten Kirmes nur nach vielen Bemühungen einen Tanz gewährt und ihm die Bitte, vor ihr Fenster kommen zu dürfen, entschieden abgeschlagen. Ihr heißes Blut und ihr Stolz hatten manchen harten Kampf miteinander gekämpft, aber der Stolz hatte bisher noch immer gesiegt.

Seit einem Jahre diente sie jetzt als Großmagd bei Hans Dummeier und sah bald in ihm das Ideal eines Mannes, wie sie ihn sich wünschte. Die Würde, die Kälte und Gemessenheit, Energie und Ausdauer, mit der Hans alles that, imponirten ihr. Die Ordnung im Hause, die Ruhe und Stille, mit der alle Anordnungen gegeben und befolgt wurden, waren ihr etwas ganz Neues. Sie, die Herrschsüchte, hatte mit Vater und Bruder in beständigem Hader gelegen, sie hatte selten einen Befehl angehört, ohne zu widersprechen, und ihren Willen stets auf die eine oder die andere Weise durchzusetzen gewußt. Hans hatte sie noch nie zu widersprechen gewagt, sie hatte noch nie etwas besser wissen wollen als er. Katharina war nach kurzer Zeit »weg in Hans«, wie man in Eckernhausen sich auszudrücken pflegte, sie war über beide Ohren verliebt.

Nun heißt verliebt sein auf dem Lande, hieß verliebt sein in jener Zeit ziemlich überall etwas ganz anderes als sentimentales Schmachten, wie es seit Werther Mode geworden. Die Lebensanschauungen in Beziehung auf geschlechtliches Leben trugen in der Gegend, von der wir reden, ja überall im nördlichen Deutschland, noch immer einen gewissen heidnischen Charakter, das Christenthum hatte in die Naturursprünglichkeit kein geistiges Element getragen. Daß junge unverheiratete Leute, daß Knechte und Mägde geschlechtlichen Umgang pflegten, gehörte zum Leben, niemand sah darin das geringste Böse, und ein Mädchen, das außerehelich geboren hatte, bekam darum doch einen Mann, wenn sie nur Geld genug hatte, oder für das Kind gut gesorgt wurde.

War man verheirathet, so wurde auf eheliche Treue gehalten, weniger aus höhern sittlichen Motiven, als um die Reinheit der Familien zu bewahren. So war es wenigstens bei den eigentlichen Meierfamilien. Die Zeit, wo der Gutsherr, wenn auch nicht gesetzlich, das jus primae noctis ausübte, und factisch allmächtig war, indem es bei ihm stand, den Töchtern vor den Söhnen den Hof und damit einen Bräutigam zu geben, war kaum sechzig Jahre verschwunden. Erst seit 1720 bestand das Anerbenrecht, jenes Recht, wonach der Bauer nur Ein Kind als Erben hatte, den Anerben, jenes Recht, das den Söhnen vor den Töchtern, dem ältern vor dem jüngern und unter Töchtern der ältesten die Nachfolge im Hofe sicherte. Wir würden glauben, daß diese gutsherrliche Gerechtsame viel dazu beigetragen hätte, jenen laxern Sitten Eingang zu verschaffen, eingedenk der Worte Valentin's im »Faust«, wenn wir nicht in den freien bremischen Marschen, in den freien oldenburgischen und friesischen Marschen ganz die gleiche Erscheinung fänden. Das, was der Romantiker Schlegel in seiner »Lucinde«, was das Junge Deutschland in seiner ersten Epoche, Gutzkow namentlich in seiner »Wally« dem Christenthume und der modernen Gesittung gegenüber als ein Recht des Fleisches vindiciren, das besaßen und besitzen jene Stämme noch heute als ein heidnisches Naturrecht, gegen welches die Kirche (für doppelte Zahlung bei Kindtaufen u. s. w.) christliche Milde übt und die Augen zudrückt.

Der begüterte Bauer ist stolz auf sein Geschlecht und seinen durch Jahrhunderte auf ihn vererbten Hof, aber seine Sorgfalt hinsichtlich der Kinder erstreckt sich nur auf den Anerben oder die Anerbin. Die übrigen Kinder mögen zusehen, wo sie bleiben; ein Unterkommen gegen Arbeit, oder in kranken Tagen, auch ohne solche, muß ihnen die Wehre des Hofes gewähren. Der Anerbe oder die Anerbin darf nur standesgemäß heirathen. Bei dem Anerben sucht man dem Umgange mit gewöhnlichen weiblichen »Diensten« vorzubeugen, damit eine Liebschaft mit einer solchen nicht etwa störend einwirke, man sucht von früh an die Neigung auf die begüterte Tochter eines »Freundes«, d. i. eines Verwandten, zu lenken, oder gibt den Sohn auch wol als Knecht in das Haus eines Goldtöchtermannes, wo die Sache sich dann von selbst macht.

Die Erbtochter wird gleichfalls vor dem Umgange mit gewöhnlichen Knechten gehütet, man sucht einen Anerben für sie aus, und findet der sich in der Freundschaft nicht, einen zweiten oder dritten Sohn, der eine gute Abfindung erhält. Dieser wird als Knecht auf den Hof genommen, die Gelegenheit ist gegeben, und wenn nicht besondere persönliche Abneigung stattfindet, geht die Sache nach Wunsch. Mit den übrigen Kindern wird es so genau nicht genommen. Da in den niedersächsischen Bauerhäusern zunächst immer Bedacht auf das Wohlergehen des Viehes genommen wird, so bleibt für die Wohnung der Menschen nur wenig Raum, und es gehörte damals und gehört noch jetzt zu dem Gewöhnlichen, daß Haustöchter in den Kammern der Mägde schlafen, mit ihnen häufig in demselben Bette. Die Mägde werden aber des Nachts von den Knechten besucht; sollten durch den Hausvater Schwierigkeiten entgegengesetzt werden, so geschieht es erst recht. Wir dürfen uns Schönmalereien von idyllischer Unschuld nicht hingeben, wollen wir der Wahrheit nicht ins Gesicht schlagen.

Katharina hatte sich also in Hans verliebt und nichts unterlassen, wodurch sie ihn verstricken konnte. Sie hatte ihm alle kleinen Gewohnheiten und Bedürfnisse abgelauscht und suchte dieselben, wie nur eine liebende Frau es thun kann, zu befriedigen. Sie sah ihn oft zärtlich an und beklagte ihn, daß er in seinen besten Jahren als Witwer leben müsse, weil es seiner Frau im gräflichen Schlosse besser gefalle als in Eckernhausen. Aber der Bauer wurde barsch, so oft sie dieses Thema anschlug.

Je zurückhaltender Hans in seinem Wesen gegen sie wurde, je mehr dachte sie darüber nach, wie sie seine Liebe erwerben, seine Frau verdrängen, sich selbst an ihre Stelle setzen könne. Sie wußte nicht, daß diese Hoffnung hegte, ihren Hans mit einem Anerben zu beglücken. Sie hielt sich zu diesem Liebhaben berechtigt, entschuldigte dasselbe bei sich wenigstens damit, daß Anne Marie ihren Mann unmöglich liebe, wenigstens nicht so liebe, als dieser es verdiene, denn sonst könne sie ihn ja unmöglich schnöden Gewinnes halber sechs Jahre verlassen, seine Nächte einsam haben zubringen lassen. Sie haßte diese Anne Marie.

Als der Hofwirth ihr nun an einem Tage, da er seine Frau im Schlosse besucht hatte, ankündigte, sie habe Ostern den Dienst zu verlassen, da seine Frau zurückkomme, werde aber Lohn und Kostgeld bis Michaelis erhalten, kochte es in ihr. Sie hätte die Nebenbuhlerin vergiften können. Hätte es Hexen gegeben, die Liebestränke brauten, ihr Seelenheil wäre ihr für einen Trank feil gewesen, der Hans in Liebe zu ihr entflammt hätte.

Da Worte und Blicke nichts vermocht hatten, suchte sie jetzt auf die Sinne des Hausherrn einzuwirken. Wo sie Gelegenheit fand, und sie fand sich bei jeder Arbeit, welche sie in Gegenwart von Hans Dummeier und in Abwesenheit anderer vornahm, kokettirte sie bald mit den vollen runden Waden, bald mit Hals und Busen, mit der schlanken Taille und ihrem schönen Wuchse, welche den der rundlichen, durch das Wohlleben im Schlosse etwas fett gewordenen Anne Marie bei weitem übertraf. Hans Dummeier hatte schon längst gefühlt, daß die Magd ihm gefährlich würde, allein stete Arbeit und der ihn fortwährend beschäftigende Gedanke, wie er seine Güter mehre und bessere, ließen ihm keine Zeit, sich müßigen Phantasiegebilden hinzugeben. Jetzt erschien ihm aber ohne seinen Willen Katharina in verführerischer Gestalt im Traume.

Da kam die Ueberschwemmung und das Feuer. Es war ihm lieb, daß seine Frau selbst Veranlassung gab, Katharina im Dienst zu behalten. Er hätte sie ungern vermißt, nicht nur ihrer enormen Arbeitskraft wegen, sondern weil er sich an sie gewöhnt hatte, weil es ihn mit einem gewissen Wohlbehagen erfüllte, die stattliche Figur um sich zu haben, und weil er wohl merkte, daß Katharina ihn liebe. Welcher Mann bleibt gleichgültig, wenn er sich geliebt weiß von einem schönen Weibe?

Das Leibzuchthaus, das Hans bewohnte, enthielt außer dem Feuerraum, wo der Backofen und Herd stand, nur noch zwei Zimmer. In das Zimmer links, mit einer kleinen Butze, waren die eichenen, mit Holzschnitzereien verzierten Kisten, die sich seit mehr als einem Jahrhundert als Eingebrachtes der Frauen gesammelt, wohlgefüllt mit Leinen und Drell, Silber und Goldschmuck, gerettet worden, auch Betten und Hausgeräth war hier aufgestapelt. Rechts befand sich die von Hans bewohnte Stube. In der Nähe des riesigen eisernen Ofens waren zwei Schlafstätten übereinander, wie Schiffskojen in die Wand eingefügt, nur breiter und tiefer als solche. Man konnte sich hier recht wohl umdrehen, auch zur Noth selbander schlafen.

Hier nahmen jetzt Herr und Gesinde früh am Morgen gemeinsam die Mehl- oder Biersuppe ein. Kaffee war auf dem Lande noch sehr unbekannt, höchstens wurde das geheime Lieblingsgetränk einiger vorgeschrittenen Hofwirthinnen im engsten Kreise derselben genossen. Hier aßen Herr und Knecht, Frau und Magd mittags und abends aus einem Napfe. Brot und Butter nahm jeder nach Belieben. Hier schlief jetzt Hans und bewachte das Seine. Die Knechte schliefen in dem unverletzt gebliebenen Pferdestalle; die Klein- und Viehmägde waren bei dem Nachbar Niebour untergebracht, Katharina aber in die Scheune einquartiert; man hatte ihr über den unten eingestellten Kühen und Rindern einen Verschlag zurechtgemacht, zu dem sie auf einer Leiter steigen mußte, und der statt Fensters nur eine mit einer Klappe versehene Luke hatte, durch die sie kaum den Kopf herausstecken konnte. Aber sie that dies in den schlaflosen Nächten des Märzes oft, um nach dem Leibzuchthause hinüberzusehen, wo der Bauer schlief. Bei dieser Gelegenheit sah sie den Nachbarsknecht um den Speicher schleichen, als ob er nochmals wagen wollte, zu ihr hinaufzudringen. Sie hätte ihn die Leiter hinab und unter die Kühe geworfen, wenn er das gethan. Aber es kam ihr ein Gedanke. Sie erzählte am andern Tage dem Herrn, sie habe in der Nacht einen verdächtigen Mann um die Scheune schleichen sehen, sie wolle in nächster Nacht mit dem Herrn im Leibzuchthause wachen, um den Dieb, oder vielleicht gar Feueranleger zu fangen. Hans ging unbefangen darauf ein, Katharina setzte sich bei der Thranlampe auf den Feuerplatz, um zu spinnen, Hans legte sich angekleidet in seine Koje, um bei der Hand zu sein. Katharina lauschte von Zeit zu Zeit durch die Fenster der Stube links und weckte um elf Uhr den Herrn, weil der Verdächtige sich zeigte. Auch der Hofhund, der vor dem Leibzuchthause lag, schlug an, beruhigte sich aber bald wieder. Hans und Katharina schlichen auf den Hof und sahen den Knecht, der sich gegen Kälte und Unwetter stark vermummt hatte, um die Scheune schleichen; der Hofhund wurde in aller Stille losgelassen, als er aber bellend fortsprang, entsprang auch der Vermummte durch eine bei dem Feuer durch die Spritzen in den Zaun gebrochene, noch nicht reparirte Stelle, und war nicht mehr aufzufinden.

Katharina erklärte, daß sie in dieser Nacht in der Scheune zu bleiben sich fürchte, und bat den Herrn, ihr zu erlauben Feuer anzumachen und vor dem Herde, bis es zum Dreschen gehe, für sich zu spinnen und zu wachen. Hans hatte keinen Grund, dem zu wehren, war es doch auch möglich, daß der Dieb zurückkehrte. »Wecke mich, wenn du Unrath merkst«, sagte Hans und zog sich in seine Koje zurück. Geweckt muß denn Katharina den Herrn auch haben, aber Unrath gemerkt hat sie nicht, denn der Aufpasser hörte nach einer Stunde, vor der Schlafstube des Herrn lauschend, Katharina heiße laute Liebesworte – sprechen, dem Sinne nach, wenn auch nicht so zart ausgedrückt: »Ich bin deine Magd, mach' mit mir, was du willst, aber verstoß mich nicht, laß mich in deinen Armen ruhen«, und glaubte bald darauf auch Küsse zu vernehmen.

Katharina hatte Hans im Sturm erobert, von dieser Nacht an war sie nicht mehr Magd, sondern Herrin, das Schuldbewußtsein machte Hans zu ihrem Sklaven.

Als der Wagen mit den Betten und sonstigen Siebensachen Anne Mariens nach Eckernhausen kam, denn sie hatte auch im Schlosse darauf bestanden, im eigenen Bette zu schlafen, ermannte sich Hans zu dem männlichen Entschlusse, die Fesseln abzustreifen, welche Katharina ihm angelegt. Er rief sie von der Arbeit in die Dönze des Leibzuchthauses, hieß sie die Stube linker Hand ausräumen und zur Schlafstätte für seine Frau zurechtmachen.

Dann legte er einen Beutel mit verschiedenen Goldstücken auf den Tisch, zählte daneben den Lohn Katharinens in blanken Kassengulden und rief sie in die Dönze.

»Katharina, ich wiederhole dir, es ist die höchste Zeit, daß du gehst; ich werde dich nie verlassen, hier dein Lohn, hier zum Unterhalte für dich und das Kind auf vorläufig zwei Jahre. Geh, ich bitte dich, noch heute, geh im Guten, geh möglich weit von hier oder in eine große Stadt, nach Hannover, nach Bremen, um unsern Fehltritt vor den Augen der Welt, vor den Augen Anne Mariens zu verbergen.«

Sie stieß das Geld heftig zurück: »Ich gehe nicht, ich bleibe. Ist das Kind, das ich unter dem Herzen trage, nicht so gut dein Kind wie das, was Anne Marie gebären will? Ich werde dem Pastor den Vater des Kindes nicht nennen, aber ich werde mich nicht verbergen, nicht fliehen. Ist es das erste Jungfernkind, das in Eckernhausen geboren wird? – Wenn ich flöhe, würden die Leute erst recht sagen, daß das Kind dir gehöre. Ich kann dich nicht lassen, ich muß dich in meiner Nähe wissen, muß dich sehen, küssen, umarmen können. Ich habe dich lieber wie deine Anne Marie, die dich sechs Jahre verlassen hat, um in der Stadt, bei dem adelichen Volke, wohlzuleben, die dein und ihr Kind so wenig liebt, daß sie es auf dem Schlosse unter Fremden läßt, wo es zum Affen herangezogen wird. Ich kann dich nicht lassen und lasse dich nicht.«

Man stritt noch lange hin und her, aber Katharina blieb Siegerin; sie hatte wenigstens das letzte Wort und sie rührte das Geld nicht an. Hans aber kämpfte einen harten Kampf mit seinen Sinnen an diesem Abend und in dieser Nacht. Die verliebte Magd fand das Leibzuchthaus verschlossen und keine Bitten, kein Flehen bewogen Hans, es zu öffnen. Hans wußte sich unschuldiger, als es den Schein hatte. Er war überrumpelt, verführt, bestrickt worden. Katharina war schöner als seine Anne Marie, sie war bei weitem lebhafter, alle ihre Reize schwebten ihm vor, aber er beschloß, dem von Katharina so ohne Scheu ausgesprochenen Plane, das sündige Leben nach Anne Mariens Rückkunft fortzusetzen, ein Kebsweib neben der rechtmäßigen Frau zu haben, ein Ende zu machen. Er wollte Frieden im Hause und war entschlossen, seiner Frau das Vergehen offen zu bekennen und um Verzeihung zu bitten. Katharina sollte im Hofe noch gebären und das Kind stillen, dann aber den Hof verlassen, er wollte das Kind neben dem seinigen aufziehen.

Das waren die Vorsätze der Nacht. Der Deichgeschworene stand früh auf. Nachdem er die Kohlen aus der Feuerstelle von Asche bloßgelegt, neuen Torf angelegt, die Suppe an den Haken über das Feuer gehängt hatte, weckte er die Knechte und Katharina und ging mit diesen nach genommenem Morgenimbisse zum Dreschen. Er drosch jeden Morgen vier Stunden mit seinen Leuten. In der Frühstückspause hieß er Katharina, ihm in die Dönze folgen.

Hier erklärte er ihr, daß er das Sündige seines Treibens erkannt habe, und daß er ferner jede Gelegenheit vermeiden werde, sie allein zu sehen. Sie könne bis Michaelis oder bis nach der Geburt des Kindes bleiben; dieses werde er zu sich nehmen und gleich den seinigen erziehen, ihr selbst wolle er das Dreifache als Aussteuer geben von dem, was sie als Abfindung vom eigenen Hofe erhalte. Besser sei es indeß, sie gehe jetzt, sie werde ihm und sich selbst ärgerliche Scenen ersparen, die bei der Rückkehr seiner Frau unvermeidlich seien.

Katharina erklärte mit einer gewissen Frechheit, die Hans auf das äußerste misfiel, daß sie nicht gehen werde.

»Gut, so bleibe«, sagte Hans, »aber wisse, daß Anne Marie nicht eine Stunde im Hause sein wird, ohne zu wissen, was zwischen uns vorgegangen. Wisse, daß ich verlange, daß du sie als Hausfrau und Herrin respectirst, und daß ich dich fortjagen und durch die Knechte vom Hofe bringen lassen werde, wenn du ihr nicht gehorsamst.«

Ein tiefer Ernst hatte sich über seine Züge verbreitet.

»Dazu hast du den Muth nicht«, sagte Katharina und ging wieder zum Dreschen.

Sie hatte steh vorgenommen, den Kampf mit der Frau aufzunehmen, sie wollte dieselbe ahnen lassen, wie es stehe, wenn nicht geschwätzige Zungen das thäten. Dann wollte sie ihr das Leben auf dem Hofe so schwer machen, daß sie womöglich den Hof wieder verlassen und auf das Schloß zurückkehren solle. Sie glaubte mit ihren jüngern frischern Reizen über die Nebenbuhlerin zu siegen, hoffte, diese aus Eifersucht zu einem unbedachtsamen Schritte zu reizen, vielleicht klagte sie selbst auf Scheidung, wenn sie die Untreue ihres Mannes erfuhr.

Katharina konnte ein gewagtes Spiel spielen, sie hatte nichts mehr zu verlieren, sie konnte nur gewinnen.

Anne Marie packte indeß im Schlosse ihre Habseligkeiten zusammen, sie hatten sich vermehrt, denn die Gräfin hatte sie oft und reichlich beschenkt, namentlich mit städtischen Kleidern, die Anne Marie nie anzog.

Sie war seit mehrern Tagen von einem Uebel geplagt, das sie früher niemals gekannt, von Kopfweh. Sie that alles mit einer ungewöhnlichen Hast und Unruhe. Bald lief sie zu den Kindern, dieselben zu umarmen und zu küssen, bald in den Park, um von diesem und jenem Lieblingsplatze Abschied zu nehmen, bald in den Stall, um die Schwarzbraune, welche seit Jahren der Comtesse und ihrer Anna Milch gegeben, auf den Hals zu klopfen, bald nahm sie wieder allerlei Sachen und Kleider aus dem Koffer, um sie zu verschenken, dann lief sie zu Schulzens, um zum zweiten und dritten mal Abschied zu nehmen..

So war ein Theil des Morgens verstrichen, jetzt hatte Johann die Rappen vor den Korbwagen gespannt, Kisten und Kasten waren hinaufgehoben. Das Schloßpersonal stand vor dem Portal zusammen, um Abschied zu nehmen. Comteß Olga schwamm in Thränen und verlangte, die Mutter Anna's zu begleiten. Tante Hulda wagte nichts abzuschlagen, so mußte denn Lisette mit dem Korbwagen und den Sachen vorauffahren, und die Jagdkalesche wurde angespannt, welche Tante Hulda, Anna und die Kinder aufnahm. Als der Wagen am Heerwege an der Stelle ankam, wo der Weg nach Eckernhausen durch den Eichenwald abging, bat Anna, zu halten, stieg aus und nahm unter Thränen von ihrem Kinde oder vielmehr ihren Kindern, denn sie liebte beide mit gleicher Zärtlichkeit, Abschied, um einen nähern Fußweg einzuschlagen.

Es war ihr noch immer schwer ums Herz, sie kehrte nicht freudig zur Heimat zurück, sie dachte darüber nach, ob Hans wol nicht recht gehabt habe, wenn er wünschte, sie solle ihre Niederkunft im Schlosse abwarten. Im Sünder (abgesondertes, eigenes Holz) waren einzelne schöne Eichen gefällt, um zu Grundholz behauen zu werden, aus den dicksten wurden Bohlen gesägt. Auf dem Hofplatze waren schon die Keller ausgegraben und die Gewölbe wurden aufgemauert, Steine waren und wurden angefahren, Hans stand hier und ertheilte Befehle und sah nicht, wie Anne Marie hinter ihm dem Leibzuchthause zueilte.

Hier hatte sich ein lauter Streit erhoben zwischen Katharina und der vom Korbwagen steigenden neuen Magd Lisette. Erstere schien der letztern den Eintritt in das Haus verwehren, wenigstens verbittern zu wollen, denn sie ließ allerlei spitze Redensarten von Schloßdamen und Schloßfräuleins fallen, die in ein Dorf nicht paßten und die nur wieder ins Schloß zurückgehen möchten.

Anne Marie hörte genug, um zu fühlen, daß hier Prätensionen laut wurden, die nur scheinbar gegen Lisette, in der That aber gegen sie selbst gerichtet waren. Sie eilte zum Wagen, bei dem Johann verwundert stand, und herrschte Katharina zu: »Was soll das Raisonniren? Was hat Sie hier zusagen? Gehe Sie nach Riethusen, wo Sie hingehört, von Stund' an ist Lisette Großmagd und Sie entlassen.«

»Ho ho!« lachte Katharina höhnisch, »Ew. Gnaden irren wol, noch ist Hans Dummeier hier Wirth, und der hat mir bis Michaelistag Miethgeld gegeben. Großmagd bin ich und bleibe ich, mag die da die Ziegen melken.«

Ziegen gab es auf einem Vollmeierhofe natürlich nicht, Ziegen wurden in der Gegend überall nur von kleinen Leuten ohne allen Grundbesitz, die das Grünfutter von Wegen u. s. w. zusammenholten, gehalten, jeder Anbauer hatte ein oder zwei Kühe, – Ziegen melken bedeutete daher niedere, gemeine Arbeit thun, und einen Proletarier nannte man Ziegenmelker. Der Ton, in welchem Katharina sprach, war äußerst impertinent, ihr Blick herausfordernd auf Anne Marie gerichtet. Diese fühlte sich besonders durch das »Ew. Gnaden« tief verletzt und es kam nun zum Zanke, wie das ganze Gespräch in plattdeutscher Sprache geführt, der an homerische Einfachheit und Naivetät erinnerte, aber doch zu unschön war, um hier ausführlich geschildert zu werden.

Anne Marie fühlte während dieses Auftritts instinctmäßig, was hier vorgegangen war, sie wußte jetzt, woher die Angst der letzten Wochen kam, sie hatte schon im Sinne, Johann zuzurufen, daß er den Wagen umkehre, und wollte zum Schlosse zurückfahren, als Hans, der den Streit von fern gehört hatte, hinzutrat.

Er ergriff Katharina, die mit in die Seite gestemmten Armen noch immer in der Thür des Leibzuchthauses stand, bei den Armen und schleuderte sie mit Gewalt zur Seite, sodaß sie bald zur Erde gefallen wäre, er umarmte seine Anne Marie und führte sie in die Dönze.

Ehe er aber nur ein Wort zur weitern Aufklärung sprechen, das reuige Geständniß, das ihm auf der Zunge lag, von sich geben konnte, brach Anne Marie in einen Weinkrampf aus, und stellten sich infolge dessen Wehen bei ihr ein. Alles rann nun durcheinander. Johann jagte nach Heustedt, um den Leibmedicus zu holen, Lisette wurde nach der Hebamme geschickt, Hans selbst schaffte Anne Marie in die Stube zur Linken auf das für sie bereitete Bett. Katharina bekam den Befehl, sofort den Hof zu verlassen. Der Befehl war in einem Tone von Hans selbst ausgegangen, der sie zittern machte; Hans, jähzornig, hörte auf ein Mensch zu sein. Katharina ging.

Hülfe kam, ohne helfen zu können. Anna gebar eine Tochter, blieb aber bewußtlos im fieberhaften Zustande. Der Leibmedicus nahm aus der großen hörnernen Freundschaftsdose eine Prise über die andere und schien keinen Rath zu wissen. Johann half auf die Spur, indem er erzählte, daß Anne Marie schon seit mehrern Tagen über heftiges Kopfweh geklagt hätte.

»Ein Nervenfieber im Anzuge«, sagte er endlich, und so war es. Anna erstand nicht wieder, kam nicht wieder zum Bewußtsein, in heftigen Fieberphantasien sprach sie unverständliche Dinge. Das Kind, abermals ein Mädchen, blieb am Leben, man fand eine tüchtige Amme für dasselbe.

Die verheiratheten Schwestern Dummeier's kamen, die Brüder und Schwestern Anne Mariens kamen, um Hans zu trösten, dieser aber war jedem Troste unzugänglich; hielt er selbst sich doch für den Mörder seiner Frau.

Das Begräbniß war ein stattliches. Von Heustedt kamen sämmtliche Schloßbeamte, selbst Tante Hulda mit den Kindern, welche die Bedeutung des Todes nur halb begriffen.

Der Prediger hielt eine lange Leichen- und Lobrede auf Anna und Hans, die diesem die Röthe der Scham in die Wangen trieb. Neben der Comtesse und der Tochter folgten hinter Hans – Karl Haus, dem Anne Marie immer eine Beschützerin und Freundin gewesen, und die beiden Knaben des neuen gräflichen Schlagtmeisters, die der Verstorbenen ja die Erfüllung des sehnlichsten Wunsches verdankten.

Hans war wie geistesabwesend. Als man den Sarg ins Grab senkte, hob er die kleine Anna in die Höhe, um ihr den Sarg, der die Mutter umschloß, zum letzten mal zu zeigen. Anna wendete schaudernd den Kopf vom Grabe, umklammerte den Hals des Vaters und schmiegte sich weinend an ihn. Und auch Hans weinte die ersten erleichternden Thränen.

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